| Sennett: Handwerk (Büsching) |
| 05.03.2008 | |||
Das Schlagwort von der »Globalisierung« deutet zwar auf Vereinheitlichung hin – und im Hinblick auf die Verbreitung industrieller und ökonomischer (bzw. finanztechnischer) Standards mag das auch zutreffen –, dennoch leben wir heute mehr denn je in einer Welt der Entzweiung: Natur und Kultur, Theorie und Praxis, Geist und Macht, Arbeit und Besitz … Die Liste der Gegensätze, die das widersprüchliche Erscheinungsbild unserer Welt bestimmen, ließe sich beliebig erweitern. Da sie alle ihren Ursprung im Gedanken der Freiheit haben, wie er sich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts in Europa und Nordamerika herausgebildet hat, haftet jedem Versuch einer Synthese notwendig der Ruch des Arbiträren (wenn nicht gar Gewaltsamen) an. Der amerikanische Soziologe und Kulturhistoriker Richard Sennett hat in seinen Büchern seit den siebziger Jahren die Entwicklung, die zum gegenwärtigen Zustand führte, in den Bereichen des gesellschaftlichen Zusammenlebens (insbesondere in den urbanen Zentren), der Arbeitswelt und der Herausbildung einer spezifisch modernen Identität kritisch begleitet. Dabei zeigte er sich stets weniger am theoretischen Überbau interessiert als am ›lebensweltlichen‹ Detail. Seine Studien weisen ihn als großartigen Erzähler aus, der zwanglos einen Bogen zu spannen vermag zwischen alteuropäischer Stadtkultur und postmodernem Design, viktorianischer Moral und zeitgenössischer Vereinzelung – oder eben, wie in seinem neuen Buch, zwischen der Werkstatt eines Handwerkers der frühen Neuzeit und einer Gruppe Linux-Programmierer unserer Tage. Im »Prolog« erläutert er zunächst das grundsätzlich zwiespältige Verhältnis der Menschen zu ihren Werken anhand des Mythos von der »Büchse der Pandora« und der intellektuellen Auseinandersetzung mit der Entwicklung der Atombombe in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dieses Verhältnis bildet den Ausgangspunkt für sein Buch, das als erster Teil eines größeren Projektes gedacht ist: In drei großen Essays sollen die Grundzüge einer »materiellen Kultur« umrissen werden (im zweiten Band, Krieger und Priester, soll es um die »Gestaltung von Ritualen zum Umgang mit Aggression und Glaubenseifer« gehen und im dritten, Der Fremde, schließlich um die Erkundung der »Fähigkeiten, die erforderlich sind, um eine dauerhafte Umwelt zu erschaffen und darin zu leben«). Auch wenn Sennett betont, damit einem persönlichen Interesse zu folgen, stellt er sein Projekt in die Tradition der Enzyklopädisten, die er in einem Abschnitt des dritten Kapitels als »Handwerker der Aufklärung« vorstellt. Nach seiner Auffassung ist die »Trennung von Kopf und Hand«, die in der modernen Industriegesellschaft vollzogen wurde, und in der flexibilisierten Welt der postmodernen Dienstleistungsgesellschaft nachgerade zur Verachtung der Handarbeit (und derer, die sie ausüben) geführt hat, ein grundlegender Fehler, der dringend der Korrektur bedarf. Dass er dazu auf die Form der kulturhistorischen Erzählung (anstelle des Versuchs einer theoretischen Synthese) zurückgreift, zeugt zum einen davon, dass er sich des oben erwähnten philosophischen Problems bewusst ist, kann zum anderen aber auch als konsequente Umsetzung der im Buch ausgebreiteten inhaltlichen Einsichten verstanden werden, geht es bei der Darstellung handwerklichen Könnens doch vor allem darum, wie »implizites Wissen« erworben, eingesetzt und weitergegeben wird. Während dieses im modernen Effizienzdenken keinen Platz mehr hat, sieht Sennett es überall dort entstehen, wo Menschen »Dinge um ihrer selbst willen« tun und ein »Qualitätsbewusstsein« entwickeln, das sich weder durch verschärften Wettbewerb noch kollektiven Zwang erreichen lässt. So verstanden, muss »Handwerk« nicht notwendigerweise die manuelle Bearbeitung eines widerständigen Materials sein, obwohl, wie er einleuchtend darlegt, der Umgang mit dem unvollkommenen Werkzeug, die Auseinandersetzung mit dem unbearbeiteten Stoff (sei es nun Metall, Holz, Ton oder rohes Fleisch) eine geistige wie emotionale Verbindung zwischen Mensch und Welt schaffen, die auch eine gute Ausgangsbasis für eher immaterielle Arbeiten bildet, weil sie Strategien der Problemlösung und, vielleicht noch wichtiger, Problemfindung fördert, welche fruchtbare Lernprozesse in Gang setzen, statt einem heute üblichen Ideal von Perfektion zu frönen, das nur die Alternative lässt, ihm entweder zu genügen oder (was wohl die Regel ist) an ihm zu scheitern. Unter diesem Gesichtspunkt handelt es sich bei Sennetts Buch tatsächlich eher, wie der Klappentext ausführt, um ein »Plädoyer«, und weniger um eine logisch stringente kulturwissenschaftliche Analyse. Wer indes, wie etwa der Rezensent der Neuen Zürcher Zeitung, vom hohen Ross des feuilletonistischen Schreibens herab bemängelt, dass das Buch »nicht in allen Schlussfolgerungen und Beobachtungen völlig konsistent«, doch immerhin handwerklich »gut gemacht« sei, der zeigt damit nur, dass ihm jegliches Verständnis für die Problematik, die der Autor mit seinem Projekt aufgreift, fehlt. Solche mit klassischen Bildungshäppchen aufgehübschte selbstgefällige journalistische Geschwätzigkeit verhält sich zu der in Handwerk gezeigten essayistischen Brillanz wie der im Kapitel »Materialbewusstsein« beschriebene Stuck, der seit dem 17. Jahrhundert zur Herstellung billiger Imitate klassischer Architekturelemente und Verzierungen benutzt wird, zum »ehrlichen Ziegel«, der im Buch als eine Art Leitmotiv fungiert. Zwar hat auch ersterer seinen Platz in der Geschichte des Handwerks, aber im Gegensatz zum Journalisten käme der Stukkateur wohl nie auf den Gedanken, sein Erzeugnis für ein tragendes Teil des Gebäudes zu halten. – Vielleicht ist ein Gutteil der eingangs beschriebenen Schwierigkeiten, welche die große Mehrheit der Menschen mit (und in) dieser »globalisierten Welt« hat, auf ebendieses Missverständnis zurückzuführen. Das Nachdenken darüber lohnt sich allemal.
|
|||