Die geschichtliche Tragik der »Weißen Rose« und die politische Moral der Nachgeborenen
von Herbert Ammon
Es lebe die
Freiheit! (Hans Scholl vor seinem Tod am 22. Februar 1943)
Freut
Euch mit mir! Ich darf für mein Vaterland, für ein gerechtes und
schöneres Vaterland, das bestimmt aus diesem Krieg hervorgehen wird,
sterben. (Kurt Huber an seine Familie vor seinem Tod am 13. Juli
1943).
I
Der ideelle Zustand einer Nation – wenn es denn den historisch-politischen Bezugsrahmen in der globalisierten,
universalethisch-ideologisch überhöhten Gegenwart noch gibt (oder noch geben soll) – manifestiert sich in ihrer
›kollektiven Erinnerung‹, in lieux de mémoire, in Namen und Symbolen. Eines der schönsten und bewegendsten
Zeichen der jüngeren
deutschen Geschichte ist die »Weiße Rose«. Dass im Auseinanderfallen von Mythos und Wirklichkeit, im Hinblick
auf deutsche Einzelschicksale wie auf die vom Nazismus herbeigeführte deutsche Katastrophe, der Mythos die historische
Wahrheit birgt, wäre an der Tragik der »Weißen Rose« beispielhaft zu zeigen.
Die »Weiße Rose«, in deren Namen Hans Scholl und seine Freunde zum Widerstand »wider den Boten des Antichrist«
aufriefen, gilt als Symbol des aus christlichem Humanismus erwachsenen Aufstands des Gewissens junger Menschen und
ihres Märtyrertodes. Das Bild, zuletzt bestätigt durch den Film Sophie Scholl – Die letzten Tage (2005),
geht maßgeblich auf das erstmals 1952 erschienene Erinnerungsbuch der ältesten Schwester Inge Scholl zurück. Die
Autorin, ehedem selbst Führerin einer Ulmer BdM-Gruppe, rückte die anfängliche Begeisterung der Geschwister Scholl
für den ›nationalen Aufbruch‹ aus dem Blick. Sie ließ zudem Details der ›bündischen Umtriebe‹ beiseite,
derentwegen Hans Scholl und andere im Sommer 1938 vor dem Sondergericht Stuttgart standen und die den ›bündischen‹
Aktivisten Ernst Reden für einige Monate in das KZ Welzheim brachten. Dass die Medizinstudenten um Hans Scholl – nach
offenen Protesten Münchner Studenten gegen das Auftreten des Gauleiters Paul Giesler und gegen die Gestapo
(14. Januar 1943) sowie unter dem Eindruck der offenkundigen Kriegswende in Stalingrad – in Fehleinschätzung der politischen
Chancen bei ihren nächtlichen Aktionen (»Nieder mit Hitler«) womöglich mit Aufputschmitteln hantierten, blieb unerwähnt.
II
Auf welchen Umwegen, anfangs in jugendlichem Protestgestus zum christlich-liberalen Vater, die Scholls dazu kamen, den
selbstmörderisch anmutenden Kampf gegen das NS-Regime aufzunehmen, bedarf historisch-kritischer Erhellung. Eine
fundierte Publikation zu den – für die deutsche Geschichte zwischen I. Weltkrieg, Versailles, Weimar und Hitler –
exemplarischen Biografien des Widerstandskreises liegt seit 1999 als Dokumentationsschrift der Jugendbewegung vor: Die Ulmer
»Trabanten«. Hans Scholl zwischen Hitlerjugend und dj.1.11. Darin gewinnen in den Beiträgen von Eckard Holler –
im Anschluss an eine Einleitung von Arno Klönne zum Verhältnis von nonkonformer, ›autonomer‹ Jugendbewegung und
Hitlerjugend –,
sowie in bis dato unveröffentlichten Dokumenten und einer Zeittafel die Lebenswege der Scholls historisch einprägsame Konturen.
Ungeachtet christlicher Erziehung seitens der Mutter, einer protestantisch-pietistischen Diakonisse, und eines klarsichtigen, kompromisslos NS-gegnerischen Vaters zeigten sich die Geschwister
in pubertärer Emotion anfangs von der ›nationalen
Revolution‹ begeistert. Drei Scholl-Schwestern übernahmen Führungspositionen bei den
»Jungmädeln«, wo sie meinten, ihre von Gemeinschaft, Naturerlebnis, ›Dienstbereitschaft‹ und musischen Interessen
inspirierte Jugendromantik ausleben zu können. Noch am Palmsonntag 1937 ließ sich die aktivistisch gestimmte
Sophie Scholl – als einziges Mädchen ihres Jahrgangs – in BdM-Uniform konfirmieren. Hans Scholl, im Jahre 1932 Mitglied des Christlichen Vereins Junger Männer (CVJM), trat am 1.Mai 1933 der HJ bei. Dort
lernte er über den Jungvolkführer Max von Neubeck, Sohn des Ulmer Festungskommandanten, die spezifischen Traditionen
der dj.1.11 – die von
Eberhard Koebel (»tusk«) 1929 gegründete, auf die gesamte ›bündische‹ Jugendbewegung ausstrahlende
Gruppe – kennen. Der
aus Stuttgart stammende Koebel war – unter dem Einfluss Richard Scheringers, des im Ulmer Reichswehrprozess (1930)
wegen NS-Propaganda verurteilten und während der Festungshaft im pommerschen Gollnow zur KPD konvertierten
Reichswehrleutnants – im Zeitraum 1932/1933 in Berlin für die KPD tätig gewesen. Nach Gestapo-Verhören im
Columbia-Haus und zwei Selbstmordversuchen konnte »tusk« 1934 nach London emigrieren. Unter ›Bündischen‹ bestanden
weiterhin Verbindungen zu dem im Exil lebenden Koebel.
Noch als strammer Fähnleinführer, der katholische Jungen, die den auf Sonntagvormittag
angesetzten HJ-›Dienst‹ ignorierten, auf dem Weg in die Kirche verprügelte, knüpfte Hans Scholl
im Dezember 1935 mit einem Bekannten aus dem katholischen Quickborn
Kontakte zu dem in Ulm stationierten dj.1.11-Aktivisten Ernst Reden. Im November 1937 verhaftete die Gestapo im Zuge
einer Aktion gegen die dj.1.11 siebzehn Jugendliche in Ulm, darunter drei Scholl-Geschwister. Der zum Militärdienst
eingezogene Hans Scholl wurde am 13. Dezember in der Kavallerie-Kaserne von Bad Cannstatt verhaftet und saß bis Anfang Januar
1938 in Stuttgart in Untersuchungshaft. (Holler, 55; Steffahn I, 22, 149). Wegen »Fortsetzung der bündischen
Jugend u.a.« – gemeint waren Vergehen gegen den Homosexuellen-Paragraphen 175 des Strafgesetzbuches – wurde Scholl vom
Sondergericht Stuttgart im Juni 1938 verurteilt, aber amnestiert. Das Urteil gegen den literarisch ambitionierten Ernst
Reden (»Ein Volk bekennt«), Mitglied der Reichsschrifttumskammer, fiel nicht unter die nach dem ›Anschluss‹ Österreichs verkündete Amnestie. Die Verbindung der Scholls zu Reden blieb bis
zu dessen Kriegstod in Russland im August 1942 bestehen. »Die Nachricht von Ernsts Tod hat mich schwer getroffen«,
notierte Hans Scholl am 5.9. 1942 in seinem Russland-Tagebuch. »...ich fühle die blutende Seele meiner Schwester
und kann sie nicht heilen.« (In: Jens I, 104)
Was in den meisten Darstellungen der »Weißen Rose« nicht hinreichend deutlich wird: In all den Jahren pflegte
die Familie Scholl enge Kontakte zum Nationalkommunisten Richard Scheringer, auf dessen Dürrnhof unweit Kösching
bei Ingolstadt die jungen Scholls ab Sommer 1938 (möglicherweise schon ab 1937) ihre Ferien verbrachten. Elisabeth
Scholl, die mittlere der fünf Geschwister, arbeitete als Kindermädchen bei der Familie Scheringer, als die
Gestapo nach dem Ende der »Weißen Rose« im Februar 1942 Scheringer zum Verhör
holte.
Ausschlaggebend für den ersten Zusammenstoß mit dem NS-Regime war demnach im Ulmer Freundeskreis das jugendbewegte
Moment, das in den musischen und literarischen Vorlieben – man begeisterte sich an Ernst Jünger und Stefan George, an Rilke und Stefan Zweig –
der Geschwister zum
Ausdruck kam. Erst nach dem Prozess 1938 stieß Otl Aicher zum Scholl-Kreis. Als Aicher wegen Ablehnung einer Mitgliedschaft in der HJ vom Abitur ausgeschlossen wurde, solidarisierte sich mit ihm sein Klassenkamerad und Freund Werner, der jüngste der Scholl-Geschwister, indem er dem Schuldirektor seinen HJ-Austritt erklärte.
Aicher brachte dem Freundeskreis um Hans Scholl reformkatholische
Ideen nahe. Danach tritt bei Hans Scholl das jugendbewegte Motiv hinter der Beschäftigung mit Fragen christlicher Existenz
zurück. Seine Lektüre reicht von Denkern wie Augustin und Blaise Pascal bis zu Autoren des französischen
renouveau catholique wie Jacques Maritain, Georges Bernanos und Léon Bloy. Während dieser Orientierungssuche – laut Inge Scholl erst im Frühjahr 1942 – gelangten Abschriften der Predigten des Münsteraner Bischofs Clemens Graf Galen, in denen dieser die Mordpraxis der ›Euthanasie‹ anprangerte, in die Hände der Familie Scholl. Die Wahrnehmung des umfassend verbrecherischen Charakters des Regimes wirkte als letzter Anstoß für Widerstandshandeln. (Steffahn I, 66f.)
Die ›bündischen‹ Kontakte spielten gleichwohl in der aktiven Widerstandsphase 1942/1943 weiterhin eine wesentliche Rolle. Willi
Graf suchte über die Brüder Bollinger, Freunde aus der »Neudeutschland«-Gruppe, Unterstützung bei
Gleichgesinnten in Saarbrücken und Freiburg. In Ulm wirkten Hans und Susanne Hirzel als
Mitstreiter. Über Traute Lafrenz, mit Schmorell seit Sommer 1939 bekannt und zeitweilig die Freundin Scholls, gelangten
Flugblätter nach Hamburg, wo aus einem ›bündisch‹ insprierten Freundeskreis im Sommer 1943 eine aktive –
und blutig vernichtete – Widerstandsgruppe hervorging. Traute Lafrenz fungierte auch als Kurier nach Wien. Über Falk Harnack, den Bruder des 1942 als Angehöriger
der Widerstandszelle um Harro Schultze-Boysen (»Rote Kapelle«) hingerichteten Arvid Harnack, suchte Hans Scholl
Kontakte zum militärischen Widerstand. Für Ende Februar 1943 war ein Treffen mit Harnacks Vetter Dietrich
Bonhoeffer vorgesehen.
Jugendbewegte Sentiments, Dostojewski-Verehrung und Russlandromantik, werden während des Kriegseinsatzes
(›Frontfamulatur‹) der Freundesgruppe im Sommer 1942 im unbefangenen Umgang mit russischen Bauern und Kriegsgefangenen
im hinteren Frontbereich der Heeresgruppe Mitte lebendig: »Es wird kühl, die Mädchen singen zur Gitarre, wir
versuchen die Bässe zu summen. Es ist schön so, man spürt Russlands Herz, das wir lieben«, notierte Willi
Graf in seinem Tagebuch. (Zit. in Steffahn, 83)
Anfang 1941 lernte Hans Scholl (geb. 1918) im Hörsaal sowie in der Studentenkompanie, wo er zum Sanitäter
ausgebildet wurde, den ein Jahr älteren Alexander Schmorell (»Schurik«) kennen, den in Orenburg geborenen Sohn
eines ostpreußischen Arztes und einer Russin, nach dem frühen Tod der Mutter erzogen von einer russischen
Kinderfrau. Zu Schmorells Freunden gehörte Christoph Probst. Über Otl Aicher gelangte Scholl im Herbst 1941 in den
katholischen Intellektuellenkreis um Carl Muth, den Herausgeber der am 1. Juni 1941
verbotenen ›neukatholischen‹ Zeitschrift Hochland. Im Atelier des Architekten Manfred Eickemeyer, der
ihn über die Nazi-Verbrechen in Polen und Russland aufklärte, traf Scholl auf den katholisch
geprägten Münchner Kreis der Inneren Emigration, darunter Carl Muths Mitarbeiter Theodor Haecker,
den zum Katholizismus konvertierten Kierkegaard-Übersetzer und Privatgelehrten, die Schriftsteller Werner
Bergengruen und Sigismund von Radecki, den Historiker Alfred von Martin und den Kulturphilosophen Fedor Stepun.
Am 3. Juni 1942 begegnete Hans Scholl auf einem Gesellschaftsabend der Pianistin Dr.
Gertrud Mertens, wo man freimütig über Möglichkeit und Grenzen von Widerstand
diskutierte, zum ersten Mal persönlich dem ob seiner subversiven Philosophievorlesungen geschätzten Kurt Huber. Der
gebürtige Schweizer Huber, in seinen Überzeugungen christlich und national-patriotisch, soll ausgerufen haben:
»Man muß etwas tun, und zwar heute noch!« (Ibid., 55; Hanser, 176)
III.
Der Widerstand der »Weißen Rose« speiste sich aus Lebenserfahrungen, durch die ein
ursprünglich pubertär-jugendbewegter Nonkonformismus in wenigen Jahren schärfere
geistige Konturen gewann und, gewachsen aus christlichen Glaubensüberzeugungen,
patriotischen Empfindungen und jugendlichem Idealismus, ein Ethos der Unbedingtheit – die
Voraussetzung für Widerstandshandeln – begründete. Rückhalt fanden die jungen
Menschen in ihren Freundschaftsbeziehungen sowie in ihrem antinazistischen Familienhintergrund. Trat bei
Hans Scholl unter dem Einfluss der katholischen Mentoren das patriotische Motiv hinter europäisch-abendländischen
Bekenntnissen zurück, so ist es in allen sechs Flugblättern – nicht zuletzt in den Schuldanklagen gegen das
moralische Versagen der Eliten sowie die ›unverbesserlichen Deutschen‹ (»Ein verlorenes Volk«) evident.
(Jens I, 88, 106; Zitat 104)
Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielte schließlich das Faktum der Jugend – eine radikale Unbekümmertheit
hinsichtlich der möglichen Folgen ihrer Protestaktionen. In
selbstbewusstem Überschwang schickten die Freunde ihre ersten Flugblätter per
Einschreiben ans Polizeipräsidium (Schneider-Süß). Nach Otmar Hammerstein, einem
Freund und Mitwisser, den ein umsichtiger Vorgesetzter (in der Wehrmacht) durch
Versetzung nach Amsterdam dem Zugriff der Gestapo entzog, herrschte in ihrem Kreis in den Tagen der Aktionen
im Januar/Februar 1943 eine Art optimistischer ›Rausch‹, akzentuiert von Hans Scholls Worten: »Jetzt bringen wir die
Stadt in Bewegung.« Das Schlimmste,
womit er im Falle der Aufdeckung gerechnet habe, sei die Verurteilung zur Strafkompanie gewesen (Steffahn I, 106).
Kurt Hubers nationale Empfindungen, die er im Schlusswort vor dem ›Volksgerichtshof‹ unter Roland Freisler in leidenschaftlichen
Worten mit Berufung auf Johann Gottlieb Fichte bekundete, mögen fast drei Generationen später für
manche befremdlich klingen. Aus seinem Entwurf für das sechste Flugblatt strichen Hans Scholl und Alexander
Schmorell, Passagen über »die Vernichtung des russischen Bolschewismus in jeder Form« und über »unsere
herrliche Wehrmacht« heraus, worüber es zu einer erregten Auseinandersetzung kam (Clara Huber, S. 15f.). Dessen
ungeachtet spricht aus jeder Zeile des letzten Flugblatts ein patriotischer Furor – ein Text »von verzehrendem rhetorischen
Feuer, sprachgewaltig, mitreißend, ein würdiges Zeugnis in der Ahnenreihe großer deutscher Reden
und Rufe« (Steffahn II).
IV
Einer Arbeit über die »Weiße Rose« wäre es angemessen, die Wege und Umwege in die
Widerständigkeit, die geistigen Suchbewegungen junger Menschen im Kontext der kurzen
Jahre des NS-Regimes herauszuarbeiten. Dass sich die Perspektive auf die Vergangenheit mit der zeitlichen
Distanz ändert, ist so unvermeidlich wie legitim. Unbeschadet von jeder Neuinterpretation bleibt indes
die Verpflichtung zum textgetreuen Umgang mit den Quellen sowie zu historischer Empathie.
Bereits Christian Petry, Autor eines Buches über den Scholl-Kreis (Studenten aufs Schafott, 1968),
charakterisierte den Widerstandskreis in kritischem Ton als Repräsentanten einer Tradition, »die eine
unpolitische, christliche, idealistische, bürgerliche und sehr deutsche Welt gewesen ist« (Zit. in Steffahn, 63). Die Welt des Bürgertums habe sich seit 1848 gegenüber der bloßen Machtpolitik als hilflos
erwiesen, und sei darum nach dem
Scheitern der Weimarer Demokratie kritiklos dem Nazitum erlegen. Harald Steffahn, Autor einer Monographie über
die »Weiße Rose«, fragte im Blick auf diese Sichtweise: »Trübte hier zu sehr das Eigenverständnis
vieler Achtundsechziger den Blick?« (Ibid.)
Mehr als eine Generation später liefert ein 2006 erschienenes Buch von Sönke Zankel,
Extrakt einer Münchner Dissertation, ein peinliches Beispiel für den Mangel an historischer Sensibilität und
historiographischer Präzision. Der Autor, zur Zeit der Publikation
Studienreferendar mit einem Lehrauftrag an der Universität Flensburg, beansprucht »ein
kritischeres Bild« über den Widerstandskreis der »Weißen Rose« zu vermitteln als das in der ›deutschen
Erinnerungskultur‹ bislang gepflegte.
Des Autors Forscherstolz tut sich im Titel kund. Er gründet u.a. in der Tatsache, dass die beiden letzten
Flugblätter nicht mehr mit »Die Weiße Rose« unterzeichnet, sondern als
»Flugblätter der Widerstandsbewegung in Deutschland« übertitelt waren, woraus ein »Kurswechsel zur
Demokratie« abzuleiten sei. Dem Namenssymbol – für Hans Scholl mutmaßlich nichts anderes als ein
Signum der Lauterkeit – heftet Sankel folgende Interpretation an: »Die ´Weisse Rose´ war für
Scholl ihrem Ursprung nach ein Symbol der Konterrevolution gegen die demokratischen Ideen von 1789 und dieses
Zeichen benutzt er bewusst. Dieses Erklärungsmodell des Namens ´Weisse Rose´, gekoppelt mit
der Funktion des ´guten Klangs´ bei möglicherweise einem begrenzten Einfluss von [Clemens von]
Brentanos ´Romanzen vom Rosenkranz´, worauf Scholl in seinem Verhör hinwies, ist die schlüssigste
Erklärung des
Namens.« (Zankel, 73) Vom holprigen Stil und der aberwitzigen Interpretation abgesehen, bringt der Verweis auf die Herkunft des
Namens nichts Neues. Den Hinweis auf das Gestapo-Protokoll, worin die Sätze Scholls über seine
Brentano-Lektüre festgehalten sind – was den zuweilen
vermuteten Bezug auf B. Travens Roman Die Weiße Rose in Frage stellt –, hat Manuel
Aicher dem Historiker Harald Steffahn bereits 1992 gegeben. (Steffahn, 70, 147)
Zu den Peinlichkeiten in Textanalyse und Stil gesellt sich fundamentale Unkenntnis: Dem Katholiken Willi Graf, der
in mancherlei Äußerungen bis zuletzt sein christlich-patriotisches Empfinden kundtut, unterstellt Zankel
ein aus der lutherischen Obrigkeitslehre nach Römer 13 abgeleitetes Staatsverständnis. (Zankel, 31) Zum Ärgernis
wird die Tendenz des Autors, ohne das
geringste historische Einfühlungsvermögen jede Manifestation und jede Handlung des
Widerstandskreises mit pädagogisch erhobenem Zeigefinger aus der politisch korrekten
Gegenwartsperspektive zu begleiten. Am ersten Flugblatt der »Weißen Rose« missfällt ihm der Appell
an das Leid der Mütter: »War Scholl lediglich die Zahl der Opfer für die
deutschen Siege zu hoch? [...] Er eröffnete also keine multinationale Perspektive, sondern
beschränkte sich auf die deutschen Opfer.« Dazu die conclusio: »Es ist an sich nicht
verwunderlich, denn es zeigt nur, wie sehr auch Scholl dem zeitgenössischen Denken mit
seiner Fixierung auf das Nationale verhaftet war.« (Ibid, 68)
Die auf Originalität erpichte Interpretation der sechs Flugblätter ist ein Sammelsurium aus Unverständnis und
Besserwisserei. In dem von Alexander Schmorell (Zankel: kein »Intellektueller«) verfassten zweiten Flugblatt der
»Weißen Rose« (Juni 1942) heißt es: »Nicht über die
Judenfrage wollen wir in diesem Blatte schreiben, keine Verteidigungsrede verfassen – nein, nur als Beispiel wollen wir die
Tatsache kurz anführen, die Tatsache, dass seit der Eroberung Polens dreihunderttausend Juden in diesem Land auf
bestialischste Art ermordet worden sind. Hier sehen wir das fürchterlichste Verbrechen an der Würde des
Menschen, ein Verbrechen, dem sich kein ähnliches in der ganzen Menschengeschichte an die Seite stellen kann.«
Die Empörung über die nazistischen Verbrechen spricht aus jeder Zeile. Dazu der Autor
Zankel: Die Erwähnung der Ermordung von 300 000 Juden in Polen sei »die einzige konkrete Kritik« am
Judenmord geblieben. »Die Judenfrage« im »Altreich« habe Scholl und Schmorell nicht sonderlich interessiert,
sonst wären sie in anderen Flugblättern darauf zurückgekommen. Die
angebliche Indifferenz gegenüber der »Frage der Verfolgung der
Juden« wird in einem ganzen Kapitel expliziert. Die absurde These findet ihre
Widerlegung in jenem Entwurf des von Christoph Probst geschriebenen Flugblatts, den Hans Scholl bei seiner
Verhaftung unbedacht bei sich trug. Dort heißt es über Hitler: »Ihm, der die Juden zu Tode marterte,
die Hälfte der Polen ausrottete, Russland (!) vernichten wollte...« Des Autors Resümee über den von ihm so bezeichneten
»Scholl-Schmorell-Kreis«: »Es bleibt der...Eindruck, als sei der gesetzlich legitimierte Antisemitismus, der
jenseits von Ermordung und Versklavung etabliert worden war, hingenommen worden bzw. die Kritik am Antisemitismus
befand sich nicht in ihrem Horizont.« (Zitate in: Zankel, 64, 155, 157)
Alexander Schmorell, russisch-orthodox getaufter, russisch sprechender Sohn aus einer Emigrantenfamilie, sei
›russophil‹ gewesen, er habe zudem zwischen guten und schlechten Nazis unterschieden. Der katholisch jugendbewegte
Willi Graf, der als Angehöriger von Neudeutschland und des »Grauen Ordens« Kontakte mit Mitgliedern der HJ
ausschloss, – habe einen NSDAP-Vorkämpfer des Saarland-Anschlusses zum Vater gehabt. Christoph
Probsts moralisch unzweideutige Briefzeilen (1942) an seine Schwester Angelika – der Autor hält
sie für eine überzeugte Nazistin – über eine 17jährige Ukrainerin, »die wir auf dem
Sklavenmarkt in Garmisch bekommen haben«, werden mit dem Satz kommentiert, es bleibe »unklar, wie das Leben
der Ukrainerin tatsächlich aussah, beispielsweise, ob sie für ihre haushälterische Tätigkeit
eine Entlohnung bekommen hat und ob diese überhaupt annähernd dem marktüblichen Lohn entsprach,
den auch Deutsche für eben solche Tätigkeiten bekommen haben.« (Ibid., 52)
Aus der Tatsache, dass Hans Scholl seine Schwester Sophie anfangs nicht in die
Flugblattaktionen einweihen wollte, resultiert die Erkenntnis, »wie sehr die Studenten in
geschlechtsspezifisch-zeitgenössischen Denkmustern verhaftet waren.« Zuvor schreibt Sankel die Flugblattidee
aber Sophie zu, denn »sie stand dem Regime schon deutlich länger kritisch gegenüber und nicht durch
christlich-theologische Gedanken, wie die Anerkenntnis der
weltlichen Obrigkeit, geprägt, dass dies ein Hemmnis für mögliche Widerstandsaktionen
hätte bedeuten können.« (Ibid., 62f.)
Ständig wartet der Autor mit Werturteilen auf, die der »Weißen Rose« ein schlechtes
demokratisches Führungszeugnis ausstellen. Da missfällt ihm – bar der Kenntnis der
angesichts des Aufstiegs des Faschismus entwickelten Kritik des Massenzeitalters – Scholls elitäres
Selbstverständnis. »Die ´Masse´ der Menschen wird hier [in einem Tagebucheintrag] als
formbar dargestellt. Der emanzipierte, politisch mündige Bürger befand sich für Scholl wie
auch für Schmorell jenseits ihrer Vorstellungen von einem Gemeinwesen.« (Ibid., 71). Scholl habe erst
im fünften Flugblatt (»An alle Deutsche!«) den »Kurswechsel« vom verengten Nationalpatriotismus hin »zur
Demokratie« vollzogen (Ibid., 95). Sodann spekuliert der Autor seitenweise über den Gebrauch von Opiaten
im Scholl-Kreis bis hin zur Morphiumabhängigkeit Hans Scholls. Das Resümee: »...eine ´schwere´
Sucht [ist] äußerst unwahrscheinlich.« (Ibid., 124)
In einem Punkt, die Kriegserfahrung der Freunde im Sommer und Herbst 1942 betreffend, kommt er immerhin zu
unkonventioneller Erkenntnis. Es sei zu »konstatieren, dass in dem Einsatzgebiet der Studenten in Russland
und in dem hier relevanten Zeitraum kein Vernichtungskrieg stattgefunden hat. Dass dieser dennoch von der
Wehrmacht insgesamt geführt wurde, soll damit freilich nicht bestritten werden.« (Ibid., 80)
Last but not least: In den Passagen über Theodor Haecker und Kurt Huber wird auf peinliche Weise deutlich,
wie aus historischem Unverständnis nicht nur das Thema verfehlt, sondern aus bundesrepublikanisch korrekter Beflissenheit die historische Integrität von
Repräsentanten einer christlich-humanistischen Tradition verletzt wird. »Es kann die Zeit
kommen«, schrieb Haecker angesichts des am 1. September 1941 verordneten gelben Sterns, »daß
die Deutschen im Auslande auf der linken Seite der Brust ein Hakenkreuz, also das Zeichen des Antichrist
tragen müssen« (Zit. in: Steffahn I, 53). Zankel macht Haecker zum Repräsentanten eines christlichen
Antijudaismus. Haecker habe die Kategorien ›Christ und Antichrist‹ gebraucht. »Das bedeutete, dass derjenige, der
nach seinem Verständnis nicht christlich war, zumindest nicht weit davon entfernt war, Antichrist zu
sein« (Zankel. 61). Dass der Autor (in einem Kapitel »Widerstand von rechts«) über Kurt Huber, einen früheren
Anhänger der Bayerischen Volkspartei, den Stab bricht, indem er ihn als Nationalisten,
Antibolschewisten und Antisemiten einsortiert, versteht sich danach von selbst. (Adnote: Aus einer 1947
erschienen Gedenkschrift für Kurt Huber strichen die amerikanischen
Militärbehörden die politisch ungenehmen Passagen.)
Lohnt überhaupt eine Auseinandersetzung mit derlei Thesen? Über das Buch, vom Lektorat selbst trotz aller sprachlichen Peinlichkeiten unbeanstandet, könnte man stillschweigend
hinwegsehen. Der Verfasser hat von der Geschichte des 20. Jahrhunderts, von der Bedeutung des Opfergangs
der »Weißen Rose« offensichtlich nichts verstanden. Dass das Opus an dem nach den jungen Märtyrern
des ›anderen Deutschland‹ benannten Geschwister-Scholl-Institut der Münchner Universität entstanden ist
und offenbar ohne massive Korrekturen als Dissertation (im dreifachen Umfang der Buchversion) angenommen wurde,
erscheint als das eigentliche Skandalon: An deutschen Universitäten geht es ex post facto – über 60 Jahre
nach dem Ende des NS-Regimes – nur noch um ›demokratische‹ Geschichtsmoral, nicht mehr um historische Erkenntnis
der deutschen Katastrophe.
V.
»Erschüttert steht unser Volk vor dem Untergang der Männer von Stalingrad. Dreihunderttausend
deutsche Männer hat die geniale Strategie des Weltkriegsgefreiten sinn- und verantwortungslos in Tod und
Verderben gehetzt. Führer wir danken dir!« Ein Exemplar des letzten Flugblatts der »Weißen Rose« übersetzte Helmuth Graf James von Moltke im März zusammen mit Bischof Eivind Berggrav in Oslo ins Englische. Über Berggrav
gelangte das Flugblatt nach London. Britische Flugzeuge warfen Kopien über deutschen Städten ab. Bittere Ironie: In einer seiner
Radioansprachen, in denen er – im Unterschied zu dem gleichfalls in Los Angeles exilierten Bert Brecht – die
Zerstörung der deutschen Städte als Akt der Strafe rechtfertigte, verwies Thomas Mann auf das todesmutige
Beispiel der »Weißen Rose«. (Brakelmann, 243f.)
Eine einfache Antwort auf die Frage, welche Opfer – und Opferzahlen – auf deutscher Seite die Befreiung Europas
vom verbrecherischen NS-Regimes als unvermeidlich zu rechtfertigen sind, gibt es nicht. Unbeschadet davon
bleibt die Frage, ob die Deutschen seit Kriegsende in ihren – bis 1990 in Ost und West geschiedenen – politischen
Gedenkritualen je eine angemessene Form gefunden haben – oder noch finden können. Die ständige Beschwörung der
Kausalitätslinie 1933-1939-1945 wird der Komplexität aller deutscher Lebensschicksale
jedenfalls nicht gerecht.
Mit einer weißen Rose – aus globalisierten Importen – in den Händen, demonstrierten am 13. Februar 2010 in
Dresden Tausende gegen den als ›Trauermarsch‹ etikettierten Auftritt von
nationalistischen Rechtsradikalen (aus ganz Europa). Inwieweit das Vermächtnis der
antifaschistischen »Weißen Rose« in derlei Manifestationen ›gegen Rechts‹ den
angemessenen Ausdruck findet, sei dahingestellt. Die Geschichte wiederholt sich nicht. Es bleibt zu fragen, ob der
NPD-Instrumentalisierung des Gedenkens an die Zerstörung
Dresdens mit ihren zahllosen Opfern – anno 2009 durch eine Historiker-Kommission auf »mindestens 18 000
und höchstens 25 000« Tote fixiert – nicht auch der Unfähigkeit der
heutigen Deutschen, ihrer eigenen Toten, unter ihnen zahllose unschuldige Opfer des II. Weltkrieges, auf
würdige Weise zu gedenken, zuzuschreiben ist.
Während sich politisch verbohrte Kräfte des Opfergedenkens zu bemächtigen suchen,
scheint nach fast siebzig Jahren das historische Vermächtnis der »Weißen Rose« – christlich-patriotisches
Aufbegehren gegen den im Nazismus mörderisch manifesten Nihilismus des 20. Jahrhunderts – in Unkenntnis
historischer Komplexität und in der Banalität politischer
Gegenwartsmoral verloren zu gehen.
Literatur:
Für die Geschwister Scholl und ihre Freunde, Programmheft zum 10. Tübinger Festival des Club Voltaire e.V. 15-17. Juni 1984,
Tübingen 1984.
Günter Brakelmann: Helmut James von Moltke 1907-1845. Eine Biographie, München 2007.
Gedenkstätte deutscher Widerstand. Biographien, http://www.gdw-berlin.de/bio/namen-d.php.
Richard Hanser: Deutschland zuliebe. Leben und Sterben der Geschwister Scholl. Die Geschichte der Weißen Rose,
München 1982 (im amerik. Original 1979).
Eckard Holler: Die Ulmer »Trabanten«. Hans Scholl zwischen Hitlerjugend uns dj.1.11,
in: Puls – Dokumentationsschrift der Jugendbewegung 22/November 1999.
Clara Huber (Hrsg.): »...der Tod...war nicht vergebens.« Kurt Huber zum Gedächtnis, München 1986.
Inge Jens (Hrsg.): Hans Scholl, Sophie Scholl. Briefe und Aufzeichnungen, Frankfurt /M., Olten, Wien 1985 (Erstausgabe 1984) (= Jens I).
Inge Jens: Widerstehen – Motive und Praxis der »Weißen Rose« (Vortrag), Artikel vom 11.2.2009,
www.martin-niemoeller-stiftung.de/index.php/undefined/undefined/a138
Arno Klönne: Jugend im Dritten Reich. Die Hitler-Jugend und ihre Gegner, München 1990.
Walter Z. Laqeur: Young Germany. A History of the German Youth Movement, New York 1962.
Richard Scheringer: Das große Los. Unter Soldaten, Bauern und Rebellen, (neue Ausgabe), München 1979.
Michael C. Schneider – Winfried Süß: Täter des Worts, in: Die Zeit Nr. 7/12.2.1993, S. 7.
Harald Steffahn: Die Weiße Rose: Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbek 1992 (= Steffahn I).
Ders.: »Bleib stark – keine Zugeständnisse!« Das Ende der Widerstandsgruppe »Die Weiße Rose« vor
50 Jahren, in: Der Tagesspiegel v. 21.2.1992, Weltspiegel S. 1 (= Steffahn II).
Christine Warta: Die Liebe führte sie in den Widerstand, in: Süddeutsche Zeitung vom 28. 1. 2007, http://www.sueddeutsche.de/muenchen/952/425710/text/2/.
Sönke Zankel: Die Weiße Rose war nur der Anfang. Geschichte eines Widerstandskreises, Köln-Weimar-Berlin, 2006.
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