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Meister
des Ungesehenen
Steffen
Dietzsch/Renate Solbach (Hg.): Paul Mersmann – Diffusion der
Moderne. Heidelberg (Manutius) 2008, 207 Seiten
von
Herbert Zeh
Wer
sich heute dem Werk des Malers Paul Mersmann nähert, sieht sich auf
zwei Werkphasen verwiesen: eine erste um 1960, in der die
surrealistische Herkunft und die Schule des Sehens, die für den
Künstler die italienischen Manieristen bedeuteten, sich zu Bildern
von großer Kraft und psychischer Eindringlichkeit verbinden, und
eine zweite in den Achtzigern, die vor allem in den ersten Jahren des
Jahrzehnts Meisterwerke hervorbringt, deren physische und
intellektuelle Leuchtkraft auch heute ungebrochen wirkt. Ein etwas
anderes Bild ergibt sich, sobald man den Zeichner und Graphiker ins
Auge fasst. Diese Seite wirkt weniger ausgeglichen, man erlebt
stärker den Experimentator, der über Jahrzehnte abrupt seine
Darstellungsformen zu wechseln vermag, bis, beginnend in den späten
Achtzigern und in die gegenwärtige Produktion hinein, die
A.B.C.-Bücher und die Bibelillustrationen (die weniger
Illustrationen als apokryphe Blätter genannt zu werden verdienen)
einen ausgreifenden und homogenen Artikulationsraum aufspannen.
Dieser so eigenständige und tiefsinnige, stets zu abgründigen
Scherzen neigende Künstler steht für eine Nachkriegsrichtung der
Kunst, der man weder mit den Begriffen einer forcierten Moderne noch
mit denen des obligaten Realismus gerecht wird.
Der
aus Berlin stammende, zunächst in Münster, später in Wiesbaden
lebende Sohn eines Bildhauers hat die Situation der Kunst, wie sie
sich für ihn darstellt, in einer Reihe von Überlegungen
konkretisiert. In ihrem Zentrum steht der eigenständige Zugang der
Kunst zur Wirklichkeit, also das, was die Ästhetik lange als
›Autonomie‹ der Kunst verstand, ehe dieser Ausdruck dem
willentlichen und unwillentlichen Missverständnis verfiel. »Es
dämmert jedem Beobachter, der sich die Schranken der Zeit offen
gehalten hat, dass die Kulturen von einst mit Göttern und Tempeln
den endlichen Ausgang und Untergang der Menschen viel welterfahrener
und realistischer aufzuhalten gewusst haben als die neuen,
hochentwickelten Sammler und Jäger des wissenschaftlichen
Naturalismus.« (Diffusion, S. 195) Diese Kulturen bedienten sich der
Kunst nicht als Darstellungs- oder ›Ausdrucks‹-Mittel, sondern
als Palliativ: als Gegen-Darstellung zu dem, was man ohne sie weiß
oder zu wissen glaubt. Als Schmerzmittel, das die Aufmerksamkeit auf
ein Draußen ebenso zu fesseln vermag wie das Denken, operiert die
Kunst, streng genommen, jenseits der Zweck-Mittel-Relation: in ihr
wird der Mensch zum Selbstzweck, zu dem, was sich in seinen Momenten
realisiert.
Mersmanns
Kritik an der technischen Überblendung der Kunstwahrnehmung durch
Fotografie und Film darf nicht mit Technik- oder Medienfeindlichkeit
verwechselt werden. Die tödliche Gefahr, in die sich Kunst durch
Überanpassung begibt, ist oft benannt und analysiert worden.
Mersmann misstraut der Beglaubigungskraft der Bilder in
Zusammenhängen, in denen Fakten zählen, und befindet sich damit auf
einer Linie mit dem 23 Jahre älteren Nelson Goodman, der mit der
1969 erschienenen Schrift Languages of Art einen kanonischen
Text der neueren Kunsttheorie schuf, aber auch der Flut
medienkritischer Analysen, die seither die wissenschaftliche
Literatur bevölkern. Dass seine Bilder lange Zeit vom
zeitgenössischen Kunstpublikum nicht gesehen wurden, liegt,
abgesehen von der verborgenen Existenz in Privatsammlungen bzw. an
privaten Orten, vor allem daran, dass er seit den Sechziger Jahren in
eine starre deutsche Kunstszene hinein produzierte, die in anderen
Fragestellungen unterwegs war und von einem autonomen Weltverhältnis
der Kunst so wenig wie selten zuvor (und danach) etwas wissen wollte.
Jedenfalls ließe dieser Aspekt sich von den Beiträgen des
vorliegenden Bandes her in dieser Weise verstehen. Insbesondere der
einführende Aufsatz von Ulrich Schödlbauer (Diffusion der
Moderne. Paul Mersmann und die Kunst) versucht aus einer
geduldigen Analyse der Nachkriegssituation Verstehensparameter für
das Mersmannsche Œuvre zu gewinnen. Dieser Aufsatz enthält
vielleicht das Grundsätzlichste, das bisher zu Mersmann publiziert
wurde. Wenn es einen traumatischen Aspekt der Nachkriegskunst gibt,
so wird er hier in vorsichtigen Überlegungen erkundet.
Unter
den Malern der klassischen Moderne ist de Chirico so etwas wie der
ästhetische Ziehvater Mersmanns geworden. Dies gilt insbesondere für
den gerade im Pariser Grand Palais gezeigten ›späten‹ (in
Wahrheit den größeren Teil seines Lebens umfassenden) Maler, dem
der Kunsthistoriker Paolo Baldacci die Erfindung einer ›anderen
Moderne‹ bescheinigt – einer Moderne, die den radikalen Bruch mit
der Tradition ebenso verneint wie die Idee einer ortungsfreien
Weltkunst, in der alle dieselben Tafeln hochhalten, um sich darin
wieder zu finden. Das komplizierte und keineswegs spannungsfreie
Verhältnis Mersmanns zu de Chirico liegt in den Beiträgen des
Herausgebers Steffen Dietzsch und Reinhard Düßels auf mehr oder
minder direkte (und indirekte) Weise zutage: bei Dietzsch (Mersmann
in den Reichstag!) in der Betonung der klassisch-surrealistischen
Linie, die sich auf Lautréamont zurückführen lässt, bei Düßel
in der raffinierten philosophischen ›Lektüre‹ eines
Mersmannschen Hauptwerkes, Zirkus (1986, Wandgemälde im
Wiesbadener Pariser Hoftheater). Was Düßel zeigt, ist die
Zeitverwobenheit dieses Gemäldes bis ins letzte motivische Detail
hinein (Einbrechendes Hoffnungsbild. Gedanken zu Paul Mersmanns
Zirkus).
Düßel
analysiert eine Figur, die in Mersmanns Arbeiten ebenso
allgegenwärtig ist wie in seinen theoretischen Überlegungen. Diese
Figur ist die ins Hoffnungsbild übersetzte Zukunft. Eine wesentlich
futurisch ausgerichtete Zivilisation erkennt im Futur ihre
Achillesferse. Was die Ökologiebewegung aufdeckend verdeckt, ist
eine conditio sine qua non der Kunst: die radikale
(menschliche) Offenheit aller Zukunft, die nichts Gutes (und per se
auch nichts Böses) bedeutet. Diese Offenheit treibt den Künstler in
den A.B.C.-Büchern zu einer ironischen Reihenbildung, in denen alles
mit allem korrespondiert – Vorbedingung der Schrift und einer
Kunst, die sie in sich aufnimmt, statt sie an den Rand oder ins
Jenseits der Titel und Beschreibungstexte zu verweisen: »Dichter und
lettristische Künstler erkunden die Korrespondenzen zwischen den
Formen der Buchstaben und denen der Erscheinungswelt – oft unter
Hinweis auf die ursprüngliche Bildlichkeit aller Lettern.« (Monika
Schmitz-Emans, Paul Mersmanns ABC-Bücher, S.
95) In den Zeichnungen zum Buch Ruth tritt neben die
›alchimistische‹ Ironie die vorsichtige Inszenierung des
›glücklichen Augenblicks‹: ein ergreifender Moment innerhalb
dieses Werkes, von der Herausgeberin Renate Solbach umsichtig
vorgestellt und erläutert (Das Buch Ruth).
Der
Maler Mersmann schreckt nicht vor ungewöhnlichen Formaten zurück,
so den Röhren in der Mensa Nord der Marburger Universität, auf
denen ein Ensemble auf- und niedersteigender Figuren entstand,
angesichts derer praktisch jeder perspektivische Durchblick
komponiert erscheint. Auch das durch das Oberlicht scheinende Licht
spielt mit, es weckt die Gestalten aus ihrem Schlummer und lässt sie
wieder in ihre imaginären Behälter entgleiten. Auf einer
Wiesbadener Hauswand (Durchgang Waagemannstraße / Grabengasse) hat
sich der Künstler ein ebenso unübersehbares wie anonymes Denkmal
gesetzt – keine Tafel erinnert angesichts der Ungestümen Reise
an den Maler, obwohl der Rätsel manche daran zu entziffern wären.
Überhaupt lässt der Umgang mit seinen Bildern an einigen Orten die
notwendige Sorgfalt vermissen, im Band sichtbar dokumentiert an dem
grandiosen Furore aus dem Jahr 1959, das dringend der
Restauration bedürfte. Einen ebenfalls ungewohnten ästhetischen
Effekt beschreibt Gabi Rüth in ihrem informativen Aufsatz Homomaris
und die Elemente. HIC EST FINIS MARIS: Anmerkungen zur
Symbolik eines Bildes: »Es sind die Wände eines Schwimmbades,
die Mersmann gestaltet hat. Es sei ein Gemälde, sagt er [...], das
in erster Linie für die Schwimmer geschaffen sei. Diese
Aussage verdient Beachtung [...]: Während der Schwimmer im Wasser
seines Körpers gewahr wird, während er bei jedem Schwimmzug das
Strömen des Wassers auf der Haut spürt, erfasst er im Augenblick
des Auftauchens, des Atemholens einen Ausschnitt des Gemäldes. Eine
Atempause lang zirkuliert das Gesehene in seinem Kopf, verbindet sich
mit der eigenen inneren Bildwelt, um beim nächsten Atemzug ein
anderes Detail dieser fremd-vertrauten Wasserlandschaft
aufzunehmen.« (S. 133) Dazu bedarf es großer Formate: das
Wandgemälde im pfälzischen Schaidt besteht aus zwei rechtwinklig
angeordneten Teilen und misst insgesamt 9 x 3 Meter.
Der
Meister der großen wie der kleinen Formate ist dieses Jahr 80 Jahre
alt geworden. Die von seiner Person ausgehende Faszination bezeugt
das Filmtagebuch der jungen Filmemacherin Laura Solbach:
wenige, aber suggestive Seiten, auf denen das Sehenlernen im
Mittelpunkt steht und der Lehrer Mersmann liebevoll in den Blick des
Lesers gerückt wird. Die Künstlerin Doro Breger hat den Großteil
der oft unter ungünstigen Umständen aufgenommenen Abbildungen
beigesteuert, in denen das Gesamtwerk, soweit es heute vorliegt,
mittels einer geschickten Auswahl anschaulich wird. Bisher
ungedruckte Texte des Maler-Schriftstellers runden den Band ab. Für
die Mersmann-Rezeption und -Deutung ist hier ein solider Einstieg
geschaffen worden; vieles darin klingt wie ein Startschuss, der nicht
überhört werden dürfte. Für den Leser tut sich eine Kunstwelt
auf, von der die wenigsten bisher gewusst haben werden. Das wird sich
mit Sicherheit ändern.
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