Der raunende Vater. Eine Erwiderung auf Botho Strauß' Artikel "Der Konflikt" (DER SPIEGEL, Nr. 7/06, S. 120/21)
von Jörg Büsching
Die Moslems sind unter uns! Für manch einen ist das offenbar eine ganz neue Entdeckung; er macht sie z. B. auf dem Fußballplatz, wo sein Sohn unvermutet und unverdient als "Christenschwein" angepöbelt wird, ein Zwischenfall von banaler Alltäglichkeit in der rauen Wirklichkeit, doch der das hört, ist ein an Nietzsche und Adorno geschulter Intellektueller und so fühlt er sich aufgerufen, seine "Diagnose" zu stellen.
Es fügt sich: Etwas ist faul im Staate Dänemark, die Zeit ist aus den Fugen, das Abendland... vielleicht schon verloren. Wir sollten beten, aber ach, wir haben's ja verlernt! Völlig schutzlos stehen wir der metaphysischen und gesellschaftlichen Herausforderung des Islam gegenüber. Da hilft nicht einmal die Besinnung auf unsere alten "zivilen Werte", die ohnehin bloß noch "mit doppelter Zunge" beschworen werden, nein, hier müssen die ältesten her, und festgeschrieben müssen sie werden, vielleicht nicht gerade auf Steintafeln vom Berge Sinai, aber doch zumindest im Grundgesetz: Der "Sakralsphäre" gebühre mindestens derselbe Schutz wie der Person. Der das einklagt, sieht sich selbst als Rufer in der Wüste, als einsamen Advokaten des Geistes in einer "weitgehend geistlose[n] Gesellschaft", in der "profane Gesinnung und Lebensform" oberstes Gebot der halt- und beziehungslos durcheinanderwuselnden Elementarteilchen sind. Doch "die Periode der 'neuen Unübersichtlichkeit'" ist beendet (...sei Dank!), denn nun sehen wir uns mit einer echten Gemeinschaft konfrontiert, einem neuen Ostblock gewissermaßen, der unser schwächliches "Integrationsangebot" mit "Nicht-Zerfall", "Nicht-Gleichgültigkeit", "Regulierung der Worte", "Hierarchien der sozialen Verantwortung" und "Zusammenhalt in Not und Bedrängnis" beantwortet, der also, mit anderen Worten, den staatlich garantierten und allenthalben für selbstverständlich genommenen Freiheitsrechten so wunderbare Errungenschaften wie (männliche) Ehre, Patriarchat, Zwangsehe und Blutrache entgegenstellt. Strauß hat recht, wenn er angesichts des anschwellenden Konflikts fordert: "In dieser Konkurrenz gilt es, unser Bestes aufzubieten, es neu zu bestimmen oder wiederzubeleben: das Differenzierungsvermögen an oberster Stelle, das Schönheitsverlangen, geprägt von großer europäischer Kunst, Reflexion und Sensibilität [...]." Besser wäre allerdings gewesen, wenn er dies alles nicht gefordert, sondern gezeigt hätte. Dazu allerdings wäre Geist vonnöten gewesen und nicht die abgeschmackte Pose des intellektuellen Orakels. |