Ein alter Tory als Mythenzertrümmerer
John Charmley: Der Untergang des Britischen Empires. Roosevelt – Churchill und Amerikas Weg zu Weltmacht, Graz (Ares Verlag) 2005,
472 Seiten
von Herbert Ammon
Gegenüber dem vorherrschenden Geschichtsbild, in dem Winston Churchill als entschlossener Widerpart Hitlers, als
unerschütterlicher Kriegsheros, als illusionsloser Gegenspieler Stalins sowie als Wegbereiter Europas hervortritt, hat
sich John Charmley, Historiker an der University of East Anglia, mit seiner Biographie Churchill: The End of Glory (1993)
einen – nicht unangefochtenen – Namen als Mythenzertrümmerer gemacht. Churchill habe die Chancen eines Friedens mit Hitler
1940/1941 ungenutzt gelassen, die englische Position als Schiedsrichter des europäischen Gleichgewichts verspielt, damit
das Ende des britischen Weltreichs herbeigeführt und zugleich dem Sozialismus der Labour Party den Weg bereitet. Für
derlei Thesen ist er von Kollegen als verspäteter Hofhistoriker der von 1979 bis 1990 regierenden Margaret Thatcher charakterisiert
und gescholten worden.
Im vorliegenden Buch, im Original bereits 1995 erschienen, setzt Charmley seine Demontage des Churchill-Mythos fort. Anhand einer
Fülle von aus britischen und amerikanischen Archiven gehobenen Dokumenten porträtiert er Churchill als einen von schwankenden
Emotionen und historischen Wunschvorstellungen geleiteten Politiker. Entgegen seinen stolzen Proklamationen, er sei »nicht des
Königs Erster Minister geworden, um bei der Abwicklung des Britische Empires federführend zu sein« (zit. S. 75), habe er
die Chance, das Empire zu bewahren, der erträumten Rolle eines Juniorpartners und Ratgebers an der Seite der USA geopfert. Sohn
einer amerikanischen Mutter, sei Churchill von der im späten 19. Jahrhundert geborenen Idee der Einheit und Überlegenheit
der »angelsächsischen Rasse« beseelt gewesen, woraus er das Konzept einer »besonderen Beziehung«
(special relationship) zwischen den USA und England für die Zukunft ableitete.
Den Hauptfehler Churchills, des Nachfahren der Herzöge von Marlborough, sieht Charmley in der Fehlwahrnehmung der USA als
eines uneigennützigen, beeinflussbaren Bündnispartners. Eine solche Vision zielte am Charakter der USA, die, hervorgegangen
aus einem antikolonialen Unabhängigkeitskrieg, sich vor und nach 1945 hinsichtlich der europäischen Kolonialreiche als
antiimperialistische Macht verstanden, vorbei. Sie verfehlte das von Präsident Roosevelt (FDR) verfolgte Konzept eines global
ausgeweiteten ›New Deal‹ – eine demokratische Weltordnung, einerseits gegründet auf Entkolonialisierung,
internationalen Freihandel
(ein Herzensanliegen von Außenminister Cordell Hull), freie Märkte sowie die UNO als Weltparlament und Garant des
Weltfriedens, andererseits auf die USA als neue, von Eigeninteresse bestimmte, geopolitisch agierende Weltmacht. »Diese schöne
neue Welt, wie sie FDR, Wallace, Berle, Welles und einem Haufen von PR-Leuten, Rampenlichtheischern und selbststilisierten
Heilsbringern vorschwebte, war das demokratische Parteiprogramm und zumindest, wenn es nach Roosevelt ging, ergänzt um
die Vervielfachung der Befugnisse des Präsidenten« (S. 66). Zugleich vermisst der Autor an Roosevelts Außenpolitik
den ›roten Faden‹. Was FDR und Churchill allenfalls gemein hatten, war ihre Aversion gegen General de Gaulle.
Charmley bricht eine Lanze für den »Appeaser« Neville Chamberlain. Der »war realistisch genug, um zu wissen, daß sich
die Interessen Amerikas nicht mit denen des Empire vertrugen« (S. 225). Dagegen war Churchill für FDR nur »ein Kolonialist
des 19. Jahrhunderts« (W.F. Kimball, zit. S. 65). Maßgeblich im Mittleren Osten zielten die USA bereits im II. Weltkrieg auf
die Ablösung Englands als imperialer Vormacht und Nutznießerin der Ölquellen.
Während Churchill dank Roosevelts Tod (12.4.1945) die Erkenntnis seiner Illusionen erspart blieb, so Charmley, bot die
Präsidentschaft Harry Trumans seinem weltpolitischen Geltungsbedürfnis eine zweite Chance. Mit der »Eisernen-Vorhang«-Rede
in Fulton, Missouri am 5. März 1946 meldete sich der im Juli 1945 abgewählte Churchill auf der Bühne
zurück. Charmley entkleidet die als Ouvertüre zum Kalten Krieg berühmte Rede mit Anekdoten über
amerikanische Provinzpolitik ihres welthistorischen Ranges. Truman wollte seinen Freunden in Missouri einen Gefallen tun, und
so lud er Churchill zu der Rede an dem Westminster College ein, das nicht gerade zu den amerikanischen Spitzenuniversitäten zählt.
Der Abwertung Churchills als des mit mangelndem Realitätssinn ausgestatteten Hauptverantwortlichen für das Ende des Empires
läßt Charmley die Aufwertung des Labour-Außenministers Ernest Bevin folgen, der im Nahen Osten noch wacker
britisch-imperiale Interessen verfocht. Der positive Held in Charmleys Drama des Niedergangs ist Anthony Eden als
Außenminister (1940-1945) und Premier (1955-1957). Der von ehelichem Unglück geplagte Eden erscheint als rationaler, in
Kategorien von Macht, Interessen und Einflusssphären denkender Sachwalter britischer Interessen. Sein Debakel erlitt er
im Suez-Krieg 1956, als die USA einen derartigen Auftritt der alten Kolonialmächte England und Frankreich (das Israel ins Spiel
gebracht und als Angreifer vorgeschickt hatte), nicht mehr duldete.
Was einen Autor wie Charmley für deutsche Leser interessant macht, sind weniger seine ›revisionistischen‹ Thesen, etwa die
Abwertung Churchills als Hitlers überlegenen Gegners. »Hätte Hitler den Amerikanern nicht den Krieg erklärt, wäre
Churchill in einer sehr prekären Lage gewesen...« (S. 58). Er favorisiert offensichtlich die Idee eines
›ehrenhaften Friedens‹,
den Churchill hätte schließen können, wenn er nur gewollt hätte. Im Hinblick auf den absehbaren Zusammenstoß
Hitlers mit Stalin erscheint ihm ein derartiges Geschäft sogar attraktiv: »Dies hätte bedeutet, ein Risiko einzugehen,
was den Ausgang eines sowjetisch-deutschen Krieges betraf, jedoch hätte keine Seite den Zusammenprall unbeschadet überstanden,
und vielleicht wären danach sogar beide Mächte erledigt gewesen« (S. 100).
Der Reiz solcher Thesen und Spekulationen liegt nicht in ihrem Inhalt, sondern in Charmleys ungewohnter Perspektive. Charmley,
geboren 1955, schreibt aus der selten gewordenen Sicht eines alten Tory, der gegen die optimistisch-liberale »Whig-Interpretation« –
die undialektische britische Variante des historischen Fortschritts – ankämpft. Als ›Realpolitiker‹ britischer Prägung
hängt er am Konzept des Mächtegleichgewichts, weist linke und/oder liberale Illusionen über den Weltfrieden
zurück. Getragen von ungebrochen britischem Selbstbewusstsein, verfolgt er mit einer Mischung aus Ironie und Nostalgie den
Niedergang historischer Größe.
Das bereits in Wilsons Vision angelegte, von Roosevelt zum Kriegsziel erhobene Konzept einer Pax Americana wird als eine Mischung
aus Eigennutz und hohen Ideen dekonstruiert. »Das soll nicht heißen, daß es FDR einfach darum ging, das Britische Empire
durch ein amerikanisches zu ersetzen; seine Vorstellungen waren gleichzeitig abstruser und naiver. Der Präsident war (wie alle
Liberalen aufrichtig davon überzeugt, daß jeder vernünftige Mensch seine Ideale teilen müsste, und hätte
(wie alle Liberalen) jeden Vorwurf, eine egoistische Politik zu betreiben, beleidigt zurückgewiesen. Seine
demokratisch-amerikanischen Ideen für die Norm zu halten, zeugte natürlich von ebenjener selbstgerechten Arroganz, mit der
sich Liberale bei ihren Mitmenschen so unbeliebt machen« (S. 66).
Derlei amüsant zu lesende Polemik gibt dem Opus seine Würze. Umgekehrt wirkt das in 29 Kapitel gegliederte Buch dank
allzu detailfreudiger Breite und mancherlei Wiederholungen streckenweise ermüdend. Das Werk könnte als Beispiel dafür
dienen, dass noch so umfangreiches Aktenstudium am Ende nicht mehr zu Tage fördert als das a priori angestrebte
Forschungsergebnis – die maßgeblich von Churchill verpasste Chance zur Bewahrung des Empire. Weitere Monita: Die
sprachliche Eleganz des englischen Originals kommt in der Übersetzung nicht immer zum Tragen. Namensfehler – der Boss
der demokratischen Parteimaschine in Kansas City und Intimus von Harry Truman hieß Tom Pendergast (nicht »Prendergast«) und
Faktenfehler – beispielsweise wird der polnisch-russische Krieg 1919-1921 um zwei Jahre deutlich fehldatiert, der Warschauer Aufstand
auf Juli/August statt auf August/September 1944 – wirken störend.
Was jüngere deutsche Historiker von einem Außenseiter wie Charmley lernen könnten, ist dessen britische
›no-nonsense‹-Attitüde. Im Hinblick auf die unbegrenzt opferbereite Europabegeisterung hierzulande sei das Resümee des
Buches zitiert: »Die Briten hatten in zwei Weltkriegen gekämpft, um Deutschlands Herrschaft über Europa zu verhindern, und
landeten am Ende doch in einem von Deutschland beherrschten Europa« (S. 410). Deutsche Politiker scheinen den zweiten Teil des
Satzes – als ständige Warnung vor vermeintlich unverantwortlichem deutschen Eigeninteresse – verinnerlicht zu haben, obwohl er
falsch ist. |