Rüth: Punkt.um (5) PDF Drucken E-Mail
19.02.2009

Papa Joseph

Kommen Sie mir nicht mit Joseph, werden Sie jetzt denken. Es ist Mitte Februar, die Krippenfiguren längst verstaut. Außerdem nimmt der Mann im hölzernen Weihnachtsensemble eine eher dekorative Rolle ein. Blättern Sie doch nur einmal kurz durch die Darstellungen der Heiligen Familie: Joseph? Dass ich nicht lache. Den Mann müssen Sie mit der Lupe suchen – wenn er überhaupt für abbildungswürdig gehalten wird. Im buchstäblichen Schatten Marias steht er ohnehin fast immer. Rembrandt lässt ihn (Die heilige Familie mit Engeln, 1645) im Hintergrund an einem Holzstück werkeln: Es könnte ein Joch sein (wahrscheinlich das eigene, selbst auferlegte). In der Regel darf Joseph nur zuschauen, wie Maria sich innig über den Sohn beugt. Ihn hat sie im Auge – nie ihren Mann. Wenns hoch kommt, billigen ihm die Maler eine schützende Geste zu. Dalí greift mit Die heilige Bibel (1964-1967) auf diese ikonografische Variante zurück, wenngleich Joseph im Ganzen als arg düstere Gestalt daherkommt, der auch der Heiligenschein kein Strahlen verleiht. Und überhaupt: Wenn Sie über Joseph schreiben wollen, können Sie auch gleich mit Adam und Eva anfangen. Die waren schließlich die ersten. – Volltreffer! Jutta Richter zum Beispiel, mehrfache Jugendliteraturpreisträgerin, konzentriert sich in Der Anfang von allem auf eben jene Figur. Sie lotet den gärtnernden Adam gewissermaßen neu aus, um ihrem jungen Publikum eine Interpretation anzubieten, die Adam nicht aus der Verantwortung für sein Denken und Handeln entlässt. Wie ich dort saß mit dem gesenkten Kopf und es nicht wagte, Nein zu sagen. Und mir den Apfel reichen ließ und aß, obwohl ich wusste, dass es das Ende meiner Freundschaft mit dem Herrn bedeutete. Die Schuldfrage ist nachrangig, das Begehren an sich nicht sträflich, sondern das mangelnde Bekenntnis zur Tat: Du wirst noch heute diesen Ort verlassen. Nicht wegen eines Apfels, das wäre klein und billig. Du gehst, weil du dich fürchtest <…>. Ingo Schulze hingegen verlegt die Schöpfungsgeschichte in seinem letzten Roman Adam und Evelyn kurzerhand (wahrscheinlich eher von langer Hand vorbereitet) ins Jahr 1989. In diesem Text, in dem wirklich jedes Früchtchen symbolisch aufgeladen ist, agiert Adam als fotografierender und fremd gehender Damenschneider, der sich nach Ungarn aufmacht, seine Geliebte (und das Paradies) zurückzuerobern. Doch hinter welcher Grenze liegt das Paradies? 1989 scheint sich diese Frage neu zu stellen – aber eigentlich ist es eine uralte Frage im neuen Gewand. Die biblische Konstellation bietet sich als Folie geradezu an. Von welchen kulturellen Vorbildern sollten wir ausgehen, wenn nicht von unseren? Das ist legitim, nicht altbacken. Entscheidend sind die Neu- und Umdeutungen, die die Schriftsteller vornehmen, entscheidend ist der epistemologische, aber natürlich vor allem der ästhetische Zugewinn. Auf den komme ich gleich im Hinblick auf Jon Fosse und seine Josephfigur. Ob Sie wollen oder nicht: Biblische Sujets sind in der Literatur im Kommen. Das lässt sich nicht einfach ignorieren. Ich prophezeie Ihnen: Was im Herbst seinen Anfang genommen hat, wird sich in diesem Jahr fortsetzen – ein Verlag winkt schon in seinem Frühjahrsprospekt mit einem Vers aus dem Matthäus-Evangelium. Das kulminiert in einem Trend: die Wiederentdeckung und -belebung des ersten und letzten biblischen Paares. Die wiederum steht mit einer heftiger werdenden gesellschaftlichen Suchbewegung in Zusammenhang (Sie wissen, mich überzeugt Bourdieus Analyse der Struktur des literarischen Feldes), einer Suchbewegung, die der Familie und den innerfamiliären Positionen gilt. Mit Blick auf Joseph gilt sie vor allem den Vätern, den neuen Vätern. Solch ein unverbrauchter Vatertypus lässt sich gut auf der Folie einer kulturell bislang vernachlässigten Gestalt entwickeln. DIE ZEIT frohlockte zur Weihnachtszeit (immerhin auf der Titelseite): Es stimmt, Josephs Rolle bleibt irdisch; aber das heißt auch: Er ist unser Mann, der Vertreter der erlösungsbedürftigen Menschheit. Wer mit diesem Gedanken die nur 70 Seiten starke Erzählung Schlaflos des Norwegers Jon Fosse liest, wird selbst eine schlaflose Nacht haben. Jon Fosse schickt ein junges, unverheiratetes Paar in einer norwegischen Küstenstadt in die herbstliche Kälte und Nässe: Asle und Alida heißen sie, und jetzt waren sie mehrere Stunden lang in den Straßen Bjørgvins umhergegangen und hatten ein Obdach gesucht, aber es schien unmöglich, irgendwo etwas zu finden, nein, sagten alle <…>, nein, lässt Jon Fosse die Gefragten immer wieder sagen, lässt den Graben der Ablehnung, der sich dem Pärchen gegenüber aufspannt, Satz um Satz tiefer werden, und warum wollte sie bloß niemand aufnehmen, war es vielleicht, weil alle sehen konnten, dass Alida bald gebären sollte <…>. Es ist erstaunlich: Allein die nackte Information, dass ein junges Paar – sie hochschwanger – Obdach suchend durch die Welt irrt, reicht aus, um das Bild von Maria und Joseph aufzurufen. Unser kulturelles Gedächtnis funktioniert wie ein Kinderspiel: Sie sagen Punkt, Punkt, Komma, Strich, schon komplettiert sich das Gesicht. Im Fall Jon Fosses die Gesichter von Maria und Joseph – unterwegs von Nazareth nach Bethlehem, auf daß er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe. Die war schwanger. Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, daß sie gebären sollte. (Lukas II, 3,6) Jon Fosse operiert in seiner Erzählung nicht nur auf der inhaltlichen Ebene mit biblischen Versatzstücken, er intoniert einen geradezu lithurgischen Gesang: Der Text lebt von Redundanzen, die beim Lesen den Impuls auslösen, einfallen zu wollen in diesen klagenden Sprechgesang über die Odyssee eines Paares, das schon von zu Hause hatte fliehen müssen. Und wir wissen nicht wohin mit uns, sagt sie / und dann setzt sie sich auf die Bank an der Wand vom Bootshaus, die Vater Sigvald gebaut hatte / Ich hätte ihn totschlagen sollen, sagt Asle / Sag nicht so was, sagt Alida und dann geht Asle hin und setzt sich neben Alida auf die Bank / Ich schlag ihn tot, sagt Asle / Nein nein, sagt Alida. Viel deutlicher wird Jon Fosse nicht. Auch wenn es einige Rezensenten kaum zu glauben wagen: die Indizien sind eindeutig. Diese jungen Leute sind Opfer und Täter. Sie sind auf der Flucht. Sie suchen ein Obdach – und sie sind bereit, alles (wirklich alles) dafür zu tun. Wenn Maria und Joseph und mit ihnen (die das Urpaar bilden) die Heimatlosen und Vertriebenen dieser Welt heilsgeschichtlich auf der Seite des Guten stehen, so konterkariert Jon Fosse genau diese Lesart. Aber er negiert oder relativiert sie nicht einfach. Er lässt Alida und Asle gewissermaßen in einem Zustand der Gnade agieren, ein Status, der den Sündenfall zwar ein-, aber die Schuldfrage ausschließt. Moralische Einwände und strafrechtliche Kategorien laufen ins Leere. Genau diesen Zustand inszeniert Jon Fosse. Jetzt sind nur noch wir da, sagt Alida / Du und ich, sagt Asle / Und der kleine Sigvald, sagt Alida.

Jon Fosse: Schlaflos
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2008
ISBN 3- 498-02124-5

Ingo Schulze: Adam und Evelyn
Berlin Verlag, Berlin 2008
ISBN 3-8270-0810-7

Jutta Richter: Der Anfang von allem
Carl Hanser Verlag, München 2008
ISBN 3-446-23096-5

 

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