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Der neue Abscheu vor
der Demokratie
Jacques Rancière: Hatred
of Democracy, London (Verso) 2006, 106 Seiten
von Christoph
Jünke Wahlabstinenz, politische Apathie und
Politikerverachtung haben sich im Alltagsleben unserer Gesellschaften
nachhaltig verankert. Dass die Bürgerinnen und Bürger
demokratiemüde geworden seien, heißt es nicht ganz zu Unrecht. Dass
wir es hierbei mit einem Reflex auf die demokratiemüden
ökonomischen, politischen und kulturellen Eliten und deren massiv
vorangetriebene Demokratieaushöhlung zu tun haben, wird jedoch allzu
gern verdrängt. Nicht so in Jacques Rancières
Hatred of Democracy
(franz. Original: La haine de la démocratie, Paris
2005).
Der französische Linksphilosoph hat
einen (leider noch nicht ins Deutsche übersetzten) ausgesprochen
anregenden Essay veröffentlicht, in dem er die »neue Abscheu vor
der Demokratie« aufs Korn nimmt. Seine Zielscheibe ist dabei nicht
die Bevölkerung als solche. Es sind vielmehr die kulturellen Eliten,
die vielen Meinungsmacher und -führer, die sich in der Analyse der
vorherrschenden Kulturkrise einig zu sein scheinen, dass all den
alltäglichen Auseinandersetzungen um Anerkennung im Kleinen wie im
Großen (von den innerfamiliären und innerschulischen
Auseinandersetzungen über den Kopftuchstreit und die
sozialpolitischen Streiks bis zum Irakkrieg) ein geradezu
gefährliches, weil überzogenes Demokratieverständnis zu Grunde
liege. Anstatt die Demokratie als begrenztes Mittel für begrenzte
Ziele zu betrachten, würden die Individuen der modernen
demokratischen Massengesellschaft diese als ein Reich grenzenloser
Wünsche reklamieren und drohen auf diesem Wege, die Fundamente der
liberal-demokratischen Demokratie zu unterhöhlen. Es ist diese
vorherrschende Interpretation, die Rancière als Ideologie fasst und
einer umfassenden Kritik unterzieht.
Es gäbe, fasst er die zentrale These
dieser neuen Abscheu vor der Demokratie zusammen, »nur eine gute
Demokratie, jene die die Katastrophe der demokratischen Kultur
unterdrückt« (S.4).
Ja – so die Meinung dieser Ideologen –, wir bringen Freiheit und
Demokratie in den Irak, aber Freiheit und Demokratie sind eben nicht,
wie die ewigen Idealisten behaupten, die harmonischen Verhältnisse
umfassender demokratischer Selbsttätigkeit, sondern einzig ein
institutioneller Rahmen, die demokratische Unordnung zu meistern.
Diesem reichlich eingeschränkten, aber vorherrschenden
Demokratieverständnis liege, so Ranciére, eine Interpretation
zugrunde, wie sie bereits die Trilaterale Kommission seit Anfang der
70er Jahre formuliert habe: Es sei das grenzenlose Bedürfniswachstum
demokratischer Bürger, das die Regierungen bedränge, Disziplin und
Autorität lockere und die Individuen gegen die Gesellschaft als
solche aufbringe. Demokratie als soziale und politische Lebensform
sei ein Reich des demokratischen Exzesses, der demokratische
Regierungsformen wieder zunichte mache und deswegen unterdrückt
werden müsse.
Was in den 70er Jahren vom Establishment begonnen wurde, wurde danach
von links aufgegriffen und radikalisiert. Mit den französischen
»neuen Philosophen« und den »revisionistischen Historikern« habe
Ende der 70er/Anfang der 80er eine Umwertung der Werte begonnen, die
neue Akzente setzte. Francois Furet interpretierte die Französische
Revolution um, indem er Demokratie und Totalitarismus nicht als
Antipoden, sondern als Zwillinge verstand. Die Sünde der Revolution
sei nicht ihr Kollektivismus, sondern ihr demokratischer
Individualismus gewesen, der zu einer Zerstörung natürlicher und
historischer Solidaritäten geführt habe.
Meines Erachtens schlüssig verdeutlicht Rancière im Laufe seiner
essayhaften Untersuchung drei entscheidende Aspekte dieser neuen
Abscheu vor der Demokratie.
Zum ersten zeigt er auf, welchen spezifischen Beitrag die politische
Linke geliefert hat. Mit ihrer »marxistischen« Sicht interpretierte
eine bestimmte Linke den in der bürgerlich-kapitalistischen
Gesellschaft vorherrschenden Bourgeois zum allgemeinen demokratischen
Menschen um. Wo Marx einen dialektischen Widerspruch zwischen
Bourgeois und Citoyen sah,
setzten bestimmte seiner Schüler ein Gleichheitszeichen und
schlossen das demokratische Individuum der politischen Demokratie mit
dem individuellen Konsumenten der verallgemeinerten Warengesellschaft
analytisch kurz. Wo Marx einen dialektischen Widerspruch zwischen dem
Reich kapitalistischer Ungleichheit und Ausbeutung und dem Reich
marktwirtschaftlicher Gleichheit ausmachte, lösten bestimmte seiner
Schüler das Reich der Ausbeutung in das Reich der Freiheit auf.
So wurde, zweitens, ein an der Zirkulationssphäre des Kapitalismus
kleben gebliebener Marxismus zum Steigbügelhalter antidemokratischen
Ressentiments, eine bestimmte Tradition politischer Linker zum
Bündnispartner einer aus dem Establishment kommenden
aristokratischen Kritik des vermeintlich demokratischen Exzesses.
Doch schon beim antiken Plato fungierte die Kritik am demokratischen
Prinzip als dem universellen Gleichmacher, als dem Verursacher einer
unnatürlichen Unordnung zwischen Regierenden und Regierten, Herren
und Knechten, Alten und Jungen, Lehrern und Schülern, als Plädoyer
für eine erneuerte aristokratische Herrschaft – komme sie nun
ökonomisch, politisch oder kulturell daher. Schon die von
Parteigängern der antiken Aristokratie formulierte Idee einer
republikanischen Ordnung von Institutionen, Gesetzen und moralischen
Werten sollte den demokratischen Exzess der Plebejer in Grenzen
halten und diente nicht zuletzt dem Herrschaftsanspruch einer sich
(vor allem kulturell) aristokratisch fühlenden Intelligenz.
Und dies, so Rancière zum dritten, ist auch der Sinn und Zweck der
gegenwärtigen Abscheu vor der Demokratie. Dass sich auch die heutige
Intelligenz wieder mehrheitlich antidemokratischen Ressentiments
hingebe, sei Produkt der Vorherrschaft des grenzenlosen Kapitals
infolge des Zusammenbruchs aller Alternativen – sowohl der des
Ostblocks, wie auch derjenigen der (diesem vorausgehenden) westlichen
sozialen Bewegungen. Bereits vor dieser weltpolitischen Verschiebung
der Kräfteverhältnisse lebten wir, wie er uns erinnert, nicht in
einer Demokratie, die diesen Namen verdient. Auch unter den
sozialstaatlichen Verhältnissen der Nachkriegszeit gab es eine
solide Allianz von Staats- und Wirtschaftsoligarchie, lebten wir in
einer konstitutionellen Oligarchie – Rancière spricht von »Staaten
oligarchischen Rechts (…), in denen die Macht der Oligarchie durch
die doppelte Anerkennung von Volksouveränität und individuellen
Freiheiten begrenzt wird« (S.73). Und heute, unter den Bedingungen
neoliberaler Grenzenlosigkeit und einer Renaissance der
antidemokratischen Prinzipien von Geburt und Verwandtschaft, von
Blut, Boden und Religion, komme es zu einer neuen Allianz von
Reichtum und Wissenschaft, die sich gegen die vielfältigen Angriffe
auf die vermeintlichen Segnungen von Fortschritt und Demokratie
abzuschotten trachte. »Wenn der Fortschritt nicht fort schreitet«,
fasst Rancière den Zynismus der Intelligenz zusammen, »liegt dies
an den Zurückgebliebenen« (S.79). Und er zeigt auf, dass die im
Zuge dieser Auseinandersetzung wieder aufgekommene Klage gegen den
vermeintlichen »Populismus« ein anti-emanzipativer elitärer Reflex
ist, der nur den Wunsch der Oligarchen ausdrückt, fortan ohne das
Volk und ohne Politik regieren und herrschen zu können.
Dass es eine natürliche Affinität zwischen beiden, eine soziale
Grundlage dieses Positionswechsels von Teilen der einstmals
kritischen Intelligenz gibt, verdeutlicht er, wenn er den Bogen zu
den ersten beiden Aspekten zieht. Die Tyrannei des herrschenden
Konsumismus und die Gesetze der Marktakkumulation werden von diesen
neuen Ideologen von Ursachen der Misere zu deren Folgen
uminterpretiert, zu Lastern »demokratischer« Individuen, die einzig
Waren konsumieren wollen. Diese neuen Ideologen »glauben an den
Fortschritt. Sie glaubten an den Fortschritt der Geschichte, als sie
vermeintlich zur sozialistischen Weltrevolution führte. Und sie
glauben auch heute noch, wo er zum globalen Triumph des Marktes
führt, an denselben. Es ist nicht ihre Schuld, wenn die Geschichte
falsch gelaufen ist.« (S.86) Und so wie hier die Vorherrschaft der
bürgerlich-kapitalistischen Oligarchie zur Demokratie verklärt
wird, wird die Vorherrschaft der Wirtschaftsoligarchie zum Auswuchs
des Appetits des vermeintlich demokratischen Individuums verklärt,
der Kampf gegen die Demokratie zum Kampf gegen den Totalitarismus,
dessen Gipfelpunkt die perfide Gleichsetzung von Demokratie und
Auschwitz, von Modernität und Ausrottung der Juden sei. Der Genozid
als zentraler historischer Bruch- und Bezugspunkt übernimmt hier, so
Rancière, dieselbe Funktion, die zuvor die soziale Revolution
innehatte.
Die neue Abscheu vor der Demokratie ist also ein elitärer,
klassenbedingter Reflex auf die demokratischen Herausforderungen von
unten. Sie speist sich aus einer Mischung von aristokratischen und
linken Traditionen und erfährt ihre Zuspitzung durch eine sich immer
mehr entgrenzende Ökonomie neoliberalen Zuschnitts. Die Fragen an
Jacques Rancière beginnen jedoch mit seiner historischen wie
politisch-theoretischen Einordnung dieser neuen Abscheu und mit dem,
was er dieser Abscheu entgegensetzt.
Rancière betont selbst, dass die neue Abscheu vor der Demokratie
nicht wirklich neu sei (schon der Begriff der Demokratie war
bekanntlich als Denunziation ins politisch-intellektuelle Spiel
gebracht worden) und es deswegen darauf ankomme, ihren neuartigen
Charakter genauer zu bestimmen. Neu ist für ihn, dass sie sich aus
zwei Quellen speise, aus zwei historischen Formen der
Demokratiekritik, aus der aristokratischen und der marxistischen
Demokratiekritik. Hier jedoch wird er ungenau. Denn so wie die
aristokratische Kritik genauer betrachtet eine Kritik aus den
Traditionen konservativer Kulturkritik ist (aristokratisch nur im
kulturellen, nicht im sozialgeschichtlichen Sinne), speist sich deren
linke Variante nicht aus dem Marxismus, bzw. nur insoweit sie (in
linksradikaler Tendenz) mit diesem gebrochen hat. Rancière scheint
dies nicht so zu sehen, denn er macht den Marxismus als ganzen
verantwortlich. Sein diesbezüglicher Vorwurf jedoch, dass auch die
Marxsche Tradition den demokratischen Gehalt, die demokratische Idee
zur reinen Illusion stempelt, dass sie zwischen Wesen und Erscheinung
trennt, um die demokratischen Erscheinungsformen auf das
bürgerlich-kapitalistische Wesen zu reduzieren, ist nicht mehr als
eine altbekannte, grobe Verzerrung des Marxschen Denkens, ein
unstatthafter Kurzschluss von linker Praxis auf linke Theorie. Marx
reduzierte weder das Wesen auf die Erscheinung noch die Erscheinung
auf das Wesen, zeigte stattdessen gerade deren engen, dialektischen
Zusammenhang auf. Marx kritisierte die Halbheiten der
bürgerlich-politischen Emanzipation nicht, um sie zu verwerfen. Ganz
im Gegenteil rief er dazu auf, sich nicht mit diesen Halbheiten
zufrieden zu geben und die Emanzipation weiter zu treiben. Die
Marxsche Kritik zerpflückte die imaginären Blumen an der Kette
»nicht damit der Mensch die phantasielose, trostlose Kette trage,
sondern damit er die Kette abwerfe und die lebendige Blume breche«.
Und Rosa Luxemburg übersetzte dies in die Politik der Demokratie,
als sie gegen Lenin und Trotzki darauf hinwies, dass die Kritik der
formalen Demokratie nicht dazu dient, »diese zu verwerfen, sondern
um die Arbeiterklasse dazu anzustacheln, sich nicht mit der süßen
Schale [der formalen Gleichheit und Freiheit] zu begnügen, vielmehr
die politische Macht zu erobern, um sie mit neuem sozialem Inhalt zu
füllen«.
Rancière ist hier offenbar den vulgärmaterialistischen Mythen
seiner eigenen (maoistischen) Jugend zum Opfer gefallen und
verwechselt bestimmte »marxistische« Strömungen, d.h. einen
historisch leider recht wirkmächtigen Vulgärmarxismus, mit dem
Marxschen Denken. Das hat Konsequenzen auch für seine eigene
Position.
Er bürstet den alten Plato gegen den Strich und betont, dass schon
in der Antike die eigentliche demokratische Idee mit der Abwesenheit
jedes »natürlichen« oder gesellschaftlich-konstitutionellen
Rechtsanspruches beginne, mit der Überwindung jeder Vorherrschaft
von Verwandtschaft, Geburtsrecht, Alter oder biologischer oder
kultureller Konstitution. Erst mit der antiken Erfindung des
zufälligen Loswurfes bei der Auswahl der Ämter, so Rancière
treffend, werden die herrschaftlichen Traditionen ohne Ansehen der
Person gebrochen. Erst dadurch werde Politik mehr als eine
Herrschaftstechnik, erst dadurch zeige sich der der Politik ur-eigene
Grund. Politik beginne mit der Transformation natürlicher oder
sozialer Rechtsansprüche, also erst, wenn die Menschen über
Vaterschaft und Mutterschaft, über Alter, Reichtum, Macht und
Wissenschaft hinausgehen. »Demokratie bedeutet zuallererst dies:
eine anarchische ›Regierung‹, die auf nichts anderem basiert als
der Abwesenheit jedes Rechtsanspruches zur Regierung.« (S.41) In
gewissem Sinne stimme es also, dass die Demokratie ein universeller
Gleichmacher ist. Nur sei dies eben ihr unhintergehbares
emanzipatives Erbe. Politische Macht, so Rancière, ist »die Macht
derjenigen, die keinen natürlichen Grund haben, über jene zu
herrschen, die keinen natürlichen Grund haben, beherrscht zu werden«
(S.47). Die neue Abscheu vor der Demokratie sei deswegen nicht nur
zutiefst undemokratisch, sondern mehr noch geradezu anti-politisch.
Auf eindrucksvolle Weise verdeutlicht er damit die
radikal-demokratische Ur-Idee einer menschlichen Freiheit und
Gleichheit, die nur ganzheitlich gefasst werden kann und nicht als
lediglich politische, ökonomische oder kulturelle. Und insofern hat
er auch Recht, zu betonen, dass Demokratie eigentlich keine bestimmte
Gesellschafts- oder Regierungsform ist, dass sie nicht mit einer
spezifischen politisch-juristischen Form identifiziert werden könne
und ihr Kampfterrain jene Öffentlichkeit ist, in der gegen alle
Formen der Privatisierung gestritten und den politischen,
ökonomischen und kulturellen Oligarchen das Monopol öffentlichen
Lebens und die Macht des Reichtums streitig gemacht wird.
Das kann allerdings nicht bedeuten, dass Demokratie gegen ihre Formen
indifferent sein kann. Auch wenn er dies sogar selbst einräumt
(S.54), verfolgt Rancière diese Spur leider nicht weiter und gerät
mit seinem Ansatz stattdessen auf einseitiges Gleis. Die von ihm
treffend herausgearbeitete demokratische Ur-Idee bleibt nämlich
trotz ihrer wirkmächtigen Logik »nur« eine solch an sich abstrakte
Zielidee, die ihre geschichtliche Konkretisierung am historischen
Material immer wieder suchen muss. Historisch entfaltet hat sie sich
durch die geschichtlichen Kämpfe von Klassen, Schichten und
Individuen hindurch, ist ihr dabei mal näher und mal ferner
gekommen. Rancière dagegen löst diese konkrete Historie im Nebel
einer abstrakten demokratischen Logik auf, die kurioserweise gerade
jenem individualistischen Bild eines von der realen Geschichte
losgelösten »demokratischen Menschen« frönt, das er an anderen
kritisiert.
Kollektive Subjekte radikaler Demokratisierung kann und will er nicht
erkennen und den Traum einer mit der Demokratie verbundenen neuen
Gesellschaft, gemeint ist hier natürlich »der« Sozialismus, hält
er für ausgeträumt. Abermals verdeutlicht er hier seine grobe
Verzerrung des Marxschen Denkens, wenn er behauptet, es sei getragen
von einer Vision, in der »die kapitalistischen Formen von Produktion
und Austausch die materiellen Bedingungen für eine egalitäre
Gesellschaft und ihre weltweite Expansion bilden« (S.96).
Marx’ Rede von den emanzipativen Produktivkräften, die die
bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft selbst gebäre, bezog sich
jedoch weniger, wie das hartnäckige Vorurteil meint, auf die rein
ökonomisch-materiellen, gleichsam quantitativen Produktivkräfte.
Sie bezog sich vielmehr auf die politisch-kulturellen, auf die
qualitativen Produktivkräfte, die sich nicht nur, aber eben auch
nicht zuletzt in der sozialen und politischen Bewegung einer
systemtranszendierenden Arbeiterbewegung niederschlagen, und die die
neue kapitalistische Gesellschaftsform immer wieder neu zu erzeugen
gezwungen ist. Hier findet sich auch der Grund dafür, dass man, im
direkten Kontrast zu Rancières Behauptung, gerade mit den
kapitalistischen Formen von Produktion und Austausch brechen
wollte. Beides jedoch ist im Produktivkraftfetischismus des
klassischen sozialdemokratischen Marxismus wie des Stalinismus (nicht
zufällig) verloren gegangen. Obwohl sich Rancière in seinen jungen
Jahren, unter dem Einfluss von Louis Althusser wie als späterer
Kritiker desselben, aus diesem Fetischismus zu lösen versuchte,
scheint ihm dies nicht ganz geglückt. Der heutige Postmarxist
schüttet hier das Kind mit dem Bade aus – als ob es »westlichen
Marxismus« und »Neue Linke« (im weitesten Sinne der Begriffe)
nicht gegeben hätte.
So kommt es schließlich auch, dass er sogar meint, der von Hardt und
Negri aufgebrachten Vision einer radikaldemokratischen Multitude –
einer Vision, die im Übrigen der seinigen recht nahe zu kommen
scheint – vorwerfen zu können und zu müssen, dass selbst diese,
gleichsam postmarxistische und postkommunistische Konzeption noch
viel zu sehr in der alten marxistisch-kommunistischen Tradition
materieller Vorbedingungen radikaler Demokratie gefangen sei. »Zu
verstehen, was Demokratie bedeutet, heißt, auf solchen Glauben zu
verzichten«, schreibt er: »Die von einem Herrschaftssystem
produzierte kollektive Intelligenz ist immer nur die Intelligenz
dieses Systems. Die ungleiche Gesellschaft trägt keinerlei gleiche
Gesellschaft in ihrem Mutterleib. Die egalitäre Gesellschaft ist
vielmehr immer nur der Satz an egalitären Beziehungen, die sich hier
und jetzt durch singuläre und anfechtbare Akte auffinden lassen.«
(S.96)
Demokratische Politik wird so nicht nur losgelöst von der Geschichte
und den von ihnen vorgegebenen ökonomischen, politischen und
kulturellen Bedingungen. Sie wird auf diesem Wege zum ganz Anderen,
zum unvermittelten Sprung zwischen Gestern, Heute und Morgen – zum
unvermittelten Akt einer gestaltlosen Masse. Dass alle Intelligenz
immer nur die Intelligenz des Systems und die Klassengesellschaft
keine Mittel und Formen einer über sie hinausweisenden Egalität
aufweise, das ist aber nicht nur derselbe linksradikale Nonsens, der
auch dem von ihm selbst so beklagten Positionswechsel linker
Intellektueller in den 70er und 80er Jahren zu Grunde lag. In solch
einem dichotomischen Entweder-Oder wird auch das theoretische wie
praktische Problem des »unreinen« Überganges von dem einen
gesellschaftlichen Zustand zum anderen suspendiert, also gerade das,
woran die Linke bisher gescheitert ist.
Demokratie ist nicht reduzierbar auf ihre reine, abstrakte Idee. Sie
ist ebenso Zielidee wie Mittel, soziale Bewegung wie politische
Institution, individuell wie kollektiv, Kontinuität wie Bruch. Die
sozialistische Linke hat die Demokratie (im Prinzip zu Recht) immer
zuerst als eine soziale Bewegung gefasst, die einen konkreten
historischen Gegner mit konkreten historischen Mitteln zu überwinden
trachtet. Fragen demokratischer Formen und Institutionen sind
demgegenüber, mindestens in entscheidenden Momenten, ignoriert,
heruntergespielt oder gar denunziert worden,
nicht zuletzt indem man einer Metaphysik der Klasse und des
Klassenkampfs gefrönt hat. Jacques Rancière hat sich von solcher
Metaphysik verabschiedet und, wie gesagt, das Kinde mit dem Bade
ausgeschüttet. Seiner Jugend treu geblieben ist er dagegen in der
Verdrängung von Fragen demokratischer Formen und Institutionen.
Politik und Demokratie sind ihm einzig die Kraft einer Negation.
Suspendiert wird so das politische Problem der Vermittlung und des
Übergangs – in meinen Augen der Kern des Politischen.
Rancière und seine Anhänger aus der »autonomen Linken« können
dem widersprechen, da er einen anderen, einen zu diesem Ansatz und zu
dieser Strömung passenden Begriff von Politik entwickelt hat.
Auch wenn mir der jedoch mehr als Teil des Problems erscheint denn
als Teil der Lösung, so befinden wir uns damit bereits in einer
Diskussion über die Wege zum Ziel einer Wiederaneignung
radikaldemokratischer, emanzipativ-sozialistischer Traditionen, die
Rancière in seiner herausragenden Kritik der herrschenden
Demokratiemüdigkeit eröffnet hat.
Die Print-Fassung dieses Beitrages
erschien in der Züricher Zeitschrift Widerspruch,
Heft 55, Dezember 2008.
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