Renate Solbach: Zeichen

Bis in den Februar hinein wurde die öffentliche Diskussion in Deutschland vom Klimathema, vom Ausrufen der Klimakrise beherrscht. Dann kam Covid-19, oder populärer: Corona. Die Infektion wurde als Pandemie erkannt – und das öffentliche und wirtschaftliche Leben nicht nur in Deutschland weitgehend auf Null gestellt. Geld fließt in Strömen, und die Medien kannten zunächst nur noch dieses eine Thema. Die Klimaphysiker verschwanden aus dem öffentlichen Scheinwerferlicht und eine andere Sorte von Wissenschaftlern traten auf die Bühne, Virologen oder generell Mediziner.

Und wieder geschah, was wir schon bei der Klimafrage erlebten: ›Hört auf die Wissenschaft‹ hieß es, und Frau Merkel nutzte wieder das Wort der Alternativlosigkeit (oder eine neue Wortschöpfung, die Diskussionsorgie) – also das Aussetzen der öffentlichen Diskussion. (Der guten Ordnung halber muss ich zumindest Christian Drosten ausnehmen, der nicht müde wird zu betonen, dass sein Fach zwar die (düstere) medizinische Seite des Problems deuten und Optionen zum Umgang in medizinischer Hinsicht bewerten könne, dass aber Entscheidungen Teil des politischen Willensbildungsprozesses seien und bleiben müssten.)

Bis vor Kurzem belehrten die Verkünder der Klimakrise, der Klimawandel sei das größte Problem der Menschheit. Inzwischen ist die Corona-Krise laut UN-Generalsekretär das ›größte Problem‹ seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Existenz der Menschheit sei bedroht – sowohl durch die Krankheit als auch durch die Gefährdung der Wirtschaft durch erforderliche Gegenmaßnahmen. Die nächste UNO-Klimakonferenz wird um ein Jahr verschoben.

Aber das konnte für die Klimaaktivisten nicht so bleiben – die Pandemie als kurzfristiges Problem darf das wirklich wichtige Problem nicht verdrängen – die Klimakatastrophe –, sondern muss vielmehr als Moment des Innehaltens und der Neuorientierung zur Lösung des Klimaproblems genutzt werden. Oder wie ein bekannter Klimaphysiker vermerkte. ›Wer achtlos das Virus weitergibt, gefährdet das Leben seiner Großeltern. Wer achtlos CO2 freisetzt, das Leben seiner Enkel.‹ Ein großes Wort, an dem was dran ist. Die jetzige Lage demonstriert, wie unklug es ist, alle Aufmerksamkeit und Ressourcen auf die eine vorgeblich größte Krise zu fokussieren. Was uns die Geschichte lehrt, ist: es wird Entwicklungen geben, die uns überraschen werden. Dass neuartige und bösartige Viren dazu gehören, ist sicher.

Nun aber nach dem Zurücktreten des Klimathemas auf den zweiten Platz bieten sich zwei argumentative Zugänge an, die Aufmerksamkeit für das Klimathema zu retten – entweder, indem man erklärt, Corona und Klima seien zwei Seiten derselben Münze, nämlich das Verbrechen der Menschheit an der Schöpfung oder an der Welt, und zielsicher durch die Überwindung des Kapitalismus zu erreichen. Oder, dass man die Maßnahmen zur Corona-Eindämmung als erste Schritte zur Klimarettung deutet.

These eins:

Die erste These, Corona und Klima als zwei Seiten derselben Münze, ist grundsätzlich zutreffend. Ohne unsere globalisierte Zivilisation wäre aus den ersten Corona-Fällen keine Pandemie erwachsen, und würde die menschliche Nutzung der Natur wenige Spuren hinterlassen. Allerdings hat diese Zivilisation eine Reihe von Vorteilen, z.B. längere Lebenszeit, umfassende Information und gesicherte materielle Lebensgrundlagen (für die meisten). Und selbst in der nur wenig globalisierten Welt des Mittelalters wanderten die Pandemien mit dem Handel um die Welt. Auch Klimawandel wurde damals dann und wann gesichtet, wurde aber mangels einer belastbaren Wissenschaft von anderen Autoritäten als menschengemacht gedeutet, wenngleich nicht durch Freisetzung von Substanzen, sondern durch Sündigen. Ich denke, wir können die Überlegungen einer umfassenden Weltverbesserung zunächst in ihrem historischem Kontext – dem der großen sozialen Experimente des zwanzigsten Jahrhunderts – verweisen und dort belassen.

Die Corona-Krise und der Klimawandel sind zwei sehr verschiedene Herausforderungen, die beide unserer Aufmerksamkeit bedürfen. Mit beiden müssen wir umgehen; Wissenschaft erklärt uns die Mechanismen, und bewertet Optionen des Umgangs mit der Situation – sie kann aber nicht entscheiden, welche Optionen ausgewählt werden. Das kann nur Politik bzw. die politische Willensbildung, zu der wir alle beitragen. Um das Potential der Optionen ausnutzen zu können, bedarf es einer starken und belastbaren Wirtschaft. Denn dass wir im Westen geeignete Kliniken haben, liegt daran, dass wir uns Vorsorge leisten können. Wirtschaft ist nicht ein Mechanismus, der nur Wenige steinreich macht, sondern unser aller Wohlfahrt mehrt und uns besser auf die Gefahren des Lebens vorbereitet.

These zwei:

Die zweite These, dass nämlich die Gegenwehr gegen die Pandemie erste erfolgversprechende Schritte zu einer wirklich wirksamen Klimapolitik darstelle, erreichte mich erstmals in Form einer journalistischen Anfrage: ›These: Keine internationale Konferenz hätte es binnen so kurzer Zeit hinbekommen, beispielsweise die Fluggesellschaften zu bewegen, 50 Prozent ihrer Flüge zu streichen, was ganz sicher zu nennenswerten CO2-Einsparungen führen dürfte. Beim Erdöl ist die sinkende Nachfrage evident, bleiben die Menschen zuhause, dürfte auch insgesamt gesehen deutlich weniger Unheil angerichtet werden.‹ Dass es in der Tat keiner internationalen Konferenz gelungen wäre, den Flugverkehr einzuschränken oder die Erdöl-Nutzung herunterzufahren, ist sicher richtig. Bemerkenswert an der Nachfrage ist die Vermutung von ›deutlich weniger Unheil‹, wobei man ja annehmen sollte, dass auch deutlich weniger ›Heil‹ angerichtet würde. Hier wird die implizite Annahme gemacht, dass die Corona-Maßnahmen sozusagen ›kostenfrei‹ seien (wobei man über die Metrik, mit der man die ›Schäden‹ misst, diskutieren sollte).

Man kann auch überschlägig abschätzen, wie viel es gekostet hätte, die Emissionen der ausgefallenen Flüge durch Ausgleichsmaßnahmen zu neutralisieren – wenn man diese Kosten der ausgefallenen Wertschöpfung gegenüberstellt, dann wird deutlich, dass die Ausgleichsmaßnahmen deutlich günstiger ausgefallen wären. Den Beitrag der corona-bedingten Emissionsminderungen zum Erreichen des Paris Ziels, der Begrenzung des Klimawandels auf 1.5 bis 2 Grad, fasst Carbon Brief in seiner Einschätzung (Analysis: Coronavirus set to cause largest ever annual fall in CO2 emissions – https://www.carbonbrief.org/analysis-coronavirus-set-to-cause-largest-ever-annual-fall-in-co2-emissions) so zusammen:

›This ... estimate is equivalent to around 5.5% of the global total in 2019. As a result, the coronavirus crisis could trigger the largest ever annual fall in CO2 emissions in 2020, more than during any previous economic crisis or period of war. Even this would not come close to bringing the 1.5C global temperature limit within reach. Global emissions would need to fall by some 7.6% every year this decade – nearly 2,800MtCO2 in 2020 – in order to limit warming to less than 1.5C above pre-industrial temperatures. To put it another way, atmospheric carbon levels are expected to increase again this year, even if CO2 emissions cuts are greater still. Rising CO2 concentrations – and related global warming – will only stabilise once annual emissions reach net-zero.‹

Drastischer drückt sich ein Vertreter des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung aus in der BILD-Zeitung vom 25. April 2020: ›Der CO2-Ausstoß der Welt geht runter, aber das ist total egal, es hilft langfristig nicht dem Klima.‹ Dies ist vielleicht eine etwas verkürzt widergegebene Einschätzung – aber kurzfristig werden die klimarelevanten Emissionen zwar gemindert, die erforderliche Initiierung einer langfristig wirkenden stetig steigenden Minderung dieser Emissionen wird so nicht erreicht.

Die derzeit verfügten Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie führen dazu, dass die jährliche Emission von Treibhausgasen, der Hauptfaktor hinter dem menschengemachten Klimawandel, vermindert wird. Die Menge der nicht freigesetzten Treibhausgase wird erheblich sein, ist aber bis dato (mir) nicht bekannt. Wenn wir von einer Minderung des GDP von höchstens 10 Prozent ausgehen, und annehmen, dass sich dies widerspiegeln wird in einer Minderung der CO2-Emissionen von höchstens 10 Prozen, dann wären das sehr großzügig geschätzt höchstens ca. 4 GtCO2 in diesem Jahr.

Es kommt aber beim Treibhauseffekt auf die Summe aller Emissionen über Zeit und den Globus an. Da anzunehmen ist, dass sich die Wirtschaft (und damit der Verkehr) ›erholen‹ wird im Laufe des Jahres, wird Corona (im Sinne des Budgetansatzes) für den Klimawandel einen Aufschub um 1-2 Monate (10 Prozent der Länge eines Jahres) bedeuten. Dies liegt daran, dass der Shutdown gesellschaftlich nicht nachhaltig sein kann. Bisher wird nicht-klimaneutrales Wirtschaften einfach nur zeitweilig unterbrochen und nicht etwa in nennenswerten Maßen durch klimaneutrale Technologie ersetzt. Tatsächlich ist es plausibel, dass zukünftig die Entwicklung klimaneutraler Technologie verlangsamt wird, weil erstens andere Herausforderungen derzeit als prioritär angesehen werden und zweitens die finanziellen Mittel für die F&E-Arbeiten knapper werden. In diesem Sinne kann die Corona-Krise längerfristig den weiteren Klimawandel begünstigen statt ihn zu verlangsamen.

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Iablis aktuell

Thema 2020: Schach dem Wissen. Über schwarze und weiße Wissenschaft

Um ein naheliegendes Missverständnis abzuwehren: Bei diesem Jahresthema geht es nicht um Rassismus, sondern um legitime und illegitime Optionen in der Wissenschaft oder, um es weiter zu fassen, auf den tradierten Feldern des Wissens. Dass in den Wissenschaften, wie überall in der Gesellschaft, ›schwarze Schafe‹, also Betrüger anzutreffen sind, ist eher geeignet, die Fülle an Zusammenhängen zu verdecken, die sich auftun, sobald man damit beginnt, das ›Feld der Wissenschaft‹ als Schachbrett zu verstehen. So wie das Muster aus schwarzen und weißen Feldern erst die klar definierten Züge des königlichen Spiels ermöglicht, ermöglicht die Differenz erlaubt / nicht erlaubt die unübersehbare Fülle wissenschaftlicher Operationen.

Wie es um die Mechanismen zur Legitimierung und Delegitimierung von Positionen samt den dazugehörigen Strategien in der zeitgenössischen Szene steht, dafür bietet die Klimawissenschaft seit Jahren die anschaulichsten – und populärsten – Beispiele. Dabei steht sie keineswegs allein, wie selbst vergleichsweise harmlos erscheinende Disziplinen, etwa die unter die Räder der Gender-Debatte geratene Altphilologie, gelegentlich unter Beweis stellen. Einer der bestechendsten Züge von Wissenschaft besteht darin, dass es ihr immer wieder gelingt, die in der Gesellschaft aufbrechenden Konflikte um sie und ihre ›Ergebnisse‹ in sich aufzunehmen und zu reflektieren. Wissenschaft kennt keine Feindschaft, jedenfalls nicht im üblichen (oder Schmittschen) Sinne des Wortes. Das könnte Erstaunen hervorrufen, da ihr Verfahren, allgemein gesprochen, gerade der Ausschluss ist – Exklusion statt Inklusion.

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GRABBEAU · ACTA LITTERARUM