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139 plus minus eins
Es gibt nur wenige Fragen, die die
menschliche Vorstellungskraft in solche Höhen und Tiefen zu treiben
vermögen wie die Frage nach dem Sinn des Lebens. Und doch stellt sie
sich als ewige, als zutiefst menschliche Frage realiter nicht jeden
Tag. Im Alltagstrott nicht sehr beliebt, drängt sie sich in den
Zeiten individueller wie kollektiver Krisen, in Zeiten des
individuellen wie kollektiven Bruchs und Überganges geradezu auf. Ob
individuell oder kollektiv, ob in der Pubertät, der Midlife-Krise,
vor dem Lebensabschluss oder in Zeiten passiver wie aktiver
revolutionärer Gesellschaftstransformationen: »Die große Sinnfrage
taucht meist in Zeiten auf, in denen bislang als gesichert geltende
Rollen, Überzeugungen und Konventionen in eine Krise geraten.«
Terry Eagletons Feststellung ist auch
dort zuzustimmen, wo er weitergeht und den historisch-konkreten
Wurzelgrund zeitgenössischer Debatten aufzeigt. So betont er, dass
sich die Frage nach dem Sinn des Lebens heutigen Gemütern nicht
zuletzt deswegen aufdrängt, weil die traditionellen Sinnstifter
Religion, Kultur und Sexualität im Zuge der kapitalistischen
Modernisierung an Substanz, Zentralität und Bedeutung verloren
haben. Dies »waren genau die Bereiche, an die sich die Menschen
traditionell wandten, wenn sie nach Sinn und Wert ihres Daseins
fragten«, doch: »Je mehr Kultur, Religion und Sexualität gezwungen
waren, als Ersatz für den Schwund der Werte im öffentlichen Bereich
zu fungieren, desto weniger waren sie in der Lage dazu.«
Dass es ausgerechnet »dieser
schreckliche Eagleton« – wie ihn niemand geringeres als Prinz
Charles einstmals beschimpfte –, dieses enfant terrible der
britischen Kultur- und Literaturwissenschaften ist, der sich der
großen Frage gerade heute stellt, auch dies hat natürlich seine
immanente Logik. Denn der einstige Vordenker der britischen Neuen
Linken – schon immer ein radikales Leuchtfeuer im universitären
Elfenbeinturm des Oxforder Establishments – hat sich auf seine
alten Tage und unter dem offensichtlichen Einfluss der
weltpolitischen Wendungen postmodern-neoliberaler Zeit jenen
»metaphysischen« Fragen zugewandt, die auf der Linken gerne links
oder rechts liegen gelassen werden. Es sind die großen Themen von
Tod und Teufel, Tragik und Gewalt, Wahrheit und Moral, Ethik,
Religion und Terror, denen sich Eagleton in seinen letzten Büchern
bevorzugt zugewandt hat. Mit einer Leichtigkeit des Schreibens, die
man nur beneiden kann, und ohne jeden Abstrich an seinen
radikal-sozialistischen Überzeugungen veröffentlicht er jedes Jahr
mindestens eines seiner in der angelsächsischen Welt viel beachteten
Bücher. Zeitgleich mit der deutschen Übersetzung vom Sinn des
Lebens ist auf Englisch eine umfangreiche Studie zur Ethik
erschienen und für den Sommer 2009 bereits eine Studie über
Religion und Revolution angekündigt. Und was er zu sagen hat – sei
es in den anderen Büchern, sei es im Sinn des Lebens –, ist
nicht nur im besten Sinne gelehrt, sondern mehr noch mit einem
intellektuellen und sprachlichen Genussgewinn verbunden, der
seinesgleichen sucht.
Es ist kein l’art pour l’art, wenn
sich Eagleton den größten Teil seines gar nicht so umfangreichen
Büchleins auf eine mit bester britisch-irischer Ironie gespickte
besinnliche Reise durch Philosophie und Populärkultur begibt. Ist
die Frage nach dem Sinn des Lebens überhaupt eine ernste Frage? Kann
es so etwas wie einen Sinn oder eine Bedeutung überhaupt geben? Und
selbst wenn es eine Antwort gibt, können wir sie denn erkennen? So
lustig wie ernst räumt er einen Modeeinwand nach dem anderen aus dem
Felde und verteilt dabei – ganz er selbst – glänzende Watschen
vor allem gegen Liberale und Postmodernisten.
Ja, so sein Fazit: Es gibt einen Sinn
des Lebens. Und der gilt für alle Menschen, weil er gleichsam
anthropologisch vorherbestimmt ist. Die Welt erhält ihren Sinn nicht
wie die landläufige Entgegenstellung behauptet entweder von Gott
oder ist gänzlich zufallsbestimmt: »Der Kosmos ist vielleicht nicht
bewusst entworfen worden und will uns höchstwahrscheinlich nichts
Bestimmtes sagen, aber er ist auch nicht nur chaotisch. Im Gegenteil,
die Gesetze, die ihm innewohnen, zeigen eine Schönheit, eine
Symmetrie und eine Ökonomie, die Wissenschaftler zu Tränen rühren
können.« »Sinn und Bedeutung kommen sicherlich vom Menschen, aber
sie entstehen im Dialog mit einer Welt, deren Gesetze nicht der
Mensch erfunden hat, und wenn Bedeutungen Geltung haben sollen,
müssen sie die Körnung und Textur dieser Welt beachten. Aus dieser
Erkenntnis erwächst eine gewisse Demut, die nicht zu dem
konstruktivistischen Axiom passt, wonach wir der alles entscheidende
Faktor für Sinn und Bedeutung sind.« Eagleton verwirft die
Vorstellung als Illusion, der vereinzelte Einzelne könnte den Sinn
seines Lebens selbst bestimmen, denn wir Menschen sind »immer schon
tief in Sinn und Bedeutung getaucht. Wir sind durchwebt von den
Sinnvorstellungen und Bedeutungen anderer Menschen – Bedeutungen,
die wir niemals selbst gewählt haben und die dennoch den Rahmen
bilden für unser Verständnis von uns selbst und der Welt.«
Weder zufällig noch vorherbestimmt,
mehr kollektiv als individuell – was also ist der Sinn des Lebens?
Sind es Macht und Begehren, Ehre und Wahrheit, Lust, Freiheit oder
Vernunft, Staat oder Nation und was dergleichen mehr hier zu nennen
wären? Nein, all dies sind vor allem eins – Mittel zum Zweck. Doch
der Sinn des Lebens ist eine Zielvorstellung. Und selbst Liebe und
Glück gehören in die Kategorie der Mittel – obwohl sie dem Sinn
des Lebens am nächsten kommen (insofern sie ihren Mittelcharakter
abstreifen). Der Sinn des Lebens liegt aber nicht in der
Verselbstständigung der Mittel, er liegt »im gemeinsamen Ziel
der Menschen«. Und trotzdem ist er keine esoterische Weisheit,
sondern eine Lebensweise, keine Metaphysik, sondern eine Ethik.
Es verbietet sich dem Rezensenten, die
Lösung des Problems zu verraten, denn auch für dieses Buch gilt,
was für das Leben als solches gilt. Es kommt zwar auf das an, was
unten, bzw. am Ende herauskommt. Nichts desto trotz erweist sich der
Weg als ein Teil dieses Zieles. Soviel immerhin lässt sich verraten:
Ist bei dem famosen Douglas Adams (Per Anhalter durch die Galaxis)
die berühmt-berüchtigte Antwort auf die Frage nach dem Sinn des
Lebens die »42«, ist es bei Terry Eagleton die »139«, die Seite
139 – plus minus eins.
Eagletons Buch ist ein unbedingtes Muss
nicht nur für alle, die immer schon mal wissen wollten, was der Sinn
des Lebens ist, sondern auch für jene, die wissen wollen, was
marxistisches Philosophieren auf der Höhe seiner Zeit ist.
* Terry Eagleton: Der Sinn des
Lebens, Berlin (Ullstein) 2008, 160 Seiten
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