Renate Solbach: Zeichen

Forum 2020

Bis in den Februar hinein wurde die öffentliche Diskussion in Deutschland vom Klimathema, vom Ausrufen der Klimakrise beherrscht. Dann kam Covid-19, oder populärer: Corona. Die Infektion wurde als Pandemie erkannt – und das öffentliche und wirtschaftliche Leben nicht nur in Deutschland weitgehend auf Null gestellt. Geld fließt in Strömen, und die Medien kannten zunächst nur noch dieses eine Thema. Die Klimaphysiker verschwanden aus dem öffentlichen Scheinwerferlicht und eine andere Sorte von Wissenschaftlern traten auf die Bühne, Virologen oder generell Mediziner.

Und wieder geschah, was wir schon bei der Klimafrage erlebten: ›Hört auf die Wissenschaft‹ hieß es, und Frau Merkel nutzte wieder das Wort der Alternativlosigkeit (oder eine neue Wortschöpfung, die Diskussionsorgie) – also das Aussetzen der öffentlichen Diskussion. (Der guten Ordnung halber muss ich zumindest Christian Drosten ausnehmen, der nicht müde wird zu betonen, dass sein Fach zwar die (düstere) medizinische Seite des Problems deuten und Optionen zum Umgang in medizinischer Hinsicht bewerten könne, dass aber Entscheidungen Teil des politischen Willensbildungsprozesses seien und bleiben müssten.)

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Iablis aktuell

Thema 2020: Schach dem Wissen. Über schwarze und weiße Wissenschaft

Um ein naheliegendes Missverständnis abzuwehren: Bei diesem Jahresthema geht es nicht um Rassismus, sondern um legitime und illegitime Optionen in der Wissenschaft oder, um es weiter zu fassen, auf den tradierten Feldern des Wissens. Dass in den Wissenschaften, wie überall in der Gesellschaft, ›schwarze Schafe‹, also Betrüger anzutreffen sind, ist eher geeignet, die Fülle an Zusammenhängen zu verdecken, die sich auftun, sobald man damit beginnt, das ›Feld der Wissenschaft‹ als Schachbrett zu verstehen. So wie das Muster aus schwarzen und weißen Feldern erst die klar definierten Züge des königlichen Spiels ermöglicht, ermöglicht die Differenz erlaubt / nicht erlaubt die unübersehbare Fülle wissenschaftlicher Operationen.

Wie es um die Mechanismen zur Legitimierung und Delegitimierung von Positionen samt den dazugehörigen Strategien in der zeitgenössischen Szene steht, dafür bietet die Klimawissenschaft seit Jahren die anschaulichsten – und populärsten – Beispiele. Dabei steht sie keineswegs allein, wie selbst vergleichsweise harmlos erscheinende Disziplinen, etwa die unter die Räder der Gender-Debatte geratene Altphilologie, gelegentlich unter Beweis stellen. Einer der bestechendsten Züge von Wissenschaft besteht darin, dass es ihr immer wieder gelingt, die in der Gesellschaft aufbrechenden Konflikte um sie und ihre ›Ergebnisse‹ in sich aufzunehmen und zu reflektieren. Wissenschaft kennt keine Feindschaft, jedenfalls nicht im üblichen (oder Schmittschen) Sinne des Wortes. Das könnte Erstaunen hervorrufen, da ihr Verfahren, allgemein gesprochen, gerade der Ausschluss ist – Exklusion statt Inklusion.

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Yagiridia. Capriccio
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GRABBEAU · ACTA LITTERARUM