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Neue Geopolitik? Vom begrenzten
Nutzen der reinen Frankfurter Theorie
Tobias ten Brink: Geopolitik.
Geschichte und Gegenwart kapitalistischer Staatenkonkurrenz. Mit
einem Vorwort von Bob Jessop, Münster 2008: Westfälisches
Dampfboot, 307 S.
von Herbert Ammon
Mit Geopolitik, den
geographischen und historisch-kulturellen Bedingungen politischen
Handelns, hat sich die ›kritische Linke‹ im 20. Jahrhundert kaum
je befasst. Als ideologisch aufgeladenes Synonym für den
Imperialismus, dereinst im Weltkriegsjahr 1916 (veröffentlicht 1917)
von Lenin »gemeinverständlich« definiert »als höchstes Stadium
des Kapitalismus«, war der Begriff verpönt. Selbst nach dem
Mauerfall im Epochenjahr 1989, der viele alte Gewissheiten zum
Einsturz brachte und die geopolitischen Realitäten erneut vor Augen
rückte, machten die meisten ›Linken‹ einen Bogen um
›Geopolitik‹.
Mit einigen Erwartungen geht
man daher an das Buch von Tobias ten Brink, entstanden als
politikwissenschaftliche Dissertation unter dem Frankfurter Marxisten
Joachim Hirsch: Wie fließen physikalische Geographie, Insel- oder
Binnenlage eines Landes, Ressourcen und Bevölkerungspotential,
Agrar- und Industriestrukturen samt technischem Entwicklungsstand,
last but not least, kulturelle ›Produktivkräfte‹ in eine
marxistische, ›materialistische‹ Analyse ein? Heißt es nicht
schon bei den ›linken‹ Kirchenvätern (die selbst den Begriff
›links‹ nirgends verwendeten) in der Deutschen Ideologie
(1844): »Wir kennen nur eine einzige Wissenschaft, die Wissenschaft
der Geschichte. Die Geschichte kann von zwei Seiten aus betrachtet,
in die Geschichte der Natur und die Geschichte der Menschen abgeteilt
werden. Beide Seiten sind indes nicht zu trennen; solange Menschen
existieren, bedingen sich Geschichte der Natur und Geschichte der
Menschen gegenseitig.«
Die geographischen
Naturgegebenheiten von Staaten als grundlegende materielle Faktoren
des politischen Handelns waren das große Thema der ›Geopolitik‹,
von Friedrich Ratzel und Halford Mackinder über Rudolf Kjellén und
Karl Haushofer bis zu Francis Spykman. Eine Studie mit dem Titel
Geopolitik: Geschichte und Gegenwart kapitalistischer
Staatenkonkurrenz sollte zumindest einleitend auf die Doktrinen
dieser im 20. Jahrhundert überaus einflussreichen Protagonisten
Bezug nehmen, und sei es, um die marxistische Analyse von
›imperialistischer‹ Apologetik abzugrenzen. Der Autor erwähnt
die »deutsche geopolitische Schule um Karl Haushofer« und deren
fatale Applikation im Nationalsozialismus nur in der allerersten
Fußnote. (S.16). Von den einschlägigen Namen »im angelsächsischen
Raum« (ibid.), wo der Begriff derzeit eine Renaissance
erlebt, kommt außer Zbigniew Brzezinski, Vertreter eines
geopolitisch ausgerichteten ›Realismus‹, akademischer Lehrer von
Madeleine Albright, Akteur im inneren Machtzirkel Washingtons seit
Jimmy Carter, in ten Brinks Buch keiner vor. In der über
dreißigseitigen Literaturliste sind zwar eine Unzahl marxistischer
(die ganze Galerie von größeren und minderen Geistern, von Marx,
Rosa Luxemburg, Lenin und Antonio Gramsci über Paul Sweezy, Ernest
Mandel, Nico Poulantzas, Cornelius Castoriadis bis zu Elmar Altvater
und Frank Deppe u.a.) sowie nichtmarxistischer Autoren (von Werner
Sombart über Joseph Schumpeter bis zu Hannah Arendt und Herfried
Münkler) aufgeführt, doch keiner der ›Klassiker‹ der
Geopolitik.
Ziel
der Dissertation ist die Analyse der »geopolitischen bzw.
imperialistischen Phänomene« (
u.a. S. 17, 164). In der fehlenden begrifflichen Differenzierung
(»bzw.«) ließe sich bereits das grundlegende theoretische
Manko der an Theorie überreichen Arbeit fixieren. Worauf zielt das
Thema? Der Autor erklärt einleitend, er ziehe »an vielen Stellen«
den Begriff >Geopolitik
dem des Imperialismus
vor,
weil letzterer, mit direkter Gewaltanwendung assoziiert, »die
vielschichtigen Konfliktformen unterhalb eines offenen
Gewaltaustrags« nicht erfasse. »Weil
der Begriff des Imperialismus bzw. des imperialistischen Phänomens
besonders während des Kalten Krieges zu einem hochgradig besetzten,
politischen Kampfbegriff wurde«, soll »eine kurze Definition...den
wissenschaftlichen Gebrauch des Begriffs bzw.
des synonym verwendeten Begriffs Geopolitik
(Hervorh. H.A.) ermöglichen und vor theoretischen Einseitigkeiten
schützen. Das Phänomen des kapitalistischen Imperialismus kann hier
vorläufig als eine offene oder latente Gewaltpraxis von
kapitalistischen Einzelstaaten zur Verteidigung, Befestigung bzw.
Steigerung ihrer Macht vor dem Hintergrund weltweiter ökonomischer
Abhängigkeiten und politischer Fragmentierung verstanden werden.«
(S. 17).
Eine
solche Definition »imperialistischer bzw. geopolitischer Phänomene«
schließt nicht-kapitalistische Staaten anscheinend von der Analyse
aus. Das ist kein Zufall. Denn in der von der Frankfurter Schule
geprägten Sicht der Dinge gibt es um nichts anderes als die von
destruktiver kapitalistischer Dynamik durchtränkte Moderne. In ten
Brinks Analyse der »imperialistischen bzw. geopolitischen«
Phänomene geht es daher um nichts geringeres als die Aufdeckung
sämtlicher Wirkungsmechanismen des Kapitalismus. Es geht
nicht
um eine historisch fundierte Analyse des ökonomisch und geographisch
determinierten imperialistischen Ausgreifens von dazu befähigten
Mächten,
auch
nicht allgemein um die geopolitischen Handlungsbedingungen
und -strategien von Staaten (›kapitalistischer Staaten‹). Damit
wird der Begriff ›Geopolitik‹ inhaltlich und heuristisch von
vornherein entwertet. Denn was taugt ein ›neuer‹ Begriff
›Geopolitik‹ als begrifflich abgeschwächtes Synonym von
›Imperialismus‹? Wie tritt durch den ›global‹ ausgeweiteten
Begriff des ›Kapitalismus‹ und der ›kapitalistischen
Staatenkonkurrenz‹ die Spezifik der Begriffe ›Imperialismus‹/
›Geopolitik‹ hervor?
Zur
Kritik am Ansatz: Historisch-geographisch durchaus unterschiedlich
situierte Kleinstaaten wie Luxemburg oder Singapur, Bastionen
(finanz-)kapitalistischer Akkumulation, scheinen zu imperialistischer
Politik kaum geeignet, der obigen Definition nach indes dazu
prädestiniert. Weiter: Ist die 1945 einsetzende, durch blutigen
Krieg (1950-1953) verfestigte Teilung Koreas der Theorie nach als
›imperialistisches‹, in
nuce ›kapitalistisches‹
Epiphänomen zu betrachten oder nicht viel mehr als klassisches
›geopolitisches‹ Phänomen, verursacht durch den Zusammenstoß
der Mächte und Ideologien nach dem II. Weltkrieg auf der
geostrategisch bedeutsamen Halbinsel in Ostasien? Wie anders als
klassisch ›geopolitisch‹ – oder schlicht historisch – ist
die wenige Jahre nach dem Siege Maos über Chiang Kaishek
augenfällige Verfeindung der sozialistischen ›Bruderstaaten‹
Sowjetunion und VR China zu erklären? Schließlich: Wie ist heute,
knapp zwanzig Jahre nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums, das
Verhältnis der geschwächten Großmacht Russland und des alten
›Reiches der Mitte‹ zu beurteilen? Täglich strömen derzeit an
die 5000 Chinesen über die offene Grenze im Fernen Osten. Es handelt
sich um faktische Geopolitik, weitab von jeglicher ›kapitalistischer
Staatenkonkurrenz‹, es sei denn, man wolle das Phänomen der
illegalen Einwanderung den Strategien der zum Kapitalismus
konvertierten chinesischen Kommunisten zuschreiben.
Entgegen
dem Titel des Buches liegen historisch-politische Analysen weithin
außerhalb des Betrachtungsfeldes. Zwei Drittel des Buches sind der
reinen Theorie gewidmet, kompiliert aus einer Überfülle an
Literatur. Selbst wo er eine historische Analyse der »Phasen der
Staatlichkeit«, sowie des Ost-West-Konflikts (unter dem Rubrum
»kapitalistische Staatenkonkurrenz«) vornimmt, bewegt sich ten
Brink vornehmlich auf dem Felde der Theorie. Erst im dritten Teil der
Arbeit (»Marktliberaler Etatismus: Gegenwärtige geopolitische
Phänomene«) nimmt er relevante Fragestellungen auf, so zum
Charakter der USA (»Anspruch und Realität des amerikanischen
Imperiums«), zur »konfliktbeladenen Partnerschaft« EU-USA sowie
zum möglichen neuen Großkonflikt China-USA.
Von den
letztgenannten Themen abgesehen, geht es nicht um konkrete
Fragestellungen, sondern um den Kapitalismus, genauer: um die sich
»geopolitisch bzw. imperialistisch« manifestierende Dynamik jener
Wirtschaftsform (»Produktionsweise«), deren Konflikthaltigkeit in
marxistischer Terminologie gemeinhin mit den »Widersprüchen des
Kapitalismus« benannt wird. In Zeiten der ›Globalisierung‹ und
der ›Finanzkrise‹, verursacht von den global beschleunigten
Strömen spekulativen Kapitals, gewinnt marxistische
Kapitalismuskritik erneut an Plausibilität. Nur: Wie werden die von
derlei »Widersprüchen« erschütterten Staaten zu ›geopolitischen‹
Akteuren? Wie ›vermittelt‹ eine noch so differenzierte
marxistische Analyse die »Verwertungszwänge des Kapitals« sowie
die »kapitalistische Staatenkonkurrenz« mit aktuellen,
hochbrisanten Konflikten, mit dem permanent kriegerisch aufflammenden
Israel-Palästina-Konflikt oder dem Krieg am Hindukusch, wo nach den
Worten des einstigen Verteidigungsministers Peter Struck (SPD)
»Deutschland verteidigt wird«?
Ten
Brinks theoretische Grundlegung erfolgt anhand der für
Dissertationen typischen umfangreichen Auseinandersetzung mit der
Forschungsliteratur, mit den hinsichtlich der Phänomene ›Macht‹,
›Machtpolitik‹, ›Imperialismus‹ konkurrierenden Denkschulen.
Von der ältesten Imperialismustheorie des liberalen John A. Hobson
über die alt- und neomarxistischen Theorien von Lenin über Kautsky
bis Sweezy et al. sowie
die in der derzeitigen Globalisierungskritik einflussreichen Theorie
des universalen ›Empire‹ von Antonio Negri / Michael Hardt (2002)
gelangt er zu dem »Neo-Weberianer« Michael Mann, über den von Hans
J. Morgenthau in den USA etablierten Realismus
zum ›offensiven‹
Realismus (»Neorealismus«) John Mearsheimers. Die Kritik an den
bekannten marxistischen Imperialismuskonzepten, den
»Ein-Punkt-Definitionen« des Kapitalismus (S.52) ist überzeugend.
Doch auch die anderen Theorien leiden nach ten Brink an
»Unterkomplexität«.
Das
als »geopolitisch bzw. imperialistisch« definierte, von
»verselbständigten institutionalisierten Handlungszwängen«
durchdrungene kapitalistische Weltsystem soll auf drei Ebenen
analysiert werden: 1) Anhand der »konstitutiven Strukturmerkmale«.
Diese sind gut marxistisch mit mehrwertheckender Lohnarbeit,
Konkurrenz und »Geldverhältnissen« benannt, ergänzt durch
»Vielstaatlichkeit sowie den Weltwirtschaftszusammenhang«. Es geht
um die »Verbindung von Ausbeutung
und Konkurrenz«,
um die Verknüpfung innergesellschaftlicher, »vertikaler«
Klassenkonflikte mit »›horizontalen‹ Spaltungen der
Konkurrenzbeziehungen« (S.55). 2) Das »Phänomen des
kapitalistischen Imperialismus [soll] historisiert werden«, indem
die genannten Strukturmerkmale zu »diversen historischen
Phasen
der kapitalistischen Entwicklung in Beziehung« gesetzt und 3) anhand
von »spezifischen historischen
Konstellationen« analysiert
werden (S. 48). Dabei möchte der Autor die »politikwissenschaftliche
Engführung in der Disziplin der Internationalen Beziehungen«
vermeiden. Es »werden Ansätze aus weiteren Disziplinen – der
Soziologie, der Geographie (sic!)
sowie der Geschichts- und Wirtschaftswissenschaften einbezogen.«
(Ibid.) Ein anspruchsvolles Projekt.
Was ist danach Neues zum Thema ›Geopolitik‹ zu erfahren? Der
›Imperialismus‹ als allseitiges Expansions- und
Destruktionsmoment ist dem »Kapitalismus als global fragmentierten
System in Raum und Zeit« (so ein Untertitel im umfangreichen
Theorieteil II) inhärent. Er manifestiert sich im Kontext der
Internationalen Beziehungen, die wiederum in einem »multirelationalen
Geflecht« stattfinden. Für sie gilt: »Nicht intendierte bzw.
antizipierte, d.h. auch gewaltförmige Folgen des Handelns sind
aufgrund der Komplexität der internationalen Ebene geradezu
unausweichlich.« (S.86) Um dies zu wissen, genügt, fern jeder
Theorie, der Blick in die Tageszeitung.
Was die Lektüre zur Anstrengung macht, ist nicht allein das Übermaß
an ›Theorie‹. Die Theorie selbst bleibt in einigen Punkten
unscharf. Die Rolle des Staates gegenüber der kapitalistischen
Wirtschaft sowie der Begriff der zu ›Imperialismus‹ tendierenden
»Staatenkonkurrenz“« werden keineswegs plausibel. Wie ist das
Verhältnis von Staat und Wirtschaft/Gesellschaft, von ›Überbau‹
und ›Basis‹ zu bestimmen? Der Autor behilft sich mit dem bei
Marxisten beliebten Winkelzug: »An bestimmten...Punkten
[kapitalistischer Vergesellschaftung] ist die relative Autonomie des
Politischen ein Erfordernis eines entwickelten
Kapitalverhältnisses...« (57f.) Das ›Politische‹ besteht im
Handeln des gegenüber dem rein ›Ökonomischen‹ eigenständigen
Staates. Gleichzeitig erscheint der Staat, genauer, der bürgerliche
Rechtsstaat wiederum als Agentur des Kapitalismus, denn:
»Wirtschaftliche Prozesse verlangen in der Realität die
Konsolidierung von Rechten und Freiheiten sowie eine Reihe an
Methoden und Mitteln, diese zu garantieren.« (S. 58).
Weiter
unten wird das theoretische Problem mit einem Zitat von Joachim
Hirsch gelöst, der das »Interesse des Staates an sich selbst«
betont. »Der Staat der bestehenden Gesellschaft ist also aus
strukturellen
Gründen ›kapitalistisch‹,
und nicht allein deshalb, weil er direkten Einflüssen des Kapitals
unterworfen ist« (zit. S. 75) – eine klassische Tautologie als
Antwort auf das Problem. Warum sollte der Staat funktional als
»dritte Partei« zur Regelung der kapitalistischen
Austauschverhältnisse (S. 71) – überhaupt existieren? Am Ende
wird der Staat (die konkurrierenden »kapitalistischen
Einzelstaaten«) nach seinen rechtlichen, ökonomischen und
soziokulturellen Aufgaben bestimmt. Er fungiert als Kassenverwalter
(bezüglich der »Geldverhältnisse«), als Vermittler zwischen den
»Kapitalfraktionen«, Weltmarktkonkurrent, Krisenmanager und
sozialintegrativer Umverteilungsapparat in den »imaginierten
Gemeinschaften«, womit die von Benedict Anderson et
al.
›dekonstruierten‹ neuzeitlichen Nationen gemeint sind.
Kritik
fordert die historische Fundierung der Theorie (»Es existiert nicht
der
kapitalistische
Imperialismus, er muss immer in seiner historischen Spezifizität
analysiert werden«, S. 17) heraus. Sie erscheint nur dann plausibel,
wenn man unter der Prämisse des Globalkapitalismus a) der groben
Linie der kapitalistischen Entwicklungslogik und der drei
»Weltordnungsphasen« folgt: 1870-1945 (»klassischer
Imperialismus«); 1945-1972 (»Supermachts-Imperialismus«); ab 1989
(»neue Weltunordnung«) und b) über Fehlurteile und Fehler im
Historisch-Faktischen hinwegsieht. Wo von der Krisenhaftigkeit der
kapitalistischen Wirtschaft die Rede ist, hätte man den Verweis auf
Nikolai Kondratieff (»Die langen Wellen der Konjunktur«, 1926)
erwartet, der die ›langen Wellen‹ mit den Innovationsschüben des
industriellen Kapitalismus korrelierte. Allein, diese Krisentheorie
findet keine Erwähnung.
Die
Unterscheidung zwischen vorkapitalististischer (›feudaler‹) und
kapitalistischer Produktionsweise mag den neuzeitlichen
Geschichtsprozess durchaus erhellen. Doch sollte dabei die
Realgeschichte nicht strapaziert werden. Was
nur späte Jünger Trotzkis oder eben Frankfurter Neomarxisten
überzeugen kann, ist die These, auch Stalins im Zeichen der
Fünfjahrespläne voran getriebene Industrialisierung sei nur eine
Variante des seinerzeitigen ›Staatskapitalismus‹ gewesen. Dass es
zwischen der auf Staatsverschuldung gegründeten Wirtschaftspolitik
der Nationalsozialisten und dem New Deal unter F. D. Roosevelt
gewisse Parallelen gab, ist unter Historikern bekannt, ebenso, dass
erst die Rüstungsökonomie ab 1938 die USA
(»Rüstungskeynesianismus«) aus der Depression herausführte.
Gleichwohl: Der Satz »Aus einer globalen Perspektive stellt der
Trend hin zu staatskapitalistischen Volkswirtschaften ein zentrales
Phasenmerkmal
des weltweiten Kapitalismus ab den 1930ern dar« (S. 205), ist allein
von der Chronologie her abwegig. Der 1929 verkündete erste
Fünfjahresplan Stalins wurde bereits 1928 ausgearbeitet, ohne
irgendeinen Bezug zu der nach dem ›Schwarzen Freitag‹ (13.
Oktober 1928) eklatierenden Weltwirtschaftskrise.
Die
geläufige These, die in millionenfachen Tod mündende
Kollektivierung sei, aus theoretischer Distanz betrachtet, nichts
anderes als die im Kapitalismus übliche Freisetzung von auf dem
Lande gebundenener Arbeitskraft für die staatskapitalistische
Industrie, leuchtet stets nur auf den ersten Blick ein. Gewiss,
Stalin bezahlte mit Getreideexporten für den Import von Maschinen,
er zielte auf die Rationalisierung der von ›Kulaken‹ und
eigennützigen Substistenzbauern betriebenen Landwirtschaft zugunsten
der Schwer- und Rüstungsindustrie. Dennoch, von allem Terror und
Millionenopfern abgesehen, bleibt die simple Frage: Was war daran
›kapitalistisch‹, sofern darunter etwas anderes als die bloße,
im Gulag und in den Betrieben vielfach kontraproduktive, Ausbeutung
von Arbeitskraft zu verstehen ist? Die Marxsche Mehrwerttheorie ist
an den Markt gebunden. Wo kein Markt, da kein zu realisierender
Mehrwert, wo keine Konkurrenz, kein kostensteigerndes konstantes
Kapital (sprich Maschinen und Rohstoffe) und kein variables Kapital
(sprich ausbeutungsfähige Arbeitskräfte). Entsprechend taugt die
Marxsche Formel vom tendenziellen Fall der Profitrate nur für den
kapitalistischen Markt, genauer: für die Wirtschaftsform, in der
Kapital eingesetzt wird, um auf dem Markt Gewinn zu erzielen. Von
einem Markt – außer dem Schwarzmarkt – kann in
staatlich-bürokratisch gelenkten Ökonomien keine Rede sein. Der von
Castoriadis und anderen etablierte Begriff des »bürokratischen
Staatskapitalismus« (S. 204) für Stalins Sowjetunion klingt zwar
überzeugend, verdeckt jedoch den theoretischen Widerspruch. Es
handelte sich um rabiate ›Akkumulation‹, nicht um
marktorientierte Kapitalbildung.
Dem
Verlangen nach reiner Theorie entspringt die Vorstellung, der von
Stalin vor und nach 1945 betriebene Expansionismus sei seinem Wesen
nach ›kapitalistisch‹ inspiriert gewesen. Die Schachzüge und
Gewaltakte des sowjetischen Diktators, die nach herkömmlich
›imperialistischem‹ Muster und im Sinne russischer Geopolitik
verliefen, werden nicht diskutiert. Schließlich wird der
Ost-West-Konflikt, der Kalte Krieg zwischen den Siegermächten des
II. Weltkriegs, in die theoretisch korrekte Perspektive gerückt: Die
»sozialistischen« (Anführungszeichen von ten Brink) Staaten »waren
denselben Imperativen unterworfen« wie der ›kapitalistische‹
Westen. »Der Ost-West-Konflikt kann demgemäß als
Auseinandersetzung zweier kapitalistischer
Weltordnungsmodelle
konzeptualisiert werden.« (S. 202). Als
Kronzeuge für die These vom kapitalistischen Charakter des
Sowjetimperialismus dient Theodor Adorno mit einem Zitat zum
›Spätkapitalismus‹: »Selbst die Imperialismustheorien sind mit
dem erzwungenen Verzicht der großen Mächte auf Kolonien nicht bloß
veraltet. Der Prozess, den sie meinten, setzt sich fort in dem
Antagonismus der beiden monströsen Machtblöcke.« (Zit. S. 202).
Der Satz ist unsinnig, auch wenn er vom Meister der Frankfurter
Schule stammt.
An
anderer Stelle behauptet ten Brink, »der Unterschied zwischen
Privateigentum
und Staatseigentum«
sei »aus globaler Perspektive nur als ein quantitativer«
zu verstehen. In aller Unschuld deckt er dabei eine missglückte
Begriffslogik auf: Wenn sich Staatseigentum unter »demokratischer
Kontrolle« befände, stünde die Sache anders, denn ein
»grundlegendes Strukturelement der kapitalistischen
Klassengesellschaft«
fiele weg. (S.183) . Eben nicht, das Problem verlagerte sich nur: Wie
hätte die ›demokratische Kontrolle‹ (jenseits der hierzulande
praktizierten gewerkschaftlichen Mitbestimmung) auszusehen? Welche
Art von ›klassenlosem‹ demos
bildete
die neue Basis der Demokratie? Und würden Staaten mit
›Wirtschaftsdemokratie‹, wie sie etwa vor 1933 und nach 1945
Theoretikern der Sozialdemokratie (Fritz Naphtali, Erik Nölting,
Viktor Agartz) vorschwebte, in globalem Maßstab in eine Ära des
ewigen Friedens eintreten?
Ärgerlich,
nicht nur für Historiker, wird es bei der sparsamen Exemplifikation
der von ten Brink verfolgten »komplexen Theorie«. »In den
spätfeudalen Kriegen verlor der Verlierer im Falle einer
Kriegsniederlage häufig sein Territorium und wurde kolonisiert, in
den geopolitischen Konflikten und Kriegen des Kapitalismus ist dies
nicht die Regel.« (S. 44, Fn.12). Die Außenpolitik Woodrow Wilsons,
die der Autor, Werner Link folgend, nicht nur von hehren
friedensethischen Zielen inspiriert sieht, fand »in den 1920ern«
statt. (S.237, Fn. 15). Wilson schied 1921 aus dem Amt. Abwegig ist
die von einem anderen Autor entliehene These, die Aufstellung der
Pershing II-Raketen – die sog. NATO- ›Nachrüstung‹ wurde anno
1978/1979 von Bundeskanzler Schmidt gefordert – habe dem Zweck
gedient, »die sowjetisch-deutsche Entspannung zu hintertreiben« und
die Bundesrepublik wieder ins Glied zu drücken. (S.
243, Fn. 20).
Gedanklich schlichter noch wird das Phänomen des ›geopolitisch‹
bedeutsamen, ›kapitalistisch-imperialistisch‹ verursachten
Phänomens des Staatsverfalls demonstriert. Nach Exempeln wie Sierra
Leone, Somalia, Kongo folgt der Satz: »Der Zerfall der DDR und der
Anschluss an die BRD ist ein Beispiel jüngeren Datums aus Europa.«
(S. 124, Fn. 89).
Unvermittelt
wird gegen Ende des Buches dann doch auf Formeln der ›älteren‹
Geopolitik zurückgegriffen. Im Abschnitt über »die Geopolitik der
Sowjetunion«, deren kapitalistisch-imperialistischer Charakter der
»Degeneration« der ursprünglich besseren Ziele der russischen
Revolution zugeschrieben wird (S. 203, Fn.203), heißt es in Bezug
auf Afghanistan: »Eine geopolitische Intervention war es
schließlich, die den Niedergang des Sowjetstaats beschleunigte...
Der missglückte Feldzug wurde zum ›Vietnam‹ der Sowjetunion.«
(S.215) Richtig. Nur hätte man zu Afghanistan, dem historischen
Erbfall aus Zeiten des klassischen Imperialismus – Friedrich Engels
schrieb schon 1857 über das »tapfere, zähe und freiheitsliebende
Volk der Afghanen« – aus marxistischer Feder gerne etwas mehr
erfahren. Waren etwa die in den 1970er Jahren am Traditionalismus der
Stämme am Khaiber-Pass gescheiterten ›linken‹ Revolutionäre –
eine ›Revolution von oben‹ von unter sich verfeindeten
Progressisten – am Ende nichts als Irrläufer des globalen
Kapitalismus?
Orthodox
›geopolitisch‹ wird die Argumentation, wo es um die Folgen der
Implosion des Sowjetimperiums, um »Anspruch und Realität des
amerikanischen Imperiums«, um die künftigen ›Konkurrenzen‹
zwischen den USA, Russland und China geht. Hier taucht plötzlich der
Begriff ›Eurasian Continental Rim‹ auf, die Rede ist vom »Great
Game«. (S. 242f). Wie passen derlei Begriffe, entliehen von
zeitgenössischen Autoren (nicht von Spykman bzw. Mackinder), in die
bis dahin verfolgte ›linke‹ Perspektive?
Die
Arbeit ist nicht ohne Meriten. Zu Recht wendet sich ten Brink – in
Widerspruch zur eher pessimistischen These getragen von der Hoffnung
auf eine bessere, demokratische Weltordnung – gegen die
Vorstellung, demokratische Staaten seien von Natur aus friedfertiger
als andere. Er zweifelt am liberalen »Kosmopolitismus« des
Soziologen Ulrich Beck ebenso wie an Jürgen Habermas´ Credo vom
Sieg der Vernunft in einer demokratischen Weltgesellschaft.
All
das kann die Unschärfen und Schwächen, insbesondere die dürftige
empirische Evidenz des Buches nicht aufwiegen. Zu beanstanden sind
nicht nur die der reinen Theorie geschuldeten Fehler und
Abstrusitäten. Die zum Nachweis der politikwissenschaftlichen
Versiertheit betriebene Begriffshuberei (Glokalisierung;
makro-regionale Mächte
mit weniger großer Wirkungsmacht wie
Italien, Russland (??), Brasilien oder Indien‹; subimperialistische
Mächte
wie Südkorea, Türkei, Israel, Ägypten oder Südafrika)
sowie die hermetische marxistische Terminologie seien nachgesehen.
Nicht gilt dies für popsprachliche Entgleisungen (»der Hype des
Antikommunismus in den 1950ern«, S. 236), die in einer
wissenschaftlichen Abhandlung nichts zu suchen haben. Kritik verdient
vor allem der Ansatz selbst. Wo die politik-theoretische
Globalanalyse auf die Erklärung des Ganzen zielt, ohne am factum
brutum die Evidenz der
Theorie zu belegen, wird alles, aber eben auch nichts erklärt. So
bleibt der Ertrag des Buches, anders Bob Jessop in seinem rühmenden
Vorwort meint, fragwürdig.
Nicht
zufällig erfolgt gegen Ende des Buches eine weitere Berufung auf
Horkheimer/Adorno, auf die Väter des Begriffs vom umfassenden
›Verblendungszusammenhang‹ des Kapitalismus. Sie bezeichneten den
Imperialismus als »die furchtbarste Gestalt der Ratio« (S. 269).
Zum Schluss (S. 271) zitiert ten Brink noch den ›neulinken‹
amerikanischen Historiker Gabriel Kolko: »Die Welt ist heute
komplexer und gefährlicher, als sie es noch im Kalten Krieg war. Die
Dezentralisierung militärischer
und politischer Macht und der verhärtete Ehrgeiz der USA, praktisch
unendlich viele Staaten führen zu wollen, sind eine hochexplosive
Mischung.« Mit derlei Einsichten zur ›Geopolitik‹ , inklusive
moderater Kritik an den USA – teils Hauptakteur des allseits
betriebenen ›Imperialismus‹, teils geschwächte Hegemonialmacht
im geopolitischen Raum – bleibt der Autor innerhalb der scientific
community auf der
sicheren Seite.
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