Strandgut
der Urbanisierung. Mike Davis über den Planeten der Slums und die
Perspektiven menschlicher UrbanitätVon
Mike Davis und Tom Engelhardt
Sein
kurzes Haar und sein Schnurrbart sind stark ergraut, doch noch immer
hat er sich das stämmige und starke Erscheinungsbild eines
Metzgersohns bewahrt, der vor langer Zeit für seinen Vater
Tierkadaver in El Cajon, einem Vorort San Diegos, befördert hat. Auf
Wunsch fährt er mit dir in seinem Wagen mit Vierradantrieb raus in
die Vororte von San Diego oder zur mexikanischen Grenze, gerade zu
jenem neu errichteten und umstrittenen Dreifachzaun (wobei man sich
dann mit der Grenzpatrouille anlegt) – ein Reiseführer deiner
Träume, eine wandelnde Enzyklopädie all dessen, was fremd und
fesselnd ist in Südkalifornien. Kein Objekt der Landschaft scheint
seinem Kommentar, einer kurzen Beschreibung oder Analyse entkommen zu
können. Die Brücke über die Landstraße, über die wir irgendwo
weit außerhalb in der Wüste fahren, ist die höchste aus Gussbeton
im ganzen Land. Die Marineschiffe aller Art, die San Diegos blauen
Hafen hin und her kreuzen werden identifiziert und diskutiert,
darunter das Tarnlandungsboot der Marine. („Die Marine hat hier
draußen noch mehr Spielzeug!“). Der Klage, dass „dieser Tage
alle in San Diego über die Immobilienwerte sprechen“, folgt eine
kleine Lehrstunde über den lokalen Immobilienmarkt. Und jede
Militärbasis und jedes Militärareal, das wir passieren, wird
aufmerksam betont. „Die hiesigen Menschen nehmen die unmittelbare
Nachbarschaft des Militärs gar nicht wahr. Sie sehen den sie
umgebenden Tod und die Tötungsbasen gar nicht. Sie schneiden es aus
ihrem Bewusstsein einfach raus.“ Und immer wieder scheinen alte
Erinnerungen aus früheren Tagen auf: „Das einzig gute, wenn du in
San Diego aufgewachsen bist, war die Hafenstadt mit ihren billigen
Filmtheatern. Es war ein Teenagerparadies.“ Man kann nicht umhin
festzustellen, dass man der glänzenden – falls alltäglichen –
Darbietung eines Gelehrten beiwohnt, der scheinbar nie etwas
vergessen hat.
Sein
bescheidenes Haus befindet sich am Rande von San Diegos ärmsten
Vierteln, durch die wir eine kleine Spritztour machen – und
nebenbei über die Vermarktung von Graffiti reden. Sein kleines
Wohnzimmer, in dem ich meinen Kassettenrecorder auspacke, wird von
einem gigantischen, mehrfarbigen Plastikspielhaus seiner beiden
zweijährigen Zwillinge James und Kassandra (oder Casey) dominiert.
Ihn in seinem Haus zu interviewen, bedeutet, von einer Welt
revolutionärer Geschichte umgeben zu sein. Keine Wand, kein Winkel,
nicht einmal im Badezimmer, ohne revolutionäres Poster („Camarada!
Trabaja y lucha por la Revolución!“). Und überall finden sich
Füße, die nach russischen Plutokraten treten oder gigantische
Hände, die die ausgebeutete Klasse Deutschlands zerschlagen, während
man aufgefordert wird: „Wählt Spartakus“ – 1919.
Seit
sein erstes Buch über Los Angeles, City
of Quartz,
Mike Davis in die Bestsellerlisten katapultiert und zum innovativsten
Städteforscher der USA gemacht hat, hat er über alles mögliche
geschrieben, von der fiktionalen Zerstörung von Los Angeles über
die Hungerkatastrophen des viktorianischen Zeitalters im
19.Jahrhundert bis zur aktuellen Möglichkeit einer Pandemie der
Vogelgrippe. Jüngst, in seinem neuen Buch Planet
der Slums,
hat er sein rastloses Forscherhirn auf die globale Stadt gerichtet.
Die Ergebnisse sind so bestürzend, dass ich dachte, sie wären eine
gute Grundlage für unser Gespräch.
Wir
suchen uns einen Platz im Wohnzimmer, mein Aufnahmegerät zwischen
uns, und beginnen. Davis hat etwas von der alten, fast verschwundenen
US-amerikanischen Tradition des Autodidakten. In einer
Stammesgesellschaft wäre er sicherlich der Geschichtenerzähler des
Stammes gewesen. Während unseres Interviews werden wir von einem
Weinen irgendwo im Hause unterbrochen. Casey ist aufgewacht. Schnell
entschuldigt er sich und kommt, wenige Momente später, mit einem
verstörten, noch schniefenden schwarzhaarigen kleinen Mädchen in
rosa Hosen und Shirt auf seinen Schultern wieder. Unter seiner
Zuwendung wird sie wieder munter, setzt sich hin und beginnt zu
reden, nicht weniger kraftvoll (aber weniger verständlich) als ihr
Vater. Bald schon sitzt sie in ihrem großen Plastikhaus und
beschäftigt uns für ihr „Großer-böser-Wolf“-Spiel. Als sie
etwa zwanzig Minuten später von dannen zieht, wendet er sich wieder
mir zu und, noch bevor ich ihm das Stichwort gebe (ich prüfe gerade
seine letzten aufgenommenen Worte), nimmt er den Gesprächsfaden
genau dort wieder auf, wo wir ihn fallen ließen.
Tom
Engelhardt, Mai 2006*
Es
begann in LA
Ich
dachte mir, dass du beginnst, indem du mir erzählst, wie du zum
Thema Stadt gekommen bist.
Ich
kam auf dem denkbar beschränktesten Weg zur Stadt, der darin
bestand, Los Angeles (LA) zu studieren. Und ich kam auf LA, weil ich
als Aktivist der Neuen Linken in den 60er Jahren viel Zeit ins
Studium des Marxismus investiert hatte und dachte, dass eine radikale
Gesellschaftstheorie alles erklären könne. Und es erschien mir,
dass Los Angeles zu verstehen der höchste Testfall dafür ist.
Vielleicht
sollte ich dies nicht sagen, aber fast alles, was ich über andere
Städte geschrieben habe, ist, zumindest teilweise aus meinem
LA-Projekt erwachsen. So hat mich bspw. die Erforschung der
Militarisierungstendenzen im urbanen Raum und die Zerstörung des
öffentlichen Raums von LA dazu gebracht, vergleichbare Trends als
globales Phänomen zu untersuchen. Das Interesse am suburbanen LA
ließ mich über das Schicksal älterer Vororte des Landes und der
sich herausbildenden Politik der Grenzstädte nachdenken. Auf diesem
konsequent beschränkten Weg entstand mir die Welt aus Los Angeles,
das in meinem ursprünglichen Projekt ein Mosaik aus über 450
individuellen Stücken bildete.
Das
muss ich erklären: In den 50er Jahren, als sich die staatlichen
Sozialinstitutionen Sorgen darüber machten, dass die in die neuen
Vororte strömenden Kriegsveteranen keinen Sinn für den Raum hatten,
machten sie eine große Studie, wie viele Lebenswelten es im
damaligen Groß-LA gab. Sie kamen zu dem Schluss, dass die Menschen
in über 350 Vierteln/Gemeinschaften („Communities“) lebten –
in kleinen Städten, Nachbarschaftszentren, Vororten. Heute gibt es
etwa 500 davon. Ich ging bei meiner Beschäftigung mit LA davon aus,
dass jede dieser grundlegenden Einheiten eine eigene lokale und total
außergewöhnliche Geschichte zu erzählen hat, die sich aber in
wichtigen Aspekten im großen Ganzen brechen. Ich dachte wirklich,
dass ich mehrere Lebensalter damit zubringen könnte, LA-Geschichten
aus allen diesen Teilen zu erzählen – das war meine Methode. Ich
glaube, dass ich dabei nur deswegen ein Stadtforscher, ein Urbanist
geworden bin, weil die Leute begannen, mich als solchen zu
bezeichnen. Ich selbst habe mich nicht wirklich als Historiker,
Soziologe, politischer Ökonom oder Urbanist gesehen.
Wie
würdest du dich denn selbst bezeichnen?
Wie
manch anderer Überlebender der Neuen Linken sah ich mich als
Aktivist und Organisator, als politischer Analytiker. Fast alles, was
ich geschrieben oder über das ich nachgedacht habe, bezieht sich in
einem gewissen verrückten Sinn auf das, was sich mir zu dem
gegebenen Moment gleichsam als Imperativ von einem strategischen oder
taktischen Standpunkt aufdrängte – als wäre ich auch weiterhin
dem Nationalrat der SDS [Students for a Democratic Society] oder der
Chicagoer Führung der IWW [Industrial Workers of the World]
verantwortlich.
Dies
alles war Teil eines strategischen Puzzles, das ich in City
of Quartz
angegangen bin. Los Angeles war damals an einem kritischen Punkt
seiner Geschichte. Die Globalisierung hatte ihre Ökonomie in
dramatischer Weise neu strukturiert und viele Leute dabei außen
vorgelassen. Trotzdem hatte die Stadt – und hat sie noch heute –
dieses unglaubliche, proteushafte Potenzial zu Besserem, für eine
progressive Politik und überraschenden Aktivismus. Damals wollte ich
ein Buch schreiben, das nützlich wäre für eine neue Generation von
Aktiven, und gleichzeitig ausprobieren, wie man einen Ort wie LA
sehen kann, dessen Selbstbildnis materiell eingeschrieben war in den
eigenen Strukturen. LA ist eine Stadt, die ihre Selbstbilder lebt.
Und
dann brachen die Riots, die Unruhen von 1992 aus, oder?
Und
ich versuchte sie als direkte Konsequenz des Globalisierungsprozesses
zu verstehen. Manche Menschen waren Gewinner, manche Verlierer. Fakt
war auch, dass die Globalisierung vor allem in Form der
transnationalen Drogenindustrie nach Süd-LA kam. Das war die einzige
Golbalisierungsform, die jemals Geld in diese Straßen investiert
hat. Der Nachfolgeband zu City
of Quartz
sollte eine Geschichte der Rodney-King-Unruhen werden, erzählt auf
der Grundlage der Nachbarschaftsstrukturen – die einzige
Erzählstrategie, die die Komplexität der Ereignisse möglicherweise
in den Griff zu bekommen versprach. Gleichsam durch Zufall hatte ich
Zugang zu einigen der Schlüsselaktoren. Ich kannte bspw. die Mutter
jenes Jungen, der wegen der Tötung des Lkw-Fahrers ins Gefängnis
ging. Ich war auch befreundet mit der Familie von Dewayne Holmes, den
Hauptinitiator der Kampfpause unter den Straßengangs in Watts.
Ich
hoffte, diese Geschichten mit Nachbarschaftsgeschichten vereinen zu
können, um einen Aufstand zu erklären, der gleichermaßen eine
gerechte Explosion des Unmuts gegen die Polizei, ein postmoderner
Brotaufstand und ein Pogrom gegen asiatische Ladenbesitzer gewesen
ist. Doch mein Ehrgeiz ist an zwei Fronten in die Krise geraten. Ich
konnte keinen moralisch ausreichenden Boden finden, um das Leben der
Menschen für meine erzählerischen Ziele zu plündern. Gleichzeitig
erschütterte mich dieses Projekt emotional zu sehr. Das Leben meiner
Freunde und Bekannten war dafür zu sehr von Schwierigkeiten und
Schmerz, von Trauer und Frustration betroffen. Dies mit ihnen zu
durchleben, entschied ich mich, konnte ich nicht tun – ich hatte
damals mehrere Jobs und wurde gerade alleinerziehender Vater eines
Teenagers. Ich hatte ein in meinen Augen außerordentliches Konzept
für ein Buch vor Augen, für das ich weder die Klarheit des
Bewusstseins noch das emotionale Durchhaltevermögen hatte, um es zu
schreiben.
Glücklicherweise
kamen Naturkatastrophen zu meinem Projekt hinzu – und das
Aufstandsbuch verwandelte sich in die Ökologie
der Angst,
eine Studie über den Fetischismus der Katastrophen Südkaliforniens,
in der die Natur sozial (mit Kojoten und Pumas, die mit Straßengangs
verglichen werden) und die sozialen Probleme (wie Straßengangs) als
Naturereignisse betrachtet werden. Ökologie
der Angst
behandelt die Unmöglichkeit der angloamerikanischen Kultur, jenen
mediterranen Stoffwechsel zu verstehen, dessen Teil sie dort ist –
ein Missverständnis, das die ganze Essenz Südkaliforniens ausmacht.
So
hab ich mich in die Wissenschaft zurückgezogen und bin von der
Mikroebene der Biografien zur Makroebene der Erdplattentektonik und
von El Niño gewechselt. Die Wissenschaft war meine erste Liebe und
ich endete damit, das Buch überwiegend in der geologischen Bücherei
zu schreiben und nicht in den Lebensräumen der Menschen, die ich in
Süd- und Zentral-LA kenne.
Der
Planet der Slums
Wenn
wir 15 Jahre weiter springen, zu deinem neuesten Buch Planet
der Slums mit
seinen gewaltigen urbanen Gemälden, müssen wir uns vorstellen, dass
du deine Anweisungen nun von einem gleichsam globalem Zentralkomitee
empfängst?
Erstaunlich
genug, aber die klassische Gesellschaftstheorie hat weder bei Marx
oder Weber noch im Falle der Modernisierungstheorie des Kalten
Krieges vorausgeahnt, was den Städten in den letzten 30 oder 40
Jahren zugestoßen ist. Keiner von denen hat den Aufstieg einer
umfangreichen Klasse antizipiert, die vor allem aus jungen Menschen
besteht und in Städten lebt, die weder einen formalen Zusammenhang
zur Weltökonomie haben noch ihn je bekommen können. Diese
informelle Arbeiterklasse ist nicht das Marx’sche Lumpenproletariat
und auch nicht jener „Slum der Hoffnung“, wie man es sich vor 20
oder 30 Jahren vorgestellt hat, gefüllt mit Menschen, die eventuell
in die formale Ökonomie aufsteigen. Abgeladen in den Peripherien der
Städte, normalerweise mit wenig Zugang zur traditionellen Kultur
dieser Städte, repräsentiert diese informelle globale
Arbeiterklasse eine unerwartete und von der Theorie unvorhergesehene
Entwicklung.
Kannst
du uns einige Ausmaße dieser Verslumung darlegen?
Erst
in den letzten Jahren ist es uns möglich geworden, die Urbanisierung
in ihren globalen Ausmaßen deutlich zu erkennen. Zuvor war den
Zahlenangaben mit Misstrauen zu begegnen, aber die United
Nations Habitat hat
heroische Bemühungen unternommen, neue Datenerhebungen,
Haushaltsumfragen sowie Fallstudien, um zuverlässige Basisdaten für
die Diskussion unserer urbanen Zukunft zu präsentieren. Der von ihr
vor drei Jahren veröffentlichte Report Die
Herausforderung der Slums
ist so bahnbrechend wie die großen Studien urbaner Armut im
19.Jahrhundert – von Engels oder Mayhew oder Charles Booth oder, in
den USA, von Jacob Riis.
Eher
vorsichtig geschätzt leben gegenwärtig eine Milliarde Menschen in
Slums und mehr als eine Milliarde Menschen als informelle Arbeiter,
die um ihr Überleben kämpfen. Das reicht von Straßenverkäufern
bis Tagelöhnern, von Tagesmüttern zu Prostituierten bis zu
Menschen, die ihre Organe verkaufen. Dies sind atemberaubende
Angaben, umso mehr als unsere Kinder und Enkelkinder die endgültige
Ausbreitung der menschlichen Rasse erleben werden. So ungefähr 2050
oder 2060 wird die menschliche Population mit etwa 10–10,5
Milliarden Menschen ihr maximales Wachstum erreichen. Nicht ganz so
groß wie frühere apokalyptische Vorhersagen, aber 95% dieses
Wachstums wird in den Städten des Südens stattfinden.
Vor
allem in den Slums…
Das
ganze zukünftige Wachstum der Menschheit wird in den Städten
stattfinden, überwiegend in armen Städten, und zum größten Teil
in den Slums.
Das
klassische Urbanisierungsmodell à la
Manchester/Chicago/Berlin/St.Petersburg erleben wir derzeit noch in
China und an einigen wenigen anderen Orten. Es ist wichtig zu
erwähnen, dass gerade die urbane industrielle Revolution in China
vergleichbare Prozesse woanders ausschließt, denn sie absorbiert so
alle Kapazitäten leichtindustrieller Waren – und zunehmend auch
alles andere. In China und einigen angrenzenden Ökonomien können
wir auch weiterhin ein Wachstum der Städte beobachten, das einen
industriellen Motor aufweist. Überall sonst findet dies ohne
Industrialisierung statt. Und oftmals, noch schockierender, ohne eine
Entwicklung in jedwedem Sinne. Mehr noch, die großen historischen
Industriestädte des Südens – Johannesburg, São Paulo, Mumbai,
Belo Horizonte, Buenos Aires – mussten in den letzten zwanzig
Jahren alle eine massive Deindustrialisierung erleiden, mit einem
absoluten Beschäftigungsrückgang im Manufakturgewerbe von 20–40%.
Die
heutigen Megaslums wurden überwiegend in den 70er und 80er Jahren
angelegt. Vor 1960 war eher die Frage, warum Dritte-Welt-Städte so
langsam wuchsen. Damals gab es große institutionelle Hindernisse
einer allzu schnellen Urbanisierung. Kolonialreiche behinderten noch
den Zugang zu den Städten, während in China und anderen
stalinistischen Ländern ein inländisches Passsystem soziale Rechte
und innere Migrationen kontrollierte. Der große urbane Boom kam in
den 60er Jahren, mit der Dekolonialisierung. Doch dann gab es noch
revolutionäre nationalistische Staaten, die darauf setzten, dass der
Staat eine integrale Rolle spielt bei der Bereitstellung von Häusern
und Infrastruktur. In den 70er Jahren begann der Staat auszusteigen,
und mit den 80ern – der Epoche der Strukturanpassungsprogramme –
haben wir eine Rückwärtsentwicklung in Lateinamerika und mehr noch
in Afrika. Seitdem haben wir es mit Städten südlich der Sahara zu
tun, die mit einer größeren Geschwindigkeit wachsen als die
viktorianischen Industriestädte in ihren Boomperioden – bei
gleichzeitigem Arbeitsplatzabbau.
Doch
wie können Städte Bevölkerungswachstum regeln ohne eine klassische
ökonomische Entwicklungsperspektive? Oder, anders gesagt, warum
explodieren Dritte-Welt-Städte nicht angesichts dieser Widersprüche?
Nun, zum Teil haben sie dies getan. Am Ende der 80er und in den
frühen 90er Jahren hatten wir überall in der Welt Anti-IWF-Unruhen,
Aufstände gegen die Verschuldungspolitik.
Und
die Unruhen von 1992 in LA sind ein Teil davon?
Weil
Los Angeles Aspekte der Dritten Welt mit denen der Ersten Welt
kombiniert, passt dies ins globale Muster des Aufbegehrens. Was für
die damaligen Führungen von Politik und Polizei in LA unsichtbar,
für „die Straße“ aber offensichtlich war, waren die
Auswirkungen der tiefsten Rezession Südkaliforniens seit 1938, deren
schlimmste Zerstörungen gar nicht die Flugzeugindustrie betrafen
(darüber wurde damals viel geschrieben), sondern die
Nachbarschaftssiedlungen der Armen und Immigranten. In einem Jahr –
als ich in der City wohnte – hatten sich an einem Abhang, der
bislang nur von einer Handvoll obdachloser männlicher Schwarzer
mittleren Alters bevölkert war, plötzlich etwa 100 oder 150 Latinos
niedergelassen. Sie waren sechs Monate zuvor Tagelöhner oder
Tellerwäscher gewesen.
Wenn
das auslösende Moment die gegen Rodney King verbrochenen Gräuel und
der angestaute Groll einer schwarzen Jugend in einer Gemeinschaft
waren, in der Beschäftigung Crack und Kokain meint, so wurde es zum
komplexen Großereignis aufgrund der umfangreichen Plünderungen in
den Latino-Gegenden, in denen Menschen hungrig waren und am Rande der
Obdachlosigkeit lebten.
Die
beiden bedeutendsten Armenstädte des 19.Jahrhunderts, die unser
gegenwärtiges Modell bilden, sind Dublin und Neapel. Aber niemand
betrachtet sie als die Zukunft. Der Grund, dass es nicht mehr Dublins
und Neapels gab, war vor allem die transatlantische Emigration. Heute
ist jedoch die Emigration aus dem Süden faktisch blockiert. Es gibt
keine Vorläufer für die Art von Grenzen, die bspw. Australien und
Westeuropa errichtet haben, konstruiert vor allem für die totale
Ausschließung – außer für eine kleine Schicht bestausgebildeter
Arbeitskraft. Die US-amerikanische Grenze zu Mexiko war historisch
von anderer Art. Sie funktionierte als Damm, um das
Arbeitskräfteangebot zu regulieren, nicht dieses ganz
auszuschließen. Im Allgemeinen haben die heutigen Menschen aus armen
Ländern nicht die Möglichkeiten, die damals arme Europäer hatten. Wie
wurde das, was in den Städten passierte, von den Politikern und
Führern interpretiert?
Die
Entdeckung von Weltbank, Entwicklungsökonomen und großen NGOs in
den 80er Jahren, dass die Menschen trotz der fast totalen Abdankung
der Rolle des Staates bei der Planung und Bereitstellung von Wohnraum
für arme Stadtbewohner schon irgendwie Schutz und Möglichkeiten des
Wohnens und Lebens finden würden, führte zum Aufstieg einer
„Bootstrap-Schule“ der Urbanisierung: Gebt den armen Leuten die
Mittel und sie bauen sich ihr eigenes Haus und organisieren ihre
eigene Nachbarschaft. Dies war, zum Teil, ein ganz und gar
gerechtfertigtes Anpreisen der Basisurbanisierung. In den Händen der
Weltbank jedoch wurde es zu einem ganz neuen Paradigma: Der Staat ist
erledigt. Kümmere dich nicht um den Staat. Arme Menschen können
ihre Stadt selbst in die Hand nehmen. Sie brauchen bloß einige
Kleinkredite…
zu
hohen Zinsraten.
Ja,
das ist richtig, und dann können arme Leute auf wundersame Weise
ihre eigenen urbanen Welten schaffen, und ihre eigene Jobs.
Planet
der Slums
nimmt sich vor, dem UN
Challenge Report
zu folgen, der unseren Blick dafür geschärft hat, dass die globale
Krise der Arbeitslosigkeit in den Städten als Bedrohung unserer
kollektiven Zukunft mit dem Klimawandel vergleichbar ist.
Zugegebenermaßen eine Reise mit dem Finger auf der Landkarte der
Städte der Armen, ist das Buch ein Versuch, die ausgedehnte
Spezialliteratur zur urbanen Armut und zur informellen
Siedlungsbewegung zusammenzuführen. Zwei grundsätzliche Ergebnisse
haben sich dabei ergeben.
Erstens
gibt es keinerlei Angebot mehr von freiem Siedlungsland, in manchen
Fällen schon seit langem. Der einzige Weg, auf dem man heute noch
eine Hütte auf freiem Land bauen kann, ist die Wahl eines so
gefährlichen Ortes, dass dieser keinerlei Marktwert mehr besitzt.
Siedlung ist hier eine zunehmend gefährliche Wette mit der
Katastrophe. Wenn man bspw. ein paar Meilen südlich und jenseits der
Grenze nach Tijuana [Mexiko] geht, kann mandas Land sehen, das einmal
Nachbarschaftssiedlungen beherbergte, die nun verkauft sind, manchmal
sogar unterteilt und entwickelt. Sehr arme Menschen siedeln nun auf
traditionelle Weise an den Rändern von Schluchten und in
Landstrichen, in denen ihre Häuser in wenigen Jahren kollabieren
werden. Dies gilt für die ganze Dritte Welt.
Siedlungen
wurden privatisiert. In Lateinamerika wird dies die
„Piratenurbanisierung“ genannt. Wo Menschen zwanzig Jahre zuvor
brachliegendes Land besetzt hätten, sich ihrer Vertreibung
widersetzt und vom Staat damit eventuell anerkannt worden wären,
bezahlen sie nun hohe Preise für kleine Landparzellen, oder, wenn
sie sich dies nicht leisten können, mieten sie von anderen armen
Menschen. In manchen Slums besteht die Mehrzahl der Bewohner nicht
aus Hausbesetzern, sondern aus Hausbesitzern. Wenn du nach Soweto
kommst, sieht man Leute die auf ihren Hinterhöfen Baracken bauen,
die sie vermieten. Die vorherrschende Überlebensstrategie von
Millionen armer Stadtbewohner, die lang genug in der Stadt sind, um
sich ein kleines Eigenheim erworben zu haben, ist, dieses zu teilen
und „Feudalherren“ von noch ärmeren Menschen zu werden, die
wiederum teilen und an andere weiter vermieten. Ein grundlegendes
Sicherheitsventil, die so stark romantisierte Grenze zu freiem
städtischen Land, ist so weitgehend beendet worden.
Das
zweite große Ergebnis betrifft die informelle Ökonomie – die
Möglichkeit der armen Menschen, ihre Lebensumstände durch
ungeregelte ökonomische Aktivität wie Straßenverkauf,
Tagelöhnerei, Heimarbeit oder selbst Subsistenzkriminalität zu
regeln. Die informelle Ökonomie ist mehr noch als die illegalen
Hausbesetzungen mit ausufernden Behauptungen über die Möglichkeit,
mittels Kleineigentum aus der Armut herauszukommen, romantisiert
worden. Die Ergebnisse von Fallstudien überall auf der Welt zeigen
jedoch immer mehr Menschen, die in einer begrenzten Zahl von
Überlebensnischen eingezwängt sind: Zu viele Rikschafahrer, zu
viele Straßenverkäufer, zu viele afrikanische Frauen, die ihre
Hütten in eine Townshipkneipe verwandeln, um Schnaps zu verkaufen,
zu viele Menschen, die fremder Leute Wäsche waschen, zu viele Leute,
die vor Arbeitsstellen Schlange stehen.
Willst
du damit sagen, dass die ehemals Dritte Welt in so etwas wie die
Dreihundertste Welt verwandelt wurde?
Was
ich sage ist, dass die zwei prinzipiellen Mechanismen, um die Armen
in die Städte zu integrieren, in welche der Staat vor langer Zeit zu
investieren versuchte, ihre Grenzen erreicht haben, wenn wir auf die
beiden nächsten Generationen kontinuierlichen Schnellwachstums der
armen Städte schauen. Die ominöse, aber nahe liegende Frage ist:
Was liegt hinter dieser Grenze?
Hier
ein Zitat aus Planet
der Slums:
„Bei einer buchstäblichen Großen Mauer der
Hightech-Grenzsicherung zur Verhinderung einer Migration großen
Ausmaßes in die reichen Länder bleibt nur der Slum als einzige
autorisierte Lösung für das Problem, die überschüssige Menschheit
dieses Jahrhunderts unterzubringen.“
Unerbittliche
Kräfte vertreiben Menschen vom Lande. Und dieser von der
globalisierten Ökonomie geschaffene Überschuss sammelt sich in den
Slums an, an den Peripherien der Städte, die weder wirklich Land
noch wirklich Stadt sind und bei denen es den Stadttheoretikern
schwer fällt, sich Gedanken zu machen.
In
den USA würden wir sie Vorstädte nennen, aber Vorstädte sind hier
ein ganz anderes Phänomen. Wenn man sich US-amerikanische Städte
anschaut, so ist diese Vorstadt-Besiedlung ihr am meisten ins Auge
fallendes Merkmal – Leute, die aus dem früheren ländlichen
Bereich in die Randstädte pendeln, leben nun in so genannten
McMansions, Riesenvillen mit immer größeren Grundstücken und den
davor parkenden Geländewagen. Sie lassen die traditionellen
Vorstädte der 50er Jahre mit ihren langweiligen, immer gleich
aussehenden Reihenhäusern geradezu umweltgerecht aussehen. Mit
anderen Worten, wenn die Leute aus der Mittelschicht weiter raus
ziehen, werden die Fußabdrücke, die sie dort in der Umwelt
hinterlassen um zwei bis drei Schuhgrößen zunehmen.
Die
andere Seite dieser Medaille sind die Ärmsten, die an die
gefährlichsten Orte verdrängt werden, auf rutschende Abhänge, in
die unmittelbare Nähe von Giftmüll, auf überfluteten Ebenen, und
so zu der in jedem Jahr weiter zunehmenden Todesrate durch
Naturkatastrophen beitragen – was weniger ein Maß für die sich
wandelnde Natur ist denn für die verzweifelten Risiken, die die
Armen eingehen müssen. In den großen Städten der Dritten Welt
erleben wir die Flucht eines Teils der Reichen in abgezäunte
Gemeinschaften, weit außerhalb in den Vorstädten. Aber das
wesentliche Phänomen ist, dass zwei Drittel der Slumbewohner der
Welt sich in einer Art städtischem Niemandsland ansammeln.
Verbranntes
Land
Du
nennst dies den „existenziellen Ground Zero“.<
Dies
deswegen, weil es sich um Urbanisierung ohne Urbanität handelt. Ein
Beispiel dafür ist die radikal islamistische Gruppe, die vor einigen
Jahren Casablanca angegriffen hat – etwa 15 oder 20 arme Kinder,
die in der Stadt zwar groß geworden, aber in keiner Weise Teil
derselben waren. Sie sind auf der Kante geboren, nicht in den
traditionellen Vierteln der Armen und der Arbeiterklasse, die zwar
einen fundamentalistischen, aber keinen nihilistischen Islamismus
unterstützen. Sie wurden vom Lande vertrieben, aber niemals in der
Stadt integriert. In ihrer Slumwelt bildeten Moscheen und
islamistische Organisationen die einzige Form von Gesellschaft. Als
diese Kinder die Stadt angriffen, kamen sie erstmals in ihr Zentrum.
Das ist mir die Metapher für das, was weltweit passiert: eine
Generation nicht nur der armen und verelendeten Städte, sondern der
urbanen Müllhalden.
Nehmen
wir Haidarabad, Indiens Vorzeige-Hightechstadt, eine Stadt von 60.000
Softwarearbeitern und -technikern, in der die Menschen den
kalifornischen Lebensstil in Vorstädten nachahmen, die wie Santa
Clara Valley aussehen, und wo man zu Starbucks gehen kann. Dieses
Haidarabad ist umgeben von endlosen Slums und mehreren Millionen
Menschen. Dort gibt es mehr Lumpensammler als Softwareingenieure.
Einige dieser die Krumen der Hightechökonomie einsammelnden
Stadtbewohner sind aus dem Inneren der Stadt vertrieben worden, um
Raum für die Themenparks der neuen Mittelklasse zu machen.
Es
erscheint mir, dass die Bush-Administration in Bagdad eine
unheimliche Version jener urbanen Welt erschaffen hat, die du in
Planet
der Slums
beschrieben hast. Da ist eine imperiale, mit einer Mauer umgebende
Grüne Zone im Zentrum der Stadt, inklusive Starbucks, und außerhalb
davon die Hauptstadt selbst und der weitreichende Slum von Sadr City
– und der einzige Austausch zwischen beiden sind die mit Missiles
bestückten Hubschrauber in die eine und die Autobomber in die andere
Richtung.
Ganz
genau. Bagdad wird zum Paradigma mit seinem Zusammenbruch des
öffentlichen Raums und dem immer geringer werdenden Abstand zwischen
beiden Extremen. Die einstmals zwischen Sunniten und Schiiten
gemischten Stadtviertel werden immer schneller gespalten, nicht nur
von den US-amerikanischen Aktionen, sondern auch vom
religiös-konfessionellen Terror.
Sadr
City, das früher Saddam City hieß, das östliche Viertel von
Bagdad, ist in groteske Dimensionen gewachsen – 2 Millionen arme
Menschen, überwiegend Schiiten. Und es wächst weiterhin, so wie im
Übrigen auch sunnitische Slums, nun nicht mehr dank Saddam, sondern
dank der katastrophalen US-amerikanischen Politik gerade im Bereich
der Agrarwirtschaft, in die die USA fast keinerlei
Rekonstruktionsgeld gesteckt haben. Große Farmländer sind
zurückverwandelt in Wüste, während sich alles vergeblich auf den
Wideraufbau der Ölindustrie konzentriert. Entscheidend wäre die
Erhaltung eines Gleichgewichts zwischen Stadt und Land, aber die
US-amerikanische Politik hat die Flucht vom Land beschleunigt.
Grüne
Zonen sind eine Art eingeschlossener Viertel, Zitadellen innerhalb
größerer Festungen. Man sieht diese auch anderswo auf der Welt sich
herausbilden. In meinem Buch stelle ich dem das Wachstum der
peripheren Slums entgegen. Die Mittelklasse gibt mit dem städtischen
Zentrum ihre traditionelle Kultur auf, um in abseitige Welten mit
kalifornischen Lifestyleparks zu flüchten. Manche dieser neuen
Viertel sind unglaublich sicherheitsbewusst, wirkliche Festungen.
Andere sind mehr typisch US-amerikanische Vororte. Alle aber drehen
sich um die Leidenschaft für ein imaginiertes Amerika, vor allem um
jenes Fantasie-Kalifornien, das durch das Fernsehen weltweit
vermarktet wird.
Die
neuen Reichen von Peking können mittels Autobahnen zu abgegrenzten
Vierteln mit Namen wie Orange County und Beverly Hills pendeln. Auch
in Kairo gibt es ein Beverly Hills und ein ganzes von Walt Disney
thematisch gestaltetes Viertel. Auch Jakarta hat das gleiche –
Siedlungen, in denen die Menschen in imaginären Amerikas leben.
Diese Verbreitung betont nur die fehlenden Wurzeln der neuen
weltweiten urbanen Mittelklasse. Und einher geht damit eine
Besessenheit, Dinge in einer Form zu bekommen, wie sie dem durchs
Fernsehen transportierten Bild entspricht. So erleben wir derzeit
Architekten aus Orange County, die „Orange County“ außerhalb von
Peking designen. Wir haben es hier mit einer phänomenalen Treue zu
jenen Dingen zu tun, die die globale Mittelklasse im Fernsehen oder
in den Kinos zu sehen bekommt.
Um
zum anderen urbanen Bush-Projekt zu wechseln: etwas Vergleichbares
scheint auch in New Orleans vorzugehen?
Absolut.
Ein großer Teil der weißen Oberschicht in New Orleans möchte
leider in einer völlig erfundenen Themenparkversion des historischen
New Orleans leben anstatt sich der wirklichen Aufgabe des
Wiederaufbaus der Stadt und dem Leben mit der afroamerikanischen
Mehrheit zu widmen. Die Vorstellungen dieser Menschen von
Authentizität haben längst jeden Bezugspunkt zur Realität
verloren. In Ökologie
der Angst
habe ich auf das Beispiel hingewiesen, wie Universal Studios die
Ikonen von Los Angeles herausdestilliert, miniaturisiert und sie an
einen umgrenzten, sicheren Platz versetzt hat, den sie den City Walk
nennen. Nun gehen Touristen dorthin – etwas Vergleichbares finden
wir in Las Vegas –, wenn sie „die Stadt“ besichtigen wollen.
Doch man besucht einen städtischen Themenpark, der nicht mehr ist
als eine Straße. Die Armen werden in diesem Prozess zunehmend von
jedem Zugang zu Kultur und öffentlichem Stadtraum abgeschnitten,
während die Wohlhabenden freiwillig darauf verzichten, um sich in
einen universellen Raum zu begeben, der sich von Land zu Land kaum
unterscheidet. Was dazwischen ist, verschwindet.
Noch
immer gibt es jedoch große Unterschiede zwischen den Kulturzonen und
Kontinenten. Was bspw. in Lateinamerika am beängstigendsten ist, ist
das Ausmaß der vor sich gehenden politischen Polarisierung, die
grimmige Schärfe, mit der die Mittelklasse den Bedürfnissen und
Forderungen der Armen begegnet. Chávez muss auf kubanische Ärzte
zurückgreifen, weil er gerade mal eine Handvoll venezolanischer
Ärzte bekommt, die in den Slums arbeiten wollen.
Der
Mittlere Osten ist ganz verschieden. In Kairo bspw., wo sich der
Staat zurückgezogen hat oder zu korrupt ist, um elementare Dienste
anzubieten, wird deren Bedarf von islamischen Fachkräften bedient.
Die Moslembruderschaft hat den Ärzteverband übernommen, ebenso den
Verband der Ingenieure. Anders als die lateinamerikanische
Mittelklasse, die sich nur zur Sicherung ihrer Privilegien
mobilisiert, organisieren sich diese, um die betreffenden Dienste für
die Armen in einer parallelen Zivilgesellschaft zu sichern. Zum Teil
kommt dies von der vom Koran vorgeschriebenen Pflicht ein Zehntel den
Armen zukommen zu lassen, doch haben wir es hier mit einem
auffallenden Unterschied zu tun, mit enormen Auswirkungen auf das
städtische Leben.
Die
Ökologie der Grippe
Ich
möchte einen kurzen Abstecher machen. Das Buch, das du vor Planet
der Slums geschrieben
hast, war das über die Vogelgrippe.
Während wir miteinander sprachen, ist mir aufgefallen, dass dies
thematisch mit Planet
der Slums
verbunden ist, weil es auch hier um eine Art der planetarischen
Verslumung geht, der agrikulturellen Verslumung.
Ein
an Dickens erinnerndes viktorianisches Elend ist hier neu entstanden,
auf einem Niveau, das selbst die Menschen des viktorianischen
Zeitalters verblüfft hätte. Und es fragt sich dabei, warum nicht
auch jene intensive Beschäftigung mit den Krankheiten der Armen
wiederkehrt, wie sie die viktorianische Mittelklasse kennzeichnet.
Auch deren erste Reaktion auf die um sich greifenden Epidemien war,
nach Hampstead zu gehen, aus der Stadt zu flüchten und zu versuchen,
sich von den Armen zu separieren. Als aber klar wurde, dass die
Cholera von den Slums auch in die Gebiete der Mittelklasse zu
springen vermag, begannen die Investitionen in ein minimales
Gesundheitssystem und die Infrastruktur öffentlicher Gesundheit.
Eine ähnliche Illusion ist heute, dass wir uns irgendwie abschirmen
oder isolieren oder vor den Krankheiten der Armen flüchten können.
Ich glaube, dass die wenigsten von uns die massive, wirklich
explosive Konzentration möglicher Krankheiten wahrnehmen, die
existiert.
Vor
über zwanzig Jahren haben die führenden Erforscher infektiöser
Krankheiten in einer Reihe von Veröffentlichungen auf neue und
wiedererstehende Krankheiten hingewiesen. Die Globalisierung, haben
sie beobachtet, verursachte eine planetare ökologische Instabilität
und Veränderung, die das Gleichgewicht zwischen den Menschen und
ihren Mikroben in einer Weise verändert, die neue Plagen
heraufbeschwört. Sie haben auch vor dem Scheitern gewarnt, eine der
Globalisierung angemessene Infrastruktur von Krankheitsbeobachtung
und öffentlichem Gesundheitssystem aufzubauen.
In
meinem Buch untersuche ich die Beziehung zwischen dem um sich
greifenden globalen Slum, überall verbunden mit sanitären
Katastrophen und den klassischen Konditionen, die eine schnelle
Ausbreitung von Krankheiten über menschliche Populationen erlaubt,
und, auf der anderen Seite, den Veränderungen der
Lebensmittelproduktion, die ganz neue Bedingungen schaffen für die
Entstehung und Verbreitung von Krankheiten zwischen Tieren und ihres
Übergreifens auf Menschen.
Die
(Vogel-)Grippe ist ein wichtiges Paradigma von Infektionskrankheiten.
Ihr klassisches Reservoir liegt in dem einzigartig produktiven
agrikulturellen System des südlichen China mit seiner langen und
engen ökologischen Verbindung zwischen Wildvögeln, domestizierten
Vögeln, Schweinen und Menschen. Auf der einen Seite haben wir in der
modernen Welt optimale Bedingungen geschaffen für die Ausbreitung
der Vogelgrippe. Und andererseits hat das Wachstum der armen Städte
auch die Nachfrage nach Proteinformen verstärkt, die nicht mit
traditionellen Proteinressourcen befriedigt werden kann und
entsprechend durch die industrielle Lebensmittelproduktion bedient
wird.
Das
bedeutet schlicht und einfach die Urbanisierung der
Lebensmittelproduktion. Anstatt von 15 oder 20 Hühnern und einer
Reihe von Schweinen auf einem kleinen Bauernhof sprechen wir, bspw.
um Bangkok herum, von ganzen Landstrichen von Hühneraufzuchtfarmen,
vergleichbar dem, was wir in Arkansas oder dem nordwestlichen Georgia
finden können: Millionen von Hühnern leben in Lagerhäusern und
Industriefarmen. Vogelansammlungen dieser Größenordnung haben
niemals zuvor in der Natur existiert und befördern
höchstwahrscheinlich – das haben mir die Epidemologen bestätigt,
mit denen ich gesprochen habe – ein Maximum an Virulenz, die
beschleunigte Evolution von Krankheiten.
Gleichzeitig
wurden in der ganzen Welt Feuchtgebiete zerstört und Wasser,
gewöhnlich zur Bewässerung in der Landwirtschaft, umgelenkt,
weshalb Zugvögel bewässerte Felder und Reisfarmen aufsuchen. Und
all dies – die Revolution der Lebensmittelherstellung, die
wachsende Nachfrage der Städte vor allem nach Geflügel (nun die
weltweit zweitwichtigste Proteinressource), das Wachstum der Slums,
die Zerstörung der Feuchtgebiete – ist in den letzten 10–15
Jahren mit einer besonderen Schnelligkeit vonstatten gegangen. Und
vor all dem sind wir vor über einer Generation von Experten für
Infektionskrankheiten gewarnt worden. Dies ist eine ökologische
Unordnung der ganz besonderen, verschärften Art, die die Ökologie
der Grippe und die Bedingungen verändert hat, unter denen
Tierkrankheiten auf Menschen übergreifen. Dies ist zudem zu einer
Zeit geschehen, als sich die öffentliche Gesundheitsfürsorge im
Großteil der urbanen Dritten Welt zurückentwickelt hat. Eine der
Konsequenzen der Strukturanpassungsprogramme der 80er Jahre war,
Hunderttausende von Ärzten, Krankenschwestern und Beschäftigten des
staatlichen Gesundheitswesens in die Emigration zu treiben, Kenia
oder die Philippinen zu verlassen, um in England oder Italien zu
arbeiten.
Dies
ist ein Patentrezept für biologische Katastrophen und die
Vogelgrippe ist die zweite Pandemie der Globalisierung. Es ist heute
recht klar, dass sich das HIV-Virus über das afrikanische
Buschfleisch verbreitet hat, als die Westafrikaner sich dem
Buschfleisch zuwandten, weil die großen europäischen Fangflotten
den gesamten Fischbestand aus dem Golf von Guinea – die
traditionelle Hauptressource des urbanen Proteinbedarfs –abfischten.
Es gibt auch Hypothesen mit einer gewissen Glaubwürdigkeit, dass HIV
wahrscheinlich in Kinshasa den kritischen Massepunkt erreichte, jener
großen Stadt im Kongo, die ein herausragendes Beispiel dafür
darstellt, was passiert, wenn der Staat zusammenbricht oder sich
zurückzieht.
HIV,
Vogelgrippe, SARS – eine andere Krankheit, die sich aus dem Handel
mit Buschfleisch entwickelt hat, diesmal in den Städten des
südlichen China, und sich über die Erde mit erschreckenden
Schnelligkeit ausbreitet. Dies ist die Zukunft der Krankheiten…
und
der Verslumung.
Ja,
Krankheiten in einer Welt der Slums. Nimmt man die Kombination aus
globalen Slums und weitreichender Veränderung der Ökologie von
Mensch und Tier, ist so etwas wie der Übergriff der Vogelgrippe auf
die Menschen unvermeidbar. Und was noch problematischer ist als die
Vogelgrippe selbst, ist der Umgang mit ihr, das unverzügliche Horten
Impfstoffen und Antivirenmitteln, der exklusive Zugang zum
gesundheitlichen Schutz der Bevölkerung in einer Handvoll reicher
Länder, die auch die Produktion dieser lebenswichtigen Medizin
monopolisieren. Mit anderen Worten: das bewusste Abhängen der Armen
ohne groß nachzudenken. Wenn die Vogelgrippe nicht dieses Jahr,
sondern in fünf Jahren ausbricht, wird der einzige Unterschied im
Ausmaß des Schutzes in den USA, Deutschland oder England liegen. Die
Armen wären in derselben Lage, vor allem die afrikanische
Bevölkerung, die durch den HIV-Virus so geschwächt ist, dass sie
für andere Infektionen weitgehend empfänglich sein wird.
Im
Dschungel der Gewalt
Dies
ist die eine Art des möglichen Austauschs zwischen der imperialen
Stadt und der Slumstadt. Die andere virulente Art des Austauschs ist
die Gewalt, unsere Kriege gegen den Terror und die Drogen, gegen was
auch immer. Wenn wir an Vietnam und dann an den Irak denken, wird der
Dschungel im Rahmen moderner Kriegführung zum Slum.
Ohne
die auch weiterhin existierenden explosiven sozialen Widersprüche
auf dem Lande minimieren zu wollen, ist klar, dass die Zukunft der
Guerilla-Kriegführung, des Aufstands gegen das Weltsystem, in die
Stadt gewandert ist. Niemand hat dies mit solcher Klarheit verstanden
wie das Pentagon, das mit großer Leidenschaft die empirischen
Konsequenzen in den Griff zu bekommen versucht. Die
Pentagon-Strategen sind den Geopolitikern und traditionellen
Außenpolitikern einen gehörigen Schritt voraus beim Verständnis
der Bedeutung einer Welt der Slums…
und
der globalen Erwärmung.
Ja,
weil sie die potenzielle Instabilität verstanden haben, die diese
schaffen wird, und sich vielleicht vorstellen können, welche
vorteilhaften Veränderungen sie im Gleichgewicht der Macht in deren
Folge durchsetzen können.
Was
die USA in den letzten Jahren gezeigt haben, ist ihre
außerordentliche Fähigkeit, die hierarchischen Strukturen der
modernen Stadt außer Kraft zu setzen, ihre zentrale Infrastruktur
und deren Knotenpunkte anzugreifen: Fernsehstationen in die Luft zu
jagen, Versorgungswege und Brücken. „Smarte“ Bomben, kleine
Bomben können dies. Gleichzeitig hat jedoch das Pentagon
herausgefunden, dass diese Technologie auf die Peripherie der Slums
nicht anzuwenden ist, nicht auf jenes Labyrinth nicht verzeichneter,
geradezu unbekannter Teile der Stadt, die jede Hierarchie ebenso
vermissen lassen wie zentralisierte Infrastrukturen oder große
Gebäude. Es gibt eine wirklich extensive Militärliteratur, die das
aufzuhellen versucht, was das Pentagon als das neueste Terrain dieses
Jahrhunderts betrachtet und, in den Slums von Karachi, Port-au-Prince
und Bagdad, vorfindet und nachbildet. Vieles hiervon geht zurück auf
die Erfahrung in Mogadishu [1993]. Das war ein großer Schock für
die USA und zeigte, dass die traditionellen urbanen Methoden der
Kriegführung in der Stadt der Slums nicht funktionieren.
Während
wir wegen einer kleinen Anzahl von in den Straßen Mogadishus
getöteten amerikanischen Soldaten geschockt waren, ist eine
unbekannte, aber große Zahl von Somalis getötet worden.Sie
können Blutbäder auf hohem Niveau veranstalten und Tausende
Menschen töten. Was ihnen aber abgeht, ist die Fähigkeit,
entscheidende Knotenpunkte operativ zu entfernen, einfach, weil diese
kaum existieren, weil sie es nicht zu tun haben mit einem
hierarchischen Raumsystem, auch nicht mit hierarchischen
Organisationen. Ich weiß nicht, ob der Nationale Sicherheitsrat dies
verstanden hat, aber sicherlich viele Militärdenker. Wenn man bspw.
Studien des Army War College liest, findet man eine andere Geopolitik
als die von der Bush-Administration verfolgte. Die Kriegsplaner
betonen nicht Achsen des Bösen oder umfassende Verschwörungen. Sie
betonen stattdessen das Terrain – den wild wuchernden Slum und die
Möglichkeiten, die dieser einer bunten Mischung von Gegnern –
Drogenbaronen, Al Qaeda, revolutionären oder religiösen
Organisationen und Gruppen – bietet, um sich eine Hochburg zu
schaffen. Ein Ergebnis ist, dass die Theoretiker des Pentagon
Architektur und Theorie der Stadtplanung studieren. Sie benutzen
Geoinformationssysteme und Satelliten, um ihre Wissenslücken zu
füllen, weil der Staat normalerweise nur sehr wenig von seiner
eigenen Peripherie der Slums weiß.
Hiermit
verbunden ist eine andere Frage, die Frage nach den Subjekten der
Veränderung. Wie wird die ausgesprochen große Minderheit der
Menschheit, die nun in den Städten lebt, aber aus der formellen
Weltökonomie ausgeschlossen ist, ihre Zukunft finden? Wo sind die
Fähigkeiten zur historischen Veränderung? Die traditionelle
Arbeiterklasse, wie sie Marx im Kommunistischen
Manifest
dargestellt hat, war eine revolutionäre Klasse aus zwei Gründen:
weil sie keine „Aktien“ in der herrschenden Ordnung hatte, aber
auch, weil im modernen Prozess industrieller Produktion zentralisiert
worden war. Sie besaß ein enormes Potenzial sozialer Macht – um zu
streiken, die Produktion einzustellen oder die Fabriken zu
übernehmen.
Hier
haben wir es aber mit einer informellen Arbeiterklasse zu tun ohne
strategischen Platz in der ökonomischen Produktion, die dennoch eine
neue soziale Macht entdeckt hat – die Macht, das Leben der Stadt zu
unterbrechen, die Stadt zu bestreiken. Das reicht von der kreativen
Gewaltlosigkeit der Menschen in El Alto, dem ausufernden Doppelslum
von La Paz, wo Bewohner immer wieder den Weg zum Flughafen
verbarrikadieren oder den Verkehr zum Stillstand bringen, um ihre
Forderungen zu stellen, bis zu dem nun universellen Gebrauch der
Autobomben durch nationalistische und religiöse Gruppen, die gegen
die Viertel der Mittelschichten, die Finanzviertel und selbst die
Grünen Zonen gerichtet sind. Ich glaube, dass wir hier eine Menge
globaler Experimente beobachten können, um den möglichen Gebrauch
der Macht der Unterbrechung herauszufinden.
Ich
glaube ja, dass die größte Macht dieser Unterbrechungen die Macht
ist, die globalen Energieflüsse zu unterbrechen. Arme Menschen sind
auch mit minimaler Technologie in der Lage, dies auf Tausenden von
unbewachten Meilen zu tun.
In
diesem Kontext sieht man bereits die ersten Elemente einer
aufkommenden Kampagne. Allein im letzten Monat gab es den ersten
Autobombenversuch in Saudi-Arabiens größtem Ölzentrum und die
erste Autobombe im Nigerdelta in Nigeria. Niemand wurde verletzt,
aber der Einsatz erhöht.
Du
beendest Planet
der Slums
mit der Bemerkung: „Während das Imperium über ein Orwell’sches
Arsenal an Repressionstechnologien verfügt, haben die Geächteten
die Götter des Chaos auf ihrer Seite.“
Denn
Chaos ist nicht immer eine Kraft zum Schlechten. Das schlimmste
Szenario ist, wenn die Menschen zum Schweigen gebracht würden. Dann
wäre ihre Abwesenheit permanent. Es vollzieht sich eine
stillschweigende Selektion der Menschheit. Menschen werden zum
Sterben bestimmt und sie werden genauso vergessen wie die von AIDS
oder Hungerkatastrophen Betroffenen.
Der
Rest der Welt muss dagegen aufgeweckt werden. Und die Armen der Slums
experimentieren mit einer großen Vielfalt von Ideologien, Ansätzen
und Mitteln, die Unordnung anzuwenden – von geradezu
apokalyptischen Angriffen auf die Modernität selbst bis zu
Avantgardeversuchen, neue Modernitäten in Gang zu setzen, neue Arten
sozialer Bewegung. Doch eines der fundamentalen Probleme, wenn so
viele Menschen für Jobs und Raum kämpfen, ist, dass der nahe
liegende Weg, sie zu regulieren, der durch Paten, Stammeshäuptlinge,
ethnische Führer ist, die nach Prinzipien ethnischer, religiöser
oder rassischer Ausgrenzung operieren. Dies tendiert zu sich im
Kreislauf bewegenden ewigen Kriegen zwischen den Armen selbst. So
findet man in derselben Stadt der Armen eine Reihe sich
widersprechender Tendenzen – Menschen, die den Heiligen Geist
bemühen oder Straßengangs beitreten oder radikale soziale
Organisationen unterstützen oder Anhänger von religiösen oder
populistischen Politikern werden.
Eine
letzte Beobachtung: Du wirst oft als Apokalyptiker betrachtet, als
Prophet der hoffnungslosen, katastrophalen Untergangs, aber geradezu
alles, was du schreibst, behandelt den menschlichen Beitrag zur
Katastrophe, die Art, wie wir uns weigern, die Realitäten dieser
Welt angemessen anzugehen. So enthält dein Werk in meinen Augen
immer auch ein Element der Aktivität und Hoffnung. Wenn schließlich
alles eine Tat von Menschen ist, ist es auch möglich, dass Menschen
so etwas vermeiden oder anders machen können.
Nun,
meine Verpflichtung ist es, so klarsichtig und ehrlich wie möglich
zu sein in meinen Ansichten, zu denen ich durch Forschung und
Beobachtung gelangt bin – und durch meine bescheidende
Lebenserfahrung. Ich fühle mich nicht verpflichtet, irgendetwas mit
Dosen von sog. Optimismus zu versüßen. Irgendjemand hat einmal
Ökologie
der Angst
wegen der angeblichen erotischen Freude an der Apokalypse
angegriffen. Das heißt für mich, dass es entweder schlecht
geschrieben oder schlecht gelesen wurde, denn in dem Kapitel über
die apokalyptische LA-Literatur habe ich klar gemacht, dass die
Freude an der Apokalypse normalerweise zu einer Art des rassistischen
Voyeurismus tendiert.
Schließlich
ist es jedoch wichtig, sich an die wahre Bedeutung der Apokalypse in
den Religionen Abrahams zu erinnern, die letztendlich, am Ende der
Zeit, am Ende der Geschichte, die Offenbarung des wahren Textes der
Geschichte, der nicht von der herrschenden Klasse und ihrer
Schriftgelehrten geschriebenen wahren geschichtlichen Erzählung ist.
Das ist die Geschichte von unten. Deswegen hatte ich auch immer ein
großes Interesse für die Religionen der Unterdrückten, weshalb ich
Phänomenen wie der Pfingstbewegung – manche sagen: unkritische –
Aufmerksamkeit geschenkt habe.
Ist
also unsere gemeinsame Zukunft eine zerstörerische Abwärtsspirale?
Die
Stadt ist unsere Arche, in der wir die Umweltturbulenzen des nächsten
Jahrhunderts zu überleben versuchen. Wirklich urbane Städte sind
die umweltmäßig effektivste Form des Lebens mit der Natur, die wir
besitzen, weil sie die rein private oder familiäre Konsumtion durch
öffentlichen, gesellschaftlichen Luxus ersetzen und weil sie einen
Zusammenhang stiften kann zwischen ökologischer Nachhaltigkeit und
einen anständigen Lebensstandard. Wie groß auch immer unsere
Bibliothek oder unser Swimming Pool ist, es wird nie dasselbe sein
wie die öffentliche Bibliothek von New York oder ein großes
öffentliches Schwimmbad. Nichts wird je dem Central Park oder dem
Broadway vergleichbar sein.
Eines
unser größten Probleme ist: Wir bauen Städte ohne urbane Qualität.
Gerade die armen Städte verbrauchen jene Naturgebiete und
Wasserreserven, die für ihr ökologisches Funktionieren und ihre
ökologische Nachhaltigkeit elementar sind. Und sie zerstören diese
entweder aus destruktiv-privaten Spekulationsgründen oder einfach
weil die Armut in alle Räume strömt. Überall auf der Welt sind die
entscheidenden Wasserreserven und grünen Räume, die Städte für
ihr ökologisches Funktionieren und als wirkliche Städte brauchen,
mit Armut und durch private Spekulation urbanisiert. Als Ergebnis
sind die armen Städte zunehmend empfindlich geworden für
Katastrophen, Pandemien und katastrophische Ressourcenengpässe,
speziell beim Wasser.
Umgekehrt
ist der wichtigste Schritt, um mit den globalen Umweltveränderungen
zurechtzukommen, massiv in die soziale und physische Infrastruktur
unserer Städte zu investieren und dabei Dutzende Millionen armer
Jugendlicher zu beschäftigen. Es sollte uns nicht ruhen lassen, dass
Jane Jacobs [1916–2006] – die so klar gesehen hat, dass der
Reichtum der Nationen nicht von den Nationen, sondern den Städten
begründet wurde – ihr letztes visionäres Buch [Dark
Age Ahead,2004] dem Gespenst eines drohenden dunklen Zeitalters widmen sollte.
*
Das Gespräch mit Mike Davis führte der US-amerikanische Autor und
Herausgeber Tom Engelhardt für www.tomdispatch.com. Das hier mit
freundlicher Genehmigung der beiden veröffentlichte Gespräch (die
Übersetzung besorgte Christoph Jünke für die Sozialistischen
Hefte
12, Dezember 2006) behandelt vor allem Themen, die Davis in seinem
Anfang 2007 im Berlin/Hamburger Verlag Assoziation A auch auf Deutsch
erschienenen Buch Planet
der Slums behandelt.
Ende 2006 ist dort auch die Neuauflage von Mike Davis’ Klassiker
City
of Quartz. Ausgrabungen der Zukunft in Los Angeles
erschienen. Außerdem erhältlich sind über den Verlag Assoziation A
Davis’ Bücher Casino-Zombies
und andere Fabeln aus dem Neon-Westen der USA
(1999),
Geburt der Dritten Welt. Hungerkatastrophen und Massenvernichtung im
imperialistischen Zeitalter (2004),
Vogelgrippe.
Zur gesellschaftlichen Produktion von Epidemien (2005),
Eine
Geschichte der Autobombe
(2007) sowie, zusammen mit Justin Akers Chacón Crossing
the Border. Migration und Klassenkampf in der US-amerikanischen
Geschichte
(2007). Davis’ Buch Ökologie
der Angst. Los Angeles und das Leben mit der Katastrophe
ist 1999 im Verlag Antje Kunstmann erschienen.
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