|

Eleven/Nine - ich hatte mich hierher
sozusagen gerettet! Die Innenstadt war eine überdimensionierte Arena
für Polit-Clownerien. Durchs Zentrum führte eine kilometerlange
Pappmaché-Mauer, deren Segmente wie Dominosteine aufgestellt waren,
um dann den bekannten Jericho-Effekt auszulösen … Aber es
gab auch andere Imitationen politischer Theologie: Passionswege durch
die Leidenslandschaft der ehemals eingemauerten Stadt, mit
Märtyrerstationen, sozusagen Berliner Springprozessionen,
symbolische Einkerkerungen (Johannes-der-Täufer-light) und allerorts
Heiligenlegenden (vulgo: Zeitzeugen), die allerdings keine strenge
kanonische, glaubenskongregative Verifizierung zu gewärtigen haben.
Über allem, auf dem Dach des ›Adlon‹, wedelte ein Model, als
Engel, marmorweiß wie eine Friedhofsplastik, mit ihren
Flügeln. Ein bildungsferner Kommentator wollte darin die
Verkörperung des ›Engels der Geschichte‹ Walter Benjamins
erkennen (den ein Wind vom Paradiese her rückwärts vorantreibt?!) …
Die sakrale Vokabel bei alledem: Wunder. Ein wunderliches
Wundergewerbe in einem ansonsten hedonistisch-agnostischen
Gemeinwesen.
Ein nachhaltiger
Kulturkritiker in Deutschland, der auch schon einmal einen
hochfahrenden Taumel des Wir-sind-ein-Volk erlebt hatte,
hätte in unserem Trubel wohl den ›Sokratismus seiner Zeit‹
wiedererkannt, jene frenetische Geste des
Wie-haben-wir-es-herrlich-weit-gebracht! Einen naiven
Positivismus bzw. Naturalismus in der Staatskunst, in der Wirtschaft,
im Glauben, in der Politik und Alltagskultur. Weit entfernt sind wir
damit von einem schon mal gedachten Begriff des Politischen, der
einen rationalen, vernünftigen Sinn für das mit sich bringt, was
man den (politischen) Gegner nennt. Dass der gerade keiner ist, den
man mit Un-worten begrifflich verstehen könnte. Wenn man ihn
identifiziert als einen Unmensch, ungläubig, in einem
Unrechts-Staat dahinvegetierend, dann hat man damit seine
eigenen felsenfesten Überzeugungen konfirmiert, nicht aber einen
diskursiven Beitrag zum Verstehen des Anderen geleistet.
Steffen Dietzsch,
9. Nov. 09
|