|
Kulturkampf in der
Türkei?
Perry
Anderson: Nach Atatürk. Die Türken, ihr Staat und Europa, Berlin
(Berenberg Verlag) 2009, 184 Seiten
von
Christoph Jünke
Von
türkischen Turbulenzen sprechen politische Kommentatoren und
Analysten, von einem sich zuspitzenden Kulturkampf am Bosporus, und
was wir gelegentlich über die Nachrichtenticker wahrzunehmen
vermögen, klingt schon recht kurios. So erklärte das türkische
Verfassungsgericht 2007 die türkische Regierungspartei AKP für
verfassungswidrig und scheiterte nur knapp damit, sie deswegen
verbieten zu lassen. Die gemäßigt islamische AKP wiederum setzte
auf parlamentarischem Wege einen Verfassungszusatz in Kraft, der es
türkischen Frauen ›ermöglicht‹, mit Kopftuch zu studieren, was
daraufhin von den kemalistischen Verfassungswächtern wiederum für
null und nichtig erklärt wurde.
Wer
unter die Oberfläche dieser turbulenten Nachrichten zu schauen
gewillt ist – was interessanter Weise kaum passiert, obwohl doch
die innenpolitische Entwicklung in der Türkei aufgrund der
millionenfachen türkischen Immigrantinnen und Immigranten ein fast
schon innenpolitisches Thema der BRD ist –, muss schon zu
Spezialveröffentlichungen greifen. Und die werden umso besser, je
weiter sie sich weg bewegen von der ideologisch aufgeladenen
Angstmache vor den um Einlass in die EU begehrenden nichtchristlichen
Türken.
Perry
Andersons Buch bietet uns einen solch unaufgeregten, aber überaus
erhellenden Zugang. Der in London und Los Angeles lebende Brite
irischer Abstammung ist, was man einen angelsächsischen Weltbürger
nennen muss. Als marxistischer Historiker und Herausgeber der New
Left Review ein
Urgestein der internationalen Linken, hat er sich in den letzten drei
Jahrzehnten mit seinem unnachahmlichen Stil – einer Mischung aus
scharfem, struktur- und sozialgeschichtlich aufgeklärtem Verstand
und politisch subtiler Leidenschaft im Gewande britischer
Abgeklärtheit – zu einem der weltweit angesehensten politischen
Essayisten gemausert, der mit gleicher Gelehrtheit über
zeitgenössische politische Intellektuelle von links bis rechts
philosophiert wie er über die Geschichte und Politik anderer Länder
schreibt, seien dies China oder Israel, Brasilien oder Russland,
England oder Frankreich, Italien oder Deutschland.
In
seiner intensiven Beschäftigung vor allem mit der historischen und
politischen Entwicklung des europäischen Festlandes und der
Europäischen Union liegt auch der Kontext seiner hier dokumentierten
Auseinandersetzung mit der Türkei. Die drei das Buch bildenden
Essays – zwei, die sich der sozialen und politischen Geschichte der
Türkei im 20.Jahrhundert widmen, und einer, der sich mit der
politischen Entwicklung und Problematik Zyperns auseinandersetzt –
sind ursprünglich, wie so viele andere aus Andersons Feder, in der
London Review of Books
erschienen und werden in der deutschen Buchfassung um einen
umfangreichen Anmerkungsapparat ergänzt. Im englischen
Original handelt es sich dabei um Teile einer für diesen Sommer
angekündigten umfangreichen Studie über die politischen
Entwicklungen im Europa nach dem Ende des Kalten Krieges (Perry
Anderson: The New-Old
World, London 2009).
Die
heutige Türkei, so Andersons Einschätzung, ist »in eine kritische
Phase eingetreten«. Deren Konturen seien jedoch nur historisch zu
erhellen, denn die heutigen Probleme der türkischen Gesellschaft
»haben ihren gemeinsamen Ursprung in jenem Integritätsnationalismus,
der ohne Bruch, ohne Reue aus den letzten Jahren eines auf Eroberung
gegründeten Imperiums hervorging«.
Mit
der türkischen Revolution von 1908 beginnt sich der industriell wie
gesellschaftlich nachholende Modernisierungsprozess der alten
osmanischen Herrschaft zu radikalisieren. Die Jungtürken jedoch,
eine ganze Schicht von militärisch organisierten und geprägten
Aufklärern, veränderten mit ihrem rabiaten Säkularismus zwar das
traditionelle Verhältnis von Gläubigen und Ungläubigen. Das
Verhältnis von Herren und Knechten blieb allerdings ebenso wenig
verändert wie das ebenso traditionelle Verhältnis zwischen den
Geschlechtern. Trotz aller Radikalität blieben die Revolution und
die neue Herrschaftselite eigenartig ambivalent, »weder konsequent
modern noch solide traditionalistisch«. Der kulturellen folgte keine
soziale Revolution, die alten Gesellschaftsstrukturen blieben
weitgehend intakt, die ländliche und kleinstädtische Mehrheit wurde
vom kemalistischen Säkularismus nicht erfasst. Letzterer diente
vielmehr als Kitt einer städtischen Herrschaftsschicht, die den
öffentlich-staatlichen Raum usurpierte und mit militärischer Gewalt
und einem ersatzreligiösen Säkularismus gleichsam ›kryptoreligiös‹
verteidigte.
Dass
eine solche Ethnisierung des Sozialen seine zwangsläufigen
Massenopfer hat, ist eine Erfahrung nicht nur der türkischen
Geschichte im 20. Jahrhundert. Doch das Wüten des
türkisch-ethnischen Größenwahns unter christlichen Griechen,
Armeniern und Kurden ist schon ein besonderes Kapitel – das
Anderson immer wieder sensibel, aber bestimmt darstellt.
Die
allenfalls halbierte Emanzipation ließ das Land also »arm,
vorwiegend landwirtschaftlich strukturiert« zurück, »es lag eher
halberstickt als emanzipiert im festen Griff des Vaters der Türken,
wie er [Kemal Atatürk] sich im letzten Lebensabschnitt nennen ließ«.
Möglich wurde dies, weil die türkische Elite auf ihrem Weg in die
Moderne keinen mächtigen Klassengegner, keine radikale
Sozialbewegung zu zerschlagen hatte: »Die meisten Bauern besaßen
Land; die Arbeiterschaft war nicht groß; die Intellektuellen
fristeten eine Randexistenz; eine Linke trat kaum in Erscheinung. Die
Bruchlinien in einer derartigen Gesellschaft – in diesem Stadium
noch zuzementiert – hingen eher mit Ethnizität als mit
Klassenwidersprüchen zusammen. Unter diesen Voraussetzungen bestand
kaum ein Risiko irgendwelcher Erschütterung von unten. Die Eliten
konnten ihre Konflikte austragen, ohne befürchten zu müssen, dass
sie dabei unkontrollierbare Kräfte freisetzten.«
Die
gleichsam andere Seite dieser militaristisch-autoritären Entwicklung
war jedoch, gerade weil es die sie herausfordernde soziale und
politische Gegenbewegung kaum gegeben hat, die Entfaltung einer
langen, auf Parlamentarismus und wechselnde Regierungen setzenden
Tradition politischer Freiheit und formaler Demokratie. Die
herrschende Elite der kemalistischen und nachkemalistischen Türkei
konnte sich ein plurales Mäntelchen umhängen und blieb doch unter
sich – hervorragende Voraussetzungen für eine intime
Juniorpartnerschaft mit dem US-amerikanischen Welthegemon, zuerst im
aufkommenden Kalten Krieg und heute im ›Krieg gegen den Terror‹.
Mit
dem Übergreifen der internationalen Revolte Ende der 60er Jahre auch
auf die Türkei war die lange Stabilität vorbei. Abermals schlug die
Stunde der auf Repression und Militärputsch setzenden Militärs, die
sich dabei auch auf jene neofaschistischen Grauen Wölfe stützen
konnten, mit denen der Islam wieder zu einem politischen
Einflussfaktor wurde. Als man schließlich 1982 zur kontrollierten
Demokratie zurückkehrte und gleichzeitig auf eine entschlossene
Durchsetzung neoliberaler Wirtschaftspolitik zu setzen begann,
kombinierte sich das neoliberale ›Bereichert Euch‹ für die
Mittelklassen fortan mit der islamischen Schutzideologie für die
breite Masse der Bevölkerung: »Nun war nicht nur der Säkularismus
ausgehöhlt, wie ihn die offizielle Doktrin definierte, sondern auch
der Etatismus als Wirtschaftsdoktrin.«
Es
war also nicht zuletzt die neoliberale Wende der 80er Jahre, die die
Hegemonie des türkischen Kemalismus Stück für Stück
unterminierte. Und es war die schleichende Islamisierung, die als
sozialpolitisches und ideologisches Auffangbecken der neoliberalen
Entstaatlichung fungierte – mit dem Ergebnis auch ihres
wahlpolitischen Durchbruchs, zuerst in Form der Wohlfahrtspartei,
schließlich in der der eher moderaten AKP. Letztere verdankt zwar
ihre Mehrheit zu Beginn des neuen Jahrhunderts einem undemokratischen
Wahlsystem (Zehn-Prozent-Hürde), erscheint aber als alternativlos
und ist nicht zuletzt im gesellschaftlichen Alltag stark verwurzelt.
Die alte kemalistische Elite hält zwar noch immer die Justiz und das
Militär im festen Griff, aber ansonsten ist sie zunehmend isoliert
und durch die mit ihrem Neoliberalismus verbundene Korruption
weitgehend desavouiert.
Das
sind die historisch gewachsenen Hintergründe des so genannten
Kulturkampfes in der Türkei, der sich bei näherem Blick als
Machtkampf der Eliten im Angesicht einer auf Schutz und Partizipation
drängenden Bevölkerung erweist. Und wenn hiesige regierungsnahe
Interpreten den vermeintlich fehlenden politischen und
wirtschaftlichen Liberalismus zur gravierenden Lücke der türkischen
politischen Landschaft erklären (Heinz Kramer: Türkische Turbulenzen: der andauernde Kulturkampf um die „richtige“ Republik, Studie der Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin, März 2009, S.17, liegt hier einmal mehr eine
interessengeleitete Verwechslung von Liberalismus und Demokratie vor.
Die Mehrheit der Türken leidet, das macht Anderson deutlich, nicht
am mangelnden Liberalismus, sondern an den traditionell
undemokratischen Verhältnissen.
Nicht
wenige der heute üblichen Beschwörungen vor einer vermeintlichen
Gefahr der Islamisierung sind also ideologischer Ausfluss der in die
Enge getriebenen alten türkischen Herrschaftselite und ihrer
internationalen Klassenbrüder. Dies zeigt sich nicht zuletzt daran,
dass die AKP ihre politischen Mehrheiten vor allem mit ihrem Setzen
auf einen Beitritt zur Europäischen Union errungen hat. Nicht der
Islam, sondern der Beitritt zur EU ist, so Anderson, die gleichsam
magische Formel der Hegemonie der AKP: »Für die breite Bevölkerung
(in der viele unter den zwei Millionen Türken in Deutschland
Verwandte haben) verkörpert ein Europa, in dem sie sich frei bewegen
können, die Hoffnung auf bessere Arbeitsplätze, als man sie zu
Hause finden könnte – falls es dort überhaupt welche gibt. Für
die großen Unternehmen bedeutet der Beitritt zur EU den Zugang zu
üppigeren Kapitalmärkten; für die Unternehmer des Mittelstands
geringere Zinssätze; für beide ein stabileres makroökonomisches
Umfeld. Für die freien Berufe ist die Anpassung an Europa die
Messmarke, die anzeigt, dass die AKP keiner islamistischen Versuchung
mehr erliegen wird. Für die liberale Intelligenz würde die EU einen
Rückfall in die Militärherrschaft verhindern. Für das Militär
würde der lang gehegte kemalistische Traum wahr werden, sich endlich
in voller Paradeuniform dem avancierten Westen anzuschließen. Kurz –
Europa ist ein gelobtes Land, auf das die durchaus antagonistischen
Kräfte der türkischen Gesellschaft aus ganz verschiedenen Gründen
ihre sehnsüchtigen Blicke richten können.«
Die
Türken sind also schon lange in Europa, ihr Staat jedoch nicht –
wie der Verlag Andersons Fazit treffend formuliert. Das hat zum einen
mit den massiven, nicht selten ideologischen Widerständen der
EU-Mitgliedsstaaten zu tun, aber auch mit realen Problemen wie der
Zypern-Frage (einem blinden Fleck auch der linken türkischen
Intellektuellen, wie er betont) oder der Frage, wie die türkische
Herrschaftselite – Säkulare Kemalisten und islamische AKPler
unterscheiden sich hier wenig – mit ihren Minderheiten umgeht.
Immerhin ist fast ein Drittel der heutigen türkischen Bevölkerung
einer systematischen Diskriminierung in Fragen von Religion und
Kultur unterworfen, und auch der gerne als Vergangenheit abgetane
türkische Völkermord an den Armeniern ist als »Amalgam aus
Verschweigungen und Verrenkungen« durchaus keine ferne Historie,
denn »die unerbittliche Weigerung des türkischen Staates, die
Tatsache des Massenmordes an den Armeniern auf seinem Territorium
anzuerkennen, ist weder anachronistisch noch irrational, sie ist
vielmehr eine aktuelle Verteidigung der eigenen Legitimität. …
Griechenpogrome 1955/1964; Annexion und Vertreibung von Zyprioten
1974; Ermordung von Alewiten 1978/1993; Unterdrückung der Kurden
1925-2008.« History
matters heißt es im
Englischen treffend. Und »(e)in integraler Nationalismus, der nie
davor zurückschrak, die Armenier auszurotten, die Griechen zu
vertreiben, die Kurden zu deportieren und die dissidenten Türken zu
foltern, und der immer noch sehr viele Wähler auf seiner Seite hat,
ist ein Machtfaktor, den man nicht leicht nehmen sollte«.
Perry
Anderson stellt der Türkei also ein alles andere als gutes Zeugnis
aus. Heißt dies jedoch, dass sie nicht reif sei für Europa? Nein!
Auch wenn er sich vor einer eindeutigen Parteinahme hütet,
verdeutlicht er nichts desto trotz, dass die meisten Beweggründe der
westeuropäischen Ausgrenzung der Türkei haltlos sind, und dass es
vor allem die westliche Diplomatie ist (einmal mehr mit persönlicher
Unterstützung grüner humanitärer Interventionisten wie Fischer und
Cohn-Bendit), die einen EU-Beitritt der Türkei erfolgreich
hinauszögert.
Selbst
die türkische Linke – »politisch marginal, aber kulturell
zentral« – habe allen Grund zum Beitritt, denn für sie sei »die
EU gleichbedeutend mit der Hoffnung auf ein Entrinnen aus dem
Doppelkultus Kemals und des Korans und der doppelten Repression. Für
die türkischen Armen bietet sie eine Chance auf Arbeitsplätze und
elementare soziale Unterstützung, für Kurden und Alewiten die
Aussicht auf gewisse Minderheitenrechte. Inwieweit diese Hoffnungen
realistisch sind, ist eine andere Frage. Aber sie sind deshalb nicht
von der Hand zu weisen.« Fraglich sind hierbei aber nicht nur der
Realismus der Hoffnungen, sondern auch die Folgen, die eine über den
EU-Beitritt sicherlich voran getriebene Liberalisierung auf die
inneren Verhältnisse der Türkei spielen könnte. Das Mehr an
politischer Freiheit könnte von einem Verlust an sozialer Kohäsion
und von den Langzeitfolgen, die dies für politische Opposition
bedeuten kann, begleitet werden. Anderson scheint sich dieses
Problems jedoch bewusst zu sein, denn er beendet seine machtvolle
Intervention mit einer nachhallenden Warnung: »Die türkischen
Träume von einem besseren Leben in Europa muss man achten. Aber die
Emanzipation kommt selten von außen.«
* Verlagsinformation
hier
Eine
stark gekürzte Print-Fassung dieses Beitrags erschien in Blätter
für deutsche und internationale Politik,
Heft 7/2009.
|