Der jüdische Sachse und die Unbotmäßigkeit
von Barbara Sichtermann
Von Beginn an war Brückner ein Kommentator der Studentenbewegung, aber auch einer ihrer führenden Köpfe, ihrer starken Stimmen. Als ›Symbolfigur des linken Professors‹ bildete er eine Ausnahme - nur wenige Hochschullehrer der älteren Generation hielten es mit den Studenten. Das war in anderen europäischen Ländern - sie alle hatten ›ihre‹ Studentenrevolte - anders. In Deutschland verhinderte die nationalsozialistische Vergangenheit ein kritisches Mitgehen der Älteren. Man hatte genug von ›Bewegungen‹ und war vielleicht selbst verstrickt gewesen. Für Brückner aber war der Aufbruch der Jugend ein Fanal, auf das er gewartete hatte. Und er hatte dieselbe Motivation wie die studentischen Rebellen, nicht mehr mittun zu wollen. Auch er sah die Bundesrepublik in vielerlei Hinsicht auf dem falschen Weg. Ein radikaler Neuanfang war nach dem Krieg versäumt worden. Jetzt begegneten den Jungen und auch einem wie Brückner immer wieder alte Nazis in hohen Positionen - das Parlament erschien schwach, das Sicherheitsdenken der Regierenden extrem, die Reaktionen der Polizei auf die ersten Apo-Demos unverhältnismäßig hart - was sollte man da anderes erahnen als eine schleichende Refaschisierung der Bundesrepublik? Auch die Nibelungentreue, die deutsche Regierungen und veröffentlichte Meinung den in Vietnam einen schmutzigen Krieg führenden USA hielten, erinnerte Brückner wie seine Studenten an die ›Pathologie des Gehorsams‹, eine endemische deutsche Krankheit.
Herrschaft und wie sie zu vermeiden, zu de-legitimieren, zu bekämpfen und gegebenenfalls zu stürzen sei - das war ein großes Thema von Peter Brückner. Als Psychologe arbeitete er immer wieder daran, Herrschaftsstrukturen in privaten Beziehungen dingfest zu machen, um ihre zerstörerischen Kräfte möglichst zu neutralisieren. Als politischer Kopf interessierte er sich für die Mechanismen von Herrschaft in der Gesellschaft und über sie - immer mit der Perspektive, illegitime und nicht-kontrollierte Formen von Herrschaft bewusst zu machen, um die Verhältnisse von Repression und falscher Vormundschaft zu entlasten. Und als politischer Psychologe erforschte er bei sich selbst sowie bei der ihm vorausgegangenen und der folgenden Generation das Verhältnis von Geschichte und Lebensgeschichte. Hierin, so erkannte er, liegt der Schlüssel für ein allgemeines Desiderat: die Zeit zu verstehen, in der man lebt und zugleich im eigenen Leben ein Höchstmaß an ›Sinn‹, an Wirksamkeit und sogar Glück zu realisieren. Man kann also sagen, dass er auf seine Weise - mit den Mitteln des Denkens, der Schrift und des öffentlichen Diskurses - ein Freiheitskämpfer war.
Als Psychologe und Psychoanalytiker hat Peter Brückner während seines letzten Lebensjahrzehnts eher nebenbei gearbeitet. Wer den Vorzug hatte, von ihm in einer Lebenskrise beraten zu werden, erinnert sich, mit welch untrüglichem Gespür für die subtilen Herrschaftsmechanismen gerade in Familien, in Paar- und Eltern-Kind-Beziehungen Brückner sich auf die Seite der Schwachen, der Abhängigen, der unbewusst und selbstdestruktiv Rebellierenden stellte, um der Loslösung aus seelischen Verstrickungen und der Selbstbestimmung einen Weg zu bahnen. An der Hochschule trat der Individualpsychologie hinter den Sozialpsychologen zurück, zu viel war geschehen, als dass Brückner sich nur den einzelnen hätte widmen können - das große Ganze, die Gesellschaft, rückte ins Blickfeld. Die Studentenbewegung der Jahre 1967ff. hatte neue, erregende Fragen formuliert: wie kommt es in einer bestimmten historischen Situation zu einer aufrührerischen Massenbewegung, was motiviert die jungen Eliten in den großen Städten, die Studenten, Nachwuchsakademiker, Künstler und Literaten zur Verweigerung, zum Widerstand, zum Denken und Handeln in Termini von Utopie und lebbarer Alternative, zur ›außerparlamentarischen Opposition‹? Diese Fragen und die ihr angelagerte Problematik der strukturellen Gewalt und der Legitimität von Gegengewalt beschäftigten Brückner seit den späten 60er Jahren vorwiegend, sein Interesse an verborgenen Herrschaftsverhältnissen verlagerte sich fast ganz vom privaten Raum auf Gesellschaft, Staat und die Rolle der kritischen Intelligenz.
Auslöser für das Anwachsen der Studenten- zu einer Massenbewegung war übrigens nicht, wie oft angenommen, die mangelhafte Entnazifizierung der Elterngeneration oder die Verkrustungen der Ordinarienuniversität gewesen, sondern der Vietnamkrieg. Hier konnte der Sozialpsychologe mit seiner dritten großen Fragestellung ansetzen: Wie soll ein deutscher Bürger oder eine Bürgerin, ob nun jung und wissensdurstig und an der Uni lernend oder älter und erfahren und an der Uni lehrend, die Verbindung von Geschichte und Lebensgeschichte für sich sinnvoll herstellen, wenn jener Krieg in Asien, in dem Wälder entlaubt, Kinder vergiftet und Partisanen liquidiert wurden, von deutschen Machthabern und Entscheidungsträgern durchweg bejaht und so mit-legitimiert wurde? Von Machthabern, deren fallweise braune Vergangenheit sie längst eines Besseren belehrt haben müsste? Die individuelle Psyche war in jenen Jahren vorwiegend als Knotenpunkt historischer Kraftlinien interessant, als Ort, an dem eine unheilvolle Vergangenheit zu oft geleugnet oder aus dem Bewusstsein ausgesperrt wurde, als dass die Gegenwart Anlass geben könnte zur Hoffnung auf eine bessere Zukunft - außer eben bei der rebellischen Jugend und ihrem Widerstand gegen den Rechtsdrall in der Bundesrepublik. Also verbündete sich der Psychologe als Analytiker des deutschen Bewusstseins mit dieser Jugend, teilte ihre kritischen Fragen und entwickelte Antworten für sie und mit ihr.
Peter Brückner wurde im Mai 1922 in Dresden geboren. Seine Mutter, eine Sängerin, war Engländerin jüdischer Herkunft, sein Vater ein sächsischer Ingenieur. Als Peter zwölf Jahre alt war, remigrierte seine Mutter nach England, die beiden älteren Brüder verließen das Land ebenfalls. Peter blieb zurück bei seinem Vater, der als politisch unzuverlässig galt, seine Anstellung verlor und als Vertreter herumreisen musste, um sich und den Sohn durchzubringen. Der war viel allein und lernte es, auf sich selbst aufzupassen. In Zwickau machte er 1941 Abitur. Er hatte damals Kontakt zu Widerstandsgruppen, man traf sich klandestin und diskutierte auch die Frage, ob der Abiturient den Aufnahmeantrag in die NSDAP, die allen Schülern vor der Prüfung vorgelegt wurde, ausfüllen solle. Die Antwort hieß ja. So trat Brückner wie manche von seiner Generation und Gesinnung als Karteileiche in die Partei ein. Das bewahrte ihn nicht vor der Denunziation. Als ›Halbjude‹ durfte er sein Studium in Leipzig nicht fortsetzen. Schlimmeres konnte folgen. Er musste sich in Sicherheit bringen.
Was ihn rettete war seine Einberufung zum Militär - ausgerechnet! Die verschiedenen Behörden des NS-Staates arbeiteten weit weniger effektiv zusammen, als öfters vermutet. Brückners jüdische Herkunft war beim Wehramt nicht bekannt geworden; bereitwillig folgte er mithin der Aufforderung, in Österreich in einem Gefangenenlager Dienst zu tun. Hier konnte er sich dem Zugriff der NS-Verfolgung legal entziehen. Es war ferner sein Glück im Unglück, dass die österreichischen Dienststellen trotz oder wegen des ›Anschlusses‹ ans Reich ungern mit den preußischen kooperierten. Nachzulesen ist die gesamte Schwejkiade in Peter Brückners Jugenderinnerungen: Das Abseits als sicherer Ort (Wagenbach-Verlag 1980).
Nach dem Krieg studierte Brückner Psychologie und promovierte 1957 bei Wolfgang Metzger in Münster. Danach machte er eine Ausbildung zum Psychoanalytiker und lernte Alexander Mitscherlich kennen. Vor die Wahl gestellt, am Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt zu arbeiten oder als Professor für Psychologie nach Hannover zu gehen, entschied sich Brückner für die Universität. Die Aussicht auf Lehre und öffentliche Debatte lockte ihn. 1967 trat er in der niedersächsischen Landeshauptstadt sein Amt als Leiter des kleinen Instituts für Psychologie der Technischen Universität an. Es war das Jahr, in dem die APO von den elitären Zirkeln an den Hochschulen auf große Teile der jungen Generation übersprang. Mental gehörte Brückner zu dieser Generation. Seine Kritik an der - wie er es sah - sich verschärfenden Restauration in der Bundesrepublik war inzwischen kompromisslos geworden, ganz wie die der Studenten. »Wenn es für Deutschland einen kollektiven Prozess der ›Entschuldung‹ für die Zeiten des NS-Staates und für seine Vorgeschichte gäbe, dann den des Widerstandes und der Unbotmäßigkeit überall dort, wo Prozesse der Demokratisierung gefährdet sind.« Die ›Sühne‹ für Auschwitz und das Dritte Reich also war in Brückners Augen nicht etwa die Teilung Deutschlands, sondern eine radikaldemokratische Wachsamkeit, wie er sie in der Studentenbewegung angelegt sah.
Sein Dienstherr, der niedersächsische Minister für Wissenschaft, und auch die Staatskanzlei - sie hörten solche Töne nicht gern. Schon zwei Jahre nach Amtsantritt wurden Brückners Schriften auf Verfassungstreue hin überprüft. Seine gesamten fünfzehn Jahre als ›linker Professor‹ in Hannover vom Antritt des Amtes bis zu seinem Tod 1982 waren überschattet von den unablässigen Versuchen des Ministeriums, diesen Stein des Anstoßes wieder loszuwerden. Es war die Ära der Berufsverbote. Politisch links stehenden Personen sollte eine Anstellung im Staatsdienst, sei es als Professor, Lehrerin, Verwaltungsangestellte oder Postbote, gesetzlich verwehrt werden. An Peter Brückner wollte man das Exempel statuieren, einen bereits verbeamteten Hochschullehrer legal auf die Straße zu setzen. Als heraus kam, dass sich der Herr Professor erlaubt hatte, der steckbrieflich gesuchten Ulrike Meinhof in seiner Wohnung Unterschlupf zu gewähren, hatte sein Vorgesetzter, was er brauchte. Es folgte eine ganze Serie von Anschuldigungen, Straf- und Disziplinarprozessen mit Lehrverbot im Vorfeld - keines der Urteile überstieg eine mäßige Geldstrafe nebst Abmahnung. Die Entfernung Brückners aus dem Amt gelang nicht. Er selbst musste nach seinem letzten Prozess 1981 um vorzeitige Pensionierung einkommen, seiner Herzkrankheit wegen, der er im April 1982 erlag.
Als Brückner Ulrike Meinhof in seine Wohnung ließ, war sie gerade erst in den Untergrund gegangen, die RAF hatte noch kein Todesopfer gefordert. In langen Diskussionen versuchte Brückner, die nachmalige Chef-Terroristin von ihrem Weg abzubringen - vergebens. Aber deshalb rief er noch lange nicht die Polizei. »Die sollen ihre Gangster selber fangen«, hat er gesagt, »ich bin kein Büttel der Staatsgewalt«. Darin steckte sein Credo. Büttel der Staatsgewalt, willige Vollstrecker waren sie ja viel zu lange gewesen, die Deutschen. Dieser kluge und schöne jüdische Sachse misstraute zutiefst den Reflexen, die den meisten von uns befehlen, die Polizei zu rufen, wenn sie Angst bekommen. Eine Geschichte, die er selbst erlebt hatte und gern erzählte, spielt in Italien, dem Land der Unbotmäßigkeit. Eine Gruppe von Gleisarbeitern saß bei einem Imbiss hinterm Bahnhof zusammen, als aus heiterem Himmel plötzlich ein Wolkenbruch losging. Alle raffen Thermoskannen und Brot zusammen und rennen los. Einer guckt kopfschüttelnd zum Himmel hinauf und ruft: »Die da oben sind immer Lumpen.«
Der hier mit freundlicher Genehmigung der Autorin und des Verlages veröffentlichte Beitrag erschien soeben als Vorwort zu Peter Brückner, Ungehorsam als Tugend. Zivilcourage, Vorurteil, Mitläufer, Berlin 2008.
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