Renate Solbach: Paradiesstoff

Auf dem Planeten herrscht Krieg und du kannst sagen, du seist nicht dabei gewesen. Dieses Nebeneinander von maßloser Sicherheit und Tod, Leid und grimmiger Aggression ist etwas Ungeheures, es ist nicht wirklich, es trennt die Wirklichkeiten, aber es stellt sich in ihnen nicht dar. Im Yagir sagt man dazu: »Es kann doch nicht angehen, dass...« Natürlich kann es angehen, es geht doch, es geht gerade auf und davon. Auch im Yagir wissen das alle, deshalb sagen sie es ohne Erstaunen, mit diesem harten Blick und einem Stück Kreide zwischen den Zähnen. Zugleich wollen sie etwas tun und Tuwasser-Fahrten, kleinere Strudel inbegriffen, stehen als Freizeitvergnügen hoch im Kurs. Dass sie, unten angekommen, in Bussen wieder an den Anfang des wilden Unternehmens zurückgebracht werden, verwundert sie nicht und weckt wenig Ärger. »Was soll’s, wir werden ja doch verarscht«, heißt es dann und manch einer sammelt Anstecknadeln, um die Gefahren zu bekunden, denen er sich ausgesetzt hat. Im Ganzen der gefährdeten Welt verlieren sie sich, als habe der sprichwörtliche Heuhaufen sie verschluckt, aber im Yagir nimmt man sie ernst. Und nicht nur dort, solche Nadeln sind beliebt, die kleine Gefahr, gefahrlos bestanden, gilt viel an Orten, wo die Gefahr groß ist.

 

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