|
Die
afghanische Situation
von Ulrich Schödlbauer
Weil
der Krieg menschliche Nachbarschaft zerstört. Weil er niemals ein
Mittel der Politik sein darf, weil die Politik der Kultur zu dienen
hat. Die Kultur dient dem humanen Zusammenleben, und der Krieg ist
das Gegenteil.
Richard von Weizsäcker
Who
are these Taliban? They are local people, the vast majority are guns
for hire, not fighting for some ideological reason... These
are local people who need to have a dialogue to understand why, and
then they have the choice to have a better life.
Gen Sir Graeme Lamb
Geopolitik
In
seinem Aufsatz über Geopolitik – Zur Wiederkehr eines verloren
geglaubten Begriffs im 21. Jahrhundert (Iablis, 8. Jahrgang 2009)
hat Herbert Ammon eine Reihe von Fragen an die deutsche Politik
aufgelistet. Sie setzen voraus, dass, unbeschadet der öffentlichen
Parolen, eine geopolitische Situation Deutschlands existiert und
strategisch bewältigt werden muss. Die Lage in Afghanistan legt es
nahe, das dortige militärische Engagement als geopolitisches Exempel
zu begreifen und dabei sowohl die Tauglichkeit dieser Perspektive als
auch die entstandene Situation zu durchleuchten. Ein Kreuzzug zur
Verteidigung demokratischer Lebensstile, in dem die Explosion eines
Tanklastzugs zur militärisch-politischen Beinahe-Katastrophe gerät,
während massiver Wahlbetrug seitens der unterstützten Partei von
interessierter Seite nach kurzem Schwanken zu den Akten genommen
wird, ist eine blutige Farce,
deren Preis nicht allein die verheizten Soldaten und eine
malträtierte Zivilbevölkerung entrichten. Am Ende bleibt es
gleichgültig, welche Partei wider eigenes oder wider anderer
besseres Wissen lügt: Wer den Schaden hat, hat den Spott, und wer
den Spott hat, wird daran innen wie außen, am Herzen wie am Beutel
Schaden nehmen.
Kreise
Die
geostrategische Aufgabe der Politik eines Landes lässt sich mit ein
paar dürren Worten bestimmen. Es handelt sich darum, seine
Interessen mit seinem spezifischen ›Gewicht‹ auf dem Planeten in
Übereinstimmung zu bringen – oder zu halten. Die Aufgabe verlangt,
zwei dynamische Größen zueinander ins Verhältnis zu setzen, die
überdies nur um den Preis der Ungenauigkeit klar definiert werden
können. Im allgemeinen begnügt sich Politik damit,
Kernvorstellungen zu benennen, deren Folgen allerdings, wie im Fall
Afghanistan geschehen, über Nacht gewaltige Ausmaße annehmen
können. Der Inflation der Interessen folgt die Inflation des
Eigengewichts auf dem Fuß – Grundlage aller illusionistischen
›Gestaltung‹. Geopolitik ist nicht von Haus aus imperial,
auch wenn diese Vorstellung nach wie vor in gewissen Köpfen spukt.
Auf der Theorieseite handelt es sich um eine Forschungsrichtung mit –
idealiter – engen Verbindungen zur operativen Politik, in der die
faktisch bestehenden komplexen Relationen zwischen dem einzelnen
Staatswesen und dem Rest des Planeten, soweit sie in der Politik
ihren Ausdruck finden, einer konstanten Analyse unterzogen werden.
(1)
Bevölkerung (black hole 1)
Das
spezifische Gewicht eines Landes misst sich, neben den üblicherweise
genannten Faktoren wie Größe, geographische Lage, Wirtschaftskraft,
militärische Stärke, Bündnisstrukturen usw., an dem, was das
statistische Bundesamt ›Bevölkerung‹ nennt. Einwohnerzahl,
Geburtenrate, Altersstruktur, Ausbildungslage, Migrantenanteil,
nationale und kulturelle Integration grundieren jede denkbare
Politik. Sie sind das, was nicht weggeht, obwohl es im
Wunschdenken von Politikern und Ideologen als erstes zu diffundieren
pflegt. Ein Land, das, wie die Mehrzahl der europäischen Länder,
auf der Schwelle zwischen Herkunfts- und Einwanderungsland, das heißt
zwischen einem kulturell-ethnischen und einem auf rechtlich-soziale
Integration ausgerichteten Selbstverständnis angesiedelt ist,
unterscheidet sich darin grundlegend von offensiv ethnozentrischen
oder auf das Selbstverständnis von Einwanderern gegründeten
Staatswesen. Das Volk, der ›große Lümmel‹, produziert seine
Konflikte entlang den demographischen Linien, die es mit der Welt
verbinden, und die Politik ist gut beraten, wenn sie begreift, dass
sie diesen Tiger reiten, aber nicht besiegen kann. So gesehen,
verfügen Länder wie die USA oder Israel über andere
Politikpotentiale (und -risiken) als ein durchschnittlicher
westeuropäischer Staat. Aber auch hier gibt es Unterschiede.
(2)
Europäische Union (black hole 2)
Nationales,
gemeinsames und supranationales Handeln bilden nach dem Willen der
Mitgliedstaaten eine Einheit, der praktisch Rechnung zu tragen ist.
Im Konfliktfall bedeutet das: Engländer, Franzosen, Italiener,
Deutsche, Polen handeln aus dem europäischen Kräfte- und
Organisationsfeld heraus als Engländer, Franzosen, Italiener,
Deutsche, Polen. Die Welt nimmt sie als Europäer wahr und verrechnet
ihr Handeln mit den Interessen Europas. Europa ist eine Maske, aus
der abwechselnd die verschiedensten Stimmen dringen – die einen
kennt man, die anderen glaubt man zu kennen. Wie immer stärkt –
gemäß der Formel ›Stabilität und Wachstum‹ – der dauerhaft
im Werden befindliche ›einheitliche Wirtschafts- und Sozialraum‹
das ökonomisch-politische Gewicht der Einzelstaaten. Dagegen leidet
die gemeinsame Außenpolitik unter Instabilität und
Wachstumsstörungen und kollabiert regelmäßig in den die
Entscheidung über Krieg und Frieden betreffenden Fragen. Das könnte
sich auch im afghanischen Fall erweisen, obgleich hier die Nato die
stärkere Klammer bildet. In der Verbindung von Außen- und
Sicherheitspolitik leben die divergenten Denkstile nationaler Eliten
mitsamt ihren traditionellen Stärken und Schwächen vielleicht am
sichtbarsten fort.
(3)
Sonderfall Deutschland
In
gewisser Weise stellt jedes Land einen Sonderfall dar. Der
Perspektivwechsel, der eintritt, sobald es seine Belange in der Welt
bündelt und strategisch definiert, vervielfacht das Bild des
Planeten. Man kann auch sagen: es zerfällt, sobald ausschließlich
von Interessen die Rede ist. Gerade die gemeinsamen oder ›geteilten‹
Interessen zeigen dies deutlich: Interessenkoalitionen sind Mittel
zur Durchsetzung eigener Ansprüche, nicht freundliche Aufforderungen
an die kooperierende Seite, die ihrigen zu entfalten. Die
strategische Nachkriegskonstellation des geteilten Deutschland ist in
dieser Hinsicht ein Lehrstück. In ihr gab es überwältigende Gründe
dafür, das nationale Interesse (die nationalen Interessen) fallweise
gegen die nationale Identität zu definieren und zu verfolgen. Aus
dieser Zerreißprobe gingen nicht beide Staaten mit gleichem Erfolg
hervor. Die Republik Deutschland hat dieses Erbe nolens volens
übernommen und inkorporiert, sichtbar in der Auflösung des
hergebrachten Parteienspektrums, deren identitätspolitischer Kern
nicht immer gründlich bedacht wird. Sie besitzt auch ein
außenpolitisches Pendant, betrachtet man die doppelten Erwartungen
an die deutsche Politik gegenüber Ländern, die in jener vergangenen
Weltphase dominierten oder auf der Stelle traten und nach einer neuen
weltpolitischen Aufgabe streben. Die kurzlebige Achse Paris –
Berlin – Moskau, in der öffentlichen Wahrnehmung kaum mehr als
eine flüchtige, unter dem Druck der Ereignisse rasch revidierte
Interessenverbindung, zielte auf diesen Punkt. Sie musste zerbrechen,
weil sie den gerade erneuerten transatlantischen Anspruch auf world
leadership nicht richtig kalkulierte, wohl auch nicht kalkulieren
konnte. Nationale Blamagen dieses Stils vertragen sich glänzend mit
der europäischen Sonderkonstruktion eines unter äußerem Druck
rituell kollabierenden semi-supranationalen Quasi-Machtzentrums. Die
Kräfte der ›großen‹ europäischen Staaten schwinden auf
wundersame Weise dahin, sobald sie auf die Waagschale der Weltpolitik
geworfen werden. Stark sind sie, wie stets nach dem Zweiten
Weltkrieg, in und mit Europa nach Maßgabe der europäischen
Gegebenheiten inclusive ihrer strukturellen Schwächen. »Kommt in
dreißig Jahren wieder«, möchte man ihnen raten, aber ein Weg ist
das nicht. Die Schattenweltmacht Europa bringt das Kunststück
fertig, den Schatten selbst zu werfen, in dem sie verschwindet. Sie
misstrauen einander, die Europäer, ihr Misstrauen ist tief genug
verankert, um ihnen zu erlauben, Vertrauen zu ›schenken‹ und am
›gemeinsamen Haus Europa‹ hier und da ein paar Kellen zuzulegen,
ohne z. B. die darin fortexistierende radikale Differenz zwischen
Atommächten und atomaren Habenichtsen zum Gegenstand gemeinsamer
Analysen zu machen. Dem potenten Habenichts Deutschland fällt in
diesem System eine Rolle zu, die er bereits kennt: die des Parasiten,
der machtpolitisch über seine Verhältnisse lebt, weil er es sich
leisten darf und munter geschoben wird, solange die Vormacht
ökonomisch über ihre Verhältnisse lebt und damit seine
›Wirtschaftskraft‹ stabilisiert.
Machtpolitik
Der
Gebrauch eines – im Grunde überflüssigen – Wortes wie
›Machtpolitik‹ erzeugt zwiespältige Empfindungen. Es erweckt
den Eindruck, Macht und Moral radikal zu separieren. Gerade deshalb
lohnt es sich hier, auf klare Begriffe zu sehen. Wer wie
selbstverständlich ›die Macht‹ in einem (oder mehreren) bösen
und einem guten Zentrum lokalisiert und großzügig externalisiert,
mag durch Wegsehen anderen gute Dienste leisten, nicht jedoch der
politischen Kultur. Die Verbindung von Politik und Macht ist eng,
unauflöslich und unteilbar – Machtfelder zeichnen sich dadurch
aus, dass sie ›schon immer‹ besetzt sind. Eine durchdachte
Politik, die Macht in jeder Form und Konzentration in Rechnung
stellt, bedient sich selbstverständlich geostrategischer Analysen,
andernfalls steht sie in Gefahr zu irrealisieren, das heißt sich
ihre Risiken methodisch zu verdecken.
Machtpolitik:
Ziele
Hegemonie
Kulturelle
Hegemonie: Fähigkeit eines Akteurs, eigene Interessen als
Allgemeininteressen zu definieren und durchzusetzen (Das ist, kurz
gesagt, die Formel Gramscis, der sie vor allem auf interne
gesellschaftliche Konstellationen angewandt wissen wollte)
Materielle
Hegemonie: Vormachtrolle eines Staates oder einer Staatengruppe auf
Grund sogenannter capabilities
(Fertigkeiten) militärischer,
organisatorischer und ökonomischer Art
Suprematie
Oberhoheit,
Oberherrschaft, Vorherrschaft: direkte, vertragsförmige Herrschaft
einer Instanz – eines Staates, einer inner- oder
suprastaatlichen Institution – über nachgeordnete Instanzen:
Staaten, halbstaatliche Gebilde, Institutionen, Herrschaften
minderer Reichweite und minderen Rechts
Institutionalisierte
Asymmetrie zwischen Handlungspartnern: rechtlich durch ungleiche
Verträge, militärisch durch Besetzung, ökonomisch durch rechtlich
und/oder militärisch abgesichertes Diktat
Einfluss
informelle
Asymmetrie
Symmetrie:
System(e) von Wechselwirkungen
Die
beiden Hegemonietypen treten selten isoliert auf. Aus gutem Grund,
denn sie sind aufeinander angewiesen, wenn sie sich durchsetzen
sollen. Der Zusammenbruch des einen zieht das Verschwinden des
anderen über kurz oder lang nach sich. Hegemonie verträgt sich nur
schwer mit jenem diffusen Weltzustand, in dem viele einander um ihrer
selbst willen gelten lassen, weil sie nun einmal den Planeten
bevölkern. Hegemonie ist agonal, sie erzeugt monolithische, bipolare
oder multipolare (Welt)systeme. In ihnen werden die Rollen und
Aufgaben von Staaten auf Zeit festgeschrieben. Wer sie festschreibt,
wann, wie mit welchen Ergebnissen und mit welchem Ausgang,
entscheidet weitgehend über etwas, das nicht nur Historiker den Gang
der Geschichte zu nennen pflegen. Suprematie hingegen ist statisch:
ihr kommt die Aufgabe zu, Hegemonial-, sprich: Machtverhältnisse
durch symbolisch-rechtliche Normierung auf Dauer zu stellen. Das
ändert nichts an ihrer begrenzten Laufzeit, sobald die
Kräfteverhältnisse sich ändern, aber es rückt sie all denen aus
dem Blick, deren eigene Verhältnisse sich auf einschlägige
Rechtstitel gründen. Dagegen misst Einfluss der Zeit den
größten Anteil an den Verhältnissen zu: wo alles als im Fluss
befindlich gedacht wird, ist permanente Chancenwahrung bei steter
Beachtung der wechselnden Parameter das Gegebene. In dieser Hinsicht
sind hier Symmetrie und Asymmetrie unterschiedliche, einander
partiell widersprechende Ziele, die sich ohne einander nicht
erreichen lassen. Stabile, auf allen Ebenen hergestellte Symmetrie
wie Asymmetrie – Traumbild vieler Ordnungsdenker – lässt das
Spiel versanden und erzeugt Zwangssysteme.
Machtpolitik:
Instrumente
›Wir
kennen unseren Platz in der Welt.‹ Der oft zu hörende Satz gehört
bereits zum Instrumentarium der Mächte. Er erinnert daran, dass ihr
erstes Kapital Vertrauen heißt. Anders als man gelegentlich liest,
ist dieses Kapital nicht leicht zu verspielen, da es auf der Trägheit
großer Massen gründet. Deshalb genießt ein Staat mit einem
differenzierten Rechtssystem mehr Vertrauen in der Welt als einer,
der durch die bizarren Einfälle eines weisen und gütigen Anführers
regiert wird. Deshalb wird einem großen Staat mehr Vertrauen
entgegen gebracht als einem kleinen – er lässt sich so leicht
weder von außen noch von innen umstoßen. Deshalb auch steht das
Misstrauen gegenüber einem großen Staat, der sein Vertrauenskapital
einmal verspielt hat, wie ein Fels in der Brandung: Es kommt bei
jedem erdenklichen Anlass wieder hervor, manchmal auch ganz ohne
Anlass. Deshalb schließlich stehen Vertrauen und Misstrauen im
Umgang mit den großen Mächten so hart beieinander. Die Parteien
müssen miteinander auskommen, also kommen sie miteinander aus. Für
einen kleinen Staat, der das in ihn gesetzte Vertrauen verliert, ist
das Spiel aus. Da liegt ein Unterschied.
Mittlere
Mächte maskieren ihre Instrumente als Ziele. Das ist verständlich,
denn es entlastet das politische Geschäft, nicht zuletzt den Umgang
mit ihresgleichen. ›In ihrem Interesse und dem der Welt‹ liegt
es, durch den Abbau von Suprematie Gleichheit, sprich: Symmetrie in
den internationalen Beziehungen herzustellen. Dazu bedarf es ›offener
Felder‹ wie der Ökonomie, auf denen Interessenvertretung legitim
ist und entsprechend den geltenden Regeln nicht behindert werden
darf. Daher beginnen die Augen bestimmter Politiker zu glitzern, wenn
von der Abschaffung des Dollarstandards die Rede ist. Man
darf die Rede darauf bringen, ohne weiterreichender Ambitionen
verdächtigt zu werden. Dem Harmlosen gehört das Spiel.
Hegemonie
lässt sich nicht abschaffen, aber sie lässt sich begrenzen. Das
gilt in Bezug auf eine existierende Hegemonialmacht so gut wie
in Bezug auf Hegemonie allgemein. Deshalb arbeitet die ›mittlere‹
Politik unermüdlich an der Erweiterung des bestehenden
Hegemonialsystems, d.h. an der Schaffung neuer und an der Aufwertung
bestehender (Sub)-Zentren.
Supermächte
pflegen ihre Ziele als Instrumente zu maskieren. Das liegt unter
anderem daran, dass sie den Zielen gewöhnlich näher sind als die
anderen. »So nah am Tod sieht man den Tod nicht mehr« – man weiß
sich vielmehr außerordentlich lebendig und unbeirrbar im Ausleben
des für sich und die Welt reklamierten Lebensstils. Den
›eigentlichen‹ Instrumenten bekommt das, sie werden zu –
bedauerlichen – Notwendigkeiten. Also –
Suprematie:
ausbauen, halten, Abbau verzögern
Hegemonie:
ausbauen und verteidigen
Vorsprung:
sichern durch Ausbau von capabilities, kulturelle Aggression,
ökonomische und militärische Intervention.
Die
Existenz eines Hegemons (mehrerer Hegemone) stellt traditionelle
Regional- und Mittelmächte vor die Wahl, sich in die Klientenrolle
zu begeben oder auf Konfrontationskurs zu gehen. Das ist ein altes
Stück, dessen Aufführung das Weltpublikum alle Tage beiwohnt.
Was zum Teufel kann eine relativ schwache Macht in die Versuchung
führen, die starken Mächte herauszufordern? Die Antwort lautet:
mancherlei. Die Rollenverteilung innerhalb von Hegemonialsystemen ist
komplex und hart umkämpft – das lässt die Rolle des Newcomers
nicht immer attraktiv erscheinen, vor allem dann nicht, wenn sie mit
der Neustrukturierung, sprich: dem Zusammenbruch der angestammten
Einflusszone einhergeht. Aber der riskante Entschluss, die
dominierende Macht herauszufordern, legt ein existentielles
Machtproblem bloß. Der Herausforderer darf sich erst dann in
relativer Sicherheit wiegen, wenn er über die Schwellenkapazität
verfügt, die den Preis eines Angriffs auf ihn zu hoch erscheinen
lässt. Soll heißen: Die von ihm gewählte Aufgabe besteht darin,
die möglicherweise bestehende Lücke zwischen Ausgangskapazität und
Schwellenkapazität so rasch wie möglich schließen, ohne in den
Abgrund einer unzeitigen Konfrontation zu stürzen, die er womöglich
nicht überlebt. In diesem Abgrund sind mehr Großmachtphantasien
zerschellt, als es der Menschheit im Ganzen bekommen ist. Genau aus
diesem Grund kann man behaupten, dass er die ›große‹ Politik
dominiert – als Angstfaktor Nummer eins. Er verleiht den
strategischen Überlegungen der Großen in den Augen der
Öffentlichkeit ihre paranoiden Züge.
Konzeptionen,
welche die ›Lücke‹ schließen sollen:
Aufrüstung,
wie gehabt, also atomare, chemische etc. Bewaffnung, die ›gleiche
Augenhöhe‹ schaffen soll, aber von der Vormacht (den Vormächten)
naheliegenderweise als Angriff auf den Weltfrieden betrachtet wird
ökonomische
Entwicklung: ein allseits gefördertes (und gefordertes) Verfahren,
das ›ernsthafte Verhandlungspartner‹ schafft und Abhängigkeiten
erzeugt, die eine künftige Feintarierung der Interessen erlauben –
innerhalb des bestehenden Weltsystems
Antikapitalismus,
›Klassenkampf‹ etc. als ›böse‹, jedenfalls unbequeme
Entwicklungsvariante
die
scheinbare Ziellosigkeit der ›asymmetrischen Kriege‹ (Münkler),
des Terrorismus, des Djihad etc., die auf Delegitimierung der
dominanten Mächte zielt, also auf die Zerstörung von kultureller
Hegemonie
Bildung
supranationaler Einheiten (EU).
Afghanistan
– ein geopolitisches Exempel
»In
der heutigen Welt haben wir es mit drei Ebenen zu tun: Auf der
untersten Ebene der vergessenen Konflikte stehen Staaten mit
zusammengebrochenen Strukturen. Auf der zweiten Ebene stehen die
Konflikte, wo regionale Akteure agieren: Der Nahostkonflikt ist dabei
einer der gefährlichsten, aber auch der Kaschmirkonflikt und die
Konflikte im nördlichen und südlichen Kaukasus und an vielen
anderen Stellen der Welt, insbesondere in Afrika, zählen dazu.
Die
oberste Ebene sind die großen Mächte und ihre Bündnisse. Wir
Europäer werden uns, wenn wir unsere Sicherheit und die Sicherheit
unserer Kinder ernst nehmen, engagieren müssen, vor allen Dingen in
unserem strategischen Umfeld. Wir
dürfen nicht einen neuen Totalitarismus zulassen. Deswegen sind wir
in Afghanistan. In Afghanistan sein bedeutet, dass wir umsetzen
müssen, was Brahimi gelungen ist, nämlich einen Konsens
herbeizuführen und ihn in den Petersberg-Vereinbarungen entsprechend
auszuformulieren. [...]
So
wichtig die Nichtregierungsorganisationen sind: Es geht nicht
hauptsächlich darum, Nichtregierungsorganisationen zu schützen. In
erster Linie geht es um den politischen Prozess. Wir werden im
nächsten Jahr einen höheren mobilen Faktor bei ISAF brauchen, um
die Wählerregistrierung und die Wahlvorbereitung entsprechend
umzusetzen. Aber auch das ist es nicht allein, sondern hinzu kommt
die Ausdehnung des Institutionenbaus; ich nenne Polizeiaufbau,
Ziviladministration, Infrastruktur. In dem Zusammenhang spielen dann
auch die Nichtregierungsorganisationen eine ganz gewiss nicht
unwesentliche Rolle. Das ist der Gesamtansatz.
Es
gibt zwei andere Alternativen: Entweder wir bleiben nur auf Kabul
begrenzt – das würde bedeuten, dass wir den Petersberg-Prozess
an einem bestimmten Punkt abbrechen, das kann allen Ernstes niemand
wollen – oder aber wir brauchen einen Aufwuchs um 10.000 und mehr
zusätzliche Soldaten, was ich schlicht und einfach unter praktischen
Gesichtspunkten in der internationalen Gemeinschaft als nicht
darstellbar und nicht machbar ansehe. Wir
müssen dann auch Acht geben, dass wir nicht die Frage nach der Hilfe
zur Selbsthilfe, nach der Hilfe zur Wiedergewinnung der Souveränität
schließlich überlagern durch etwas, was Besatzung heißt.«
Bundesaußenminister Joseph Fischer,
Rede vor dem Deutschen Bundestag am 10. September 2003
Souveräne
Politik
Geostrategisches
Handeln, so die Annahme, setzt eine souveräne Politik voraus. Die
bloße Tatsache, in ein Bündnis eingebunden zu sein, das weltweiten
Einsatz von seinen Mitgliedsstaaten fordert, und dieser Tatsache mehr
oder minder angemessen Rechnung zu tragen, genügt den Kriterien
globalen, aber nicht souveränen Handelns. Das gegenwärtige
Weltsystem kennt Modelle abgestufter Souveränität: die EU-Verträge
zählen dazu ebenso wie das Sanktions- und Interventionsrecht der
Vereinten Nationen. Vor allem schafft der Besitz strategischer
Atomwaffen, generell: die waffentechnologische Differenz zwischen
Staaten und Staatengruppen unterschiedliche Klassen souveräner
Mächte.
Souveränität
stößt auf Grenzen, innere und äußere, sie ist, strikt gesprochen,
ohne Grenzen weder denk- noch realisierbar. Darüber hinaus ist sie
ein Produkt von Realisierung: man muss sie in Anspruch nehmen,
um sie zu besitzen. Zu den klassischen Kennzeichen souveräner
Politik zählen:
Sicherung
der ›materiellen Basis‹: Zugang zu Rohstoffen, Technologien,
Kapitalien
Erschließung
von Absatzmärkten: ökonomische Expansion
Steigerung
kultureller Attraktion: Schaffung von Handlungslegitimität durch
Export des eigenen ›Modells‹
Fähigkeit
und Wille, über Krieg und Frieden zu entscheiden.
Die
Punkte a und b kennzeichnen die Politik aller ökonomisch
›entwickelten‹ Staaten. Wer hier fehlt, der verschwindet kurz
oder lang aus ihrem Kreis. Zahl und Art der geostrategischen
›Spieler‹ im engeren Sinn sortieren sich angesichts der Punkte c und d. Das erklärt wenigstens zum Teil die Verbissenheit, mit
der Staaten, die Besseres zu tun hätten, sich als ›treue
Bündnispartner‹ in einer verlorenen Sache ›engagieren‹ – zum
Teil, nicht zur Gänze.
Die
»oberste Ebene«: First in – first out
Das
afghanische Engagement ist ein Kind der Neuen, unter George Bush
sen. nach dem Ende des Kalten Krieges konzipierten Weltordnung. Der
erste Golfkrieg und die Jugoslawien-Kriege tragen den Stempel
militärischer ›Eingriffe‹ seitens der dominierenden Mächte, wie
diese Ordnung sie vorsah. Nach dem 11. September 2001 änderte sich
ihr Charakter insofern, als die Garantiemacht sie in ein Stadium
permanenter, sich ihre Schauplätze nach Opportunität wählender
militärischer Aktion überführte. Dieses Stadium dauert an. Wie
weit die Neue Weltordnung heute noch gilt, dies zu beurteilen muss
den Astrologen des Weißen Hauses überlassen werden. Das ist
misslich, aber von einer stark parfümierten, von Propagandaschwaden
durchzogenen Politiksprache lässt sich wenig Aufschluss erwarten.
Doch scheint es Modifikationen gegeben zu haben.
Die
Neue Weltordnung versprach, das Verhältnis zwischen dem Hegemon und
seinen Klienten nach dem Ausfall des östlichen Gegenspielers zu
regeln. Das Neue daran reflektiert die Bezeichnung ›Hegemon‹ für
die Vor- bzw. Garantiemacht der ›Wertegemeinschaft‹, die sich
verpflichtete, weltweit Demokratieexport zu betreiben, und dafür
Sonderrechte von den Verbündeten bzw. gegenüber der
Weltgemeinschaft forderte und teilweise durchsetzte. Man konnte darin
eine Klarstellung älterer Verhältnisse sehen oder eine Politik, wie
die Welt sie bis dahin nicht kannte – unmittelbar folgte aus ihr
die Umwandlung der Nato in ein weltweites Interventionsinstrument der
Vormacht unter ›angemessener Beteiligung der Verbündeten‹.
Was
immer der Name ISAF bezeichnet, es ist jene ›Nato des 21.
Jahrhunderts‹, die sich Afghanistan als Schlachtfeld verordnet hat.
Dort wird nach dem irakischen Fiasko über ihr Schicksal entschieden.
Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen spielt demgegenüber eine
nachgeordnete Rolle. Seine Entscheidungen reflektieren Macht und
Ohnmacht der globalen ›Partner‹, nicht mehr, nicht weniger. Das
kann sich zum gegebenen Zeitpunkt ändern. Der sogenannte
›Petersberg-Prozess‹ wiederum ist zu sehr Instrument, um als
eigenständige Größe ins Gewicht zu fallen: eine Blaupause zur
Errichtung Potemkinscher Fassaden, in die jedes anreisende
Reporterteam Löcher in beliebiger Größe zu bohren weiß.
Die
Sternenkrieger der George W. Bush ›auf den Boden‹ gezwungen zu
haben ist eine taktische Leistung ersten Ranges, die nicht
wahrzunehmen sich die westlichen Öffentlichkeiten unisono verordnet
haben. Ihre bevorzugte Lesart weiß nur von punktuellem Terror vor
wechselnden Orten, getrieben von ›Hass‹ und ›Neid‹ auf die
westliche Lebensform. Moralisch ist das simplistisch, intellektuell
eine Bequemlichkeit,
strategisch eine Absurdität. Das Ende der famosen
First-in-first-out-Strategie hat die amerikanischen Freunde
den Verbündeten wiedergegeben, ob zur einhelligen Freude beider
Seiten, bleibe dahingestellt. Die neue Einmütigkeit, angesichts der
Lage vor Ort durch die Finger zu sehen und den Rest den Militärs zu
überlassen, hilft den Kulissenspielern und schädigt den
demokratischen Verstand. Niemand bezweifelt mehr, dass Afghanistan
zum Prüfstein der westlichen Hegemonie geworden ist, wie Joseph
Fischer 2003 lakonisch feststellte – womit er, im Grunde
unironisch, vor einer wenig verblüfften deutschen Öffentlichkeit
der entsprechenden Einschätzung Bin Ladens folgte. Daraus resultiert
die Furcht, die heute in Kabul und in den westlichen Hauptstädten
regiert.
Regionaler
Stabilitätsfaktor oder Besatzungsmacht?
Fischers
»Hilfe zur Wiedergewinnung der Souveränität« ordnet Afghanistan
unter die »Staaten mit zusammengebrochenen Strukturen«, die
sogenannten ›rogue states‹ ein, also auf der »untersten Ebene«
des internationalen Staatensystems. Ob diese Einschätzung auf den
Taliban-Staat vor dem amerikanischen Einmarsch zutraf, ist fraglich.
Von vergessenen Konflikten konnte hier sicher nicht die Rede sein.
Afghanistan hat seine Erfahrungen mit dem verordneten Fortschritt ins
mittlerweile abgehakte 20. Jahrhundert hinter sich, ausländische
Interventionen waren dabei auf den verschiedensten Stufen die Regel.
Dieses malträtierte Land mit seiner angeblichen Unfähigkeit, die
eigenen Dinge zu ordnen, ist zu offensichtlich ein Opfer seiner
geostrategischen Lage zwischen den Ölstaaten und Pakistan – dem
›islamischen Krisenbogen‹ –, dem Zerfallsgebiet der ehemaligen
Sowjetunion und der aufsteigenden Weltmacht China, als dass man
diesen Aspekt vernachlässigen dürfte. Die ›Stabilisierung‹
dieser Region durch Interventionstruppen dient der Durchsetzung
klassischer hegemonialer Ansprüche. Die ›wiederzugewinnende‹
afghanische Souveränität kann daher nur gespalten sein: akzeptabel
wird sie erst als ›freundliche‹, den Interessen der
Interventionsmacht gefügige, und damit notwendig mit sich selbst in
Widerspruch stehende Größe.
Ein
solcher Widerspruch lässt sich aushalten, allerdings nur dann, wenn
das Land als befriedet gelten darf. ›Unfrieden‹ aber, das zeigt
das palästinensische Beispiel wie dutzende anderer, ist zu relativ
niedrigen Kosten für die Akteure zu erreichen. Die hohen
Kosten trägt die Zivilbevölkerung. Auch das ist Kalkül: es
unterhöhlt die ›wiederzugewinnende‹ Souveränität von Tag zu
Tag, weil es ihr die Legitimation von innen entzieht. Sollte es den
intervenierenden Mächten darum gehen, einen langen Krieg zu
unterhalten, da sich ihre militärische Präsenz in der Region
anders nicht rechtfertigen ließe, dann wären sie mit den
›Terroristen‹ in einer win-win-Situation, angesichts derer
die Zweifel eingefleischter Zivilisten nur stören. Sollten sie
allerdings so nicht auf ihre Kosten kommen, dann befänden sie
sich Tag um Tag fehl am Platz, weil ihre wirkliche Anwesenheit auf
afghanischem Boden wirkliche Souveränität wirksam verhindert.
Unbegrenzte Abnutzungs- oder Verschleißstrategien haben den
Nachteil, dass sie irgendwann in Zynismus gegen die eigene Seite
umschlagen – der sichere erste Schritt in die Niederlage.
Die
deutschen Truppen sind zu sehr ›verbündete Hilfstruppen‹, als
dass sich davon absehen ließe. Drastisch erfährt die deutsche
Öffentlichkeit, nachdem das Konzept, als militärischer Aufbauhelfer
durchzugehen, zusammengebrochen ist, was jedermann weiß: dass es
keine deutsche Option in
Afghanistan gibt und es auch keine geben kann. Die Deutschen sind
dort ebenso nützlich wie schädlich wie überflüssig und sie
wissen es. Sie können nicht weg, weil der ›Hegemon‹ es so
will, sie können nicht bleiben, ohne mit ihrem Grundgesetz und sich
selbst in Konflikt zu geraten. Natürlich
sind sie Besatzungsmacht und es bleibt ihnen nichts anderes übrig,
als sich zähneknirschend dazu zu bekennen. Als Besatzungsmacht sind
sie Verbündete der vom Westen gestützten Regierung, ob ›Freunde‹
im Sinn der alles regelnden Wertegemeinschaft, ist nach der
Deklassifizierung der Wahlen, die Legitimität schaffen sollten,
fraglich. Als Verbündete der Regierung sind sie kämpfende Truppe
und als kämpfende Truppe beliebig hervorzukramendes Feindbild für
eine Regierung, die rational handelt, wenn sie die Fremden mehr und
mehr als Sündenböcke für das eigene Legitimitäts- und
Machtdilemma heranzieht. Das alles liegt auf der Hand und lässt sich
weder mit Geld noch guten Worten noch elaborierterem Gerät noch
intensiverem psychologischem Training ›unserer Leute‹
wegschaffen.
Strategisches
Kalkül
Die
Behauptung, ›unsere Sicherheit‹ werde am Hindukusch verteidigt,
steht und fällt mit der Bush-Doktrin, Terrorismus und aufnehmende
bzw. unterstützende Staaten in gleicher Weise als Feinde im War
on Terrorism zu behandeln. Der Afghanistankrieg war die erste
Anwendung dieser Doktrin, er wird möglicherweise die letzte sein.
Außerhalb des War on Terrorism ist ein vertretbarer Sinn
dieses Krieges nicht erkennbar. Seit klar wurde, dass er nicht zu
gewinnen ist, vielmehr die Kämpfer, die durch ihn eliminiert werden
sollen, in Scharen hervorbringt, steht der Verdacht im Raum, es mit
einem Prestigekrieg zu tun zu haben, in dem die Militärs den
Politikern und öffentlichen, aufs ›Wir‹ spezialisierten
Plaudertaschen ihrer Heimatländer Gelegenheiten spendieren,
Weltenlenker zu spielen, um im Gegenzug personal- und mittelgesättigt
den berufsaffinen Erfahrungsraum Krieg auszuloten. Dennoch ist dies
kein Krieg der Militärs, sondern der militärischen Projektionen von
Zivilbevölkerungen. Psychologisch wäre ohne die intime
Vertrautheit des Publikums mit ›künstlichen‹,
›menschenähnlichen‹, im Auftrag des Bösen allenorts
›einsickernden‹ Kinofiguren, die von Spezialeinheiten erkannt,
gestellt und eliminiert werden müssen, um ›der Menschheit‹ das
Schlimmste zu ersparen, ein Ausrottungsfeldzug gegen kaum weiter
qualifizierte ›Terroristen‹ nicht auf Dauer zu führen. In dieser
Hinsicht gleicht ›Afghanistan‹ einem etwas aufwendig gedrehten
Hollywood-Film mit realen Toten, Verwundeten, Traumatisierten,
Demoralisierten und Helden. Die Überzeugung, einer ›echten‹ Jagd
auf Aliens beizuwohnen, eint die Soldaten der Allianz und ihr
heimisches Publikum – vorerst.
Um
solche Aktivitäten auf Dauer zu stellen, bedarf es der ›Staaten
mit zusammengebrochenen Strukturen‹, angesichts derer immer zu
fragen wäre, ob sie unter äußerem oder innerem Druck
auseinanderbrachen. Doch stehen sie nicht zwingend am Anfang der
Operationen, sondern markieren das Ende, das den Aufschub in sich
trägt. Es sind Klientenstaaten der untersten Stufe mit einer
korrupten Führung, einer korrupten Bürokratie und einer ebenso
korrupten Infrastruktur, die in symbiotischer Koexistenz mit
›befreundeten‹ Besatzungsarmeen dahinvegetieren. Diese neue
internationale Klasse von Staaten bedient, wie öfter beschrieben,
die Interessen von Militärs, Privatarmeen, NGOs und mafiaartigen,
international vernetzten ›Strukturen‹ vor Ort so präzise, dass
es an ein Wunder grenzte, wenn die ausgelobten Konflikte für alle
Seiten erkennbar in einem ›vernünftigen Zeitrahmen‹ beendet
würden.
Man
kann es Ironie der Geschichte nennen, dass angesichts der Strategie
des asymmetrischen Krieges, der new wars of low intensity
hochgerüsteter Mächte gegen ideologiestarke und verdeckt
gesponsorte Habenichtse, ein Land vom Zuschnitt Afghanistans zum
Gelände für eine Entscheidungsschlacht auserkoren wurde, die
vielleicht nach Mitteleinsatz und Länge ungewöhnliche Züge trägt,
aber nicht im erwarteten Resultat: Hier sollen die Kräfte des Bösen
gestellt und zerrieben werden (»to
root out terrorism«, wie es in Resolutionen des
Sicherheitsrats der Vereinten Nationen heißt), hier sollte und soll,
nach den Vorgaben Clausewitz', die Entscheidung in diesem ›Weltkrieg‹
erzwungen werden. Die Rhetorik wurde inzwischen zurückgefahren, die
Zahl der Soldaten und Einsätze erhöht. In diesem System ist der
Sieg eine unabhängig vom schwierigen Tagesgeschehen fest verbuchte
Größe, an Niederlage darf nicht gedacht werden. Die Grausamkeit der
auf unbestimmte Dauer eingeregelten Schlacht diktiert ihr
eliminatorischer Elan: Wo die strategische Vernichtung des Gegners im
Unerreichbaren liegt, wird die physische Auslöschung zum von Tag zu
Tag sich fortwälzenden Selbstzweck. Wen störts? Wenn muntere
Fernsehmoderatorinnen von der neuen Normalität des Krieges
schwatzen, fühlt man sich an die bösesten Tiraden eines Karl Kraus
erinnert – und schweigt.
Warum
Afghanistan? Das Land punktet nicht, wie bis vor kurzem Deutschland,
mit panzerfreundlichem Gelände. Dafür lockt die strategische
Mittellage. Die postmoderne Kombination aus Luftkrieg und
›Bodenterror‹ hat den Strategen aller Lager dieses Land in den
Schoß gelegt. Für Amerikaner befindet sich Afghanistan – ein
psychologischer Vorteil, an der Heimatfront hochwillkommen –,
auf der anderen Seite des Globus, für islamische Glaubenskrieger
steht es zwischen allen Stühlen. Der Westen besitzt vielleicht keine
Glaubenskrieger, dafür jedoch gelangweilte Überzeugungstäter,
denen man ohne viel Federlesens einreden kann, sie kämpften in einem
fremden Land für die Rechte der Frau, überhaupt für zivile
Verhältnisse und ›elementare technologische Standards‹. Die
Wiedererweckung des kolonialen Reflexes ist vielleicht das
deprimierendste Ingredienz dieses Krieges. Natürlich erleichtern die
fremde und darum
›befremdliche‹ Religion und eine als ›überwunden‹
ausgegebene, mit dem heutigen Weltsystem angeblich unvereinbare
Kultur das moralische Abgleiten des Westens. Vor allem garantiert die
fehlende ökonomische Potenz des zum Aufmarschgelände mutierten
Landes, dass Unruhe im ökonomischen System nicht zu befürchten ist,
solange die eigenen Ausgaben nicht davonlaufen. Auf dieses
Schlachtfeld können sich viele ›Partner‹ einigen – zu viele,
um es ungeschoren davonkommen zu lassen, solange die strategische
Situation sich nicht grundlegend ändert. Man will die Opfer schützen
– aber gewiss doch.
Die
europäische Situation
Ein
nüchterner Blick auf die Situation der Union lässt den Glauben an
ihre eigenständige Rolle rasch verblassen. Ein eifersüchtig seinen
privilegierten Status-Co und ererbte imperiale Reflexe hütender
Klientenstaat im Verbund mit zwei düpierten Führungsstaaten, die
Schadensbegrenzung durch Bündnistreue betreiben, ein paar vom
Nahinteresse halbwegs zur Räson gebrachte Positionsgewinnler und
eine Reihe stolzer Mitläufer, für die Dabeisein alles bedeutet,
ließen bisher alles Mögliche denkbar erscheinen, aber keine aus gleicher
Motivlage stammende Politik. Erst die sich abzeichnende Niederlage
und der zu erwartende Wettlauf in die rettenden Boote lassen anderes
erwarten: diese Gelegenheit, immerhin, kommt, sie ist vielleicht
schon gegeben.
Die
deutsche Situation
Deutschland
ist politisch, militärisch, moralisch und ökonomisch vom
Nato-Bündnis abhängig. Diese Tatsache diktiert sein Verhalten, es
diktiert seine Begründungen und es diktiert seine Diktion bis in
Verschleierungen hinein. Klassische Interventionsziele, darunter die
Rohstoffsicherung, die die Strategen der Führungsmacht umtreibt,
ordnen sich diesem strategischen Faktum vollständig unter. Es
handelt sich daher um keine Ziele, sondern dort, wo sie erreichbar
erscheinen, um punktuell anfallende Nebeneffekte. Die Idee, eine
subimperiale soft skills-Politik à la Münkler zu betreiben,
setzt ein interessen- und handlungsstabiles Europa voraus und wird,
wenn sie jemals die Führungsetagen gestreift hat, in diesen Tagen zu
Grabe getragen.
Wo so
vieles das Etikett des Neuen trägt, sollte die neue Ironie der
deutschen Lage nicht unter den Tisch fallen – dass geschieht, was
nicht geschehen darf, und geschehen muss, was nicht geschehen kann.
Deutschland
muss den afghanischen Aufbau in seinem Verantwortungsbereich,
aber es kann ihn nicht garantieren.
Deutschland
kann sich zu keiner eigenständigen Politik aus Rücksicht
auf die Verbündeten entschließen und läuft, wie die jüngsten
Ereignisse zeigen eben deshalb Gefahr, sich als Sündenbock zu
isolieren.
Deutschland
muss, aber kann kein Ausstiegsszenario aus einem Krieg
finden, der sich militärisch nicht gewinnen lässt und dessen
Fortführung bis zum St. Nimmerleinstag sein Ansehen in der Welt,
seine auf internationalen und interkulturellen Ausgleich, auf eine
selbständige, verhandlungsfähige Politik der mittleren und eine
faire Balance der großen Mächte ausgerichteten Interessen und
letztlich seine heimische Demokratie unterminiert.
Sterben
für Karsai?
Mit
Korruption, Wahlbetrug und andauernder Abhängigkeit von der
Anwesenheit fremder Mächte lässt sich ein selbstbewusstes Land
nicht gewinnen, noch viel weniger stabilisieren. Diese Binsenweisheit
verbindet sich im gegebenen Fall mit der Einsicht, dass die
auftragsgemäße Implantierung von Demokratie mit der de
facto-Errichtung einer (nicht funktionierenden) Diktatur an ein
natürliches Ende gerät. Kommt die späte Einsicht hinzu, dass keine
genehmigte Besatzungszeit ausreicht, um in einem vorwiegend ländlich
strukturierten, über weite Gebiete in feudalen Loyalitäten lebenden
Land die ökonomischen, institutionellen, kulturellen und ethischen
Voraussetzungen für den gewünschten Herrschaftstyp zu schaffen,
ihre Ausdehnung vielmehr selbst das Erreichbare konterkariert, dann
mag man als Erfolg melden, hier und da ein paar Menschenleben
auszulöschen, aber das Ganze wirkt über kurz oder lang monoton und
es besteht kein Anlass zu feiern – heute nicht, morgen nicht und
übermorgen auch nicht.
Ein
eliminatorischer, einseitig auf die Zerstörung von Menschenleben
ausgerichteter Krieg ist unmenschlich, er dehumanisiert den Gegner
und erzeugt dadurch Feindschaften in der Zukunft, die dem eigenen
Land und jedem einzelnen seiner Bürger Schaden zufügen können, für
die weder eine gegenwärtige noch eine zukünftige Regierung
Verantwortung zu übernehmen vermag. Ein Gegner, der nur durch
physische Auslöschung zu besiegen ist und nicht besiegt werden kann,
muss gehört werden. Dies gebieten die elementaren, dem
Eigeninteresse dienenden Gesetze der Anerkennung unter Menschen.
Keiner deutschen Regierung steht es zu, eine Politik militärischer
Säuberung auf fremdem Boden zu betreiben oder sich an ihr zu
beteiligen. Es steht ihr nicht zu, so wie es keiner anderen zusteht:
aus keinem anderen Grund. Eine Truppe, die ›gelernt hat‹,
›behutsam‹ zu töten, wo nicht getötet werden muss und also
nicht getötet werden darf, dient nicht den Interessen des eigenen
Landes.
Es
besteht Grund zur Annahme, dass nur der Abschied von einem illusionär
und kontraproduktiv gewordenen nation building-Programm und
seinen famosen time tables den Interessen Deutschlands, seiner
Verbündeten und letztlich Afghanistans dient. Der Gefahr, dass
›Terroristen‹ den Staat übernehmen, kann nicht dadurch begegnet
werden, dass die ›fremden Besatzungstruppen‹ letzteren in den
Augen der Bevölkerung nach und nach die Legitimation verschaffen, um
die sich eine Regierung ohne eigenes Standvermögen mit zweifelhaftem
Erfolg und zweifelhaften Mitteln bemüht. Deutschland hat allen
Grund, im Kreis der Verbündeten den skeptischen Part zu übernehmen,
weil seine Politik vor Ort, der Erfolg seines von Grundgesetz,
Mentalität und militärischen Möglichkeiten vorgezeichneten
Handlungsmodells die Situation am krassesten beleuchtet. Noch zahlt
die hiesige Öffentlichkeit kein propagandistisches Kopfgeld für
jeden getöteten Feind, dabei sollte es bleiben.
Die
nötigen Mittel
Ammon
fragt: »Ist ein Europa, in dem sich dank dem geschichtlichen
Reduktionismus der (west-)deutschen Deutungseliten die
Funktionseliten des Landes in der Mitte ihrer Geschichtsverantwortung
entledigt haben, im Mächtefeld des 21. Jahrhundert noch
handlungsfähig?« Der Satz bürdet den Deutschen eine Verantwortung
für die europäischen Belange auf, die von seinen ›Eliten‹ so
nicht wahrgenommen wird, vielleicht nicht wahrgenommen werden kann,
weil sie in die genannten Prozesse selbst zu sehr involviert sind. Er
deutet an, dass, genau betrachtet, die deutschen Belange europäische
Belange sind und ein Land, das sich in wesentlichen Aspekten seines
Selbstverständnisses und seiner Politik der eigenen Stimme enthält,
ein Ärgernis bietet. Die gleichermaßen markigen wie verhuschten
Formeln, mit denen hierzulande der Afghanistan-Einsatz verteidigt,
gerechtfertigt oder befürwortet wird, beleuchten dieses Ärgernis
auf einigermaßen grelle Weise. Sie führen Krieg und versuchen,
sich nichts dabei zu denken. Man ist aber beleidigt, wenn man von
den Verbündeten dafür verhöhnt wird. Dieser Hohn besitzt einen
rationalen Kern: er betrifft die fehlende Selbstprüfung der
Deutschen, deren Weltverhältnis vornehmlich darauf beruht, dass man
sich nichts vorzuwerfen hat – im Kreise der Alliierten nicht und
nicht am häuslichen Kamin. Das afghanische Engagement hat sie an die
Schwelle des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen geführt – da
liegen sie nun als getreue Hofhunde, die aufpassen, dass an der
Durchführung der Resulutionen 1386,1413, 1444, 1510, 1563 und so
weiter und so weiter, an deren Zustandekommen sie nur peripher
beteiligt waren und nur peripher oder gar nicht beteiligt sind, nicht
gerüttelt und gedeutelt wird. Als geostrategisches Schwellenland hat
dieses Deutschland alle Aussichten, die Rolle der Türkei in Europa
gegenüber den Weltmächten zu übernehmen: gelockt, gescheitert,
eingebunden, ausgeschlossen, beitragswillig und auf kommende
Konstellationen verwiesen.
Das
muss nicht so bleiben. »Acting ... under Chapter VII of the
Charter of the United Nations ... Authorizes the Member
States participating in the International Security Assistance Force
to take all necessary measures to fulfill its mandate« heißt es z.
B. in Resolution 1623 des Sicherheitsrates – eine Routineformel,
gewiss, aber auch ein unübersehbarer Hinweis. Der Sinn der Formel
»all necessary measures« erschöpft sich nicht in der Umsetzung
einmal gefasster Beschlüsse mit ihrem Mehr oder Weniger an
militärischen und zivilen Komponenten. Er setzt die Analyse dessen,
was zu leisten ist und zu leisten wäre inclusive dessen, was in den
überschießenden Bereich eigen- oder fremdkulturellen Wünschens
gehört, zu jedem Zeitpunkt und auf allen Etagen voraus. Jedenfalls
sollte es sie nicht ausschließen.
|