Lafargue: Kapital PDF Drucken E-Mail
24.11.2008

Zwei Gebete

von Paul Lafargue

1. Gebet des Herrn

Unser Vater KAPITAL, der du bist von dieser Welt, allmächtiger Gott, der du den Lauf der Flüsse veränderst und Berge durchstichst, der du Erdteile voneinander trennst und Nationen zusammenkettest, Schöpfer der Waren und Quelle des Lebens, der du Königen und Untertanen, Arbeitern und Unternehmern befiehlst, dein Reich werde errichtet auf Erden. Gib uns Käufer in Menge, die unsere Waren abnehmen, die guten wie die schlechten. Gib uns notleidende Arbeiter, die ohne Murren die härteste Arbeit und den niedrigsten Lohn annehmen. Gib uns Gimpel, die auf den Leim unserer Prospekte gehen. Gib, dass unsere Schuldner ihre Schulden völlig an uns abzahlen. Führe uns nicht in das Zuchthaus, sondern befreie uns von dem Bankrott und verleihe uns ewige Renten. Amen!


2. Glaubensbekenntnis

Ich glaube an das KAPITAL, den Beherrscher der Körper und Geister.

Ich glaube an den PROFIT, seinen eingeborenen Sohn, und an den KREDIT, den heiligen Geist, der von ihm ausgeht und in ihm angebetet wird.

Ich glaube an GOLD und SILBER, die, geschmolzen im Tiegel und zerhackt in der Münze, geschlagen im Prägstock, als klingende Münze zur Welt gekommen, aber, nachdem sie auf Erden gewandelt und zu schwer befunden wurden, hinab gefahren in die Keller der Bank, um als PAPIERGELD wieder aufzuerstehen.

Ich glaube an die RENTE, an die 5prozentige, an die 4prozentige, an die 3prozentige, sowie an die Notierungen des Kurszettels.

Ich glaube an das System der STAATSSCHULDEN, welches das KAPITAL versichert gegen das Risiko in Handel, Industrie und Geldgeschäften.

Ich glaube an das PRIVATEIGENTUM, die Frucht der Arbeit anderer, sowie an seine Dauer bis ans Ende aller Zeiten.

Ich glaube an die Notwendigkeit der NOT, Lieferantin von Lohnsklaven und der Mutter der Mehrarbeit.

Ich glaube an die Ewigkeit des LOHNSYSTEMS, das den Arbeiter befreit von allen Sorgen des Besitzes.

Ich glaube an die Verlängerung des ARBEITSTAGES und die HERABSETZUNG der LÖHNE, sowie an die Verfälschung der Produkte.

Ich glaube an das geheiligte Dogma: BILLIG KAUFEN UND TEUER VERKAUFEN, und somit an die Grundsätze unserer allerheiligsten Kirche, der RECHTGLÄUBIGEN NATIONALÖKONOMIE, Amen!

Paul Lafargue (1842-1911) war ein französischer Sozialist. Diese Gebete sind seiner Satire Die Religion des Kapitals (1890) entnommen.

 

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