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Seite 1 von 3 Peterchens Wallfahrt Der Schriftsteller Peter Handke am Grab von Slobodan Milošević von Jörg Büsching Über Tote schlecht zu reden, verbietet die Pietät - oder wenn nicht die, dann doch wenigstens der gute Geschmack. Lässt sich partout nichts Positives finden, das über den Verblichenen sich berichten ließe, so schweigt man besser und lässt ihn in Frieden ruhen.
Wie aber sieht es aus, wenn der Dahingegangene für die schlimmsten Massaker an Zivilisten in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges verantwortlich zeichnet, wenn er einer der letzten sozialistischen Alleinherrscher dieses nach Jahrhunderten mörderischer Glaubens-, Raub- und Dynastenkriege endlich (wenigstens zum größten Teil) befriedeten Kontinents gewesen ist und wenn sein Begängnis zudem von alten Betonköpfen und einem auch nicht mehr ganz jungen Kindskopf als politische Demonstration missbraucht wird?
Der Fall Milošević erweist sich noch über dessen Tod hinaus als Albtraum für Europa. Zuerst führte er die Gemeinschaft jahrelang als Papiertiger vor, der nicht imstande war, dem massenhaften Morden vor der eigenen Haustür Einhalt zu gebieten, dann hielt er mit seinen juristischen Winkelzügen die Haager Justiz zum Narren. Zu guter Letzt ist er, begleitet von diversen Verschwörungstheorien, heimgekehrt und bietet den Unverbesserlichen Gelegenheit, sich ihre eigene Version der 'Wahrheit' zurechtzulügen. Ein, wenn man so will, Spezialist auf diesem Gebiet drängt sich mit seiner seicht-mystifizierenden Erlebnisprosa vom friedvoll-bukolischen Ufer gegenüber der Kampfzone, vor allem aber mit seinen unflätigen Beschimpfungen andersschreibender Kollegen, nicht wegsehen wollender Berichterstatter und meinungsmachender Feuilletonfüller nun schon seit fünzehn Jahren als nervtötender Öffentlichkeits(be-)arbeiter in die diversen Diskursarenen. Was wunder, dass sich Peter Handke (wie das Online-Magazin des SPIEGEL unter Berufung auf eine dpa-Meldung vom 18. März berichtet) auch diese Gelegenheit der langsamen Heimkehr des großserbischen 'Pater patriae' und einstigen Erben des Marschalls Tito nicht entgehen lassen wollte, um noch einmal unerbeten seine Sympathie mit dem serbischen Volk kundzutun. Das ist zwar längst, wie zuvor schon das slowenische, auf dem mühevollen Weg ins demokratische, rechtstaatlich verfasste Europa, doch solcher Zeitenwandel ficht einen, der gerne an den unsterblichen Größen des deutschsprachigen Dichterolymps gemessen werden möchte, selbstredend nicht an. In seiner schlichten Gedankenwelt sind Gut und Böse immer schon definiert: Der väterliche, gewalttätige, das wirklich-wirkliche Leben niederwalzende Part kommt 'natürlich' dem westlich-kapitalistischen System und hier insbesondere dem wiedervereinten Deutschland zu, indes die slowenisch-jugoslawische Muttererde sein "gestaltgewordenes Wunschbild" von Heimat war, wie Frauke Meyer-Gosau treffend analysiert (Text+Kritik Nr. 24, Peter Handke, 6. Auflage, München 1999, S. 6); wenigstens so lange, bis das slowenische Volk den altsozialistischen Fesseln zu entrinnen suchte, um seine Stimme in das europäische Konzert einzubringen. Dies erregte 1991 den Tempelwächter des Utopischen in ähnlicher Weise wie zuvor schon Günter Grass die Aussicht, dass die ostdeutsche "Nischengesellschaft" nach der Wiedervereinigung von den süßen Verlockungen des Kapitalismus korrumpiert werden könnte. Allerdings hätte letzterer wohl niemals derart zynisch über ein in aller Öffentlichkeit stattfindendes Morden, Foltern und Vergewaltigen hinweggesehen und -geschrieben, um in direkter Nachbarschaft sein privates Utopia zu zelebrieren.
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