Nationalsymbole und Pathos in Deutschland – Bert Brechts Kinderhymne
von Felicitas Söhner
Kinderhymne / Bertolt Brecht
Anmut sparet nicht noch Mühe
Leidenschaft nicht noch Verstand
Daß ein gutes Deutschland blühe
Wie ein andres gutes Land
Daß die Völker nicht erbleichen
Wie vor einer Räuberin
Sondern ihre Hände reichen
Uns wie andern Völkern hin.
Und nicht über und nicht unter
Andern Völkern wolln wir sein
Von der See bis zu den Alpen
Von der Oder bis zum Rhein.
Und weil wir dies Land verbessern
Lieben und beschirmen wir's
Und das liebste mag's uns scheinen
So wie andern Völkern ihrs.
(1949)
In einer Zeit, in der wieder auf allen Straßen die deutsche Flagge zu sehen ist, lebt er wieder auf, der deutsche
Fußballnationalismus. Die Symbolfarben schwarz-rot-gold drängen sich einem derzeit nahezu auf. Ob Mützen, Kaffeetassen,
T-Shirts oder Luftballons, im Moment sind die Nationalfarben wieder in und fungieren nicht selten auch als effektvoller Werbeträger. Jedoch
wie steht es mit anderen Symbolen der Deutschen? Spielt die deutsche Nationalhymne eine ähnlich populäre Rolle? Schon zur letzten
Fußballweltmeisterschaft wurden ähnliche Fragen diskutiert (Banchón 2006, Kruse 2006, Mahlzahn 2006).
Hier drängt sich die Frage eines normalen Umgangs mit Vaterlandsliebe und eines akzeptablen Pathos auf, der den Deutschen durch die
nationalsozialistische Vergangenheit abhanden gekommen war. Daher waren nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges deutsche
Nationalhymnen laut den Kontrollratsgesetzen der alliierten Militärregierung in Deutschland allgemein verboten. Während
1949 im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland die schwarz-rot-goldene Flagge als nationales Symbol festgeschrieben wurde, gab es
für eine Nationalhymne keine Regelung in diesem Gesetz. So gab es in den ersten Jahren der Bundesrepublik keine deutsche Hymne. Doch diese
brauchte man dringend, wenn deutsche Politiker Staatsgäste empfangen wollten. Man bediente sich diverser Ersatzhymnen wie Beethovens
Ode an die Freude. Als im April 1950 Bundeskanzler Adenauer in einer Berliner Veranstaltung überraschend das Publikum dazu
aufforderte, die dritte Strophe von Hoffman von Fallerslebens Deutschlandhymne singen zu lassen, verließen mehrere
sozialdemokratische Politiker den Saal und Adenauer löste damit national wie international einen Eklat aus. Bundespräsident
Heuss favorisierte als Hymnentext ein Gedicht Rudolf Alexander Schröders, welches heute als Bremer Landeshymne gesungen wird. Dennoch
gab der Bundespräsident nach längerer Auseinandersetzung nach, so dass sich im Mai 1952 Hoffmanns Lied der Deutschen zur Nationalhymne der Bundesrepublik
Deutschland durchsetzte.
Der durch Adenauer ausgelöste sogenannte ›Hymnenstreit‹, war unmittelbarer Anlass dazu, dass auch die Deutsche Demokratische
Republik die Bemühungen um eine Hymne vorantrieb. 1950 konkurrierten in der DDR zwei Autoren darum, eine Nationalhymne zu dichten. Zu
beiden Texten schrieb Hanns Eisler die Musik. Favorisiert wurde das Auferstanden aus Ruinen des Kulturministers Johann R. Becher,
welche später als ›Spalterhymne‹ in die Annalen einging.
Doch Bertolt Brecht lieferte das bessere Stück, welches er als mögliche Hymne für den jungen Arbeiter- und Bauernstaat
andachte. Brecht hat seine Kinderhymne bewusst als anspielungsreiches Gegenstück zu Hoffmann von Fallerslebens Lied verfasst, das er
als durch den Faschismus korrumpiert sah. Als eines von sechs Liedern aus einem Kinderliedzyklus wurde seine Hymne erstmalig im Juni 1950 in der
ostdeutschen Kultur-Zeitschrift Sinn und Form veröffentlicht.
»Das Gedicht trägt den Titel 'Kinderhymne', weil die eindeutige Botschaft gegen Krieg und Gewalt vom kindlichen
Verstand leichter aufgenommen werden kann als vom erwachsenen, wenn man an die große Anzahl von Katastrophen und Kriegen in der ersten
Hälfte des 20. Jahrhunderts denkt« (Häckler 2002). Das auf die deutsche Einheit zielende Festlied der Kinder nimmt
im Text immer direkt Bezug auf Hoffmanns Lied, was beispielsweise an folgender Anspielung an das Deutschlandlied zu erkennen ist:
»Von der
See bis zu den Alpen, von der Oder bis zum Rhein« (im Vergleich zu »Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den
Belt«). Auch das Versmaß von Brechts Hymne entspricht genau dem der Deutschlandhymne und in Großteilen dem der
Becherschen, so dass alle drei Texte jeweils mit den Melodien der beiden anderen absolut kompatibel sind. Hanns Eislers Musik
der Kinderhymne steckt voller Anspielungen auf die beiden anderen Deutschlandhymnen.
Brecht besingt in seiner Hymne vor allem das friedliche Nebeneinanderleben der Völker. Ihm ging es in erster Linie darum zu betonen, dass
die Menschen nicht blind Führern nachfolgen sollten. Sein Vorschlag wurde als Festlied für Kinder verbreitet, unter
anderem 1951 zur offiziellen Feier von Wilhelm Piecks 75. Geburtstag aufgeführt. Ende der 1970er Jahre rezensierte der Publizist und
Politikwissenschaftler Iring Fetscher die Kinderhymne wie folgt: »... es gibt wohl keine Hymne, die die Liebe zum eigenen Land
so schön, so rational, so kritisch begründet, und keine, die mit so versöhnlichen Zeilen endet« (Fetscher 1977: 159).
Vor genau zwanzig Jahren, nach der politischen Wende und vor der Wiedervereinigung, erschien in zwei Ausgaben der Zeit (Ausg. 25 und 26/1990)
eine Umfrage unter einigen Personen aus Politik, Kultur und Wissenschaft Deutschlands, welche Wahl sie zu Deutschlands Nationalsymbolen treffen
würden. Einige
von ihnen, wenn auch anteilsmäßig in der Minderheit, sprachen sich für Brechts Hymne als Lied des vereinigten Deutschlands
aus. In dieser äußerte Wolf Biermann: »Mein alter Vorschlag: Brechts Kinderhymne. 'Anmut sparet nicht noch
Mühe...', in der es so schön heißt: 'Und nicht über und nicht unter Andern Völkern wolln wir
sein...', und dazu die schöne Musik von Hanns Eisler, die so leichtfüßig ist und sich nicht zum Marschieren eignet. Zudem
ist Brecht unser größter Dichter in diesem Jahrhundert. Außerdem haben schon ein paar Leute dies Lied gelernt, ich sang es
mit ihnen in etlichen großen Konzerten« (Biermann 1990). Weitere Stimmen, die sich in dieser Umfrage für Brechts Text
aussprachen, waren Peter Brandt, Wilfried Geißler und Antje Vollmer:
»Berthold Brecht, 'Kinderhymne', 1949 (es folgt ein Zitat des Liedtextes)« (Brandt 1990);
»Ja, ich habe mich auch immer wieder gefragt, wie man fünf Jahre nach dem Krieg ausgerechnet das 'Lied der
Deutschen' wieder zur Hymne der Bundesrepublik machen konnte. Politische Instinktlosigkeit oder ungebrochene Traditionslinie? Ich
weiß, ich weiß: Hoffmann von Fallersleben, Haydn, von den Nazis mißbraucht, außerdem: nur die dritte Strophe,
bitte! Trotzdem. Dem Brecht muß das übrigens auch aufgestoßen sein. 1950 schreibt er das schlichte, anrührende Lied
'Anmut sparet nicht noch Mühe'« (Geißler 1990);
»Die 'Kinderhymne' von Bert Brecht, besonders schön ist die zweite Strophe. Übrigens: Der Text läßt
sich sogar auf die Haydn-Melodie singen, die ja wirklich wunderschön wäre, wenn man nicht dauernd das 'Deutschland über
alles' mithören würde...« (Vollmer 1990).
Martin Walser meinte gar: »Als Hymne kann es, glaube ich, keine bessere geben als den Text von Brecht, den er 'Kinderhymne'
nannte. Das wäre endlich und zum ersten Mal eine Hymne, bei der man, wenn man sie singt, keinen Schluckauf bekäme« (Walser 1990).
Seit dieser Zeit wird die Kinderhymne immer wieder gerne von Kulturträgern zitiert, wie der deutsch-jüdische Schriftsteller Stefan
Heym in seiner feierlichen Eröffnungsrede des 13. Deutschen Bundestages im November 1994 (Heym 1994). Rudolf Scharping setzte die
Kinderhymne an den Anfang seines Buches Was jetzt zu tun ist und beschreibt sie dort als »schöne[n] Text,
unprätentiös und fast beiläufig zeichnet er das Bild eines friedlichen Deutschlands« (Scharping 1994: 9).
Auch Gerhard Schröder sprach sich noch als Ministerpräsident des Landes Niedersachsen 1998 beim Festakt zum Tag der Deutschen Einheit
in Hannover für die Brechtsche Hymne aus: »Für eine andere habe ich eine besondere Vorliebe. Das ist die
'Kinderhymne' von Bertolt Brecht. Die gefällt mir deswegen, weil sie, anders als ihr Titel vermuten läßt, ziemlich
gut zum Ausdruck bringt, was ich mir unter einem Bewußtsein Deutschlands, das sich als 'erwachsene Nation' versteht,
vorstelle« (Schröder 1998). Als Kanzler wünschte sich Schröder bei seiner Rede zur Eröffnung des umgebauten
Reichstagsgebäudes, Brechts Kinderhymne würde »zum Integrationssymbol für Ost und West, für das
Selbstverständnis der 'Berliner Republik'« (Schröder 1999). So zitierte Schröder die Kinderhymne, wenn es um
sein Verständnis einer deutschen Identität in der europäischen und internationalen Gemeinschaft ging – auch wenn er immer
hervorhob, dass er die Nationalhymne nicht ändern wollte. Im Gegenzug zu Intendant und Schauspieler Peter Sodann, der sich 2008 für
die Brechtsche Variante stark machte, als er für das Amt des Bundespräsidenten kandidierte: »'Was würde
Bundespräsident Sodann in seiner Antrittsrede sagen?' – 'Ich würde eine neue Hymne vorschlagen: Anmut sparet nicht
noch Mühe, Leidenschaft nicht noch Verstand, dass ein gutes Deutschland blühe, wie ein andres gutes Land – Brechts
Kinderhymne'« (Sodann 2008).
Mir scheint es, dass die Deutschen langsam in eine Phase gekommen sind, in der die Angst vor nationalen Symbolen und Pathos nicht mehr die
größte Angst der Nation sein muss. Man zeigt wieder gerne Flagge. Man bekennt sich wieder zu Deutschland. Achten wir darauf, dass es
im Sinne von Brecht geschieht, der im Jahr 1949 den Mut zeigte, die Deutschen zur Vaterlandsliebe aufzufordern und sie darum zu bitten, ihr
Land zu pflegen und zu unterstützen: »Und weil wir dies Land verbessern / Lieben und beschirmen wir's / Und das liebste
mag's uns scheinen / So wie andern Völkern ihrs.«
Literatur:
Banchón, Mirra (2006) Die ungeliebte Hymne der Deutschen, in: Deutsche Welle World, Ausg. vom 25.06.2006, Bonn.
Biermann, Wolf (1990) Symbole für das neue Deutschland, in: Die Zeit, Politik, 26/1990, Ausg. vom 22.06.1990, Hamburg.
Brandt, Peter (1990) Symbole für das neue Deutschland, in: Die Zeit, Politik, 25/1990, Ausg. vom 15.06.1990, Hamburg.
Fetscher, Iring (1977) Bertolt Brecht / Kinderhymne – leidenschaftlich aber kontrolliert, in: Reich-Ranicki, Marcel (Hg.), Frankfurter
Anthologie, Gedichte und Interpretationen, Bd.2, Frankfurt a.M. S.159-162.
Geißler, Wilfried (1990) Symbole für das neue Deutschland, in: Die Zeit, Politik, 25/1990, Ausg. vom 15.06.1990, Hamburg.
Häckler, Marina (2002) »Kinderhymne« von Bertolt Brecht – Textbeschreibung, Bildungszentrum Bretzfeld
(http://www.bzbretzfeld.de/Lernhilfen/literatur/Textbesch5.htm)
Heym, Stefan (1994) Rede zur Eröffnung des Deutschen Bundestages, 13. Wahlperiode, 1. Sitzung, Berlin, Donnerstag, den 10. November
1994. http://dipbt.bundestag.de/dip21/btp/13/13001.pdf
Kruse, Niels (2006) Kleinigkeit und Recht und Freiheit, in: stern.de, Ausg. vom 16.06.2006, Hamburg.
Malzahn, Claus Christian (2006) »Die blödsinnigste Parole der Welt«, Deutsche Nationalhymne, in: Spiegel-Online,
Ausg. vom 24.06.2006, Hamburg.
Scharping, Rudolf (1994) Was jetzt zu tun ist, München. S. 9
Schröder, Gerhard (1998) Rede zum Festakt zum Tag der Deutschen Einheit am 03.10.1998, Hannover.
http://www2.rz.hu-berlin.de/francopolis/ConsIV98-99/D.Einheit.htm
Schröder, Gerhard (1999) in: Deupmann, Ulrich, Mit Brecht ins Haus der Zukunft, Berliner Zeitung, Ausg. vom 20.04.1999, Berlin.
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/1999/0420/blickpunkt/0001/index.html
Sodann, Peter (2008) »Ich bin und bleibe betender Kommunist«, in: Sächsische Zeitung, 16.10.2008, Dresden.
http://www.sz-online.de/nachrichten/artikel.asp?id=1968215
Vollmer, Antje (1990) Symbole für das neue Deutschland, in: Die Zeit, Politik, 25/1990, Ausg. vom 15.06.1990, Hamburg.
Walser, Martin (1990) Symbole für das neue Deutschland, in: Die Zeit, Politik, 25/1990, Ausg. vom 15.06.1990, Hamburg. |