Renate Solbach: Fernstenweh

Der Yagir ist, was er ist, auf zweierlei Weise: kraft Negation und kraft Position. Die rauen Winde des Landes flüstern ihm zu: »Sei negativ! In der Negation liegen Weite, Richtung, Zukunft, das Offene und der Rausch des Fernseins – dorthin, oh mein Geliebter! Stoße ab! Stoße dich ab! Sei, der du niemals warst! Die Negation macht dich stark, selbstbewusst, überschwänglich. Sie verlangt, dass du nüchtern bleibst. Überlass die Räusche deiner Vergangenheit, du hattest genug davon und mehr als genug, wahrlich, es waren finstere Zeiten. Geselle dich nicht zu den Toren, die von der Vergangenheit nur die guten Seiten behalten wollen. Mit den schlechten reißen sie auch die guten Seiten aus ihren Büchern. Keine Vergangenheit gleicht der deinen: Erlaube nicht, dass sie als niemandes Vergangenheit durch die Gegenwart wabert. Schließe das Tor, aber behalte die Kunde.« Der Yagir vertraut der Kraft der Negation, doch er kommt nicht umhin, sie zur Position zu erklären, und beredet alle Welt: »Sehr her, das bin ich, so bin ich, so bin ich geworden kraft meines Willens, kraft meiner Anstrengung, die nicht ihresgleichen finden, so wie meine Vergangenheit nicht meinesgleichen findet.« Er spielt diese Rolle gut, man nimmt sie ihm ab, obwohl... Etwas von der alten Skepsis blieb zurück und schlägt Sorgenfalten: Kann man ihm vertrauen? Vertraut er sich selbst? Wem vertraut er, wenn er sich selbst vertraut? Seinem Geschick? Aber das hat ihn in die Negation geführt. Der Negation? Wo führt sie ihn hin? Warum negiert er sich, wenn er der sein will, der er ist? Wie weit geht diese Verneinung? Weiß er überhaupt, wer er ist? Damit wird ein wunder Punkt berührt und der Yagir mimt den Gekränkten: »Vertraut mir! Wem, wenn nicht mir, der durch alle Tiefen geschritten ist? Ihr wollt wissen, wer ich bin? Gut denn, ich will es verraten: Ich bin der, von dem ihr immer geträumt habt. Ich bin gekommen, um euch das zu sagen und dann in den Weiten des Alls zu verschwinden. Legt mich nicht fest auf das, was ich bin. Nur weil ich wurde, wie ich bin, bin ich nicht besser als nichts. Vielleicht bin ich nichts, das will ich ausloten. Nichts soll an mir sein, das nicht auch euch gut zu Gesicht stünde. Vielleicht bin ich ihr? Ganz sicher bin ich ihr, ihr wisst nur noch nichts davon. Seid wie ich, um ganz ihr zu sein, dann gehe ich in Ruhe davon. Was, ihr schafft es nicht? Dann seht zu, wie ihr davon kommt. Mich jedenfalls habt ihr am Hals, ihr könnt euch anstellen, wie ihr wollt.«

 

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