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Eine deutsche Karriere
von Karl Heinz Roth
1.
Die Konterrevolution
der Jahre 1918 bis 1922/23 hat die politische Sozialgeschichte
Zentraleuropas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
entscheidend geprägt. Sie erstickte die Massenbewegungen und
Sozialrevolten der Arbeiter und Arbeiterinnen, einfachen Soldaten und
Kleinbauern, die seit 1917 gegen die Massaker und Entbehrungen des
Ersten Weltkriegs aufbegehrten, und schlug ihre Umsturzversuche
nacheinander nieder. Als Hauptakteure profilierten sich dabei seit
dem Waffenstillstand die Stabsoffiziere und Restkader der
Fronttruppen. Ihnen gegenüber hatten die Aufstandsversuche der
revolutionären Linken und die Gegenmacht der Arbeiter- und
Soldatenräte keine Chance, weil der Terror der konterrevolutionären
Truppen im zentraleuropäischen Krisenzentrum Deutschland durch ein
Bündnis mit den Arbeiterbürokratien des »Burgfriedens«
legitimiert wurde. Das Scheitern des sozialistisch-rätedemokratischen
Umbruchs in Deutschland isolierte nicht nur das postrevolutionäre
Russland, sondern auch die ungarische Räterepublik und die
norditalienische Rätebewegung.
Die
Niederlage hatte weit reichende Konsequenzen. Die triumphierenden
Militärs begannen umgehend, ihren Bündnispartnern die Rechnungen zu
präsentieren: Sie forderten die Wiederherstellung der alten
Machtverhältnisse und die Annullierung der im Frühjahr 1919
geschlossenen Pariser Vorortverträge, weil sie ihre beruflichen
Karrieren bedrohten oder ihnen im Fall Italien die versprochenen
Früchte des Siegs vorenthielten. In Ungarn und Italien gelang ihnen
die Durchsetzung ihrer Interessen im folgenreichen Bündnis mit dem
Großgrundbesitz, den übrigen traditionellen Eliten und einer
antisozialistischen Massenbewegung, aus dem in Italien erstmalig das
»totalitäre« Herrschaftssystem des Faschismus hervorging. In
Ungarn etablierte sich die Militärdiktatur eines »Reichsverwesers«.
Österreich steuerte auf einen zeitweiligen sozialstaatlichen
Kompromiss zu, der wesentlich durch die intakt gebliebene
Arbeiterbewegung getragen wurde. Dagegen blieb in Deutschland
zunächst alles in der Schwebe. Als sich die
Mehrheitssozialdemokratie zu Beginn des Jahres 1920 weigerte, einen
Staatsstreich der Militärkaste gegen die Demobilmachungs- und
Abrüstungsbestimmungen des Versailler Vertrags mitzutragen, zerbrach
das strategische Bündnis, und den Akteuren des Kapp-Lüttwitz-Putschs
wurden durch einen Generalstreik die Grenzen ihrer
Handlungsspielräume aufgezeigt. Aber sie wurden keineswegs
entmachtet. Die konterrevolutionären Truppen wurden weiterhin zur
Niederschlagung regionaler Arbeiteraufstände eingesetzt, und ihre
Offiziere überwinterten in den sicherheitspolizeilichen und
paramilitärischen Strukturen, die sie im Verlauf des Jahrs 1919
aufgebaut hatten. Zusätzlich vernetzten sie sich mit der
verbliebenen Berufsarmee des 100 000-Mann-Heeres und warteten als
»Schwarze Reichswehr« auf ihre nächste Chance.
2.
Im Verlauf der 1920er
Jahre avancierte der unsaturierte »Schwarze Block« der Militärs
zum Kern der nun auch in Deutschland und Österreich aufkommenden
faschistischen Massenbewegung. Er nahm dabei von Anfang an eine
Schlüsselstellung ein, denn er verband die extreme Gewalttätigkeit
der konterrevolutionären Nachkriegsjahre mit Programmen zur
Wiederherstellung imperialer Reichsräume, in denen der Armee eine
dominierende Rolle zugedacht war. Darüber hinaus verfügte er im
Gegensatz zu den anderen Fraktionen der faschistischen Irredenta über
einen soliden materiellen Rückhalt, weil er nicht nur als
»schwarzes« Anhängsel der verkleinerten Berufsarmeen alimentiert
wurde, sondern auch in der Rüstungsindustrie verankert war und ihre
internationalen Waffengeschäfte organisierte. Vor allem aber
betätigten sich die Militärkader als Organisatoren der
faschistischen Kampfbünde, die sie generalstabsmäßig
strukturierten und homogenisierten. Dadurch halfen sie den
rivalisierenden Strömungen des europäischen Faschismus über ihre
strategischen Differenzen und nationalen Begrenzungen hinweg und
proklamierten schon in der »Bewegungsphase« eine »Weiße
Internationale«. Obwohl seit der Weltwirtschaftskrise die
politischen Massenorganisationen und Propagandainstrumente des
Faschismus immer stärker in den Vordergrund traten, waren die
Offiziere ihrer Milizen und Nachrichtendienste entscheidend beim
Kampf gegen die parlamentarische Demokratie und die Arbeiterbewegung.
Und da sie das gesamte rivalisierende Spektrum dieser Kampfbünde –
SA, SS, Heimwehr und Stahlhelm (Bund der Frontsoldaten) –
kontrollierten, vermochten sie auch zwischen den verschiedenen
strategisch-politischen Optionen zu vermitteln und ihre Machtkämpfe
zu begrenzen. Ohne die »ordnende Hand« des Schwarzen Blocks der
Offiziere wäre es kaum möglich gewesen, den Klerikalfaschismus, den
völkischen Rassismus und Antisemitismus, den ständischen
Korporatismus, den »preußischen Sozialismus« der Jungkonservativen
und die monarchistische Reichsidee in eine Koalition der »nationalen
Erhebung« zu transformieren, die dann nach der Eroberung der
politischen Macht ihre Dispute hinter den Fassaden der faschistischen
Einheitsparteien und der »Vaterländischen Front« fortsetzte. Und
deshalb waren die Militärs auch in der Lage, ihren
Koalitionspartnern nach der endgültigen Zerstörung der
Arbeiterbewegung und des parlamentarisch-sozialstaatlichen
Gesellschaftskompromisses ein zweites Mal ihre Rechnung zu
präsentieren – und zwar diesmal erfolgreich. Schon wenige Wochen
nach der Etablierung des Kabinetts Hitler wurde die »wehrhafte
Volksgemeinschaft« als entscheidende strategische Option
festgeschrieben, die sich der forcierten Hochrüstung und der
Vorbereitung eines »totalen« Revisionskriegs zu unterwerfen hatte.
3.
So weit – im
allergröbsten Umriss – der historische Rahmen. Wie war es aber um
die Binnenstrukturen und die Mentalitäten der militärischen Akteure
der Konterrevolution bestellt? Welche politischen Konzepte
entwickelten sie bei der terroristischen Niederschlagung des
revolutionären Aufbruchs der Unterklassen? Wie verknüpften sie die
konterrevolutionären Hauptaktionen miteinander? Und wie gelang es
ihnen, nach der Blockade der sozialen Massenkämpfe auf eine
mittelfristige Strategie umzuschalten, die ihre
militärisch-industriellen Restaurationsbestrebungen so in den
Faschismus integrierte, dass er die »Wehrhaftmachung der
Volksgemeinschaft« und den großen Revanchekrieg zu seinem
Hauptanliegen machte?
Auf
alle diese Fragen hat die historische Forschung bislang keine
hinreichenden Antworten gefunden. Die Zahl ihrer Detailstudien über
die militärischen Avantgarden der Konterrevolution und des
Faschismus ist kaum mehr übersehbar. Aber ihnen allen fehlt der rote
Faden, der die Hauptaktionen der zentraleuropäischen
Konterrevolution mit ihren terroristischen Nebenschauplätzen
verbindet und auch ihre grenzüberschreitenden Netzwerke in den Blick
nimmt.
Wie
aber kann dieser rote Faden geknüpft werden, um in das Dunkel
vorzudringen? Die Antwort erscheint nach einigem Nachdenken einfach:
Man könnte sich solche Institutionen und Persönlichkeiten
heraussuchen, die vom Beginn der Konterrevolution bis zur politischen
Machteroberung des Faschismus und der dann in Gang gekommenen
Wiederaufrüstung und Kriegsvorbereitung zu den Planungs- und
Aktionszentren des »Schwarzen Blocks« gehörten. Die militärischen
Formationen selbst kommen dafür kaum in Frage, denn die deutsche
Garde-Kavallerie-Schützen-Division oder die österreichische
Heimwehr überdauerten nicht die über 25-jährige Bewegungs-,
System- und Kriegsphase des europäischen Faschismus. Dasselbe gilt
auch für die meisten großindustriellen Partner des »Schwarzen
Blocks« und ihre Unternehmen, so etwa Hugo Stinnes, Friedrich
Minoux, Ottmar Strauss, Hans Eltze oder Alfred Hugenberg. Auch bei
den militärischen Akteuren verhielt es sich ähnlich, denn Max
Bauer, Erich Ludendorff, Hermann Ehrhardt oder Walther von Lüttwitz
spielten nach dem Übergang zur faschistischen Systemphase keine
Rolle mehr. Dessen ungeachtet gab es aber einige Akteure, die –
wenn auch in unterschiedlicher Nähe zu den Schaltzentren – den
»Dreißigjährigen Krieg« des kurzen 20. Jahrhunderts in allen
Etappen mitgestalteten und sogar beim Übergang der faschistischen
Mentalitäten und Strukturen in den Kalten Krieg noch eine gewisse
Rolle spielten. Zu ihnen gehörten in Deutschland vor allem der
Rüstungsgroßhändler Otto Wolff, der zum Berufspolitiker avancierte
Generalstabsoffizier Franz von Papen, der Freikorpsführer und
Geheimdienstler Friedrich Wilhelm Heinz – und der 1880 geborene
Generalstabsoffizier Waldemar Pabst.
Auf
die Idee, Waldemar Pabst als personifizierte Schnittstelle des
»Schwarzen Blocks« der Konterrevolution und des Faschismus in
Augenschein zu nehmen, kam die Historikerin Doris Kachulle zu Beginn
der 1990er Jahre. Parallel zu ihr wurde auch der
Sozialwissenschaftler und Regisseur Klaus Gietinger im Rahmen einer
Studie über die Hintergründe der Ermordung von Rosa Luxemburg und
Karl Liebknecht auf Pabst aufmerksam. Zwischen beiden entwickelte
sich ein sporadischer Forschungsdialog, und allmählich wurden die
vielfältigen »Gemengelagen« sichtbar, die dieser umtriebige,
außerordentlich organisationsfähige und extrem gewaltbereite
Offizier auf sich gezogen hatte.
4.
Waldemar Pabst avancierte zur Schlüsselfigur der deutschen
Konterrevolution, nachdem er sich als Stabsoffizier einer
Elitedivision auf den westeuropäischen Kriegsschauplätzen
profiliert hatte. Im Zusammenspiel mit der Mehrheitssozialdemokratie
war er nicht nur an der blutigen Niederschlagung der Berliner
Aufstandsversuche vom Januar und März 1919 beteiligt, sondern plante
auch die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die
Offiziere seines Stabs am 15. Januar 1919 ausführten. Nach dem
Scheitern des Kapp-Lüttwitz-Putschs wirkte er als transnationaler
Drahtzieher der faschistischen Milizen und avancierte 1925 zum
Bundesstabsleiter des österreichischen Heimwehrverbands. Seit
1928/29 engagierte er sich für einen Staatenbund des europäischen
Faschismus, wobei Österreich als Brücke zwischen Italien und Ungarn
fungieren sollte. 1931 kehrte er nach Deutschland zurück. Ein
Angebot Hitlers, als Organisationschef der NSDAP tätig zu werden,
lehnte er ab, weil er dessen »gesamtdeutschen« Führungsanspruch
über die konkurrierenden Strömungen des Faschismus nicht teilte.
Stattdessen trat er als Verkaufschef in den Rüstungskonzern
Rheinmetall-Borsig ein und organisierte dessen ausländische
Waffengeschäfte. Parallel dazu betätigte er sich als
Geschäftsführer einer »Gesellschaft zum Studium des Faschismus«,
die sich mit den Möglichkeiten einer Übertragung des italienischen
Modells auf die deutschen Verhältnisse auseinandersetzte. Den
Mordaktionen der Röhm-Affäre entging er nur durch einen Zufall, er
konnte jedoch danach seine uneingeschränkte Rehabilitation
durchsetzen und agierte seither als loyaler Anhänger der
NS-Diktatur. 1938 reüssierte er als Wehrwirtschaftsführer und wurde
kurz vor dem Überfall auf Polen als Verbindungsoffizier der
Rüstungszentrale des Oberkommandos der Wehrmacht zum Oberkommando
des Heeres reaktiviert. Ein Jahr später übernahm er eine Tarnfirma
zur Beschaffung von Engpass-Materialien der deutschen Kriegs- und
Rüstungswirtschaft aus den neutralen Ländern Europas. Vor der
deutschen Niederlage setzte er sich in die Schweiz ab, wo er bis zu
Beginn der 1950er Jahre überwinterte. 1955 ließ er sich in
Düsseldorf nieder und verbrachte dort seine letzten Lebensjahrzehnte
als Rüstungslobbyist und Händler von Tretminen, Billigraketen,
Napalmbomben und Infanteriemunition.
5.
Die Rekonstruktion dieser Fakten und Zusammenhänge war
außerordentlich schwierig, aber als noch komplizierter erwies sich
das Unterfangen, sie in ihre weitgehend unerforschten Kontexte
einzuordnen. Doris Kachulle setzte sich fast eineinhalb Jahrzehnte
lang mit diesen Problemen auseinander, und sie scheiterte beim ersten
Anlauf. Seit Beginn des neuen Millenniums wurde sie von der Stiftung
für Sozialgeschichte beraten, zusätzlich erhielt sie von der
schweizerischen Stiftung Omina Freundeshilfe ein
Forschungsstipendium. Sie erstellte ein umfangreiches Exzerptbuch,
jedoch verhinderte eine schwere Erkrankung, an der sie im Juni 2005
starb, die Niederschrift des Manuskripts. In ihrem Testament stellte
sie einen Teil ihres schmalen Vermögens für die Fortsetzung des
Pabst-Projekts zur Verfügung, und Klaus Gietinger, ihr langjähriger
Korrespondenzpartner, übernahm diese schwierige Aufgabe. Zwar konnte
er auf die Vorarbeiten Kachulles zurückgreifen, aber entscheidende
Fragestellungen und Forschungshypothesen waren noch ungeklärt und
machten eine weitere aufwändige Phase der archivarischen Recherche
erforderlich, zumal auch Kachulles Exzerptbuch die konsultierten
Quellen nicht reproduzierbar auswies. Gietinger widmete sich diesen
Problemen mit Elan, Umsicht und Ausdauer. Es ist ihm nicht nur
gelungen, die Lebensgeschichte Pabsts umfassend auszuloten, sondern
davon ausgehend auch die wichtigsten Netzwerke der Konterrevolution
und des europäischen Faschismus zu rekonstruieren. Seiner
unbefangenen Neugier und seinem unbändigen Erkenntnisinteresse haben
wir ein Forschungsergebnis zu verdanken, das überholte Denkmodelle
hinter sich lässt, mit Tabus bricht und auch für die Expertinnen
und Experten des Fachs neue Maßstäbe setzt.
6.
Wer sich in dieses Buch hineinliest, bemerkt dies sehr schnell. In
ihm werden viele offene Fragen der Ereignisgeschichte geklärt: Die
Mitverantwortung der mehrheitssozialdemokratischen Führung an der
Ermordung von Luxemburg und Liebknecht, die sie insgeheim billigte
und dauerhaft deckte; die verhängnisvollen Folgen des von Pabst
vorformulierten Exekutionsbefehls des sozialdemokratischen
Reichswehrministers Gustav Noske, der Tausende von Aufständischen
wie Unbeteiligten das Leben kostete; die Militarisierung der
Nachkriegsordnung, die beispielsweise der neu gegründeten
Sicherheitspolizei den Weg zu den Polizei-Reservebataillonen der
NS-Diktatur ebnete; die sich fast überschlagende Abfolge der
militärischen Staatsstreichpläne in Deutschland und Österreich;
die Mobilmachung der Tiroler Heimatwehr am Tag des Münchener
Hitler-Ludendorff-Putschs, um im Fall des Erfolgs ebenfalls
losschlagen zu können; die Bedeutung der
österreichisch-italienisch-ungarischen Süd-Achse in der Frühphase
des europäischen Faschismus; die erpresserischen Kontakte Pabsts mit
Außenminister Stresemann; die gegen die »gesamtdeutschen« Optionen
der NS-Bewegung gerichteten Konzepte eines faschistischen
Staatenbunds der »Weißen Internationale«; und last
but not least die
langfristige Verankerung der faschistischen Irredenta im
internationalen Waffenhandel und in der Rüstungsindustrie, die
Akteuren wie Pabst bis in die 1960er Jahre ein auskömmliches Dasein
sicherte.
Der
biografische Blick auf Waldemar Pabst als exemplarischen Exponenten
des »Schwarzen Blocks« der Offiziere bereichert neben der
Ereignisgeschichte aber auch einige besonders umstrittene
Problemfelder der historischen Faschismusanalyse. Er bestätigt
erstens die These, dass der Faschismus eine seiner heterogenen
sozialen Zusammensetzung entsprechende multipolare politische
Strategie verfolgte, die auch in der System- und Kriegsphase
fortwirkte und ihn nicht etwa »polykratisch« chaotisierte, sondern
ihm im Gegenteil eine erstaunliche Flexibilität und Effizienz
verlieh. Gietingers Untersuchung schärft zweitens unseren Blick auf
die europäischen Netzwerke des Faschismus, die nicht nur die Genese
der »Achse« Berlin–Rom–Budapest–Bukarest in neuem Licht
erscheinen lassen, sondern auch die breite soziale, wirtschaftliche
und politische Basis des unter deutsche Hegemonie geratenen
europäischen Faschismus der Kriegsjahre erklären. Das Buch liefert
drittens überzeugende Zusatzargumente zur Untermauerung des Befunds,
dass den großbürgerlichen Komponenten des faschistischen
Herrschaftssystems – an erster Stelle dem Militär und der
Rüstungsindustrie – eine weitaus bedeutendere Rolle zukam als
bislang mehrheitlich angenommen.
7.
Von besonderer Bedeutung ist jedoch der von Gietinger auf mehreren
Ebenen erarbeitete Nachweis des strategischen Bündnisses zwischen
der Mehrheitssozialdemokratie und der Militärkaste in den Jahren des
»Burgfriedens« und der Konterrevolution. Dabei war die gemeinsame
Frontstellung gegen die außer Kontrolle geratenen Unterklassen,
denen die Militärs und die Führer und Funktionsschichten der
Arbeiterbürokratien mit einem entschiedenen Vernichtungswillen
entgegentraten, die entscheidende Klammer. Dies war nur möglich,
weil es zwischen dem völkisch-nationalistischen Flügel der
sozialdemokratischen Arbeiterbewegung und den Berufsoffizieren des
kaiserlichen Heers gemeinsame mentale Strukturen und Verhaltensweisen
gab: einen bedingungslosen Führungs- und Gehorsamsanspruch gegenüber
der Masse der Arbeiter und Soldaten; einen ausgeprägten
Antisemitismus; ein entschiedenes Eintreten für die Überwindung des
Klassenkonflikts und den Aufbau einer »Volksgemeinschaft«; die
Ablehnung aller Ansätze zur internationalen Verständigung und zu
nicht-militärischen Konfliktlösungen; und ihr kompromissloses
Vorgehen gegen Oppositionelle und Dissidenten. Zwar gab es auch
unbezweifelbare Unterschiede und Meinungsverschiedenheiten, so etwa
hinsichtlich der Nachkriegsordnung, wo die Arbeiterführer und ihre
Funktionsträger einen autoritär-sozialstaatlichen Parlamentarismus
ansteuerten, nachdem sich ihr Festhalten an der Monarchie als
illusorisch erwiesen hatte. Das alles lehnte die Militärkaste
entschieden ab, das Ziel ihrer konterrevolutionären Aktivitäten war
die Restauration des imperialen monarchischen Machtstaats. Deshalb
gingen die Wege seit 1921 auch wieder ein Stück weit auseinander,
aber der gemeinsam unterdrückte Demokratisierungsimpuls der sozialen
Massenbewegung bekam erst nach der Befreiung des deutschen Faschismus
durch die Truppen der Antihitlerkoalition wieder eine – wie stark
auch immer deformierte – zweite Chance.
Für
diese Einschätzung liefert das vorliegende Buch überzeugende
Beweise. Die Historiker der Sozialdemokratie werden nicht mehr umhin
können, die rechtsextremistische Phase ihrer politischen Heimat in
der Etappe des »Burgfriedens« und der Konterrevolution
selbstkritisch aufzuarbeiten, die Umbenennung der
Friedrich-Ebert-Stiftung zu fordern und sich für die
Wiedererrichtung des von den Nazis geschleiften Berliner
Luxemburg-Denkmals einzusetzen. Aber auch für den linken Flügel der
Historiker der Arbeiterklasse und Arbeiterbewegung wird es nun ernst.
Sie werden sich mit der Frage auseinandersetzen müssen, wie es dazu
kommen konnte, dass die hegemonialen Institutionen der
Arbeiterklasse, also ihre »politische Klassenzusammensetzung«,
terroristisch gegen ihre eigene Basis, die »soziale
Klassenzusammensetzung«, vorgingen und ihre massenhaft artikulierten
Bedürfnisse nach Demokratie, Gleichheit und Abrüstung vernichteten.
Können derartige Konfrontationen zwischen Bürokratie und Klasse
etwa wiederkehren, und blockieren sie vielleicht bis heute – wenn
auch in abgeschwächter Form – das gesellschaftliche Leben und die
egalitären Bedürfnisse der Unterschichten?
Bei
dem Text handelt es sich um das Vorwort zu Klaus Gietinger: Der
Konterrevolutionär. Waldemar Pabst – eine deutsche Karriere
Hamburg: Edition Nautilus 2009 (www.edition-nautilus.de). Wir danken
Autor und Verlag für die Publikationsgenehmigung.
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