Der Nobelpreis für Literatur im Kontext politischer Entscheidungen am Fallbeispiel von Thomas Manns Roman Die Buddenbrooks
von Katrin Parlow
Vorbemerkung
Gerechtigkeit gibt es nur in der Phantasie.
Alfred Nobel
Der Nobelpreis für Literatur gilt als weltweit bedeutendste Anerkennung
für einen Autor. Grundlage der Dichterkrönung ist das Testament Alfred
Nobels, dessen Auslegung im Laufe der Zeit, je nach personeller
Besetzung des Nobelkomitees, einigen Modifizierungen unterlag. Die
Nobelpreisverleihung des Jahres 1929 an den deutschen Schriftsteller
Thomas Mann für seinen Debütroman Die Buddenbrooks aus dem Jahr 1901
stellt dafür ein besonders auffälliges Beispiel dar. Seit dem Ende des
Ersten Weltkrieges 1918 war der Nobelpreis für Literatur keinem
deutschen Schriftsteller mehr verliehen worden. Letztmalig hatte der
deutsche Autor Gerhard Hauptmann diese Auszeichnung im Jahr 1912
erhalten. Vor dem Hintergrund des international erfolgreichen aktuellen
Romans Der Zauberberg von 1924 wirft die Preisverleihung an Thomas Mann
für einen achtundzwanzig Jahre zuvor veröffentlichten Erfolgsroman
einige Fragen auf: Wieso wurde der ursprünglich für ein Werk des
vorangegangenen Jahres bzw. das Œuvre eines Autors vorgesehene Preis
einem seit fast dreißig Jahren etablierten Autor für sein Erstlingswerk
verliehen? Warum fand der Roman Der Zauberberg keine Beachtung? Weshalb
würdigte das Nobelkomitee nicht das Lebenswerk dieses Künstlers?
Im Folgenden soll dargestellt werden, welche Gründe und Interessen der
Entscheidung des Nobelkomitees für die Buddenbrooks (und gegen den
Zauberberg) zugrunde lagen und inwieweit diese Entscheidung politisch
motiviert war.
1. Die Entwicklung des Nobelpreises für Literatur 1901 – 1929
Der Ursprung des Nobelpreises - Alfred Nobels Testament
Ich würde einem Mann der Tat nichts hinterlassen. Er würde dadurch in
Versuchung kommen, mit Arbeiten aufzuhören. Dagegen möchte ich gern
Träumern helfen, die es schwer haben, sich im Leben durchzusetzen.
Alfred Nobel
Der vermögende Fabrikant und Erfinder des Dynamits Alfred Bernhard
Nobel (1833 – 1896) verfügte in seinem handschriftlich verfassten
Testament vom 27. November 1895 in Paris, dass neunzig Prozent seines
Kapitals in Höhe von über 33 Millionen Schwedische Kronen in einen Fond
fließen (Filser 2001: 66), von dessen Zinsen jährlich Preise an
diejenigen Personen vergeben werden sollen, die der »Menschheit im
vorangegangenen Jahr die größten Dienste geleistet haben« (Nobel [ca.
1989]: 8). Die Preisvergabe habe zu gleichen Teilen in fünf Sparten zu
erfolgen: Physik, Chemie, Physiologie oder Medizin, Literatur sowie für
Bemühungen für den Frieden – der Friedensnobelpreis. Auf dem Gebiet der
Literatur beabsichtigte Nobel, demjenigen Schriftsteller die Ehrung
zuteil werden zu lassen, der »das hervorragendste Werk idealistischer
Richtung hervorgebracht haben wird« (Nobel [ca. 1989]: 8).
Mit seiner testamentarischen Verfügung legte Nobel den Grundstein für
die international bedeutendste Ehrung auf literarischem Gebiet. Der
seit dem Jahr 2001 mit einem Höchstwert von umgerechnet ca. einer
Million Euro dotierte Preis ist nicht nur aufgrund seiner finanziellen
Generosität zu der weltweit höchsten Anerkennung avanciert, sondern
ganz maßgeblich durch Nobels »ausdrückliche[n] Wunsch, daß die Preise
ohne irgendwelche nationalen Rücksichten zur Vergabe kommen, damit sie
an die Würdigsten, Skandinavier oder nicht, verliehen werden« (Nobel
[ca. 1989]: 8).
Die Schwedische Akademie als verleihende Institution
Gewünscht war nicht das Amt, auch nicht erstrebt,
die Last, die schwer auf schwedsche Schultern drückt,
Verantwortungsgefühl so manchem hat durchbebt,
da jetzt die Welt auf Schwedens Prüfung blickt.
Carl David af Wirsén
[Ständiger Sekretär des Nobelkomittees 1900 – 1912]
Einen Monat nach Nobels Tod am 10. Dezember 1896 wurde die Schwedische
Akademie in Kenntnis darüber gesetzt, dass sie die Verantwortung für
die jährliche Vergabe des Nobelpreises für Literatur übernehmen solle.
Nach langen Überlegungen und Diskussionen stellten sich die achtzehn
Akademiemitglieder ihrer neuen Aufgabe durch die Gründung der
Nobelstiftung und die Etablierung des Nobelkomitees im Oktober 1900.
Eines der amtierenden fünf Mitglieder des Nobelkomitees, Kjell Espmark,
begründet das lange Zögern der Akademie mit der fehlenden Kompetenz,
dieser schwergewichtigen Aufgabe gerecht zu werden, zumal die
Schwedische Akademie »die führenden schwedischen Schriftsteller der
Zeit ausgeschlossen und die hervorragendsten Literaturwissenschaftler
von ihrem Kreis ferngehalten hatte« (Espmark 1988: 7).
Basierend auf Nobels Verfügungen wurde eine Reihe von Statuten
formuliert. Die Bedingung an den Preisträger, dieser habe im vorherigen
Jahr die größten Dienste erwiesen, wurde folgendermaßen interpretiert:
»Die Belohnungen werden den jüngsten Erfolgen auf den im Testament
erwähnten kulturellen Gebieten zuerkannt, weiter zurückliegenden Werken
nur dann, wenn deren Bedeutung erst vor kurzem Anerkennung fand«
(Statuten des Nobelkomitees, zit. n. Espmark 1988: 20).
Im Sinne Nobels sei der Preis »einem ›Werk‹ oder einer ›Schrift‹
zuzuerkennen«. Tatsächlich galt die Auszeichnung mit dem Nobelpreis für
Literatur üblicherweise der »gesamten Produktion eines Schriftstellers
[...] ohne auf irgendein Werk im Besonderen hinzuweisen« (Espmark 1988:
20). Einige Beispiele finden sich dennoch, bei denen explizit ein
bestimmtes Werk eines Autors als Rechtfertigung für die besondere Ehre
auf der Preisurkunde genannt wurde, so u. a. bei Thomas Manns Buddenbrooks, Theodor Mommsens Römische Geschichte und Knut Hamsuns
Segen der Erde.
Die Schwedische Akademie sah sich verpflichtet, Nobels Wunsch gerecht
zu werden, den Literaturpreis an einen Autor zu verleihen, der ein Werk
»mit entscheidender Konzeption« geschaffen habe und der den Preis als
Ansporn verstehe, »auf dem gleichen Wege fortzufahren« (Espmark 1988:
21).
Vorschläge für Nobelpreis-Kandidaten werden schriftlich eingereicht von
Mitgliedern verschiedener nationaler Akademien, so der Schwedischen,
Französischen und Spanischen Akademie, außerdem von Mitgliedern
gleichgestellter humanistischer Institute und Gesellschaften sowie von
Universitätsprofessoren der Literaturgeschichte und der
Sprachwissenschaften. Im Jahre 1949 wurde das Privileg der
Vorschlagsberechtigung zusätzlich den bereits mit dem Nobelpreis
ausgezeichneten Autoren sowie den Vorsitzenden der national
repräsentativen Schriftstellerorganisationen erteilt (vgl. Espmark
1988: 11).
Die nobelsche Dichterkrönung reglementiert, dass nur
Kandidatenvorschläge für das jeweilige Jahr der Preisvergabe
berücksichtigt werden, die vor dem ersten Februar desselben Jahres bei
der Akademie eingehen. Das Nobelkomitee wählt aus den ca. zweihundert
Vorgeschlagenen fünfzehn bis zwanzig Kandidaten aus. Diese werden nach
einem Begutachtungsverfahren der Mitglieder der Schwedischen Akademie
auf einen Nominiertenkreis von fünf dezimiert. Zwischen Juni und August
befassen sich die achtzehn Akademiemitglieder intensiv mit den
Produktionen der Kandidaten. Das Komitee fertigt individuelle Berichte
an oder gibt bei Bedarf auch externe Fachgutachten in Auftrag. Im
September eines jeden Jahres werden die Ergebnisse zusammengetragen.
Die anschließende Entscheidungsfindung und medienwirksame, opulente
Verkündung des Laureaten durch den Ständigen Sekretär findet im Oktober
statt, wobei die Veröffentlichung von Kandidatennamen, Gutachten und
Protokollen einer fünfzigjährigen Sperrfrist unterliegt.
Die eigentliche Preisverleihung findet als Höhepunkt der Nobelwoche vom
6. bis 13. Dezember jeweils am 10. Dezember, dem Todestag Alfred
Nobels, im Stockholmer Konzerthaus in Anwesenheit der königlichen
Familie Schwedens statt. Den Nobelpreisträgern wird während der
feierlichen Zeremonie der Nobelpreis – bestehend aus einer
Nobelmedaille und einem Diplom – vom König überreicht. Die Aushändigung
des hoch dotierten Schecks erfolgt am darauf folgenden Tag im Gebäude
der Nobelstiftung durch den Stiftungsvorsitzenden (Dücker et al. 2005:
50 – 55).
Bewertungsmaßstäbe der Kandidatenauswahl 1901 - 1929
Die Bewertungsmaßstäbe, die der Auswahl der Nobelpreisträger für
Literatur zugrunde gelegt wurden, unterlagen seit der ersten
Preisverleihung 1901 einer vielfältigen dynamischen Entwicklung und
wurden häufig zur Zielscheibe weltweiter Kritik. Zahlreiche große
Schriftsteller, darunter Tolstoi und Zola, wurden bewusst übergangen.
Andere Literaten, deren Namen mittlerweile längst in Vergessenheit
geraten sind und deren Werke folglich nicht zu einem international
gültigen literarischen Kanon gezählt werden können, wie z. B. Paul
Heyse, wurden dagegen begünstigt.
Wie eingangs erwähnt, bestimmte Nobel in seinem Vermächtnis, diejenigen
Menschen zu ehren, »die auf dem Gebiet der Literatur das
hervorragendste Werk idealistischer Richtung hervorgebracht haben« und
zugleich »der Menschheit im vorangegangenen Jahr die größten Dienste
geleistet haben«. Diese unklare Bestimmung und vor allem der Terminus
»idealisk« (»idealisch«) wurde in der Folge zum Anlass
verschiedenartiger Interpretationsversuche. Espmark zitiert Gustaf
Mittag-Leffler, einen engen Freund Nobels, der nach der Bedeutung des
Wortes »idealisk« in Nobels Testament befragt wurde:
»Nobel war Anarchist; mit idealistisch meinte er das, was eine
polemische oder kritische Haltung gegenüber der Religion, der
Monarchie, der Ehre und der Gesellschaftsordnung insgesamt einnimmt«
(Mittag-Leffler, zit. n. Bredsdorff 1964: 353f., in: Espmark 1988: 12,
Hv. i. Orig.).
Geht man von der Richtigkeit dieser Aussage aus, dann wären die
Entscheidungen der Schwedischen Akademie, vor allem in der ersten Phase
der Preisverleihung, als nicht im Sinne des Stifters Nobel zu
deklarieren. Maßgeblichen Einfluss übte der Ständige Sekretär Carl
David af Wirsén in seiner Amtszeit von 1901 bis 1912 mit seinem
Anspruch nach einer »hohe[n] und gesunde[n] Idealität« aus, die im
Zeichen des ästhetischen Klassizismus Goethes stand. Der allgemeine
konservative Idealismus schloss moderne und radikale Formen der
Literatur aus. Die Überprüfung eines Kandidaten erfolgte nicht nur nach
literarischen Kriterien, sondern zog Darstellungsweise und
Lebensanschauung mit in die Betrachtung ein (Espmark 1988: 20 – 24).
Dieser »Idealrealismus« führte zur Diskreditierung des in der
Weltliteratur ranghohen Schriftstellers Tolstoi mit dem Urteil der
»Kulturfeindlichkeit und Einseitigkeit« und der Verachtung seiner
Verfechtung für »ein von der Verbindung mit höherer Kunst losgelöstes
Naturleben«. Besondere Missachtung wurde Tolstois Kritik am Staat und
der Bibel entgegengebracht (Gutachten des Nobelkomitees, zit. n.
Espmark 1988: 25f.). In Anbetracht von Nobels mutmaßlichem Verständnis
von »idealisk«, wie es im oberen Zitat definiert wurde, hätte jedoch
gerade ein gesellschaftskritischer Schriftsteller wie Tolstoi, dessen
Werke wie Krieg und Frieden und Anna Karenina sogar von der Akademie
als »unsterbliche Schöpfungen« betitelt wurden, einem ehrenwerten
Preisträger im Sinne Nobels entsprochen.
Naturalismus und fehlende »idealistische Prägung« führten auch zu der
Ablehnung Émile Zolas und Henrik Ibsens. Dagegen wurde der Historiker
Theodor Mommsen für seine konkreten Schilderungen bei der Preisvergabe
bedacht (Espmark 1988: 26f.).
Eine personelle Verjüngung in den Reihen des Nobelkomitees bewirkte die
Ehrung vormals abgewiesener Kandidaten. So erhielt Gerhart Hauptmann im
Jahr 1912 den Nobelpreis, nachdem er einige Jahre zuvor (1903)
abgelehnt worden war. Der »krasse Naturalismus« Hauptmanns entwickelte
sich nach Ansicht des Nobelkomitees innerhalb von neun Jahren zum
»ausgeprägt Realistischen« bis hin zur »Traumdichtung« (Gutachten des
Nobelkomitees, zit. n. Espmark 1988: 26f.).
Im Ersten Weltkrieges verfolgte die Schwedische Akademie eine
Neutralitätspolitik, um sich als politisch unabhängige Institution zu
deklarieren. Im ersten Kriegsjahr 1914 wurde kein Nobelpreis verliehen.
Da man »Mißverständnisse vielfältiger Art« vermeiden wollte, nutzte die
Akademie die »günstige Gelegenheit, [...] die weniger großen Völker
nicht zu übergehen« (Espmark 1988: 44 – 49). Dies verstand man nicht in
einem international ausgerichteten Sinne. Vielmehr rückten
skandinavische Schriftsteller in das Blickfeld der Akademie. Die
Nobelpreise der folgenden Jahre gingen an: den Schweden Verner von
Heidenstam (1916), die Dänen Karl Gjellerup und Henrik Pontoppidan
(1917) und den Norweger Knut Hamsun (1920).
Eine Ästhetik des »großen Stils« als neue Deutung des »Idealistischen«
beobachtet Espmark dagegen ab den 1920er Jahren. Durch die erneute
Umbesetzung des Komitees – Hallström wird Vorsitzender, Karlfeld wird
zum Ständigen Sekretär ernannt, Heidenstam, Lagerlöf, Schück und Böök
treten neu als Mitglieder hinzu – wird die »Wirsénsche Epoche«
überwunden. Das früh etablierte Goethe-Ideal erfährt eine Ausweitung
bis zum »klassischen Realismus« des 19. Jahrhunderts und den
»klassizistischen Tendenzen der zwanziger Jahre überhaupt« (Espmark
1988: 53).
Espmark sieht in den Auszeichnungen an Anatol France, William Butler
Yeats und George Bernard Shaw die erfolgreiche Überwindung der
Begrenztheit früherer Jahre bestätigt. Gegen Ende der 1920er Jahre sind
dagegen häufiger »Unzulänglichkeiten des ästhetischen Instrumentariums«
zu eruieren, da sich das Komitee hinsichtlich der Ästhetik nicht an der
zeitgenössischen europäischen Literatur orientierte. Das wird bei dem
deutschen Nobelpreisträger des Jahres 1929 deutlich (Espmark 1988: 67).
2. Der Nobelpreis 1929 – Thomas Mann Die Buddenbrooks
Die Einflussnahme Gerhart Hauptmanns
Der deutsche Schriftsteller Gerhart Hauptmann, Bewunderer und Freund
Thomas Manns, empfahl diesen bereits im Oktober 1923 in einem
offiziellen Brief an »eine Hohe Kommission der NOBELSTIFTUNG« als
Kandidaten für den ehrenwerten Preis mit folgendem Wortlaut:
»In meiner Eigenschaft als Nobelpreisträger 1912 erlaube ich mir, für
den gleichen Preis einen deutschen Schriftsteller in Vorschlag zu
bringen. Sein Name ist Thomas Mann. Ich glaube nicht nötig zu haben,
einer Hohen Kommission diesen Autor besonders eingehend zu
charakterisieren, da er der Nobel-Kommission gewiss kein Unbekannter
ist. Auch ist der Kommission ohne Zweifel bekannt, welch klar
umrissener, rein und schlicht fundierter Charakter diesen
Schriftsteller auszeichnet, und welche ernste Hochachtung er in
Deutschland und über dessen Grenzen hinaus allgemein geniesst. Die
Erteilung dieses Preises an diese hochbedeutende und durch und durch
integre Persönlichkeit, welche die besten Eigenschaften deutscher
Geistigkeit und Gründlichkeit in sich verkörpert, würde in Deutschland
allgemein als schlicht und richtig empfunden werden und grosse
Genugtuung hervorrufen.« [Ein Jahr nach Verfassen dieses Briefes
erkannte Hauptmann verärgert, dass seine Person als Modell für die
Figur Mynheer Peeperkorn im Zauberberg diente. Mann verfasste
daraufhin zur Versöhnung am II.IV.25 einen Entschuldigungsbrief an
Hauptmann.]
Als Thomas Mann im darauf folgenden Jahr 1924 auf der Kandidatenliste
für den Nobelpreis für Literatur stand, konnte er auf zahlreiche
erfolgreiche Veröffentlichungen zurückblicken. Der Durchbruch war ihm
bereits mit seinem ersten großen Roman Die Buddenbrooks aus dem Jahr
1901 gelungen. Trotz der herausragenden Wirkung dieses Werkes fand das
Nobelkomitee 1924 keinen Konsens in der Beurteilung seiner Bedeutung.
Während der damalige Präsident Per Hallström Die Buddenbrooks
wertschätzte, schlug Österling vor, das neue Werk abzuwarten (Espmark
1988: 68).
Im Jahr 1929 reihte sich Thomas Mann erneut in die begehrte Liste der
potenziellen Nobelpreisträger ein, u. a. neben dem deutschen
Schriftsteller Arno Holz. Als dieser von der Presse infolge einer
Unterschriftenaktion von Seiten deutscher Professoren bereits als der
neue Nobelpreisträger gehandelt wurde, verlieh Thomas Mann seinem Ärger
darüber Ausdruck in einem Brief an Gerhart Hauptmann:
»[...] was sagen Sie zu der weitverbreiteten Nachricht, daß dank der
Propaganda einer Oberlehrer-Clique, die ihn vorgeschoben hat, Arno Holz
den Nobelpreis erhalten soll? [...] ich würde eine solche Preiskrönung
absurd und skandalös finden und bin überzeugt, daß ganz Europa sich in
voller Verständnislosigkeit an den Kopf greifen würde. Seien Sie
versichert, daß ich sachlich spreche: ich habe zu leben und würde zum
Beispiel unserer klugen und bedeutenden Ricarda Huch den Preis von
Herzen gönnen. Aber Holz?! Es wäre ein wirkliches Ärgernis, und man
sollte wahrhaftig etwas dagegen tun. Aber die Regsamkeit ist, wie
gewöhnlich, auf der falschen Seite.« [Brief vom 15.X.29]
Diese indirekte Aufforderung Manns, »etwas dagegen [zu] tun«, nahm
Hauptmann zum Anlass, wenige Tage darauf – am 21.10.1929 – einen
zweiten Brief an das Nobelkomitee, in diesem Fall direkt an den
entscheidenden Kopf des Komitees, Fredrik Böök, zu richten. Diesem
Brief ging ein Treffen voraus, bei dem Böök den deutschen
Nobelpreisträger nach geeigneten Kandidaten für den Nobelpreis 1929
befragt hatte. Darauf beruft sich Hauptmann in seinem Brief und schlägt
Thomas Mann und Stefan George vor. Sein Favorit Thomas Mann geht aus
dem Schreiben unmissverständlich hervor:
»Daß Thomas Mann mehr als Stefan George mitten im Leben steht, ist
Ihnen gewiß bekannt. Durch seine geschlossene Prosakunst, seinen
schlichten, unbeirrbaren Mut, besitzt er das Ohr und das Vertrauen
unserer Öffentlichkeit. Bei der augenblicklichen Spaltung Deutschlands
in zwei politische Lager hat er, politisch dem einen angehörend,
natürlich im anderen seine Gegnerschaft. Unzweifelhaft aber wird auch
dort seine Bedeutung nicht verkannt und durchaus respektiert. Die
Preisverleihung an ihn würde zwar wie immer in solchen Fällen hie und
da Missgunst erwecken, aber wie ich mit Bestimmtheit aussprechen darf,
jedermann verständlich sein.«
Auffällig ist die Schwerpunktsetzung Hauptmanns auf die politische
Argumentation und weniger auf die literarischen Leistungen Manns.
Während Mann dem Lager der Befürworter der Republik angehörte, lehnte
Stefan George diese Politik ab. Hauptmann merkt an, dass Georges Name
»mit einer mystischen Achtung genannt und seine Krönung mit dem
Nobelpreis [...] allgemein als organisch empfunden werden« würde.
Hauptmann warnt Böök zudem, George könne den Preis zurückweisen. Diesem
Brief an Böök folgte ein längeres Telefonat, in dem sich Hauptmann
»endgültige Gewissheit verschaffte« und anschließend Mann über das
Resultat berichtete. Da die Schwedische Akademie bereits im September
anhand der zuvor erstellten Gutachten über die Leistungen der
auserwählten Kandidaten berät, um im Oktober zu einem endgültigen
Urteil zu gelangen, bleibt anzunehmen, dass Hauptmanns zweiter Brief
die bereits getroffene Entscheidung lediglich bekräftigte.
In sämtlichen Berichten des Nobelkomitees von 1929 über das Werk Thomas
Manns beurteilt Hallström die Buddenbrooks als »ein Meisterwerk
innerhalb der bürgerlichen Romandichtung« und sogar als »Höhepunkt
[...] der zeitgenössischen Romandichtung«, welches zur Rechtfertigung
des Nobelpreises genüge. Kein anderes Werk Manns sei vergleichbar,
konstatierte Hallström, obgleich die Novellen Tristan und Tonio Kröger
aufgrund ihrer »gesunde[n], prosaische[n] Einfachheit des Lebens gegen
ästhetische Verkünstelung« Höhepunkte darstellten (zit. n. Espmark
1988: 68).
Diese Einschätzung, betont Espmark, könne zugleich als »Spitze« gegen
das neueste Werk Der Zauberberg gelesen werden, das in dem Gutachten
von 1929 keinerlei Erwähnung fand. Dieser Ende 1924 erschienene Roman
wurde 1928 vom Komitee für nicht nobelpreiswürdig befunden. Es sei
»[...] ein in mehrfacher Hinsicht außerordentliches Werk von
bedeutendem Gehalt, jedoch vom ästhetischen Standpunkt aus [...] zu
breit und schwerfällig, als daß es zu Manns besten Leistungen gerechnet
werden könnte.«
Trotz dieser Abwertung des späteren Werkes beharrten die Antragsteller
Österling und Hallström auf den unbestrittenen Wert der frühen Werke
Manns und der Rechtfertigung einer Auszeichnung allein für die
Buddenbrooks. Karlfeldt äußerte Bedenken hinsichtlich der langen
Zeitspanne von achtundzwanzig Jahren zwischen der Veröffentlichung des
zu prämierenden Werkes und der Auszeichnung. Ein weiteres Hindernis
bestand für ihn darin, dass sich die Eignung des Schriftstellers durch
»die neueste größere Arbeit« nicht bestätigt finde. Ungeachtet dieser
Bedenken erhielt Thomas Mann die Mehrheit der Stimmen und setzte sich
u. a. gegen Stefan George, Erich Maria Remarque durch. Arno Holz schied
durch seinen Tod 1929 aus dem Kreis der Kandidaten aus, da die Statuten
der Nobelstiftung eine Nobelpreisvergabe post mortem untersagten. Schoolfield nimmt an, die Einwilligung des »deutschfreundlichen Böök«
liege neben seiner »Bewunderung für den frühen Thomas Mann« auch darin
begründet, dass es seit Gerhart Hauptmann 1912 (und Carl Spitteler
1919) keinen deutschen (bzw. deutschsprachigen) Laureaten mehr gegeben
habe (Schoolfield 1972: 168). Die erstmalige Prämierung eines deutschen
Literaten nach dem Ersten Weltkrieg habe zugleich die Wiederaufnahme
Deutschlands und der deutschen Kultur in die Weltkultur bedeutet.
Die Nobelpreisverleihung an Thomas Mann 1929
Am 10. Dezember 1929 wurde Thomas Mann für seinen Jugendroman Die
Buddenbrooks im Rahmen einer feierlichen Zeremonie in Stockholm der
Nobelpreis für Literatur verliehen. Die Verleihungsrede hielt als
entscheidender Vertreter des Nobelkomitees Professor Böök. Er begann
seine Rede mit Bekundungen der Würdigung des realistischen Romans der
Engländer, Franzosen und Russen, wobei »von deutscher Seite [...] dazu
lange Zeit kein wesentlicher Beitrag geleistet worden« sei, »hier
suchte sich die dichterische Schaffenskraft zumeist andere
Ausdrucksformen«. Erst Thomas Mann habe mit den Buddenbrooks den ersten
realistischen Roman hohen Stils in Deutschland geschaffen, der sich mit
den Werken Dickens', Balzacs, Flauberts und Tolstojs messen könne.
»›Buddenbrooks‹ ist ein bürgerlicher Roman; die von ihm dargestellte
Zeit birgt die Spätblüte der Bourgeoisie. Vor unseren Augen entrollt
sich das Bild einer Gesellschaft, die nicht so groß ist, daß sie einem
den Blick verwirre, aber auch nicht so klein und beschränkt, daß man
ein Gefühl von Enge empfände. Eine vermittelte unparteiische
Betrachtungsweise dient der verständigen, wohlbedachten, ausgereiften
und ideenreichen Berechnung« (Böök [ca. 1989]: 19).
Während sich zwei Drittel der Verleihungsrede den Buddenbrooks widmen,
finden die Novellen Tonio Kröger und Tristan sowie der Roman Königliche
Hoheit nur kurze Erwähnung. Vor allem letztgenanntes Werk wird mit
betont geringer Wertschätzung betrachtet. Ausführlicher als jene Werke
bespricht Böök den »geistreichen Essay ›Friedrich und die große
Koalition‹«, welcher vor dem Ersten Weltkrieg entstand, als Mann »sich
stark von der Persönlichkeit Friedrich des Großen angezogen fühlte
[...] aus dem Gefühl, daß dieser Herrscher die voll überzeugende
historische Lösung des Problems verkörpere«. Thomas Manns spätere
Werke, allen voran den Zauberberg, sieht Böök bestimmt vom »Kampf der
Ideen, den seine dialektische Natur auszufechten hatte, ehe er zu einem
klaren Standpunkt kam« (Böök [ca. 1989]: 19 – 21).
Die Verleihungsurkunde, die Thomas Mann anschließend durch den
Schwedischen König in Empfang nahm, benannte Die Buddenbrooks als
prämiertes Werk mit der Begründung, der Roman habe »im Laufe der Jahre
eine immer mehr gefestigte Anerkennung gefunden [...] als ein
klassisches Werk der Gegenwart« (zit. n. Jonas [ca. 1989]: 33).
Tatsächlich markierte die Auszeichnung des Debütromans eine Verletzung
der Statuten der Nobelstiftung, da das Werk nicht erst »vor kurzem
Anerkennung fand« (Nobelpreis für Literatur [ca. 1989]: 20). In seiner
Dankesrede legt Thomas Mann den
»Weltpreis, der mehr oder weniger zufällig auf meinen [Thomas Manns]
Namen lautet, meinem Lande und Volke zu Füßen [...], diesem Lande und
Volk, mit dem meinesgleichen sich heute nur fester noch verbunden fühlt
als zur Zeit seiner klirrendsten Machtentfaltung. Dem deutschen Geist
[...] gilt dieses Jahr der Stockholmer Weltpreis, nach langen Jahren
wieder einmal, und Sie machen sich schwer eine Vorstellung von der
sensitiven Empfänglichkeit dieses verwundeten und vielfach
unverstandenen Volkes für solche Zeichen der Weltsympathie.«
Hochschätzung des Frühwerkes – Abwertung des Spätwerkes
Der Zauberberg wurde bereits im Vorfeld der Preisverleihung in älteren
Komitee-Gutachten sowie in den von Böök verfassten Zeitungsrezensionen
diskreditiert. In der Preisverleihungsrede fand das Werk schließlich
eine indirekte Abwertung. Die Ehefrau Thomas Manns, Katia Mann, äußert
sich zu dem Germanisten Böök, der das entscheidende Stimmrecht im
Komitee besaß, in ihren Ungeschriebenen Memoiren:
»Als das Buch [›Der Zauberberg‹] 1924 erschien, schrieb er [Böök],
dieses Buch sei so eindeutig und ausschließlich deutsch, daß es in
keine fremde Sprache übersetzt werden würde. [...] Vorher war Thomas
Mann zwar schon bekannt, aber der ›Zauberberg‹ hat tatsächlich seinen
internationalen Ruf überhaupt erst begründet. Deswegen hat er auch den
Preis bekommen. Aber der rechthaberische Herr Böök wollte das nicht
wahrhaben. [...] Es war eine Narretei von Böök und außerdem der reine
Unsinn, denn die ›Buddenbrooks‹ sind schließlich 1901 erschienen. Also
hätten sie ihm den Preis schon fünfundzwanzig Jahre vorher geben
können. 1929 lag dafür kein Anlaß mehr vor« (Mann, K. 1977: 69f.).
Katia Mann weiß zudem zu berichten, Böök sei später »ziemlich
nazifreundlich« gewesen und habe ein »unangenehmes Leben in
Skandinavien« gehabt. Das Zitat deutet eine politisch motivierte
Haltung Bööks an, die möglicherweise den Hauptgrund zur Ablehnung des
Zauberbergs bei der Nobelpreisvergabe an Thomas Mann lieferte. Die
Aussage Katia Manns verdeutlicht die Verärgerung, die die Abwertung des
Zauberberg bei der Familie Mann auslöste. Auch der Schriftsteller
zeigte sich getroffen von der Missachtung und äußerte Zweifel darüber,
ob das Nobelkomitee ihm den Nobelpreis ohne die Veröffentlichung des
neuen Romans überhaupt zuerkannt hätte. So schreibt Mann am 20.1.1930
an André Gide, trotz des einschlagenden Erfolges in Deutschland und
Amerika, höre er
»[...] immer wieder gänzlich verwerfende Urteile darüber, die meist
dahin lauten, es sei kein Roman, keine Dichtung, ein Werk des
Verstandes und der Kritik. Das Amüsanteste ist, daß der Stockholmer
Literaturprofessor und Kritiker Böök, der bei der Verteilung des
Nobelpreises ausschlaggebenden Einfluß hat, es seiner Zeit öffentlich
für ein künstlerisches Unding erklärt hat, und daß ich den Preis
ausschließlich oder doch ganz vorwiegend für meinen Jugendroman ›Buddenbrooks‹ erhalten habe. Das ist wenigstens die Auffassung der
Akademie, die aber ganz offenbar im Irrtum ist. ›Buddenbrooks‹ allein
hätten mir niemals die Geltung verschafft, welche es der Akademie
ermöglicht und sie bestimmt hätte, mir den Preis zu verleihen. Diese
Stellung in der Welt ist tatsächlich erst durch den verpönten Roman
[›Der Zauberberg‹] geschaffen worden [...].«
In seinem autobiographischen Lebensabriss (1930) erklärt Mann nochmals:
Hätte ihm der Preis allein für die Buddenbrooks gebührt, so hätte er
ihn fünfundzwanzig Jahre früher bekommen müssen. Das Nobelkomitee
»[...] fühlt sich auf die Zustimmung der Welt angewiesen, und ich
glaube, es musste nach ›Buddenbrooks‹ noch einiges aus mir werden, ehe
es sich dieser Zustimmung auch nur in dem Grade versehen konnte, wie es
sie gefunden hat.«
Wie aber konnte es dann zu einer derartigen Auszeichnung des frühen
Werks mit dem Nobelpreis bei gleichzeitiger ein Nachlassen der
ästhetisch-künstlerischen Qualität suggerierender Abwertung des
späteren kommen? Ist es möglich, dass ein junger Mann von
sechsundzwanzig Jahren, der über ein signifikant geringeres Maß an
Lebens- und schriftstellerischer Erfahrungen verfügt als ein
gestandener neunundvierzigjähriger etablierter Autor, über die Jahre
soviel an schriftstellerischer Fähigkeit einbüßt, dass sein neuer Roman
aufgrund einer »vom künstlerischen Standpunkt etwas verfehlten
Konzeption« (Strömberg [ca. 1989]: 10) nur noch beiseite gelegt werden
kann? Leichter fällt da die Annahme, dass Thomas Mann als
Schriftsteller und Mensch in den dreiundzwanzig Jahren, die zwischen
seinen beiden großen Romanen liegen, eine Entwicklung genommen hatte,
die den Auffassungen des Nobelkomitees, allen voran denen Bööks,
zuwiderlief.
Thomas Mann: Ein Exkurs – Vom konservativen »Unpolitischen« zum Sprecher der Nation für Humanität und Demokratie
Bei mir steht am Anfang der Roman des deutschen Bürgertums, in der
Mitte der Roman europäischer Problematik und Dialektik und am Ende -
soweit ich sehen kann – der Menschheitsmythos von Joseph und seinen
Brüdern.
Thomas Mann: On Myself (1940)
Der 1901 erschienene Familienroman Die Buddenbrooks steht ganz im
Zeichen des konservativen Bürgertums und erzählt die Geschichte des
Verfalls der Familie Buddenbrook. 1903 entstanden die Novellen Tonio
Kröger und Tristan, in denen sich Mann der Künstlerproblematik widmete.
Thematisiert werden die Stellung des Künstlers zur Gesellschaft wie zum
Leben selbst sowie humanistische Positionen und deren Gefährdung
(Diersen 1975: 53).
Der Beginn des Ersten Weltkrieges im Jahr 1914 förderte Thomas Manns
bis dahin verdeckte widersprüchliche Weltanschauung zu Tage. Diersen
stellt fest: Mann sei »kein Reaktionär, allerdings noch weniger ein
Oppositioneller und Demokrat« gewesen. Noch unentschieden in seiner
Gesinnung schloss sich Thomas Mann zahlreichen Schriftstellern,
Künstlern und Wissenschaftlern an und bekannte sich in dem Artikel
Gedanken im Kriege zur »Partei der nationalistischen Kriegsbejaher«
(Diersen 1975: 122). Kurzke erklärt Manns Einstimmung in die allgemeine
Kriegsbegeisterung mit der Hoffnung auf »ein Entkommen aus der
Décadence«, wobei der Krieg als Mittel der Reinigung und Befreiung
verstanden wurde (Kurzke 2009: 77). Heinrich Mann dagegen vertrat die
demokratische Position, was ein mehrere Jahre andauerndes Zerwürfnis
zwischen den beiden Mann-Brüdern zur Folge hatte.
Zum Ende des Ersten Weltkrieges 1918 veröffentlichte Thomas Mann seinen
Essay Betrachtungen eines Unpolitischen. Darin versucht er – nicht ganz
unpolitisch – seinen eigenen Standort in Geschichte, Kunst und
Gesellschaft zu bestimmen und zu verteidigen. Als seinen Gegner benennt
er den »Zivilisationsliteraten« (womit er vornehmlich seinen Bruder
Heinrich meint), welcher die »parlamentarische Demokratie ›des
Westens‹« und die Entente-Politik befürwortet, an den Fortschritt
glaubt und sich zu Pazifismus, Humanität, Gesamt-Europa-Plänen,
Rationalismus bekennt und die Zivilisation verehrt. Antagonistisch
versteht Thomas Mann die wahre Kunst als »rückwärts gerichtet«, als
»antiintellektuelle«, »irrationale Macht, der natürliche Feind des
Fortschritts und der Vernunft«. Es lassen sich Passagen in Manns Essay
finden, die den Krieg als »veredelnd auf den Menschen« beschreiben
(Diersen 1975: 125 – 127).
Kurzke konstatiert, dass Thomas Mann auf der politisch rechten Seite
nie »so recht heimisch« geworden sei, wie er auch »den Linken trotz
seiner nationalistischen Ausfälle« nicht komplett verloren gegangen
sei. Die Nobelpreisverleihung 1929 gehe, so Kurzke, auf die
»Begeisterung des ›Kingmakers‹ Fredrik Böök über die ›Betrachtungen‹
zurück« (Kurzke 1997: 301).
Am 15. Oktober 1922 hielt Thomas Mann in Berlin seine ganz im Zeichen
der Humanität und Demokratie stehende Rede Von deutscher Republik. Er
schloss die Rede mit dem Ausruf: »Es lebe die Republik!«
Im Vorwort zum späteren Abdruck dieser Rede unternimmt Thomas Mann
einen Versuch zur Rechtfertigung seines überraschenden, seiner Ansicht
nach von der Öffentlichkeit unzutreffend gedeuteten geistig-politischen
Sinneswandels:
»Ich weiß von keiner Sinnesänderung. Ich habe vielleicht meine Gedanken
geändert, – nicht meinen Sinn. [...] Wenn der Verfasser [Thomas Mann]
also auf diesen Blättern teilweise andere Gedanken verficht als in dem
Buche des ›Unpolischen‹, so liegt darin eben nur ein Widerspruch von
Gedanken untereinander, nicht ein solcher des Verfassers gegen sich
selbst. [...] Der republikanische Zuspruch setzt die Linie der
›Betrachtungen‹ genau und ohne Bruch ins Heutige fort, und seine
Gesinnung ist unverwechselt, unverleugnet die jenes Buches: die
deutsche Menschlichkeit.«
Bereits am 4. September 1922 kündigt Mann in einem Brief an Arthur
Schnitzler den Abdruck des Aufsatzes Von Deutscher Republik mit dem
Hinweis an, er ermahne darin die Jugend und das Bürgertum, sich
»endlich vorbehaltlos in den Dienst der Republik und der Humanität zu
stellen«. Als Verfasser der Betrachtungen sehe er den Aufsatz als seine
Schuldigkeit seinem Land gegenüber. Mann schreibt weiter:
»Und was die Verliebtheit in den Gedanken der Humanität betrifft, die
ich seit einiger Zeit bei mir feststelle, so mag sie mit dem Roman
[›Der Zauberberg‹] zusammenhängen, an dem ich schon allzu lange
schreibe, einer Art von Bildungsgeschichte und Wilhelm Meisteriade,
worin ein junger Mensch (vor dem Kriege) durch das Erlebnis der
Krankheit und des Todes zur Idee des Menschen und des Staates geführt
wird.«
Der Wandel der politischen Geisteshaltung Manns nahm in jenem zweiten
großen Roman Der Zauberberg literarische Gestalt an. Im Kapitel
»Schnee« lenkt ein kursiv hervorgehobener Satz den Blick des Lesers auf
sich: »Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine
Herrschaft einräumen über seine Gedanken.« (Hervorhebung im Original)
Diese Forderung – die Absage an romantische Todesgedanken und die
Einräumung des Humanitätsdenkens – demonstriert Thomas Manns veränderte
Weltanschauung. Er selbst bekannte 1940 in On Myself: Dieser Satz im
Zauberberg hätte in keinem seiner vorherigen Bücher stehen können, da
dieser den »Weg hinaus aus einer individuellen Schmerzenswelt in eine
Welt neuer sozialer und menschlicher Moralität« signalisiert (Mann
1990c: 152).
Angesichts des heraufziehenden Faschismus und der zunehmenden
Polarisierung der Literatur ergriff Mann immer häufiger »Partei gegen
Faschismus, für [...] echte Demokratie«. Sein Engagement galt dabei
nicht der Republik im Status quo, sondern einer Republik im
Idealzustand mit immanenter Demokratie im politischen und sozialen
Bereich (Diersen 1975: 196 – 198).
Bereits vier Jahre nach der Verleihung des Nobelpreises begab sich die
Familie Mann 1933 infolge der Machtergreifung der Nationalsozialisten
unter Adolf Hitler ins Exil. Über Stationen in Frankreich und der
Schweiz emigrierten die Manns schließlich in die Vereinigten Staaten
von Amerika. Im Exil unternahm Thomas Mann zahlreiche Aktivitäten, die
sich gegen Hitler, das nationalsozialistische Regime im Deutschen Reich
und den Krieg richteten. Es wurden Schriften wie Vom kommenden Sieg der
Demokratie (1939) illegal in Deutschland verteilt, er veröffentlichte
Bekenntnisse zur sozialen Demokratie in der in Mexiko publizierten
Zeitschrift »Freies Deutschland« (vgl. Abusch 1965: 61 – 73) und hielt
ab Herbst 1940 seine monatlichen Ansprachen »Deutsche Hörer«, die über
den Rundfunk der BBC London gesendet wurden. Außerdem engagierte sich
Mann für europäische Flüchtlinge in zahlreichen Ausschüssen und
Vereinigungen (vgl. Middell 1975: 169).
Der politische Gesinnungswandel Thomas Manns, der sich zwischen seinem
Frühwerk und Spätwerk vollzog, kann als Indiz für eine politisch
motivierte Entscheidung des Nobelkomitees, im Besonderen des
Germanisten Böök verstanden werden. Offen bleibt noch die Frage, welche
persönlichen Motive Bööks Urteil zugrunde lagen.
Bööks persönliche Haltung zu Thomas Manns Schaffen
Toleranz wird zum Verbrechen, wenn sie dem Bösen gilt.
Thomas Mann: Der Zauberberg
Harpprecht weiß in seiner Mann-Biographie zu berichten, Professor
Fredrik Bööks konservative Gesinnung habe ihn während des Ersten
Weltkrieges mit dem Kaiserreich sympathisieren lassen. Auf Einladung
Bööks verfasste Thomas Mann 1915 im Sinne seiner Betrachtungen eines
Unpolitischen, die Böök hoch achtete, einen Brief für die konservative
Zeitung »Svenska Dagbladet«, der die geistige Lage der Menschen in
Deutschland beschrieb. Hierzu passt, so Harpprecht weiter, dass
besagter Professor Böök 1934 Augenzeuge der Bücherverbrennungen in
Berlin gewesen sei, von denen er als einem »weihevollen Autodafé«
berichtete. Mit einiger Zufriedenheit sei er Beobachter der Verbrennung
von Heinrich Manns Büchern gewesen, während die Schonung der von Thomas
Mann verfassten Bücher auf sein Wohlwollen getroffen sei (Harpprecht
1995: 647f.).
Bereits 1918 hatte Böök begonnen, in Zeitungsartikeln für das
Stockholms Dagbladet (SD) die unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg
entstandenen Werke »des guten [konservativen] Thomas und die des bösen
[demokratiefreundlichen] Heinrich« gegeneinander auszuspielen. Den
»unbeirrbar tugendhafte[n] Thomas« lobte Böök bei jeder sich bietenden
Gelegenheit (Schoolfield 1972: 160). So auch bei seinem Angriff gegen
Heinrich Manns Der Untertan. Thomas Mann habe während des Weltkrieges
davor gewarnt,
[...] dass die Entente an der inneren Front, im geistigen Leben, einen
Durchbruchsversuch unternehmen könnte. [...] Was wir erlebt haben, ist
nicht bloß der Zusammenbruch der äußeren Machtstellung Deutschlands,
sondern vielmehr eine moralische Katastrophe (Böök, SD, 23.03.1919).
Heinrich Manns Roman sei eine »Sumpfblüte der Katastrophe« (Böök, SD,
23.03.1919). Sein schriftstellerischer Erfolg sei »aus den Ruinen des
deutschen Staates gekrochen wie Maden aus der Leiche eines gefallenen
Kriegers« (Böök, SD, 04.05.1919). Später begründete Böök die Schwächen
Heinrich Manns mit seiner »Rassenzugehörigkeit« und seinem
»Europäertum« (Böök, SD, 02.02.1920). Dass Thomas Mann derselben Rasse
angehörte, blieb unerwähnt. Die Zitate machen unmissverständlich klar,
auf welcher politischen Seite sich Böök verorten lässt und wie
maßgeblich die nationalistische Ideologie seine Einstellung zur
Literatur bestimmte. Bööks Gesinnung tritt in vier Aufsätzen offen
zutage, die er nach einer Deutschlandreise in dem Buch Hitlers tyskland
maj 1933 im selben Jahr in Schweden, 1934 unter dem Titel Hitlers
Deutschland von außen gesehen in Deutschland veröffentlichte und welche
»das neue System und dessen Führer im günstigsten Licht erscheinen
ließen« (Schoolfield 1972: 174).
»Auf der Seite des Vaterlandes und seiner militärischen Unternehmungen«
wollte Böök auch Thomas Mann wissen. Insofern rief dessen Frühwerk bei
ihm wahre Bewunderung hervor, wogegen Manns Schaffen seit der Rede Von
deutscher Republik auf seine Ablehnung stieß (Schoolfield 1972: 158).
Am 25. August 1925 erschien ein wenig freundlicher Essay des
schwedischen Germanisten über Thomas Manns Zauberberg, den Schoolfield
(1972: 165) auf die Enttäuschung Bööks »über Manns politische und
künstlerische Entwicklung« zurückführt. Der Zauberberg erinnere ihn
»mehr an ein anatomisches Präparat als an ein Kunstwerk«, bei dem »die
Geduld des Lesers auf eine harte Probe gestellt« werde (Böök, SD,
25.08.1925). Aufgrund seiner Ausnahmestellung als »Schwedens
einflussreichster Kritiker« (Schoolfield 1972: 158) hatte Böök die
entscheidende Stimme im Nobelkomitee und setzte dort die Lesart des
konservativen politischen Lager durch. Kritische Stimmen aus demselben
Lager wurden in Deutschland im Nachgang der Bekanntgabe des
Nobelpreisträgers und der Preisverleihung laut.
Wirkung der Preisverleihung im soziokulturellen und politischen Kontext
Die deutsche Presse bedachte Thomas Mann für die Preisverleihung in
Stockholm sowohl mit Lobeshymnen als auch mit einigen abwertenden Töne
vor allem der großen konservativen Berliner Zeitungen. Diese stellten
nicht nur den »hohe[n] literarische[n] Wert« seines Werkes in Frage,
sondern zugleich das »ganze Gerüst seines politischen Denkens«
(Strömberg [ca. 1989]: 12). So schrieb der Berliner Lokalanzeiger 1929:
»Der Thomas Mann, der während des Krieges noch Friedrich den Großen in
alle Himmel hob, ist nun der Herold der Demokratie geworden, als diese
zur Staatsform des neuen Deutschland geworden war« (zit. n. Strömberg
[ca. 1989]: 12).
Die Reaktionen in der Presse spiegelten die politische Ausrichtung des
jeweiligen Blattes. Aus dem politisch mit Mann sympathisierenden Lager
der demokratischen Zeitungen erklang Lob und Begeisterung für den
deutschen Laureaten. Die konservativen Medien brachten verhaltene
Reaktionen bis hin zu Verachtung und Unverständnis über die
Preisverleihung an Thomas Mann zum Ausdruck.
Heinrich Mann würdigte seinen Bruder in einer Ansprache im »Berliner
Rundfunk« am 12. November 1929, die tags darauf im »Berliner Tageblatt«
abgedruckt wurde. Der jugendliche Autor der Buddenbrooks, erklärt
Heinrich Mann, sei ein »alleinstehender, innerlich noch nicht
gefestigter junger Mensch«, der mit dem Heranwachsen »an sich und
seiner Vervollkommnung« arbeitete. Die Entwicklung zum Sprecher der
Nation beschreibt der inzwischen wieder mit seinem Bruder Thomas
vereinte Heinrich Mann wie folgt:
»›Buddenbrooks‹ zeigten erst das heimatliche Bürgerhaus, sein Glück,
seine Gefahren. ›Die Betrachtungen eines Unpolitischen‹ entstanden
schon aus den mitgefühlten Gefahren und dem miterlebten Glück der
ganzen Nation in ihren schwersten Tagen. Ein deutsches Lehrbuch der
persönlichen Entwicklung aber ist der Roman ›Der Zauberberg‹. Er vor
allem kennzeichnet einen langen, verantwortungsvollen Weg, den Weg
Thomas Manns vom Bürgersohn, der Erinnerungen an ein Haus in Lübeck
schrieb, bis zum Meister, der für sein Volk spricht.«
Späte Würdigung des Zauberbergs
Im Jahre 1948 wurde Thomas Mann von zwei Mitgliedern der Schwedischen
Akademie, Hjalmar Gullberg und Einar Löfstedt, erneut als Laureat des
Nobelpreises »für sein bedeutendes Spätwerk« vorgeschlagen (Strömberg
[ca. 1989]: 15). Es folgten heftige Diskussionen darüber, ob es mit dem
Testament des Stifters vereinbar sei, die gleiche Person zweimal mit
demselben Nobelpreis auszuzeichnen, was schließlich verneint wurde.
Eine besondere Würdigung wurde dem Zauberberg dennoch im Jahre 1950 in
einem Gedenkwerk zum fünfzigjährigen Jubiläum der Nobelstiftung durch
Anders Österling zuteil:
»Der Wert dieses enzyklopädischen Romans ist mit der Patina der Jahre
nur gewachsen; auf seine Weise steht er dem Jugendroman [...]
zweifellos nicht nach. Doch hat sich das Feld geweitet, und heute fehlt
es nicht an Vergleichselementen. Thomas Mann ist einer der seltenen
Nobelpreisträger, die auch nach der Verleihung des Preises noch eine
ganze Reihe weiterer Werke hervorbrachten; manche hatte er im Exil oder
unter Umständen geschrieben, die ihm ein Höchstmaß an
Selbstbeherrschung, [...] eine fast übermenschliche Widerstandskraft
abgefordert haben.«
Literatur
Primärliteratur
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Heinrich Manns »Untertan«. (Stockholms Dagbladet, 23.03.1919). In:
Essayer och kritiker 1919 - 1920. Stockholm: o. V., S. 126 - 127.
Böök, Fredrik (1921): II: Heinrich Manns Antecedenta. (Stockholms
Dagbladet, 04.05.1919). In: Essayer och kritiker 1919 - 1920.
Stockholm: o. V., S. 136.
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Buddenbrookshaus. Originalbrief im Thomas-Mann-Archiv der ETH Zürich.
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