Nickl: Globales Gegenwartsdeutsch PDF Drucken E-Mail
05.12.2009
Lineamenta des globalen Gegenwartsdeutsch

von Milutin Michael Nickl

Perspektive, Transnationalsprache, Leitvarietät, Lingua-franca-Kommunikation, Anzahl der Deutschsprechenden, außereuropäische Sprachkontakte relevant, Umschau in Mitteleuropa, Deutschstämmige in Russland und der Ukraine, Volksgruppenmischung, Westverschiebung Polens, Areal-Daten zum Gegenwartsdeutsch, Global German als Internet-Sprache 1999-2009, transeuropäische Sprachen-Oligarchisierung? dissonante Zwischenbilanz, Prognose

Perspektive, Transnationalsprache

Moderne, theoretisch informierte, datenkritische, etwas erklären wollende Linguistik bildet einen Zweig der uneinheitlichen Kommunikationswissenschaften (Paprotté / Bünting 1980: 83). Angewandte Linguistik und Publizistikwissenschaft stehen zum erheblichen Teil auf identischem Terrain (Nickl 1988: 73). »Linguistische Daten sind vorgefundene oder von einem Informanten elizitierte verbale Äußerungen, Abstraktionen aus Äußerungen, die nur festgelegte Aspekte berücksichtigen, Informantenurteile aus Äußerungen, Informantenurteile über Relationen zwischen Äußerungen bzw. Abstraktionen aus Äußerungen« (Kummer 1980: 92). In angewandten Linguistiken und Kommunikationswissenschaften leisten Kommunikationstheorien meist Konstitutions- und Integrationsfunktion, oft auch Erklärungs- und Verstehensfunktion, selbst wenn deren Erklärungswert umstritten bleibt. Humansprachige Objektbereiche, Kompatibilitäts- und Konsistenzbereiche weisen so gut wie keine autonomologen oder autochthonen Empirien auf. Daten, Hypothesen, segmentierbare Einheiten, Affirmation, Destruktion, Innovation und Modifikation von Argumenten, Argumentationen, Einstellungshaltungen, Meinungen oder Zeichenkomplexen der Sprachlich-Öffentlichen Kommunikation (Nickl 1976: 19-23, 117-121) werden in Relationen und Kohärenzen der jeweiligen Zeitkommunikation als unselbständige, von Zuordnungstheorien abhängige, identifizierbare und diskriminierbare Gebilde erforscht (Nickl 1990).

Methodenfragen zur Online-Forschung bleiben hier ausgespart, trotz bekannter Vorbehalte zu »Trends« und »Statements«. Soweit nachrecherchierbar, sind die beigezogenen Ergebnisse der Web-Usus-Forschung mit Fokus Person pro Sprache,Kommunikator pro Sprache, keine Bilinguals, sicherlich nicht unproblematisch, jedoch zur Diskussion grober Entwicklungstendenzen tolerabel. Einzuräumen ist zudem, dass wir uns streckenweise mit vage aktualisierten Datensammlungen, teils mit angreifbaren Schätzungen begnügen.

Transnationalsprache ist ein medienrhetorisch geprägter Terminus der Sprachlich-Öffentlichen Kommunikation, kein historisch-sozial akzentuierter, europazentrierter oder nationalphilologisch fixierter Begriff. Deutschsprachige Muttersprachler (German Native Speaker, auch Deutsch-Primärsprachler genannt) und Deutsch-Fremdsprachler, Deutsch-Zweitsprachler, Deutsch-Drittsprachler zusammengenommen werden einfach als Deutschsprechende bezeichnet. Das durch beteiligte Ausgangspartner, Vermittlungspartner, Zielpartner und Rezipienten mitbestimmte und mehrfach vermittelte oder unmittelbar repräsentierte globale Gegenwartsdeutscheumfasst auch die transnationalen deutschen Partnerversammlungen in ihrer aktuellen Synchronie sowie zeitgeschichtlichen Diachronie, in ihren dislozierten und verzweigten Verbreitungsgebieten und Gesprächsverfassungen, auditiv, visuell oder audiovisuell wahrnehmbar und sinnbezogen respezifizierbar, einschließlich ihrer transphänomenalen Vorgänge (die dazugehörigen, je nach technologischem Fortschritt messbaren, psychophysiologisch manifestierten, geometriesprachlich darstellbaren, nicht wahrnehmbaren Korrelate von Zeitverhältnissen).

Das polyzentrische, transnational und transversal mehrfach medienvermittelte Gegenwartsdeutsch bildet eine sehr einflussreiche, prägende Varietät des German Standard. Global German tendiert in die Richtung eines adaptiven, interaktiv-personalisierten, selbstregulierten Systems mit Leitfunktion: sehr wahrscheinlich die künftige Leitvarietät des Gegenwartsdeutschen. Sie manifestiert sich heterogen-attraktiv, komplementär-kooperativ, informell wenngleich nicht konfliktfrei, sprachstil- und varietäten-konvergent, bezogen auf unterschiedliche Repräsentationsniveaus (Level) in technisch mediatisierten Foren und Gesprächsöffentlichkeiten bzw. »Tagungsräumen«. Nicht ohne informelle Normvorstellungen dürfte sie dazu tendieren, sich auf einer inhaltlichen wie semiotischen Modulationsbreite (Vermittlungstoleranzbreite) von Vielpersonen-Umgebungen orthoepisch wie orthografisch einzupendeln. Wobei die transnationalen Medien-Publika sowohl auf aktive wie passive, anonym und personal identifikationsfähige Kommunikationsrollen der Rezipienten fixiert sind. Insgesamt sind die transnational repräsentierten deutschsprachigen Medien-Publika, Präsenz- und Online-Publika mit ihren Gesprächs- und Interaktionsforen und den realen, latenten, virtuellen, unübersichtlich segmentierten, unterschiedlichen, gegensätzlichen und verschiedenartig existierenden Kommunikationspartnerschaften, ihren veränderlichen Kommunikationsrollen und Repräsentanz-Kommunikationsereignissen mit der transnational medienvermittelten, global repräsentierten gegenwartsdeutschen Sprachkommunikationsgemeinschaft identisch. Die aktuell europazentriert dominierende, national-territoriale Plurizentrizität des gegenwartsdeutschen Sprachsystems kommunikativer Sprechtätigkeiten und Dokumentsorten mit unverkennbarer Dominanz des mitteleuropäisch geschlossenen Kerngebiets (Mitteldeutsch, Niederdeutsch, Oberdeutsch, überregional kodifiziertes Standard-Deutsch in Österreich, in der Schweiz, in Luxemburg, Ostbelgien etc.: Central European German) dürfte mittel- und langfristig an normativ-präskriptivem Einfluss verlieren.

Es geht nicht nur ums globale »Framing« oder um globale »Kontexte« deutschsprachiger Partnerversammlungen und ihrer transnationalen Tagungsräume, sondern längst um die neue transnationale Medienwirklichkeit einer deterritorialisierten, disloziert konstituierten, heterogenen Sprachkommunikationsgemeinschaft. Es geht auch um ihre jeweiligen Gesprächsverfassungen, Kommunikationsrationalisierungen und Kommunikations-Repräsentanzen, obgleich wir sie hier weder rekonstruieren noch darstellen können. Gleiches gilt für national-transnationale Austauschbeziehungen und Segmentierungsprozesse vieler Medien-Publika, Medienmenüs, dezentrale Diskurskulturen, Gegenthematisierungen, Struktureffekte und partizipative Publizistik.

Transnational und querbeet (gegenwartstransversal) gesehen, bilden Deutsch-Muttersprachler und Deutsch-Fremdsprachler jeglicher Couleur als Deutschsprechende bzw. als Deutschsprachige eine adaptive, selbstregulierende, mehr oder weniger vergnüglich inszenierte und geradezu klassisch-republikanische Sprachkommunikationsgemeinschaft mit facettenreich ausdifferenzierten, weitgehend freiheitlich-demokratisch konstituierten, unübersichtlichen Teilöffentlichkeiten im crossmedialen, transnationalen Kommunikationsraum. Auf mehreren uneinheitlichen Repräsentationsniveaus (Pluridimensionalität) wird in dieser real bis virtuellen transnationalen Kommunikationsgemeinschaft sprachproduziert, reproduziert, respezifiziert und medienrezeptiv personalisiert angeeignet. Als psychophysische Kommunikationspartner bleiben nicht nur alle Deutschsprechenden stets lokalisierbar. Staatsnationale Klassifizierungen und Verrechtlichungen lösen sich nicht flugs in virtuelle Medienrealitäten auf. Staatsnationale Bürokratien und in den klassischen Medien agierende, parteipolitisch motivierte oder sonstwie begünstigte Bildungskohorten können die Informations- und Kommentierungsflüsse der Sprachlich-Öffentlichen Kommunikation spätestens seit Ende des 20.Jahrhunderts in den innovativen, technologisch und wirtschaftlich hoch entwickelten und dicht vernetzten Industriestaaten nicht mehr effektiv regulierend und normierend bevormunden. Auch redigierend mitspielende Dudenredaktionen ebenso wie deren Konkurrenzunternehmen bleiben dabei, wie eh und je, respektable Privatveranstaltungen. Lokalisationistisch bzw. reterritorialisiert lassen sich endlich viele Cluster gegenwartsdeutscher Sprachkommunikation empirisch-sinnvoll, wenngleich nicht beliebig operationalisierbar definieren und mit ausgewählten Zuordnungstheorien im Rahmen von bearbeitbaren Fragestellungen erkunden und erklärbar machen. Der Begriff der normativ-präskriptiv hypostasierten, zentraleuropäisch fixierten Standardhierarchie erübrigt sich oder scheint nur noch gebetsmühlenartig postulierbar. Die bisherigen Standardvarietäten des Neuhochdeutschen verwandeln sich in mehr oder weniger museal anmutende Subsysteme. Ähnlich dürfte es dem vormals historisch-sozial geprägten, schier unüberwindlichen Terminus der deutschen Nationalsprache ergehen. Das strangulierende Prinzip cuius regio eius lingua lässt sich weder eliten-funktional noch übers Sprachbewusstsein noch machtsicherungsdynamisch so wie im 19. und 20.Jahrhundert durchsetzen.

Die festgestellte »Ablösung nationalsprachlicher Identifizierungen und Klassifizierungen von der inneren Heterogenität des sprachlichen Gesamtsystems deutsch und der deutsch sprechenden Großgruppe« schien lange Zeit die Voraussetzung dafür gewesen zu sein, »dass dem Deutschen eine im Vergleich zum ebenso homogen gesehenen Französischen, Englischen, Japanischen u.s.w. spezifische kognitive Leistung zugeschrieben« wurde. Dies »auf der Basis idealistischer sprachphilosophischer Traditionen seit der Goethezeit bis hin zur Sprachinhaltsforschung des 20.Jahrhunderts« (Reichmann 1980: 516). Woraus mit proseminaristischer Akribie ein national interpretierbares Inhalts- und Handlungsleitsystem destilliert wurde. Die dergestalt hergeleitete, nationalkulturelle Leitmotivik dieses Inhalts- und Handlungsleitsystems stellte mit all seinen Generalisierungen, Differenzierungen, Beobachtungsfehlern und Konnotationen sozusagen die identifikationsfähige feste Welt-Vorgabe und das vorausgesetzte Bedingungsgefüge für jede sprachlich vermittelte Kommunikation der Sprachteilhaber/innen dar. Eine leichtfüßig propagierte Hypothese war durch viele Wiederholungen zur Quasi-Tatsache idealistischer sprachphilosophischer Tradition geworden. Ebenso war sie die Voraussetzung »für Speicherung, Weitergabe von Kenntnissen sowie für nationales Handeln« und band die Sprachbenutzer/innen, »vor allem die Lernenden, an das kognitive Systemmuster oder ›Weltbild‹ der Sprache« mit dem Argumentationsziel »Determination der Kulturnation als Staatsnation« (Reichmann 1980: 517). Diese Tradition hatte sich durch Homogenisierung einen fiktiv verdinglichten Gegenstand geschaffen.

Demgegenüber veranschlagen wir die inhaltlichen Gemeinsamkeiten zwischen den Subsystemen des polyzentrischen Gesamtsystems Deutsch geringer als die inhaltlich- referenziellen Gemeinsamkeiten zwischen bestimmten Subsystemen des Deutschen mit Subsystemen von bestimmten global agierenden Sprachen und anderen Nachbarsprachen und mit dem ersten wirklich freien, medientechnologisch optimierten, transnationalen Makro-System untereinander weltweit verbundener Netzwerke und Internet-Dienste, sowohl in Alltagsgesprächen wie in fachsprachlicher und transfersprachlicher Hinsicht. Die kognitive Leistung wird damit nicht einfach aus den Staatsvölkern und Volksgruppen [mittellateinisch: naciones] herausgenommen, wohl aber auf den verschiedenen Repräsentationsniveaus dieses lebendigen transnationalen Aprioris der Sprachkommunikationsgemeinschaft des Gegenwartsdeutschen ständig neu zur Diskussion gestellt. Deren Leitfunktionsvarietät muss sich ständig neu behaupten, konfigurieren und reproduzieren.

Was sich ins transnationale Gegenwartsdeutsch erfolgreich implementiert und im Usus gegenwartsdeutsch global durchsetzt, ist die Norm des transnationalen Gegenwartsdeutschen, wozu es keiner überbezahlten Beamten-Kommission oder Sprachpolizei bedarf. Staatsnationale Begehrlichkeiten oder Interessen an der Kontrolle über Informationen, Meinungsangebote und Normierungsfragen sind vielleicht auch in Mitteleuropa latent vorhanden, dürften aber kaum durchgreifend verhandelbar und umsetzbar sein. Denn Staatsbürokratien und konkurrierende Herrschaftskohorten müssten sich ja auf internationale Standards einigen, die auch auf Server außerhalb ihrer Jurisdiktion z.B. in den USA anwendbar wären. In der globalen Kommunikationsgemeinschaft transnational agierender Sprecher/innen des Gegenwartsdeutschen und ihren deterritorialisierten Partnerversammlungen und Tagungsräumen spielt die administrative, nationalsprachlich identifizierende Frage, wer ist abstammungsmäßig oder staatsangehörigkeitsbezogen Deutscher? (GG Art.116 Abs.1 und StAG 1999/BGBl.I-1618), oder die EU-zentrierte Frage, wer ist Unionsbürger? (Art.17-19 EGV), weder interkulturell noch transkulturell eine konstitutive Rolle. Auch und gerade in der Welt der transnationalen Sprachkommunikation sind die deutschsprachigen Kommunikatoren (Teutonic speakers) in erster Linie Vermittler, eben weil sie nirgendwo als kultur- und kommunikationsgeschichtslose Figuren auftreten können.

Lingua-franca-Kommunikation

Die Bedeutung der Lingua-franca-Kommunikation ist knapp zu umreißen: Lingua-franca-Kommunikation ist synonym mit humansprachlicher Transferkommunikation, stellt ein kulturübergreifendes, pragmatisches, publizistisches, transnationales Sammelgebiet der angewandten und vergleichenden Kommunikations- und Sprachwissenschaften dar. »Lingua francas« [mit angloamerikanisch entlehnter oder inspirierter Pluralbildung] sind internationale, fachsprachlich profilierte, aber auch »reduzierte« Hauptvarianten überregionaler Verkehrssprachen zur vereinfachten Verständigung für Kommunikationsteilnehmer und Rezipienten disperser Herkunftssprachen (Nickl 2005: 54, 2007: 33).

Fachsprachliche Kommunikation umfasst ebenso berufs- und branchenspezifische Vermittlungskunde wie wissenschaftliche Disziplinen, Interdisziplinen und Subdisziplinen. Im Kontext von Institutionen, Schulen, Hochschulen und Universitäten, Industrie und Wirtschaft, geht es um interpersonale und crossmedialer Vermittlung, sowie um transnational darstellungsfähige Repräsentations­niveaus fachjargonhafter und fachsprachlicher Sprachkommunikationskompetenz und Performanz von funktionalen Eliten und Gruppensprechern.

Modularisierte und vernetzte gegenwartsdeutsche Allgemeinsprache ist nichts Uniformiertes, nur ein lockeres Integral über endlich viele lokalisierbare, einzelsprachlich geregelte Sprechbewegungen, symbolsprachliche Notationen und Schreibkonventionen, national-territorial manifestierte wie transnational deterritorialisierte oder auch reterritorialisierte Sprachkommunikationsereignisse und deren transphänomenale Vorgänge. Die binnendeutsche Areallinguistik, Dialektverteilung, Regiolekt-Staffelung oder eine wie auch immer geartete Standardhierarchisierung spielt in unserer Betrachtung des transnational vermittelten Gegenwartsdeutschen als Allgemein-, Fremd- und Fachsprache zunächst keine Rolle.

In überregional-umgangssprachlicher Hinsicht bezeichnet man als Lingua franca auch jede andere Sprache, die zwischen den Sprechern verschiedener Sprachgemeinschaften als Verkehrssprache verwendet wird und dabei aufgrund ihrer sekundärsprachlichen Verwendungen gewissen Veränderungen und Vereinfachungen, aber nicht unbedingt auch einer Pidginisierung unterliegt; siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Lingua_franca

Aus der pluralischen und gleichwohl augenphilologisch etwas »unsauber« anmutenden pluralischen Verwendung »Lingua francas« soll mit hervorgehen, dass keinesfalls beabsichtigt oder erhofft wird, durch eine einzige Hegemonialsprache (»Eurospeak«) als alleinige Verkehrssprache, Verhandlungssprache, Wissenschaftssprache, Verwaltungssprache und Wirtschaftssprache werde eine Lösung des Sprachenproblems in Europa oder auf einem anderen Kontinent insinuiert. Während die europäische Einigung und ihre Ausrichtung auf den Weltmarkt wirtschaftlich konsequenzenreich voranschreitet (Freizügigkeit von Gütern und Personen, Mobilität, Kapitalverwertung), hinken Gesellschaftspolitik, Harmonisierung der Staatsbürgerrechte (es gibt nationale Beschränkungen) und der plurikulturelle Integrationsprozess Europas bremsend hinterher. Die Angst vor dem »gefühlten« Verlust kultureller und sprachlicher Vielfalt verknüpft mit unkalkulierbaren nationalstaatspolitischen Unwägbarkeiten keimt auf. Gerade auch in Europa hat Lingua-franca-Kommunikation eine gemeinschaftskonstituierende Qualität und ist objektiv zwingend notwendig. Erkenntnisfortschritte, Nachrichten, Meinungsangebote, Produktinfos müssen überregional, transnational und transkontinental kommunizierbar sein und sind erheblich L2-Transfersprachen-abhängig.

Anzahl der Deutschsprechenden

Politisch korrekte Kommunikations-, Medien-, Sprachpädagogik und statistische Schätzungen sind artefaktenanfällige Faux-Amis [falsche Freunde]. Muttersprachliche Sprecher/innen [German Native Speaker] des gegenwärtig gebräuchlichen, mitteleuropäisch kodifizierten Standard-Hochdeutschen dürfte es nach schwankenden Schätzungen und greifbaren Sprachstatistik-Quellen zwischen 90, 96 und knapp über 100 Millionen geben. Werden global und moderat geschätzt 50 bis 125 Millionen deutschsprechende Fremdsprachler, Zweit- und Drittsprachler mitberücksichtigt, dann darf derzeit weltweit und vage auf 150 bis 225 Millionen Deutschsprechende einschließlich aller Deutsch-Lerner mit Grundkenntnissen oder Rezeptionskenntnissen geschätzt werden. Außereuropäische Varietäten des Deutschen, jenseits des Ural in Sibirien und Zentralasien, auch in Übersee, in Australien und Südafrika, in Namibia / Südwestafrika, Südafrika, in Nord- und Südamerika, sind dabei quantitativ noch weniger verlässlich einzuschätzen als europäische Populationssektoren. Ein prototypisches Beispiel:

»Wer Deutsch spricht, kann weltweit mit 101 Millionen Menschen kommunizieren. Allein 100 Millionen Europäer sprechen Deutsch als Muttersprache, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich, in der Schweiz, in Luxemburg und in Liechtenstein. Deutschkenntnisse helfen auch in Teilen Norditaliens, Ostbelgiens, Ostfrankreichs sowie in Holland oder Dänemark weiter. Seit 1989 steigt die Zahl der Deutschlernenden weltweit. Nach Angaben des Goethe-Instituts lernten 1995 ungefähr 20 bis 21 Millionen Menschen Deutsch als Fremdsprache. Im Jahr 2000 legten 14.000 Schüler eine deutsche Sprachprüfung ab. Damit gehört Deutsch zu den zwölf am häufigsten gesprochenen Sprachen in der Welt: 2,1% Anteil an der Weltbevölkerung. Im europäischen Raum ist Deutsch die Muttersprache, die am meisten gesprochen wird.« Downgeloadet 2007 und 2009 von http://www.daad.de/deutschland/deutsch-lernen/warum-deutsch-lernen/00563.de.html

Tatsächlich wurden 55 Millionen EU-Bürger (12%) schon 2005 im Eurobarometer ermittelt, die Deutsch als Fremdsprache »beherrschen«, davon rund sechs Millionen in Deutschland. Dementsprechend dürfte innerhalb der Europäischen Union von 50 bis 60 Millionen Deutsch-Fremdsprachlern und Deutsch-Zweitsprachlern auszugehen sein. Plus zwei Millionen Deutsch-Fremdsprachler / Zweitsprachler in der EU-externen Schweiz und wahrscheinlich um die 10 Millionen Deutsch-Fremdsprachler im westlichen Russland der russischen Föderation. Auch die Deutsch-Fremdsprachler in der Ukraine und in Weißrussland sind darin noch nicht inbegriffen.

Von http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Sprache wird derzeit (Stand: Nov. 2009) geschätzt: etwa 105 Millionen Muttersprachler weltweit, zusätzlich mindestens 80 Millionen deutschsprechende Fremdsprachler. Nach der Eurostat-Studie Die Europäer und ihre Sprachen (Europeans and Languages), die Nov. / Dez. 2005 in der EU durchgeführt wurde, sprechen etwa ein Drittel aller Sprecher Deutsch in der Europäischen Union, Muttersprachler und Fremdsprachler zusammengenommen. http://ec.europa.eu/public_opinion/archives/ebs/ebs_243_sum_de.pdf

Danach sprechen mehr Europäer Deutsch als Französisch. 56 % der EU-Bürger können zwei Sprachen bzw. sprechen eine Fremdsprache, 28% zwei Fremdsprachen, 11% drei Fremdsprachen. Etwa jeder zweite Europäer spricht Englisch (51%), jeder dritte Deutsch (32%) und jeder vierte Französisch (26%). Vor allem in den Niederlanden (wo ungefähr 70% der Bevölkerung Englisch, 68% Deutsch, 24% Französisch sprechen), in der Slowakei, in Ungarn, Tschechien, aber auch Polen und Dänemark (etwa 25% Deutschsprachige) ist Deutsch weit verbreitet. Geht man von 457 Mill. EU-Bürgern im Dezember 2005 aus und rechnet die 32 % Deutschsprechenden der Eurobarometer-Umfrage ein, so ergäben sich 146,24 Millionen Deutschsprechende für die damalige 25er EU- Mitgliedstaatengemeinschaft zum Jahresende 2005.

Außereuropäische Sprachkontakte relevant

Blicken wir nach Nordamerika: Schon 1790 lebten in den Vereinigten Staaten rund 277.000 Personen deutscher Abstammung; etwa 141.000 von ihnen in Pennsylvania, was dort im 18. Jahrhundert ein Drittel der Gesamtbevölkerung ausmachte. Dieser Informationsstand stützt sich auf Mitteilungen der Deutschen Botschaft in Washington/D.C. http://usa.usembassy.de/deutschamerikaner-language.htm

An amerikanischen Schulen lernten im Jahr 2000 ca. 283.000 Schüler Deutsch und gehören damit als Deutsch-Fremdsprachler zur global verteilten, uneinheitlichen Kommunikationsgemeinschaft der Deutschsprechenden. Deutsch als Fremdsprache ist dieser Quelle zufolge an US Colleges und Universitäten weiterhin beliebt und verzeichnete seit den Erhebungsdaten von 2002 wieder ein leicht steigendes Interesse, auch wenn die schöneren Vergleichsdaten der 1960er Jahre nicht erreicht werden. Das Gegenwartsdeutsche bloß binneneuropäisch gelten lassen zu wollen, oder gar »die deutsche Gesamtsprache« allen Ernstes auf »Deutsch in seinem europäischen Verbreitungsgebiet« (H.H.Munske 1980: 661) zu reduzieren und Sprachkontakte mit dem American English oder Australian English definitiv »ausschließen« zu wollen (!?), ist desinformierend und sachfremd.



 

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