Bauer: Studentische Streikkultur PDF Drucken E-Mail
02.02.2010
Studentische Streik- und Diskussionskultur 2009
beobachtet an einer Vollversammlung am 19. 11. an der FU

von Gerhard Bauer

Plötzlich sind sie wieder da, die schon oft abgemeldeten studierwilligen, aber auch kritischen Jugendlichen. Nach mehreren Jahren geduldigem, ja beflissenem Mitmachen alles dessen, was die hastig gestrickten neuen Studiengänge ihnen abverlangen, kommen sie zur Gesamtbewertung: so noch nicht. Und besinnen sich auf eigene Forderungen, wie man das Studium studierbar, die Hochschule zu einem erfreulichen, angstfreien, druckgeminderten Ort machten könnte. Verabreden sich in ihren Ansprüchen auf eine Wissenschaft, die von allen Wissenschaftssubjekten mitbestimmt sein müsste und die, als Mindestanforderung, friedlich, demokratisch, fundamentalkritisch und zukunftstauglich gestaltet werden soll.

Am auffälligsten unterscheiden sie sich von den Aktivisten früherer studentischer Streiks durch ihre erstaunliche, entwaffnende Gutmütigkeit. Streiks nach anderen als den gewerkschaftlich ausgehandelten Regularien heißen eo ipso »wilde« Streiks, aber das wird ihrem Streik so gut wie nie nachgesagt; wie sie ihn gestalten ist ausgesprochen nicht-wild. Natürlich müssen Hörsäle besetzt und Räume zum Ausdiskutieren ihrer Forderungen requiriert werden, sie werden aber weit pfleglicher behandelt als in früheren Events dieser Art. Die Lehrenden und die Mitarbeiter_innen des Biotops Uni werden höflich eingeladen, zuvorkommend um Ratschläge und Erfahrungen von früher gebeten und für alles, was sie dazu beizutragen haben, herzlich bedankt (sowie nach Möglichkeit gleich »vernetzt«). Wenn sie im Gespräch mit dem Kanzler feststellen, dass er einfach versierter ist, grollen sie nicht ihm, sondern höchstens sich selbst und gründen eine Satzungs-AG, die die Kompetenzen von alten Gremienhasen aus ihren Reihen bündeln, ihre Forderungen juristisch stichfest machen soll.

Wie sie diskutieren, geht über alles hinaus, was ich bisher kennen gelernt habe. Wenn 200 bis 400 in einer VV zusammenkommen, dann wollen möglichst viele etwas sagen, möglichst alle zu dem meisten, was gesagt wird, Stellung nehmen. Was gab es früher für quälende Debatten nur ums Rederecht, um die richtigste Form einer Abstimmung. Die klüger Gewordenen heute lassen jede/n zu Wort kommen, verpflichten sie oder ihn nur, über das bisher Gehörte hinauszugehen oder es anders zu gewichten oder praktikabler zu machen. Zustimmung oder Ablehnung oder Ungeduld wird ihm sofort signalisiert, von vielen im Saal, mit vorher festgelegten Handzeichen; das wirkt ungemein beschleunigend. Zwei Verantwortliche für die Rednerliste sorgen dafür, dass alle drankommen, die sich gemeldet haben, dass Meldungen »direkt dazu« (eigenes Handzeichen) vorgezogen werden, angeblich auch (das kam nur gerade nicht vor), dass die bevorzugt werden, die zum ersten Mal in diesem Streik etwas sagen wollen. Ein fortlaufend erstelltes und auf die Leinwand projiziertes Protokoll bringt alles »auf den Punkt«; so kann, wer gerade spricht, auch noch sagen, ob die gefundene Verkürzung den Kern dessen trifft, was er/sie sagen wollte. Ein langes Plakat an der Wand hält die wichtigsten nicht nur förmlichen Regeln der guten Diskussion fest: keinen inhaltlichen Vorschlag übergehen, sich nicht aufplustern und andere nicht niedermachen, auch vom Publikum aus Unwillen nicht durch Mienen, Gesten oder Geräusche äußern (nur durch die vereinbarten Handzeichen; die sind deutlich genug).

Kein Zweifel, sie setzen auf die schwer zurückzuweisende Kraft des Konsenses, sogar in der Konfrontation. Es ist so einleuchtend, selbst von den Kultusministern nicht zu bestreiten, dass es ihnen (und den Unis und der Gesellschaft) nicht bekommt, wenn sie durch ihr Studium nur hindurchgescheucht werden, vor lauter Prüfungsdruck nicht mehr zum Nachdenken kommen, dass sie in überschaubaren Seminaren und erst recht in kleinen Gruppen, mit Tutorien, besser und nachhaltiger lernen, dass sie über die Prozeduren ihres Lernens und mithin auch über die Reform der nach Bologna nur benannten Reform mitbestimmen sollten. Selbst dass eine auf Bildung angewiesene Gesellschaft sich die Bildung mehr kosten lassen sollte, ist eigentlich unwidersprechlich. Sie haben ja so Recht – ob sie damit Recht bekommen werden?

Von den Erfahrungen früherer Streiks aus ist die Prognose nicht besonders günstig. So happy sie derzeit sind (»Erfolg macht schön«), so kurzatmig sind sie auch, im Reden wie im Organisieren. Alles, was sie bereit sind gelten zu lassen, muss sich in 3 bis 5 Sätzen sagen lassen, sonst werden sie ungeduldig. Also nimmt sich keiner heraus, seine Meinung irgendwie länger zu entwickeln oder zu begründen. „Nicht dozierend“ steht auch auf dem Plakat der Diskussionsanforderungen – in wissenschaftlichen Zusammenhängen dürfte das nicht überall entbehrlich sein. Ob die dicken Bretter, mit denen sie ihre Welt, d.h. unsere Welt vernagelt finden, sich schon vor ihren tapferen Explorationsversuchen, bei Abneigung gegen Bohrgeräusche und den Staub vom Bohren, von selbst zurückziehen? Sie sind zwar ziemlich viele und sprechen ungeniert für alle. Aber dass sie in einer »Vollversammlung« nur auf 200 bis 400 kommen, von 33 000 eingeschriebenen Studenten, macht ihnen zu schaffen. Sie haben sich rechtzeitig eine »Mobilisierungs-AG« zugelegt, mit höchst beredten, persönlich glaubwürdigen und überzeugenden Kommiliton_innen. Aber die stoßen in Seminaren und bei einzelnen auf die alte Hürde: »Wir müssen lernen«. Dagegen kommen sie mit ihren sanften Methoden nicht besser an als ihre Vorläufer in ruppigeren Streikaktionen. Wahrscheinlich nennen sie sich bald nicht mehr Mobilisierungs-AG, weil ihnen vorgehalten wurde, das klinge nach Mobilmachung wie zum Krieg. Ob da ein dezenterer Name schon hilft?

Aber die Prognose wird sie wenig berühren. Sie verstehen ihre Bewegung – nicht mal zu diesem Wort greifen sie, höchstens: einfach das, was sie machen – nicht in erster Linie aus dem Erfolg. Sie lassen sich auch von ihren Anfangs- und Achtungserfolgen nicht benebeln. Sie haben es immerhin wieder fertig gebracht, dass sie sich in einer nicht zu übergehenden Zahl zusammengeschlossen, den Mund aufgemacht und ihre Sache vertreten haben. Wie viel sie dabei gelernt haben, mit welchem Feuereifer sie lernen und die Welt wieder offen finden, wenig bekümmert darum, ob sie es ist oder ihnen nur so scheint, das macht Mut. Man könnte wieder ein wenig hoffen, für sie, für die Uni, also auch für die wie immer davon mitbetroffene Gesellschaft.

 

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