Roth: Waldemar Pabst (1880-1970) PDF Drucken E-Mail
04.04.2009

Eine deutsche Karriere

von Karl Heinz Roth

1. Die Konterrevolution der Jahre 1918 bis 1922/23 hat die politische Sozialgeschichte Zentraleuropas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entscheidend geprägt. Sie erstickte die Massenbewegungen und Sozialrevolten der Arbeiter und Arbeiterinnen, einfachen Soldaten und Kleinbauern, die seit 1917 gegen die Massaker und Entbehrungen des Ersten Weltkriegs aufbegehrten, und schlug ihre Umsturzversuche nacheinander nieder. Als Hauptakteure profilierten sich dabei seit dem Waffenstillstand die Stabsoffiziere und Restkader der Fronttruppen. Ihnen gegenüber hatten die Aufstandsversuche der revolutionären Linken und die Gegenmacht der Arbeiter- und Soldatenräte keine Chance, weil der Terror der konterrevolutionären Truppen im zentraleuropäischen Krisenzentrum Deutschland durch ein Bündnis mit den Arbeiterbürokratien des »Burgfriedens« legitimiert wurde. Das Scheitern des sozialistisch-rätedemokratischen Umbruchs in Deutschland isolierte nicht nur das postrevolutionäre Russland, sondern auch die ungarische Räterepublik und die norditalienische Rätebewegung.

Die Niederlage hatte weit reichende Konsequenzen. Die triumphierenden Militärs begannen umgehend, ihren Bündnispartnern die Rechnungen zu präsentieren: Sie forderten die Wiederherstellung der alten Machtverhältnisse und die Annullierung der im Frühjahr 1919 geschlossenen Pariser Vorortverträge, weil sie ihre beruflichen Karrieren bedrohten oder ihnen im Fall Italien die versprochenen Früchte des Siegs vorenthielten. In Ungarn und Italien gelang ihnen die Durchsetzung ihrer Interessen im folgenreichen Bündnis mit dem Großgrundbesitz, den übrigen traditionellen Eliten und einer antisozialistischen Massenbewegung, aus dem in Italien erstmalig das »totalitäre« Herrschaftssystem des Faschismus hervorging. In Ungarn etablierte sich die Militärdiktatur eines »Reichsverwesers«. Österreich steuerte auf einen zeitweiligen sozialstaatlichen Kompromiss zu, der wesentlich durch die intakt gebliebene Arbeiterbewegung getragen wurde. Dagegen blieb in Deutschland zunächst alles in der Schwebe. Als sich die Mehrheitssozialdemokratie zu Beginn des Jahres 1920 weigerte, einen Staatsstreich der Militärkaste gegen die Demobilmachungs- und Abrüstungsbestimmungen des Versailler Vertrags mitzutragen, zerbrach das strategische Bündnis, und den Akteuren des Kapp-Lüttwitz-Putschs wurden durch einen Generalstreik die Grenzen ihrer Handlungsspielräume aufgezeigt. Aber sie wurden keineswegs entmachtet. Die konterrevolutionären Truppen wurden weiterhin zur Niederschlagung regionaler Arbeiteraufstände eingesetzt, und ihre Offiziere überwinterten in den sicherheitspolizeilichen und paramilitärischen Strukturen, die sie im Verlauf des Jahrs 1919 aufgebaut hatten. Zusätzlich vernetzten sie sich mit der verbliebenen Berufsarmee des 100 000-Mann-Heeres und warteten als »Schwarze Reichswehr« auf ihre nächste Chance.

2. Im Verlauf der 1920er Jahre avancierte der unsaturierte »Schwarze Block« der Militärs zum Kern der nun auch in Deutschland und Österreich aufkommenden faschistischen Massenbewegung. Er nahm dabei von Anfang an eine Schlüsselstellung ein, denn er verband die extreme Gewalttätigkeit der konterrevolutionären Nachkriegsjahre mit Programmen zur Wiederherstellung imperialer Reichsräume, in denen der Armee eine dominierende Rolle zugedacht war. Darüber hinaus verfügte er im Gegensatz zu den anderen Fraktionen der faschistischen Irredenta über einen soliden materiellen Rückhalt, weil er nicht nur als »schwarzes« Anhängsel der verkleinerten Berufsarmeen alimentiert wurde, sondern auch in der Rüstungsindustrie verankert war und ihre internationalen Waffengeschäfte organisierte. Vor allem aber betätigten sich die Militärkader als Organisatoren der faschistischen Kampfbünde, die sie generalstabsmäßig strukturierten und homogenisierten. Dadurch halfen sie den rivalisierenden Strömungen des europäischen Faschismus über ihre strategischen Differenzen und nationalen Begrenzungen hinweg und proklamierten schon in der »Bewegungsphase« eine »Weiße Internationale«. Obwohl seit der Weltwirtschaftskrise die politischen Massenorganisationen und Propagandainstrumente des Faschismus immer stärker in den Vordergrund traten, waren die Offiziere ihrer Milizen und Nachrichtendienste entscheidend beim Kampf gegen die parlamentarische Demokratie und die Arbeiterbewegung. Und da sie das gesamte rivalisierende Spektrum dieser Kampfbünde – SA, SS, Heimwehr und Stahlhelm (Bund der Frontsoldaten) – kontrollierten, vermochten sie auch zwischen den verschiedenen strategisch-politischen Optionen zu vermitteln und ihre Machtkämpfe zu begrenzen. Ohne die »ordnende Hand« des Schwarzen Blocks der Offiziere wäre es kaum möglich gewesen, den Klerikalfaschismus, den völkischen Rassismus und Antisemitismus, den ständischen Korporatismus, den »preußischen Sozialismus« der Jungkonservativen und die monarchistische Reichsidee in eine Koalition der »nationalen Erhebung« zu transformieren, die dann nach der Eroberung der politischen Macht ihre Dispute hinter den Fassaden der faschistischen Einheitsparteien und der »Vaterländischen Front« fortsetzte. Und deshalb waren die Militärs auch in der Lage, ihren Koalitionspartnern nach der endgültigen Zerstörung der Arbeiterbewegung und des parlamentarisch-sozialstaatlichen Gesellschaftskompromisses ein zweites Mal ihre Rechnung zu präsentieren – und zwar diesmal erfolgreich. Schon wenige Wochen nach der Etablierung des Kabinetts Hitler wurde die »wehrhafte Volksgemeinschaft« als entscheidende strategische Option festgeschrieben, die sich der forcierten Hochrüstung und der Vorbereitung eines »totalen« Revisionskriegs zu unterwerfen hatte.

3. So weit – im allergröbsten Umriss – der historische Rahmen. Wie war es aber um die Binnenstrukturen und die Mentalitäten der militärischen Akteure der Konterrevolution bestellt? Welche politischen Konzepte entwickelten sie bei der terroristischen Niederschlagung des revolutionären Aufbruchs der Unterklassen? Wie verknüpften sie die konterrevolutionären Hauptaktionen miteinander? Und wie gelang es ihnen, nach der Blockade der sozialen Massenkämpfe auf eine mittelfristige Strategie umzuschalten, die ihre militärisch-industriellen Restaurationsbestrebungen so in den Faschismus integrierte, dass er die »Wehrhaftmachung der Volksgemeinschaft« und den großen Revanchekrieg zu seinem Hauptanliegen machte?

Auf alle diese Fragen hat die historische Forschung bislang keine hinreichenden Antworten gefunden. Die Zahl ihrer Detailstudien über die militärischen Avantgarden der Konterrevolution und des Faschismus ist kaum mehr übersehbar. Aber ihnen allen fehlt der rote Faden, der die Hauptaktionen der zentraleuropäischen Konterrevolution mit ihren terroristischen Nebenschauplätzen verbindet und auch ihre grenzüberschreitenden Netzwerke in den Blick nimmt.

Wie aber kann dieser rote Faden geknüpft werden, um in das Dunkel vorzudringen? Die Antwort erscheint nach einigem Nachdenken einfach: Man könnte sich solche Institutionen und Persönlichkeiten heraussuchen, die vom Beginn der Konterrevolution bis zur politischen Machteroberung des Faschismus und der dann in Gang gekommenen Wiederaufrüstung und Kriegsvorbereitung zu den Planungs- und Aktionszentren des »Schwarzen Blocks« gehörten. Die militärischen Formationen selbst kommen dafür kaum in Frage, denn die deutsche Garde-Kavallerie-Schützen-Division oder die österreichische Heimwehr überdauerten nicht die über 25-jährige Bewegungs-, System- und Kriegsphase des europäischen Faschismus. Dasselbe gilt auch für die meisten großindustriellen Partner des »Schwarzen Blocks« und ihre Unternehmen, so etwa Hugo Stinnes, Friedrich Minoux, Ottmar Strauss, Hans Eltze oder Alfred Hugenberg. Auch bei den militärischen Akteuren verhielt es sich ähnlich, denn Max Bauer, Erich Ludendorff, Hermann Ehrhardt oder Walther von Lüttwitz spielten nach dem Übergang zur faschistischen Systemphase keine Rolle mehr. Dessen ungeachtet gab es aber einige Akteure, die – wenn auch in unterschiedlicher Nähe zu den Schaltzentren – den »Dreißigjährigen Krieg« des kurzen 20. Jahrhunderts in allen Etappen mitgestalteten und sogar beim Übergang der faschistischen Mentalitäten und Strukturen in den Kalten Krieg noch eine gewisse Rolle spielten. Zu ihnen gehörten in Deutschland vor allem der Rüstungsgroßhändler Otto Wolff, der zum Berufspolitiker avancierte Generalstabsoffizier Franz von Papen, der Freikorpsführer und Geheimdienstler Friedrich Wilhelm Heinz – und der 1880 geborene Generalstabsoffizier Waldemar Pabst.

Auf die Idee, Waldemar Pabst als personifizierte Schnittstelle des »Schwarzen Blocks« der Konterrevolution und des Faschismus in Augenschein zu nehmen, kam die Historikerin Doris Kachulle zu Beginn der 1990er Jahre. Parallel zu ihr wurde auch der Sozialwissenschaftler und Regisseur Klaus Gietinger im Rahmen einer Studie über die Hintergründe der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht auf Pabst aufmerksam. Zwischen beiden entwickelte sich ein sporadischer Forschungsdialog, und allmählich wurden die vielfältigen »Gemengelagen« sichtbar, die dieser umtriebige, außerordentlich organisationsfähige und extrem gewaltbereite Offizier auf sich gezogen hatte.

4. Waldemar Pabst avancierte zur Schlüsselfigur der deutschen Konterrevolution, nachdem er sich als Stabsoffizier einer Elitedivision auf den westeuropäischen Kriegsschauplätzen profiliert hatte. Im Zusammenspiel mit der Mehrheitssozialdemokratie war er nicht nur an der blutigen Niederschlagung der Berliner Aufstandsversuche vom Januar und März 1919 beteiligt, sondern plante auch die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die Offiziere seines Stabs am 15. Januar 1919 ausführten. Nach dem Scheitern des Kapp-Lüttwitz-Putschs wirkte er als transnationaler Drahtzieher der faschistischen Milizen und avancierte 1925 zum Bundesstabsleiter des österreichischen Heimwehrverbands. Seit 1928/29 engagierte er sich für einen Staatenbund des europäischen Faschismus, wobei Österreich als Brücke zwischen Italien und Ungarn fungieren sollte. 1931 kehrte er nach Deutschland zurück. Ein Angebot Hitlers, als Organisationschef der NSDAP tätig zu werden, lehnte er ab, weil er dessen »gesamtdeutschen« Führungsanspruch über die konkurrierenden Strömungen des Faschismus nicht teilte. Stattdessen trat er als Verkaufschef in den Rüstungskonzern Rheinmetall-Borsig ein und organisierte dessen ausländische Waffengeschäfte. Parallel dazu betätigte er sich als Geschäftsführer einer »Gesellschaft zum Studium des Faschismus«, die sich mit den Möglichkeiten einer Übertragung des italienischen Modells auf die deutschen Verhältnisse auseinandersetzte. Den Mordaktionen der Röhm-Affäre entging er nur durch einen Zufall, er konnte jedoch danach seine uneingeschränkte Rehabilitation durchsetzen und agierte seither als loyaler Anhänger der NS-Diktatur. 1938 reüssierte er als Wehrwirtschaftsführer und wurde kurz vor dem Überfall auf Polen als Verbindungsoffizier der Rüstungszentrale des Oberkommandos der Wehrmacht zum Oberkommando des Heeres reaktiviert. Ein Jahr später übernahm er eine Tarnfirma zur Beschaffung von Engpass-Materialien der deutschen Kriegs- und Rüstungswirtschaft aus den neutralen Ländern Europas. Vor der deutschen Niederlage setzte er sich in die Schweiz ab, wo er bis zu Beginn der 1950er Jahre überwinterte. 1955 ließ er sich in Düsseldorf nieder und verbrachte dort seine letzten Lebensjahrzehnte als Rüstungslobbyist und Händler von Tretminen, Billigraketen, Napalmbomben und Infanteriemunition.

5. Die Rekonstruktion dieser Fakten und Zusammenhänge war außerordentlich schwierig, aber als noch komplizierter erwies sich das Unterfangen, sie in ihre weitgehend unerforschten Kontexte einzuordnen. Doris Kachulle setzte sich fast eineinhalb Jahrzehnte lang mit diesen Problemen auseinander, und sie scheiterte beim ersten Anlauf. Seit Beginn des neuen Millenniums wurde sie von der Stiftung für Sozialgeschichte beraten, zusätzlich erhielt sie von der schweizerischen Stiftung Omina Freundeshilfe ein Forschungsstipendium. Sie erstellte ein umfangreiches Exzerptbuch, jedoch verhinderte eine schwere Erkrankung, an der sie im Juni 2005 starb, die Niederschrift des Manuskripts. In ihrem Testament stellte sie einen Teil ihres schmalen Vermögens für die Fortsetzung des Pabst-Projekts zur Verfügung, und Klaus Gietinger, ihr langjähriger Korrespondenzpartner, übernahm diese schwierige Aufgabe. Zwar konnte er auf die Vorarbeiten Kachulles zurückgreifen, aber entscheidende Fragestellungen und Forschungshypothesen waren noch ungeklärt und machten eine weitere aufwändige Phase der archivarischen Recherche erforderlich, zumal auch Kachulles Exzerptbuch die konsultierten Quellen nicht reproduzierbar auswies. Gietinger widmete sich diesen Problemen mit Elan, Umsicht und Ausdauer. Es ist ihm nicht nur gelungen, die Lebensgeschichte Pabsts umfassend auszuloten, sondern davon ausgehend auch die wichtigsten Netzwerke der Konterrevolution und des europäischen Faschismus zu rekonstruieren. Seiner unbefangenen Neugier und seinem unbändigen Erkenntnisinteresse haben wir ein Forschungsergebnis zu verdanken, das überholte Denkmodelle hinter sich lässt, mit Tabus bricht und auch für die Expertinnen und Experten des Fachs neue Maßstäbe setzt.

6. Wer sich in dieses Buch hineinliest, bemerkt dies sehr schnell. In ihm werden viele offene Fragen der Ereignisgeschichte geklärt: Die Mitverantwortung der mehrheitssozialdemokratischen Führung an der Ermordung von Luxemburg und Liebknecht, die sie insgeheim billigte und dauerhaft deckte; die verhängnisvollen Folgen des von Pabst vorformulierten Exekutionsbefehls des sozialdemokratischen Reichswehrministers Gustav Noske, der Tausende von Aufständischen wie Unbeteiligten das Leben kostete; die Militarisierung der Nachkriegsordnung, die beispielsweise der neu gegründeten Sicherheitspolizei den Weg zu den Polizei-Reservebataillonen der NS-Diktatur ebnete; die sich fast überschlagende Abfolge der militärischen Staatsstreichpläne in Deutschland und Österreich; die Mobilmachung der Tiroler Heimatwehr am Tag des Münchener Hitler-Ludendorff-Putschs, um im Fall des Erfolgs ebenfalls losschlagen zu können; die Bedeutung der österreichisch-italienisch-ungarischen Süd-Achse in der Frühphase des europäischen Faschismus; die erpresserischen Kontakte Pabsts mit Außenminister Stresemann; die gegen die »gesamtdeutschen« Optionen der NS-Bewegung gerichteten Konzepte eines faschistischen Staatenbunds der »Weißen Internationale«; und last but not least die langfristige Verankerung der faschistischen Irredenta im internationalen Waffenhandel und in der Rüstungsindustrie, die Akteuren wie Pabst bis in die 1960er Jahre ein auskömmliches Dasein sicherte.

Der biografische Blick auf Waldemar Pabst als exemplarischen Exponenten des »Schwarzen Blocks« der Offiziere bereichert neben der Ereignisgeschichte aber auch einige besonders umstrittene Problemfelder der historischen Faschismusanalyse. Er bestätigt erstens die These, dass der Faschismus eine seiner heterogenen sozialen Zusammensetzung entsprechende multipolare politische Strategie verfolgte, die auch in der System- und Kriegsphase fortwirkte und ihn nicht etwa »polykratisch« chaotisierte, sondern ihm im Gegenteil eine erstaunliche Flexibilität und Effizienz verlieh. Gietingers Untersuchung schärft zweitens unseren Blick auf die europäischen Netzwerke des Faschismus, die nicht nur die Genese der »Achse« Berlin–Rom–Budapest–Bukarest in neuem Licht erscheinen lassen, sondern auch die breite soziale, wirtschaftliche und politische Basis des unter deutsche Hegemonie geratenen europäischen Faschismus der Kriegsjahre erklären. Das Buch liefert drittens überzeugende Zusatzargumente zur Untermauerung des Befunds, dass den großbürgerlichen Komponenten des faschistischen Herrschaftssystems – an erster Stelle dem Militär und der Rüstungsindustrie – eine weitaus bedeutendere Rolle zukam als bislang mehrheitlich angenommen.

7. Von besonderer Bedeutung ist jedoch der von Gietinger auf mehreren Ebenen erarbeitete Nachweis des strategischen Bündnisses zwischen der Mehrheitssozialdemokratie und der Militärkaste in den Jahren des »Burgfriedens« und der Konterrevolution. Dabei war die gemeinsame Frontstellung gegen die außer Kontrolle geratenen Unterklassen, denen die Militärs und die Führer und Funktionsschichten der Arbeiterbürokratien mit einem entschiedenen Vernichtungswillen entgegentraten, die entscheidende Klammer. Dies war nur möglich, weil es zwischen dem völkisch-nationalistischen Flügel der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung und den Berufsoffizieren des kaiserlichen Heers gemeinsame mentale Strukturen und Verhaltensweisen gab: einen bedingungslosen Führungs- und Gehorsamsanspruch gegenüber der Masse der Arbeiter und Soldaten; einen ausgeprägten Antisemitismus; ein entschiedenes Eintreten für die Überwindung des Klassenkonflikts und den Aufbau einer »Volksgemeinschaft«; die Ablehnung aller Ansätze zur internationalen Verständigung und zu nicht-militärischen Konfliktlösungen; und ihr kompromissloses Vorgehen gegen Oppositionelle und Dissidenten. Zwar gab es auch unbezweifelbare Unterschiede und Meinungsverschiedenheiten, so etwa hinsichtlich der Nachkriegsordnung, wo die Arbeiterführer und ihre Funktionsträger einen autoritär-sozialstaatlichen Parlamentarismus ansteuerten, nachdem sich ihr Festhalten an der Monarchie als illusorisch erwiesen hatte. Das alles lehnte die Militärkaste entschieden ab, das Ziel ihrer konterrevolutionären Aktivitäten war die Restauration des imperialen monarchischen Machtstaats. Deshalb gingen die Wege seit 1921 auch wieder ein Stück weit auseinander, aber der gemeinsam unterdrückte Demokratisierungsimpuls der sozialen Massenbewegung bekam erst nach der Befreiung des deutschen Faschismus durch die Truppen der Antihitlerkoalition wieder eine – wie stark auch immer deformierte – zweite Chance.

Für diese Einschätzung liefert das vorliegende Buch überzeugende Beweise. Die Historiker der Sozialdemokratie werden nicht mehr umhin können, die rechtsextremistische Phase ihrer politischen Heimat in der Etappe des »Burgfriedens« und der Konterrevolution selbstkritisch aufzuarbeiten, die Umbenennung der Friedrich-Ebert-Stiftung zu fordern und sich für die Wiedererrichtung des von den Nazis geschleiften Berliner Luxemburg-Denkmals einzusetzen. Aber auch für den linken Flügel der Historiker der Arbeiterklasse und Arbeiterbewegung wird es nun ernst. Sie werden sich mit der Frage auseinandersetzen müssen, wie es dazu kommen konnte, dass die hegemonialen Institutionen der Arbeiterklasse, also ihre »politische Klassenzusammensetzung«, terroristisch gegen ihre eigene Basis, die »soziale Klassenzusammensetzung«, vorgingen und ihre massenhaft artikulierten Bedürfnisse nach Demokratie, Gleichheit und Abrüstung vernichteten. Können derartige Konfrontationen zwischen Bürokratie und Klasse etwa wiederkehren, und blockieren sie vielleicht bis heute – wenn auch in abgeschwächter Form – das gesellschaftliche Leben und die egalitären Bedürfnisse der Unterschichten?

Bei dem Text handelt es sich um das Vorwort zu Klaus Gietinger: Der Konterrevolutionär. Waldemar Pabst – eine deutsche Karriere Hamburg: Edition Nautilus 2009 (www.edition-nautilus.de). Wir danken Autor und Verlag für die Publikationsgenehmigung.

 

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