... – die Gazetten berichteten, die Regierung wolle es einem
Denunzianten millionenschwer entgelten, dass er ihr Steuerflüchtlinge namhaft
mache. Ich war erinnert an eine mich seinerzeit irritierende Sentenz von
Nicolás Gómez Dávila, der Mitte der Achtziger Jahre notierte »Die Kunst des
Denunzianten wird in all ihrer Perfektion nur in Zeiten reiner Demokratie
praktiziert.« War der alte Reaktionär wieder einmal – wie immer! –
grundeinsichtig? Lernen wir nur von ihm und Seinesgleichen etwas über wirkliche
Lebenslagen unserer sozialen Welt? – Etwa: Wie parlamentarische Demokratien mit
den sie konstituierenden spirituellen Grundlagen umgehen, allen voran mit Geist
und Idee des Rechts. Ist das Recht geschmeidig angesichts fiskalischer Boni [so
wie früher angesichts politischer Opportunität]? Was ist mit fiat iustitia et pereat mundus? Folgte sogar ein Dschingis Khan eher jener
kantianischen Maxime, als er Denunzianten, die ihm einen lange gesuchten Feind
in die Hände spielten, zuerst aufknüpfen ließ?
Denunziation als erwünschtes Informations- und
Handlungsmittel sagt etwas aus über den inneren Zustand eines Gemeinwesens, zu
dessen Wohle hier verraten wird. Gerade wir Deutsche sollten durch unsere
jüngere Geschichte denunziationsbetroffen empfindlich sein. Hier nämlich, wo
Verrat als legitime Verkehrsform in Menschengemeinschaften – national- wie
realsozialistisch – massenhaft akzeptiert wurde, wo der Verrat gewissermaßen
Rechtsform bekam, wandelte sich der Mensch zum Material, zum Objekt, verwandeln
lebendige Beziehungen zwischen Menschen sich in hoheitliche Regalien. Alles
Private wird auf diese Weise auf Öffentliches, auf Verwaltung hin reduziert und
so zerstört. Das Private wird ab jetzt als das nur noch auf seine
Offenbarwerdung (vulgo:Verrat) wartende, zu verwandelnde Egoistische begriffen
– alles Private ist politisch, so
tönt immer wieder einmal die ›emanzipatorische‹ Botschaft von
Kritikern des liberalen Rechtsstaats. Der Verräter stünde damit – paradoxerweise
– im Dienst der Öffentlichkeit! Das verbindet Kritiker wie Akteure des
demokratischen Rechtsstaats: beide sind fasziniert von der Aura des Verrats.
Was bleibt ist eine einfache Wahrheit: alles was Recht ist,
soll Recht bleiben und nicht handhabbar werden als flexibles Instrument
momentaner legislaturperiodischer politischer Klugheit.
Steffen Dietzsch
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