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E. H.
Bottenberg: kehlungen.ent.kehlungen. Text-Chimären. Regensburg (S.
Roderer Verlag) 2008, 87 Seiten
von
Daniela Gretz
Ernst
Heinrich Bottenbergs siebter Gedichtband kehlungen.ent-kehlungen
fügt sich nahtlos in das bisherige literarische Œuvre des
emeritierten Sozialpsychologen ein, das nicht zuletzt von dessen
wissenschaftlicher Vor- bzw. Verbildung entscheidend geprägt wird.
Zunächst einmal wirken Bottenbergs Grenzgänge zwischen Literatur
und Wissenschaft irritierend und es bleibt letztlich schwer zu
entscheiden, ob es sich nun bei den vorliegenden »Text-Chimären«
(so der Untertitel) um die späten spielerischen Ausgeburten einer
déformation
professionnelle
handelt oder doch um die emphatische Wiedergeburt der Lyrik aus dem
Geist der Wissenschaft.
Festzustellen
bleibt, dass Bottenberg erneut einigen Aufwand betreibt, um der Lyrik
unter den Bedingungen der »Epoche der Globalisierung« (so der
Klappentext) neue Ausdrucksmöglichkeiten abzugewinnen, auch wenn er
seine exzentrischen Wort- und Satzgebilde einstweilen ganz bescheiden
mit »Texte« überschreibt. Neben der literarischen De- und
Rekontextualisierung wissenschaftlicher Terminologie und Rhetorik
bedient er sich dabei besonders einer betont ›experimentellen‹
(aber seit der klassischen Moderne auch längst schon wieder
traditionell anmutenden) Typographie (Zweipunktabstand zwischen
einzelnen Wörtern, idiosynkratische Interpunktion und Groß- und
Kleinschreibung, ausschweifende Binde- und
Gedankenstrichkonstruktionen), die gleichermaßen der
Bedeutungsde(kon)struktion wie der Bedeutungssteigerung und der
Vervielfältigung des Sinns dienen soll. In den besten Passagen des
Bandes gelingt dies und Bottenberg kann (auch das ein aus der
Lyrikgeschichte altbekannter Topos) der abgenutzten,
konventionalisierten Sprache Assoziationsreichtum und neue
Ausdruckskraft verleihen. Leider macht er jedoch von den genannten
Mitteln so radikal und exzessiv Gebrauch, dass sich der angestrebte
Effekt schnell verflüchtigt und letztlich die Lesbarkeit so stark
beeinträchtigt wird, dass sich so etwas wie ›pures Lesevergnügen‹
nur höchst selten einstellt. Tröstlich bleibt allein, dass so das
Leiden des Lesers am Text mit dem in den Texten zum Ausdruck
gebrachten Leiden an der modernen Welt korrespondiert...
Auch
wenn die Texte in erster Linie ihre Eigengesetzlichkeit und Hermetik
emphatisch ausstellen und damit zugleich einen spontanen und
intuitiven Zugang systematisch verstellen, lässt die so
eingeforderte Arbeit am Text , wenn man sie denn zu leisten bereit
ist, ein ganz eigenes, anspielungs- und traditionsreiches
Textuniversum entdecken. Dessen (leeres) Zentrum markiert der
melancholische Gestus eines (vergeblichen) literarischen Ringens um
Sinngebung und Bedeutungskonstruktion in einer technisierten,
mechanisierten und globalisierten Welt.
Manche
von Bottenbergs ›Texten‹ verleihen dabei dem Bemühen, der
modernen Welt ›dennoch‹ eine Stimme zu geben, selbstreflexiv
Ausdruck, indem sie sich als die titelgebenden »kehlungen« und
»ent.kehlungen« inszenieren, wie z.B. in »den SCHWEREN.MUND«:
»aufwürgend verWordenes Schluchzendes / suchend die wunde / den
SCHWEREN.MUND / der dinge der zeiten der orte«. Dabei illustriert
der Titel des Bandes selbst bereits treffend das Bottenbergsche
Verfahren, da er den technischen Begriff der Kehlung als Aushöhlung
oder Einbuchtung mit der Assoziation einer (versagenden) Stimmgebung
verbindet und zum poetologischen Programm macht.
Insgesamt
handelt es beikehlungen.ent.kehlungen
also um den Versuch einer alternativen, literarischen Vermessung der
globalisierten Welt, gleichermaßen im Anschluss an und in Konkurrenz
zu deren technischer und wissenschaftlicher Vermessung , die in den
Texten ostentativ zur Schau gestellt und kritisiert wird. Dabei
bestimmen die Texte zwar die diskurstypischen Dichotomien
(Innen-Außen, Eigenes-Fremdes, Schwarz-Weiß...) und Begriffe
(Zweck, Gewinn, Berechnung, Grenze...), die jedoch ständig
rekombiniert und mittels zahlreicher Re-Entry-Figuren ineinander
überführt und gespiegelt werden. So wird z.B. die eigene Innenwelt,
die, im Kontrast zur überkommen lyrischen Innerlichkeit, stets mit
neurophysiologischen Adjektiven wie limbisch, zerebral und neuronal
näher bestimmt wird, regelmäßig zum Spiegel elementarer Fremdheit
und Entfremdung und die Konfrontation mit dem Fremden gerinnt
umgekehrt häufig zu Bildern einer eigenen inneren Entfremdung. Im
Anschluss daran kommt es, neutheoretisch gesprochen, in Bottenbergs
»Text-Chimären« immer wieder zu Hybridisierungen (so die wenig
spektakuläre Bilanz), die allerdings, wie plakativ in »Melencolia
(AD 1514): afro-americana«, im Gegensatz zur schönen neuen
Theoriewelt, wenig Anlass zur enthusiastischen Feier der
Globalisierung bieten.
Stattdessen
dominiert den Band jener althergebrachte melancholische Gestus, der
die geheimnisvollen, dunklen und bedeutungstragenden Reste und
Überbleibsel einer überkommenen Welt (und Literatur) anzipiert
(siginifikanterweise werden hier parallel zu Bottenbergs früheren
Gedichtbänden immer wieder Naturbilder bemüht), die wie u.a. in
»des Tal.Gewinns« letztlich allerdings nur mehr emphatisch eine
Leerstelle markieren, die Bottenbergs »Texte« selbst weder füllen
können noch wollen: »Der Schluß: nulllinie.Definiert«.
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