Stötzer: Ich bin die Frau von gestern (Corvey) PDF Drucken E-Mail
21.08.2005

Mit welcher Stimme sprechen? 

Stötzer, Frau von gestern
Die Verschwiegene Bibliothek, hrsg. von Ines Geipel und Joachim Walther, Büchergilde Gutenberg

von Anne Corvey

 
Mit der Erzählung geh ich in den Tod.
Hier ende ich, ohnmächtig, und nichts, was ich hätte tun oder lassen, wollen oder denken können, hätte mich an ein andres Ziel geführt. Tiefer als von jeder andren Regung, tiefer selbst als von meiner Angst, bin ich durchtränkt, geätzt, vergiftet von der Gleichgültigkeit der Außerirdischen gegenüber uns Irdischen. Gescheitert das Wagnis, ihrer Eiseskälte unsre kleine Wärme entgegenzusetzen. Vergeblich versuchen wir, uns ihren Gewalttaten zu entziehen, ich weiß es seit langem.

Christa Wolf, Kassandra

 

In Ein Tag im Jahr lese ich auf Seite 371 von der Begegnung Christa Wolfs mit dem Publikum nach einer Akademie-Veranstaltung im Jahre 1984 zu Pablo Nerudas 80. Geburtstag (ein System gegen das andere), in der sie zwei Gedichte von Neruda vortrug: „Eine Frau kam, um die Auswahl der Gedichte, die ich gelesen hatte (und die von Gerd war), ausdrücklich gutzuheißen: Sie hätte da ähnliche Gedanken wie in meiner Kassandra wiedergefunden. - Manche merken's doch.“ - Was wohl? Die Intention ist klar. Aber wie nimmt die sich heute aus? Von welchem Licht wird sie beschienen, nach dem 'Zusammenbruch' des Sozialismus, dem Erscheinen dieses Buches und der Einsicht in alle möglichen Archive?

Eine Bemerkung zudem, die eingespannt in das Verständnis des Satzes aus ihrer Kassandra (bei der die Identifikation mit der Figur mir heute zugleich deutlicher und dubioser wird als damals): Als ich an längerer Leine hängend als die anderen Verschleppten, bedenkenlos, gedankenlos mich auf sie warf... ein ganzes Spiel von Interpretationen zulässt. Ein Spiel, das einen merklichen Bruch erfährt oder eine andere Nuancierung erhält, hört man der Herausgeberin der Verschwiegenen Bibliothek zu, die bei einer Veranstaltung in einem Nebensatz einfließen lässt, dass es (DDR-) Autoren gäbe - auf Nachfrage nennt sie Christa Wolf an prominenter Stelle -, die Einwände oder Bedenken gegen die Veröffentlichung dieser Manuskripte hätten.

Ein Tag im Jahr ist der Versuch der Privatisierung der öffentlichen Person Christa Wolf. Oder vice versa? Eine Privatisierung, die für uns - im früheren Westen - wieder einmal ein schummriges Licht auf die Befindlichkeit und die Urteile jener Jahre wirft: Als Mensch mit linker Gesinnung rezipierte man die Literatur, die zu uns herübergeschmuggelt wurde - ich erinnere mich noch gut an diese damalige Lesart, - mit der Beruhigung und dem guten Gewissen zu einer Weltzone zu gehören, die es Kritikern oder Dissidenten der Systeme (im Falle der DDR konnte die Linke zum Teil noch immer das gute Experiment sehen) erlaubte, Gehör zu finden - und sei es auch nur durch den Kauf oder die Kenntnisnahme dieser Bücher.

Die Selbstgerechtigkeit jener Zeit - guten Glaubens verübt und in ihrer 'Unbewusstheit' sicher je nach Position sehr unterschiedlich anzusiedeln -, die sich befragen lassen muss, ob sie nicht zu einem System doppeldeutscher Heuchelei gehörte, wird noch unterstrichen, liest man wieder einmal, dass viele der Manuskripte mit offizieller Genehmigung der DDR-Behörden in den Westen gelangten, denen die Einnahmen willkommene Devisen waren, die besagten Autoren die ›lange Leine des Systems‹ finanzierte. Wer da wohl den Kontakt hergestellt haben mag?

Wahrscheinlich liegt gerade darin - alle sicher vorhandenen Überlegungen und Zweifel der besagten Person oder Personen mitberücksichtigend - ein Grund, warum die verschwiegenen Manuskripte weiter verschwiegen bleiben sollen. Es sei denn, man unterstellte eine nachträgliche Anhänglichkeit an oder Überwältigung durch das 'System', kein seltener Vorgang. Kommen diese Manuskripte und das Schicksal ihrer Autorinnen und Autoren an die Öffentlichkeit, so wirft das in der Tat ein eigenartiges Licht auf die sogenannten kritischen Autoren, die in jener Zeit ihre Manuskripte sowohl in der DDR als auch in der BRD veröffentlichen konnten. War doch die Leine, an der jene anderen Autoren gehalten wurden, alles andere als lang, in vielen Fällen sogar in direktem lebensweltlichem Sinne extrem kurz oder gekappt. Und spätestens an dieser Stelle wird die verständliche Reaktion von Frau Wolf - den Wahrheitsgehalt der Information erst einmal vorausgesetzt - unverständlich, denn neben allen Preisen ist ihr der Platz in den modernen Lehrplänen ebenso sicher - zumal wenn das Interesse an ›weiblichem Schreiben‹ anhält, was auch immer das sein mag - wie der in der feministischen Literatur.

Ines Geipel, zusammen mit Joachim Walther Herausgeberin der Verschwiegenen Bibliothek hatte bereits 1999 bei Transit Texte aus der frühen DDR veröffentlicht unter dem Titel Die Welt ist eine Schachtel. Dort findet sich der Kassandra-Text einer jungen Autorin, Hannelore Becker. Acht Jahre vor Wolfs Kassandra-Veröffentlichung sitzt sie an ihrer Kassandra, einem Drama, das nie erscheint. Aber nicht nur der Stoff der Literatur ist dramatisch und aus vergleichbarem Material, auch der des Lebens. Hannelore Becker, geb. 1951, ein Kind der DDR, arbeitet vier Jahre als IM, lässt sich dann von dieser Aufgabe entbinden und begeht 1976 Selbstmord.

Was Christa Wolf mit den Worten "Manche merken's doch" ausdrückt und sicher nicht den feministischen Schutzmantel meint, ist hier zum Teil so offen und klar ausgesprochen, dass es wiederum nicht verwundert, dass der Text nicht gedruckt wurde. In Beckers Kassandra regiert ein von den Göttern entworfener Vernichtungs-Spielplan das Geschehen. Was literarisch besser oder wertvoller sei, möge auf einer anderen Bühne entschieden werden, aber als verstellte und unverstellte Zeitzeugnisse haben beide ihren gleichberechtigten Wert.

Die Verschwiegene Bibliothek ist ein Unternehmen, in dem es nicht nur auf literarische Qualität der Texte ankommt: die variiert bei den bisher erschienenen Bänden stark. Es gibt unterschiedlichste Talente mit unterschiedlichen Lebensmöglichkeiten zu besichtigen.

Mit meiner Stimme sprechen: das Äußerste wie es in der Erzählung Kassandra heißt. Aber dieses Äußerste, das sich zugleich immer mit dem Nimbus des Innersten umhüllt, war so manchem von ihnen verwehrt, denn eine Stimme hat man nicht einfach, die muss sich ausbilden, gleich der Person, und dazu bedarf es Zeit und Möglichkeiten. Ein Schicksal wie das von Edeltraut Eckert zum Beispiel, die mit zwanzig zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde und fünfundzwanzigjährig im Gefängnis an den Folgen eines unzureichend behandelten Arbeitsunfalls starb, bietet weder das eine noch das andere. Zudem: egal auf welcher Seite man steht, wie kann man sicher sein, dass die Stimme, die spricht immer die eigene ist, zumal in einem System, das auf Gleichschaltung ausgerichtet ist? Aber gab und gibt es die Gleichschaltung in Form von Entdifferenzierung zum Beispiel nicht auch heute, in den Zeiten der Globalisierung? Die Medien sprechen da eine entlarvende Sprache - in aller Differenziertheit sprich Kanalvielfalt natürlich. Um so wichtiger, den Texten nicht dasselbe Schicksal angedeihen zu lassen wie den Menschen, auch wenn sie kein Ersatz für sie sind.

Aber langer Einführung nachhaltiger Sinn: Die Verschwiegene Bibliothek ist eine Edition der Büchergilde Gutenberg. Die Texte entstammen dem Archiv unterdrückter Literatur in der DDR, das von den Autoren Ines Geipel und Joachim Walther mit Förderung durch die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in den Jahren 2001 bis 2004 zusammengetragen worden ist. Das Archiv beinhaltet Werke, die in der DDR als "systemzersetzend" oder "schädlich" eingestuft wurden und nicht erscheinen durften, wie es in der Verlagsanzeige heißt. Ines Geipel sagte dazu in einem Interview, das auf den Internet-Seiten der Büchergilde Gutenberg nachzulesen ist: "Wir wollen eine Materialbasis, eine Textbasis zur Verfügung stellen, mit der sich vor allem junge Leute ein Bild von der DDR machen können, das dann nicht in diesen schaurigen Ostalgie-Shows endet." Drei Bände sind bisher erschienen. In jedem Quartal soll ein weiterer Titel erscheinen, die Reihe ist auf voraussichtlich 20 Bände angelegt. Ein Projekt, das ich für wichtig halte und dessen Texte ich mit Spannung und Neugier zur Kenntnis nehmen werde.

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