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Notizen zur
weltpolitischen Konjunktur
von
Perry Anderson
Die gegenwärtige Periode
– die sich einerseits von den ökonomischen und politischen Veränderungen im
Westen an der Wende zu den 80er Jahren, andererseits vom Zusammenbruch des Sowjetblocks
ein Jahrzehnt später datieren lässt – erfährt weiterhin tiefgehende
strukturelle Veränderungen in der Weltwirtschaft und in der internationalen
Politik. Doch worin diese bestehen und was ihre Resultate womöglich sein
werden, bleibt strittig. Versuche, sie durch das Prisma laufender Ereignisse zu
interpretieren, scheitern immanent. Ein mehr an den Zusammenhängen orientiertes
Herangehen, das sich auf die politische Szene seit dem Jahr 2000 beschränkt,
geht weniger Risiken ein; doch auch so lassen sich Vereinfachungen und
Abkürzungen kaum vermeiden. Gewiss entgehen die folgenden Bemerkungen dieser
Gefahr nicht. Eher Notizen als Thesen, sind sie da, um geändert oder verworfen
zu werden.
I.
Das Haus der Harmonie
Seit den Attentaten von
2001 ist der Nahe Osten in den Mittelpunkt der weltpolitischen Bühne getreten:
Blitzkrieg in Afghanistan, Aufräumen im Westjordanland, Besetzung des Irak,
Umzingelung des Iran, erneute Invasion des Libanon, Intervention in Somalia.
Die US-Offensive in der Region hat die Schlagzeilen beherrscht und die
Meinungen polarisiert – die einheimische ebenso wie die internationale. Eine
gewaltige Literatur ist entstanden, die sich mit den Auswirkungen auf die
Flugbahn der amerikanischen Macht und die Richtung der Weltgeschichte seit dem
Ende des Zweiten Weltkriegs befasst. Selbst im US-Establishment ist die Furcht
vor einem Debakel im Irak, das schlimmer wird als das in Vietnam, keine
Seltenheit. Die Analogie sollte jedoch eine Warnung sein. Die demütigende
militärische Niederlage in Indochina führte nicht zu einer politischen
Schwächung der globalen Position Amerikas. Im Gegenteil wurde sie von einer
strukturellen Wandlung zu seinen Gunsten begleitet, da China zu einem
De-facto-Verbündeten wurde, während die UdSSR schließlich dem unaufhaltsamen
Niedergang entgegenging. Kaum mehr als ein Jahrzehnt, nachdem der
US-Botschafter aus Saigon geflüchtet war, landete der US-Präsident als Sieger
in Moskau. In Vietnam sind heute amerikanische Unternehmen so willkommen wie
Gesandtschaften aus dem Pentagon. Historische Analogien können nie mehr sein
als anregend und oft sind sie irreführend. Aber solche Umschwünge erinnern an
den Kontrast zwischen den Tiefen und der Oberfläche im Meer der Ereignisse.
1. Sieben oder acht
Jahre sind eine kurze Zeitspanne, um sie auszuloten. Was sind jedoch die
wichtigsten Entwicklungen, wenn wir es versuchen? Als die, nach jedem Maßstab,
bei weitem bedeutendste muss der Aufstieg Chinas zur neuen Werkstatt der Welt
angesehen werden: nicht bloß die rasche Expansion einer außerordentlich großen
Volkswirtschaft, sondern eine strukturelle Wandlung des Weltmarkts, mit einem
globalen Einfluss, der mehr dem des viktorianischen England ähnelt als dem
beschränkteren Rahmen des Amerika des Goldenen Zeitalters, vielleicht sogar mehr
als dem Amerika der Nachkriegszeit. Drei Konsequenzen haben sich aus Chinas
Hochgeschwindigkeitswachstum ergeben. Zu Hause hat es – inmitten einer
dramatisch wachsenden Ungleichheit – eine beträchtliche Mittelklasse
geschaffen, die am Status quo festhält, sowie eine, über diese Mittelklasse
deutlich hinausgehende, verbreitete Überzeugung von den Segnungen des privaten
Unternehmertums. Durch einen Grad gegenseitiger ökonomischer Abhängigkeit, der
jene Japans übertrifft, hat es international die Volksrepublik China in eine
enge Umarmung mit den USA eingesperrt. In globaler Hinsicht hat es in den
letzten vier Jahren geholfen Wachstumsraten aufrechtzuerhalten – oder zu
bewirken –, wie es sie seit den 60er Jahren nicht mehr gegeben hat.
2. Was ist mit Japan,
das noch immer die zweitgrößte kapitalistische Ökonomie aufweist? Nach einem
Jahrzehnt der Deflation und Stagnation hat Japan schließlich wieder einen
gewissen Schwung erlangt – zu einem bedeutenden Teil auf dem Rücken der
chinesischen Nachfrage – und während der letzten Periode eine Wachstumsrate
erreicht, die deutlich über der europäischen liegt. Politisch war seine
herrschende Partei bestrebt, sich als kohärentere neokonservative Kraft
umzuformen. Ein offen rechter Kurs im Innern ging einher mit einer aggressiveren
Außenpolitik im Einklang mit Washington – Truppen im Irak, verstärkter Druck
auf Nordkorea, die Bereitschaft, die Friedensklauseln in der Verfassung fallen zu
lassen. Während sie aktuell bei Wahlen Einbußen hinnehmen musste, wird dieser
Linie keine konsequente Alternative von einer Opposition entgegengestellt, die
zum großen Teil demselben Muster entspringt.
3. Die wichtigste
europäische Entwicklung, die alle anderen Prozesse überschattet, war die
Erweiterung der EU nach Osten. Die erfolgreiche Integration der
Warschauer-Pakt-Zone in die EU ist jetzt fast vollständig erfolgt. Die
Privatisierung der osteuropäischen Ökonomien wurde von Brüssel durchgeführt und
die Übereinstimmung der lokalen Regierungen mit den westeuropäischen Normen
wurde genau überwacht. Andererseits hat die Expansion der EU diese bislang
nicht gestärkt, sondern geschwächt. Dies zeigte die Fähigkeit Amerikas, für
seinen Krieg im Irak die Unterstützung von neuen wie alten EU-Mitgliedern zu
mobilisieren, sowie die folgenden Spaltungen. Die EU ist nun eine große
Freihandelszone, mit Regierungen versehen, die ein etwas breiteres Spektrum
repräsentieren als in den USA oder Japan, aber ohne viel gemeinsamen Willen
nach außen oder eine kohärente innere Führung. Ihre drei führenden Staaten auf
dem Kontinent haben schleppend eine neoliberalere Richtung eingeschlagen –
Schröders Agenda 2010 in Deutschland, Raffarins Reformen und Sarkozys
Fortsetzung in Frankreich, Prodis Pakete in Italien –, ohne es mit New Labour
in Großbritannien aufnehmen zu können.
4. Russland wurde durch
ein neoautoritäres Regime stabilisiert und durch den Welthandelsboom
finanziert. Weniger vom Westen abhängig als Jelzins Regierung hat Putins System
einen größeren diplomatischen Spielraum und ein geringeres Bedürfnis,
demokratische Nettigkeiten zu simulieren. Es hat eine weniger enthusiastische
Presse im Westen und ist für die USA und die EU ein unbequemerer Partner. Aber
während es bestrebt ist, Russlands Einfluss in seiner Nachbarschaft
wiederherzustellen, hat das neue Regime bislang sorgfältig darauf geachtet,
niemals bei einer bedeutenden internationalen Angelegenheit dem Willen der USA
in die Quere zu kommen. Es bietet eine weit bessere Grundlage für die
kapitalistische Entwicklung, als dies Jelzin tun konnte, da es nicht nur jede
Spur ernsthaften politischen Dissenses ausgelöscht hat, sondern auch einen
hohen Grad gesellschaftlicher Unterstützung genießt, die durch die
wirtschaftliche Erholung gesichert wird. Innenpolitisch ist Putin seit einiger
Zeit der im Vergleich zu den größeren Staaten der Welt populärste Führer.
Angesichts des demografischen Zusammenbruchs des Landes und des andauernden
Elends seiner Bevölkerung ist dies eine beeindruckende Leistung.
5. Die indische
Wirtschaft ist stetig gewachsen, wenngleich nicht in dem Maße wie die Chinas.
Die Kombination viel größerer Schichten unberührter Armut mit der Möglichkeit
der Bevölkerung, bei Wahlen über Alternativen zu verfügen, hat bislang eine
überstürzte neoliberale Wende behindert. Aber es gibt jetzt eine große indische
Mittelklasse, die die westliche Konsum- und Starkultur noch begieriger
verinnerlicht hat als ihr chinesisches Pendant, und sie gibt sowohl für die
Kongresspartei als auch die BJP die Grundrichtung vor. Zu Hause noch gefesselt
durch das Gewicht der Wählerstimmen der Unterklassen haben ihre Bestrebungen
einen Ausdruck in der Preisgabe von Indiens neutralistischer Außenpolitik
zugunsten einer sich entwickelnden ideologischen, militärischen und
diplomatischen Annäherung an die USA gefunden. Der parlamentarische Widerstand
gegen diesen Weg ist fähig, ihn zu verlangsamen, aber es ist unwahrscheinlich,
dass er ihn durchkreuzen kann.
6. In Brasilien hat die
erste Präsidentschaft in der Geschichte des Landes, die von einer
Arbeiterpartei gewählt wurde, ihre Massenbasis mit der Schaffung von
Arbeitsplätzen und der Stärkung der Einkommen der Ärmeren gefestigt – wie das
russische Regime gestützt durch den Welthandelsboom –, während sie ansonsten
die auf Drängen des IWF eingeführte neoliberale Politik ihres Vorgängers fast
unverändert fortgeführt hat. Das traditionelle Ausmaß an Korruption ist
geblieben, ohne zu Einbußen bei der Wählerschaft zu führen. International war
die spektakulärste außenpolitische Initiative des Landes die Fortführung der
französisch-amerikanischen Intervention in Haiti, in der Hoffnung, zusammen mit
Japan, Deutschland und Indien mit einem ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat
belohnt zu werden – ein Trinkgeld, das versagt wurde. Auf regionaler Ebene hat
Brasilien der verstärkten Handelsintegration in Lateinamerika weniger Priorität
verliehen als der Änderung der WTO-Regelungen zu seinen Gunsten.
7. Und was ist mit den
USA selbst? Die im Jahr 2000 gewählte republikanische Administration hat nach
und nach Steuersenkungen durchgesetzt, die die regressive Verteilung von
Wohlstand und Einkommen weiter verstärken, welche in diesem Land seit Reagan
vonstatten geht. Die Konkursgesetze wurden zugunsten der Gläubiger geändert und
Regulationssysteme verwässert. Der Oberste Gerichtshof ist um eine Stimme
konservativer geworden. Im Übrigen ist die innenpolitische Bilanz – zu sozialer
Sicherheit, Gesundheit, Bildung, Bankwesen und Umwelt – trotz einer radikal
rechten Rhetorik nicht spektakulär. Das Wirtschaftswachstum und die Schaffung
von Arbeitsplätzen blieben wie zuvor. Keine strukturellen Veränderungen, die
mit der Abschaffung traditioneller Systeme sozialer Sicherheit durch Clinton
vergleichbar wären, wurden durchgeführt oder stehen in Aussicht. Die
Bürgerrechte wurden durch den Patriot Act ausgehöhlt, aber getragen von beiden
Parteien und im geringeren Maß als in den Tagen Woodrow Wilsons.
Institutionelle Kontrollmechanismen und ein wahltaktischer Pragmatismus haben –
in einer Landschaft, in der die durch „Werte“-Agenden definierten Stimmenblöcke,
gleichmäßig aufgeteilt sind – dem, was das Weiße Haus innenpolitisch tun kann,
Grenzen gesetzt. Im Gravitationszentrum der amerikanischen Politik hat unter
dem durch die Niederlage der Republikaner 2006 – in der Mitte seiner zweiten
Amtszeit – behinderten Bush kein dauerhafter Rechtsruck stattgefunden. Gemäß
dem Standardmuster amerikanischer Präsidentschaften seit 1945 hat sich der
administrative Aktivismus zur Kompensation auf das Ausland konzentriert, wo ihr
Auftritt im Nahen Osten international Aufsehen erregt hat und zu nun vertrauten
miteinander wettstreitenden Schilderungen des Aufstiegs oder des steilen
Niedergangs eines amerikanischen Empire führen.
8. Zusammen machen
China, Japan, die EU, Russland, Indien, Brasilien und die USA mehr als die
Hälfte der Weltbevölkerung sowie 80% des globalen Bruttoinlandsprodukts aus.
Wenn die beiden Ziele der US-amerikanischen Außenpolitik seit dem Zweiten
Weltkrieg darin bestanden, den Kapitalismus bis in alle Enden der Erde
auszubreiten und die Vorherrschaft der USA im internationalen Staatensystem zu
bewahren – das zweite Ziel wird dabei als Bedingung für die Verwirklichung des
ersten betrachtet –, wie sieht die Bilanz der ersten Jahre des 21.Jahrhunderts
aus? Überwiegend positiv, was die Ausweitung und Verstärkung des Griffs des
Kapitals betrifft. Die Finanzmärkte haben sich auf Kosten älterer Formen
sozialer oder wirtschaftlicher Verhältnisse ausgebreitet. Unabhängig von den
Parteien an der Macht – kommunistisch oder liberal-demokratisch, gaullistisch
oder New Labour, Vereinigtes Russland oder Kongresspartei, Arbeiterpartei oder
Republikaner – ist dasselbe Bündel aus Eigentumsrechten und entsprechender
Politik vorwärts gerollt, in verschiedener Geschwindigkeit und in verschiedenen
Stadien, aber ohne bedeutende Gegenbewegung in die entgegen gesetzte Richtung.
Vielmehr hat es, da der Welthandel noch an der Spitze des weltweiten Wachstums
steht, eine stetige Zunahme bei der Verzahnung aller größeren kapitalistischen
Ökonomien in gemeinsamer Abhängigkeit von einander gegeben.
9. Was ist die
politische Bilanz? Im Wesentlichen ist das, was wir sehen, das Entstehen, immer
noch im Frühstadium, eines modernen Äquivalents des Konzerts der Großmächte
nach der Französischen Revolution und den Napoleonischen Kriegen. Das heißt:
ein zunehmender Grad formaler und informeller Koordination, um die Stabilität
der etablierten Ordnung zu bewahren, begleitet vom traditionellen Gerangel um
Vorteile innerhalb seiner Parameter, über die es keinen radikalen Streit gibt.
Die Entscheidungen des Sicherheitsrats sind eine wesentliche Bühne dieses
Prozesses, wie gegenwärtig bei den kollektiven Entschließungen zum Iran zu
sehen ist. Es gibt jedoch eine bedeutende Differenz zwischen dem Konzert der
Großmächte nach dem Wiener Kongress und ihrem Gegenstück seit Nixons Besuch in
China und der Pariser Konferenz. Diesmal hält eine einzige übergeordnete Macht,
die eine Stellung wie keine andere einnimmt, das System zusammen. In den Tagen
von Metternich und Castlereagh gab es keinen mit Amerika vergleichbaren
Hegemon. Mit ihrer Volkswirtschaft, den Finanzmärkten, der Währung, den
Streitkräften, den globalen Basen, der Kulturindustrie und ihrer Weltsprache
sind die USA immer noch Weltspitze und verfügen damit über Guthaben, mit denen
kein anderer Staat konkurrieren kann. Die anderen Mächte akzeptieren die
asymmetrische Position der USA und sehen sich vor, Amerika bei Fragen, denen
die USA eine strategische Bedeutung beimessen, einen Strich durch die Rechnung
zu machen. Typischerweise bleiben Konflikte auf kommerzielle Fragen geringerer
Bedeutung beschränkt – Airbus, Doha und dergleichen –, wo wenig auf dem Spiel
steht; oder auf Zwischenbereiche, wo sich die geopolitischen Ambitionen
überlappen – der Kaukasus, das Baltikum, Turkestan. Die anderen Großmächte versuchen
kaum, gegen die USA auf traditionelle Weise ein Gleichgewicht zu halten, sowohl
aufgrund des Grades gegenseitiger Abhängigkeit, die ihre Interessen mit denen
der USA verbindet – undenkbar im frühen 19.Jahrhundert – als auch aufgrund
ihres gemeinsamen Interesses an Washingtons Rolle als Weltpolizist in weniger
stabilen Teilen der Welt, deren kostspielige und manchmal riskante Aufgaben sie
im Allgemeinen gerne auf die Schultern der USA abladen. Während somit das
relative Gewicht Amerikas in der globalen Ökonomie mit dem raschen Aufstieg
alternativer kapitalistischer Machtzentren offenkundig abnimmt, bleibt der
politische Einfluss der USA in einem jetzt dicht verwobenen Universum von
Profit und Privileg, unermesslich größer als der jedes anderen Staates, dessen
sämtliche Eliten sich als Mitglieder der „internationalen Gemeinschaft“
betrachten.
10. Diese Konfiguration
liefert kein System ohne Reibungen oder Zermürbung. Russland und China wollen
nicht, dass die USA zu tief in Zentralasien eindringen oder den Iran zu
aggressiv bedrängen. Indien bleibt wachsam gegenüber der Förderung Pakistans
durch die USA. Die EU will selbst eine rasche Eingreiftruppe haben. Die
amerikanische Vorherrschaft legt den Partnern eine Reihe von Nebenkosten auf,
die wohl kaum abnehmen werden. Aber gerade weil es keine automatische
Übereinstimmung zwischen den besonderen Interessen der USA und den allgemeinen
Interessen des Systems gibt, ist ein bewusst gelenktes Konzert der Großmächte
für die Regelung von Spannungen unter ihnen erforderlich. Diese Regelung wird
niemals perfekt sein, und die Mechanismen für ihre Verwirklichung müssen erst
noch vollständig formalisiert werden: Druck und Gegendruck sind innerhalb eines
Verhandlungsprozesses verflochten, der ungleichmäßig, aber real ist. Bislang
haben jedoch die Lücken und rauen Kanten im System die entstehende Legitimität
der «internationalen Gemeinschaft» als einer Sinfonie der globalen
kapitalistischen Ordnung – wenngleich mit einem etwas unberechenbaren
Dirigenten – nicht ernsthaft bedroht.
In solch einem Konzert
ist zu erwarten, dass die zwischenstaatlichen Beziehungen unterhalb der
Schwelle des Antagonismus verbleiben, wie er in der klassischen Theorie der
Widersprüche definiert ist, und zwar aufgrund der universellen Verzahnung der
Finanz- und Warenmärkte im postnuklearen Zeitalter. Dies bedeutet nicht, dass
die Großmächte alle gleichermaßen kapitalistisch sind. Chinas und Russlands
Entfernung – ökonomisch wie politisch – von westlichen Normen stellt einen
übrig gebliebenen Sand im reibungslosen Funktionieren des Systems dar. Der
Wetteinsatz des Westens besteht darin, dass sie, wenn sie wieder ihre volle
Größe als Weltmächte erreicht haben, dann dieselbe Form angenommen haben werden
wie der Westen selbst. In der Gewissheit der Ähnlichkeit kann dann sogar die
Überlegenheit an Macht – die für China allzu vorhersagbar ist – gnädig gewährt
werden. Die luzidesten Theoretiker des US-Imperialismus sind sich der Tatsache
vollständig bewusst, dass die Vorherrschaft der USA und eine weltweite liberale
Zivilisation nicht logischerweise zusammengehören. Sie erwägen, in Ruhe und
explizit, das Verschwinden von ersterem, sobald ihre Mission, letzteres zu
sichern, erfüllt ist – vielleicht schon innerhalb einer Generation laut den
kaltblütigsten Schätzungen.
11. Unter solchen
Bedingungen steht die allgemeine Tendenz der republikanischen Administration im
Wesentlichen in der Kontinuität ihrer Vorgänger. Kennzeichnend vor allem war
die Stoßrichtung ihrer Politik gegenüber Amerikas zwei großen Gegenspielern der
Periode des Kalten Krieges, China und Russland, die beide reibungslos in das
Konzert der Großmächte eingebracht wurden: Instruiert oder unterstützt – oft
durch in den USA ausgebildete Funktionäre – in der Entwicklung von Ökonomien
auf marktwirtschaftlicher Grundlage; respektiert, wenn ihre akutesten lokalen
Empfindlichkeiten (Taiwan, Tschetschenien) betroffen sind; und integriert in
die Festivitäten des globalen Spektakels (Gipfel von St.Petersburg, Olympische
Spiele in Peking usw.). Streitigkeiten – die Installierung von Raketen in zu
großer Nähe zu Moskau, das Herumkommandieren Pekings in der Frage des Yuan –
bestehen fort, werden aber bislang gebändigt. Im selben Zeitraum waren die
Verbindungen zu Japan niemals enger. Eine neue Allianz mit Indien wurde
geschmiedet, und es gab kaum Reibungen mit Brasilien, abgesehen von einigen
kleinen Meinungsverschiedenheiten in Handelsfragen, die keine bedeutenden
Folgen auf der Ebene der großen Politik hatten. In Europa wurde die öffentliche
Meinung, die mehr von Stil als von Substanz beeinflusst wird, durch Bushs
unverblümte Ablehnung von Kyoto oder der Internationalen Handelskammer (ICC)
irritiert, anders als beim diskreten Begräbnis unter Clinton. Aber in
substanziellen Fragen hat die Administration größere Erfolge erzielt. Nicht
nur, dass die NATO-Ausdehnung der EU-Erweiterung vorangeht, sondern auch, dass
Brüssel den Beitritt der Türkei zur EU als wesentliches Ziel ansieht. In Europa
wie in Japan, China, Indien, Russland und Brasilien steht die amerikanische Strategie
seit dem Ende des Kalten Krieges in einer Kontinuität – nicht rhetorisch, aber
strukturell.
II.
Das Haus des Krieges
Vor diesem Hintergrund
ragt das militärische Theater des Nahen Ostens hervor. Hier, und nur hier,
scheint die republikanische Administration mit den Traditionen der globalen
Praxis der USA seit dem Ende des Kalten Krieges, wenn nicht des Zweiten
Weltkriegs, gebrochen und entscheidende europäische Verbündete gereizt zu
haben, nicht nur in der Form, sondern entschieden in der Sache: der Krieg im Irak
wird in der EU von großen Teilen nicht nur als unberechtigt, sondern als für
den Westen extrem gefährlich betrachtet, mit Folgen, die die Europäer ebenso
sehr oder mehr zu tragen riskieren als die Amerikaner. Faktisch alle
Kommentatoren in Europa, nicht zu sprechen von vielen in den USA selbst,
betrachten heute den Krieg als eine vollkommen irrationale Verirrung, als das
Produkt von entweder einäugigen Sonderinteressen (Ölfirmen oder Konzerne im
Allgemeinen) oder von aus dem Ruder gelaufenen ideologischen Eiferern (eine
neokonservative Clique) in Washington. Aber wenn die republikanische
Administration Mittel und Ziele überall sonst auf der Welt mehr oder weniger
rational abgewogen hat, muss die Erklärung für das Ungleichgewicht
logischerweise vom Nahen Osten ausgehen, nicht von den USA. Die wesentliche
Frage, die man stellen muss, lautet: Welches sind die speziellen Kennzeichen
dieser Region, die eine abweichende Politik ihr gegenüber hervorgebracht haben?
1. Die gewaltigen
Ölvorkommen der Region haben es lange zu einem der wichtigen Gebiete mit
strategischer Bedeutung für die USA gemacht. Aber die Ölversorgung Amerikas war
nicht unmittelbar bedroht, als die USA im Irak einmarschiert sind. Den USA
hörige Staaten kontrollieren die gesamte ölreiche arabische Halbinsel, und
sogar die direkte Aneignung der irakischen Ölfelder – die gewiss ein Strang bei
der Überlegung für die Invasion bildete – hätte bestenfalls nur eine moderate
Verbesserung in der Energieposition der USA gebracht.
Im Jahr 2002 war das Baath-Regime, was seine Rolle in der OPEC betrifft, nicht
mehr – und tatsächlich sogar weit weniger – als ein Stachel in Washingtons
Fleisch als der Iran oder Venezuela. Sein früherer Versuch, sich Kuwait
einzuverleiben, hatte jedoch einen wirklichen Alarm hervorgerufen, da es dann
ein größerer Ölproduzent geworden wäre als selbst Saudi-Arabien und eine
wesentlich stärkere Militärmacht. Seit Clinton bestand die amerikanische
Politik – mit europäischer Unterstützung – daher stets in dem Ziel, Saddam zu
stürzen, durch Blockade, Bombardierung, Putsch oder Ermordung. Die fortgesetzte
Erfolglosigkeit bei diesem Unternehmen, die unvermeidlich die Erwägung
stärkerer Maßnahmen nach sich zog, war ein weiterer Faktor für den Hintergrund
der Invasion. Das allgemeine Gefühl im amerikanischen Establishment war, dass
der Irak ein unerledigtes Geschäft war und sein Regime ein Affront, den keine
Administration zu akzeptieren bereit war, und das alle mit verschiedenen
Mitteln zu stürzen versuchten.
2. Somit kam ein Angriff
mit Bodentruppen nicht aus heiterem Himmel. Er war das Endresultat von
kriegerischen Akten, die mehr oder weniger ununterbrochen seit 1991 auf den
Irak niedergingen. In diesem Sinne war er kein „Bruch“, wie Historiker den
Begriff normalerweise verstehen, sondern eine „Eskalation“ von
Feindseligkeiten, die nach den Standards des Völkerrechts mehr als ein
Jahrzehnt lang kontinuierlich vonstatten gingen. Nur wenn man das Ausmaß der
Gewalt, die gegen den Irak und seine Bevölkerung in den Jahren von Bush Sr. und
Clinton angewandt wurde, bagatellisiert, lässt sich die These von der
plötzlichen Abkehr von früheren Normen aufrechterhalten. Die Zahl der Opfer ist
seit der Invasion höher als vor 2003, aber von derselben Größenordnung:
Hunderttausende Tote. Die Straflosigkeit in der ersten Phase – die nach
klassischen militärischen Begriffen auf eine Ermattungsstrategie hinauslief –
wurde durch die Beseitigung eines sowjetischen Gegengewichts in der Region
gesichert.
Die Straflosigkeit in der zweiten Phase – die zu einer Niederwerfungsstrategie
überging – konnte sich, so glaubte man, auf eine „Revolution in militärischen
Angelegenheiten“ oder das Aufkommen elektronischer Kriegführung mit präziser
Zielerfassung stützen. Clintons müheloser Blitzkrieg gegen Jugoslawien und
Rumsfelds kostenlose Landung in Afghanistan nährten den Glauben, dass diese
„Revolution“ alles bewirken könne. Diese Haltung wurde am deutlichsten von den
republikanischen Falken zum Ausdruck gebracht, aber war nicht auf sie
beschränkt: Es war Albright, die die Frage stellte, welchen Nutzen die
mächtigste Armee der Welt hat, wenn sie nicht benutzt wird.
3. Solche Überlegungen
deuten jedoch bloß an, warum der Irak ein Jahrzehnt lang ein Objekt ständiger
Besorgnis in Washington war und wie ein Angriff auf ihn als ein Projekt ohne
unverhältnismäßiges Risiko konzipiert werden konnte. Sie erklären nicht, warum
die Bush-Administration selbst bei einer Fehleinschätzung einen Krieg lancieren
sollte, der von zwei führenden europäischen Verbündeten und einer bedeutenden Minderheit
der amerikanischen Elite abgelehnt wurde und so sehr mit ihrer grundlegenden
konventionellen Haltung in anderen Teilen der Welt unvereinbar war. Dies kann
nur im psychologischen Licht des 11.September verstanden werden. Der Angriff
auf die Zwillingstürme und das Pentagon ermöglichte die nationale Mobilisierung
für eine Offensive im Nahen Osten, die rasch in eine blitzschnelle Eroberung
Afghanistans umgesetzt wurde – unter nahezu einmütigem einheimischen und
internationalen Beifall. Doch war Kabul erst gefallen – so die allgemeine
Auffassung –, gab es keinen vernünftigen Grund, nach Bagdad zu marschieren,
angesichts des völligen Fehlens einer Verbindung zwischen al-Qaeda und dem
Baath-Regime. So musste der Vorwand von den angeblich vorhandenen Massenvernichtungswaffen
herhalten, um ein irrationales Unternehmen zu rechtfertigen.
4. Historisch ist jedoch
eine zufällige Irrationalität – typischerweise eine grundlose, aber fatale
Entscheidung wie Hitlers Kriegserklärung an die USA 1941 – fast immer das Produkt
einer größeren strukturellen Irrationalität. So war es auch bei der Operation Iraqi Freedom. Einfach ausgedrückt war –
und bleibt – die Realität dies: Der Nahe Osten ist der Teil der Welt, wo das
US-amerikanische politische System, wie es gegenwärtig konstituiert ist, nicht
nach einer rationalen Berechnung des nationalen Interesses handeln kann, weil
diese Region von einem anderen, zusätzlichen Interesse belegt ist. Die gesamte
Stellung der USA in der arabischen – und darüber hinaus muslimischen – Welt ist
durch ihre massive und betonte Unterstützung für Israel beeinträchtigt.
Allgemein in der Region als ein räuberischer Staat betrachtet, der niemals
vierzig Jahre der Straflosigkeit hätte genießen können, ohne massiv mit
amerikanischen Waffen und Geld und mit bedingungslosem amerikanischem Schutz in
der UNO versorgt worden zu sein, ist Israel wegen seiner Enteignung und
Vertreibung der Palästinenser die Zielscheibe des Hasses der Bevölkerungen. In
logischer Konsequenz werden die USA aus demselben Grund gehasst. Al-Qaedas
Angriff auf sie wurzelte in diesem Kontext. Rational betrachtet würde vom
Standpunkt der Macht der USA ein Palästinenserstaat, der mehr wäre als ein
Bantustan, keinerlei Bedrohung darstellen und hätte jederzeit in den
vergangenen fünfzig Jahren geschaffen werden können, wenn bloß der Zufluss von
Dollars, Gewehren und Vetos für Israel gestoppt worden wäre. Der Grund dafür,
warum dies nie geschehen ist, ist vollkommen klar. Er liegt im Griff der ihre
Stärke aus der mächtigen jüdischen Gemeinschaft in den USA ziehenden
Israel-Lobby auf das amerikanische politische und Mediensystem. Nicht nur
verzerrt diese Lobby „normale“ Prozesse politischer Entscheidungsfindung auf
allen Ebenen, wenn der Nahe Osten betroffen ist. Bis vor kurzem konnte sie auf
der Diskussionsbühne des Mainstreams auch nicht einmal nur erwähnt werden: ein
Tabu, das wie alle solche Formen der Repression, eine weitere massive Dosis
Irrationalität in die Herausbildung einer US-Politik in der Region injiziert.
5. Der Ausfall in den
Irak muss in diesem instabilen Kontext gesehen werden. Führende republikanische
Kräfte hatten seit den späten 90er Jahren stärkere Maßnahmen gegen den Irak
verlangt. Aber die neu gewählte Bush-Administration hatte auch die Willkür bei
Clintons Interventionen im Ausland kritisiert, kaum Interesse an
Menschenrechtsdoktrinen gezeigt und in ihren ersten Monaten wenige oder keine
bedeutende außenpolitische Initiativen ergriffen. Was sie so plötzlich in ein
hochgradig aktives Regime verwandelte waren die Angriffe des 11.September. Sie
erlaubten ihr, einen Krieg zum Sturz Saddam Husseins, der andernfalls den
amerikanischen Wählern nur schwer zu verkaufen gewesen wäre, mit nahezu
einstimmiger Unterstützung durch den Kongress zu führen. Aber der 11.September
fiel nicht aus heiterem Himmel, ebenso wenig wie die ihm folgende Invasion des
Irak.
Damit erntet die strukturelle Irrationalität von Amerikas Rolle im Nahen Osten
was sie gesät hat. Die jahrzehntelange Unterstützung für den israelischen
Expansionismus entsprach nie einem logischen Interesse des amerikanischen
Kapitals im Allgemeinen, sondern einfach der gefährlichen Macht der
Israel-Lobby – zu der sich zuletzt noch der christliche Fundamentalismus
gesellt – über die Politik Washingtons in der Region. Bislang hatten die USA im
eigenen Land niemals einen Preis für die Förderung Israels zu zahlen. Am
11.September zahlten sie schließlich einen. Dies war nicht das einzige Motiv
für al-Qaedas Attacke, aber eines, ohne das man sich schwer vorstellen kann,
dass es geschehen wäre: Bin Ladens erste öffentliche Äußerung, sieben Jahre
zuvor, nahm mehr Bezug auf das Schicksal Palästinas als auf jede andere Frage,
einschließlich der Präsenz von US-Truppen in Saudi-Arabien selbst.
Als der Anschlag geschehen war, löste er unter der Bevölkerung den Wunsch nach
Rache aus, der die allem zugrunde liegende Irrationalität nur noch verschärfen
konnte – Leidenschaften, die von der Administration im Sog des
augenscheinlichen Triumphs in Afghanistan leicht gegen den Iran kanalisiert wurden.
6. Das israelische
Establishment und sein Arm innerhalb der USA drangen natürlich auf eine
Invasion des Irak, eines langjährigen Feindes, der während des Golfkriegs
versuchte hatte, Israel zu bombardieren. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass
dies mehr war als ein zusätzlicher Faktor beim Angriff auf Bagdad (wenn jedoch
Israel gegen den Krieg gewesen wäre, können wir ziemlich sicher sein, dass er
nicht stattgefunden hätte). Ein derartiger direkter Kausalzusammenhang war
nicht erforderlich. Es ist vielmehr so, dass im Nahen Osten jede normale
Wahrnehmung von Zwecken und Mitteln bereits so durch die Diskrepanz zwischen
den vorgeblichen und tatsächlichen Determinanten der amerikanischen
Außenpolitik gestört wurde, dass mit einem willkürlichen Abenteuer stets zu
rechnen war. Solange Washington mit Tel Aviv verbunden bleibt, gibt es
buchstäblich keine Möglichkeit, dass die gewöhnlichen Regeln für eine rationale
Ausübung der Macht der USA gelten. In diesem Fall war das Überleben des
Baath-Regimes – aus Gründen, die unabhängig von Israel sind – ein ständiger
Affront für das amerikanische Establishment insgesamt, und die
Hightech-Hardware war zu Hand, um es zu beseitigen. Unter diesen Bedingungen
lautete der dem Unternehmen zugrunde liegende Geist: Warum nicht? In der
Atmosphäre nach dem 11.September war der Angriff auf den Irak eine Sache beider
Parteien, die im Voraus vom Kongress gebilligt wurde, anders als der erste
Golfkrieg, der den Kongress in zwei Hälften spaltete.
7. Eine weitere
Konsequenz des israelischen Griffs auf die amerikanische Politik im Nahen Osten
besteht darin, dass er eine Barriere zwischen den politischen
Entscheidungsträgern in Washington und den Bevölkerungen in der Region
errichtet, indem er die arabischen Massen aus der Reichweite normaler
Projektionen amerikanischer kultureller Macht fernhält. Keines der Länder in
der Region ist eine liberale Demokratie – das am leichtesten zu durchschauende
politische System und gewöhnlich auch die verlässlichste Unterstützung für
Washington. Dennoch waren nur wenige Regime gehorsamer gegenüber den USA als
die verschiedenen Stammesmonarchien der Region oder die ägyptische Diktatur.
Doch all diese Staaten sehen sich vor dem Problem, wie sie ihre Loyalität zu
Amerika mit den Ungeheuerlichkeiten des israelischen Verhaltens in Einklang
bringen, das von den USA finanziert, bewaffnet und protegiert wird.
Typischerweise versuchen sie sich vor dem Volkszorn zu schützen, indem sie den
staatlich kontrollierten Medien erlauben, eine Flut von Schmähungen gegen die USA
auszuschütten, wodurch sie eine Atmosphäre schaffen, die es den amerikanischen
kulturellen und ideologischen Agenturen erschwert, frei zu operieren, oder den
amerikanischen Geheimdiensten, eine genaue Vorstellung davon zu bekommen, was
sich unter der Oberfläche dieser Gesellschaften abspielt. Daher rührte der
Schock in Washington, als sich herausstellte, dass die Mehrheit der Angreifer
des 11.September Saudis waren. Ohne ihre normale Dosis an „weicher“ Macht in
der Region sind die USA in der Versuchung, blindlings oder impulsiv Zuflucht zu
„harter“ Macht zu nehmen, wenn sie wie in Bagdad auf Opposition stoßen – in der
Hoffnung, Gesellschaften aufzubrechen, die sich bislang dem verschließen, was
der Westen zu bieten hat. Dies war eine weitere Zutat in der Mischung von
Ambitionen, die in die Invasion des Irak einging.
8. Schließlich trennen
natürlich nicht nur das Erdöl und Israel, sondern auch die Religion den Nahen
Osten und seine Flanken von der stabilisierten Ökumene der amerikanischen
Hegemonie anderswo. Nicht dass der Islam, selbst in seiner rigorosesten Form,
sich als unvereinbar erwiesen hätte mit völliger Unterwerfung unter die USA auf
Regimeebene, wie ja die Geschichte des saudischen Königshauses beweist. Aber
auf sozialer und kultureller Ebene ist er die stärkste aller Barrieren gegen
den ideologischen Sieg des amerikanischen Weges geblieben. Als ein Glaube
bewahrt der Islam einen pointierten politischen Anspruch, denn angesichts der
langen Geschichte der Feindseligkeiten zwischen dem Christentum und der Umma
wäre es überraschend, wenn bedeutende Spuren solcher Konflikte, die von der
modernen Erfahrung der britisch-französischen Kolonialherrschaft deutlich
verstärkt werden, nicht in der Erinnerung der Bevölkerungen vorhanden wären.
Seit den 70er Jahren hat das Scheitern des arabischen Nationalismus diese
wiederbelebt, wobei antiimperialistische Gefühle vom religiösen Eifer einer
neuen Intensität ersetzt werden, der „Kreuzfahrer und Juden“ – Amerikaner und
Israelis – gleichermaßen zur Zielscheibe hat. Da die muslimische Welt bislang
nur eine sehr schwache Tradition entwickelt hat, die ursprünglichen Schriften
als metaphorisch gemeinte oder für Aktualisierungen geeignete zu betrachten –
woran sich Christen und Juden schon lange gewöhnt haben –, hat die wörtliche
Auslegung des Koran eine weit größere moralische Kraft als die der Bibel oder
der Tora. Da Mohammed klar den Jihad gegen Ungläubige an Heiligen Orten
vorschreibt, steht der spätere Salafismus – trotz aller Anstrengungen
westlicher oder prowestlicher Kommentatoren die Worte des Propheten zu
beschönigen – sicher auf dem Boden der Schrift, so lästig dies auch zweifellos
für die moderate Mehrheit der Muslime ist. Das Resultat ist eine rasche,
wenngleich nicht unerschöpfliche, Zufuhr junger, fanatischer Kämpfer gegen den
„globalen Unglauben“, die den Zusammenprall der Zivilisationen im Nahen Osten
haben Realität werden lassen, bei dem es faktisch keinen Kontakt zwischen ihrer
Weltsicht und der der westlichen Eindringlinge gibt.
9. Die Eskalation zu einer
Invasion des Irak wurde somit in einer Region lanciert, die für die normale
Berechnung amerikanischer Planer undurchdringlich ist, mit den unvermeidlichen
Risiken einer Fehlkalkulation. Aber sie ist nicht als plötzlicher Einfall in
Washington entstanden. Sie war das Produkt eines schon lange vorhandenen und
verzerrten imperialen Kräftefelds im Nahen Osten, dessen Irrationalität für den
US-Kapitalismus schließlich am 11.September gegen ihn ausschlug und dabei eine
weitere Drehung in der Spirale der Irrationalität auslöste, da die Ursachen des
11.September im amerikanischen politischen System nicht öffentlich
angesprochen, geschweige denn offen gelegt werden konnten. Das Pentagon hatte
nicht Unrecht mit der Auffassung, dass die Eroberung Bagdads und der Sturz des
Regimes nur eine Sache von Tagen war, mit einem Minimum an amerikanischen
Gefallenen. Was es nicht erwartet hatte – und da lagen die meisten
Kriegsgegner, die die soziale Basis des Baath-Regimes unterschätzt hatten,
ebenso falsch (ich gehörte selbst dazu) – war das Ausmaß und die
Geschwindigkeit, mit der danach ein effektiver maquis entstand.
Nur wenig mehr als zwei Monate nach dem Fall Bagdads hatte sich eine
nationalistische Guerilla, die von Überlebenden des Offizierskorps des
Baath-Regimes geführt wurde, mit vom Salafismus inspirierten religiösen
Eiferern verbunden, um einen Widerstand gegen die Invasoren zu organisieren,
der sich seit über vier Jahren verheerend auf die Moral der Besatzungsarmeen
und die Reihen ihrer Kollaborateure auswirkt. Der Irak ist heute die zentrale
Bühne der Welt, wo gegen die amerikanische Macht mit der Waffe in der Hand
Widerstand geleistet wird, womit in den USA dem Krieg die einheimische
Unterstützung entzogen wird.
10. Auch wenn Washington
gegenwärtig, nach Ansicht eines großen Teils des eigenen Establishments, im
Irak in einem Morast gefangen ist, so scheint ein katastrophaler Absturz der
US-Positionen im Nahen Osten noch unwahrscheinlich – zum Teil weil die
Besatzung die sunnitischen und schiitischen Gemeinschaften heftiger denn je
gespalten hat und es deswegen wahrscheinlicher macht, dass ein Bürgerkrieg und
nicht ein patriotischer Sieg den fremden Feldzug beenden, und jede
übergreifende Auswirkung der Vertreibung der Invasoren neutralisieren wird.
Darüber hinaus bietet der Aufstand, wie heftig der Kampf auch ist, keine
soziale oder politische Alternative dazu, wie die Welt heute weitgehend regiert
wird. Keine der anderen Bastionen der amerikanischen Macht ist in der Region
durch den Konflikt beeinträchtigt worden. Alle verbündeten Regime sind so loyal
wie zuvor: auf der einen Seite der lange Flügel von Staaten von Marokko bis
Ägypten; auf der anderen die gesamte arabische Halbinsel; sowie Pakistan als
der große Anker des amerikanischen Systems im Osten. Solange diese Pfeiler
intakt bleiben, kann einem chaotischen und gespaltenen Irak – beaufsichtigt von
einem Netz gegenwärtig errichteter Militärbasen – überlassen werden, sich
selbst aufzuzehren, das Fließen der Ölquellen vorausgesetzt.
Jeder radikale Wandel in Pakistan würde das Kräfteverhältnis in der gesamten
Region selbstverständlich ändern, nicht zuletzt in Afghanistan, wo die dortige
Guerilla nach späterem Start als im Irak an Schwung gewonnen hat. Doch die
langjährige Einheit der pakistanischen Armee, ihr Griff über das Land, das
gegenüber internen Rissen und Kämpfen einer nominell zivilen Herrschaft immun
ist, lassen eine unangenehme Überraschung unwahrscheinlich erscheinen.
11. Der Iran bleibt
scheinbar ein Joker im regionalen Spiel. Als Verbündeter der USA beim Sturz der
Taliban und des Baath-Regimes bot sein klerikales Regime Washington, als
Amerika die Kontrolle im Irak übernahm, eine umfassende Beilegung der
wichtigsten Streitfragen zwischen ihnen an. Die mächtigen Kräfte in Teheran,
die nach einer Verständigung mit dem Großen Satan streben – millionenschwere
Mullahs, Basarhändler, westlich orientierte Personen der Mittelschicht – haben
ihre Hoffnungen nicht aufgegeben und machen weiter Druck für das heimische
Pendant eines Nixon-Besuchs. Doch seit 2003 haben sich die Bedingungen
geändert, wenn auch keineswegs völlig. Eine Massenrevolte gegen die materiell
saturierteren Klassen hat einen weniger entgegenkommenden Präsidenten gewählt,
der sich darauf verlegt, der langjährigen Rhetorik des Regimes zu Hause wie im
Ausland mehr Substanz zu verleihen. Fortschritte auf dem Weg zum
nationalistischen Ziel eines nuklearen Komplexes wurden erzielt, die die
verschiedenen prowestlichen Milieus schwerlich ableugnen können. Keine dieser
Entwicklungen stellt für die USA eine echte Bedrohung dar. Aber hier ist der
israelische Druck auf die amerikanische Politik in der Region intensiver
gewesen als beim Irak – Tel Aviv besteht darauf, dass der Iran sein
Nuklearprogramm einstellt. Im Augenblick legen die USA mit voller Unterstützung
ihrer europäischen Verbündeten eine Phase zurück, die der ersten Phase ihres
Angriffs auf den Irak – Ermattung statt Niederwerfung – entspricht, in der
Hoffnung, Teheran durch Sanktionen zur Vernunft zu bringen. Dies scheiterte im
Irak, aber im Iran kann dies auf das Vorhandensein wohlwollender Empfänger
zählen, die nicht weniger als die USA darauf aus sind, den Präsidenten zu
beseitigen und den Obersten Führer zu zähmen.
12. Der israelische Alp
wird bestehen bleiben. Kurzfristig kann Washington hoffen, dass die israelische
Armee die Hezbollah ausreichend geschwächt haben wird, um unbegrenzt türkische
oder französische Truppen im Südlibanon als Grenzwächter für Israel zu
installieren, und Hamas soweit geschlagen wurde, dass Abbas freie Hand hat, um eine
abschließende Unterwerfung zu unterzeichnen – für einen Ministaat hinter
Gefängnismauern. Hier könnten sich die USA auf Europa stützen. Denn Europa –
beim Irak auf Regimeebene gespalten, auf Massenebene der Invasion weitgehend
ablehnend gegenüberstehend – ist stets in grundlegender Solidarität mit Israel
vereint gewesen: nicht wie in den USA aufgrund der Macht der lokalen jüdischen
Gemeinschaft, sondern aus einem Gefühl der Schuld am Völkermord an den Juden.
Während die EU eher bereit ist, die gelegentlichen Exzesse der israelischen
Armee in Worten zu beklagen, ist sie in Taten fast immer der Führung der USA
gefolgt – so bei der Einstellung der Hilfe für die palästinensische
Bevölkerung, um sie für die Wahl der Hamas zu bestrafen, oder beim Einverständnis
für die erneute israelische Invasion des Libanon. Zusammen hätten Europa und
Amerika keine Schwierigkeit, die Zustimmung der „internationalen Gemeinschaft“
für jede Lösung, die Tel Aviv für die Behandlung der Palästinenser vorsieht, zu
sichern. Unter den anderen Mächten – China, Russland, Japan, Indien, Brasilien
– besteht wenig Interesse am Nahen Osten, vorausgesetzt die Ölmärkte werden
nicht gestört. Ob natürlich ein solches Resultat den Zorn der arabischen Massen
langfristig besänftigen kann, ist eine andere Frage.
III.
Oppositionen
Wenn dies die bizonale
Karte der gegenwärtigen Macht ist, was und wo sind die Kräfte der Opposition
dagegen – falls es überhaupt welche gibt? Eine solche Opposition kann
notwendigerweise nichts anderes als „antiamerikanisch“ sein: d.h.
antagonistisch gegenüber der Rolle der USA als Welthegemon. Doch kann dies
nicht ausreichen, um eine Ablehnung jenes Systems zu definieren, welches die
USA gleichzeitig locker kontrollieren und streng verteidigen. Jedes
aufstrebende Machtzentrum könnte die erste Haltung einnehmen, abwartend, ohne
die geringste Neigung zur zweiten. Nur ihre Kombination zeugt von einem
wirklichen, potenziellen oder aktuellen Widerstand. Wenn wir diese zweifache
Ablehnung zum Kriterium machen, was bietet dann die aktuelle Szene? Die
offensichtlichsten in Betracht zu ziehenden Regionen sind Europa und
Lateinamerika: erstere als die Heimat der modernen Arbeiterbewegung
(Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Italien, Skandinavien und anderswo),
letztere als der einzige Kontinent mit einer kontinuierlichen Geschichte
radikaler Erhebungen während des gesamten 20.Jahrhunderts, von der
mexikanischen Revolution vor dem Ersten und der kubanischen nach dem Zweiten
Weltkrieg bis zu den heutigen venezuelanischen und bolivianischen Erfahrungen
nach dem Ende des Kalten Krieges.
1. Nicht zufällig sind
es diese beiden Regionen, die zur Entstehung des Weltsozialforums (WSF)
beitrugen, der bislang einzigen internationalen Oppositionsbewegung gegen den
globalen Status quo. Nach einem beeindruckend breiten und schnellen Beginn
scheint dem WSF nun selbst der Atem ausgegangen zu sein. Ohne etwas mit der
Organisation und Disziplin der Komintern Vergleichbares aufzuweisen, die die
Ressourcen (und die Korrumpierung) eines größeren Staates hinter sich hatte,
hat sich für das WSF die Aufgabe, eine rudimentäre Anhäufung von
Protestbewegungen in sechs Kontinenten zu stärken, als natürlicherweise extrem
schwierig erwiesen. Weniger voraussehbar war, dass ihm die große Welle von
Demonstrationen gegen die drohende Invasion des Irak keinen zweiten Atem
verlieh, zum Teil infolge der Seichtheit eines großen Teils dieser
Gegnerschaft, die keine oder nur eine geringe Fortsetzung nach dem Beginn der
Besetzung fand, aber auch aufgrund des eigenen Zauderns des WSF, ihre
ursprüngliche NGO-Kultur in einen robusteren Antiimperialismus zu verwandeln.
Angesichts dieser Beschränkungen und mangels einer Erschütterung des gesamten
Systems war vielleicht auch nicht zu erwarten, dass es lange florierte. Aber es
ist nicht wahrscheinlich, dass sein Vermächtnis einfach verschwindet.
2. Dass dies so ist,
zeigt sich in Frankreich, seinem Ursprungsland, wo drei größere soziale
Ausbrüche innerhalb eines Jahres die Gesellschaft erschütterten: die breite
Kampagne, die die EU-Verfassung blockierte, der Jugendaufruhr in den Vorstädten
und die Massenmobilisierung, die den Ersteinstellungsvertrag (CPE) stoppte –
jede der drei Bewegungen eine beträchtliche Demonstration kollektiven
Protestes, wobei die erstgenannte direkt von Attac, dem Architekten des WSF,
aufgebaut wurde. Kein anderes Land in Europa ist diesem Grad an Widerstand nahe
gekommen. Doch aus diesen Erhebungen hat sich keine dauerhafte Bewegung
herauskristallisiert. Die französischen Wähler machten Sarkozy zum Präsidenten,
mit mehr Macht als jeder andere Herrscher seit De Gaulle und mit einem Mandat,
um Frankreich noch drastischer auf neoliberale Weise umzuformen. Auch das
andere europäische Land mit den stärksten radikalen Traditionen seit 1945
bietet wenig Trost. Prodis Koalition hat, nachdem sie Berlusconi äußerst knapp
besiegt hatte, zu einer weiteren Schwächung der italienischen Linken geführt,
als Rifondazione – die selbsternannte Erneuerin des Kommunismus – für
Steuerkürzungen und Truppen nach Afghanistan und in den Libanon stimmte. Die
letzte Mutation dessen, was einst die Partei Gramscis war, streicht nun sogar
das Wort Sozialismus. In Deutschland hat der gewerkschaftliche Unmut über die
Sozialkürzungen der Schröder-Regierung zu einer gemäßigten Abspaltung von der SPD
und zu einer Fusion mit der PDS in einer Linkspartei geführt, die bei Wahlen
relativ gut abgeschnitten hat, aber auf nationaler Ebene weiter von allen
anderen Parteien boykottiert wird. Trotz zahlreicher Anzeichen für soziale
Unzufriedenheit in ganz Westeuropa und eines Wiederaufschwungs bedeutender
Streiks in Frankreich und Deutschland und von Demonstrationen in Italien bewegt
sich die Agenda der politischen Eliten überall in dieselbe Richtung, wenn auch
in unterschiedlichem Tempo: zunehmende Flexibilität – nicht nur Sarkozy, auch
Royal war für die Abschaffung der 35-Stunden-Woche in Frankreich; weitere
Aushöhlungen des Sozialstaats – Merkel hat in Deutschland das Gesundheitssystem
im Visier; mehr Privatisierungen – Prodi hat es in Italien auf die kommunalen
öffentlichen Dienste abgesehen. Und in Brüssel wird die EU, an deren Spitze
einer der Initiatoren des Irakkriegs steht, von der neoliberalsten Kommission
ihrer Geschichte gelenkt.
3. In Lateinamerika ist
die Szene auf dramatische Weise weitaus vielfältiger. In gewisser Weise könnte
Lulas Regime in Brasilien als die weltweit größte Einzelenttäuschung für die
Linke betrachtet werden. Die PT war die letzte im 20.Jahrhundert entstandene
Arbeitermassenpartei – tatsächlich die einzig wirklich neue seit dem Ende des
Zweiten Weltkriegs. In ihrem Ursprung war sie eine kämpferische und radikale,
keineswegs sozialdemokratische Kraft, die aus landesweiten Kämpfen mit
Massenbasis gegen eine Militärdiktatur hervorgegangen ist. Nachdem sie nach
acht Jahren einer von ihr angeprangerten neoliberalen Regierung im größten Land
des Kontinents an die Macht kam, ist die Partei dabei gescheitert, mit der
neoliberalen Orthodoxie zu brechen, wodurch Banken und Finanzinstitutionen zu
den größten Nutznießern ihrer Herrschaft wurden. Keine Börse in der Welt hat
derart astronomische Gewinne zu verzeichnen wie die Börse in São Paulo, die in
fünf Jahren um 900% nach oben schnellte. Andererseits war das Regime keine
bloße Wiederholung seines Vorgängers, da es einiges von dem, was von den
höheren Warenpreisen auf dem Weltmarkt abgefallen ist, an die ärmsten Familien
verteilt und so das Ausmaß an extremer Armut in Brasiliens noch immer
außerordentlich ungleicher Gesellschaft reduziert hat. Solche Verbesserungen
haben die Armut gelindert, aber nicht die Armen aktiviert. Sie repräsentieren
das vielleicht schlagendste aktuelle Beispiel einer südlichen Variante des im
Norden in den 90er Jahren dominanten Musters – eines eher „kompensatorischen“
denn „disziplinierenden“ Neoliberalismus: die Linie von Clinton und Blair, nach
der von Thatcher oder Reagan
– wie auch der Differenzen, die der kontinentale Kontext bewirkt. So wie Perón
eine weit umfassendere Umverteilung des Einkommens zugunsten der Arbeitenden
erreicht hatte als jede sozialdemokratische Regierung im Nachkriegseuropa, hat
Lula über tropische Kompensationen größeren Ausmaßes verfügt als jede Version
des Dritten Weges in den Metropolen.
4. Im südlichen Teil des
Kontinents gibt es Regierungen ähnlichen Charakters: die Regierungen Chiles und
Uruguays sind zaghafter als die brasilianische; die argentinische ist kühner,
wenngleich mit einem engeren Spielraum für ökonomische Manöver. In allen
Staaten bieten höhere Rohstoffpreise einen günstigen Rahmen für gemäßigte
Sozialreformen. Weiter im Norden ist die Szene weitaus stärker polarisiert. In
Venezuela hat Chávez’ Präsidentschaft, die auf einer beträchtlichen Abfolge von
Massenmobilisierungen zur Unterstützung eines radikalen Umverteilungs- und
antiimperialistischen Regimes basiert, der Linken in Lateinamerika und darüber
hinaus ein Leuchtfeuer geboten und wiederholt Versuchen widerstanden, sie zu
stürzen, bevor sie ihren plebiszitären Stil überdehnt hat. Die Bedingungen
ihres Erfolges lagen jedoch im Ölmarkt: zuerst der Zusammenbruch der Preise
unter der vorausgegangenen Oligarchie, der Chávez an die Macht brachte, dann
ihre Erholung im neuen Jahrhundert, die ihn an der Macht gehalten hat. Auch in
Bolivien ist eine wirklich radikale Regierung in einer Gesellschaft, die das
ursprüngliche Testfeld für die Schocktherapie darstellte, aus deren Scheitern
und den letztlich dadurch ausgelösten Massenmobilisierungen und dem Erwachen
der indigenen Bevölkerung hervorgegangen. Ein ähnlicher Prozess findet in
Ecuador statt. Kuba wiederum, zum ersten Mal seit den 60er Jahren der Isolation
entkommen, hat diese Erhebungen in den Anden gestützt und wurde von ihnen
gestützt. Doch jede weitere Ansteckung wurde jüngst, mit der knappen Niederlage
Humalas in Peru, der zweiten Amtszeit von Uribe in Kolumbien und der Festigung
von Calderóns Präsidentschaft in Mexiko gestoppt. In politischer Hinsicht
bleibt Lateinamerika der veränderlichste und hoffnungsvollste Kontinent. Aber
im Moment scheint es, wenngleich es keine Schließung des politischen Horizonts
wie in Europa gibt, als ob nur außerordentliche Umstände – ein großer
Ölreichtum, eine Konzentration indigener Bevölkerungen – die geordneten
lateinamerikanischen Varianten dessen, was als politische Respektabilität gilt,
durchbrechen können.
5. Was ist mit dem Rest
der Welt? In den USA sind nun, in Umkehrung des Nachkriegsmusters, ideologische
Spannungen und Parteienstreit intensiver als in Europa. Dies hat zum größten
Teil zu tun mit Amerikas schizophrenem Wertesystem – einer Kultur, die die
ungezügelte Kommerzialisierung mit der devotesten Heiligsprechung des Lebens
kombiniert: „liberal“ und „konservativ“ in gleichen Extremen – das für die
Gegnerschaft zum Kapital kaum relevant ist. Der Krieg im Irak hat zu Unruhe bei
Teilen der Basis der Demokraten geführt, die fähig war, Sand ins Getriebe einer
ansonsten glatt verlaufenden Restauration à la Clinton zu werfen und sie etwas
mehr in Richtung auf eine Alibipolitik zu lenken. In der sich mit diesem Milieu
überschneidenden kleinen amerikanischen Linken hat die Bush-Präsidentschaft
zweideutige Wirkungen gehabt: einerseits wurde sie politisch elektrisiert,
andererseits wurden ihre endemisch schwachen Abwehrmechanismen gegen ein Fallen
in die Arme der Demokraten geschwächt, deren Kandidaten ihre Abneigung gegen
einen Rückzug aus dem Irak und ihre Bereitschaft zu einem Angriff auf den Iran
deutlich gemacht haben. Aber sollte sich die Krise der Kredit- und
Immobilienmärkte vertiefen, würde die bereits vernehmbare Unzufriedenheit mit
der sich seit zwanzig Jahren verbreiternden sozialen Ungleichheit zweifellos
ihre Optionen im Ausland beschneiden und sie zwingen, Maßnahmen für die
Behebung von innenpolitischen Missständen durchzuführen.
6. In Russland scheint
es, dass gegenüber dem derzeitigen Regime so schnell keinerlei Opposition möglich
ist. Die neuen Wahlgesetze zielen darauf ab, die Rumpfliberalen und
-kommunisten gleichermaßen zu neutralisieren. Unter Jelzin brachte die
katastrophale Verelendung weiter Teile der Gesellschaft keinen
gesellschaftlichen Protest hervor. Heute, unter Putin, gibt es eine bedeutende
allgemeine Verbesserung des Lebensstandards, die zu einer verbreiteten
Zustimmung zu seinem Regime führte, auch wenn immer noch große Teile in Armut
leben. Der einzige offensichtliche Gefahrenpunkt für das Regime bleibt Tschetschenien,
wo der Aufstand dezimiert wurde. Doch die Herrschaft abtrünniger Clans ist ein
Mechanismus, der in ihren Händen explodieren könnte. Nationale Identität ist
nicht leicht auszurotten. Was Japan betrifft, wo die LDP noch schwach im Sattel
sitzt, so sind die beiden größten Parteien noch weniger unterscheidbar als in
den USA: Die SP ist tot und die KP vegetiert in einem Ghetto. Es gibt kein
fortgeschrittenes kapitalistisches Land, wo das politische System so
versteinert ist.
7. Indien ist das gerade
Gegenteil: ständiger Regierungswechsel, wahlpolitische Instabilität,
Massenproteste, Streiks großen Ausmaßes, ländliche Unruhen (nicht zu reden von
religiösen Pogromen). Gegenwärtig hängt die Herrschaft der Kongresspartei in
Delhi von der Duldung durch die Kommunistischen Parteien im Parlament ab,
wodurch der Spielraum für neoliberale Manöver im Zentrum eingeschränkt wird. In
Westbengalen ist die CPI(M) zum sechsten Mal in Folge wiedergewählt worden,
eine beeindruckende Bilanz für jede Partei in jedem Teil der Welt. Aber nachdem
sie auf dem Lande eine Landreform durchgeführt hat, wie es sie in anderen
Regionen Indiens nicht gibt, orientiert sich die CPI(M) unter ihrem neuen
Führer auf eine unternehmerfreundliche Richtung, wobei sie Steuergesetze ändert
und gegen Bauern und Gewerkschaften massiv vorgeht, um ausländische
Investitionen anzuziehen – wenngleich sie noch einen langen Weg zurückzulegen
hat im Vergleich zu jener anderen bedeutenden Kommunistischen Partei in einer
kapitalistischen Gesellschaft, der südafrikanischen SACP, die den Kalten Krieg
überlebt und sich innerhalb eines ANC behaglich niedergelassen hat, der ein
tragisches afrikanisches Pendant zu Brasilien bietet. Die große und lebendige
indische Intelligenz bewahrt einen beträchtlichen marxistischen Flügel und ist
keineswegs nur der offiziellen Linken untergeordnet. Und von Nepal, wo ein
maoistischer Aufstand eine feudale Monarchie gestürzt hat, nach Süden reicht
ein Gebiet, wo naxalitische Guerillas auf dem Land die Kontrolle ausüben.
Indien ist so groß, dass diese Ausdrucksformen von Widerstand innerhalb eines
noch stabilen und zunehmend neoliberalen Landes koexistieren. Aber es ist ein
weit offeneres politisches Terrain als irgendwo sonst in der Welt außerhalb
Lateinamerikas.
8. Was jede kollektive
Aktion betrifft, bleibt China ein rücksichtslos repressives Regime, in dem
ländliche Proteste – gegen Landenteignungen, kriminelle Funktionäre,
Umweltzerstörung – jedes Jahr zu Tausenden unterdrückt werden, wobei Todesfälle
zunehmen. Durch das Ausmaß der ländlichen Unruhen alarmiert, haben die
Herrschenden der Bauernschaft steuerliche Zugeständnisse gemacht, während sie
die Repressionskräfte gestärkt haben. Von isolierten Kohleförderstädten
abgesehen, sind die Städte bislang ruhiger geblieben als die Dörfer. Dort
werden Arbeitskonflikte, wenn sie nicht direkt von Funktionären und Managern
unterdrückt werden, typischerweise in die juristische Auseinandersetzung
abgelenkt. Während sie sich auf ein rasend schnelles Wachstum und Appelle an
den Nationalstolz stützt, wird der Regierung Misstrauen entgegengebracht und
ihr eine passive Legitimität zugestanden. Ein großer Teil der Intelligenz, die
traditionell ein Machtfaktor in der chinesischen Gesellschaft ist, ist
unzufrieden – entweder als liberale Kritiker des Fehlens politischer Freiheit
oder als soziale Kritiker des Sprungs zu einem extrem polarisierten
Wirtschaftssystem. Das Auftauchen einer chinesischen Neuen Linken, eine der
hoffnungsvollsten Entwicklungen der ersten Jahre unseres Jahrhunderts, steht nun
unter strenger Beobachtung des Regimes.
9. Insgesamt haben diese
Jahre einige spektakuläre Demonstrationen des Bevölkerungswillens gesehen: das
WSF 2001–2002, Venezuela 2002–2003, Bolivien 2004, Frankreich 2005, und einen
Flickenteppich von Widerständen anderswo. Aber der allgemeine Zug der Periode
war ein weiterer Ruck nach rechts, mit einer zunehmenden Festigung eines
Konzerts der Großmächte, der weiteren Lähmung der arabischen Straße, der
zunehmenden Akzeptanz der Gebote der Finanzmärkte als Bedingung für die soziale
Existenz, von Europa bis Ostasien, von Lateinamerika bis Südafrika, von
Australien bis ins entfernteste Mikronesien. Mittlerweile typischerweise
ausgeschmückt mit „sozialen“ Rücksichtnahmen der einen oder anderen Art – sogar
die Republikaner haben einer Erhöhung des Mindestlohns zugestimmt; Putin hat
die Renten erhöht – bilden neoliberale Doktrinen nahezu überall die
grundlegende Grammatik der Regierung. Die Überzeugung, dass es zu ihnen keine
Alternative gibt, ist tief im Bewusstsein der Bevölkerungen verwurzelt. Im
Höchstfall, wie in Frankreich, werden Amtsinhaber, die sie umsetzen, regelmäßig
von den Wählern zurückgewiesen, nur um neue Herrscher zu installieren, die mit
gleicher Regelmäßigkeit weitermachen wie zuvor. In diesem ruhig gestellten
Universum läuft der Ruf „Eine andere Welt ist möglich“ Gefahr, zunehmend
verzweifelt zu klingen. Abgesehen von normativen Abstraktionen (wie Roemers
Gutschein-Sozialismus) oder lokalen Betäubungen (wie die Tobinsteuer oder die
Jubilee-Bewegung): welche strategischen Alternativen sind gegenwärtig im
Angebot? Die plausibelsten Kandidaten sind Vorschläge wie Robin Blackburns
Global Pension oder Philippe Schmitters Eurostipendium
die darauf abzielen, die Sorgen des Establishments – Rentenkrisen, die EU-Agrarpolitik
– in eine unerwartet radikale und weitreichende Richtung zu wenden. Aber solche
findigen Projekte sind selten. Welche anderen lassen sich ausmachen? In mehr
stratosphärischer Weise bietet Roberto Ungers Experimentalismus eine Reihe von
Wegen, die subjektive Selbstermächtigung zu erhöhen
deren ausdrückliche Prämisse das Fehlen jeder Voraussetzung – und die
abnehmende Wahrscheinlichkeit – objektiver Systemkrisen ist, wie sie in der
Vergangenheit zu radikalen oder revolutionären Bewegungen geführt haben.
10. Es ist die –
ökonomische, soziale und ökologische – Gültigkeit dieser Annahme, die aller
Voraussicht nach den Schlüssel zur Zukunft bildet. Leser von The Economics of Global Turbulence, Planet of Slums oder The Monster at Our Door
werden von ihr nicht so leicht zu überzeugen sein. Denn die letztendliche
Verwundbarkeit des Systems liegt in den drei Bereichen, die Polanyi vor sechzig
Jahren dargelegt hat: Arbeit, Natur, Geld. Diese, so Polanyi, bildeten ein Trio
aus vom Kapital geschaffenen „fiktiven Waren“, da keine von ihnen für den
Verkauf produziert wurde, wenngleich sie auf dem Markt getauscht wurden.
„Arbeit ist nur ein anderer Name für eine menschliche Aktivität, die mit dem
Leben selbst einhergeht und nicht für den Verkauf produziert wird, sondern aus
vollständig anderen Gründen; Land ist nur ein anderer Name für die Natur, die
nicht vom Menschen produziert wird; das aktuelle Geld ist nur ein Zeichen für
die Kaufkraft, die in der Regel überhaupt nicht produziert wird, sondern durch
den Mechanismus des Bankwesens oder der Staatsfinanzen entsteht.“ Aber als
diese Fiktionen erst einmal vollständig Wurzel fassten, waren sie fähig, jede
vernünftige soziale Existenz zu zerstören. Jeder schützenden Hülle entkleidet
und auf nackte Waren reduziert, „gingen die Menschen an den Auswirkungen der
sozialen Preisgabe zugrunde, starben als Opfer akuter sozialer Entwurzelung“;
„die Natur wurde auf ihre Elemente reduziert, Nachbarschaften und Landschaften
entweiht, Flüsse verschmutzt, die militärische Sicherheit gefährdet, die
Fähigkeit zur Produktion von Nahrungsmitteln und Rohstoffen zerstört.“
Polanyi, der glaubte,
dass „keine Gesellschaft die Auswirkungen eines solchen Systems auch nur in der
kürzesten Zeitspanne aushalten kann, wenn ihre humane und natürliche Substanz
und ihre Wirtschaftsorganisation nicht gegen die Verheerungen dieser
satanischen Mühle geschützt werden“, strebte nach einer Erneuerung der
ursprünglichen Reformimpulse, die seiner Meinung nach diese Verheerungen im
19.Jahrhundert gezügelt hätten. Die „große Transformation“ seit den 80er Jahren
hat in die gegenteilige Richtung gewirkt. Was ist mit ihren dominierenden
Fiktionen? Die der Verfügungsmacht des Kapitals unterworfene Arbeit hat sich in
beispielloser Rate vervielfacht. 1980 zählte die globale Arbeitskraft in den
kapitalistischen Ökonomien knapp eine Milliarde, mit einer Zunahme auf etwas
weniger als anderthalb Milliarden im Jahr 2000. Mit diesem Datum hatten jedoch
China, die ehemalige Sowjetunion und Indien zu der gesamten Anzahl der vom
Kapital beschäftigten Arbeitskräfte etwas mehr als dieselbe Anzahl hinzugefügt.
Diese Verdoppelung der Weltarbeiterklasse auf drei Milliarden im Zeitraum
weniger Jahre, unter oftmals so harten Bedingungen wie im 19.Jahrhundert, ist
die weitreichendste strukturelle Veränderung der Periode. Ihre langfristigen
Folgen bleiben abzuwarten. Auf kurze Sicht ist dies eher ein Trumpf als eine
Bedrohung für das Kapital, da es die Verhandlungsposition der Arbeit schwächt:
nach den autoritativsten Schätzungen wird so das globale Verhältnis zwischen
Kapital und Arbeit um 55–60% beschnitten.
An dieser Front scheint das System im Moment sicher genug zu sein, wie das
Inventar an Opposition dagegen nahe legt.
Die Natur bleibt weniger
vorhersehbar. Wenn auch die Skala ihrer potenziellen Bedrohung für die
Stabilität des Systems nun allgemein anerkannt wird, ist die Nähe der
verschiedenen Gefahren weniger klar und die Maßnahmen zu ihrer Vermeidung
werden laufend diskutiert. Offensichtlich ist ein das ganze System umfassender
Schock, der fähig ist, alle Berechnungen der Zukunft zu ändern, eine reale
Möglichkeit. Tschernobyl war eine schwache Ahnung der Auswirkungen, die eine
von Menschen verursachte Katastrophe haben kann. Ökologische Katastrophen
planetarischen Ausmaßes, die zunehmend gefürchtet werden, haben es bislang
nicht vermocht, Staaten in gemeinsamen präventiven Programmen
zusammenzubringen. Das gegen die Arbeit vereinte Kapital bleibt gegenüber der
Natur gespalten; rivalisierende Unternehmen und Regierungen versuchen, die
Kosten für solche Programme den Konkurrenten zu überlassen. Schließlich wird
wahrscheinlich die Logik gemeinsamer Aktionen überwiegen, und in diesem Sinne
kann das System zweifellos Kohlendioxidemissionen, dem steigenden
Meeresspiegel, der Entwaldung, Wasserknappheiten, neuen Epidemien und
dergleichen entgegentreten – im Prinzip. In der Praxis gibt es keine Garantie,
dass es dies innerhalb eines notwendigen Zeitraums kann. An dieser Front ist
also Selbstgefälligkeit weniger vertretbar: drohende Konflikte darüber, wer die
Rechnung für die Säuberung der Erde bezahlen soll, könnten sich als das
naheliegendste Gegenstück zu den innerimperialistischen Antagonismen der
Vergangenheit erweisen, die seinerzeit das System aus dem Gleichgewicht
brachten.
Nach aller
Wahrscheinlichkeit bleibt Geld das schwächste Glied, auf jeden Fall in
greifbarer Zukunft. Ungleichgewichte in der globalen Finanzordnung, in der die
USA weiter gewaltige Handelsdefizite erzielen, China und Japan große
Dollarmengen anhäufen und Europa an billigen asiatischen Importen und einer
abgewerteten US-Währung leidet, sind jetzt das Hauptthema alarmierender
Kommentare in der internationalen Wirtschaftspresse. Die blinde Kreditexpansion
hat eine Immobilienblase in einer führenden kapitalistischen Ökonomie nach der
anderen genährt – in den USA, Großbritannien, Spanien, Irland, Australien –,
während sogar jene, die noch weitgehend davon verschont sind – Deutschland –,
in den Labyrinthen der wertpapiermäßigen Unterlegung von Kreditforderungen verfangen
sind. Die Mechanismen zwischenstaatlicher Koordination, die sich seit den 70er
Jahren entwickelt haben, angeführt von den G8, und jüngere informelle
Verständigungsformen unter den Zentralbanken bleiben wachsam, um ein
Abschmelzen der Kapitalmärkte zu verhüten. Aber die aktuelle Geschwindigkeit
und das Ausmaß der Finanzkrisen laufen Gefahr sie zu überwältigen. Hinter den
Geldturbulenzen liegen in jedem Fall gewaltige tektonische Veränderungen in der
realen Ökonomie, deren lebhaftester Ausdruck sie sind. Dort ist die ungelöste
Frage einfach: Wird in einem bereits vor dem Eintritt Chinas und Indiens von
Überproduktion in zahlreichen Schlüsselindustrien geprägten Weltmarkt die
Expansion der globalen Nachfrage, den sie repräsentieren, das Potenzial für ein
weiteres Überangebot, das sie einbringen, überwiegen oder wird das eine das
andere so weit übertreffen, dass die Spannungen Gesamtsystem intensiver werden?
Wie auch immer die Antwort lautet, erscheint kurzfristig das Reich des Geldes
von allen dasjenige, das am wahrscheinlichsten die künftigen Instabilitäten
auslösen wird.
IV.
Optimismus der Intelligenz?
Von solchen
Betrachtungen abgesehen ist der oben skizzierte rasche Überblick auf eine kurze
Zeitspanne beschränkt, auf nicht mehr als sieben Jahre, und verbleibt an der
Oberfläche der Ereignisse. Wenn jedoch ein weiter ausholender Blick verwendet
wird, können dann tieferliegende Veränderungen ausgemacht werden, die auf
andere politische Schlussfolgerungen weisen? Zumindest vier alternative
Lesarten der Zeit – es gibt noch mehr – bieten wesentlich optimistischere
Diagnosen der Richtungen an, in die sich die Welt bewegt. Drei davon gehen
zurück auf die frühen bis mittleren 90er Jahre, aber wurden seit dem
11.September weiter entwickelt. Am bekanntesten ist natürlich die in Hardts und
Negris Empire zu findende Vision, auf
die sich die anderen drei alle beziehen, gleichzeitig positiv und kritisch. Tom
Nairns Faces of Nationalism und
Global Nations entwickeln eine zweite Perspektive. Giovanni
Arrighis The Long Twenthieth Century und Adam
Smith in Beijing bilden eine dritte. Malcolm Bulls jüngste Essays, mit dem
Höhepunkt „States of Failure“, schlagen eine vierte Perspektive vor. Jede
Reflexion der gegenwärtigen Periode muss ernst nehmen, was oberflächlich
betrachtet als eine kontraintuitive Lesart von ihr erscheint.
1. Tom Nairns
Erklärungsansatz lautet etwa folgendermaßen: Der Marxismus basierte stets auf
einer Verzerrung von Marx’ eigenem Denken, das sich in den demokratischen
Kämpfen im Rheinland in den 1840er Jahren herausbildete. Denn während Marx
annahm, dass der Sozialismus langfristig erst möglich sei, wenn der
Kapitalismus seine Arbeit der Hervorbringung des Weltmarkts vollendet hatte,
führte die Ungeduld sowohl der Massen als auch der Intellektuellen zu den fatalen
Abkürzungen Lenins und Maos, Demokratie und Wirtschaftswachstum durch die
Staatsmacht zu ersetzen. Das Resultat war eine Ablenkung des
weltgeschichtlichen Stroms in den Sumpf eines modernen Mittelalters. Der
Zusammenbruch des Sowjetkommunismus 1989 nun erlaubte, dass der Strom wieder in
sein natürliches Delta fließt – die gegenwärtige Globalisierung. Denn die
Kernbedeutung der Globalisierung ist die Verallgemeinerung der Demokratie in
der ganzen Welt, wodurch letztlich die Träume von 1848 erfüllt werden, die zu
Marx’ Lebzeiten zerschlagen wurden. Marx jedoch machte selber einen
entscheidenden Fehler, indem er glaubte, dass die Klasse in Gestalt des
Proletariats Träger der historischen Emanzipation sein würde. Tatsächlich waren
es die Nationen, wie bereits das europäische Muster von 1848 zeigte und das
gesamte 20.Jahrhundert bestätigen sollte, und nicht die Klassen, die zu
treibenden Kräften der Geschichte und den Trägern der demokratischen Revolution
wurden, für die er kämpfte.
Aber so wie vom Marxismus
eine Scheindemokratie aufgebaut werden sollte, wurde die Nationalität zur
gegebenen Zeit vom Nationalismus – d.h. von den imperialistischen Großmächten –
in der Periode nach dem amerikanischen Bürgerkrieg und dem
Deutsch-Französischen Krieg in Beschlag genommen. In der zweiten Hälfte des
20.Jahrhunderts erlauben jedoch die Entkolonialisierung der Dritten Welt und
die Reprivatisierungen in der Zweiten Welt den Nationen potenziell, dass sie
ohne Nationalismus zu sich selbst kommen – als die einzig möglichen Rahmen für
„die Verallgemeinerung und Vertiefung der Demokratie als die Voraussetzung für
das, was der offene Ozean auch immer an sozialen Formen ermöglichen mag“.
Nach dem 11.September haben ein wiederbelebter US-Großmachtnationalismus und
die neoliberale Ökonomanie das progressive Moment der Globalisierung
vorübergehend gekapert. Doch wird uns dies nicht in eine Uniformität des
Marktes schleudern. Seine tiefere Logik erfordert im Gegenteil, gleichsam als
anthropologische Notwendigkeit, eine Vielfalt demokratischer Nationen, um
menschlich erträglich zu sein – bei Strafe eines mit jeder Art von Identität
unvereinbaren Verlusts von Grenzen. Keine soziale oder kulturelle Homogenität
erwartet uns am angenommenen Ende der Geschichte. „Wir befinden uns noch immer
in der Mitte der Stromschnellen der Modernität.“
2. Hardt und Negri
stimmen zu, dass die Globalisierung im Wesentlichen ein Prozess der
Emanzipation ist, aber sie kommen zu einem diametral entgegen gesetzten Urteil
über die Rolle der Nationen darin. Ihre Geschichte beginnt früher, im
16.Jahrhundert, als der befreiende Geist der Renaissance durch eine barocke
Konterrevolution zerschlagen wurde, die den Absolutismus als die Form
errichtete, die am Ursprung der modernen Souveränität liegt. Im Wesentlichen
unverändert von den Nationalstaaten der industriellen Epoche geerbt, ist es das
Verschwinden dieser Erbschaft, die mit der Auflösung der Nationalstaaten in ein
einziges, uniformes „Empire“, das die Morgenröte einer neuen Ära von Freiheit
und Gleichheit markiert. Der Wendepunkt ist hier nicht der Sturz des
Kommunismus 1989 – der kaum erwähnt wird –, sondern das Jahrzehnt 1968–1978,
als der antiimperialistische Sieg in Vietnam und die Revolte der Arbeiter,
Arbeitslosen und Studenten im Westen eine Neukonfiguration des Kapitalismus in
sein aktuelles universales Gewand erzwangen. Mit der Ankunft des universalen
Empire entschwinden auch – wie die Nationen – die Klassen, da das Kapital die
zunehmend „immaterielle“ Arbeit einer einzigen und nicht weniger universalen
„Multitude“ erschafft. Die Tage der nationalen Befreiung, der Arbeiterklasse,
der revolutionären Avantgarden sind vorüber. Aber so wie das Empire durch
Widerstand von unten geschaffen wurde, wird es auch durch einen solchen
Widerstand fallen, wenn spontane Netzwerke der Opposition sich auf dem Planeten
verbreiten. Aus den spiralförmig zunehmenden Aktionen dieser Multitude –
Demonstrationen, Migrationen und Aufstände –, die von einem gemeinsamen
biopolitischen Wunsch nach Frieden und Demokratie angetrieben ist, wird eine
postliberale, postsozialistische Welt erblühen. Ohne die Mystifikationen von
Souveränität oder Repräsentation werden alle zum ersten Mal in Freiheit und
Gleichheit leben. Und es könnte jeden Moment geschehen. „Heute ist die Zeit
gespalten zwischen einer Gegenwart, die bereits tot ist, und einer Zukunft, die
bereits lebendig ist – und der gähnende Abgrund dazwischen ist gewaltig
geworden. Mit der Zeit wird uns ein Ereignis wie ein Pfeil in diese lebendige
Zukunft stoßen.“
3. Arrighis Erzählung
beginnt ebenfalls in der Renaissance, wenn auch mit dem Aufstieg der Genueser
Bankiers im 14.Jahrhundert anstatt mit dem spanischen Absolutismus im
16.Jahrhundert. Ihre Form ist zyklisch. Die kapitalistische Expansion beginnt
immer materiell – als Investition in die Produktion von Gütern, als Eroberung
von Märkten. Aber wenn die Überkonkurrenz die Profite nach unten drückt, kommt
es zu einer Wende zur Finanzexpansion – Investitionen in Spekulation und in
Zwischenhändler – als Schlupfloch. Wenn dem seinerseits die Luft ausgeht, folgt
eine „Zeit des systemischen Chaos“, wenn es rivalisierende territoriale
Kapitalien durch ihre entsprechenden Staaten auf einem militärischen
Schlachtfeld auskämpfen. Aus diesen Kriegen etabliert der siegreiche Staat eine
das ganze System umfassende Hegemonie, die den Beginn eines neuen Zyklus
materieller Expansion ermöglicht. Eine solche Hegemonie beinhaltet
typischerweise ein neues Modell der Produktion, das Kapitalismus und
Territorialismus in beispielloser Weise kombiniert und fähig ist, alle anderen
Staaten zu überzeugen, dass die hegemoniale Macht „die Triebkraft einer
allgemeinen Expansion der Macht aller herrschenden Klassen gegenüber ihren
Untertanen“ ist, die auf einem breiteren gesellschaftlichen Block beruht. Aus dem
Dreißigjährigen Krieg ging die niederländische Hegemonie hervor (ein globales
Finanzsystem plus Handelsmonopol); aus den Napoleonischen Kriegen die britische
Hegemonie (globales Finanzsystem, Dominanz des Freihandels, frühes
Fabriksystem); aus den beiden Weltkriegen die amerikanische Hegemonie (globales
Finanzsystem, Freihandel und Industriekonzerne). Und heute? Wie Hardt und Negri
sieht Arrighi die antiimperialistischen und Arbeiterrevolten der 60er und 70er
Jahre als modernen Wendepunkt, der den Zyklus der materiellen Expansion der
Nachkriegszeit beendet und den Kapitalismus zur Flucht nach vorn, in die
Finanzexpansion zwingt. Dieser Zyklus geht jetzt allmählich zu Ende, so wie die
amerikanische Hegemonie im Irak in eine tödliche Krise gerät.
Was kommt als nächstes?
Die weltweite Lohnarbeit hat an Umfang und Stärke stetig zugenommen ,
aber die große Entwicklung ist der Aufstieg Ostasiens. In den frühen 90er
Jahren, als er sich auf Japan konzentrierte, dachte Arrighi, dass es drei
mögliche Zukunftsvarianten für die Menschheit gibt: ein weltweites Empire als
finale Bestätigung der imperialen Kontrolle der USA über den Globus; eine
Weltmarktgesellschaft, in der ein von Japan angeführtes Ostasien ein
Gegengewicht gegenüber den USA bildet, sodass kein einziger Staat eine längere
Hegemonie ausüben kann; oder der Abstieg in eine verallgemeinerte Kriegführung,
in einen Endkampf des systemischen Chaos, der fähig ist, den Planeten zu
zerstören. Ein Jahrzehnt später, mit dem sich immer noch vollziehenden Aufstieg
Chinas, schließt er das erste Szenario aus und lässt nur das hoffnungsvolle
zweite und das katastrophale dritte gelten.
Das Auftauchen einer Weltmarktgesellschaft, vor langer Zeit von Adam Smith
vorausgesagt, würde das Ende des Kapitalismus bedeuten, da der aus der
innerstaatlichen Rivalität geborene und diese definierende Nexus zwischen Staat
und Finanzen verschwunden wäre, sowie den Beginn des lange überfälligen, und
von Smith freudig erwarteten, Ausgleichs des Wohlstands zwischen den Völkern
der Erde.
4. Bulls Geschichte
beginnt dagegen im 17.Jahrhundert, mit den ersten Andeutungen einer im
Unterschied vom bewussten kollektiven Willen unabsichtlichen kollektiven
Intelligenz, im politischen Denken von Spinoza. Abstammend von Mandeville und
Smith, mit der unsichtbaren Hand des Marktes, und von Stewart, mit dem
natürlichen Ursprung der Regierung, mündete diese Tradition schließlich in
Hayeks allgemeine Theorie der spontanen Ordnung – die vielleicht machtvollste
aller Rechtfertigungen des Kapitalismus. Heute ist sie wieder aufgetaucht in
der „schwärmenden Intelligenz“ der Multitude von Hardt und Negri, die dem Staat
entgegengestellt wird, und vermeintlich, sich von Rousseau herleitend, die
Volkssouveränität verkörpert.
Tatsächlich ist jedoch die Dichotomie, zu der Hardt und Negri zurückkehren, ein
Ausdruck der Sackgasse der zeitgenössischen Subjekte [agency], eines Patts
zwischen dem Druck des globalisierenden Marktes und der Abwehrreaktion der
Bevölkerungen.
Hegel bot seinerzeit, so
Bull, eine Lösung für den Widerspruch. Denn die Philosophie des Rechts
konstruiert einen Übergang von der spontanen Intelligenz der Zivilgesellschaft
– der Markt, wie er von der schottischen politischen Ökonomie theoretisch
konzipiert wurde – zum ordnenden Willen eines liberalen Staates. Von seinen
linken und rechten Gegnern im frühen 20.Jahrhundert demontiert, ist dies das
Erbe, das einer Metamorphose bedarf. Denn was in der Zwischenzeit geschah, ist
die Desintegration des globalen Staates, dessen sich überschneidende
Verkörperungen die europäischen, sowjetischen und amerikanischen Empires waren:
zuerst die Entkolonisierung, dann die Reprivatisierung und nun, sichtbar, der
Niedergang der US-Hegemonie. Bedeutet dies den unaufhaltsamen Beginn einer
globalen Marktgesellschaft: die von jedwedem kollektiven Willen befreite
kollektive Intelligenz? Nicht notwendigerweise. Die Entropie des globalen
Staates könnte stattdessen Strukturen freisetzen, die die Hegel’sche Formel
umkehren: nicht die Einordnung der Zivilgesellschaft in den Staat, sondern – in
entgegen gesetzter Richtung – die Neukonstituierung der Zivilgesellschaft auf
einer potenziell nichtmarktwirtschaftlichen Basis und aus dem Absterben des
Staates hervorgehend, wie sich dies Marx und Gramsci einst vorgestellt hatten.
5. Diese Konstruktionen
bilden einen Satz erfinderischer Unternehmungen, die über die flüchtigen
Schlagzeilen hinaus auf die längerfristige Logik der weltgeschichtlichen
Veränderungen zu blicken versuchen, die wir gegenwärtig durchleben. Wie
entfernt auch die eine oder andere von der Patina der aktuellen Ereignisse
erscheinen mag, so kann jede einzelne für ihre Argumentation indizienhaft auf
empirische Züge der Periode verweisen. Die repräsentative Demokratie hat sich
seit den späten 80er Jahren auf der ganzen Welt ausgebreitet, von Osteuropa bis
zu Ostasien und Südafrika, wobei keine Umkehrung oder Halt in Sicht ist; neue
Nationalstaaten sind entstanden, vom Kaukasus bis zum Pazifik, und keine Form
der Demokratie ist erfunden worden, die über sie hinausgeht. Netzwerke von
unten sind ohne zentrale Leitung zusammengekommen, in Seattle oder Genua. Der
amerikanische Anteil an Welthandel und -produktion ist zurückgegangen. China –
und Ostasien im Allgemeinen – wird wahrscheinlich innerhalb weniger Jahrzehnte
das Gravitationszentrum der globalen Ökonomie werden. Populistische Reaktionen
waren bislang tatsächlich die Hauptreaktion auf die Expansion des
globalisierenden Marktes.
6. In theoretischer
Hinsicht nehmen alle vier Versionen ihren Ausgangspunkt von Denkern, die vor
dem Entstehen des modernen Sozialismus lebten: Spinoza für Negri, Smith für
Arrighi, Hegel für Bull, Marx vor Marx (d.h. der junge rheinische Demokrat, vor
dem Kommunistischen Manifest) für Nairn. Alle haben einen italienischen
Hintergrund, aber könnten auch in gewissem Maße wie Negri sagen: „Ich habe
meine Kleider in der Seine gewaschen.“ Am deutlichsten ist dies im Fall von
Hardt und Negri, deren Vokabular zum großen Teil – das planare Empire; der
Nomade; Biomacht – direkt von Deleuze und Foucault kommt. Aber das gilt
gleichermaßen für Arrighi, dessen Vision von Kapitalismus zentral von Braudel
abhängt. Für Nairn hat Emmanuel Todd am kühnsten, wenn auch etwas verrückt, die
anthropologischen Voraussetzungen der Moderne ausgelotet. Der letzte von Bull
zitierte Denker, der in der Beschreibung seiner Lösung am nächsten kommt, ist
Sartre. Politisch stimmen alle vier Versionen darin überein, dass die
Globalisierung zu begrüßen ist und uns das erste oder letzte Todesläuten der
amerikanischen Hegemonie gebracht hat.
7. Die
Hauptspaltungslinie der verschiedenen Versionen liegt entlang der Achse des
Staates. Für Hardt und Negri, Arrighi und Bull ist es die Auslöschung des
Staates – des nationalen im ersten Fall; des hegemonialen im zweiten; des
globalen im dritten –, die den Niedergang des Kapitals einschließt. Für Nairn
gilt das Gegenteil: nur die vollständige Emanzipation des Nationalstaats kann
die Demokratie universal machen und die kulturelle Vielfalt sichern, die für
die Erfindung neuer sozialer Formen jenseits der neoliberalen Ordnung nötig
ist.
Die Fragen, die man
jeder dieser Konstruktionen stellen kann, liegen auf der Hand. Zu Nairn: Die
Demokratie mag sich in der ganzen Welt ausbreiten, aber wird sie dabei nicht
immer substanzloser, und dies nicht zufällig, sondern als Vorbedingung ihrer
Verbreitung? Neue Nationalstaaten sind entstanden, aber fast alle Neulinge sind
schwach oder marginal. Grenzen irgendwelcher Art mögen ein anthropologisches a
priori sein, aber warum sollten diese national sein und nicht zivilisatorisch,
regional, kantonal usw.? Zu Hardt und Negri: Ist die Multitude nicht bloß eine
theologische Figur, wie der verheißene „Exodus“ nahelegt, und das „Ereignis“,
das die universale Demokratie anstelle des Empire errichtet, nicht eine
Wundertat? Zu Arrighi: Das Weltempire oder die Weltmarktgesellschaft könnten
nur das Ende des Kapitalismus bedeuten, wenn Braudels Definition von letzterem
Sinn macht, wonach er nicht mehr ist als die durch zwischenstaatliche Rivalität
entstehende Sphäre der Hochfinanz – nicht Handel oder Produktion. Aber ist es
so? – und ist es wirklich so, dass die weltweite Rebellion der Arbeit seit den
80er Jahren gestiegen ist? Zu Bull: Die Sackgasse zwischen dem sich
globalisierenden Markt und den auf ihn reagierenden Bevölkerungen beinhaltet,
dass beide von gleichem Gewicht sind und keiner auf Kosten des anderen
voranschreitet. Legen dies die letzten zwanzig Jahre nahe? Wenn sich die
aktuelle Version des globalen Staates (d.h. die US-Hegemonie) auflöst, warum
sollte sie dann nicht in Huntingtons Flickenteppich aus regionalen Marktmächten
aufgehen, begrenzt von zivilisatorischen Räumen, statt in eine globale –
marktwirtschaftliche oder nichtmarktwirtschaftliche – Zivilgesellschaft.
Nichtsdestotrotz sind
diese Visionen Bezugspunkte einer Diskussion über die Zukunft. Gegen sie
erhobene Argumente erfordern Gleichwertiges.
Der Beitrag erschien
zuerst in New Left Review , II/48, November/Dezember 2007 – deutlich vor dem Georgienkrieg im Sommer 2008 sowie vor der Bankenkrise im
Herbst 2008. Die Printfassung erschien in den Sozialistischen Hefte (Köln), Nr.17, November 2008 (Übersetzung aus
dem Englischen: Hans-Günter Mull).
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