Büsching: Bürokratie 2.0
30.06.2010
Bürokratie 2.0 – Die Transformation der Privatwirtschaft

von Jörg Büsching

Paper entrepreneurs − trained in law, finance, accountancy − manipulate complex systems of rules and numbers. They innovate by using the systems in novel ways: establishing joint ventures, consortiums, holding companies, mutual funds; finding companies to acquire, »white knights« to be acquired by, commodity futures to invest in, tax shelters to hide in; engaging in proxy fights, tender offers, antitrust suits, stock splits, spinoffs, divestitures; buying and selling notes, bonds, convertible debentures, sinking-fund debentures; obtaining government subsidies, loan guarantees, tax breaks, contracts, licenses, quottas, price supports, bailouts; going private, going public, going bankrupt.

(Robert Reich: The Paper Entrepreneurs Are Winning Over the Product Entrepreneurs − A Thirty Year Retrospective)

1.

Kein Zweifel, der Kapitalismus ist in Verruf geraten. Zwanzig Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer, der im Westen als Sieg des Systems der freien Marktwirtschaft und der im allgemeinen damit ganz selbstverständlich verknüpften freiheitlich-rechtsstaatlichen, demokratischen Grundordnung gefeiert wurde, bestreiten das nicht einmal jene, die davon profitieren. Anders könnte man kaum erklären, weshalb zum Beispiel die Arbeitgeberverbände der Metall- und Elektroindustrie es seit dem Jahr 2000 für nötig erachten, mehrere Millionen Euro jährlich für größtenteils nicht offene, sondern unter dem falschen Etikett journalistischer Aufklärung oder gar wissenschaftlich fundierter Publikation verschleierte Public-Relations-Arbeit der sogenannten »Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft« auszugeben. Mit dem Ideal eines freien Marktes, auf dem sich nicht nur Anbieter und Nachfrager von Waren treffen, sondern auch der freie Austausch von Meinungen stattfindet, hat solche Tätigkeit jedenfalls nichts zu tun, denn dort steht der einzelne Bürger offen für seine Meinung ein und heuert nicht Horden von gemieteten Schreibern an oder versteckt sich hinter Fernsehgesichtern, die nach dem Ende ihrer Karriere in Sport, Politik oder Showgeschäft offenbar auf neue Einnahmequellen aus sind, um ihren gewohnten Lebensstandard aufrechtzuerhalten.

Das Missverhältnis zwischen Anspruch und Wirklichkeit, das hier zutage tritt und das mittlerweile auch in den Medien schon gelegentlich selbstkritisch diskutiert worden ist, zeigt, dass das Legitimationsproblem nicht darin liegt, dass die deutsche Bevölkerung plötzlich, auf »anstrengungslosen Wohlstand« hoffend, massenhaft ins Lager sozialistischer Volksverführer übergelaufen wäre. Es gibt im linken politischen Spektrum keine der INSM vergleichbare Organisation, die mit ähnlichem finanziellem Aufwand Propaganda für eine Abkehr von der Marktwirtschaft betreiben würde. Und ob das jüngst von der Partei »die Linke« in ihrem Programmentwurf formulierte politische Fernziel der Überwindung des Kapitalismus dieser wirklich zu einem Stimmenzuwachs in nennenswertem Umfang verhilft, darf bezweifelt werden.

Immerhin hält sich die gemäßigt sozialistische Partei mit ihrer Offenheit an die Spielregeln des freien (Meinungs-)Marktes, während auf der anderen Seite ausgerechnet eine Organisation, die diesen zu verteidigen und weiterzuentwickeln vorgibt, auf manipulative Strategien und die suggestive Überzeugungskraft prominenter Personen setzt. Natürlich könnte ein Verteidiger der Initiative vorbringen, dies sei nun einmal die marktgängigste Kommunikationsform unserer Zeit – nun ja, auf seine ganz eigene Weise ist auch der Jahrmarkt der Eitelkeiten ein Markt. Wenn man jedoch mit dem Übervater der freien Marktwirtschaft, Milton Friedman (Kapitalismus und Freiheit, Frankfurt/M., Wien, Berlin 1984; Originalausgabe Chicago 1962), politische und wirtschaftliche Freiheit für prinzipiell untrennbar hält, kann man diesen Widerspruch kaum als nebensächliche Stilfrage abtun.

Die auf der Internetseite der INSM neben den zahlreichen Prominentenportraits veröffentlichten, weder originellen noch witzigen Parolen insinuieren, dass die Menschen in Deutschland den Verheißungen der Freiheit nicht mehr trauen, dass sie es an Eigeninitiative missen lassen und es lieber sähen, wenn der Staat ihren Lebensunterhalt garantierte. Wer die reale Situation der abhängig Beschäftigten wie auch der zahllosen sich selbst ausbeutenden Kleinunternehmer in Deutschland kennt, kann daraus kaum einen anderen Schluss ziehen als den, dass die Initiatoren dieser Kampagne, wie auch jene Prominenten, die sich solche Worthülsen bereitwillig in den Mund legen lassen und erst recht natürlich die Auftraggeber, die hinter alldem stehen, die gewöhnlichen Menschen, welche mit Arbeit ihren Lebensunterhalt verdienen, zutiefst verachten. Dies legt wiederum die Vermutung nahe, dass die Botschaft auf einer Projektion beruht: Nicht deren potentielle Adressaten misstrauen der Freiheit, sondern jene, die sie in die Welt setzen.

Schaut man sich die gesellschaftliche und politische Entwicklung der letzten fünfundzwanzig Jahre an, kann das kaum überraschen: Statt eines Miteinanders selbstbe¬stimmter Individuen hat sich in den vermeintlich ›offenen Gesellschaften‹ des Westens eine sozialtechnische Praxis etabliert, die Entscheidungsprozesse – insbesondere auch solche demokratischer Institutionen – in zunehmendem Maße intransparent gestaltet und die Masse der Bürger zu bloßen Verwaltungsobjekten degradiert.

Gleichzeitig hat die von den Funktionseliten in den entwickelten Ökonomien des Westens unter den Schlagworten ›Thatcherismus‹ und ›Reagonomics‹ initiierte Umkehrung jener Nivellierungstendenz, die nach dem zweiten Weltkrieg zu einem breiten Anstieg der Masseneinkommen wie des Massenkonsums führte, das Misstrauen gegenüber vermeintlich marktwirtschaftlichen Reformen wachsen lassen. Allen Lippenbekenntnissen zu ›Nachhaltigkeit‹ und ›Wachstum‹ zum Trotz sehen die Regierenden sich außerstande, die politisch-ökonomischen Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass die positive Entwicklung der Nachkriegszeit fortgeführt oder wenigstens das erreichte Niveau stabilisiert werden konnte. Indessen sekundieren präpotente Wirtschaftswissenschaften den Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft nach Kräften, die eingeschlagene Richtung fortzuführen (bzw. Tempo und Umfang der ›marktwirtschaftlichen Reformen‹ sogar noch zu verschärfen) und tragen so zur weiteren Monotonisierung (und Monopolisierung) der stereotypen Erklärungsmuster und nutzlosen politischen Handreichungen bei. Zwar wurde die Deutungshoheit nicht explizit gefordert, doch haben Entscheidungsträger und Meinungsbildner aus fast allen politischen Lagern die ökonomischen Theorien und quantifizierenden Methoden als adäquate Analyse- und – vor allem – Prognosewerkzeuge akzeptiert, ohne deren Prämissen kritisch zu reflektieren. – Die Aktivitäten der INSM sind in dieser Hinsicht allenfalls ein spätes Symptom der Entwicklung und nicht etwa deren treibende Kraft.

Unterdessen wächst sich der Hunger nach Expertise zu einer echten Bedrohung für das demokratische Gemeinwesen aus, und zwar nicht nur in Deutschland. Wie der amerikanische Politologe und ehemalige Arbeitsminister der Clinton-Administration Robert Reich in seinem Artikel What happened to Democracy? (http://www.prospect.org/cs/articles?article=what_happened_to_democracy; 1. Feb. 2010) warnend schreibt, verlässt sich der neue amerikanische Präsident bei seinen haushalts- und gesundheitspolitischen Entscheidungen zunehmend auf externen Sachverstand. Damit jedoch, so Reichs Fazit, öffne Obama den Lobbyisten der Wall Street sowie der großen Versicherungs- und Pharmakonzerne Tür und Tor. Unter deren Einfluss würden an und für sich vernünftige Reformvorhaben unter der Hand zu neuen Möglichkeiten für das amerikanische ›Big Business‹ umgewidmet, sich direkt auf Kosten der Steuerzahler zu bereichern.

Zwar wird das Thema ›Lobbyismus‹ auch hierzulande gelegentlich von der Tagespresse aufgegriffen, doch werden bekannt gewordene Fälle bestenfalls als stilistische Ausrutscher oder peinliche Blößen der involvierten Politiker bzw. deren Parteien gewertet, nicht aber als generelle Gefährdung der Glaubwürdigkeit demokratischer Institutionen und damit als Bedrohung für die Demokratie selbst. Nach einem kurzen, parteipolitisch gefärbten Schlagabtausch in den Medien gehen in solchen Fällen die Beteiligten in aller Regel zur Tagesordnung über, während der Stein des Anstoßes unberührt bleibt.

2.

Wer eine solchermaßen gedämpfte Dynamik per se verdächtig findet, übersieht indes, dass Institutionen darauf angelegt sind zu dauern. Innerhalb ihres jeweiligen Handlungsrahmens stellen sie Prozeduren bereit, die, ohne jedes Mal ›hinterfragt‹ werden zu müssen, auf ›selbstverständliche‹ Weise dazu dienen, Probleme zu lösen; in funktional ausdifferenzierten Gesellschaften ist zudem der Rückgriff auf spezialisierten Sachverstand eine allgemein akzeptierte Praxis.

Das bedeutet nun keineswegs, dass die Prozeduren – oder auch die Institutionen als solche – sakrosankt wären. Doch bei jeder Erschütterung gleich das große Ganze in Frage zu stellen, zeugt weniger von kritischer Wachsamkeit, wie sie von jedem Bürger in einer Zivilgesellschaft erwartet werden kann (und muss!) als vielmehr von einem Radikalismus der Unmittelbarkeit, der die Reichweite eigenen Denkens und Handelns hemmungslos überfordert. – Die Gefahr, dem Reiz der Unmittelbarkeit zu erliegen, ist im Übrigen keineswegs neu: Es handelt sich um einen Wesenszug des sich selbst entgrenzenden modernen Individuums (Sören Kierkegaard hat dessen Aporien bereits 1843 mit seinem Monumentalwerk »Entweder-Oder« eine eingehende Meditation gewidmet).

Mit der Ausbreitung des Internet als weltumspannendem Kommunikationsmedium, das sowohl den Zugriff auf mannigfaltige Informationsquellen ermöglicht als auch die Schwelle zur öffentlichen Präsenz wie kein anderes gesenkt hat, ist jedoch die Illusion, durch umfassende Information die Bedingungen der eigenen Existenz vollständig im Griff zu haben, exorbitant gewachsen. Das Spiel, das Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts von den Romantikern unter dem Stichwort ›Poetisierung der Welt‹ auf geistreiche Weise begonnen wurde, findet, könnte man sagen, seine Fortsetzung in den Blogs und Foren des Netzes – heute freilich mit einem neuen, prosaischen bis vulgären Akzent, der daraus resultiert, dass die ›Information‹ die Stelle der ›Poesie‹ eingenommen hat. In dieser Substitution spiegelt sich deutlich die Ablösung des »synthetisch-harmonischen Denkstiles« (Kondylis) des bürgerlichen Zeitalters durch den »analytisch-kombinatorischen« des postmodernen Zeitalters der Massen wider. Es entbehrt eines ideellen Überbaus, der den fragmentarischen Äußerungen – bei aller individueller Verschiedenheit – eine bedeutungsvolle Dichte verleiht. Stattdessen reitet jeder sein eigenes ideologisches Steckenpferd oder greift sich eklektizistisch aus den en passant aufgeschnappten Bildungshappen jene heraus, die ihm am besten munden. Auf diese Weise entsteht ein weites Feld vielfach gebrochener und redundanter ›Informationen‹, das, im Ganzen betrachtet, eher statischem Rauschen ähnelt als einem aufgeklärten Diskurs. Bei genauerem Hinsehen enthüllt diese wirbelnde Oberfläche ein Muster selbstaffiner Strukturen, wie sie aus der Chaostheorie bekannt sind. Je nach Standpunkt mögen einigen Besuchern des virtuellen Raumes solche Strukturen der Selbstbestätigung dienen, während sie anderen vielleicht lediglich neue Angriffspunkte bieten. Die Mehrzahl der Menschen, gefangen in ihrem täglichen Daseinskampf, steht solchem Treiben ohnedies gleichgültig gegenüber.

Die Hoffnung, aus den Aktivitäten der Blogger und Foristen könne eine subversive Kraft erwachsen, welche den Akteuren in den eingespielten Institutionen der modernen Massendemokratien einen anderen Willen (welchen denn?) aufzwingen könnte, ist allenfalls naiv – doch nicht etwa deshalb, weil sie die Technik überschätzte: Dieser, von einigen konservativen Publizisten und Chefredakteuren traditioneller Massenmedien hingeworfene Fehdehandschuh (der von der Blogosphäre allzu begierig aufgegriffen worden ist) reklamiert mit seiner plakativen Abgrenzung des eigenen ›Qualitätsjournalismus‹ vom amateurhaften Treiben der Blogger einen sorgfältigeren Umgang mit den Informationen für sich, wohl wissend, dass die Realität in den eigenen Redaktionsstuben längst eine andere ist. So wie aus der Leichtigkeit des Zugangs zur Öffentlichkeit nicht automatisch bei jedem einzelnen Schreiber auf eine Leichtfertigkeit im Umgang mit der Information zu schließen ist, kann aus dem Markenimage der klassischen Massenmedien nicht ohne weiteres die Verlässlichkeit von deren Mitteilungen abgeleitet werden.

Naiv ist der Glaube der Internetaktivisten an die unmittelbar verändernde Wirkung ihrer Worte wegen jener oben beschriebenen Überforderung. Die Senkung der publizistischen Hürden durch das Netz trägt allenfalls dazu bei, dass der Radikalismus der Unmittelbarkeit offensichtlicher wird. Im Prinzip kann ihr aber der Leitartikler einer großen Tageszeitung ebenso unterliegen wie jeder x-beliebige Bürger, der in sich regelmäßig den Drang verspürt, das politische Tagesgeschäft mit seiner eigenen Meinungsäußerung zu sanktionieren; ja, bei ersterem ist die Gefahr vielleicht sogar größer, weil er das Schreiben professionell betreibt, wozu auch die intensive Auseinandersetzung mit öffentlich zugänglichen Informationen gehört. Überdies wird ihm womöglich gelegentlicher Zugang zu Machtzirkeln gewährt, welcher der Masse der Bürger verwehrt bleibt, so dass er einen ›unmittelbaren‹ Zugang zu Informationen reklamieren kann. (Zu glauben, dieser beruhe jeweils nicht auf einem politischen Kalkül, sondern darauf, dass er von den Mächtigen ins Vertrauen gezogen worden sei, dürfte allerdings eher der Eitelkeit – seit jeher ein besonders leicht zu öffnendes Einfallstor für Korruption – geschuldet sein als einer professionellen Einstellung zum Beruf und zur gesellschaftlichen Rolle des Journalisten.)

3.

Zu Beginn des von der rasanten Ausbreitung und Entwicklung des Internet maßgeblich mit initiierten und vorangetriebenen Aufschwungs hat der eingangs bereits zitierte Robert Reich in seinem Buch Die neue Weltwirtschaft (Frankfurt/M., Wien, Berlin 1993) die Heraufkunft eines neuen Typus von Berufstätigen beschrieben, den er »Symbolanalytiker« nennt. Nicht mehr die technokratische Elite der Wissenschaftler und Ingenieure, die, in nationalen Großkonzernen wie General Electric, IBM oder General Motors mit einem quasi beamtenähnlichen Status versehen, seit dem Ende des zweiten Weltkriegs den wirtschaftlichen Aufstieg der USA zur Weltmacht bewirkt hätten, sei die dominierende Klasse, sondern die flinken und flexiblen Geister, die sich mit großer Leichtigkeit im Reich der Information bewegen, Menschen, die fähig sind, Trends zu erkennen und die Ressourcen ihrer Unternehmen entsprechend auszurichten. Für solche Tätigkeiten ist weniger technisches Know-how entscheidend als vielmehr die Fähigkeit, komplexe institutionelle Zusammenhänge zu durchschauen und die Abläufe in den über die ganze Welt verteilten Entwicklungs-, Design- und Produktionsstandorten der globalisierten Konzerne koordinieren und optimieren zu können. (Aus heutiger Sicht muss man gewiss auch die Angestellten und Manager der sogenannten ›Finanzindustrie‹ zu dieser Klasse zählen – auch wenn die jüngste Finanz- und Wirtschaftskrise deren Fähigkeiten in einem eher fragwürdigen Licht erscheinen lässt.)

Wirtschaftlich geschieht diese Dezentralisierung, die vor keinem Unternehmensbereich, in dem standardisierte Prozeduren und Techniken zum Einsatz kommen, Halt macht, natürlich zu dem Zweck, Kosten zu senken, d. h. es werden durch diese Maßnahmen weder neue Märkte erschlossen noch neue Produkte erzeugt, sondern lediglich durch Ausnutzung eines Einkommensgefälles zwischen verschiedenen Weltregionen der Gewinn gesteigert. Ohne weiteres einsichtig ist dies bei per definitionem unproduktiven ›Backoffices‹, die in Großunternehmen einen beträchtlichen Kostenfaktor ausmachen können. Da eine solche Auslagerung – die auch dazu einlädt, die betroffenen Abteilungen als eigene ›Profit-Center‹ (sic!) zu führen – zunächst einmal eine beachtliche Investition in den neuen Standort voraussetzt, ist klar, dass sie nicht jedem Unternehmen offensteht. Vornehmlich börsennotierte Großkonzerne bedienen sich dieser Möglichkeiten zur Reduzierung von ›Opportunitätskosten‹, und sie profitieren davon gleich doppelt: Neben der Gewinnsteigerung (oder, wenn sie die Kostenreduzierung weitergeben, der Verbilligung ihrer Produkte bzw. Dienstleistungen) erhöht sich auf diese Weise in der Regel auch ihr Börsenwert. Mittelständische Unternehmen haben von dieser Form der Globalisierung nicht nur keinen Nutzen, sie geraten auch noch, sofern sie mit den Großkonzernen in direkter Konkurrenz stehen oder wirtschaftlich (beispielsweise als Zulieferer) von ihnen abhängig sind, zusätzlich unter Druck.

Die ökonomischen Konsequenzen dieser Strukturveränderung wurden von kompetenter Seite bereits eingehend beschrieben. Kritik an den durch die Globalisierung hervorgerufenen volkswirtschaftlichen Verwerfungen wird in der Regel pauschal durch Hinweis auf deren grosso modo positive Bilanz zurückgewiesen (sofern nicht ohnehin einfach auf die schicksalhafte Unabwendbarkeit der Entwicklungen – die sprichwörtliche ›unsichtbare Hand des Marktes‹ – abgestellt wird). Allerdings hilft es mittelständischen Dienstleistungsunternehmen, die ihre Kundschaft in der Region suchen müssen, in der sie selbst ansässig sind, wenig, dass der Großkonzern in der unmittelbaren Nachbarschaft einen Rekordgewinn nach dem anderen verbucht, wenn er auf der anderen Seite seine Entwicklungsabteilung, Buchhaltung und Produktion über die halbe Welt verstreut und dadurch Kaufkraft von den Märkten der Mittelständler abzieht.

Die ›Hand‹, die solche Veränderungen verursacht, ist keineswegs unsichtbar. Sie wird von den Angehörigen jener global denkenden und agierenden Funktionselite verkörpert, die bei Robert Reich »Symbolanalytiker« (oder »Papierunternehmer« – »paper entrepreneurs«, wie er sie in einem ursprünglich bereits 1980 in der New York Times veröffentlichten Artikel tituliert hat) heißen. In der gängigen sozio-ökonomischen Betrachtungsweise liberaler Prägung werden sie gern mit den mittelständischen Unternehmern, die unter deren Prioritäten ebenso leiden wie die abhängig Beschäftigten, in einen Topf geworfen und unter dem Rubrum ›freies Unternehmertum‹ abgehandelt, obwohl beide Personengruppen ungefähr so viel miteinander gemeinsam haben wie ein Florentiner Werkmeister mit einem Prager Bürovorsteher.

Es ist schon ein eindrucksvoller Zaubertrick, den uns die Symbolanalytiker und ihre akademischen Lehrmeister und Adlati da vorführen: Aus einem mächtigen Konzern, dessen Beschäftigtenzahl schon mal die Dimension einer veritablen europäischen Großstadt erreichen kann und dessen Gewinn die Staatsbudgets kleiner Nationen übertrifft, wird mir nichts, dir nichts ein schlanker Marktteilnehmer, der im Prinzip nichts anderes tut als die Gemüsefrau auf dem Wochenmarkt und der, geht es nach den zahllosen Epigonen des oben erwähnten Milton Friedman, möglichst vor jeglichem staatlichem Eingriff zu beschützen ist. Dabei haben, die Finanzkrise hat es eindrucksvoll vor Augen geführt, diese Konglomerate längst Dimensionen erreicht, die ganze Volkswirtschaften in den Abgrund reißen können – ein Gefährdungspotenzial, für das sich die Vokabel ›systemisch‹ ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat.

Der Gedanke, dass derart potente Gebilde auch die Gesellschaftsstruktur als solche (und mit ihr die herrschenden Mentalitäten) beeinflussen, ist eigentlich so trivial, dass man sich verblüfft fragt, weshalb selbst im 21. Jahrhundert noch die »metaphysischen Voraussetzungen« (so der St. Gallener Wirtschaftsethiker Peter Ulrich) der kapitalistischen Vordenker des 18. Jahrhunderts das Gesellschaftsbild der Wirtschaftswissenschaften prägen. Mit der Vermutung, dass jedenfalls der Glaube an Gott und die moralische Weltordnung keine Rolle dabei spielen, dürfte man den Apologeten des »freien Marktes« kaum zu nahe treten.

Sehr viel einleuchtender erscheint da ein methodologisches Argument: Das Modell des freien Marktes besticht durch seine Einfachheit, denn alle nicht quantifizierbaren menschlichen Antriebsmomente werden systematisch ausgeklammert. Solange eine Wissenschaft sich ihrer methodischen Simplifizierungen bewusst ist, stellt diese Vorgehensweise kein Problem dar. Etwas anders sieht es jedoch aus, wenn das von ihr verwendete Modell zum dominierenden Erklärungsansatz für ausnahmslos alle sozialen und kulturellen Bereiche avanciert: Im Handumdrehen hat sich der ›Homo Oeconomicus‹ zur anthropologischen Konstante verfestigt; jede nicht marktkonforme menschliche Regung schrumpft zum atavistischen Rest, an dem festzuhalten einen Menschen von vornherein disqualifiziert.

Die Pointe an der gegenwärtig zu beobachtenden Transformation ist, dass nicht mehr Marktakteure im klassischen Sinn (also freie Unternehmer, die Produkte entwickeln, um eine Nachfrage zu befriedigen) die bestimmenden Kräfte sind, sondern ebenjene ›Symbolanalytiker‹, die bestehende Unternehmen mit ihren quantifizierenden Betrachtungsweisen und analytischen Werkzeugen aus dem spiel- bzw. systemtheoretischen Werkzeugkasten verwalten, zerlegen, reorganisieren und – letztlich – verscherbeln. Auf diesem Wege werden dann ganz nebenbei die bisherigen Angestellten zu ›Unternehmern‹ wider Willen, indem sie vor die Wahl gestellt werden, entweder ihre Haut konsequent zu Markte zu tragen oder sich in das Heer der Überflüssigen einzureihen.

Im Zuge der Finanzkrise hat diese Entwicklung eine Menge moralischer Entrüstung hervorgerufen und am linken Rand des politischen Spektrums zu einer Renaissance der Klassenkampfrhetorik geführt. Letztere vermochte bislang noch nicht zu verfangen, während erstere die Politik allenfalls zu populistischen Statements oder kurzatmigen ›Gegenmaßnahmen‹ veranlasst hat. An der Dominanz der ökonomischen Betrachtungsweisen und Methoden hat sich indes nichts geändert. Auch dies wird gerne als Indiz für die Realität des ›Homo Oeconomicus‹ genommen, doch dürfte das eher einer jener typischen naturalistischen Fehlschlüsse sein, zu denen sich Anhänger einer dominant gewordenen Lehre oder Wissenschaft allzu leicht hinreißen lassen.

Die Realität des heutigen Wirtschaftslebens unterscheidet sich fundamental von jener des bürgerlichen Zeitalters. Diese eigentlich offensichtliche Tatsache wird von den ›neoliberal‹ genannten Anhängern der Friedmanschen Auffassung von Freiheit geflissentlich übersehen. Der von ihm konstruierte Gegensatz zwischen freiwilliger Kooperation der Individuen auf dem Markt und staatlichen Zwangseingriffen in ebendiese Handlungsfreiheit war schon zu der Zeit, als er ihn formuliert hat (1962), eigentlich obsolet.

Nicht weniger obsolet ist allerdings der marxistische Klassenantagonismus, denn nicht mehr die bürgerlichen Kapitaleigner sind heute die dominierende Bevölkerungsgruppe, sondern akademisch geschulte Funktionsträger in staatlichen wie privaten Institutionen. Als einer der ersten hat der Soziologe Daniel Bell in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts diese Entwicklung in seiner überaus detailreichen Studie Die nachindustrielle Gesellschaft (Frankfurt/M., New York 1975) herausgearbeitet. Den Erfolg der amerikanischen Nachkriegsgesellschaft sieht er in der Fähigkeit begründet, die systematische Produktion von Wissen – einschließlich dessen praktischer Umsetzung – zu organisieren. Dazu bedurfte es einer Verbreitung der höheren Bildung in bis dato nie gekanntem Umfang, was mit einer Ausweitung des öffentlichen Sektors einherging, ohne den wohl insbesondere der technokratische Mittelbau in Konzernen und Behörden nicht im benötigten Ausmaß hätte bereitgestellt werden können. Staat und Wirtschaft waren in diesem Spiel keine Antagonisten, sondern arbeiteten Hand in Hand.

Die Dynamik des Wissenszuwachses durch Differenzierung sowie dessen Distribution hat Bell im Großen und Ganzen korrekt erfasst und wiedergegeben. Was er seinerzeit noch nicht ahnen konnte, war, welche Auswirkungen die Fortschritte in der Informationstechnologie auf die weitere Entwicklung haben würden.

Nach wie vor ist die größte Stärke des Computers die Verarbeitung riesiger Datenmengen in kürzester Zeit. Das hat nicht nur zur Beschleunigung und Expansion von Verwaltungstätigkeiten geführt, sondern auch Karrieren in Wissensbereichen gefördert, die von der Aufbereitung statistischer Daten leben und numerische Näherungsverfahren da einsetzen können, wo es aufgrund der Komplexität der Probleme keine exakte mathematische Lösung geben kann. So gesehen ist die Dominanz der quantifizierenden Betrachtungsweisen, in denen Menschen zu ›Human Ressources‹ schrumpfen und in allen relevanten Aspekten zum Objekt der Bewirtschaftung werden, bloß konsequent.

Daniel Bells größter Irrtum bestand vielleicht darin, dass er die Entwicklung der nachindustriellen Gesellschaft als einen Wandel der Präferenzen deutete: Aus einem Spiel um Dinge entwickele sich allmählich ein »Spiel zwischen Menschen«. Als Folge dieser Entwicklung werde es zu einer »Regionalisierung« der politischen und gesellschaftlichen Interessen kommen. Gut ausgebildete Menschen hätten eben ein Interesse an zuträg¬lichen Lebensbedingungen in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld und verfügten auch über die entsprechende Bildung, diese von der Regierung einzufordern. – Das Bild der zu erwartenden Gesellschaft, das er am Schluss seiner Untersuchung zeichnet, entspricht ziemlich genau den freiheitlich-demokratischen Idyllen, die seit Alexis de Tocqueville und John Stuart Mill das Denken liberaler Gesellschaftstheoretiker beherrschen. Er reichert es lediglich mit zeitgemäßen Reflexionen über das Verhältnis von Meritokratie und Gleichheit in der Demokratie an, ein Thema, das bereits seit den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts heftig diskutiert wurde – seinerzeit freilich vor dem Hintergrund der damals erhobenen Forderungen nach einer besonderen Förderung diskriminierter Bevölkerungsschichten, insbesondere der Afroamerikaner. Auch Friedman erörtert dieses Thema (allerdings auf einem sehr viel schlichteren intellektuellen Niveau) in seinem oben erwähnten Buch. Obwohl Bell richtig voraussah, dass letztendlich nicht die technokratischen Eliten, sondern die Verwaltungsspezialisten den Ton angeben würden, verortete er diese noch ganz traditionell in den bürokratischen Institutionen des Staates. Erst die durch die Reagan-Administration eingeleitete ideologische Wende gab den Verwaltern, vulgo: Managern, im privaten Sektor den nötigen Handlungsspielraum, und erst die IT-Revolution der späten achtziger und neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts bot diesen die technischen Möglichkeiten, ihn ausgiebig zu nutzen und ihre Ambitionen auf den gesamten Globus auszudehnen. Liest man Robert Reichs Analyse der ›neuen Weltwirschaft‹ als Fortschreibung des Bellschen Ansatzes, lässt sich die Entwicklungslinie von den bildungspolitischen Richtungsentscheidungen der sechziger und siebziger Jahre durch alle damals unvorhersehbaren Wendungen und Innovationen hindurch bis in die Gegenwart ausziehen, und es leuchtet sogleich ein, dass weder das marxistische Gesellschaftsmodell (wie Bell in seiner Arbeit bereits ausführlich darlegt) noch das liberale Aufschluss über die Zusammenhänge oder die noch zu erwartenden Veränderungen geben können. Dies zeigt schon die bei weitem eindrucksvollste und für die Zukunft der Menschheit zweifellos einschneidendste Entwicklung unserer Zeit: der wirtschaftliche Aufstieg Chinas. Weder das geschichtsphilosophische Postulat einander ablösender Klassenherrschaften noch der liberale Gedanke individueller Emanzipation vom ›paternalistischen Staat‹ (wie der gleichermaßen denunziatorische und arrogante Terminus der Friedman-Anhänger lautet) liefern eine einleuchtende Erklärung für das Phänomen. Für traditionell gestimmte linke Denker bietet die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts freilich genügend Anknüpfungspunkte, ihr theoretisches Besteck ausgiebig zu befingern und neu auszurichten, so dass sie, wenn dereinst abgerechnet wird, zweifellos recht behalten haben werden.

Interessanter, weil viel beredter, ist da schon das entlarvende Schweigen liberaler oder, wie man sie korrekter ansprechen sollte, libertärer Geister. Wenn das Totschlagwort vom »paternalistischen Staat« überhaupt auf ein Gemeinwesen unserer Tage zutrifft, dann doch wohl auf das chinesische. Außer den endlosen Disputen über die chinesische Laissez-faire-Haltung in Urheberrechts- und Patentfragen hat man aus dieser Ecke jedoch bislang wenig Konkretes vernommen. Hier vor allem offenbart der Tunnelblick der postmodernen Freiheitsapostel seine ganze Absurdität: Auf rechtsstaatlichem Wege zustande gekommene Umweltschutzvorschriften oder arbeitsrechtliche Regelungen geißeln sie, als handele es ich dabei um Willkürentscheidungen irgendeines terroristischen Diktators, während Polizeistaatsmethoden, politische Justiz und bezahlte Schlägertrupps, mit denen nicht wenige Entwicklungs- und Schwellenländer ihre Menschenmassen im Zaum zu halten versuchen, ihnen kaum ein Achselzucken wert sind. Und wenn China nun doch vermehrt in den Fokus der Kritik gerät, hat das nichts mit liberaler Wertschätzung der Menschenrechte zu tun, sondern eher mit dem Umstand, dass das Reich der Mitte allmählich aus der Rolle einer verlängerten Werkbank westlicher Konzerne herauswächst und zum ernsthaften Konkurrenten wird.

Der globale Blick ist – noch – ein abstrahierender Blick. Als solcher ist er dem Denken in Bilanzen förderlich. Menschliche Bedürfnisse lassen sich aber nicht gegeneinander aufrechnen, und sie lassen sich auch nicht von den Regionen, in denen die Menschen leben, lösen. Einer der wenigen Wirtschaftswissenschaftler, die das heute bereits begriffen haben, ist Jeffrey Sachs. Mit seinem an der Columbia University eingerichteten Earth Institute (http://www.earth.columbia.edu/sections/view/9; 2. Mai 2010) versucht er den Menschen alternative wirtschaftliche Perspektiven zu eröffnen, welche auf die in deren spezifischen Regionen herrschenden Bedingungen Rücksicht nehmen, statt ihnen einfach die Rezepte westlicher Institutionen aufzuzwingen, die oftmals nur dazu dienen, den Großkonzernen neue Märkte zu erschließen oder Ressourcen (menschliche und stoffliche) zuzuführen. Wenn dieses Spiel noch eine Weile so weitergeht, werden, so steht zu befürchten, nicht nur Länder wie Mali oder Burkina Faso die frischen Ideen aus Sachs’ interdisziplinärer Denkfabrik benötigen, sondern auch die von den Papierunternehmern und deren Zuarbeitern in der Politik im Stich gelassenen verarmten Regionen in Deutschland, Frankreich oder den USA.