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Papa
Joseph
Kommen
Sie mir nicht mit Joseph, werden Sie jetzt denken. Es ist Mitte
Februar, die Krippenfiguren längst verstaut. Außerdem nimmt der
Mann im hölzernen Weihnachtsensemble eine eher dekorative Rolle ein.
Blättern Sie doch nur einmal kurz durch die Darstellungen der
Heiligen Familie: Joseph? Dass ich nicht lache. Den Mann müssen Sie
mit der Lupe suchen – wenn er überhaupt für abbildungswürdig
gehalten wird. Im buchstäblichen Schatten Marias steht er ohnehin
fast immer. Rembrandt lässt ihn (Die heilige Familie mit Engeln,
1645) im Hintergrund an einem Holzstück werkeln: Es könnte ein
Joch sein (wahrscheinlich das eigene, selbst auferlegte). In der
Regel darf Joseph nur zuschauen, wie Maria sich innig über den Sohn
beugt. Ihn hat sie im Auge – nie ihren Mann. Wenns hoch
kommt, billigen ihm die Maler eine schützende Geste zu. Dalí greift
mit Die heilige Bibel (1964-1967) auf diese ikonografische
Variante zurück, wenngleich Joseph im Ganzen als arg düstere
Gestalt daherkommt, der auch der Heiligenschein kein Strahlen
verleiht. Und überhaupt: Wenn Sie über Joseph schreiben wollen,
können Sie auch gleich mit Adam und Eva anfangen. Die waren
schließlich die ersten. – Volltreffer! Jutta Richter zum Beispiel,
mehrfache Jugendliteraturpreisträgerin, konzentriert sich in Der
Anfang von allem auf eben jene Figur. Sie lotet den gärtnernden
Adam gewissermaßen neu aus, um ihrem jungen Publikum eine
Interpretation anzubieten, die Adam nicht aus der Verantwortung für
sein Denken und Handeln entlässt. Wie ich dort saß mit dem
gesenkten Kopf und es nicht wagte, Nein zu sagen. Und mir den Apfel
reichen ließ und aß, obwohl ich wusste, dass es das Ende meiner
Freundschaft mit dem Herrn bedeutete. Die Schuldfrage ist
nachrangig, das Begehren an sich nicht sträflich, sondern das
mangelnde Bekenntnis zur Tat: Du wirst noch heute diesen Ort
verlassen. Nicht wegen eines Apfels, das wäre klein und billig. Du
gehst, weil du dich fürchtest <…>. Ingo Schulze hingegen
verlegt die Schöpfungsgeschichte in seinem letzten Roman Adam und
Evelyn kurzerhand (wahrscheinlich eher von langer Hand
vorbereitet) ins Jahr 1989. In diesem Text, in dem wirklich jedes
Früchtchen symbolisch aufgeladen ist, agiert Adam als
fotografierender und fremd gehender Damenschneider, der sich nach
Ungarn aufmacht, seine Geliebte (und das Paradies) zurückzuerobern.
Doch hinter welcher Grenze liegt das Paradies? 1989 scheint sich
diese Frage neu zu stellen – aber eigentlich ist es eine uralte
Frage im neuen Gewand. Die biblische Konstellation bietet sich als
Folie geradezu an. Von welchen kulturellen Vorbildern sollten wir
ausgehen, wenn nicht von unseren? Das ist legitim, nicht altbacken.
Entscheidend sind die Neu- und Umdeutungen, die die Schriftsteller
vornehmen, entscheidend ist der epistemologische, aber natürlich vor
allem der ästhetische Zugewinn. Auf den komme ich gleich im Hinblick
auf Jon Fosse und seine Josephfigur. Ob Sie wollen oder nicht:
Biblische Sujets sind in der Literatur im Kommen. Das lässt sich
nicht einfach ignorieren. Ich prophezeie Ihnen: Was im Herbst seinen
Anfang genommen hat, wird sich in diesem Jahr fortsetzen – ein
Verlag winkt schon in seinem Frühjahrsprospekt mit einem Vers aus
dem Matthäus-Evangelium. Das kulminiert in einem Trend: die
Wiederentdeckung und -belebung des ersten und letzten biblischen
Paares. Die wiederum steht mit einer heftiger werdenden
gesellschaftlichen Suchbewegung in Zusammenhang (Sie wissen, mich
überzeugt Bourdieus Analyse der Struktur des literarischen
Feldes), einer Suchbewegung, die der Familie und den
innerfamiliären Positionen gilt. Mit Blick auf Joseph gilt sie vor
allem den Vätern, den neuen Vätern. Solch ein unverbrauchter
Vatertypus lässt sich gut auf der Folie einer kulturell bislang
vernachlässigten Gestalt entwickeln. DIE ZEIT frohlockte zur
Weihnachtszeit (immerhin auf der Titelseite): Es stimmt, Josephs
Rolle bleibt irdisch; aber das heißt auch: Er ist unser Mann, der
Vertreter der erlösungsbedürftigen Menschheit. Wer mit diesem
Gedanken die nur 70 Seiten starke Erzählung Schlaflos des
Norwegers Jon Fosse liest, wird selbst eine schlaflose Nacht haben.
Jon Fosse schickt ein junges, unverheiratetes Paar in einer
norwegischen Küstenstadt in die herbstliche Kälte und Nässe: Asle
und Alida heißen sie, und jetzt waren sie mehrere Stunden lang in
den Straßen Bjørgvins umhergegangen und hatten ein Obdach gesucht,
aber es schien unmöglich, irgendwo etwas zu finden, nein, sagten
alle <…>, nein, lässt Jon Fosse die Gefragten immer
wieder sagen, lässt den Graben der Ablehnung, der sich dem Pärchen
gegenüber aufspannt, Satz um Satz tiefer werden, und warum wollte
sie bloß niemand aufnehmen, war es vielleicht, weil alle sehen
konnten, dass Alida bald gebären sollte <…>. Es ist
erstaunlich: Allein die nackte Information, dass ein junges Paar –
sie hochschwanger – Obdach suchend durch die Welt irrt, reicht aus,
um das Bild von Maria und Joseph aufzurufen. Unser kulturelles
Gedächtnis funktioniert wie ein Kinderspiel: Sie sagen Punkt, Punkt,
Komma, Strich, schon komplettiert sich das Gesicht. Im Fall Jon
Fosses die Gesichter von Maria und Joseph – unterwegs von Nazareth
nach Bethlehem, auf daß er sich schätzen ließe mit Maria,
seinem vertrauten Weibe. Die war schwanger. Und als sie daselbst
waren, kam die Zeit, daß sie gebären sollte. (Lukas II, 3,6) Jon Fosse operiert in seiner Erzählung nicht nur auf der
inhaltlichen Ebene mit biblischen Versatzstücken, er intoniert einen
geradezu lithurgischen Gesang: Der Text lebt von Redundanzen, die
beim Lesen den Impuls auslösen, einfallen zu wollen in diesen
klagenden Sprechgesang über die Odyssee eines Paares, das schon von
zu Hause hatte fliehen müssen. Und wir wissen nicht wohin mit
uns, sagt sie / und dann setzt sie sich auf die Bank an der Wand vom
Bootshaus, die Vater Sigvald gebaut hatte / Ich hätte ihn
totschlagen sollen, sagt Asle / Sag nicht so was, sagt Alida und dann
geht Asle hin und setzt sich neben Alida auf die Bank / Ich schlag
ihn tot, sagt Asle / Nein nein, sagt Alida. Viel
deutlicher wird Jon Fosse nicht. Auch wenn es einige Rezensenten kaum
zu glauben wagen: die Indizien sind eindeutig. Diese jungen
Leute sind Opfer und Täter. Sie sind auf der Flucht. Sie
suchen ein Obdach – und sie sind bereit, alles (wirklich alles)
dafür zu tun. Wenn Maria und Joseph und mit ihnen (die das Urpaar
bilden) die Heimatlosen und Vertriebenen dieser Welt
heilsgeschichtlich auf der Seite des Guten stehen, so konterkariert
Jon Fosse genau diese Lesart. Aber er negiert oder relativiert sie
nicht einfach. Er lässt Alida und Asle gewissermaßen in einem
Zustand der Gnade agieren, ein Status, der den Sündenfall
zwar ein-, aber die Schuldfrage ausschließt. Moralische Einwände
und strafrechtliche Kategorien laufen ins Leere. Genau diesen Zustand
inszeniert Jon Fosse. Jetzt sind nur noch wir da, sagt Alida /
Du und ich, sagt Asle / Und der kleine Sigvald, sagt Alida.
Jon Fosse: Schlaflos
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2008
ISBN 3- 498-02124-5
Ingo Schulze: Adam und Evelyn
Berlin Verlag, Berlin 2008
ISBN 3-8270-0810-7
Jutta Richter: Der Anfang von allem
Carl Hanser Verlag, München 2008
ISBN 3-446-23096-5
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