Oberreiter: Literatur in unseren Köpfen
08.02.2008

Literatur in unseren Köpfen – oder doch nicht?
Vom Einfluss digitaler Medien auf unser Verständnis des Literarischen und wie wir mit solchen Inhalten fernerhin umgehen könnten

von Suitbert Oberreiter

I. Einstieg: Auf der Ebene der Alltäglichkeit

In dem im November 2007 veröffentlichten Film The Jane Austen Book Club* treffen sich sechs Personen – fünf Frauen und ein Mann – allmonatlich, um ein Werk dieser Autorin zu lesen und sich gemeinsam darüber zu unterhalten. Das Wort ›Diskussion‹ wäre hierfür zu sachlich, so mein Empfinden. Wie die Lektüre bei ganz normalen Lesern unserer Tage Aufnahme findet, so geschieht dies auch hier: ein sofortiges Wirksamwerden der (an-)gelesenen Ereignisse in der Phantasie der Adressaten.  Als sich die Gruppe nach und nach durch die einzelnen Werke von Austen hindurchliest, entwickelt sich das Liebesleben eines jeden Teilnehmers parallel zu den Geschichten Austens: Unbewusst sucht sich jeder die Handlungsfolgen und Charaktere aus, die dem eigenen Leben ähneln und projiziert demnach seine Wünsche, aber auch Sorgen und Hoffnungen in die Bücher hinein.

Es wird freilich auf den folgenden Seiten noch ausgiebig dargetan werden, dass es hier um die deutsche Literatur geht und um nichts anderes. Und es nimmt wahrscheinlich auch wunder, wenn ich ausgerechnet mit einem US-amerikanischen Film beginne, der noch dazu eine englische Autorin abhandelt. Aber wir sind in der heutigen Situation weitgehend diesem Modell der simplen, naiven, wenn auch dem Leben ganz und gar nicht gefühllos gegenüberstehenden Literaturaneignung, die übrigens auch in dem Film nicht ohne gebührenden Charme abläuft, verpflichtet – schon aus unserer modernen Lebenshaltung heraus, die wie in keiner früheren Epoche durch geistige Erzeugnisse einer überseeischen Kultur, wie eben den amerikanischen Film seit über achtzig Jahren, beeinflusst und geprägt wurde, da sich ja auch der Lebensstil nach dem überseeischen Weg über weite Strecken orientierte. Dies zumindest in Deutschland, aber auch nicht viel anders in den  angrenzenden Ländern. Wenn ein solches Modell, das selbstverständlich keinerlei akademischen Anspruch erheben darf – weil es eben laienhaft und ›methodisch‹ willkürlich ist – wegen seiner Natürlichkeit dieser Annäherung an das Medium der Literatur doch so verbreitet ist, so kann seine Repräsentation für unsere Zeit (der allgemeinen Konsumorientiertheit sowie sich dem Narzissmus nähernden Lebensgefühls) schon als eine triviale Tatsache vorausgesetzt werden. Es entsteht aber zweifellos ein nicht von vornherein und sofort einsichtiges Interesse an dieser Haltung, sobald man sie mit den Realitäten der gegenwärtigen Medien in Zusammenhang bringt.

In dieser Arbeit beansprucht diese anscheinend ›zwanglose‹ und ebenfalls konsumfreudige Haltung (der Literatur gegenüber) allerdings auch wiederum eine fühlbare Autonomie, die sich aus der unübersehbaren Masse und der Qualität des jemals als schöne Literatur Produzierten und ebenso des darüber Verfassten sowie der in der Tradition geübten Lesehaltungen und Meinungen über Literatur und selbstverständlich über kulturelle Phänomene ergibt. Und sie wird sich auch bisweilen von lern- und erst recht von programmier-technischen Aspekten dieser Medien distanzieren. Dies ist notwendig, da sich Forschung, die sich an vielschichtigen Inhalten geschriebener Texte versucht, nicht nur auf die technische und eventuell didaktische Bewältigung von Textmaterial beschränken kann, sondern auch den Inhalt berücksichtigen muss. Man muss vielmehr versuchen, die Tradition des Literaturbetriebs nach Möglichkeit einzubeziehen, um auf diese Weise die literarischen Texte ›wertvoll‹ zu machen, d.h. im Lesen und Erklären neu erstehen zu lassen. Um dieses Anliegen geht es hier im engeren Sinn.

Nun gibt es in den neuen elektronischen Medien – und insbesondere im Internet –  gewisse Anstöße zu neuer Arbeit; oder eben auch bislang nur Vorteile, Hilfsmittel – und zwar gerade interessante Möglichkeiten im Bereich einer Philologie(!); Vorteile, die wir zu nützen uns zwar in den letzten Jahren angewöhnt haben, die uns allerdings nicht immer befriedigen konnten, vielmehr einige ernst zu meinende Fragen aufwerfen, und dies wird wahrscheinlich auch weiterhin so bleiben, weil ich mir schwer vorstellen kann, dass Probleme ausgesprochen nicht-technischer Natur auf Computern mehr oder minder allein gelöst werden können; noch kann ich mir jenen Primat der Rechner, welchen man diesen heute gern überall einräumt, auf längere Sicht vorstellen. Denn man merkt sofort beim Öffnen der verschiedenen Dateien und Internetseiten – und das wird auch jeder Philologe sofort bestätigen wollen – dass die Einträge im Internet von sehr unterschiedlichem Niveau und Wert für den Forschenden sind, das muss ich gar nicht erst betonen. Ich habe es mir deshalb zur Aufgabe gemacht, hier über die Brauchbarkeit der elektronischen Medien und besonders des im Internet transportierten Informationsmaterials Überlegungen anzustellen, die besonders die akademische Forschung betreffen sollen. Im 20. Jahrhundert konnten wir eine Migration der Literaturstudien von den Gymnasien, Salons, Kaffeehäusern und Privatbibliotheken an die Universitäten feststellen. Damit einher geht die Ausbildung – allerdings schon in etwas früherer Zeit – von Forschungsparadigmen, die uns bis heute mehr oder minder geläufig sind, uns sozusagen ›begleiten‹, ja unser Arbeiten mit Literatur bedingen. In den letzten zwei bis drei Jahrzehnten sind allerdings in Europa deutliche Auflösungserscheinungen zu verzeichnen gewesen: sowohl in der Lesekultur, die für Deutschland seit langem konstitutiv war, als auch im gesellschaftlichen Stellenwert, den die Literatur seither erhalten hat. Dazu kommt, dass eine rege literarische Produktion in deutschsprachigen Ländern in den achtziger Jahren einfach abgebrochen ist und seither keinerlei Nachfolgerin gefunden hat, die man ihr etwa als ›ebenbürtig‹ (ich verwende hier absichtlich diese altmodische Vokabel) zur Seite stellen könnte. Es ist wiederholt festgestellt worden (und es hat seine volle Berechtigung, an dieser Stelle erwähnt zu werden), dass die Lese- und Schreibfähigkeit der jungen Leute (die man zum Lesen erziehen möchte) drastisch gesunken ist. Etwa der Einbruch des Englischen in die deutsche Sprache – mit den englischen Wörtern, die ins Deutsche eingedrungen sind, könnte man mittlerweile ›Bände füllen‹ – wird zwar von den Benutzern der Muttersprache Deutsch gar nicht sonderlich bemerkt(!), geschweige denn gefürchtet; bei manchen Verantwortlichen im Erziehungswesen oder schlicht bei jenen, die der Sprache ein Verantwortungsbewusstsein entgegenbringen, sind Zweifel und Angst vor schweren Schäden an der Sprache aufgekommen. Eine ungeschickt eingeführte Rechtschreibreform in den neunziger Jahren hat ein verhängnisvolles Tohuwabohu an Normen entstehen lassen, das trotz verschiedener Rücknahmen und Anpassungen bis heute nicht gelöst worden ist. Die geradezu als neurotisch zu bezeichnende Umorganisierung und business-Orientierung fast aller Lebensbereiche und die Transformierung des Wissens in eine industriemäßige Wissensverwertungsanlage hat eine beispiellose Umwertung der Geisteswissenschaften in quasi-sekundäre Wissenschaften oder Wissensbereiche mit sich gebracht und an Universitäten einen Sprachnotstand entstehen lassen, da es einem durch fachfremde Organisatoren und ihren Apparat durch so genannte Sprachvorgaben verwehrt wird, sich (wissenschaftlich) ›in seiner eigenen Sprache auszudrücken‹, wie es eine Dozentin der Philosophie vor kurzem in einem Zeitungsartikel ausgedrückt hat.

Vor diesem – hier nur schwach skizzierten – Hintergrund muss man die vorliegende Arbeit sehen. Was können die neuen Medien und technischen Hilfsmittel dazu beitragen, ein in dieser Zeit verständliches und attraktives Bild von unserem Gegenstand, der Literatur und den kulturellen Phänomenen, sowohl der Vergangenheit als auch der Gegenwart vermitteln? Eine kritische Sichtung des mir zur Verfügung stehenden Materials und die darauf folgende Auswertung des so gewonnenen Informationscorpus; seine Befragung und Untersuchung auf Sinnhaftigkeit mit Hilfe jener Parameter, welche die traditionelle Forschung als unabdingbar ansieht; ein In-Beziehung-Setzen und Aufrechnen der so gewonnenen Positionen mit jenen, die unsere allgemeine Interessentenwelt fordern möchte und die auch mit den neuen technischen Möglichkeiten vertraut ist; dies ist der beabsichtigte Gehalt, den diese Überlegungen mit sich bringen sollen.

Was ich im Folgenden vorzubringen habe, steht teilweise unter dem Vorzeichen des Wünschens und des Hoffens; es geht um Möglichkeiten von etwas, das heute ganz gewiss sehr unterschiedlich in den Köpfen der davon – vielleicht auch (zu diesem Zeitpunkt) noch gar nicht – betroffenen Menschen aufscheint und das ›von Rechts wegen‹ gar keiner Erörterung in einer ernst zu nehmenden Publikation verdiente, wäre es nicht um des Spieles, etwa eines entelecheischen Gedankens willen, der sich an den Gegenstand der deutschen Literatur und deren Kenntnis abseits des Entstehungsgebiets heftet. Die Angelegenheit ist aber ernst, und der Begriff ›Spiel‹ wird hier auch in dem entsprechenden, ernsten Sinn gebraucht werden müssen. Wir befassen uns mit nichts weniger als mit dem wahrscheinlichen Ansehen und dem Verständnis der deutschen Literatur – und um das an einem lebendigen Beispiel vor Augen zu führen - unter den Gebildeten in Taiwan, genauer gesagt: mit dem potentiellen Ansehen und Verständnis, das man gesonnen ist, ihr entgegenzubringen. Indem wir den gegenwärtigen Stand der literaturbezogenen Praxis zusammen mit Phänomenen technischer Neuerungen der Gegenwart beobachten und verarbeiten, erhalten wir jene Sicht der Möglichkeit in der Wirklichkeit, die uns in den Beurteilungsverfahren künftiger Situationen weiterhelfen soll. Diagnosen werden zumeist von Ärzten gestellt, denen eine solche Denkweise und ein scharfer Blick für Zustände und deren Veränderungen fast natürlich innewohnt.


2. Ein kurzer Abriss als Beispiel: Taiwan. Wie man sich die Fremsprachensituation in Bezug auf das Literaturinteresse vorzustellen hat

Für die Leser in Deutschland muss man zunächst einige grundsätzliche Bemerkungen zur hier vorfindlichen Leselandschaft, wenigstens des Deutschen, machen, denn auf diesen Gegebenheiten hat man schließlich aufzubauen, wenn man sich Gedanken darüber machen will, wie sich die Situation von hier weiter entwickeln könnte. Während der Reisende auf der Insel zunächst einmal feststellt, dass sich in den Großstädten eine bedeutende Anzahl von Buchhandlungen findet, wird er bald danach gewahr, dass es sich dabei – was die aus dem Ausland importierten Bücher anbetrifft – um fast ausschließlich englischsprachige oder eben auch übersetzte Literatur handelt. Man kann an dieser Stelle flüchtig darauf hinweisen, dass die außenpolitischen Gegebenheiten und Prioritäten in der Fremdsprachensituation vor Ort ihre recht deutlich artikulierte Entsprechung finden. Doch will ich diesen Aspekt nicht unnötig betonen, da ich ja wissen muss, dass man hierzulande auf das ›Praktische‹ Wert legt, und dazu gehört ohne Zweifel das amerikanische Englisch. Die deutsche Literatur taucht nirgendwo auf, es sei denn in einigen Spezialbuchhandlungen, die sich auf so genannte Nischenexistenzen des Fremdsprachenunterrichts (Japanisch, Spanisch, Deutsch, Französisch, Russisch) stützen. Statistiken für den Verkauf von deutschsprachigen Büchern mag es wohl geben, allerdings sind sie nie auf das Fach Deutsch als solches angewendet oder bezogen worden, und die Daten könnten mit Sicherheit als eine quantité négligeable bezeichnet werden, solange man den englischsprachigen Überhang im Auge behält. Man hat sich die vorfindliche Situation als eine Art Pyramidendiagramm vorzustellen, dessen Höhe dem jeweiligen Grad der sprachlichen Ausbildung und Fähigkeiten, die Breite aber der Masse der Lernenden entspricht. Selbstverständlich finden sich zahlenmäßig die meisten unter den Anfängern. Das sind auch diejenigen, die den Hauptanteil der Lehrbücher und dazugehörigen Glossare sowie der kleinen, meist veralteten und ungenügenden Wörterbücher verbrauchen, welche also die Hauptbezugsquelle zur deutschen Sprache darstellen. (Von Literatur kann da noch lange keine Rede sein.) Nach oben hin verjüngt sich die Zahl unverhältnismäßig rasch, da man bedenken muss, dass es in vielen Institutionen nicht zu viel mehr als zum Unterricht im ersten, ja höchstens im zweiten Jahr Deutsch reicht, während doch erst ab dem dritten Jahr eine etwas ›anspruchsvollere‹ Grammatik gelehrt werden kann. Ist der Begriff einer  deutschen ‚Grammatik’ unter Lernenden und offensichtlich auch manchen Unterrichtenden und Publizisten ein fragwürdiger, so erreicht jener Teil des Spracherlernens, der über die leidige Oberflächengrammatik schon hinausgeht, also die Stilistik, Pragmatik oder die Rhetorik – und nicht zuletzt die Dialektik – keinerlei Hörerschaft germanistisch orientierter Studienfächer.  Die ›Literaturfähigkeit‹ der Lernenden würde sich, so man das Diagramm in dieser Weise anschaulich fortzeichnete, nur als eine schwache Linie ausnehmen, die schon kaum sichtbar wäre. Sie würde diejenigen repräsentieren, die entweder im Ausland Deutsch- und Literaturstudien gemacht haben oder eben jene, die auf Basis einer Graduate School – oder ausnahmsweise einige Studenten in besonders fortgeschrittenen Kursen auf dem undergraduate level – schon mehr gelernt haben als die Masse der übrigen Studierenden. Wie gesagt, sind dies verschwindende Zahlen.

Das sähe ganz bestimmt ernüchternd aus – und so ist es auch, mit Einschränkungen – wenn nicht noch ein Moment hinzukäme: jenes des ›sekundären Wissens‹; eines Wissens, das man auf Umwegen bezieht; der Erfahrung sozusagen aus zweiter und dritter Hand, ja oft auch nur des durch das Hörensagen Bekannten. Wie sonst auch in Staaten mit starker wirtschaftlicher Expansion und gesellschaftlichen wie technologischen Veränderungen, welche viele Menschen in Europa, hätten sie dieselben zu überwinden, leicht ›wurzellos‹ machen würden, so sind die Einwohner Taiwans zu allererst praktisch veranlagt (oder von ihren begleitenden Lebensumständen dazu gezwungen) und kümmern sich nur in Ausnahmefällen um reine Verstandesdinge oder gar belletristische Literatur, welche unter solchen Bedingungen weder möglichst ganz noch auf einem systematischen Weg aufgenommen werden kann; und es scheint obendrein auch gar kein Interesse daran zu sein, sie anders als nach dem Gesetz des Zufalls und auf Grund einer augenblicklichen Laune (!) oder einer Gelegenheit beruhend zur Kenntnis zu nehmen und zu betreiben. An sich nicht der Poesie, den bildenden Künsten abgeneigt und oft sehr musikalisch veranlagt, nebenbei einen in hohem Maße der Sprache bzw. dem Sprachspiel verpflichteten Humor besitzend, schaffen sich die Taiwaner dennoch ihre Freiräume zwischen oft zermürbender Tätigkeit langer Arbeitstage und kaum zur Genüge genossener Nachtruhe, was einen fühlbaren Ausschlag in der Praxis nach sich zieht.  Die Kunst wird daher zumeist den Schulen anvertraut – das auffällig junge Konzertpublikum, das beinahe korporativ anmutende Fehlen der Dreißig- bis Sechzigjährigen darunter spricht eine beredte Sprache; wer älter als die Schülergeneration ist und sich dennoch mit ›brotloser‹ Kunst befasst, hat entweder genügend Zeit oder die nötigen Mittel für diese Liebhaberei, die meist unbemerkt hinter der unansehnlichen Fassade eines Hauses betrieben, die jedoch dann auch nicht selten in Geschäfte mit der Kultur oder in Kulturstiftungen investiert wird. Man sollte hier kurz anmerken, dass die Ausrichtungen der Kultur- und Erziehungspolitik der letzten Dezennien immerhin Werte an die jungen Generationen vermitteln ließen, welche –  gemessen an den geringen Mitteln, mit denen sie arbeiten konnten – eine durchaus positive, den ehemaligen als europäisch verbrieften Werten entsprechende Sicht auf die Dinge gewährten, die viele, seither zustande gekommene kulturell begrüßenswerte, ja staunenswerte Entwicklungen überhaupt erst ermöglichte. Man erwähnt auch immer wieder, dass das Interesse am Deutschen schlechthin auf den japanischen Kolonialismus in Taiwan (1895-1945) zurückginge. Teilweise findet sich dieses Interesse in den Beständen an deutschsprachigen Büchern etwa der  Universitätsbibliothek der NTU, welche sich in dieser Zeit angesammelt haben.

Im Übrigen kommen die Menschen durch mancherlei Umwege zu ihrem Wissen über das Deutsche oder eben auch über die deutsche Literatur, ganz gleich, was man jetzt darunter verstehen mag. Nicht selten geschieht dies durch Übersetzungen aus dem Englischen; durch gehörte Vorträge im Ausland, aber auch Inland; durch Informationen des deutschen Kulturzentrums; durch Wahlfächer während des Studiums in Deutschland; seit Ende der achtziger Jahre vermehrt durch direkte Übersetzungen oder Arbeiten festlandchinesischer Übersetzer. Das National Science Council beispielsweise unterstützt mittels Stipendiengeldern Neuübersetzungen deutschsprachiger Autoren durch Fachleute in Taiwan, wobei diese nicht etwa durch enge Zeitlimits zur Produktion angetrieben werden, sondern in deren Arbeit die Qualität eine vorrangige Stelle einnehmen soll. Der Nationale Kulturrat unterstützt ebenfalls die Produktion neuer relevanter Werke, wenngleich dies nicht nur auf dem Weg einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung oder Produktion sein muss.

Mit der Wirkung der auf den Plan getretenen neuen und den alten – allerdings stark veränderten – Medien haben sich die Bedingungen für die Literatur nicht nur verschoben, sondern der gesamte Komplex aller uns vermittelten Inhalte tritt sozusagen in ein neues Stadium. Das soll im Folgenden dargelegt werden.

3. Worin also besteht die Herausforderung unserer Befassung mit Literatur durch neue (elektronische) Medien und Informationssysteme?

Für diejenigen unter den Literaturinteressenten (im weitesten Sinn), die – gleich mir – unter völlig anderen arbeitstechnischen Voraussetzungen ihr Studium absolviert und die ihre Seminararbeiten und Dissertationen noch mit zwei Durchschlägen mittels Kohlepapier in die mechanische Schreibmaschine getippt haben, ist eine voll sichtbare Revolution im Datenwesen eingetreten. Seit den Zeiten der Brüder Grimm, die am Beginn des 19. Jahrhunderts ihre Zettelkästen angelegt und in ihnen ›gelebt‹ hatten und meiner eigenen Studienzeit, in der ich für jede Arbeit ein Kästchen mit Karteikarten anzulegen hatte, war auf der technischen Seite der Datenbewältigung nichts Ereignisreiches und Neues eingetreten – zumindest nicht im Bewusstsein der Generation, die sich mit stundenlangem Suchen in Bibliothekskatalogen, daraufhin dem Durcharbeiten und Exzerpieren der entlehnten Bücherstöße, buchstäblich dem Leben in einer (oder gleich mehreren) großen Bibliotheken, dem Warten auf ein Wort des Professors, der Hinweise auf ein günstig von der Kritik aufgenommenes Buch geben könnte, durchzuschlagen hatte. Zu dieser technischen Insuffizienz gehörte auch, dass dringend benötigte Buchtitel generell in ungenügender Zahl vorhanden waren: entweder vergriffen oder zu hoch im Anschaffungspreis oder, wie es damals oft vorkam, aus der Institutsbibliothek bereits entliehen – oder im schlimmsten Fall entwendet waren. Diese Knappheit führte bei manchen dazu, sich kleine private Bibliotheken anzulegen (so sie die Mittel dazu aufbringen konnten) oder – wie es gern im Zusammenhang mit der zu lesenden Sekundärliteratur geschah – letztere wenigstens teilweise zu umgehen oder durch andere, parallel dazu verfasste Werke zu ersetzen. Bei einigen wirkte sich diese Knappheit auf die Beflügelung ihrer Phantasie aus, so dass ihre Forschungsansätze etwas eigenartig anmuteten. Und damit komme ich auch schon zum Problem des langjährigen Fehlens von geeigneten Texten der deutschen belletristischen Literatur, besonders aber auch der Sekundärliteratur, das sich auf die Lehre eben dieser deutschen Literatur zumindest, so sollte man sagen (und auf dieser Diktion bestehen), ungünstig ausgewirkt hat. Zwar gab es bis noch vor etwa anderthalb Jahrzehnten die Möglichkeit des Raubdrucks, solange Taiwan nicht die internationalen Vertragsvereinbarungen über den Copyright-Schutz unterzeichnet hatte; allerdings kam diese international illegale Praxis der Druckerpresse auch nicht (oder fast nicht) der deutschen Literatur – schon damals nicht! – zur Anwendung, weil der Markt hierfür fehlte. Selbstverständlich konnte man sich in dieser Situation (als Lehrer) mit der Kopiermaschine helfen, was ja auch wirklich geschah, was aber den Markt für deutsche Literaturwerke entweder verkümmern oder erst gar nicht entstehen ließ und das Interesse bei potentiellen Lesern nicht heben konnte, wie sich gezeigt hat. In nur seltenen Fällen kam ein gedrucktes Buch auf den Markt, dem man es aber sogleich ansah, dass es zu höchst trivialen didaktischen Zwecken geschaffen oder arrangiert wurde; gern aus Texten zusammengestellt, deren große Einfachheit auf dem Niveau der deutschen und österreichischen Mittelstufen der Gymnasien zu beruhen schien; manchmal wohl auch noch darunter. Manche dieser Arrangements strichen das Aphoristische heraus und strengten große Worte berühmter deutscher Dichter und eventuell Träger solcher Namen an, die in der Deutschen Bibliographie verzeichnet waren, so meine Erinnerung; es sollte also dadurch eine Art Anthologie der deutschen Weisheit und des Intellekts gegeben werden, die schon hart an das heute so übliche name calling heranreichte und mit der man auf billige Art Wissen vortäuschen wollte; hier unter geeigneten Umständen durchaus als eine gesellschaftliche Waffe oder als besonderer Bonus einsetzbar. Den vielleicht größten Teil nahmen möglichst kurze Geschichten ein, welche nur mindere Relevanz für die literarische Bildung aufzuweisen hatten; offensichtlich wohl, weil man dadurch die noch ungeübte Lesefähigkeit seiner Schüler nicht überfordern wollte, was, so besehen, noch durchaus legitim erscheinen mag. Auf diese Weise aber konnte man nie zu irgendeinem bedeutenderen, längeren Werk der deutschen Literatur gelangen, aus dem man allenfalls kurze Proben im Originaltext hätte geben können und den überwältigenden Rest in syntaktisch stark vereinfachenden Paraphrasen hätte bestreiten müssen. Dass solches auf keinen Fall in Richtung eines sinnvollen Literaturunterrichts zielt, scheint auf der Hand zu liegen.

Es sei hier gleich angemerkt, dass Studenten – selbst auf dem Niveau einer Graduate School – die in ihrem Studium also täglich mit dem Deutschen auf der Basis der deutschen Linguistik sowie wenigstens einer Einführung in die Literaturwissenschaft, ähnlich wie sie die Germanisten betreiben, zu tun haben müssen, heute größten Schwierigkeiten beim bloßen  rudimentären Nachvollzug eines literarischen Gedankens – und noch viel mehr in der Erfassung von Epochenphänomenen aus der Literaturgeschichte, geschweige denn einer ernstzunehmenden und nur ansatzweisen Textanalyse unterworfen sind. Freilich wird man darauf verfallen, die Schuld an diesem Versagen selbst auf dieser Unterrichtsstufe der fehlenden Sprachbeherrschung zuzuschreiben. Was verbirgt sich aber hinter dieser bloßen Formel? Dass man sich – zugegebenermaßen – in der Fremdsprache nichts merken kann, ist in der Praxis des Unterrichts schon eine häufige Erscheinung. Dies erklärt aber noch nicht die Gründe der genannten Insuffizienz. Es scheint mir hierin eine uneingestandene Abwehr der Studierenden vorzuliegen; eine Abwehr, die im Grund neue, allerdings durchaus verstehbare, jedoch nur zum Teil verstandene Inhalte (des Literarischen) aus dem Gedächtnis zurückweist, so dass oft nicht einmal die einfachste Frage beantwortet werden kann. Die fehlende Sprachbeherrschung setzt sich nach meiner Erfahrung zusammen aus einem Konglomerat von zeitlich hintereinanderliegenden Lernereignissen und Unterlassungen. Hinzu kommen Verschleifungen, Trübungen, Deformationen und Löschungen von Inhalten und mangelndes Bewusstsein dem Lehrstoff gegenüber. Auch diese Aufzählung ist unzureichend; man müsste auch etwas über die Qualität der Lerninhalte und -ereignisse und paradoxerweise dessen, was unterlassen wurde, statuieren, damit man mehr über die genannten Defizite dieser Art des Lernens in Erfahrung bringen könnte. Das Desinteresse oder mangelnde Können – dieser Begriff ist in unserem Sachzusammenhang als ein sehr fragwürdiger aufzufassen – liegt nämlich nicht allein beim schlechten Willen eines Studenten, sondern es ist im chronologisch festzumachenden Werdegang seines Wissenserwerbs begründet, und zwar so, dass es nicht allein in seiner Eigenverantwortung liegt, wenn er etwas nicht kann oder weiß, sondern aus oft durchaus fremdbestimmten Faktoren resultiert. Stichwortartig darf ich nur einige wichtige aus dem Register aller vorkommenden Möglichkeiten herausgreifen: fehlende konsequente grammatische Grundausbildung, da diese für den Anfängerunterricht von vielen von vornherein als ›zu schwierig‹ erklärt wird; dadurch auf einer höheren Lehrstufe ein fehlendes Bewusstsein für eine gehobene Grammatik nach sich zieht, beispielsweise eine Textgrammatik, die – das sei hier auch vermerkt – von niemandem hier auf der Insel gelehrt wird; Ablehnung der Literatur als Gegenstand – selbst durch Lehrpersonen – weil man damit ›nichts anfangen könne‹, was brisanterweise auf zweierlei Arten verstanden werden kann; ein korrumpierter Kulturbegriff, weil man – auf Grund der Öffnung der Medien und deren bevorzugten Verschleiß und Vermittlung niederer Werte – nicht mehr weiß, wo oben und unten ist, sich also in einer stark verunsicherten Position befindet; defiziente Beherrschung der Lexik, da schon allein die oberflächliche Beschäftigung mit ihr zuviel Zeit in Anspruch nehmen würde, man sich also die zugegebenermaßen fürchterlich anmutende Erarbeitung von Bedeutungen der Wörter sowie der Gliederung des Sprachschatzes ersparen möchte und somit den Studenten sich selbst überlässt; das Ignorieren weiter Teile der Sprachpragmatik und des Stilistischen, wodurch eine Art ›blinder Fleck‹ hinsichtlich der Sprachverwendung bleibt, der sich später nur auf Umwegen über Fehlerkorrekturen beheben lässt. Bereits ein Resultat dieser Unterlassungen und  Defizienzen ist die notorische Kontaktarmut gegenüber der Sprache und ihren Hervorbringungen – so, als hätte ich es mit einer quasi-toten Sprache zu tun, die auf irgendwelchen Zeichen beruht und die man am besten (nach dem Unterricht) in einer Schatulle wegstellt und in einem Schrank aufbewahrt, wie eine Horn- und Edelsteinsammlung, und die man dann wieder hervorholt, wenn man dazu genötigt wird, sie zu zeigen. Dass aus einer solchen Kontaktarmut weder Verständnis noch Können (was immer das nun bedeuten möge) hervorgehen kann, muss ich nicht näher erläutern. Dass aber dieser Kontaktarmut abzuhelfen ist: damit werden wir uns im nächsten Abschnitt zu beschäftigen haben.

4. Wie beeinflusst das Erscheinen der elektronischen Medien und die fortschreitende Verbreitung und Verwendung des Internet unseren Umgang mit Literatur?

Um Literatur zu studieren, muss man erst einmal an sie herankommen. Haben wir vorhin die Knappheit an Leseexemplaren erwähnt, so geschah dies, um auf die Beschränkungen noch der jüngst vergangenen Zeit aufmerksam zu machen; und dies trotz der Tatsache, dass damals (und besonders noch weiter zurückliegend) weitaus mehr an Belletristik gelesen wurde, als dies heute der Fall ist, obgleich wir mit Recht annehmen können, dass wir heute besser mit Lesestoff versorgt sind als je zuvor.

Nicht nur oberflächlich besehen hat die neue Situation eine Ähnlichkeit mit der Wohlstandsgesellschaft, in der wir uns befinden. Sie entspricht ihr sogar in ganz entscheidenden Punkten und ist deshalb als zeittypisch zu sehen. Wie die Wohlstandsgesellschaft bestrebt ist, ihre Ressourcen an Waren und Dienstleistungen ständig zu vergrößern und auch ständig einem größeren Kreis von Konsumenten zur Verfügung bereitzuhalten, so geschieht dies in der Literatur-Präsenz auf dem Weg eines sich allerdings rasch verändernden Verteilungsapparats, der einerseits strikte Marktfunktionen erfüllt, aber auch – und das ist die wichtige Komponente dabei – auf einem anderen Feld nahezu entgeltlose Benefizien und Vorteile dem Interessenten verschafft, also gleichsam eine ›soziale Rolle‹ annimmt, indem er Literatur und andere Geistesprodukte in vielen Fällen ›zum Nulltarif‹ anbietet. Da Wortkunst und geisteswissenschaftlich erbrachte Leistungen – im Gegensatz etwa zur bildenden Kunst, in der es nur ein Original gibt und für die schon von allem Anfang an ein Markt ›tätig‹ wird  – in Geldwerten nur schwer zu messen sind, setzt man zunächst ihren Preis gleich null und verkauft Rechte (Vertriebsrechte, Aufführungsrechte, Honorare, Tantiemen etc.) und materielle Arbeitsleistungen (Herstellungskosten von Büchern, Verlegerhonorare), schützt in bestimmten Ausnahmefällen den Bezug von Autorenhonoraren für siebzig Jahre und erklärt alles vor dieser Zeitspanne liegende Gedruckte für ›vogelfrei‹. Und Jahr für Jahr gehören mehr Buchtitel zu dieser Masse, von der nun in immer steigendem Maße Werke eingescannt werden, damit man ihren Inhalt ins Internet stellen oder auf elektronische Datenträger pressen kann. Das ist für deutschsprachige Länder sowie für das Ausland die treibende Kraft dieses riesenhaften Unternehmens: den Zugriff auf nahezu unbeschränkte Ressourcen von Büchern ausnützen zu können – sofern in ihnen von irgendjemandem ein Nutzen erkannt wird. Der Vorgang entspricht einem riesigen Recycling der Informationsträger zunächst, später aber auch der Inhalte, wie sich denken lässt. Dazu wollen wir uns später äußern. Eine andere Affinität zu heute allgemein gültigen  Gesellschaftsformen müssen wir in Bezug auf die Verfahrensweise sehen, die gegenwärtig unter dem Stichwort der globalen Gesellschaft bekannt ist. Die technologiebedingte weltweite Ausbreitung von Informationskanälen bringt für die Literatur einige entscheidende Veränderungen und zieht Auswirkungen nach sich, die der Einzelne vielleicht im Augenblick gar nicht bedenkt, sondern von denen er – unbewusst in hohem Maße – einfach erfasst wird, mit denen er mitgeht und mit denen er sich wird abfinden müssen, und nicht nur im angenehmen Sinn.

Er genießt allerdings einige unleugbare Vorteile durch diese Technik der Aufbereitung und Organisation von Inhalten. So ist die augenblickliche Verfügbarkeit vieler Texte (etwa im Unterricht) für Taiwan der Kardinalunterschied zu früher, da man lange warten musste, bis man etwa ein in Deutschland erworbenes Buch hier aufschlagen und endlich darin lesen konnte. Auch das Vervielfältigungspotential – dass ich also denselben Text bei Bedarf rasch mehreren oder gleich wievielen Hörern in der Vorlesung oder zur Vorbereitung übertragen kann – gehört zu den unbestreitbaren Freuden dieser Entwicklung. Ferner das Ordnungspotential und erkanntermaßen die ›Sauberkeit‹ der elektronischen Dateien, die mir nicht nur einen aufgeräumten Schreibtisch, sondern auch einen meinem Wissen förderlichen Überblick über ein oder mehrere Wissensgebiete versprechen. Dann sind die ›lateralen Informationen‹ unbedingt zu nennen; das sind solche, die ich mir nebenbei durch Nachschauen auf Webseiten beschaffe und die mir neben dem angenehmen Effekt des Sofort-im-Bilde-Seins eine Art Hypertext erstellen helfen, mit Hilfe dessen ich in eine bestimmte Richtung des Wissens vorstoßen kann, wenn mir das erstrebenswert erscheint. Die besondere wissenschaftliche Recherchefunktion der verschiedenen Suchmaschinen ist eine zwar noch in der Entwicklung begriffene, allerdings sich ständig ausweitende Stärke der neuen Technik, mit der die Geschwindigkeit der Verfolgung einer Forschungsidee in ihrer Realisierung selbstverständlich um ein Bedeutendes erhöht wird und sicher in Zukunft noch weiter  erhöht werden wird. Ihr Anwendungsbereich auf die Literatur- und Kulturforschung ist aber als ein Nebenprodukt zu sehen, da es sich darin nicht um von hoher Geschwindigkeit abhängige Resultate der Forschung handeln kann, sondern eher um eine möglichst reife Tätigkeit der Überlegung, die Zeit benötigt und lieber nicht den Charakter einer Terminarbeit annehmen sollte.  Für die Studientätigkeit in Taiwan wird dies noch zu einer bedeutenden Quelle des für die Forschung unabdingbaren Informationsmaterials werden; zur Zeit zwar eher noch als eine Hoffnung existierend, wenn ich von der Literaturrecherche spreche, aber in Zukunft könnte da wohl ein ganz anderes Bild von der Wissenschaft entstehen, wenn Recherchetitel in großem Umfang einmal verfügbar sind. Denn um allein die augenblickliche Forschungslage in einem Fachgebiet einigermaßen in den Griff zu bekommen, benötigt man schon eine Menge Quellen mit unterschiedlichen (wissenschaftlich) vorgetragenen Meinungen, Ansichten und Autoritätspositionen, einmal ganz abgesehen von den baren Fakten, die die Forschung hervorgebracht hat. Der fehlende Zugang zu geeigneten Quellen hat, wie oben schon erwähnt, gern zu etwas seltsamen, wenngleich wissenschaftlich intendierten Ansätzen geführt, auf die man als Begutachter immer mit gewissem Staunen, wenn nicht Befremden reagiert hat, so meine Erfahrung. Die E-Mail-Funktion, vor über dreißig Jahren ins Leben gerufen, um die Kommunikation beispielsweise unter Wissenschaftlern zu erleichtern, hat sich durch ihre Popularität und ihre überwältigende Nutzung allerdings bis zur Unkennlichkeit von ihrer einstigen Bestimmung weg entfernt. Ihr Zweck wird jedem Professor und jedem Studenten klar sein, so dass man darüber kein Wort verlieren muss. Jedoch bringt dieses Medium weltweit veränderte, verzerrte, um nicht zu sagen: problematische Einstellungen zum Geschriebenen oder besser: zu dem zu schreibenden Text mit sich, da ja das in dieser Weise Abgefasste nachweislich einen Hang zum sorglosen Umgang mit dem Stil und den Gebrauchsregeln der Grammatik entstehen ließ, den Schreibstil also auf das Niveau der ebenfalls schlampig gesprochenen Alltagssprache herabdrückte, so dass eine Anhebung des Stils bei Bedarf oft schon schwierig ist. Nicht von ungefähr kommt auch der immer wieder begegnete Hinweis darauf, dass derjenige, der so intensiv kommuniziert – wie es ja das Internet gewissermaßen fordern würde – wohl selbst nicht mehr ›schaffen‹ könne, weil ihm die Zeit und die nötige Konzentration und Sammlung dazu abgehen müssen. Wenn diese Beobachtung sich als schlüssig herausstellen sollte, dann steht jedenfalls eine qualitative Veränderung des ›zu Papier gebrachten‹ Forschungsstils (als unterem Eckwert), wenn nicht sogar ein Absinken des Niveaus der breiten Forschungsprioritäten (als möglichem oberen Eckwert) bevor. Dies ist vorerst ein Verdacht, der sich mir aufdrängt und der durch eine Reihe von Fakten in seiner Substanz erhärtet wird.

Die neue Situation ist nun einmal die, dass man zuviel und noch dazu ständig wachsendes Material an sprachlichen Äußerungen, Erörterungen, ›Originaltexten‹, Interpretationen und alle Arten von Sekundärliteratur, Journalen, Verzeichnissen u.ä. vorfindet, was für den Sprachkundigen freilich eine Fundgrube des Wissens sein kann, das aber von der Mehrzahl der Studierenden in seiner dargebrachten Form nicht ausgeschöpft, ja oft nicht einmal richtig in seinem doch immer vorhandenen inneren Aufbau und in der Bedeutung seiner äußeren Darstellung wahrgenommen und richtig erkannt werden kann. Selbst Muttersprachler (also etwa Lehrpersonen) werden sich manchmal überfordert fühlen beim Durchsehen dieses augenscheinlichen Überangebots von – allerdings sehr unterschiedlichem – intellektuellem und auch praktischem Wert, mit dem man sich da belastet und dem man ausgesetzt ist. Da sich bekanntlich das Internet täglich neu aufbaut, kommt auch leicht das völlig Wertlose und Banale, anscheinend Zufällige gleich neben das Brauchbare zu stehen. Während in den Beständen einer Bibliothek bereits eine Vorauswahl von Büchern und Zeitschriften eines doch mehr oder minder garantierten Niveaus vorausgesetzt werden kann, ist es mir im Internet trotz verschiedener Suchkriterien nicht ohneweiters möglich, ›die Spreu vom Weizen‹ zu sondern. Auch das ist schon soviel wie ein Gemeinplatz, aber das erfahren und erkannt zu haben, ist trotzdem eine Art Wohltat für den Suchenden. Um dies nur an einem Beispiel zu illustrieren:  Die bloße Eingabe des Namens von Friedrich Heer, dem österreichischen Historiker und Publizisten, zeitigte im Frühjahr 2005 in der Google-Suchmaschine auf Anhieb zwischen 130 000 – 140 000 Treffer, von denen geschätzte 1% irgendetwas für mich Brauchbares in sich führten, was immer noch sehr viel ist. Davon muss man selbstverständlich die vielen Parallelen und Wiederholungen von Inhalten abrechnen. Schon im Dezember 2006 aber erzielte ich auf das Eingeben desselben Namens etwa 678 000 Treffer. Ob der Informationsgehalt in derselben Proportion gestiegen war, wage ich nicht zu behaupten; ich würde es eher in Abrede stellen. Jemand, der mit Suchkriterien nicht sonderlich gut umgehen kann, wird daher nichts oder fast nichts finden, das ihn in seiner Suche wesentlich weiterbringt. Also: Bei dieser Einfachheit der Informationshandhabung oder Suche kann es nicht sein Bewenden haben. Sie dürfte aber typisch für viele ältere Forscher sein, die nicht mit einem Computer in ihrer Nähe aufgewachsen sind, auch wenn sie später (wie ich selbst zum Beispiel) unproportional viel Zeit an solchen Geräten verbracht haben.

5. Etwas über die Qualität des im Internet transportierten Datenmaterials, bezogen auf die Literatur und ihr Studium. Ein kurzer Abriss

Es kann hier selbstverständlich nicht um Vollständigkeit im Sinne eines nahezu lückenlosen Überblicks über die Einhaltung der Qualitätskriterien von Textprodukten gehen, die man in den elektronischen Medien vorfindet, sondern es soll eher ein Einblick unternommen werden, den ich an Hand von etlichen Beispielen vorstelle, wobei aber die Gründe für die Existenz von Zweifeln an diesen im Unterrricht einzusetzenden Mitteln sowie des Vorhandenseins von negativen, wenn nicht sogar destruktiven Wirkungen auf den Gegenstand der Literatur in unseren Köpfen tiefer als gedacht in der Sache selbst angelegt sind – was zu zeigen sein wird. Es kann aber auch nicht Sinn dieses Kapitels sein, neue Medien und ihre entstandenen Anwendungsparameter pauschal zu diskreditieren, um damit polemisch werden zu wollen. Ich muss dabei selbstverständlich auch der Frage nachgehen, inwiefern sich diese von mir besprochenen Hilfsmittel für den Literaturbetrieb in Taiwan eignen mögen, da ja dies ein repräsentatives Beispiel für die globale Verbreitung bestimmter Arten von Informationen (hier also der Literatur und literaturspezifischen Texten) und ihr Potential einer Rezeption zu sein verspricht.

Worüber man sich heute im akademischen Betrieb gern und mit einiger Leichtigkeit im Denken hinwegsetzt, ist die an Universitäten noch lange gelehrte diachrone Sicht auf den Gegenstand der Forschung – ich denke dabei besonders an die Sprachwissenschaft; dies gilt aber auch für andere Bereiche – deren Bedeutung für das Denken man als Student allerdings meist nicht in vollem Umfang wahrnimmt (wenn überhaupt zur Genüge). Das soll nicht heißen, dass Geschichte oder ein geschichtlicher Blick über Forschungsgegenstände auf akademischem Boden heute schon völlig unbekannt wäre, aber ihr (= der Geschichte) kommt im Bewusstsein weiter Kreise nicht die ihr gebührende Stellung zu. Bei vielen Studenten habe ich mit Schrecken festgestellt, dass der Bezug zu einer Historie glattweg fehlt und dass ein historischer Entwicklungsgedanke auch nur schwer – wenn überhaupt – zu unterrichten ist, wobei in mir oft der Verdacht geweckt wurde, dass die Ursachen dafür einerseits in der relativen Jugendlichkeit und diesbezüglichen Unbekümmertheit meiner Studenten liegen mussten, in der sie in einem gewissen Lebensabschnitt noch keinen spürbaren Abstand zu sich selbst gewonnen hatten; anderseits aber drängte sich mir der Gedanke auf, dass das Erleben von täglichen Fakten und deren zeitlich geordnete Registrierung in der Retrospektive dieser Studenten mehr oder minder ›formlos‹ und unbeobachtet vor sich gehen müsse, wodurch die Herausbildung einer wünschbaren historischen Perspektive hintangehalten würde. Dazu kommt, dass seit langem eine Veränderung unserer rezeptiven Gewohnheiten in eine andere Richtung hin festzustellen ist, die nicht ohne Auswirkungen auf unser so Wahrgenommenes bleiben kann: Wir finden uns oft und beinahe allein angezogen und fasziniert von der performativen Augenblickswirkung und scheinen heute angesichts der für den Einzelnen unübersehbaren Masse an Informationsmaterial, die uns oft schon wenig Spielraum für Reflexion übrig lässt, beinahe nur ein Verständnis für die unterhaltsamen, effektvollen und in ihrem Stil als meist nur auf journalistischem – oder gleich werbemäßigem! – Weg zu verarbeitenden Erfolgsmeldungen zu haben. Dem spielt die Tatsache in die Hand, dass im Bewusstsein der Gegenwart dem öffentlich verbreiteten Erfolg eine möglichst rasche Aufeinanderfolge von (augenscheinlichen) Innovationen entsprechen müsse, und da man jetzt erst recht – ständig – Neues finden zu müssen glaubt und von diesem Neuen so sehr beherrscht, ja besessen ist, so dass man das Vorher fast überhaupt nicht und auch kaum das Nebenher unserer Lebenswelt zu sehen oder zu würdigen versteht, nehmen wir geschichtliche Entwicklungsgedanken nur mittelbar, wenn nicht gar bereits schlecht wahr. Das ist einer der Ausgangspunkte der Kritik an dem, was auf elektronischem Wege nun auf uns zukommt und von dem wir zu glauben verführt werden, dass es das Wissen beflügelt. Die augenscheinlichste Wirkung des Internets, beispielsweise, ist die der Prätention der Ubiquität und der Ausschaltung der Zeit. Wenn alles an möglichst vielen Orten sofort verfügbar ist, dann wird nicht nur die (existentiell festzustellende!) Mühe bei der Auffindung von Antworten und Lösungen einer (nach enzyklopädischem Verfahren) gestellten Frage  und die Überwindung der Distanz ausgeblendet, sondern es wird der Blick in die historische Tiefe zumindest stumpf gemacht, wenn nicht gar verstellt. Dies wiederum verhindert die Notwendigkeit zu erkennen, dass eine Entwicklung – gleich welche: eine Textentstehung, eine Rezeptionsentwicklung, eine gewachsene Epochenperspektive – bisher überhaupt stattgefunden hat und dass diese von nachdrücklicher Bedeutung für unser Verständnis eines Werks ist. Was man zu finden gewohnt ist, erschöpft sich zumeist im statischen Gebilde einer einzigen Buchfassung, welche ich rasch aus dem Netz herunterlade und die – dazu oft noch mit Fehlern behaftet – keinerlei Gedanken fördert, wie denn der Text auf uns gekommen sein mag und was wir von ihm zu halten hätten. (Dass diese eben nicht geförderten Gedanken ›sekundärer‹ Art sind, ist mir durchaus bewusst, und es soll uns etwas später noch interessieren.) Wenn man dem entgegenhalten möchte, dass dieser Zustand lange vor der Erfindung des Internets auch schon existiert habe; dass also früher ein Buch angeschafft worden wäre, ohne dass man sofort auf eine kritische Ausgabe gestoßen wäre; dass das Lesen eines Werks, ja oft eines im Text verstümmelten, überarbeiteten und in seinem Sinn entstellten Werks gar der Normalfall gewesen wäre; so dass kritische Ausgaben erst durch solche einer breiteren Leserschaft oft unbewussten Irrtümer erforderlich geworden wären; dann sieht es freilich im ersten Moment so aus, als müssten wir dies (in der Geschwindigkeit der Diskussion etwa) einfach zugeben, und wir wären auch dazu leicht bereit einzuräumen, dass sich dagegen nicht einmal etwas Handfestes vorbringen ließe. Was der Andere aber nicht sieht oder nicht sehen will, ist die gern willkürlich im Diskurs ausgeklammerte Tatsache, dass es sich hierbei um einen Zustand der gegenwärtig herrschenden Reduktion (nämlich des literarischen Angebots bzw. unserer Anforderungen an den Buchhandel oder seinen digitalen Nachfolger) handelt, einen freilich durch aufbereitungs- und markttechnische Zwänge verursachten – hoffentlich nur vorübergehenden –  Zustand oder eben einen augenblicklich verfügbaren Standard der Textdarstellung, der uns in einem neuen (auf digitalem Weg erreichten) Kommunikationszusammenhang sozusagen aufgezwungen oder zugemutet wird. Man vergisst ferner (oder lässt es in der Diskussion unerwähnt), dass wir meistens noch auf Grund von wenigstens zweierlei Überlieferungssystemen forschen – des ›alten‹ und des ›neuen‹ – wobei das ›alte‹, oder ›buchmäßige‹ (also auf Papier) nicht nur noch vollständig intakt ist, sondern weitgehend, wenigstens im Hintergrund, auch in der Forschung präsent ist und noch weiterhin so gehalten wird. Und zwar ist dieser Hintergrund ein durchaus aktiver und schon eher einem Fangnetz im Zirkuszelt unter Akrobaten vergleichbar. Denn wo es um eine inhaltlich tatsächlich abzusichernde Forschungsarbeit geht, da muss ich auf jene Texte zurückgreifen können, die ein etabliertes Maß an Genauigkeit aufweisen, und diese finde ich zumeist nicht im Internet. Das Internet mit seinen Angeboten bietet derzeit noch keinerlei umfassende Garantie für entweder authentische oder fehlerlose Texte. Das erscheint hart, man muss jedoch bedenken, dass die Nachprüfbarkeit sich in der Praxis weitaus schlechter anbietet als bei gedruckten Büchern, die – wenn wissenschaftlich verbürgt – etwas ganz anderes darstellen als (verhältnismäßig) rasch auswechselbare Seiten oder Einheiten eines Textcorpus im Internet. Egal, wer dahinter steht oder für die Integrität firmiert. Ich sehe mich infolge dessen als Literaturlehrer in Sachen Textherkunft einem Qualitätsspektrum gegenüber, das verschiedenen Anspruchskriterien entgegenkommt oder diesen eben nur ungefähr entspricht: von sehr niedrigen Ansprüchen der Texttreue bis zu mittleren Standards, wobei die Möglichkeit der Qualitätsmessung nicht immer sofort offensichtlich ist, sondern ad hoc stichprobenartig und gern sogar ein wenig gefühlsmäßig vorentschieden werden muss. Nicht mehr so selten findet man eine Art der kritischen Textaufbereitung vor: eine solche, die auf Grund von digitaler, fotogetreuer Bildübertragung als einem Original ebenbürtig gelten darf, und diese Textdarstellungen sind überhaupt die Hoffnung des Literaturwissenschaftlers auf das Internet. Für mich selbst oder meine Arbeitsweise darf ich sagen, dass mich dieser Zustand einigermaßen entlastet – was das Vorhandensein und die rasche Beschaffung der Texte etwa für einen Unterricht anbelangt – aber auch, dass mich die Situation irritiert, wenn es darum geht, Studenten, die kein derartiges Vorwissen haben, zu erklären, welche Art von Text sie eigentlich verwenden ›dürfen‹. Wenn ich diesbezüglich Einschränkungen machen muss, so werden diese heutzutage größtenteils mit Unlustgefühlen quittiert. Denn über Fr. Nietzsches Voraussage hinaus, dass der Mensch lerne, um dann journalistisch zu arbeiten, ist es doch wohl so geworden, dass die Schule – eingeschlossen die Universität – schon selbst journalistisch arbeitet, also von ihrer Methode her schon nur mehr eine Spielart des Journalismus ist. Infolge dessen arbeiten Studenten heutzutage gern nach einem Ansatz, der im Sinn einer seriösen Wissenschaft keiner mehr ist, sondern welcher einer vulgär gemachten »Erlaubt ist, was gefällt«-Maxime nachgerät und sich um den Gehalt des Wortes nicht einen Deut schert. Um das hier Gemeinte kurz zu umreißen, sollte ich gleich anmerken, dass ich in der näheren Vergangenheit so genannte schriftliche Arbeiten von meinen Studenten erhalten habe, die ich nicht mehr als persönlich abgefasste Referate gelten lassen konnte, da sie sich lediglich aus mehr oder minder auf das gestellte Thema zutreffenden Kopien und Ausrissen von Webseiten aus dem Internet – unter Zuhilfenahme bilderreichen Anschauungsmaterials, das anscheinend ›allemal passen musste‹ – zusammmensetzten. Die Ideologie des ›copy and paste‹  hat sich verhängnisvoll in die Arbeitsweise der jungen Leute eingeschlichen, die offensichtlich nicht mehr wissen und es auch kaum zur Kenntnis nehmen wollen, dass man Inhalte, gleich welcher Art, zunächst verinnerlichen muss, um sie später in sublimierter Form wiedergeben zu können. Diese Vorgangsweise wird von ihnen auch noch fälschlicherweise als ›Wissen‹ aufgefasst, rekrutiert sich aber größtenteils aus nichts anderem als so genannten (schlechten) Zufallstreffern, die jemand in Richtung eines Ziels abgibt, das er irgendwo vermutet, weil er/sie das Terrain nicht kennt. Damit spreche ich aber schon das nächste Problem an, das sich aus diesem ergibt: die (im Grunde) überspielte und bei näherem Hinsehen leicht feststellbare qualitative Ratlosigkeit angesichts der Masse des Angebots. Denn man beobachtet immer wieder, dass das literaturspezifische Wissen, traditionellerweise in jahrelanger Arbeit schwer erworben, jetzt entweder als ›zu hoch‹ oder ›zu abstrakt‹, ›zu unpraktisch‹ oder gar ›unnütz‹ abqualifiziert wird, oder aber dass es bei vielen überhaupt nicht mehr als Wissen gilt und in Erscheinung tritt, sondern eher als etwas, das man ›leicht selbst bewältigen‹ kann, wie man etwa seinen Haushalt selbst besorgt oder Einkäufe in bestimmten Straßen einer Stadt macht; jedenfalls als etwas, das man selbst und ohne viel Erfahrung erledigen kann. Womit man sich paradoxerweise und ohne viele Mühe den Anstrich der Selbständigkeit im Arbeiten zu verschaffen meint. Die Folge ist in Missgriffen nach Quellen und ›begleitender‹ Literatur zu suchen; ich will nicht einmal von Sekundärliteratur sprechen, denn was Studenten im Internet oft zum Vorschein bringen, verdient diese Bezeichnung nicht. Da hier (= auf den Webseiten) die ärgsten Unwerte gleichrangig neben das Wertvollere und (– warum nicht auch? –) das tatsächlich Gute und zum Ziel Führende zu liegen kommen und die Hierarchie der Qualität nur zum geringeren Teil sofort erfasst wird, so wird der beim Studium eines literarischen Werks nötige geistige Durchdringungsprozess auf einige oberflächliche und meist nebensächliche Gesten reduziert. Da auch das Denken auf abstrakten Ebenen für Zwecke der Literatur gegenwärtig nicht gern angestrengt wird, so fällt man wie von selbst einfach auf die stark in popularisierender Absicht und ebensolcher Rhetorik sowie Bilder hergestellten Webseiten herein, die eigentlich keinerlei oder nur sehr wenig brauchbaren Informationswert besitzen. Wenn ein mittelalterlicher Dichter wie Wolfram von Eschenbach so eingeführt wird, dass sich der Verfasser der allgemeinen Unbildung anbiedern zu müssen glaubt, indem er – nach Gebrauch von etlichen Fachwörtern, die er seinem Text unterstreut – den Dichter ganz einfach als einen ›Liedermacher‹ hinstellt, um in Klammer das zutreffende Wort (Minnesänger) hintanzusetzen, dann wird die Sache für mich bedenklich. Mir ist selbstverständlich bewusst, dass das Bildungsgut, wenigstens jenes des 19. Jahrhunderts, welches ein höchst umfangreiches sowie ausgesprochen nachhaltiges war, in den letzten Jahrzehnten beinahe künstlich – mit sonderbarem gegenmissionarischem Eifer sogar – abgebaut und ausgejätet wurde, denn sonst wüsste man wohl den Unterschied zwischen beiden Begriffen zu treffen. Doch so weit darf man sich in jedweder didaktischen Indulgenz, der man sich heute verpflichtet zu fühlen glaubt, nicht herablassen. Und dennoch scheint ein Gedankengang wie der meine seiner Gültigkeit in diesem Augenblick beraubt zu sein – jedenfalls vor dem Hintergrund des Internets sowie der übrigen einzusetzenden Medien, denen es weniger um die Exaktheit eines gebrauchten Terminus aus der Literatur oder einer genauen Analyse geht, sondern deren Sendung es zu sein scheint, unter allen Umständen auch auf den untersten Stufen der sprachlichen Vorstellungsfähigkeit noch ›verständlich‹ zu bleiben, um eine bestimmte Signalwirkung bei den Adressaten auszulösen – denn die Literatur steht bekanntlich auch im Sold (zum Beispiel) der Tourismuswirtschaft, welche die Schaffung einer Website finanziert und diese Investition als Umwegrentabilität, jedoch nicht als Wert für sich genommen, anzusehen geruht. Auch diese – völlig ›legitime‹ – Indienstnahme eines mittelalterlichen Dichters für die Zwecke eines höheren Einkommens einer bestimmten Region des Landes ist eine jener zahllosen Zweckentfremdungen, mit denen man sich wird abfinden müssen, denn das Internet – entgegen seinen ursprünglichen Intentionen – ist kommerziell geworden und will uns daher jene Seiten zuvörderst sehen lassen, welche allein seine Betreiber für zweckmäßig ansehen. Wie wir schon sehen, ist das Resultat einer solchen Vermarktung eine einzigartige Leere, weil die Vermarktung dazu noch ein anderes Medium anstrengt, um ein im Grund sachfremdes Ziel zu verfolgen: einen Menschenauflauf an einem bestimmten Ort zu verursachen, der Devisen bringt – aber mitnichten eine Erkenntnis über den Dichter. Es ist die Werbung, die bereits in die Rhetorik dieser Webseiten eingebracht ist, welche solche Umleitungen des Interesses schafft. Wenn ich die Situation mit jener zu einem früheren Zeitpunkt vergleiche, zu dem diese Art der restlosen Veräußerung noch nicht stattfand, so stelle ich für den Jetzt-Zustand nur die Tatsache einer eklatanten Unechtheit fest, einer Gemachtheit, einer Hohlheit, die das kulturelle Ziel zwar umgibt, aber die ja nur mehr sekundären Unterhaltungswert besitzen kann. Hatte man sich vor 150 und mehr Jahren damit begnügt zu wissen, dass Wolfram von Eschenbach irgendwo in Franken beheimatet war, dass es Dichtungen in berühmten Handschriften gibt, die einige Fachleute der noch nicht so lange zuvor gegründeten Germanistik zu Gesicht bekommen und lesen – und hätte man vielleicht auch selbst den Dichter in einer (damals) neuen Buchausgabe gelesen –, so begann schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts eine Art Wettlauf darum, des Dichters ›habhaft‹ zu werden; zunächst wohl aus ideologischen, später aus kommerziellen Gründen. Heute allerdings unterwirft man vieles, was ein oft nur zufälliges Accessoire sein kann, einer Rolle, die den Hauptteil des nur als schlechtes Schauspiel zu bezeichnenden kulturellen Events bestreiten soll, während der Urgrund unseres Interesses eigentlich ungewichtig ist (oder eben sich so dargestellt findet). Es ist ähnlich wie in Salzburg, wo ich eine geradezu erschreckende Abwesenheit Mozarts und jeglichen Gedankens an Mozart beim Durchschreiten der belebten Getreidegasse und beim Eintreten in das Geburtshaus in der Getreidegasse feststellen musste. Nicht etwa, dass ich gegen die Darstellung einer schönen mittelalterlichen oder barocken oder einer Renaissance-Stadt wäre oder gar gegen gutgemeinte kulturelle Veranstaltungen polemisieren wollte. Davon kann nicht die Rede sein, denn diese sehen angesichts der heutigen Situation ohnehin schon geschwächt aus. Und ich lasse dabei auch nicht unerwähnt, dass die gegenwärtig erlebte Verflachung der kulturellen Substanz durch die massenhaft erlebte Anschwemmung von fragwürdigen, jedoch heutzutage als gesellschaftlich durchaus ›gleichberechtigten‹ und finanziell auch dementsprechend hochdotierten Konkurrenzformen unserer Lebensgestaltung wenigstens mitverschuldet ist. Das Relevanzproblem unserer Erinnerungsstätten sehe ich viel eher darin, dass zum Beispiel von Wolfram (in Wolframs-Eschenbach) sowie von Mozart (in Salzburg) oder Brahms (in Mürzzuschlag, wo dieser an zweien seiner Symphonien arbeitete und ausgedehnte Spaziergänge unternahm) kaum ein authentisches Stück mehr vorhanden ist, wo man die Gedenkstätte unterhält – mit Ausnahme des Hauses vielleicht. Jedoch der Mensch von heute ist durch seinen vulgären Materialismus, der ihm auch überall noch gepredigt wird, sein haptisches Verhalten mehr denn je auf Gegenständliches, mit den Händen Greifbares angewiesen. Es genügt daher das Wort eines Dichters nicht allein, um sein Anschauungsbedürfnis zu befriedigen. Daher sucht man Zuflucht zu Pseudo-Reliquien, die man im gefälligen Museumsshop wie an Wallfahrerläden, doch ohne die Segnungen eines Geistlichen (was wohl einen Unterschied macht!) ersteht und mit nach Hause nimmt. Man geht im Städtchen umher, das zu Wolframs Zeiten niemals so ausgesehen haben mag; man sieht sich ein Haus von allen Seiten an, das Wolfram einmal zugeschrieben worden ist, obwohl man für die Echtheit oder Sinnigkeit einer solchen Zuschreibung keinerlei Beweis zu erbringen vermag; man sieht sich die zweifellos sehenswerten Fachwerkhäuser der Stadt an, die erst Jahrhunderte nach dem Tod des Dichters gebaut und oftmals renoviert und verändert wurden; man besucht die Deutschordenskirche, in der jemand noch zu Anfang des 17. Jahrhunderts Wolframs Grabmal gesehen haben will, von dem jedoch heute keine Spur mehr zu sehen ist. Es ist eine perfekte reality show – von welcher der wichtigste Teil allerdings fehlt. Und das Internet überträgt wie selbstverständlich diesen Zustand der tatsächlichen Leere, der Absenz letztlich von Sinn sowie eines Klaffens der Stereotypie alles so (= auf diese Weise) Wahrgenommenen nur allzu perfekt. Allein, das wird von den Betroffenen nicht so pessimistisch aufgefasst, sondern als jenes hingenommen, was man ihm fälschlich zuschreibt: als die Präsenz des Dichters, Komponisten etc. Man hat somit versucht, diese bloßen Erinnerungsorte als Quasi-Pilgerorte hochzustilisieren, hat dabei aber übersehen, dass ein häufig besuchter Wallfahrtsort von einer weitaus höheren Dichte an emotionalen Bezügen seiner Pilger ›lebt‹, die das rational Fassbare übersteigen. Deshalb ist ein solcher Ort in einer weitaus besseren und stabileren Situation als ein lediglich auf Werbung und Medienpräsenz angewiesener Bildungs-Ort. Wenigstens für die Jetztzeit gilt aber, dass der Aura eines Dichters, Künstlers keine reale Entsprechung in der Gemütsverfassung unserer Zeitgenossen mehr zukommt und dass das Schwärmen für Außerordentliches und die Ekstase sowie der noch nicht so weit zurückliegende ›natürliche‹, beinahe selbstverständliche Enthusiasmus in Gegenwart einer Kunstleistung – zumindest auf dem Gebiet der Literatur – nur mehr der Vergangenheit angehört und sein Ersatz deshalb lediglich eine schwache Wirkung auf die Leser hat. Daher setzt sich auch nur eine verhältnismäßig langweilig zu quittierende Grammatik der künstlerischen Ausdrucksformen des Dichterischen im Internet durch, wenn überhaupt etwas, das nicht ohnehin schon der gewohnten Seichtheit oder auch der augenfälligen Infantilität landläufiger Website-Designer zum Opfer gefallen ist, die uns die Technisierung unserer Welt mitbeschert hat und die wir vermutlich nicht so leicht wieder abschütteln werden können.

Ich muss in diesem Zusammenhang nicht erst jene Erzeugnisse und Innovationen auf dem Gebiet der Datenverarbeitung und –präsentation besprechen, die auf den ersten Blick bereits unzweifelhaft ihren Wert für ein wissenschaftliches Arbeiten verraten. Denn auf diesem Gebiet könnte ich dann nur affirmativ antworten, und das soll nicht der Sinn dieses Beitrags sein. Wenn seit Jahren große und kleinere Bibliotheken ihre Kataloge neu fassen und im Internet zugänglich machen, so kann man das – wenigstens zum gegebenen Zeitpunkt und auf dem Niveau dieser Forschung – nur als einen ›Schritt nach vorn‹ bezeichnen. Wenn man das alleinige Faktum des Erscheinens von elektronischen Datenträgern, wie CD-ROMs oder speziellen Chips besieht, mit Hilfe derer man das Wissen der sonst aus dem allgemeinen Bewusstsein schon verschwundenen Bücher einsehen kann – ich denke dabei an die alten Lexika des 19. und frühen 20. Jahrhunderts –, dann sehe ich darin eine echte Bereicherung unserer Lesekultur. Wenn ich bessere Möglichkeiten des Nachschlagens von Einzelheiten in einem umfangreichen Werk zur Verfügung habe, so bedeutet das für mich einen Aufschwung; schon allein aus dem Grund, da man damit das leidige und langwierige Suchen leicht umgehen kann, eigentlich ein Muss für jeden Forschenden, der bekanntlich gegen die rasch verstreichende Zeit kämpft. Die Suchfunktion ist wahrscheinlich eine der wichtigsten Errungenschaften dieser Technologien, die wir auch nicht anzuzweifeln vermögen. Durch sie zeichnet sich ja auch das Internet als ›unverzichtbar‹ aus, da wir damit anscheinend in jede Sparte des von uns vorgestellten sowie uns unbekannten Wissens hineingelangen. Erst auf einer ›sekundären‹ Schicht der Betrachtung entsteht ein Problem: jenes des Wissens an sich, welches sich auf Grund eines Missverständnisses rasch ausgebreitet hat. Der Mensch weiß nicht mehr, was er im Gedächtnis behalten kann, oder er versteht nicht mehr zu unterscheiden zwischen dem, was durch elektronische Medien an ihn oberflächlich herangetragen wird und den Inhalten, die er ›assimiliert‹ und im Gedächtnis verarbeitet. Spezialisierung, Expertentum und letzlich ›Ausdörrung‹ der Muttersprache Deutsch in Wissenschaftsdomänen verweisen viele potentielle Interessenten und vielleicht auch Möchtegern-Kenner auf einen Wissensstand der Oberflächlichkeit, für den wir in einem ganz anderen Gebiet, nämlich dem – ebenfalls höchst oberflächlichen Sight seeing unserer Tage – eine aufschlussreiche Entsprechung finden: Wir kennen anscheinend alles und doch nichts. Von nichts haben wir mehr als nur eine Ahnung, die rasch wieder verblasst, sobald wir sie zur Seite gestellt haben. Und wir können uns dieser Entwicklung auch nur sehr schwer entziehen.
Mit dem Thema Wissen oder Bildung haben sich in der nächsten Vergangenheit mehrere, darunter auch namhafte Autoren aus dem Bereich der Philosophie, der Geisteswissenschaften und der Künste zum Teil eingehend und in sehr kritischer Weise befasst, besonders mit dem, was durch die Neuorganisation der Universitäten in Forschung und Lehre im Zug der Zerschlagung unserer traditionellen, Humboldtschen Universitäten bereits angerichtet wurde. Dass dabei besonders die Koordinationsbestrebungen auf gesamteuropäischem Niveau schlecht wegkommen, desgleichen – und das ist für uns hier von Belang – die bereits weit gediehene ›Industrialisierung‹ unseres (vermeintlichen) Wissens nicht mehr nur als Wissensvernichtungs-Potential, sondern als zugefügter und, wenigstens für die nahe Zukunft geltend, als irreparabler Schaden am menschlichen Wissen gesehen wird, darf nicht verwundern, wenn man sich dazu den Lebensstil unserer Zeit genau besieht. Der Vergleich mit den globalen Umweltkatastrophen und Szenarien aus der Science fiction-Literatur ist hierbei einleuchtend, wenn er sich uns nicht schon gar wie von selbst aufdrängt.

Die elektronischen Medien mit den durch sie eingeschleusten Lernmethoden und Techniken aller Art unterstützen diese ›Industrialisierung‹ des Wissens. Doch dieser Komplex an Fragen müsste in einer eigenen Forschungsarbeit erst richtig herausgearbeitet werden.

 

*  Originaltitel: The Jane Austen Book Club  
    Deutscher Titel: Der Jane Austen Club  
    Filmlänge: 106min  
    Land (Jahr): USA (2007)
    Regie: Robin Swicord  
    Drehbuch: Robin Swicord, Karen Joy Fowler