Weniger rechtsextremistisch als antizivil. Zur Bewusstseinslage von Jugendlichen in Ost und West
Klaus Schröder: Rechtsextremismus und Jugendgewalt in Deutschland: ein Ost-West-Vergleich, München (Bayerische Landeszentrale
für politische Bildungsarbeit) 2003, 617 S.
von Herbert Ammon
Wie real ist die ›braune Gefahr‹, wie verbreitet sind rechtsextremistische Tendenzen unter
Jugendlichen, was fasziniert an der Subkultur der Skinheads, an Nazi-Rock und martialischem ›Outfit‹? Wann immer von
›rechten‹ Gewalttaten zu berichten ist – da wird ein Obdachloser totgeprügelt, da wird ein Jugendlicher
wegen seines ›linken‹ Aussehens zusammengeschlagen und in der Jauchegrube versenkt – sind die Medien mit Erklärungen
schnell zur Hand: Schuld sei der nie überwundene Rechtsextremismus, der im Gefolge der Wiedervereinigung aufgelebt sei
und vor allem im östlichen Deutschland seinen Nährboden gefunden habe. Werden ›Experten‹ zu Rate gezogen, so dient
bezüglich der Ex-DDR als theoretisches Grundmodell vielfach noch der ›autoritäre Charakter‹ und die Faschismus-Skala,
welche die westdeutschen 68er einst bei Th. W. Adorno u.a. erlernten und auf ihre Vätergeneration anwandten.
Vorherrschend in der Debatte über ›Rechtsextremismus‹ und ›rechte Gewalt‹ sind heute die
Modernisierungsthesen des Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer. Dieser machte Ende der 80er Jahren bei
›Modernisierungsverlierern‹ die rechtsextremistische Disposition aus, in jüngeren Studien teils
umgekehrt bei westdeutschen ›Modernisierungsgewinnern‹, teils bei den mit Autoritarismus und Modernisierungsrückstand
behafteten Ostdeutschen. Als Folgen der ›Modernisierung‹ diagnostiziert Heitmeyer ein von Sozialisationsdefiziten
begleitetes psychisches Syndrom, in welchem Elemente wie Rassismus/Antisemitismus, Ethnozentrismus, Fremdenfeindlichkeit/
Ressourcenangst, Heterophobie, Überheblichkeit, Ängste und Egoismus amalgamieren und »menschenfeindliche
Gewaltlegitimationen« hervorbringen.
Grobschlächtiger geht der einst von NRW-Dienstellen als Experte in Sachen Rechtsextremismus geschätzte Christoph
Butterwegge zu Werke, der in vulgärmarxistischer Manier den Konkurrenzkapitalismus im Zeichen der »neoliberalen Modernisierung«
und Globalisierung »für (Standort-)Nationalismus, Rassismus und rechte Gewalt verantwortlich« macht. »Der
modernisierte Rechtsextremismus stellt eine ideologische Mixtur marktradikaler Ideen, die als ´neoliberal´ bezeichnet
werden, und einer neuartigen Form des Nationalismus dar.« (Zit. S. 104 f.) Von solcherlei Kapitalismus-Analyse her lässt sich leicht ein
Bogen schlagen zur von »Sexismus und Rassismus [geprägten] bundesdeutschen Realität«, also zur ›Mitte der
Gesellschaft‹, wo
Forscher wie Butterwegge seit jeher den Ursprungsort des Faschismus lokalisieren. Als
untauglicher Kronzeuge erscheint hier indes Seymour M. Lipset (Political Man, 1959), der vom Faschismus als
»Extremismus der Mitte« sprach, zugleich aber den argentinischen Peronismus
ungeachtet seiner faschistischen Züge als ›linken‹ Extremismus klassifizierte.
Herrscht an Büchern zum Thema kein Mangel, so existiert dennoch keine »allgemein akzeptierte Definition von Rechtsextremismus«,
auch nicht zu Begriffen wie ›Ausländerfeindlichkeit‹,
›Gewaltbereitschaft‹ oder ›antiziviles Verhalten‹ wie der Berliner Soziologe Klaus Schröder in dem
vorliegenden Buch
feststellt (S.15, 251). Zu den Vorzügen des voluminös geratenen
Gemeinschaftswerkes gehört, dass es die einschlägige Literatur in zwei Kapiteln einer
ausführlichen Kritik unterzieht.
Studierende der Sozialpädagogik finden hier zum Nachweis der Beschlagenheit in Theorie und Empirie reichhaltige Information,
zahllose Tabellen, dazu die jeweiligen Thesen in kompakter Übersicht. Mit nahezu allen bekannten und weniger bekannten
Theorien zu Rechtsextremismus und Gewalt – Scheuch/Klingemann, Heitmeyer, Butterwegge, Armin Pfahl-Traughber, Adorno, Otto
Hondrich etc. – setzt sich Monika Deutz-Schröder auseinander. Klaus Schröder befasst sich mit jenen Studien, in welchen
die rechtsextremistische Gefahr mit empirischen Befunden beschworen wird.
Als Pionierstudie kann noch immer die anno 1979/1980 im Auftrag des Bundeskanzleramtes durchgeführte SINUS-Studie
(»5 Millionen Deutsche: ´Wir sollten wieder einen Führer haben...´«) gelten, die zu Tage brachte,
dass jeder achte Wahlberechtigte (über 13 %) in der alten
Bundesrepublik über »ein ideologisch geschlossenes, rechtsextremistisches Weltbild« verfüge. Schröder
illustriert anhand der damals in Stellung gebrachten ›statement battery‹, wie derartige Schockergebnisse – in einer
Forsa-Umfrage vom Mai 2000 wurde gar 37% der Ostdeutschen und 31% der Altbundesbürger eine »mittlere Nähe zu
rechtsradikalem Gedankengut« attestiert – ›empirisch‹ zustandekommen: durch einengende und ideologisch aufgeladene Fragen
oder
›richtig‹ zu bewertende Aussagen (items), wie ehedem in der SINUS-Studie: »Man sollte sich endlich damit abfinden,
dass es zwei deutsche Staaten gibt«.
In den Jahren, wo Kanzler Gerhard Schröder einen ›deutschen Weg‹ proklamierte und
Patriotismus anmahnte, genügte oft Naivität (»Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein«) als
Verdachtsmoment. Methodische Fragwürdigkeit und Voreingenommenheit im vorherrschenden linksliberalen Sinne moniert
Schröder auch an Umfragen von Stöß/Niedermeyer (1998), bei Heitmeyer sowie an einer Nürnberger Befragung
1999, die Berufsschülern das schlichte Bekenntnis abforderte: »Ich bin für die Anwesenheit von Ausländern,
weil sie unsere Kultur bereichern« (S.230).
Der Forschungsgruppe um Schröder, die von März bis November 2002 Umfragen und Interviews in vier Kleinstädten
(Einbeck, Neuruppin, Arnstadt und Deggendorf) durchführte, ging es nicht um neue alarmistische Meldungen, sondern um
realistische Befunde. Bezüglich des eigenen Konzeptes, das knapp 900 Schülern (m/w) an unterschiedlichen
Schultypen vorgelegt wurde, wird selbstkritisch eingeräumt, dass womöglich auch hier die jugendlichen Befragten mit
missverständlichen Items überfordert wurden. Ein Statement zum schwer bestimmbaren
›richtigen‹ Verhältnis von Individualität und Gemeinschaftsbedürfnis stehe auf »wackeligen
Beinen« (S. 255). Schröder et al. untersuchten den Themenkomplex ›Rechtsextremismus‹ anhand eines Fragebogens mit
Kategorien
wie Nationalismus, Antisemitismus, Biologismus usw. sowie getrennt davon ›anti-/nichtzivile Einstellungen‹ anhand einer
Statement-Skala zu Begriffen wie Gewaltbereitschaft, Devianzbereitschaft (= hier: Bereitschaft zu Gesetzesverletzungen),
Intoleranz/Verantwortungslosigkeit etc.
Auf den ersten Blick stimmen die Ergebnisse eher beruhigend: Nach ›harten‹ Kriterien äußerten nur 2,1 % der Befragten
eine rechtsextremistische Einstellung, nach ›weichen‹ Kriterien nur 6%. Erwartungsgemäß liegt die rechtsextremistische
Anfälligkeit bei Gymnasiasten niedriger als bei Haupt-/Gesamt- und Berufsschülern, insbesondere bei Schülern
in ›berufsvorbereitenden Jahrgängen‹ (BVJ), also dort, wo die Berufschancen am geringsten sind. Während verfestigte
rechtsextremistische Einstellungen selbst in den unteren Bildungsregionen kaum verbreitet sind, kommen ideologische Versatzstücke wie
Nationalismus, Antiparlamentarismus und
Ausländerfeindlichkeit bei einer großen Minderheit durchaus zum Vorschein. Das bedenkliche
Einstellungspotential liegt höher als entsprechende Verhaltensweisen. Unerfreulich sehen auch
einige Zahlen zum Themenbereich ›anti-/nichtzivil‹ aus. Obgleich sich die Mehrheit aller Schüler in der Mitte
einstuft und jeder Dritte sich ›eher links‹ sieht, wächst, ausgehend von alltäglichen
Erfahrungen, die jugendliche Gewaltbereitschaft und die Ablehnung von Ausländern.
Also keine Entwarnung, aber auch kein Grund zur Hysterie? In seiner Schlussbetrachtung nähert sich Schröder der These von
Scheuch/Klingemann, die 1967 den Rechtsextremismus als eine »normale Pathologie moderner Industriegesellschaften« bezeichneten
(S. 495). Diese These muss jedoch im Hinblick auf den massiven sozialen Wandel, nicht zuletzt durch den Zustrom von
Millionen Migranten, davon die Hälfte Asylbewerber, seit den 90er Jahren, überprüft werden. Schröder sieht den
diffusen jugendlichen Rechtsextremismus auch als eine Art »Revolte von rechts unten«, die mit großem Zeitverzug auf die
68er-Jugendrevolte »von links oben« reagiere. Die 68er-Bewegung habe die Erosion jener Werte befördert, die für die auch
hier zum Modell erhobene Zivilgesellschaft unentbehrlich seien, nicht zuletzt die Akzeptanz von Autorität. In der Debatte
über Jugendgewalt dürften die hohe Gewaltbereitschaft, die mangelnde Integration von Ausländern und Aussiedlern,
innerethnische Konflikte und Vorurteile gegenüber Deutschen nicht länger tabuisiert werden.
Mit derlei unerwünschten Aussagen zur Jugendsoziologie, zu möglichen Ursachen und notwendiger Abwehr
von Anomie, von zunehmender Gewalt und extremistischer Gefahr, wird das von der Bayerischen Landeszentrale für Politische
Bildung geförderte Werk wenig Beifall ernten.
Entrüstung über die Verharmlosung der ›rechten Gefahr‹, wie sie von Seiten jener ›linken‹
Kollegen zu erwarten ist, die rechtsextremistische Tendenzen noch immer nicht bei der
jugendlichen ›underclass‹, sondern immer nur in der ›Mitte der Gesellschaft‹ sehen wollen, ist unangebracht. Kritisch
anzumerken
sind ein unbelegter Hinweis auf die »Faktorenkorrelationen (nach Pearson)« (S. 303), einige Druckfehler (»imigrieren«,
»linzensieren«), eine These über die ›verbürgerlichte‹ westdeutsche Gesellschaft (S. 478) – diese hat sich
gänzlich entbürgerlicht – sowie Wörter aus dem Szenejargon: Was treiben ›Renees‹ (w) bei den Skinheads?
Last but not least: Der These, aus der Studie – die Autoren bezeichnen sie ausdrücklich als nichtrepräsentativ – sei das Hervortreten
jener Nord-Süd-Linie wieder abzulesen, die »in der politischen Kultur Deutschlands, insbesondere wenn man konfessionelle
Differenzierungen hinzunimmt, die sehr viel ältere und durchgängigere war«, wie im Vorwort (S. 7) zu lesen ist,
fehlt es an Überzeugungskraft. Zwar schwinden auch im Westen Deutschlands religiöse Bindungen – eine Kategorie, die auf den
Fragebögen gänzlich fehlte –, doch dass die Jugend in der einst
protestantischen Bach-Stadt Arnstadt mit dem bayerisch-katholischen Deggendorf mehr gemein haben soll als mit den Altersgenossen in Neuruppin,
leuchtet nicht ein. Hingegen spricht
tatsächlich vieles – in Ost und West – für die These, dass »der ´moderne´ Rechtsextremismus sich aus anderen
Quellen speist als der herkömmliche« (S. 5).
Auch in: Deutschland Archiv 1/2005, S. 176-178. (leicht abweichende Version)
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