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Viktor Agartz und die
alternative Elitenbildung
von Christoph Jünke
I.
Warum sollten sich Historiker,
Sozialwissenschaftler und, vor allem, gewerkschaftlich Interessierte
mit Leben und Werk von Viktor Agartz (1897-1964) auseinandersetzen?
Nicht nur, aber vor allem weil Agartz einer der herausragendsten und
umstrittensten Gestalten der deutschen Nachkriegszeit gewesen ist.
Der bereits in den 1920ern aktive linke Sozialdemokrat gehört zu den
wenigen Deutschen, die während des Nazi-Faschismus eine unbefleckte
Weste ihr eigen nennen konnten. Er hat sich, soweit ihm dies möglich
war, im antifaschistischen Widerstand innerhalb des Deutschen Reiches
engagiert. Unmittelbar nach Krieg und Faschismus war er der neben
Kurt Schuhmacher und Hans Böckler wohl wichtigste Funktionär und
Vordenker von SPD, Gewerkschaften und Konsumgenossenschaftsbewegung,
führend mitbeteiligt am ökonomischen und politischen Wiederaufbau
des zerstörten Landes. Als Politiker und Gewerkschafter der ersten
Stunde war er wesentlich mitverantwortlich für die von der SPD und
den Gewerkschaften nach dem Zusammenbruch des Nazi-Faschismus
propagierte und betriebene Wirtschaftspolitik, die sich auch nach der
Gründung des westdeutschen Staates im Münchner DGB-Programm von
1949 praktisch niederschlug. Als langjähriger Leiter des
gewerkschaftseigenen Wirtschaftswissenschaftlichen Institutes (WWI)
hat er diese Politik auch öffentlichkeitswirksam maßgeblich
mitgestaltet. Agartz’ programmatische Rede auf dem DGB-Kongress im
Oktober 1954, seine Entlassung aus dem WWI Ende 1955 und der gegen
ihn 1957 angestrengte Landesverratsprozess gehören zu zentralen
Meilensteinen deutscher Innenpolitik und sind Sinnbild nicht nur der
zunehmenden Restauration des neuen Deutschland, sondern auch Sinnbild
der innergewerkschaftlichen wie innersozialdemokratischen
Auseinandersetzungen der 1950er Jahre.
Nach seiner Entlassung in den
Vorruhestand und der damit verbundenen Verdrängung aus Politik und
Gewerkschaftsbewegung war Agartz in der zweiten Hälfte der 50er
Jahre schließlich der bekannteste und einflussreichste Exponent
linkssozialistischer Opposition – in den Jahren 1955-1958 immerhin
die zentrale Figur eines Versuchs linker Neuformierung, den man als
ersten Anlauf jener Neuen Linken verstehen kann, die in den 60er und
70er Jahren die bundesdeutsche Innenpolitik maßgeblich beeinflusst
hat. Seine Arbeit an der von 1956 bis 1961 erscheinenden
Zweiwochenzeitschrift WISO, der Korrespondenz für
Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, war nicht nur in den 50er
Jahren ein einflussreiches innergewerkschaftliches Politikum. Auch in
den 70er und 80er Jahren wurden seine dortigen Beiträge nachgedruckt
und in der politischen Linken wie innerhalb der Gewerkschaftsbewegung
mit besonderem Eifer erörtert. Sein in der zweiten Hälfte der 50er
Jahre vonstatten gegangener vorübergehender Pakt mit den
ostdeutschen Kommunisten hat Agartz jedoch innenpolitisch und auch
auf der politischen Linken so stark isoliert, dass er sich 1961/62
aus der Politik weitgehend zurückziehen musste, bevor er Ende 1964
in trotziger Verbitterung verstarb.
Viktor Agartz ist nicht nur eine
bedeutende, sondern auch eine schillernde und in vielem faszinierende
Person gewesen. Politisch und gewerkschaftspolitisch betrachtet, muss
er jedoch als eine ›gescheiterte‹
Person gelten – welche Konsequenzen man aus diesem Verdikt auch
immer ziehen mag. Andererseits ist er aber auch eine weitgehend
unaufgearbeitete Figur der deutschen Nachkriegspolitik. In den 60er
und 70er Jahren überwiegend in Vergessenheit geraten, gab es erste
Versuche der politischen und wissenschaftlichen Aufarbeitung seines
Schicksals Ende der 70er und zu Beginn der 80er Jahre. Danach wurde
es abermals still um ihn. Es gibt nun heute einige Anzeichen, dass
sich ein neues Interesse an Agartz, seiner Zeit und seinen Problemen
Bahn bricht. Und zwar nicht nur, weil in der Geschichte verdrängte
Personen fast immer irgendwann wieder auftauchen, sondern mehr noch,
weil mit der Veränderung unserer gesellschaftspolitischen
Verhältnisse auch die intellektuellen Diskussionen wieder in
Bewegung geraten. Mit der momentanen Krise des noch immer
herrschenden Neoliberalismus und den Diskussionen um die Zukunft
unseres schon reichlich geschleiften Sozialstaates, bekommen auch
alte Diskussionen eine offensichtlich neue Aktualität, denn die
Frage nach der Zukunft des deutschen Sozialstaats ist immer auch die
Frage nach seiner Vergangenheit. Es ist deswegen kein Zufall, dass
das Interesse an der Geschichte auch in der Gewerkschaftsbewegung
wieder zunimmt.
Viktor Agartz ist eines der
letzten Tabus auch innerhalb der deutschen Gewerkschaftsbewegung.
Eine Beschäftigung mit seinem Leben und Werk erlaubt deswegen nicht
nur die Schließung einer geschichtswissenschaftlichen Lücke und
einen vertiefenden Blick auf die deutsche Nachkriegspolitik. Sie
verspricht auch einen interessanten und aufschlussreichen Einblick in
das Schicksal der deutschen Linken (im weitesten Sinne des Wortes)
und auf jene politischen und programmatischen Probleme, vor denen die
westdeutsche Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung in den ersten beiden
Nachkriegsjahrzehnten stand. Sei es die damalige Theorie und Praxis
der Wirtschaftsdemokratie, seien es Fragen der Mitbestimmung oder der
Lohnpolitik (Stichwort: expansive Lohnpolitik) – Viktor Agartz hat
alle diese zentralen gewerkschaftlichen Themen mit beeinflusst. Und
er hat sich schon damals kritisch auseinandergesetzt mit den
sozialphilosophischen Konzeptionen des frühen Neoliberalismus oder
der katholischen Soziallehre. Seine Beiträge zur Analyse der
politischen Ökonomie des Nachkriegskapitalismus sind dabei nicht nur
wichtige Meilensteine einer zeitgenössischen Auseinandersetzung mit
dem aufkommenden Sozialstaat, an die im Kontext zeitgenössischer
Historikerdebatten zu erinnern wäre. Auch im Hinblick auf heutige
sozialwissenschaftliche und gewerkschaftliche Diskussionen um die
Krise dieses Sozialstaates und seine historischen wie strukturellen
Widersprüche dürfte ein solcher Rückblick auf Agartz’ Leben und
Werk von besonderem Erkenntnisinteresse sein.
II.
Die allgemeine Begründung für die
Sinnhaftigkeit einer wissenschaftlichen Beschäftigung mit Leben und
Werk von Viktor Agartz ist jedoch das Eine. Das Andere ist die hier
relevante Frage,* warum eine Beschäftigung mit Agartz im Rahmen
unseres heutigen Themas der Vergessenen Eliten von einem
besonders nahe liegenden Interesse ist. Zur Beantwortung dieser Frage
möchte ich mich im Folgenden von Agartz selbst zuerst etwas lösen
und einen kleinen gedanklichen Umweg machen, bevor ich am Ende auf
ihn zurückkomme.
Die Geschichte der Nachkriegszeit
wird heute vor allem als Erfolgsgeschichte von Frieden, Wohlstand und
sozialer Stabilität geschrieben, als Geschichte des erfolgreich sich
entwickelnden westdeutschen Sozialstaates. Teil dieser
Erfolgsgeschichte ist nicht selten, dass und wie sich die
Gewerkschaftsbewegung als ganze in die westdeutsche
Gesellschaftsverfassung integriert hat, welche Erfolge in Fragen der
Wirtschafts- und Sozialpolitik sie dabei errungen und welche
Anerkennung sie dabei von ›Wirtschaft‹
und ›Politik‹<
geerntet hat. Auf diesem Wege kann man sicherlich behaupten, dass
sich die Gewerkschaftsbewegung im Vergleich zur ersten Hälfte des
20. Jahrhunderts wesentlich geöffnet hat.
Dieselbe Geschichte ist jedoch,
wie so häufig, etwas komplizierter und hat mehr als nur eine Seite,
denn die Öffnung zur einen Seite war in diesem Falle auch die
Schließung zu anderen. Ich trage Eulen nach Athen, wenn ich daran
erinnere, dass der sogenannte Modernisierungsprozess der
westdeutschen Gesellschaft vor allem nach dem im Jahre 1952
offensichtlich gewordenen Scheitern des Kampfes um weitergehende
Mitbestimmungsideen und gegen die Remilitarisierung, und nach der
abermaligen Bundestagswahlniederlage der SPD im Herbst 1953 massiv
einsetzte. Mit dem Tod Hans Böcklers 1951 und Kurt Schuhmachers 1952
endete, wie es einer der Chronisten dieser Zeit einmal so schön
formulierte, symbolisch eine Zeit, »in der alles möglich schien und
in der tatsächlich so wenig möglich war«. Es begann der
berühmt-berüchtigte, sozialdemokratische »Weg nach Bad Godesberg«.
Und auch die Rolle einer hoch politisierten und auf die Neuordnung
der Gesellschaftsstrukturen ausgerichteten, kämpferischen
Gewerkschaftsbewegung war damit ausgespielt – die westdeutschen
Klassenkämpfe, wenn ich diesen altmodischen, aber treffenden Begriff
verwenden darf, veränderten ihr politisches und ökonomisches
Gesicht.
Auch wenn diese historische
Entwicklung ein spezifisch deutsches Gesicht aufweist, so handelt es
sich bei ihr doch um einen allgemeinen, fast schon
weltgeschichtlichen Trend des dritten Viertels des 20. Jahrhunderts
mit ausgesprochen nachhaltigen Folgen.
Ein integraler Teil dieser
Entwicklung zu dem, was Eric Hobsbawm das »Goldene Zeitalter«
genannt hat, war natürlich der so genannte »Klassenkompromiss«, d.
h. die Entwicklung zum korporativen Kapitalismus mit deutlich
sozialstaatlichen Zügen. Waren die politischen und
gewerkschaftlichen Vertreter der Arbeiterbewegung noch in der ersten
Hälfte des 20. Jahrhunderts vielfach Parias der
bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, eine Form alternativer
Gegen-Elite zu den
bürgerlichen Funktions- und Herrschafts-Eliten, so änderte sich
dies nach Faschismus und Krieg. Die führenden Eliten jener Zeit
wurden durch die Vertreter der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung
gleichsam angereichert.
Die damaligen Soziologen, allen
voran Theodor Geiger und Ralf Dahrendorf, haben diesen
Integrationsprozess mit dem Begriff der Institutionalisierung des
Klassenkampfes zu fassen versucht, eine Interpretation, die natürlich
nicht unwidersprochen geblieben ist. Vor allem marxistische
Gesellschaftstheoretiker haben sich aus verständlichen Gründen
kritisch damit auseinandergesetzt. Auch Viktor Agartz selbst hat
übrigens in den 50er Jahren begonnen, diesen Entwicklungsprozess zu
analysieren. Seine umstrittene These war, dass sich die
Gewerkschaftsbewegung strukturell in die neokapitalistische
Gesellschaft integriert habe, die Sozialdemokratie sogar in
den spätbürgerlichen Staat. In unserem Zusammenhang wichtig
ist die nicht nur, aber auch von Agartz festgestellte
Begleiterscheinung dieses Prozesses: die Einschätzung, dass mit
diesem Integrations- und Institutionalisierungsprozess ein Prozess
der nachhaltigen Bürokratisierung der Arbeiterbewegung vonstatten
gegangen ist, aus dem ebenso zwangsläufig eine Verengung des
einstmals gesellschaftskritischen Blicks auf die Phänomene
bürgerlich-kapitalistischer Entfremdung erfolgt ist. Geistig habe
sich die solcherart bürokratisch verengte Arbeiter- und
Gewerkschaftsbewegung dem herrschenden Status Quo zunehmend
eingeordnet und die sozialstaatlich veränderte kapitalistische
Ordnung als schlechthin gegebene und insofern ›natürliche‹
betrachtet – die es allenfalls zu reformieren, nicht aber mehr
abzuschaffen gelte. Die alte Arbeiterbewegung ist auf diesem Wege, so
die These von vielen damaligen und späteren linken Kritikern, auch
die von Agartz, zu einem bloß oppositionellen Strukturelement der
spätbürgerlichen Ordnung geworden.
Das alles ist noch nicht besonders
originell. Originell und für unser Thema interessant wird es jedoch
bei einem der damals wichtigsten linken Vordenker, dem
deutsch-österreichischen Gesellschaftstheoretiker und
Sozialphilosophen Leo Kofler, der in der zweiten Hälfte der 50er
Jahre und aus dieser Kritik heraus eine Theorie entwickelt hat.
Kofler schlussfolgerte, dass diese
neue historische Situation einer weitgehenden Integration der
einstmals oppositionellen Gegenelite der organisierten
Arbeiterbewegung einen neuen gesellschaftlichen und historischen Raum
öffnet für eine in dieser Form neue oppositionelle Elitenbildung.
Diese neue oppositionelle Elite – und er meint hier den Begriff der
Elite nicht wertend, sondern soziologisch beschreibend – nennt er
die progressive, die humanistische Elite, weil sie das alte radikale
Programm der Arbeiterbewegung vom Kampf gegen Entfremdung und
Ausbeutung in einem radikal humanistischen, in einem emanzipativ
sozialistischen Sinne auch gegen die aktuell existierende
Arbeiterbewegung fortschreibe.
Das Besondere dieser neuen
progressiv-humanistischen Elite sei nun, dass sie, oberflächlich
betrachtet, gar nicht existent ist, das sie, wie Kofler sagt »eine
amorphe [d.h. gestaltlose] Masse mit stark fluktuierenden Tendenzen«
ist, keine besondere, scharf abgegrenzte Gruppe oder Schicht der real
existierenden Gesellschaft, keine eigene Klasse und auch kein Teil
einer bestimmten Klasse. Sie sei weder rein proletarisch noch rein
bürgerlich, setze sich vielmehr jenseits der traditionellen sozialen
und weltanschaulichen Fronten aus vielen heterogenen sozialen,
politischen und kulturellen Teilen zusammen, die in Anschauung,
Zielsetzung und Habitus nicht selten sogar entgegengesetzt sind.
Diese progressive Elite sitze zwischen allen Stühlen, sei
widersprüchlich und unbeständig, und doch sei sie da und spiele
eine wichtige soziologische und historische Rolle, weil sie, wie er
sagt, eine ernst zu nehmende welthistorische Kraft sei, »ein
unentbehrlicher Gärstoff, der die [verbürokratisierte] Gesellschaft
vor der Todesstarre bewahrt«. Die progressive Elite ist ihm die
zeitgenössische Bewahrerin des humanistischen Gedankengutes, die
zeitgenössische Bewahrerin der in einer Klassengesellschaft
unaufhebbaren Sehnsucht nach allgemeinmenschlicher, humanistischer
Freiheit – und sie bewahrt damit die Gesellschaft vor dem
»Versinken des Rationalismus in einen engstirnigen und
bürokratisierten Praktizismus«.
Diese Aufgabe jedoch, so Kofler,
gelingt der neuen soziologischen Elite nur in widersprüchlicher
Weise, weil sie qua ihrer Natur eben keine sozial verwurzelte,
selbstbewusste historische Kraft sein könne. So schwanke diese neue
Elite permanent hin und her zwischen Optimismus und Pessimismus,
zwischen Hoffnung und Resignation, zwischen utopischer Überspannung
und kontemplativem Nirwana.
Ich kann hier leider nicht genauer
ins Detail der Koflerschen Ausführungen eintauchen. Was er Ende der
50er Jahre beschreibt und gleichsam geschichtsphilosophisch
einzuordnen versucht, ist jedoch der Aufstieg dessen, was im darauf
folgenden Jahrzehnt, in den 60er Jahren die Neue Linke (im weitesten
Sinne des Wortes) genannt werden wird. Kofler erkennt diese neue Zeit
früher als die meisten anderen Denker und er begreift diese Neue
Linke als eine neue humanistische Gegen-Elite, die die Rolle der
alten Gegen-Elite einer nun weitgehend integrierten Arbeiterelite
gleichsam beerbt. Kofler sieht diesen, in dieser historischen Form
neuen Nonkonformismus durchaus nicht unkritisch (das unterscheidet
ihn grundsätzlich bspw. von Herbert Marcuse), denn er ist Marxist
der alten Schule genug, um zu wissen, dass die sich in SPD und
Gewerkschaftsbewegung verkörpernde bürokratisierte Arbeiterbewegung
noch immer die historisch berufene, eigentliche Repräsentantin des
geschichtlichen Fortschritts darstellt. Nur hielt er sie aktuell
nicht mehr für eine aktive Kraft dieses geschichtlichen Fortschritts
(das wiederum verbindet ihn zutiefst bspw. mit Marcuse). Aus diesem
Befund leitete er ab, dass diese neue, progressive Elite im
historischen Recht, also fortschrittlich sei. Gleichzeitig jedoch
sagt er, dass sie sich nur dort, wo sie sich mit den eigentlichen
fortschrittlichen Kräften, also mit den Kräften der
bürokratisierten Arbeiterbewegung, auf einer neuen,
antibürokratischen Grundlage verbündet, dass sich nur dort die
gleichsam historische Mission dieser neuen progressiv-humanistischen
Elite erfülle, ohne dass sie zu anti-emanzipativen Zwecken
missbraucht werden könne. Entsprechend konsequent kritisiert er im
mythischen Jahr 1968 sowohl Neue Linke wie alte Arbeiterbewegung,
wenn er beklagt, dass sich »die beiden, ihrem Ursprung nach
kritischen und oppositionellen Welten einander kaum (berühren), sie
gehen ihre eigenen Wege« und die Konsequenz dieses Nebeneinanders
und teilweise Gegeneinanders ist (O-Ton Kofler) »sturer Praktizismus
hier und selbstgefälliger Intellektualismus dort, beide sich
einander misstrauisch gleichsam durch Glaswände betrachtend, jedoch
nicht beeinflussend«.
Mir scheint, dass man hier eine
treffende Beschreibung der Problemgeschichte der 68er Revolte und der
entsprechenden Auseinandersetzungen in den ›roten‹
70er Jahren hat. Was Kofler hier gleichsam geschichtsphilosophisch zu
verstehen sucht, ist ein in dieser Form neuartiger Eliten-Bruch
innerhalb des progressiven Lagers, der die Geschichte vor allem der
60er und 70er Jahre nachhaltig geprägt und ganz objektiv zu jener
Schwächung der alten Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung beigetragen
hat, auf deren Schultern dann der geistige und politisch-ökonomische
Siegeszug des Neoliberalismus vonstatten gehen konnte.
Im Zuge dieses Eliten-Bruchs ist
es dazu gekommen, dass sich mehrere Generationen einer kritischen
Intelligenz von der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung entfernt und
entfremdet haben – sei es freiwillig oder unfreiwillig –, die ihr
historisch und soziologisch eigentlich zugehörten. Ich denke hier
nicht zuletzt an Namen wie Wolfgang Abendroth, Leo Kofler oder Theo
Pirker, an die Generation der Leute um Oskar Negt und Heinz
Brakemeier, aber auch an jüngere wie Rudi Dutschke oder Hans-Jürgen
Krahl, an Namen wie Frank Deppe oder Wolfgang Fritz Haug und so
weiter und so fort. Doch nicht nur Intellektuelle sind hier gemeint:
auch viele Graswurzelaktivisten, die allenfalls am Rande und nicht
selten jenseits der alten sozialen Bewegung agierten. Viele dieser
Leute – nicht alle – haben immer wieder die Zusammenarbeit mit
der in der Regel als versteinert betrachteten Gewerkschaftsbewegung
gesucht, doch den meisten ist dies sehr schwer gemacht worden.
Was hat das alles nun mit Viktor
Agartz zu tun? Nun, in meinen Augen ist Agartz, historisch
betrachtet, einer derjenigen, in deren Schicksal sich der
Ablösungsprozess dieser progressiv-humanistischen Elite von der
klassischen Arbeiterbewegung mit all ihren Stärken und Schwächen in
besonderem Maße spiegelt. Er war in den 50er Jahren die Zielscheibe
der Adenauer-Konservativen und der sozialdemokratischen ›Ankommer‹
auf der einen, der Hoffnungsträger der vielfältigen Dissidenten und
›Sektierer‹auf der anderen Seite. In dieser Funktion wurde er bekämpft und aus
der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung entlassen. Agartz hat diese
Rolle angenommen und in der zweiten Hälfte der 50er Jahre den
Aufbruch in andere politische Formen versucht. Sein diesbezügliches
Scheitern ist das Scheitern der ersten Generation der westdeutschen
Neuen Linken. Und dass sich große Teile der späteren ›progressiven
Elite‹ von ihm abgewandt haben, ändert nichts daran, dass andere sich auch weiterhin auf ihn bezogen, manche sogar, vor allem innerhalb der Gewerkschaftsbewegung,noch heute.
Agartz ist also ein Prototyp jener
Tradition gewerkschaftlicher Elitenbildung, dessen Verdrängung aus
der organisierten Arbeiterbewegung der Preis für die Anerkennung
durch die bürgerlichen Eliten gewesen ist. Ob der Preis angemessen
und notwendig war, mag zu diskutieren sein. Immerhin haben wir es
heute mit einer vielfältigen Diskussion innerhalb der sog. alten wie
der sog. neuen sozialen Bewegungen zu tun, wie man die historisch
gewachsenen Differenzen und Spaltungen produktiv wenden kann. Ob
dabei ›nur‹ ein besseres gegenseitiges Verständnis herauskommen soll oder gar
eine Reintegration auf neuer Grundlage – bspw. auf der Grundlage
einer neuen sozialen Gewerkschaftsbewegung, wie sie manche heute
fordern – mag der politischen Debatte anheim gestellt werden.
Die Geschichtswissenschaft kann
von diesen politischen Debatten nicht ganz losgelöst werden, sollte
ihnen vielmehr eine fundierte Wissensgrundlage vermitteln. Im Falle
von Viktor Agartz hieße dies meines Erachtens, dass man jenen
historischen Spaltungsprozess der sozialen Emanzipationsbewegungen
und ihrer alternativen Elitenbildung nüchtern und sachlich
aufarbeiten sollte, der so tiefgreifend und nachhaltig nicht nur die
Geschichte der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung im Besonderen
geprägt hat, sondern die Zeitgeschichte im Allgemeinen. An den Wegen
von Ludwig Rosenberg, Otto Brenner und anderen kann man aufzeigen,
was die Gewerkschaftsbewegung in ihrem Öffnungsprozess der 50er und
60er Jahre gleichsam gewonnen hat. An dem Weg von Agartz und vielen
anderen kann man aufzeigen, was sie verloren hat. Geschichte ist
bekanntlich mehrdimensional und so sollte auch die
Geschichtswissenschaft sein.
* Vortrag auf einer Fachtagung zur
Gewerkschaftsgeschichte (»Vergessene Eliten. Gewerkschaftliche
Akteure in den 1950er und 1960er Jahren«), die die Friedrich
Ebert-Stiftung und die Hans Böckler-Stiftung im Oktober 2009 in Bonn
veranstalteten.
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