Renate Solbach: Abgehängt

Als abgehängt gilt im Yagir, wer das Rennen aufgegeben hat, teils, weil ihm die Beine schmerzen, teils, weil er begriffen hat, dass die besseren Renner bereits am Ziel sind. »Rennt, wohin ihr wollt«, murmelt er zwischen den Zähnen. »Ich wüsste nicht, warum ich rennen sollte, bloß um euch hinterherzukommen. Meinethalben könntet ihr das Rennen auch lassen, ihr wollt nicht, dass ich euch gleiche und ich will es auch nicht. Das wäre doch eine Basis, oder? Rennt nicht vor mir davon, ich tue euch kein Leid an, ihr könnt ganz beruhigt sein. Ja sicher, beruhigt euch, das bekommt euch und eurem Nachwuchs. Ihr habt gar keinen? Warum rennt ihr dann so? Könnt ihr nicht anders? Das hat doch alles keinen Sinn.« – »Abgehängt«, sagen die anderen, »wir haben ihn abgehängt und niemand ist da, der ihn wieder zu uns aufschließen lässt. Wir haben es also geschafft. Wir haben geschafft, wovon unsere Vorderen träumten: Wir rennen, weil wir vorn liegen, wir rennen ohne Ziel, denn wir sind das Ziel, wir rennen, weil uns das Rennen leicht fällt und wir der Erschöpfung anheimfielen, sobald wir uns nicht mehr bewegten. Mit einem Wort, wir sind das Rennen. Aber genausogut sind wir die Wetten, die auf die Rennenden abgeschlossen werden, das Preisgeld, das den Sieger erwartet, die Wettprämie und der Verlust. Wir sind, was niemand sein will, der es nicht ist, und das – ist das Schönste. Wir sind uns selbst genug. Dazu aber brauchen wir euch.«

 

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