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Von den
konkurrierenden Krisenlösungen der 1930er Jahre
zum Utopieverlust der Gegenwart
Ingo
Schmidt
So schnell ändern sich die Zeiten. Anfang der 1990er Jahre brach in
Osteuropa der Staatssozialismus zusammen. In China hielten die
Kommunisten zwar an der Staatsmacht fest, nutzten diese aber, um
einen beschleunigten Übergang zur Herrschaft von Profit und
Privateigentum durchzusetzen. Wenig später verabschiedeten sich
Europas Sozialdemokraten, angeführt von Tony Blair, vom Sozialstaat.
Nichts mehr konnte die weltumspannenden Güter- und Kapitalströme
auf ihrem Weg zu zahlungsfähigen Kunden und profitablen
Anlagefeldern aufhalten. Und heute? Sinkende Umsätze allerorten.
Obwohl immer mehr Beschäftigte ganz von den Gehaltslisten
verschwinden, und obwohl die Gewerkschaften ihre verbliebenen
Tarifverträge zu Ausverkaufspreisen feilbieten, und Unternehmen die
stets drückende Kostenlast damit erleichtern, sinken die Gewinne.
Börsenkurse steigen nicht mehr aus Vorfreude über künftige
Gewinnsteigerungen, sondern als Folge gerade noch abgegriffener
Staatsknete. Über die Angst, dem Finanzminister könne ob seiner
gegenwärtigen Freigiebigkeit das Geld ebenso ausgehen wie Banken,
Handelshäusern und Industrieunternehmen, trösten sich kollektiv
krisengeplagte Unternehmer und Regierungen durch die Hoffnung auf
einen baldigen Aufschwung hinweg. Die zur Begründung dieses
Zweckoptimismus präsentierten Gründe lassen allerdings eher auf
tief sitzende und uneingestandene Zukunftsängste schließen.
Ideenproduzenten und
Meinungsmacher, die angesichts der Öffnung der Berliner Mauer im
November 1989 vom Ende der Geschichte und dem darin einbegriffenen
Beginn ewigen Marktfriedens schwärmten, wollen auf einmal aus der
Geschichte gelernt haben, besonders jener der Jahre 1929 bis 1939. Im
Zeichen höchster Not verleugnen sie ihre Vorliebe für freie Märkte
und geben den Staatseingriff als notwendigen Retter der freien
Gesellschaftsordnung aus. Diese Notwendigkeit, so heißt es in
unzähligen Kommentaren und Besinnungsaufsätzen, haben die Liberalen
in den 1930er Jahren nicht verstanden, und damit totalitären
Eingreifern in Berlin und Moskau das Feld überlassen. Im Gegensatz
zum Oktober 1929 folgte dem September 2009 nicht nur internationale
Konferenzhektik, sondern es wurde tatsächlich massiv Geld in die
zusammenbrechenden Märkte gepumpt. Nun heißt es abwarten, bis
niedrige Zinsen, Staatsbürgschaften und Konjunkturprogramme die
Investitionsneigung privater Unternehmen und die Kauflaune privater
Konsumenten wieder beleben.
Mission Accomplished?
Gegenwärtige Prognosen des Endes der Krise sind ebenso unseriös wie
die Verkündung dauerhaften Wachstums vor der Krise. Die
Zukunftswerte von Aktienpreisen, Bruttoinlandsprodukt und
Arbeitslosigkeit lassen sich gegenwärtig nicht voraussagen. Sie sind
auch nicht entscheidend. Anders als es sich so mancher
Wirtschaftsexperte vorstellt, lässt sich aus dem geschichtlichen
Vergleich nämlich nicht errechnen, wie viel entgangene Umsätze und
Gewinne in den 1930er Jahren hätten vermieden werden können, wenn
Obama & Co schon damals am Wirtschaftsruder gestanden hätten.
Stattdessen wirft ein Vergleich mit jenen Jahren die Frage nach
gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Alternativen auf, die
entscheidenden Einfluss auf Form und Inhalt zukünftiger
Entwicklungen haben können.
Kein Zweifel:
Quantitativ bestehen erhebliche Unterschiede zwischen der Großen
Depression und der gegenwärtigen Krise. Von der Verelendung der 30er
Jahre sind die kapitalistischen Zentren gegenwärtig noch weit
entfernt und in den Peripherieländern gehörte Massenelend schon
lange vor der gegenwärtigen Krise zur Normalität. Wichtiger jedoch
dürften qualitative Unterschiede sein, denn damals gab es
mobilisierungsfähige Projekte der Krisenüberwindung. Kommunisten,
Nazis und Liberale konkurrierten sogar darum, wer als Erstes den Weg
aus der Krise finden würde. Dagegen scheint es heute fast unmöglich,
über Alternativen auch nur nachzudenken, geschweige denn für diese
zu mobilisieren. Dies liegt nicht zuletzt an den Erfahrungen mit den
tatsächlich eingeschlagenen Auswegen aus der Krise der 30er Jahre.
Nachdem sich die Utopien an der Wirklichkeit blamiert haben, ist die
Scheu vor neuen Hoffnungen groß.
Zugegeben, vom
Nationalsozialismus war eine dauerhafte Krisenlösung schon in den
30ern nicht zu erwarten. Hinter der Volksgemeinschaftsutopie lugte
von Anfang an die Kriegs- und Genoziddrohung gegen alles Undeutsche
hervor. Über die Befürchtung, dass dieses Wahnsinnsprojekt
scheitern müsse, versuchten die Nazis mit besonders forschem
Auftreten hinweg zu täuschen. Dem militärischen ging der
ideologische Blitzkrieg voraus. Eilig gingen die Nazis darüber
hinweg, dass die arische Herrenrasse innerhalb des für sie
vorgesehenen Lebensraums eine Minderheit darstellte, und dass die zur
Abwertung zu Untermenschen bestimmte Bevölkerungsmehrheit sich mit
guten Erfolgschancen gegen diese Rassenpolitik wehren würde.
Zum vorübergehenden
Erfolg der rassistischen Verblendungsoffensive hat, allerdings
ungewollt, auch die Arbeiterbewegung beigetragen. Deren
klassenpolitischer Ansatz begann die Politik nach dem Ersten
Weltkrieg zu dominieren, stieß jedoch in
der Weltwirtschaftskrise an die Grenzen rechter Volksgemeinschaften
und linker Volksfronten. Damit hatte jener Übergang von autonomer
Klassenpolitik zu den „verstaatlichten“ Arbeiterbewegungen
begonnen, der nach dem Zweiten Weltkrieg zur Herausbildung von
Staatssozialismus Ost und Sozialstaatskapitalismus West führte.
Der naive Glauben
der Sozialdemokratie an die Weimarer Demokratie, die sich tagtäglich
von SA-, Generals- und Junkerstiefeln treten ließ ohne jemals
zurückzutreten, war ebenso entwaffnend wie kommunistische
Lobpreisungen des Vaterlandes aller Werktätigen. Die
Erfolgsmeldungen von sowjetischen Produktionsschlachten und
5-Jahr-Plänen beeindruckte in jener Zeit zwar die Bourgeoisie, deren
Zugriff auf die lebendige Arbeitskraft in Folge von Depression und
Massenarbeitslosigkeit geschwächt war, aber nur sehr wenige
Arbeiter. Diese wussten oder ahnten mehrheitlich, dass ihr Elend im
krisengeschüttelten aber dennoch industrialisierten Westen immer
noch geringer war als jenes der im Osten mit der Industrialisierung
erst entstehenden Arbeiterklasse. Von Weimar wie von Moskau
enttäuscht und an der Unfähigkeit zur antifaschistischen
Einheitsfront verzweifelnd, überließen viele Aktivisten der
Arbeiterbewegung schließlich jenen NS-Krakeelern das Feld, die dem
deutschen Arbeiter eine Heimat in der arischen Volksgemeinschaft
versprachen.
Vor dem Ersten Weltkrieg
gab es da noch andere Möglichkeiten. Arbeitslosen
Industriearbeitern, landlosen Bauern und bankrotten Kleingewerblern
bot sich die Auswanderung ins gelobte Land Amerika an. Nach dem
Zweiten Weltkrieg folgte Westdeutschland, seiner tatsächlichen und
geplanten Agrarlebensräume im Osten verlustig gegangen, dem
amerikanischen Industrialisierungsmodell. Man musste gar nicht mehr
auswandern, weil Amerika in die alte Welt kam. Nur während der
Großen Depression waren die USA alles andere als ein Vorbild.
Standen die Arbeiter in Deutschland bei der Stempelstelle an, holten
sich ihre amerikanischen Klassengenossen ihre tägliche Armenspeisung
ab. Als Mitte der 1930er Jahre Arbeitslose und Beschäftigte in den
USA zu einer politischen Kraft wurden, hatte die Arbeiterbewegung in
Deutschland bereits vor dem Faschismus kapituliert.
Die im Amerika der
Depression entstandenen Industriegewerkschaften, deren Zugehörigkeit
nicht von Gesellenbriefen oder, zunächst zumindest, politischen
Orientierungen abhing, kamen schließlich im Tornister der US-Army
nach Westdeutschland. Nicht viel anders als Ostdeutschlands
Fünf-Jahr-Pläne, denen die Rote Armee den Boden bereitet hatte. Der
Staatssozialismus, dessen Macht mehr auf einem Bündnis sowjetischer
und ostdeutscher Parteiapparate als auf aktiver Unterstützung durch
breite Arbeitermassen ruhte, landete 1990 zur kapitalistischen
Abwicklung bei der Treuhandanstalt. Als ein Jahr später die
Sowjetunion aufgelöst wurde, war der weltpolitische Sieg des
US-geführten Kapitalismus perfekt. Trotzdem ist aus den Ruinen des
Staatssozialismus keine krisenfreie New
Economy entstanden. Mit Blick auf die
aktuelle Krise ließe sich sogar die These aufstellen, dass die
Ausweitung des Akkumulationsfeldes in vormals staatssozialistisch
abgeschlossene, und im Westen immerhin noch sozialstaatlich
regulierte Räume, eine schon lange fällige Krise zwar
hinausgeschoben, aber schließlich doch nicht verhindert hat.
Die durch die
Kriegswirtschaft auf den Weg gebrachte Prosperität, die die Große
Depression ablöste, ist freilich schon in den 1970er Jahren an die
Grenzen profitabler Anlagemöglichkeiten gestoßen. Seither stellen
Überkapazitäten und spekulativ angetriebene Renditeforderungen ein
beständiges Krisenpotenzial dar, das nur mit Mühe eingedämmt
werden konnte. In den 1980er Jahren gelang dies durch die
Zurückdrängung selbstständiger Industrialisierungsansätze im
Süden, in den 1990ern, wie bereits erwähnt, durch die Öffnung
neuer Märkte im Osten. In beiden Fällen konnten ein paar neue
Kunden gewonnen, der Zugang zu billigen Rohstoffen und Arbeitskräften
gesichert und neue Produktionsanlagen installiert werden. Doch
während die Börsenkurse ins Kraut schossen, blieben Produktions-
und Beschäftigungswachstum zurück. Schlimmer noch: Die
Investitionskonjunkturen im Süden und Osten führten zu weiteren
Überkapazitäten.
Nach dem Ende des
New Economy-Aufschwungs
der 90er Jahre konnten zwar Immobilien- und Rohstoffspekulation
angeheizt werden. Der von steigenden Börsennotierungen ausgehende
Vermögenseffekt, der die Ausgabenfreude von Unternehmen und mehr
noch Verbrauchern anregen soll, fiel allerdings sehr schwach aus.
Zusammen mit drastisch steigenden Kriegsausgaben führte er zum
schwächsten Konjunkturaufschwung seit dem Ende der 1930er Jahre.
Dafür erleben wir nun die tiefste Krise seit jener Zeit und es
stellt sich die Frage, ob die Insolvenz von General Motors ebenso zum
Symbol für das Ende einer Epoche wird wie die Öffnung der Berliner
Mauer vor zwanzig Jahren.
Im Osten bestand
damals freilich die Hoffnung, mit der Übernahme kapitalistischer
Produktionsverhältnisse sei der Beginn eines nachholenden
Wirtschaftswunders verbunden. Vom Westen wurden solche Erwartungen
aus wohlverstandenem Geschäftsinteresse nach Kräften geschürt.
Doch der Globalisierung kapitalistischer Märkte folgten bald
eskalierende Kriege und nunmehr auch eine globale Krise. Anders als
in den 30ern, als Stalin, Hitler und Roosevelt unterschiedliche Wege
zur Krisenüberwindung wiesen, und im Gegensatz zu den frühen 90ern,
als Stalins Erben die Krise des Staatssozialismus durch Anschluss an
den Westen zu lösen suchten, herrscht heute Ratlosigkeit.
Nichts symbolisiert
das Ende der Utopie Amerika so sehr wie Detroit und die dort
beheimatete Automobilindustrie. Dort war in den 1920er Jahren ein
Modell standardisierter Massenproduktion entstanden, das von den
Sowjets in Magnitogorsk und von den Nazis in Wolfsburg und Salzgitter
nachgeahmt wurde. In den 30er Jahren erzwangen streikende
Automobilarbeiter die Anerkennung ihres neuen Modells von
Industriegewerkschaften, das mit Abwandlungen und Zeitverzögerung in
vielen anderen Ländern übernommen werden sollte. In den 40er Jahren
stammte ein erklecklicher Teil der Panzer, die zur Niederringung der
Nazis beitrugen, aus der Detroiter Industrieregion. In den 50er
Jahren sah die Stadt die Verdrängung proletarischer Quartiere durch
manierliche Vorstädte, in denen sich der Arbeiter seinen
Vorgesetzten gleichgestellt fühlen sollte. Mit der Vorstellung einer
klassenlosen Konsumgesellschaft wurde die Motor
City noch einmal zum Vorbild für
Unternehmer, Gewerkschaftsführer und Politiker in anderen Ländern.
Eine Welle der
Arbeitermilitanz, die weder auf Gewerkschaftsführungen warten noch
sich von diesen etwas vorschreiben lassen wollte, ließ in den 70er
Jahren Ahnungen von Klassenkampf wach werden. Die damit eingeleitete
Zeitenwende nahm freilich eine Richtung, die sich viele der damaligen
Aktivisten nicht vorstellen konnten. Damals schienen die Zeichen der
Zeit auf Sozialismus zu stehen. Unter Neoliberalismus, der in den
90er Jahren klassenübergreifend als natürliche und allenfalls
moralisch anzuklagende Wirtschaftsordnung wahrgenommen wurde, konnte
sich in den 70ern noch kaum jemand etwas vorstellen. Ebenso
unvorstellbar war es, das die Big Three
aus Detroit nicht mehr anderen als Vorbild dienen könnten, sondern
selbst den Managementstrategien aus anderen Ländern folgen würden.
Doch genau das geschah kurze Zeit später. Eingeklemmt zwischen der
aufkommenden Auslandskonkurrenz und renitenten Arbeitern in den
heimischen Fabriken, folgten General Motors & Co nunmehr dem
Vorbild von Toyota und Honda. Gleich ihrer Konkurrenz aus Übersee
ersetzten sie einen Teil der rebellischen Arbeitskraft durch Roboter
und schufen neue Produktionsanlagen im weitgehend gewerkschaftsfreien
Süden der USA. Damit war die Macht der Industriegewerkschaften
gebrochen, die Zeit des Zurückweichens war in Detroit angebrochen.
Dazu gehörten nicht nur Lohnzugeständnisse, sondern schließlich
auch die Übertragung der betrieblichen Krankenversicherung auf die
Gewerkschaft. In einem Land, das keine gesetzliche
Krankenversicherung kennt, und in Betrieben mit beträchtlichen
Beschäftigtenzahlen, geht es dabei um beträchtliche Summen.
Um der
Kostenbelastung durch laufende Beitragszahlungen zu entgehen,
entschieden sich die Detroiter Autobauer vor ein paar Jahren zur
Schaffung eines Gesundheitsfonds, den sie einmalig mit Kapital
ausstatten und danach den Gewerkschaften übertragen würden. Damit
blieb es letzteren überlassen, durch geschickte Finanzinvestitionen
ausreichende Rendite zu erwirtschaften, um die Arztrechnungen ihrer
Mitgliedschaft zu begleichen. Im Gegensatz zu Wall Street-Bankern
verspielten die Gewerkschaften aber nicht ihr ganzes Geld. Deshalb
konnten sie jetzt unerwartet zu Kapitalgebern ihrer eigenen Chefs
werden. Bei Chrysler wurden den United Auto Workers bereits 55
Prozent der Aktien übertragen, und bei General Motors ist nun eine
Mehrheitsübernahme im Laufe des Insolvenzverfahrens vorgesehen.
Was für ein
Unterschied zu den 30er Jahren: Damals weigerten sich streikende
Arbeiter, die Fabriken zu verlassen und stellten damit das
Privateigentum an Produktionsmitteln praktisch in Frage. Weil die Big
Three keine Ausweichmöglichkeiten
hatten, aber trotzdem Autos bauen und verkaufen wollten, konnten sie
zu Zugeständnissen an die Arbeiter gezwungen werden. Die Situation
entspannte sich erst, als ein Teil dieser Arbeiter in Uniformen
gesteckt und disziplinierte Fabrikarbeit zur vaterländischen Pflicht
ernannt wurde. Auch heute wieder fragt sich mancher arbeitslose
Automobilarbeiter, ob er einen Job als Soldat annehmen soll. Das
moralische Band zwischen Armee und Fabrik ist dennoch zerrissen und
zur Disziplinierung der Arbeiter auch nicht mehr nötig. Einerseits
sind Krieg und Soldatentum heute ein Geschäft unter anderen, so dass
selbst die Anrufung vaterländischer Gefühle zum massenkulturellen
Event herabgesunken ist. Andererseits ist die Anrufung des
Vaterlandes zwecks Zurückdrängung proletarischer
Aneignungsbemühungen obsolet. Der Betrieb wurde ihnen zwecks
Sanierung oder Abwicklung ohnehin überlassen. Nun fragen sich
Malocher, Vorarbeiter und Gewerkschaftsführer, was sie mit den
Produktionsmitteln anfangen sollen, die kapitalistischen
Profitanforderungen nicht mehr genügen. Dabei sind die
Verfügungsrechte der neuen Mehrheitseigner von Anfang an beschränkt,
weil sich die Gewerkschaft nicht nur zur Anlage ihrer
Krankenkassengelder im eigenen Betrieb hat überreden lassen, im
Gegenzug aber nicht auf entsprechenden Stimmrechten bestanden hat.
Bei GM und Chrysler wurde die kapitalistische Demokratie – ein
Dollar, eine Stimme – suspendiert. Die Unternehmen gehören zwar
mehrheitlich der Gewerkschaft, Geschäftsentscheidungen können aber
von den Minderheitsaktionären aus Banken und Regierungen gefällt
werden. Diese Art des Nominaleigentums hat wenig mit der praktischen
Aneignung der Produktionsmittel gemein, die streikende Arbeiter in
den 1930er Jahren ansatzweise ausprobierten, als vielmehr mit dem
untergegangenen Staatssozialismus, in dem das Arbeitereigentum von
einer abgehobenen Staats- und Parteibürokratie verwaltet wurde.
Heute sind es Staats- und Finanzbürokratien.
Doch selbst wenn die
verbleibenden Automobilarbeiter praktisch von ihren Fabriken Besitz
ergreifen würden, wäre weiterhin unklar, was damit anzufangen sei.
Dass es Überkapazitäten gibt und eine auf Verbrennungsmotoren
beruhende Wirtschaft keine Zukunft hat, ganz gleich in wessen
Eigentum sie sich befindet, wissen auch Arbeiter, die in ihrer
Verzweiflung alles tun, um ihren Arbeitsplatz zu behalten. Es mag
schon sein, dass die Arbeiter in Detroit und anderswo eine Welt zu
gewinnen haben, wie Marx und Engels hoffnungsfroh im Kommunistischen
Manifest geschrieben haben. Nur wissen
sie derzeit nicht, wie diese Welt aussehen könnte, bzw., wofür sie
denn eigentlich kämpfen könnten.
Lange hielt sich die
Arbeiterbewegung an die Vorstellung, die unter kapitalistischer
Herrschaft entwickelten Produktivkräfte könnten zu Springquellen
genossenschaftlichen Reichtums und damit ökonomische Basis einer
klassenlosen Gesellschaft werden. Hierüber herrschte weitestgehend
Konsens in der Arbeiterbewegung, mit Ausnahme einiger anarchistischer
Zirkel. Zum Streit kam es zunächst nur über die Frage, ob der
sozialistische Weg über das Parlament oder Massenstreik und
Revolution führen sollte. Später wurde darüber gestritten, ob
proletarische Avantgarden die an kapitalistischen Vorbildern
orientierte Produktivkraftentwicklung in wenig industrialisierten
Ländern beschleunigen sollten, bzw. müssten, und ob entsprechende
Versuche notwendigerweise zur Transformation dieser Avantgarden in
eine neue Ausbeuterklasse führen würden. Die letzte große
Kontroverse in der Arbeiterbewegung betraf schließlich die Frage, ob
ein parlamentarischer Klassenkompromiss westlicher Prägung die
einzige realitätstaugliche Alternative zur östlichen Parteidiktatur
sei. Gemessen am sozialistischen Idealtypus einer herrschafts- und
ausbeutungsfreien Gesellschaft war diese Wahl zwischen Sozialstaat
mit kapitalistischem Eigentumsvorbehalt einerseits und
Staatssozialismus unter bürokratischer Parteiverwaltung andererseits
ernüchternd genug, um den Utopieverlust der Arbeitsgesellschaft als
angemessene Zeitdiagnose erscheinen zu lassen. Damit wurde der Weg
frei für Utopien, welche die Frage nach der materiellen Reproduktion
individuellen und gesellschaftlichen Lebens gar nicht mehr stellen,
sondern sich, je nach Neigung und Geldbeutel, für den ungehinderten
Austausch von Identitäten, Informationen und/oder Waren
begeisterten. Damit sind jedoch die kapitalistischen Produktivkräfte
weder überwunden noch kollektiv angeeignet. Sie sind lediglich
unsichtbar für jene, die sich nicht unter kapitalistischem Kommando
verdingen müssen und trotzdem Zugang zu Lebens- und
Kommunikationsmitteln haben.
Die Frage nach
grundsätzlich anderen Produktivkräften, deren Arbeitsteilung nicht
zur Reproduktion von Herrschafts- und Ausbeutungsstrukturen und deren
stoffliche Gestalt nicht zu ökologischer Zerstörung würde, war in
den Hauptströmungen der Arbeiterbewegung ebenso Anathema wie in
kapitalistischen Konzernzentralen. Lediglich kleine Dissidentenzirkel
innerhalb der Arbeiterbewegung und schließlich eine zumeist
klassenvergessene Umweltbewegung wagten sich an dieses Thema. Dabei
kamen sie meist nicht weit über Kritik, rückwärtsgewandte
Zurück-zum-einfachen-Leben-Romantik oder technokratische Visionen
einer ökologisch geplanten Wirtschaft hinaus.
In jüngster Zeit
ist die Umweltfrage, weil ja ohnedies dauernd über die 1930er
Jahre gesprochen wird, dem New Deal aufgepfropft worden. Nachdem die
Sozialdemokratie sich an der Versöhnung von arbeiterbewegten
Gerechtigkeitsvorstellungen und kapitalistischen Profitansprüchen
versucht hat, sollen letztere nun noch grüne Märkte öffnen.
Mitreißend ist das nicht, nachdem rot-grüne Bündnisse in der
Vergangenheit eher dem Sozialabbau sowie der Herausbildung einer
Ökounternehmerfraktion zum Durchbruch verhalfen als einem
genossenschaftlichen und dazu noch umweltverträglichen Reichtum.
Aber immerhin: Mit dem Thema eines Green
New Deal sind die Fragen nach einer
Neugestaltung von Sozialbeziehungen und Produktivkräften auf dem
Tisch. Die Reichweite dieser Fragen ist nur deshalb schwer zu
erkennen, weil Antworten nur im begrenzten Rahmen privater
Kapitalakkumulation und Profitaneignung gesucht werden. Dieser Rahmen
wird selbst da nicht überschritten, wo Arbeiter bzw. ihre
Gewerkschaften unerwartet zu Miteigentümern geworden sind.
Auf der anderen
Seite werden die Grenzen dieses Horizonts umso stärker wahrgenommen,
je klarer Arbeitern und Gewerkschaftern wird, dass sie nun selbst das
Rationalisierungsgeschäft der Kapitalisten zu besorgen haben. In der
Vergangenheit wurde an entsprechenden Bemühungen im Rahmen
betrieblich bzw. tarifvertraglich und staatlich regulierter
Sozialpartnerschaft schon oft mitgearbeitet. Dabei bestand jedoch
stets die Hoffnung, dass es nach einer Durststrecke auch mal wieder
aufwärts ginge. Diese Hoffnung auf kapitalistisches, ggf. auch
grünes, Wachstum und hierauf beruhendem sozialen Ausgleich wird
heute zwar noch vielfach verkündet, aber kaum mehr geglaubt. Im
Angesicht des Utopieverlustes kapitalistischer
Marktvergesellschaftung bliebe also eigentlich „nur“ noch die
Hoffnung auf sozialistische Utopien und die Erarbeitung
entsprechender Übergangsprogramme.>
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