Studentische
Streik- und Diskussionskultur 2009
beobachtet an einer Vollversammlung am 19. 11. an der FU
von Gerhard Bauer
Plötzlich sind
sie wieder da, die schon oft abgemeldeten studierwilligen, aber auch
kritischen Jugendlichen. Nach mehreren Jahren geduldigem, ja
beflissenem Mitmachen alles dessen, was die hastig gestrickten neuen
Studiengänge ihnen abverlangen, kommen sie zur Gesamtbewertung: so
noch nicht. Und besinnen sich auf eigene Forderungen, wie man das
Studium studierbar, die Hochschule zu einem erfreulichen,
angstfreien, druckgeminderten Ort machten könnte. Verabreden sich in
ihren Ansprüchen auf eine Wissenschaft, die von allen
Wissenschaftssubjekten mitbestimmt sein müsste und die, als
Mindestanforderung, friedlich, demokratisch, fundamentalkritisch und
zukunftstauglich gestaltet werden soll.
Am
auffälligsten unterscheiden sie sich von den Aktivisten früherer
studentischer Streiks durch ihre erstaunliche, entwaffnende
Gutmütigkeit. Streiks nach anderen als den gewerkschaftlich
ausgehandelten Regularien heißen eo ipso »wilde« Streiks, aber das
wird ihrem Streik so gut wie nie nachgesagt; wie sie ihn gestalten
ist ausgesprochen nicht-wild. Natürlich müssen Hörsäle besetzt
und Räume zum Ausdiskutieren ihrer Forderungen requiriert werden,
sie werden aber weit pfleglicher behandelt als in früheren Events
dieser Art. Die Lehrenden und die Mitarbeiter_innen des Biotops Uni
werden höflich eingeladen, zuvorkommend um Ratschläge und
Erfahrungen von früher gebeten und für alles, was sie dazu
beizutragen haben, herzlich bedankt (sowie nach Möglichkeit gleich
»vernetzt«). Wenn sie im Gespräch mit dem Kanzler feststellen,
dass er einfach versierter ist, grollen sie nicht ihm, sondern
höchstens sich selbst und gründen eine Satzungs-AG, die die
Kompetenzen von alten Gremienhasen aus ihren Reihen bündeln, ihre
Forderungen juristisch stichfest machen soll.
Wie sie
diskutieren, geht über alles hinaus, was ich bisher kennen gelernt
habe. Wenn 200 bis 400 in einer VV zusammenkommen, dann wollen
möglichst viele etwas sagen, möglichst alle zu dem meisten, was
gesagt wird, Stellung nehmen. Was gab es früher für quälende
Debatten nur ums Rederecht, um die richtigste Form einer Abstimmung.
Die klüger Gewordenen heute lassen jede/n zu Wort kommen,
verpflichten sie oder ihn nur, über das bisher Gehörte
hinauszugehen oder es anders zu gewichten oder praktikabler zu
machen. Zustimmung oder Ablehnung oder Ungeduld wird ihm sofort
signalisiert, von vielen im Saal, mit vorher festgelegten
Handzeichen; das wirkt ungemein beschleunigend. Zwei Verantwortliche
für die Rednerliste sorgen dafür, dass alle drankommen, die sich
gemeldet haben, dass Meldungen »direkt dazu« (eigenes Handzeichen)
vorgezogen werden, angeblich auch (das kam nur gerade nicht vor),
dass die bevorzugt werden, die zum ersten Mal in diesem Streik etwas
sagen wollen. Ein fortlaufend erstelltes und auf die Leinwand
projiziertes Protokoll bringt alles »auf den Punkt«; so kann, wer
gerade spricht, auch noch sagen, ob die gefundene Verkürzung den
Kern dessen trifft, was er/sie sagen wollte. Ein langes Plakat an der
Wand hält die wichtigsten nicht nur förmlichen Regeln der guten
Diskussion fest: keinen inhaltlichen Vorschlag übergehen, sich nicht
aufplustern und andere nicht niedermachen, auch vom Publikum aus
Unwillen nicht durch Mienen, Gesten oder Geräusche äußern (nur
durch die vereinbarten Handzeichen; die sind deutlich genug).
Kein Zweifel, sie setzen auf die schwer zurückzuweisende Kraft des Konsenses,
sogar in der Konfrontation. Es ist so einleuchtend, selbst von den
Kultusministern nicht zu bestreiten, dass es ihnen (und den Unis und
der Gesellschaft) nicht bekommt, wenn sie durch ihr Studium nur
hindurchgescheucht werden, vor lauter Prüfungsdruck nicht mehr zum
Nachdenken kommen, dass sie in überschaubaren Seminaren und erst
recht in kleinen Gruppen, mit Tutorien, besser und nachhaltiger
lernen, dass sie über die Prozeduren ihres Lernens und mithin auch
über die Reform der nach Bologna nur benannten Reform mitbestimmen
sollten. Selbst dass eine auf Bildung angewiesene Gesellschaft sich
die Bildung mehr kosten lassen sollte, ist eigentlich
unwidersprechlich. Sie haben ja so Recht – ob sie damit Recht
bekommen werden?
Von den
Erfahrungen früherer Streiks aus ist die Prognose nicht besonders
günstig. So happy sie derzeit sind (»Erfolg macht schön«), so
kurzatmig sind sie auch, im Reden wie im Organisieren. Alles, was sie
bereit sind gelten zu lassen, muss sich in 3 bis 5 Sätzen sagen
lassen, sonst werden sie ungeduldig. Also nimmt sich keiner heraus,
seine Meinung irgendwie länger zu entwickeln oder zu begründen.
„Nicht dozierend“ steht auch auf dem Plakat der
Diskussionsanforderungen – in wissenschaftlichen Zusammenhängen
dürfte das nicht überall entbehrlich sein. Ob die dicken Bretter,
mit denen sie ihre Welt, d.h. unsere Welt vernagelt finden, sich
schon vor ihren tapferen Explorationsversuchen, bei Abneigung gegen
Bohrgeräusche und den Staub vom Bohren, von selbst zurückziehen?
Sie sind zwar ziemlich viele und sprechen ungeniert für alle. Aber
dass sie in einer »Vollversammlung« nur auf 200 bis 400 kommen, von
33 000 eingeschriebenen Studenten, macht ihnen zu schaffen. Sie haben
sich rechtzeitig eine »Mobilisierungs-AG« zugelegt, mit höchst
beredten, persönlich glaubwürdigen und überzeugenden
Kommiliton_innen. Aber die stoßen in Seminaren und bei einzelnen auf
die alte Hürde: »Wir müssen lernen«. Dagegen kommen sie mit ihren
sanften Methoden nicht besser an als ihre Vorläufer in ruppigeren
Streikaktionen. Wahrscheinlich nennen sie sich bald nicht mehr
Mobilisierungs-AG, weil ihnen vorgehalten wurde, das klinge nach
Mobilmachung wie zum Krieg. Ob da ein dezenterer Name schon hilft?
Aber die
Prognose wird sie wenig berühren. Sie verstehen ihre Bewegung –
nicht mal zu diesem Wort greifen sie, höchstens: einfach das, was
sie machen – nicht in erster Linie aus dem Erfolg. Sie lassen sich
auch von ihren Anfangs- und Achtungserfolgen nicht benebeln. Sie
haben es immerhin wieder fertig gebracht, dass sie sich in einer
nicht zu übergehenden Zahl zusammengeschlossen, den Mund aufgemacht
und ihre Sache vertreten haben. Wie viel sie dabei gelernt haben, mit
welchem Feuereifer sie lernen und die Welt wieder offen finden, wenig
bekümmert darum, ob sie es ist oder ihnen nur so scheint, das macht
Mut. Man könnte wieder ein wenig hoffen, für sie, für die Uni,
also auch für die wie immer davon mitbetroffene Gesellschaft.
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