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Welttheater
und Weltgericht. Gelingende und scheiternde Metalepsen bei Friedrich
Klingemann (Bonaventura), Lewis Carroll, Franz Kafka und Marc-Antoine
Mathieu von
Monika Schmitz-Emans
Gericht
und Theater
Umberto
Eco hat den Kriminalroman in seinem Nachwort zu Der
Name der Rose als ›metaphysische Gattung‹
bezeichnet, da sein zentrales Thema die Wahrheitssuche sei. Mit noch
größerem Recht lässt sich das über Gerichtsprozesse sagen: Zielen
diese doch ebenfalls darauf ab, die Wahrheit aufzudecken – und
zudem geht es dabei um Fragen von Recht und Unrecht. Vorausgesetzt
ist, dass es eine aufzudeckende Wahrheit gibt und dass sie durch das
Gericht feststellbar ist. Dazu müssen Wissenslücken gefüllt,
Täuschungen aufgedeckt und Ausflüchte (des Angeklagten) entkräftet
werden. Zur ›Normalidee‹ eines Gerichtsprozesses, an der wir uns
zu orientieren pflegen, gehören neben einem Richter, einem
Angeklagten, einem Vertreter der Anklage und einem Verteidiger die
Existenz einer Rechtsordnung, die den Maßstab für die Feststellung
von Schuld oder Unschuld bietet, sowie eine Öffentlichkeit, vor der
die Verhandlung stattfindet. Diese repräsentiert die Gemeinschaft,
die an die bestehenden Gesetze gebunden ist, ja durch diese als
Gemeinschaft erst konstituiert wird. Der Richter muss über ein
Urteilsvermögen verfügen, das es gestattet, den anstehenden Fall
angemessen einzuschätzen. Der Angeklagte wird sich in der Regel zu
rechtfertigen suchen. Sein Verteidiger steht ihm darin bei, während
der Anklagevertreter deutlich machen muss, worin nach seiner
Überzeugung die Schuld des Angeklagten besteht. Die Frage, was
jemand getan hat bzw. wer etwas getan hat, wird vor Gericht nicht nur
um der bloßen Erkenntnis der Wahrheit willen aufgeworfen. Es ist
Aufgabe des Gerichts, durch Bestrafung von Schuldigen die moralische
Ordnung wieder herzustellen, die durch ein Verbrechen aus dem
Gleichgewicht gebracht worden ist. Wichtiger noch als der Ausgleich
zwischen angerichtetem Schaden und zu leistender Kompensation ist der
durch Sühne ermöglichte Sieg des Rechts über das Unrecht.
Das
klingt alles wie selbstverständlich, aber in literarischen Texten
wird gerade mit diesen Voraussetzungen vielfach gespielt und so eine
Reflexion ausgelöst, die darauf abzielt, sich diese Voraussetzungen
bewusst zu machen und ihre Implikationen neu zu überdenken. Dies
gilt noch für einen weiteren Vorstellungskomplex, der mit dem des
Gerichtsprozesses verbunden ist: die Beurteilung der Toten durch ein
Gericht. Schon in Ägypten glaubte man an ein Totengericht; die
jüdische und die christliche Welt teilen sich die Vorstellung eines
göttlichen Endgerichts. Mit der Gerichtsvorstellung assoziiert ist
darum nicht zuletzt die einer radikalen Offenlegung des menschlichen
Schuldenkontos, der endgültigen Abrechnung und der möglichen
Verdammnis. In der bildenden Kunst des (christlichen) Mittelalters
wie der Neuzeit gibt es eine Fülle von Gerichtsdarstellungen, die
diese Vorstellung des Weltgerichts popularisiert haben. Auch die Idee
eines über den einzelnen Verstorbenen abgehaltenen individuellen
Gerichts ist dem rabbinischen Judentum seit kurz nach der Zeitenwende
geläufig. Mit der jüdisch-christlichen Idee eines Endgerichts eng
verknüpft ist ein teleologisches Geschichtsdenken, ist die
Vorstellung einer linear verlaufenden, einsinnig ihrem Ende
zustrebenden Zeit. Ausgehend davon wird in der abendländischen
Geschichtsspekulation die Vorstellung, die Weltgeschichte selbst sei
das ›Weltgericht‹, in der romantisch-hegelianischen
Geschichtsphilosophie zum vielfach zentralen Topos.
Geschichtsphilosophische Darstellungen des geschichtlichen
›Prozesses‹ bedienen sich oft der Bilder und Begriffe aus der
Sphäre des Gerichtswesens.
Gerichtliche
Prozesse sind der Gattung des Dramas in manchem verwandt;
Gerichtsverhandlungen und Schauspiele haben vieles gemeinsam. Vor
Gericht wie auf dem Theater übernehmen die Beteiligten verschiedene
Rollen. Es gibt eine Öffentlichkeit, vor der agiert wird; diese
beobachtet und bewertet die Akteure der Verhandlung. Wer im
Mittelpunkt des Interesses steht versucht hier wie dort, sich
möglichst gut darzustellen. (Wie das Gericht zum Modell für eine
bestimmte Etappe der Weltgeschichte geworden ist – nämlich die
letzte – und nur im Kontext der romantisch-hegelianischen
Geschichtsphilosophie zum Gleichnis der Geschichte als ganzer
(Weltgeschichte als Weltgericht), so ist das Schauspiel seit der
Antike eine bevorzugte Metapher für das Weltgeschehen gewesen; das
Leben galt und gilt als Rollenspiel. Oft verschmelzen Theater- und
Gerichtsmetaphorik auch miteinander.)
Die auf
römisch-antike Vorstellungen zurückgehende Begriffsgeschichte von
›Person‹ und ›Charakter‹ sind historisch eng mit
Vorstellungen über das Gerichtswesen verknüpft. Das lateinische
Wort ›Persona‹ bedeutet zunächst ›Maske‹, in zweiter Linie
auch ›Rolle‹, ›Charakter‹. Aus der erstgenannten entwickelten
sich schon in der römischen Antike diverse übertragene Bedeutungen.
Die Doppeldeutigkeit von ›Rolle‹ eines Schauspielers und der
›Rolle‹ eines Mitglieds der Gesellschaft existiert schon hier.
Sprache
ist für Prozesse wie für Schauspiele konstitutiv. Dramen sind
(zumindest traditioneller Weise) sprachliche Gebilde;
Gerichtsverhandlungen vollziehen sich im Medium der Sprache. Auch das
Gesetz, auf dessen Grundlage über Recht und Unrecht befunden wird,
ist ein sprachlicher Text. Die Wahrheitssuche vollzieht sich im
wesentlichen im Medium sprachlicher Interaktionen, auch wenn
nicht-sprachliche Beweisstücke und Indizien in diesen Vorgang
einbezogen werden. Die Wahrheit nimmt, zugespitzt gesagt, im Verlauf
des Prozesses sprachliche Gestalt an. Das abschließend ergehende
Urteil ist sprachlich verfasst; d.h. die Wiederherstellung der
gestörten ethisch-moralischen Ordnung durch Sühne ist an eine
sprachliche Äußerung gebunden. Mit dem Vorstellungsfeld um Person
und Rolle verbunden ist in Rom vor allem der Gedanke einer
sprachlichen Selbstdarstellung; so wird der Begriff der Person auch
zur grammatischen Kategorie. Wer spricht, spricht als ›Person‹
und nimmt damit schon eine Rolle ein. Das öffentliche Leben ist eine
Interaktion von ›Personen‹ – wie auf dem Theater. Aus der
Perspektive der römischen Kultur ist vor allem das Gerichtswesen
Herzstück und Inbegriff des sozialen Lebens; entsprechend wird
gerade hier evident, dass Menschen in verschiedenen Rollen auftreten
und miteinander interagieren. Die verschiedenen an einem Prozess
beteiligten Personen nehmen als spezifische Rollen-Träger den
jeweils verhandelten Fall aus verschiedenen Perspektiven wahr – und
diese Vorstellung einer sich ausdifferenzierenden Perspektivik wird
auf den grammatikalischen Diskurs übertragen: Man spricht in der
ersten, zweiten oder dritten ›Person‹.
In
literarischen Texten werden vielfach Gerichtssituationen dargestellt
– bis hin zur Gegenwartsliteratur. Dabei werden einige mit
Gerichten verknüpfte leitende Vorstellungen vorausgesetzt; ausgehend
von diesen wird aber auch mit solch konventionellen Vorstellungen
gespielt. Dichterische Darstellungen von Prozessen sind zumindest
implizit, oft explizit Reflexionen über Wahrheit und Wahrheitssuche,
über moralische, rechtliche und soziale Ordnungsideen. In König
Ödipus ist die Ordnung in zweifacher
Hinsicht gestört: Ein (Königs-)Mord ist geschehen und bislang
ungesühnt – und derjenige, der vor die Schranken des Gerichts
gehört, übt (zunächst) das Richteramt aus. Mittels eines Prozesses
– der das Drama ›ist‹ – wird ersterer aufgeklärt und
letzteres korrigiert. (All das spielt sich sprachlich ab.) Die
König-Ödipus-Parodie in Kleists Der
zerbrochne Krug zeigt eine
Akzentverschiebung: Es ist mehr zerbrochen als ein Krug. Die
Weltordnung wird zwar geflickt, aber sie behält, wie der Krug, ihre
Klebestellen und Löcher. Niemand – kein Schicksal, kein Gott –
wacht mehr darüber, dass es in der Welt gerecht zugeht. Menschliche
Richter müssen das Amt des Welt-Richters übernehmen – und die
Weltordnung ist so gebrechlich wie sie.
Parallel
zur Weltgerichtsmetaphorik wird die Theatermetaphorik in der Romantik
(also zu Beginn der Moderne) umcodiert: An die Stelle eines
göttlichen Regisseurs tritt ein transzendenzloses Welttheater. Statt
festgelegter, damit aber auch als sinnvoll im Gesamtplan
abgesicherter Rollen sucht sich jeder seine eigene Rolle, manchmal
auch mehrere, manchmal sogar einander widerstreitende Rollen. Statt
eine durch die von Gott zugeteilte Rolle gesicherte Identität zu
besitzen, entwirft und wechselt der Mensch die eigene künstliche und
kontingente Identität. Er wird zum Maskenspieler ohne
identifizierbaren Charakter. Manchmal trägt er mehrere Masken neben-
oder übereinander, aber das Gesicht dahinter ist selbst nur wieder
eine Maske. Das ist, sehr grob abgesteckt, ein zentrales Themenfeld
der modernen Literatur, insofern diese mit Vorstellungen aus der
Sphäre des Gerichtswesens und des Theaters arbeitet. Darstellungen
von Gerichten, bei denen die genannten Voraussetzungen nicht (mehr)
gegeben sind, keine klare Verteilung der Rollen, kein Interesse an
der Wahrheit, kein Glaube an die Existenz einer solchen Wahrheit und
kein Streben nach (Wieder-)Herstellung von Gerechtigkeit – nehmen
via negationis Bezug auf diese Vorstellungen – so wie literarische
Darstellungen eines Theaters, das aus den Fugen gerät, ein Wissen
darum voraussetzen, was ein ›ordentliches‹ Schauspiel mit klarer
Rollenaufteilung zwischen Spielern, Regisseur und Publikum sowie mit
einer klaren Abgrenzung zwischen Spiel und Wirklichkeit, Schein und
Sein ist.
Ein falsches Weltgericht: Nachtwachen von
Bonaventura
Die
unter 1804 dem Pseudonym Bonaventura erschienenen Nachtwachen,
ein kurzer Roman, der erst vor wenigen Jahrzehnten klar einem
Verfasser zugewiesen werden konnte (August Wilhelm Klingemann), sind
charakterisiert durch weitläufige Rückgriffe auf Theater- und
Gerichtsmetaphorik, die miteinander verschmolzen werden. Im
Zusammenhang damit wendet sich der Text auf subversive Weise gegen
die metaphysischen Vorstellungen, die mit der Idee eines Welttheaters
unter göttlicher Regie und eines vor einem göttlichen Gericht
stattfindenden Prozesses verbunden sind. Der Protagonist stellt sich
als Nachtwächter vor und nennt sich Kreuzgang. Als Nachtwächter ist
er jemand, der weiß, ›was die Stunde geschlagen hat‹, also
durchaus ein Erbe der Aufklärung, und dies beweist er vor allem in
seiner Rolle als Satiriker. Gegenstand seiner Kritik sind
verschiedene Stände sowie ihre Lebens- und Denkformen. Behörden,
Polizei, Gerichte und andere Autoritäten werden von Kreuzgang
wiederholt als inhuman und verblendet dargestellt. Ein früh ins
Blickfeld gerückter Richter, der gedankenlos und kalt Todesurteile
in Serie unterschreibt, erscheint als Repräsentant einer gnadenlosen
und mechanischen Justiz, die keine moralische Ordnung mehr zu
gewährleisten vermag. Ein gerechter Richter oder ein Repräsentant
einer himmlischen Rechtsordnung tritt im Roman gar nicht erst auf.
Die
Fülle der (Welt-)Theatermetaphern deutet auf ein barockes Erbe der
Nachtwachen, doch die
Metapher wird umcodiert. In Abweichung von christlich-barocken
Jenseitsvorstellungen, denen zufolge hinter der scheinhaften
diesseitigen Welt eine andere, wahre Wirklichkeit liegt, gibt es für
den Nachtwächter aber kein solches ›Jenseits‹ der Kulissen und
Masken. Er übernimmt aus der barocken Theatermetaphorik die Akteure
und die Kulissen, aber er streicht den göttlichen Spielleiter und
nimmt dem Erdenschauspiel zugleich seinen Sinn.
»[…]
Es ist alles Rolle, die Rolle selbst und der Schauspieler, der darin
steckt, und in ihm wieder seine Gedanken und Plane und Begeisterungen
und Possen – alles gehört dem Momente an, und entflieht rasch, wie
das Wort, von den Lippen des Komödianten. – Alles ist auch nur
Theater, mag der Komödiant auf der Erde selbst spielen, oder zwei
Schritte höher, auf den Brettern, oder zwei Schritte tiefer, in dem
Boden, wo die Würmer das Stichwort des abgegangenen Königs
aufgreifen […].«
Es gibt
kein Sein jenseits des Scheins; alles Sein facettiert sich in
unendliche Spielarten des Scheins, alle Wahrheit zerfällt in diffuse
Interpretationen. Ohne Sinn, ohne Plan, ohne Ziel, ist die Welt
grund-los. Geschichte steht im Zeichen der Beliebigkeit; wo einst ein
Regisseur plante, macht sich der Zufall geltend.
Die
Dekonstruktion des Welttheater-Konzepts ist zugleich eine
Dekonstruktion des Weltgerichts-Konzepts. Der Nachtwächter Kreuzgang
selbst schlüpft in spielerisch-satirischer Absicht in die Rolle des
Weltenrichters hinein. Um die spießigen, selbstgefälligen und
verlogenen Menschen zu verunsichern, ruft er eines Nachts den
Jüngsten Tag aus und hält den Aufgestörten eine satirische
Predigt. Die Sechste Nachtwache berichtet davon, wie es ihm »in
der letzten Stunde des Säkulums einfiel mit dem jüngsten Tage
vorzuspuken und statt der Zeit die Ewigkeit auszurufen, worüber
viele geistliche und weltliche Herren erschrocken aus ihren Federn
fuhren und ganz in Verlegenheit kamen, weil sie so unerwartet nicht
darauf vorbereitet waren.« Das Jüngste
Gericht wird zum Straßentheater. Alle werfen zunächst ihre Masken
und Larven ab (S. 74). Aber hinter den Charaktermasken der
Gesellschaft tauchen keine menschlichen Gesichter auf, nur die Masken
der Heuchelei, der falschen Demut und Menschenfreundlichkeit. Und
nachdem sich das vermeintliche Jüngste Gericht als Inszenierung
eines Satirikers entpuppt hat, geht man allgemein wieder zur
Tagesordnung über. Zur Strafe wird der Nachtwächter entlassen und
durch eine mechanische Nachtuhr ersetzt. Später weist man ihn in ein
Irrenhaus ein, wo er u.a. auf einen Wahnsinnigen trifft, der sich für
den Weltschöpfer hält. Auch dieser hat Weltgerichts-Phantasien. Er
urteilt den Menschen schlechthin ab – als ein Wesen, das besser gar
nicht geschaffen worden wäre und demnächst bei einem Jüngsten Tag
endgültig abzufertigen ist.
Das
Gerichtswesen bietet dem Verfasser der Nachtwachen
also ein Modell zur Darstellung, Beurteilung und Deutung der Welt,
aber es ist ein in doppelter Hinsicht verfremdetes Gerichtswesen:
Erstens beruht die Rollenverteilung auf Willkür (der Nachtwächter
und Dichter setzt sich an die Stelle des Weltenrichters), und
zweitens verstößt er gegen die Spielregeln seiner Rollenidentität.
Man könnte die in den Nachtwachen
vollzogene spezifische Verschmelzung von Gerichts- und
Theatermetaphorik so charakterisieren: Das Aus-der-Rolle-Fallen wird
hier in die dem Schauspiel strukturell affine Sphäre des
Gerichtswesens übertragen. Ein Gericht wird inszeniert, und dann
werden die Rollen willkürlich verteilt, gespielt und wieder
aufgegeben. Der Begriff der Metalepse bietet sich an, um dies zu
beschreiben. Von Metalepsen im Drama spricht man, wenn die Handlung
eines Binnenstücks plötzlich auf das Rahmenstück ausgreift, wenn
ein Akteur des Binnenspiels ›aus der Rolle fällt‹, eine
Kommunikation zwischen den Rollen der einen und der anderen
Spielebene stattfindet. Solche Kurzschlüsse werden Metalepse
genannt. Im Bereich der erzählenden Literatur sind Rahmendurchbrüche
verschiedenster Art denkbar und belegbar: 1. Die Erzählung von
bildlich dargestellten Gestalten, die plötzlich lebendig werden und
mit dem Erzähler zusammentreffen 2. Die Erzählung von Figuren aus
gelesenen Texten, welche plötzlich lebendig werden. Ein solches
Lebendigwerden von Phantasiewesen ist innerhalb der Texte stets ein
wichtiger Umschlagpunkt. 3. Der Eintritt einer Leser-Figur von der
Rahmengeschichte ins Buch. Eine Metalepse liegt, anders gesagt, dort
vor, wo zwischen zwei Ebenen dargestellter Wirklichkeit respektive
zwischen fiktionaler und nichtfiktionaler Welt ein Kurzschluss
stattfindet, ein Rahmendurchbruch, ein Bruch mit dem Prinzip
geschlossener Funktionssysteme. Kreuzgang, der Nachtwächter,
›spielt‹ Gericht, gibt dann zu erkennen, dass er Gericht nur
gespielt hat, indem er aus der Rolle fällt und den unfreiwilligen
Mitspielern verdeutlicht, dass sie nur in einer Inszenierung
mitgewirkt haben – und in der Haltung, die sich darin artikuliert,
drückt sich seine Aburteilung der Welt aus.
Aufklärung
setzt eine Differenz zwischen Sein und ›bloßem‹ Schein voraus.
Mit der Gegenüberstellung von ›Realität‹ und Scheinwelt wird in
den Nachtwachen
hingegen nur gespielt. Gerade weil die Nachtwachen
mit ihren satirischen Zügen auf der Aufklärung wurzeln, weil sie
zunächst als ein Demaskierungs-Roman in aufklärerischer Tradition
erscheinen, der durch Kritik die ›Wahrheit‹ über Menschen und
Sachverhalte entlarven möchte, wird die Distanzierung von dieser
Zielsetzung so wichtig. Die letzte, ernüchterndste Entdeckung des
radikalen Aufklärers ist die, dass alles Leben dazu verurteilt ist,
zu Staub zu werden, dass hinter der Kulissenwelt des menschlichen
Treibens nur der Tod wartet. Das Buch endet mit einer Vision vom
endgültigen Sieg des Nichts über die Schöpfung. Hier wird – in
Fortsetzung des inszenierten Jüngsten Tags – der Welt selbst durch
den Menschen der Prozess gemacht – und aufgedeckt, dass ›nichts
dahinter‹ steckt. »Nichts« ist das letzte Wort des Romans (16.
NW), von einem Echo gerufen, das dem Nachtwächter aus einem
Leichenhaus entgegen schallt, nachdem er beobachten musste, wie der
Leichnam seines Vaters in Nichts zerfiel und ein Gespensterseher
nichtige Phantome zu greifen suchte.
Die
Literatur re-inszeniert in den Nachtwachen
das Weltgericht: als bloßes Zitat. Der Dichter hält Gericht über
das ›Gericht‹ – es ist nichts dahinter. Das zeigt man am
besten, indem man aus der Rolle fällt. Dichtung
– verkörpert in Kreuzgang – erscheint als eine Instanz, welche
um den Inszenierungscharakter von Gerichten weiß und sich darum die
Freiheit nimmt, selbst solche Gerichtsspiele zu inszenieren. Dichtung
beobachtet aus der Distanz das Welttreiben und entlarvt es als
Theater – auch dort, wo die Weltgeschichte als Weltgericht
erscheint. Darum gibt es in der unheilen nächtlichen Welt, der da
ihr Ende und ihr Endgericht fälschlicherweise verkündet werden,
neben dem Nachtwächter noch eine andere Figur, die als Beobachter
des Getümmels ruhig bleibt: den Stadtpoeten. Die Nachtwachen
sind ein poetologischer Roman. Sie bespiegeln die Literatur in ihrer
radikal desillusionierenden Funktion – und als Instanz, die über
die Welt Gericht hält, ein improvisiertes Gericht, bei dem sich die
Nichtigkeit aller Dinge enthüllt. Dies geschieht – ganz allgemein
gesagt – auf der Mikroebene einzelner Episoden sowie auf der
Makroebene des ganzen Textes dadurch, dass der Nachtwächter
Kreuzgang der Welt erstens den Prozess macht (er übernimmt die Rolle
des Richters am Weltende und urteilt die menschlichen Welt als ganze
ab), dass er zweitens aber auch mit seiner Rolle noch spielt. Er
fällt aus der Rolle, nachdem er seinen ›falschen Jüngsten
Tags-Lärm‹ gemacht hat – um dann im Irrenhaus gleich die nächste
Rolle zu spielen: die des Narren, der weiser ist als die sogenannten
Verständigen.
Ein
Gericht der Papierfiguren: Lewis Carroll
Auf
weniger dramatische Weise, aber in nicht weniger prägnanten Szenen,
geht es auch in Lewis Carrolls Alice-Romanen um die Entdeckung, dass
›nichts dahinter‹ steckt. Wiederum wird dies vor allem in einer
Gerichtsszene evident. Und wiederum geschieht dies dadurch, dass
jemand aus der Rolle fällt. Carroll erzählt zweimal von den
Abenteuern des Mädchens Alice in einer Gegenwelt; die eine erreicht
sie durch einen Tunnel, der in die Erde führt, die andere beim
Durchtritt durch den Spiegel (Alice's
Adventures in Wonderland, 1865; Through the Looking-Glass, 1872). Die Alice-Abenteuer sind insgesamt
Geschichten über Irritationen – bezogen auf das eigene Ich der
Heldin wie auf die Wirklichkeit, mit der sie es zu tun bekommt. Immer
wieder ist von Spielregeln die Rede, ja diese Regeln liegen der Welt
zugrunde, in denen die Episoden sich abspielen: Die Figuren der
beiden Bücher sind ja auch zum einen Spielkarten, zum anderen
Schachfiguren, und im letzteren Fall entsprechen auch die Ereignisse
den Zügen eines Schachspiels. Aber immer wieder gibt es
Spielregelverstöße (Spielgeräte laufen weg wie bei der
Croquetpartie der Königin), die Regeln werden nicht erklärt
(Caucus-Race-Episode) – oder sie werden auf absurde Weise erklärt
(etwa wenn Humpty Dumpty Alice Auskünfte über das Funktionieren von
Wörtern gibt) oder sie widersprechen sich – wenn es denn überhaupt
Regeln gibt, was manchmal ebenfalls zweifelhaft erscheint, wie im
Fall des »Caucus-Race«.
Alice steht im übertragenen Sinn immer wieder vor
Gericht. Dauernd wird sie von Bewohnern des Wunder- bzw. des
Spiegellandes belehrt, zurechtgewiesen, korrigiert. (Vor allem ihre
Ausdrucksweise wird kritisch kommentiert, und scheinbar harmlose und
selbstverständliche Bemerkungen lösen lange und umständliche
Beurteilungen aus.) Typisch für die Obrigkeit im Wunderland ist die
Herzkönigin, die unablässige Standgerichte abhält und jeden, der
sie ärgert, zum Tod durch Köpfen verurteilt. All dies geschieht
einerseits zwar nur im Spiel – ist andererseits aber ebenso
verunsichernd wie der Gedanke, man werde vielleicht vom Roten König
nur geträumt. Die Begegnungen mit den Bewohnern des Wunderlandes und
später dann des Spiegellandes werden vielfach zu peinlichen
Befragungen, bis Alice ahnt, dass es richtige Antworten – etwa auf
die Frage, wer sie denn sei – eigentlich gar nicht gibt.
Im einzigen wirklichen Prozess, der in der
Wunderland-Geschichte stattfindet (Kap. 11 und 12, also am Ende der
Zeit), ist nicht Alice die Angeklagte, sondern der Herzbube (der
Hutmacher). Als Alice den Gerichtssaal betritt, zu dem sie auf ein
Rufsignal hin geeilt ist, bietet sich ihr ein groteskes Bild. Der
Herzkönig in Richterrobe sowie die Herzkönigin, thronen im Saal,
umgeben von einer Schar verschiedener Tiere und den einzelnen Figuren
des Kartenspiels. Für die zwölf Schöffen auf der Schöffenbank
findet Alice nur den Sammelausdruck ›Wesen‹ (creatures) (übrigens
ohne recht zu wissen, was Schöffen sind), da sich hier Vögel und
Vierfüßler eingefunden haben, die noch dazu Befremdliches treiben.
Den Herzbuben hat man in Ketten gelegt, ein weißes Kaninchen mit
Fanfare und Pergamentrolle dient als Herold. Inmitten des Saals steht
eine Platte mit Törtchen, welche Alice zunächst irrigerweise für
einen Imbiss hält. Tatsächlich handelt es sich aber wohl um das
corpus delicti. Das Kaninchen verliest als Anklageschrift ein Gedicht
über den Diebstahl von neun Törtchen der Herzkönigin durch den
Herzbuben. Und der Richter – der seine Perücke über der Krone
trägt, als gelte es, sich doppelt zu maskieren – fordert die
Schöffen unmittelbar nach der Verlesung des Törtchen-Gedichts zur
Bekanntgabe ihre Urteilsspruches auf. Offenbar ist der Herzbube, als
sein Prozess beginnt, schon verurteilt.
Der hier geführte Prozess ist in mehr als einer
Hinsicht befremdlich, und das liegt nicht nur an der exzentrischen
Aufmachung und dem unlogischen Benehmen des Richters. Zu Alices
Verwunderung notieren die Schöffen etwas, noch bevor der Prozeß
begonnen hat; laut Auskunft des Greifs schreiben sie ihre Namen auf,
um ihn bis zum Prozessende nicht zu vergessen. Es gibt keine
Darlegung der Anklage durch eine Anklageschrift; was überhaupt
verhandelt wird, bleibt unklar (dass es sich um einen
Törtchendiebstahl handelt, wird nur angedeutet, etwa auch durch die
Kapitelüberschrift, die aber nicht zur Szene selbst gehört), es
gibt keine Beweisaufnahme, welche diesen Namen verdiente, keinen
Zeugen, der etwas zu der sich ohnehin entziehenden Verhandlungssache
zu sagen wüsste, keine Verteidigung und keine Urteilsfindung. Es
gibt auch kein Verbrechen, denn die Törtchen sind ja vorhanden. Ein
angeblich für die Täterschaft des Herzbuben zeugender Brief hat mit
diesen nichts zu tun. Dieses Gericht spielt Theater – und bietet
die bloße Parodie eines seriösen Gerichts. Der Prozess endet mit
dem Befehl der Königin, Alice zu köpfen – also mit einem
Hinrichtungsbefehl ohne jede Begründung, der noch dazu jemanden
betrifft, der gar nicht auf der Anklagebank saß. Dies ist der
Moment, in dem Alice aus der Rolle dessen fällt, der sich etwas
vorspielen lässt – und sei es durch die Figuren des eigenen
Traumtheaters – und die Spielsituation eigenmächtig verändert.
Sie wirbelt die Spielkarten durcheinander, hält ihnen vor, dass sie
nur Spielkarten sind – die Szene erinnert an das Chaos, das
Bonaventuras Nachtwächter beim falschen jüngsten Tag anrichtet.
Auch Alice macht sich zur
Richterin über dieses Gericht.
»›Who
cares for you?‹ said Alice, (she had grown to her full size by this
time.) ›You're nothing but a pack of cards!‹
At this the whole pack rose up into
the air, and came flying down upon her: she gave a little scream,
half of fright and half of anger, and tried to beat them off, and
found herself lying on the bank, with her head in the lap of her
sister, who was gently brushing away some dead leaves that had
fluttered down from the trees upon her face.«
Alle spielen Rollen, aber beliebige; die Gesellschaft
besteht aus Spielfiguren: so Carrolls Variante der
Welttheatermetaphorik. Eine subversive Alice kippt das Gericht
buchstäblich aus den Bänken zugleich distanziert sie sich von der
ihr selbst zugeschriebenen Rolle (bzw. den Rollen: als Beobachterin
und als hinzurichtende). Diese Metalepse wirkt befreiend, auch wenn –
oder weil – ›nichts dahinter‹ steckt. Die Gerichts-Episode mit
ihrer metaleptischen Schlussgeste ist ein autoreflexiver Hinweis auf
das Selbstverständnis der Literatur angesichts fragwürdiger, als
kontingent durchschauter Ordnungen: Der literarische Erzähler
treibt sein Spiel mit Spiel-Karten, mit Papier-Figuren, arrangiert
sie als Parodie geordneter Verhältnisse und löst die konstruierte
Welt dann in einem spielerischen End-Gericht wieder auf. Alices Rolle
korrespondiert zumindest in einer Hinsicht der des Nachtwächters
Kreuzgang: Sie verkörpert eine Literatur, die auf die Kontingenz von
Ordnungen aufmerksam macht und mit diesen Ordnungen spielt – ein
Spiel, dass insofern ernst ist, als die Entdeckungen, die dabei
gemacht werden, nicht nur für die Zeit des Träumens gelten.
Ein
unsichtbares Gericht: Franz Kafkas Process
Der in Kafkas gleichnamigem Roman geschilderte Prozess
ist – wenn man ihn mit der konventionellen juristischen Praxis
vergleicht – bekanntlich alles andere als konventionell. Zu den
zentralen Fragen, mit denen der Protagonist und der Romanleser
konfrontiert sind, gehört die, um was für ein Gericht es sich
überhaupt handelt, das K. verhaften lässt – und ob dieses
Gerichtswesen überhaupt irgendwelchen Gesetzen und Regeln folgt.
Die
Lesarten der Hauptfigur sind kontrovers: K. erscheint als Opfer und
als Täter; er scheint zu Recht gegen das Gericht zu protestieren
oder zu Unrecht, er scheint die Wahrheit zu suchen oder zu heucheln.
Sein widerborstiges Verhalten gegenüber dem Gericht kann nur dann
als moralisches Versagen gewertet werden, wenn man die Rechtmäßigkeit
des Gerichts unterstellt. Deutet man es hingegen als Sinnbild
totalitärer Macht, so ist nicht einzusehen, warum K. sich nicht
verstellen sollte. Sicher ist nur: Der ganze Roman spielt in der
Sphäre des Gerichts; alle Figuren stehen in irgendeiner Weise in
Beziehung zum Prozess, auch wenn dabei ihre Funktion ebenso unklar
ist wie die Beschaffenheit des Gerichts. Zugleich spielt der Roman in
einer eminent theatralischen Welt: man spielt einander etwas vor und
beobachtet sich wechselseitig beim Spielen; das beginnt schon mit dem
ersten Kapitel, der Verhaftungsepisode, als Nachbarn in Josef K.s
Fenster hinein starren, es setzt sich fort, als er das Bedürfnis
hat, Fräulein Bürstner abends vorzuspielen, was sich morgens in der
Wohnung ereignet hat. Gespielt wird beim Advokaten, der sich von
seinem Klienten Block die Hand küssen lässt, um K. eine
repräsentative Szene zu bieten. Gespielt wird beim Maler Titorelli,
wo lästige junge Mädchen die Szene beobachten. Gespielt wird
schließlich am Ende. Die beiden Herren, die K. abholen, um ihn in
einem Steinbruch hinzurichten, wirken auf ihn wie Tenöre, und er
fragt sie, an welchem Theater sie spielen. Die für den Process-Roman
prägende Verknüpfung von Gerichts- und Theatermetaphorik hatte
übrigens schon das Ende des ersten Romans, Der
Verschollene, bestimmt: Das Naturteater
von Oklahama ist zugleich ein Theater – und
ein Ort, der an das Weltgericht erinnert. Indizien sprechen dafür,
dass der Held hier seinen Tod gefunden hätte. Die im Roman
getroffenen Aussagen über K.s Prozess ergeben zusammen kein
stimmiges Bild. Und Josef K. selbst lässt sich nicht auf eine in
sich konsistente Weise auf seinen Prozess ein. Manchmal benimmt er
sich devot wie ein schuldbewusster Angeklagter, manchmal verhält er
sich wie jemand, der fälschlicherweise unter Anklage steht – und
manchmal wie jemand, der das Gericht nicht ernst nimmt, ja sogar in
seiner Existenz bezweifelt. Er fällt etwa aus seiner
Angeklagten-Rolle, wenn er den Advokaten Huld verschmäht, wobei
dieser freilich die Advokaten-Rolle auch nicht auf angemessene Weise
spielt. Die Rolle des Kaplans im Dom ist ganz undurchsichtig;
Analoges gilt für Titorelli.
Eine
zentrale Frage, die die Kafka-Interpreten unterschiedlich beantwortet
haben, ist die, ob es sich um ein äußeres oder um ein inneres
Gericht handle. Gibt es überhaupt einen richtigen Prozess, der gegen
Josef K. geführt wird, oder geht es um die Auseinandersetzung der
Figur mit sich selbst? Denkwürdige Indizien sprechen für eine
solche Lesart: So kommt es zu K.s Verhaftung, als er läutet (nach
dem Frühstück): Hat er den Prozess selbst eingeläutet? – Das
Untersuchungsgericht, zu dem er geladen ist, tagt genau dann, als er
es sucht – vielleicht darum, weil es sein höchstpersönliches
Gericht ist? Josef K. erwartet die Henker, die ihm niemand
angekündigt hat, zu der Stunde, als sie kommen. Einer Auskunft des
Kaplans im Dom zufolge will das Gericht nichts von den Angeklagten,
es nimmt sie auf, wenn sie kommen, und entlässt sie, wenn sie gehen.
Spricht all dies nicht für eine Lokalisierung des Gerichts im
Inneren, für eine Transformation innerer Schuldgefühle in Angst vor
einem äußerlich mächtigen Gericht? Immerhin meint K. selbst
einmal, der Prozess sei »ja nur ein Verfahren«, wenn er ihn als
solchen »anerkenne«.
Dass Josef K.s Prozess kontroverse Auslegungen zulässt,
zeigt sich vor allem in der Szene vor dem Untersuchungsgericht, das
K. intuitiv findet: Es ist unentscheidbar, ob sich das Geschehen in
einem echten Gericht abspielt oder eine Art Schmierentheater
aufgeführt wird. Vorwiegend schwarzgekleidete Leute füllen einen
Saal, an dessen Podium ein dicker Mann sitzt, der K. wegen seiner
Verspätung rügt und von einem anzustellenden Verhör spricht. Er
fragt K., der ja Bankprokurist ist, ob er Zimmermaler sei; es scheint
gar nicht klar zu sein, wer hier der Angeklagte ist und um was es
geht. K. schmäht daraufhin das Verfahren und die Akten, die ihm
zugrunde liegen, als ungerecht und konfus. Für seine Proteste erhält
er Beifall aus dem Publikum, hat aber den Eindruck, die Reaktionen
der Leute würden durch geheime Zeichen gesteuert; hat er sich zuvor
selbst in Szene gesetzt, gewinnt er nun den Eindruck, ihm selbst
werde etwas vorgespielt. Schließlich hält er alle im
dunstig-nebligen Saal Anwesenden für Beamte des Gerichts. Das
Gerichtswesen erscheint in vieler Hinsicht dubios – ähnlich wie
bei Carroll. Dies ist K. deutlich bewusst und er möchte gern –
analog zur befreienden Metalepse, die Alice am Ende des
Wunderland-Buchs vornimmt – das Gericht durch Anzweiflung seiner
Seriosität und Kompetenz um seine Macht bringen, es als ›Theater‹
entlarven und zeigen, dass nichts ›dahinter‹ ist. Aber der
befreiende Ausstieg aus seiner Rolle als Angeklagter gelingt ihm
nicht, weil ihm die Distanz zu diesem Gericht fehlt, zu der Kreuzgang
und Alice schließlich gefunden hatten. Einem inneren Theater, einem
inneren Prozess kann man nicht distanziert gegenübertreten, hier
kann man nicht aus der Rolle fallen, weil es kein ›Außen‹ gibt.
Verkehrte‹
Prozesse und der Zeichner im Hintergrund: Marc-Antoine Mathieu und
Monsieur Acquefacques
Seltsame
Dinge erlebt Marc-Antoine Mathieus Comic-Figur Julius Corentin
Acquefacques als ›Gefangener der Träume‹ (prisonnier des rêves)
in den fünf Comic-Büchern, die ihm gewidmet sind; und diese sind in
vielem durch literarische Texte inspiriert. Vieles erinnert an Kafka.
Schon der Name seines Helden ist ein Lautpalindrom zu dessen Namen,
und der Band Le processus
enthält im Titel eine klare Kafka-Allusion. Alle Bewohner der
Acquefacques-Welt werden durch eine gigantische Apparatur rigide
kontrolliert; die autoritär auftretende, aber auch eigentümlich
abstrakte Behörde erinnert an den Process
und an das Schloß.
Acquefacques arbeitet selbst in einer Behörde, wie denn überhaupt
alle Figuren der Geschichten in irgendeiner Beziehung zu dieser
stehen. Die Riesenhaftigkeit und Undurchschaubarkeit der
Kontrollinstitution drückt sich in ihren gigantischen und
verwinkelten Architekturen aus. Neben dem Gerichtswesen sind auch
theatralische Elemente für die Acquefacques-Welt konstitutiv. Der
Band La Qu... zeigt
den Helden schon auf dem Einband vor einem Theatervorhang.
Zahlreiche
Metalepsen charakterisieren Acquefacques Abenteuer. Le
processus handelt davon, dass sich
Acquefacques aus seiner zweidimensionalen gezeichneten Welt
vorübergehend hinausbegibt, wodurch der Konstruktcharakter dieser
Welt deutlich wird. Auch in anderen Abenteuern bewegt Acquefacques
sich zwischen der zweiten und der dritten Dimension hin und her (vgl.
La 2.333. Dimension). Dabei wird er immer wieder daran erinnert, dass
er eine gezeichnete Figur ist. In gewissem Sinn machen die Bände der
gezeichneten fiktionalen Wirklichkeit, die den illudierenden Anspruch
erhebt, eine ›Welt‹ zu bieten, den ›Prozess‹.
In La
Qu... kommt es zu einem absurden
Gerichtsverfahren. Hier wird Acquefacques von zwei Mitarbeiten einer
Behörde aufgesucht, die genau vermessen, welche Erstreckungen sein
Wohnraum hat, damit dieser auch ja nicht die vorgeschriebene Norm
überschreitet. Als man entdeckt, dass Acquefacques eine Schublade
nicht korrekt geschlossen hat, wird er verhaftet und von den beiden
Herren abgeführt wie Josef K. im Process.
Man führt ihn zu einem monumentalen Palais de Justice, über dessen
Portal eine Allegorie des Gesetzes (Lex) und eine Aufhängevorrichtung
über der Tür wenig Gutes ahnen lassen. Im Justizpalast wird
Acquefacques ohne Vorbereitung und ohne Verteidigung mit der absurden
Anklage konfrontiert, trotz der allgemeinen Enge zu viel Raum für
sich eingenommen zu haben. Groteskerweise singen die Geschworenen im
Chor das Urteil; Acquefacques soll geschlagen werden. Man verbindet
ihm die Augen, als gehe es zur Hinrichtung, er wird aber nur vor die
Mauer des Gebäudes geführt, wo er von einer Art Wächter geweckt
wird. Der Alte teilt Acquefacques mit, vor ihm liege nun das Nichts
(Le Rien); er müsse es durchqueren und den Bahnhof erreichen. Doch
zunächst legt sich der Held schlafen. Im Traum steigt er in ein Bild
ein und findet sich auf einem Theater wieder. Hier wird er von einem
Wärter allein im Auditorium platziert, während sich eine Schar von
applaudierenden Männern auf der Bühne einfindet: die ›société
des auteurs‹. Erwachend stellt er am nächsten Morgen fest, dass
der gigantische Bahnhof über Nacht dem Wirtshaus nahe gekommen ist.
Im weiteren Verlauf der Geschichte stellt sich heraus, dass
Acquefacques von der Gesellschaft, die ihn beobachtet und lenkt, ein
Auftrag zugedacht ist: Er soll mit der Bahn zu einem Turm fahren, auf
dessen Spitze er einen Durchstieg entdeckt, der von der schwarzweißen
Comic-Welt, zu der er gehört, in die Welt der Farben führt. Der
rätselhafte Titel des Bandes, La Qu...,
steht für Quadrochromie, Vierfarbigkeit – und vorübergehend
dringen die Farben in Acquefacques Welt ein. Er selbst allerdings
bleibt bleich, und die Farben verlieren sich wieder. Einmal mehr ist
Acquefacques dazu verurteilt zu erkennen, wer und was er ist: eine
Figur aus einer bande dessinée, die von bestimmten medialen
Bedingungen abhängt (etwa der Existenz von Farben im Buch).
Mathieus
Prozesse sind Darstellungs-Prozesse, paralogisch, grotesk und
zugleich komisch. Sie knüpfen an die Tradition der Theater- und
Prozess-Darstellungen in der Literatur an und stellen in einer
radikalen Weise, die an Klingemann, Carroll und Kafka erinnert, die
mit konventionellen Prozessen verbundenen Ordnungsvorstellungen auf
den Kopf. Dabei sind sie konsequent selbstbezüglich, indem sie das
thematisieren, was die Welt der bandes dessinées bedingt: die Kunst
des Zeichners, die Techniken perspektivischen Zeichnens, die Farben,
die Buchform. Wenn in L’origine
das Team von Comiczeichnern unter Leitung eines Wissenschaftlers zur
Erklärung der Welt beitragen soll, so tritt an die Stelle einer
metaphysischen Erklärung der Welt als ein Theater, an dem ein
göttlicher Regisseur seine Stücke inszeniert oder an dem ein
göttlicher Richter über die Menschen urteilt, nur der Tisch des
Zeichners. Dienten in früheren Zeiten das Theater und das Gericht
als Modelle, mittels derer der Mensch die Ordnung der Welt
nachstellte bzw. nachvollzog (vielleicht auch deren Unordnung und
Ungerechtigkeit), so dient bei Mathieu das Nachzeichnen einem
analogen Zweck. Wenn die Comiczeichner durch ihre Arbeit die Welt zu
erklären, ihr also auf den Grund zu gehen versuchen, dann unter der
Prämisse, dass die Welt eine gezeichnete ist (was für diese Welt ja
auch zutrifft). Das Nichts, mit dem Herr Acquefacques mehrfach
konfrontiert wird, ist nichts als eine weiße Papierseite, die der
Zeichner füllen kann.
Vergleichender
Rückblick auf die Theater- und Gerichtsgeschichten
Die
Funktionen metaleptischer Strukturen in den skizzierten und in
anderen Werken sind komplex. Die Skala reicht von der Reflexion über
die Konstitution von ›Welten‹ (im Sinn konstruktivistischer
Theorien) bis zur Reflexion über Kunst. Hinsichtlich der Effekte,
die Metalepsen auslösen, reicht die Skala von nihilistischer
Ent-Täuschung bis hin zur stimulierenden Bespiegelung künstlerischer
Kreativität. Die Nachtwachen
können als Dokument eines literarischen Experimentalnihilismus
gelesen werden, in dem unter Verschmelzung von Gerichts- und
Theatermetaphorik der Gedanke artikuliert wird, dass hinter der
Wirklichkeit, die die Welt des Menschen ausmacht wie auch hinter
seiner rollenhaften Identität ›nichts‹ stecke. Diese Idee wird
nicht in Form theoretischer Begriffe ermittelt, sondern ihrerseits
durch Inszenierung dargestellt. Die wichtigsten Momente in der
Inszenierung des Erzählers sind diejenigen, in denen er aus seiner
Rolle fällt, vor allem beim falschen Weltgericht. Die Metalepse ist
ein Mittel, mit dem sich die Vorspiegelung gleichsam gestisch als
solche zu erkennen gibt. Der Künstler ist derjenige, der aus der
Rolle fällt, wenn er Gericht spielt – und das ist seine Art, der
Welt den Prozess zu machen. Bei Carroll erscheint das Gericht als
Inhalt eines surrealen Traums und wiederum als theatralische
Inszenierung, die es nicht verdient, ernst genommen zu werden. Doch
die in diesem Gerichts-Theater-Traum erlebten Situationen besitzen
ein irritierendes Potential, das über die Traumsphäre hinausreicht.
Sie betreffen die Frage nach der Existenz einer Ordnung der Dinge und
nach der Identität des Ich. Kafkas Process-Roman
schildert ein undurchschaubares, ein ›unsichtbares‹ Gericht –
und es stellt den Protagonisten als jemanden dar, der gern mit dem
Gestus eines Aufklärers eine Entlarvung dieses Gerichts als Theater
vollzöge, dem aber der befreiende Rollenwechsel misslingt. Denn er
steht vielleicht vor einem inneren Gericht, vielleicht wenigstens
auch vor einem solchen, und seine Rolle ist auch sich selbst
gegenüber widersprüchlich. Mathieu nutzt Prozess- und
Theatermetaphern zeichnerisch zur Reflexion über die ästhetische
Konstitution von Welt. Damit tritt hier der doppelte Motivkomplex
nachdrücklich in den Dienst der Selbstdarstellung von Kunst.
Bilanzierende
Thesen
(1)
Theater- und Gerichtsmetaphern dienen in der Moderne in Umkehrung
ihrer vormodernen Funktionen gleicherweise dazu, die Nichtexistenz
respektive den Konstruktcharakter aller Ordnungen – der der Dinge
wie der moralischen – zu bespiegeln.
(2) Zu
diesem Zweck werden sie in der Literatur oft miteinander verknüpft –
in Erinnerung daran, wie nahe sich die Sphäre des Gerichts und des
Theaters immer schon gestanden haben, also an Gerichtsdarstellungen
im Drama und an die Theatralik von Prozessen.<
(3) Die
vielleicht wichtigste Strategie, den Inszenierungscharakter von
Welt-Theater und Welt-Gericht zu bespiegeln ist das
Aus-der-Rolle-Fallen (die Metalepse).
(4)
Klingemann-‹Bonaventura‹ und Carroll stellen solche Metalepsen
dar. Bonaventura setzt bei dem von ihm inszenierten Zusammenbruch
eines artifiziellen Weltgerichts und bei der Entlarvung des
scheinhaften Welt-Theaters einen nihilistischen Akzent. Bei Carroll
hat der Moment des Zusammenbruchs der Gerichtssituation etwas
Befreiendes.
(5)
Josef K. im Process
Kafkas scheitert mit seinen Versuchen einer befreienden Metalepse.
Daß sein Prozess zumindest auch ein innerer Prozeß, sein Theater
auch ein inneres Theater ist, verhindert die notwendige Distanzierung
vom Gerichts-Theater-Spiel.
(6)
Mathieu stellt die Verknüpfung von Theater- und Gerichtsmotivik zur
ästhetischen Autoreflexion, zur Bespiegelung der Existenzbedingungen
seiner Comic-Figur und ihrer Welt. In Modifikation der These, es
stecke ›nichts‹ hinter der dargestellten Welt zeigt er, dass ein
Zeichner und seine Materialien ›dahinter‹ stecken.
Literaturhinweise:
August
Wilhelm Klingemann: Nachtwachen von Bonaventura. (Zuerst 1804) Hrsg.
v. Jost Schillemeit. Frankf./M.
1974.
Lewis
Carroll: Alice's Adventures in Wonderland / Through the
Looking-Glass. In: The Complete Works of Lewis Carroll. With an
introduction by Alexander Woollcott and the Illustrations by John
Tenniel. London (Penguin Books) 1988.
Franz
Kafka: Der Process. Roman. In der Fassung der Handschrift. Hrsg.
v. Malcolm Pasley. Frankf./M. 1990.
Marc-Antoine
Mathieu: Julius Corentin Acquefacques, prisonnier des rêves. Tome
1-5: Textes et dessins Marc-Antoine Mathieu. Tournai (Delcourt). –
Julius Corentin Acquefacques, prisonnier des rêves. Tome 1:
L’Origine (1990/1991). – Tome 2: La QU... (1991) – Tome 3: Le
processus (1993) – Tome 4: Le début de la fin / La fin du début
(1995) – Tome 5: La 2,333e Dimension (1993).
Marc-Antoine
Mathieu: L’ascension & autres récits. Scénario: Marc-Antoine
& Jean-Luc Mathieu. Dessin:
Marc-Antoine Mathieu Tournai (Delcourt). 2005.
Zum
Konzept des ›Gerichts‹ vgl. den Art. »Prozess« in: Historisches
Wörterbuch der Philosophie, hrsg. v. Joachim Ritter u. Karlfried
Gründer. Bd. 7, Darmstadt 1989, Sp. 1548ff. (Von Kurt Röttgers).
Insbes. Sp. 1551.
Zum
Begriff ›Person‹ vgl. den Art. »Person« in: Historisches
Wörterbuch der Philosophie, hrsg. v. Joachim Ritter u. Karlfried
Gründer. Bd .7, Darmstadt 1989, Sp, 269-338. (Von M. Fuhrmann, G.
Scherer und M. Scherner). Insbes. Sp. 269.
Ferner:
Person. Philosophische Texte von der Antike bis zur Gegenwart. Hrsg.
v. Martin Brasser. Stuttgart 1999.
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