Dietzsch: Zum Tod von Manfred Riedel PDF Drucken E-Mail
23.05.2009

Manfred Riedel gestorben

Manfred Riedel ist ein Unzeitgemäßer. Ihm ging es immer, wie er schon in einem Vortrag über die Perspektiven des Philosophierens nach dem ›Ende der Philosophie‹ vor dreißig Jahren sagte, um die Sache des Denkens im Zeitalter der Wissenschaft. Denn Philosophie ist nicht umstandslos als im Modus der Wissenschaft wirkend zu verstehen (wenn sie sich nicht, wovor schon Nietzsche warnte, zur Denkwirtschaft entzaubern lassen will). – Dabei hat Riedel das wissenschaftliche Pflichtprogramm zur Erlangung eines Lehrstuhls an der Philosophischen Fakultät als Zierde der Zunft absolviert. 1968 Habilitation an der Universität Heidelberg zu dem Thema: »Bürgerliche Gesellschaft. Eine Kategorie der klassischen Politik und des modernen Naturrechts« Daraus hervorgegangen sind Abhandlungen über »Bürger, Staatsbürger, Bürgertum«, »Bürgerliche Gesellschaft« sowie »Gemeinschaft und Gesellschaft« im Handbuch Geschichtliche Grundbegriffe (1972-1974) sowie ein zweibändiges Sammelwerk Rehabilitierung der praktischen Philosophie (1972-1974),

Riedel war seit 1971 Professor für Philosophie in Erlangen, hatte Gastprofessuren an der New School for Social Research in New York und an der Emory-University in Atlanta (Georgia), sowie in Turin und Rom inne.

Was ihn daneben aber immer wieder interessiert hat, schon seit seinen Leipziger Studententagen Mitte der Fünfziger bei Bloch und Korff, war der Zusammenhang von Denken und Dichten. Dem sind dann seine beiden großen Werke Hören auf die Sprache (1990) und Freilichtgedanken (1998) gewidmet. Das war auch der systematische Kern seiner Abschiedsvorlesung (2004) in Halle über Stefan Georges ›Geheimes Deutschland‹ und die Brüder Stauffenberg. Und noch in seinem letzten Aufsatz über Nietzsche und Hofmannsthal (erscheint Ende Mai 2009 im Band Das Daedalus-Prinzip des Parerga-Verlages in Berlin) hebt er das hervor, was Kunst, zumal Sprachkunst zum Prius unserer intellektuellen Vermögen macht: denn sie entspringt menschlicher Resignation im Wissensstreben, dem Scheitern formal angestrebter Beherrschung der Welt im Ganzen durch wissenschaftliche Erkenntnis.

Mit dieser zivilisationskritischen Einsicht schließt Manfred Riedel seinen Denkweg, der ihn von der Metaphysik-Kritik Kants zum Ecce-homo-Schauer des späten, allzuspäten Romantikers Nietzsche geführt hat.

Am 11. Mai 2009, einen Tag nach seinem 73. Geburtstag, ist Manfred Riedel in Rathsberg, oberhalb Erlangens, gestorben.

Steffen Dietzsch

 

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