Patriotische Dissidenten vor 1989
Lutz Haarmann: »Die deutsche Einheit kommt bestimmt!« Zum Spannungsverhältnis von Deutscher Frage, Geschichtspolitik und westdeutscher Dissidenz in den 1980er Jahren, Berin (Berliner Wissenschafts-Verlag) 2005, 139 S.
von Herbert Ammon
Die Dynamik der Ereignisse des Jahres 1989, die zum Mauerfall führten, traf die classe politica der alten Bundesrepublik, kaum
anders als die SED-Führung in der DDR, wie ein Naturereignis. Von Differenzen in der politischen Rhetorik zur ›Offenheit‹ der
Deutschen Frage sowie in der geschichtspolitischen Ausdeutung der deutschen Katastrophe 1933-45 abgesehen, hatten sich alle
Parteien mit dem Status quo der deutschen Teilung abgefunden. Aus parteitaktischen Gründen wehrte Bundeskanzler Kohl auf dem
CDU-Parteitag 1988 einen Vorstoß ab, den Vorrang der europäischen Einigung im Parteiprogramm zu verankern. Auf der anderen
Seite räumten SPD-Politiker die noch in der neuen Ostpolitik auf »Wiedererlangung der deutschen Einheit in
freier Selbstbestimmung« abgestellten Positionen. In Wissenschaft und Publizistik ging es um die »Selbstanerkennung« der
Bundesrepublik, Historiker wie Hans Mommsen und Lutz Niethammer redeten der Herausbildung der deutschen Binationalität das Wort.
Wer in den 80er Jahren gegenüber der Status-quo-Orientierung an der deutschen Einheit
festhielt, gar die These von der Aktualität der Deutschen Frage verfocht, wurde von der
etablierten Politik als Störfaktor wahrgenommen. Die wenigen, die, wie die in dem 1982 von Wolfgang Venohr herausgegebenen Sammelband
Die deutsche Einheit kommt bestimmt versammelten Autoren, gegen den Stachel löckten, bezeichnet Lutz Haarmann in
eigenwilliger Anwendung des Begriffs als »westdeutsche Dissidenz«.
Der Autor skizziert eingangs die Deutsche Frage unter dem Doppelaspekt der ›nationalen Frage‹ und der deutschen Problematik im
internationalen Kontext des Ost-West-Konfliktes. Bereits am Ende der Ära Eisenhower zeichnete sich seitens der
Weltmächte die Tendenz ab, die Deutsche Frage zugunsten der Entspannung beiseitezulegen. Besiegelte der Berliner Mauerbau
das Großmacht-Arrangement, so entsprang die ›neue Ostpolitik‹ von Bahr-Brandt der Einsicht in diese Realitäten. Schon
zu Zeiten des Grundlagenvertrags mit der DDR (1972) kam es in der veröffentlichten Meinung zu Uminterpretationen der
Ostpolitik, die Haarmann als »reduzierte Bemühungen zur Erlangung der Wiedervereinigung« qualifiziert (18). Die deutsche
Zweistaatlichkeit wurde zur unumstößlichen Doktrin erhoben, in der Politikwissenschaft dominierte der Systemvergleich,
welcher den Charakter der SED-Diktatur und die innere Schwäche der DDR verschwimmen ließ. In einem Sonderkapitel zum Thema
›Geschichtspolitik‹ illustriert Haarmann den Wandel des westdeutschen DDR-Bildes, speziell am wechselvollen Umgang mit dem 17. Juni
1953.
Die Deutsche Frage schien spätestens mit der KSZE-Schlussakte (1975) ad acta gelegt.
Eröffneten sich durch den alsbald verschärft einsetzenden Großmachtkonflikt neue
Wege zur Lösung der ›Deutschen Frage‹, wie sie Ammon-Brandt 1981 propagierten? Die
Beantwortung der Frage hing von Machtanalyse, Perspektive und Intention ab. Die
dissidierenden Stimmen gewannen durch Venohrs Proklamation an Resonanz, wenngleich Bundeskanzler Kohl ähnliche
Vorstellungen des CDU-Politikers Bernhard Friedmann als »blühenden Unsinn« abfertigte. In der Ära Gorbatschow,
als sich ungeachtet dessen Zögerlichkeit gegenüber der deutschen Thematik neue Chancen auftaten, forderte ab
1988 ein »Freundeskreis Deutschland« um Karl Feldmeyer und Detlev Kühn mit Nachdruck Initiativen in Richtung deutsche Einheit.
Haarmann vermittelt nur ein unvollständiges Bild des Status-quo-kritischen Patriotismus.
Namen wie Heinrich Albertz, Günter Kießling und Alfred Mechtersheimer fehlen.
Hinsichtlich der ›Grünen‹, die anfangs als Teil der Friedensbewegung die Deutsche Frage mit ins Spiel
brachten, vermisst
der Rezensent die Würdigung des ›linken Patrioten‹
Dutschke, der sich vor seinem Tode 1979 mit den älteren ›rechten‹ Nationalneutralisten aus der AUD verbündete. Kritik
verdienen einige Urteile des Verfassers: Venohrs Konzept einer Konföderation Deutschland hält er für naiv, da
es ohne Rücksicht auf die Rolle der Vier Mächte vorgetragen worden sei. Der realpolitische Gehalt, nämlich dass eine von
deutscher Seite entfaltete Initiative die Großmächte zur Reaktion nötigen müsste, wird aus solcher Sicht nicht
erfasst. Feldmeyer und Kühn, die als Autoren des Deutschland-Brief[es] Anonymität
bevorzugten, wirft er fehlenden Bekennermut vor, obgleich er zuvor (81) erwähnt, dass Kohl auf Ablösung Feldmeyers
als Bonner FAZ-Korrespondent drängte.
Der Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande. Feldmeyer verwies 1988 in seinem
›Werbe-Anschreiben‹ auf das Geburtendefizit: Deutschland sei seit zwanzig Jahren
»Weltmeister im Aussterben«. Es sind Dissidenten, welche die historischen Tendenzen
wahrnehmen und Umdenken fordern. In seinem Geleitwort fasst Wolfgang Seiffert, einer der unentwegten Patrioten
jener Jahre, die Serie der Deutsche[n] Irrtümer (Jens Hacker)
zusammen. Er rechnet zu den Spätfolgen der westdeutschen Status-quo-Fixierung, dass »bis heute
keine wahrheitsgetreue Darstellung der Vorgänge existiert, die damals zur
Wiedervereinigung führten« (VIII).
Auch in: Deutschland Archiv 6/2006, S. 1111-1112.
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