Renate Solbach: Grenzwissen

Der Yagir ist nicht die Welt, aber er kommt in ihr vor. Grenzen hingegen sind Spannungsränder, wer sein Ohr auf sie legt, der hört es säuseln und zischeln oder beides zugleich. Der Yagir besitzt verschiedenerlei Grenzen. Nach Norden zu verschwindet er im Meer, gen Süden verliert er sich im Gebirge. Denksportler nennen das ›natürliche Grenzen‹, wobei unklar bleibt, wer da wem Grenzen setzt. Sobald zum Beispiel der Ruf »Land unter!« ertönt, sind alle auf ihren Posten. Anders verhält es sich im Gebirge – da jeder Yagirit höher hinauswill als seine Vorgänger, gibt das Eis klein bei und unterstellt sich staatlicher Lenkung. Der Yagir ist ein Land des Nordens, nach Westen kauert er sich nieder und macht ein freundliches Gesicht wie die Katze, die den Mäusen das Tanzen beibringt und aufpasst, dass nichts passiert. »Über den Tellerrand! Nicht über den Tellerrand!« piepsen die Mäuse. Sie wollen gelobt werden, denn der Tanz strengt sie an. Im Osten wird der Yagir grenzenlos, nur die Weite ist verschwunden und bringt sich durch Mahnwachen in Erinnerung. Im Yagir sagt man nicht ›unsere Ostgrenze‹, sondern ›die Westgrenze unseres östlichen Nachbarn‹, nebst einigen hastig geflüsterten Worten der Ehrerbietung und des gegenseitigen Vertrauens. Eingeweihte versichern, der Yagir erhebe sich dort in die Vertikale und seine Grenze verlaufe oberhalb der Ionosphäre, wo man sie später zu erforschen gedenke. Merkwürdig bleibt es dennoch, mit ein und demselben Nachbarn zweierlei Grenze zu teilen. Doch solange beide Seiten gut damit auskommen, herrscht Ruhe im erdnahen Raum. Man schaut aufs Land der anderen, als sei es vertrauter als alle sonstigen und man müsse sich deshalb nicht weiter kundig machen. Nie wieder Grenze! Nicht anders hält es der Nachbar. Beide Seiten wissen, was sie aneinander haben und schütten sich über den anderen aus, sobald ein Dritter das Nachsehen bekommt.

 

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