Die
Hauptstadtfrage in der deutschen Geschichte
Peter
Brandt
(Vortrag
bei der Eröffnung des Regionalzentrums Berlin der FernUniversität
am 18. September 2009)Den
meisten der Anwesenden wird in Erinnerung sein, wie heftig und
teilweise erbittert 1991 die Debatte um die künftige Hauptstadt des
neu vereinigten Deutschland geführt wurde: zuerst in der
Publizistik, dann im Parlament. Streng genommen ging es gar nicht um
die Frage der Hauptstadt; als solche war Berlin nämlich schon im
Einigungsvertrag benannt worden. Hauptstadt und Regierungssitz sind
in der Regel, aber nicht zwingend identisch. So ist Den Haag seit
rund 200 Jahren Sitz der zentralen politischen Institutionen der
Niederlande, wird aber nicht als Hauptstadt angesehen. Diesen Titel
hat man der alten Wirtschafts- und Kulturmetropole Amsterdam
vorbehalten, die in politischer Hinsicht ohne jede konkrete Funktion
ist.
So
einfach konnte es sich der Bundestag bei der Entscheidung zwischen
Bonn und Berlin, worauf sich die Diskussion schnell zuspitzte, nicht
machen, existierte doch ein Beschluss des ersten Bundestags vom 3.
November 1949, wenige Monate nach der Gründung des neuen Staates auf
dem Territorium der drei westlichen Besatzungszonen, dem zufolge sich
das Parlament in Berlin versammeln würde, sobald freie Wahlen in
ganz Berlin und im östlichen Teil Deutschlands möglich seien.
Bekanntlich
hat man bis heute keinen vollständigen Umzug der Ministerien von
Bonn nach Berlin vorgenommen, und ich will hier auch keine
Vermutungen darüber anstellen, ob sich in den nächsten Jahren der
Sog in diese Richtung verstärken wird. Der Bundestagsbeschluss vom
20. Juni 1991 war insofern eindeutig, als die Verlagerung des
politischen Entscheidungszentrums vom Rhein an die Spree nun nicht
mehr zur Disposition stand.
Die
vorangegangene Parlamentsdebatte zeigte, wie stark der symbolische
Gehalt dessen war, worüber man stritt – neben und vielleicht noch
vor den sachlichen Erwägungen auf beiden Seiten, die ja übrigens
parteipolitisch gemischt operierten, mit Ausnahme der PDS, ohne die
der Antrag zugunsten Berlins keine Mehrheit gefunden hätte. Auf der
symbolischen Ebene ging es, etwas vereinfacht gesagt, darum, ob man
die neue, gesamtdeutsche Bundesrepublik als Fortsetzung der alten
Bonner Republik ohne Wenn und Aber, die Vereinigung als deren
schlichte Erweiterung nach Osten verstehen wollte oder ob man trotz
staatsrechtlicher Kontinuität des ursprünglich westdeutschen
Gemeinwesens einen stärkeren Akzent auf die seit 1990 neue Qualität
des deutschen Staates legen wollte.
So
etwas wie Hauptstädte als Sitze der Herrschaft und der
Zentralverwaltung gab es schon in den Reichsbildungen der frühen
Hochkulturen, ob wir an Ägypten, Mesopotamien, China oder auch an
Südamerika denken. Mit dem Übergang vom nomadischen zum sesshaften
Dasein, der durch die steigende Produktivität der Agrarwirtschaft
ermöglichten Stadt-Land-Differenzierung und beruflichen
Arbeitsteilung war die Grundlage dafür geschaffen worden. Für die
Stadtstaaten der griechischen Poleis stellt sich die Hauptstadt-Frage
nicht, ebenso wenig für das antike Rom, wo ein Stadtstaat nach und
nach zum Weltreich expandierte.
In
Europa entwickelte sich das avancierte Städtewesen des Römischen
Reiches in den katastrophischen Umwälzungen der zweiten Hälfte des
ersten nachchristlichen Jahrtausends bis auf vergleichsweise
unbedeutende Reste zurück, bevor eine neue Welle von
Städtegründungen und städtischer Blüte – als Teil eines
allgemeinen ökonomisch-gesellschaftlichen Aufstiegs einsetzte, in
Deutschland etwa um 1100. Hauptstädte im heutigen Verständnis sind
ein Produkt dessen, was die Historiker Frühe Neuzeit nennen, etwa
1500 bis 1800, als der moderne, souveräne Staat entstand,
überwiegend in der Form der absoluten Monarchie. Gerade die
Ausdifferenzierung der Lebenssphären schuf verstärkt das Bedürfnis,
sie politisch zu reintegrieren.
Das
feudale Königtum des Mittelalters, auf der Basis einer wenig
integrierten, politisch uneinheitlichen und locker verfassten
Gesellschaft, gebunden an die persönliche Repräsentation der
Herrschaft, hatte als Reisekönigtum funktioniert. Diese ambulante
Ausübung des Amtes war damals schon aus praktischen Gründen
unvermeidlich, um für den Herrscher und sein Gefolge den Unterhalt
zu sichern. Selbst für Paris, bis heute die Hauptstadt par
exéllance, mit seiner rund anderthalb Jahrtausende zurück zu
verfolgenden Rolle, gilt: Es stellte zwar die bevorzugte, nicht aber
die alleinige Residenz dar. Dennoch ist augenfällig, dass speziell
mit Paris und London ein schon ganz früh herausragender
Hauptstadttyp Gestalt annahm, der beispielgebend wirkte, wo
Bevölkerungskonzentration, politisch-administrative, wirtschaftliche
und kulturelle Funktionszuweisungen zusammenwirkten. ›Natürliche‹
Hauptstädte gibt es nämlich nicht. Stets liegen politische
Entscheidungen zugrunde.
Im
französischen und britischen Fall hängt die frühe Entwicklung der
wichtigsten Städte zu Hauptstädten mit dem planmäßigen Ausbau des
unmittelbaren königlichen Machtbereichs seit der ersten
nachchristlichen Jahrtausendwende zusammen, während im deutschen
Fall die königliche bzw. kaiserliche Machtstellung schon seit dem
Hochmittelalter erodierte und die Herausbildung des modernen
souveränen Staates in den größeren Einzelfürstentümern, also
gegen das Reich erfolgte. Die in der Epoche des Absolutismus als
künstliche Planstädte gegründeten territorialstaatlichen
Residenzen wie Hanau oder Erlangen, Ludwigsburg, Mannheim oder
Karlsruhe zeugen ebenso von diesem Vorgang wie generell die
Formierung jenes für Deutschland bis heute charakteristischen
mehrpoligen Städtesystems mit – zumindest – München, Hamburg,
Köln, Frankfurt, Stuttgart, Düsseldorf und Leipzig als
Submetropolen.
Ähnlichkeit
mit den erwähnten absolutistischen Neugründungen von Hauptstädten
(die es in großer Zahl auch außerhalb Deutschlands gab, denken Sie
nur an Sankt Petersburg) hat der Ausbau kleiner Siedlungen teilweise
dörflichen Zuschnitts zu neuen Hauptstädten bei revolutionären
Umwälzungen mit Schaffung neuer Staatswesen, so in den USA
(Washington D.C. anstelle von Philadelphia) und vielen seiner
Einzelstaaten sowie – mehr als ein Jahrhundert danach – in der
Türkischen Republik (Ankara anstelle von Istanbul, dem früheren
Byzanz bzw. Konstantinopel als Zentrum des Oströmischen, dann des
Osmanischen Reiches). Zahlreiche andere, auch kuriose Beispiele
ließen sich ergänzend anführen. Wir wollen jetzt aber konkreter
als bisher die deutsche Hauptstadtproblematik in den Blick nehmen.
Das
seit dem 15. Jahrhundert vermehrt so genannte Heilige Römische Reich
Deutscher Nation, ein lehnsrechtlich-genossenschaftlicher Verband mit
einem tradierten, religiös konnotierten Universalreichsanspruch,
schon lange vor seiner Auflösung unter dem Einfluss von Napoleon
1806 ein Anachronismus (Voltaire spottete, es sei weder heilig, noch
römisch, noch reich), dieses Gebilde konnte keine Hauptstadt
hervorbringen, weil es sich nicht zum modernen Staat weiter
entwickelte, vielmehr letztlich den gegen das Reich mehr und mehr
Eigenstaatlichkeit gewinnenden deutschen Territorialfürstentümern
erlag. Dem Selbstverständnis nach wäre die Hauptstadt des alten
Reiches Rom gewesen, das aber seit Jahrhunderten außerhalb des
Einflussbereichs der sog. Römischen Kaiser deutscher Nationalität
lag.
Die
Regierungs- und – allgemeiner – Hauptstadtfunktionen blieben
indessen verteilt: In Wien residierte der Kaiser, seit die Krone an
die Habsburger übergegangen war, ergänzt um weitere
Regierungsämter, während der Reichserzkanzler und die höchsten
geistlichen Würdenträger in Mainz saßen. In Regensburg tagte seit
1663 der Immerwährende Reichstag, die Vertretung der, vor allem
hochadligen, Reichsstände, in Wetzlar das Reichskammergericht.
Schließlich verdienen Nürnberg, wo die Reichskleinodien, darunter
Krone, Reichskreuz und Reichsapfel, Krönungsmantel und Heilige
Lanze, aufbewahrt wurden, und nicht zuletzt Frankfurt, wo der Kaiser
gekürt und gekrönt wurde, Erwähnung.
Alle
diese Orte, die die Einheit des Alten Reiches zum Ausdruck brachten,
tauchten später wieder auf, wenn die Deutschen ein Hauptstadt
suchten, zuletzt 1990/91, als etwa die ›Bayernpartei‹ allen
Ernstes Regensburg vorschlug. Frankfurt, Freie, also
kaiserunmittelbare Reichsstadt seit 1372, wurde 1815, nach der
Konstituierung des Deutschen Bundes Sitz des Bundestags. Dieser
Zusammenschluss war ein Staatenbund, eine Nachfolgeorganisation des
Alten Reiches, kein Bundesstaat, sowie der damalige Bundestag kein
Parlament, sondern die Versammlung der Gesandten der fast
uneingeschränkt souveränen Mitgliedsstaaten war.
In
der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in einer Phase rapiden
sozialen und mentalen Wandels, ergriff die Forderung nach »Einheit
und Freiheit«, nach dem gesamtdeutschen Verfassungsstaat, anfangs
nur von Intellektuellen-Zirkeln verfochten, immer weitere
Volksschichten, und als 1848 im Zuge der Märzrevolution eine
Deutsche Nationalversammlung gewählt wurde, trat sie in der
Frankfurter Paulskirche zusammen. Da auch der sog. Reichsverweser und
die neue Reichsregierung in Frankfurt amtierten, lässt sich hier
erstmals von einer deutschen Hauptstadt sprechen. Das hoffnungsvoll
begrüßte Paulskirchenparlament und die von diesem erarbeitete
fortschrittliche Verfassung scheiterten bekanntlich schon in den
Folgejahren an den Machtverhältnissen in den Einzelstaaten. Ein
Jahrhundert später, 1949, sollte die Mainmetropole noch einmal ins
Spiel kommen, als eine große Minderheit des Bundestags, vor allem
aus der Sozialdemokratie, verhindern wollte, dass Regierung und
Parlament des neu gebildeten trizonalen Staatsfragments ihre Arbeit
links des Rheins fortführen.
Die
moderne Nation, verstanden als gesellschaftlicher
Kommunikationszusammenhang und Bewusstseinsgemeinschaft, entwickelte
sich also, wie schon deutlich geworden sein dürfte, in Deutschland
nicht im Rahmen eines schon existierenden staatlichen Gehäuses, wie
es etwa in Frankreich der Fall war, sondern seit der Mitte des 18.
Jahrhunderts zunächst als ›Kulturnation‹ der kleinen Schicht
Gebildeter aus dem Bürgertum und dem sich sozial und mental
öffnenden Teil des Adels. Bevor sich die bildungsbürgerliche
Kulturnation im Widerspruch gegen die napoleonische Fremdherrschaft
zu politisieren begann, fand sie in Weimar, der kleinen Residenz
eines kleinen thüringischen Herzogtums mit damals wenigen tausend
Einwohnern, ihr geistiges Zentrum. Es waren ja nicht nur Goethe und
Schiller, Wieland und Herder, die Weimar für Jahrzehnte zu einer
Hauptstadt des Geistes im politisch zersplitterten Deutschland
machten.
Die
Erinnerung an diese geistige Blütezeit in einer Periode politischer
Ohnmacht an eine unzweifelhaft humane Tradition veranlasste nach der
Niederlage des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg und dem
revolutionären Wechsel vom monarchischen Konstitutionalismus zur
parlamentarisch-demokratischen Republik die neu gewählten
Abgeordneten der verfassungsgebenden Nationalversammlung, in Weimar
zu tagen, als in Berlin bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen
tobten, und dort die danach benannte Verfassung auszuarbeiten, die,
nebenbei gesagt, besser war als ihr Ruf. Nicht daran scheiterte die
Weimarer Republik. Obwohl es in Süddeutschland 1918/19 Bestrebungen
in diese Richtung gab, wurde jedoch die Verlegung der
Reichshauptstadt aus Berlin heraus kein wirkliches Thema.
Damit
sind wir endlich bei Berlin. Eine gesamtdeutsche Hauptstadt Berlin,
wir sahen es, lag noch Mitte des 19. Jahrhunderts keineswegs nahe,
auch gerade deswegen, weil die Stadt an der Spree als Hauptstadt des
neben Österreich größten deutschen Einzelstaats fungierte. Berlin
wurde 1871 deswegen zur deutschen Hauptstadt, weil der lange
erstrebte und von der liberal-nationalen Bewegung des Bürgertums
vorbereitete Nationalstaat faktisch erst auf kriegerischem Weg unter
preußischer Hegemonie und unter Ausschluss Österreichs zustande
kam. Der König von Preußen war jetzt im Hauptberuf Deutscher
Kaiser, der preußische Ministerpräsident (jedenfalls in der Regel)
zugleich Reichskanzler. Preußische und Reichsverwaltung waren eng
miteinander verzahnt, wobei übrigens die obere Reichsebene im Lauf
der Zeit an Selbstständigkeit und Gewicht gewann. Entsprechendes
galt für den Einfluss des Reichstags, der Volksvertretung.
Die
herausgehobene Rolle Berlins innerhalb Brandenburgs bzw. Preußens
geht übrigens darauf zurück, dass sich die stolzen Bewohner der
Stadt Mitte des 15. Jahrhunderts im »Berliner Unwillen« offen gegen
Kurfürst Friedrich II., genannt »Eisenzahn«, er war der zweite
Herrscher aus dem Geschlecht der Hohenzollern, empörten. Friedrich
Eisenzahn wollte die städtische Autonomie brechen und setzte sich
damit schließlich auch durch. Paradoxerweise wurde just der Bau der
Burg, des später erweiterten, 1950 gesprengten und jetzt zum
Wiederaufbau anstehenden Stadtschlosses, als Demonstration des Sieges
über die aufsässigen Berliner und zwecks ihrer wirksameren
Niederhaltung, zum Ausgangspunkt der dauerhaften Residenz der
Hohenzollern und damit der preußischen, dann auch der deutschen
Hauptstadt.
Immerhin
wuchs Berlin nach 1871 schnell in seine neue Rolle hinein. Eine der
wenigen wirklich gesamtdeutschen Universitäten war schon seit Beginn
des 19. Jahrhunderts im Zuge der Humboldtschen Neugründung hier
beheimatet. Eine gezielte staatliche Förderung ließ Berlin auch
international zu einem der wichtigsten Wissenschaftsstandorte werden.
Auch wenn Leipzig Vorort des Verlagswesens blieb, zogen die Zeitungs-
und Zeitschriftenredaktionen von Westen und Süden an die Spree. An
die Transportwege, vor allem die Eisenbahnlinien, optimal angebunden,
expandierte Berlin wie keine andere deutsche Stadt auch hinsichtlich
des Bevölkerungswachstums (Verdoppelung auf fast 2 Millionen
zwischen 1880 und 1900) und wirtschaftlich, namentlich im Finanzwesen
und in der Elektro- und Maschinenbauindustrie, ohne allerdings jemals
das Niveau von London oder Paris zu erreichen, wohl auch nicht
kulturell, allenfalls in den wenigen Jahren der ›Goldenen
Zwanziger‹. Als Ergebnis der früheren Vielstaaterei und der
föderalen Tradition musste Berlin eben weiter gegen andere deutsche
Hauptstädte konkurrieren, so dass es in den einzelnen Bereichen
unterschiedliche Ausprägungen der Zentralität von Berlin gab und
gibt.
Die
Abneigung der deutschen Provinz, auch aus der Bildungsschicht, gegen
Berlin während des Kaiserreichs und der Weimarer Republik speiste
sich aus unterschiedlichen Quellen: antiborussische Ressentiments
mischten sich mit rückwärtsgewandter, romantisierender Verklärung
des sog. altdeutschen Städtewesens, etwa in Gestalt Nürnbergs, der
»deutschesten aller deutschen Städte«, während Berlin typisch
schien für die schnell emporgekommenen, molochartigen Großstädte
der Moderne und ihrer Massen- oder (wie man sagte) ›Asphaltkultur‹.
Dazu passte, aus der Sicht konservativer, zivilisationskritischer
Beobachter, dass die Metropole Berlin ein freigeistiges Bürgertum
mit hohem jüdischem Anteil und eine politisch mobilisierbare
Arbeiterschaft beheimatete. (Gewaltige Mehrheiten bei Wahlen für die
Sozialdemokratie im späten Kaiserreich, sie war damals ja eine
fundamental-oppositionelle Partei, und Stimmenanteile von bis zu
einem Drittel und mehr für die KPD in der Weimarer Republik zeugen
davon.)
Bei
den phantastischen Plänen Adolf Hitlers und seines Hofarchitekten
Albert Speer, die Berlin nach dem ›Endsieg‹ zu einer nie
gesehenen, gigantischen Welthauptstadt ›Germania‹ ausbauen
wollten, sollte mit dem alten Namen auch die Erinnerung an das ›rote
Berlin‹ und allem, was damit assoziiert wurde, getilgt werden. Auch
wenn es weder vor noch nach 1933 eine besondere Hinneigung der
Einwohner Berlins zur NSDAP und zum ›Dritten Reich‹ gab (eher im
Gegenteil), konnte es nicht verwundern, dass bei Ende des Zweiten
Weltkriegs die Stadt als Machtzentrale des NS-Regimes im Ausland,
aber auch in weiten Teilen Deutschlands negative Assoziationen
weckte. 1990/91 hat man ja seitens mancher Bonn-Befürworter
versucht, einiges von dem neu zu beleben.
Konrad
Adenauer, die führende Gestalt der neu gegründeten bürgerlichen
Sammlungspartei CDU in Westdeutschland, hatte im Frühjahr 1946 in
der Auseinandersetzung mit Jakob Kaiser, dem Vormann der CDU in
Berlin und der Sowjetzone, darauf bestanden, es sei nach der
Wiederaufrichtung eines deutschen Staates für den Süden und den
Westen Deutschlands unzumutbar, die politische Zentrale wieder nach
Berlin zu verlegen, und zwar unabhängig von den
Besatzungsverhältnissen. Adenauer selbst hatte jedes Mal, wenn er
vor 1933 in seiner Eigenschaft als Mitglied des preußischen
Staatsrats im Eisenbahnzug nach Berlin gefahren sei, bei Magdeburg
die Jalousien herunter gelassen. »Damit ich diese asiatische Steppe
nicht sehen musste«.* Er war beileibe nicht der Einzige, der die
Hauptstadt Berlin am liebsten endgültig losgeworden wäre.
Dass
es dazu nicht kam, war letztlich ein Resultat des Ost-West-Konflikts.
Für die Sowjetunion und die hinter ihr stehenden (oder in der
Absicht, über Neutralitäts- bzw. Brückenkonzepte die nationale
Einheit zu bewahren, balancierenden) Kräfte, wie der erwähnte Jakob
Kaiser, war es selbstverständlich, den Wiederbeginn des politischen
Lebens in Berlin (der inmitten der Ostzone gelegenen
Vier-Sektoren-Stadt und Sitz des Alliierten Kontrollrats für ganz
Deutschland) zu konzentrieren. Als die staatliche Teilung
Deutschlands vollzogen wurde – aufgrund wechselseitiger Aktionen
und Reaktionen aller Siegermächte, nicht aufgrund eines gemeinsamen
Beschlusses, sonst wäre die komplizierte Konstruktion für Berlin
völlig unsinnig gewesen –, nahm die Regierung der DDR trotz
Viermächtestatus ihren Sitz im Ostteil Berlins, das damals noch
schlicht als ›deutsche Hauptstadt‹ firmierte. Wie die der
Bundesrepublik zielte die erste Verfassung der DDR von 1949 noch auf
ganz Deutschland, und beide seit Ende 1948 getrennten Berliner
Stadtverwaltungen beanspruchten die Zuständigkeit für ganz Berlin.
Vorausgegangen
war der, an der legendären Luftbrücke und dem Behauptungswillen der
Berliner schließlich gescheiterte Versuch der Sowjetunion, durch die
Blockade der Zugangswege West-Berlins zu Lande und zu Wasser die
Alliierten zur Aufgabe ihrer bundesdeutschen Weststaatspläne oder
zum Abzug aus Berlin zu zwingen. Damit wurde Berlin in den Westzonen
bzw. der Bundesrepublik auf neue Weise zum nationalen Symbol, und es
schien nunmehr undenkbar, den Anspruch der Stadt, die Hauptstadt
Deutschlands zu sein, grundsätzlich zu bestreiten.
Diese
Situation hielt unverändert an, solange Berlin einer der Brennpunkte
des Kalten Krieges blieb, etwa bis Mitte der 1960er Jahre. Mit der
›Politik der kleinen Schritte‹, den Passierscheinabkommen der
Jahre ab 1963, die die Folgen des Mauerbaus abmilderten, machte die
Senatsregierung Berlin zum Experimentierfeld der Entspannungspolitik.
Diese trug in der Folgezeit objektiv dazu bei, Voraussetzungen für
die deutsche Einigung zu schaffen, auch wenn die Mehrheit,
einschließlich der politischen Führungsschicht, das mehr und mehr
für (in absehbarer Zeit) unerreichbar hielt. Die Weiterexistenz der
Absurdität West-Berlin mit seinem Zwitterstatus über die Jahrzehnte
hinweg hielt die deutsche Frage auch insofern offen, als sie eine
starre Konfrontation beider Teilstaaten und Machtblöcke analog der
Situation in Korea verhinderte. Immer wieder mussten praktische
Verabredungen getroffen werden, selbst in den Zeiten des Kältesten
Krieges, und es lag gewissermaßen auf der Hand, dass eine echte,
langfristige Perspektive der Halbstadt außerhalb irgendeiner Art von
gemeindeutscher Perspektive nicht existierte. Es ist daher nicht
verwunderlich, dass deutschlandpolitische Anstöße in der Zeit der
Zweistaatlichkeit immer wieder gerade von Berlin ausgegangen sind.
Ein
Weiteres und Letztes: Wenn wir uns an Adenauers Abneigung gegen
Berlin erinnern, drängt sich die Überlegung auf, dass er mit seinem
nachdrücklichen Votum für Bonn als Regierungssitz im Jahr 1949,
wobei er auch den Erwartungen der Alliierten, namentlich der Briten,
entsprach, gegen seine Absicht selbst dazu beitrug, die Übertragung
der politischen Hauptstadtfunktionen an Berlin bei Wiederherstellung
der staatlichen Einheit offen zu halten. Man darf zweifeln, ob
Frankfurt tatsächlich ein Provisorium geblieben wäre, als solches
konnte man das kleine Bonn – nach den Worten des Publizisten
Johannes Gross ein »kapitales Minimum« – trotz sukzessiver
Verbesserung der dortigen Infrastruktur bis zum Schluss ansehen, wenn
man wollte. Und trotzdem war die Mehrheit für Berlin im Juni 1991
denkbar knapp.
Berlin
zeigt heute wesentliche, typische Merkmale einer Hauptstadt. Es ist
nicht nur die einwohnerstärkste Stadt unseres Landes, sondern auch
eine europäische Kulturmetropole und ein Attraktionspol für
ausländische wie inländische Gäste. Ich wollte Ihnen heute Abend
verdeutlichen, dass diese Situation nichts Natürliches oder in
irgendeiner Weise Zwangsläufiges ist. Seitdem Berlin überhaupt in
Betracht kam, standen bei jeder staatlichen Umwälzung oder
Neugestaltung immer wieder Alternativen bereit, von denen die Bonner
in den Jahren 1990/91 nur die letzte war.
*
Reiner Pommerin, Von Berlin nach Bonn. Die Alliierten, die Deutschen
und die Hauptstadtfrage nach 1945, Köln/Wien 1989, S. 47; Hans-Peter
Schwarz, Vom Reich zur Bundesrepublik. Deutschland im Widerstreit der
außenpolitischen Konzeption in den Jahren der Besatzungsherrschaft
1945-1949, 2. erw. Aufl. Stuttgart 1980, S. 433.
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