Rüth: Punkt.um (4) PDF Drucken E-Mail
26.11.2008

In der Falle

Wenn eine Fliege mir lästig wird, greife ich zur Zeitung und erschlage sie. So war es jedenfalls, bis ich den Essay des Schweden Fredrik Sjöberg (übersetzt von Paul Berf) las. Nun sitze ich in der (Fliegen-)Falle. Ich weiß zu viel, um künftig mit leichter Hand einem solch grazilen Wesen den Garaus zu machen – es könnte sich um einen Glasflügler (Sessiidae) handeln oder um eine Schwebfliege (Episyrphus balteatus). Es könnte sich auch – und nun halten Sie sich fest – um einen Glasflügler handeln, der lediglich aussieht wie eine Schwebfliege oder um eine Schwebfliege, deren Attribute sie auf den ersten Blick als Glasflügler ausweisen. Wie konnte es geschehen, dass ich mich dafür noch nie interessiert habe? Manchmal sehen sie nicht einmal aus wie Fliegen. Einige sehen aus wie Wespen, andere wie Honigbienen, Bremsen oder superdünne Mücken mit zarten Beinchen. Fliegen sind Meister der Mimikry. Gut, das Spielchen mit Verkleidungen und Maskeraden ist uns aus anderen Zusammenhängen vertraut. Schon weitet sich der Text zur Parabel – wir hören etwas über Schwebfliegen und erkennen uns selbst. Das erklärt aber nicht, dass ich mir bei der Lektüre ernsthaft die Frage gestellt habe, wie es kommen konnte, dass ich mir noch nie Gedanken über die Vorzüge amerikanischer Fliegenfallen und tschechischer Insektennadeln gemacht habe. Letztere gefertigt aus schwarz lackiertem Stahl, lieferbar in immerhin sieben Stärken! Das wussten Sie nicht? Die dickste ist so steif wie ein Nagel, während die dünnste launisch und beugbar ist wie ein französisches Verb. Es ist natürlich nicht die bloße Addition akribisch angehäuften Detailwissens, das die Qualität des Essays ausmacht. Es liefe bestenfalls auf Effekthascherei hinaus: auf ein Kabinett voller Absurditäten, das man mit einem Lachen quittiert – kurzlebiger als jede Eintagsfliege. Es ist natürlich auch nicht nur das trotzige Bekenntnis zu einer verschrobenen Leidenschaft oder die Koketterie, die Sjöberg beim Werben um die Gunst der Leser gezielt in die Waagschale wirft, wenn er sich als verschrobenen Fliegenforscher zu erkennen gibt, der auf einer schwedischen Schäreninsel in prallster Mittagsonne am Wegesrain steht, um den Katalog der bislang entdeckten 202 Schwebfliegenarten zu komplettieren: Kein halbwegs vernünftiger Mensch interessiert sich für Fliegen, zumindest keine Frauen. Aber ich, möchte ich ihm zurufen, ich interessiere mich. Und ich bin eine Frau. Also: Woran liegt’s? An einer ausgefeilten Ästhetik der Beschreibung. An der Präzision der Beschreibung, die den Weg von der denotierten auf die konnotierten Ebenen bedingt und befördert: Je exakter von Flügeln und Beinchen, von Terraineroberung und Paarungsverhalten erzählt wird, desto mehr wird das sanfte Gleiten von der Welt der Fliegen in andere Welten befördert. Es klingt paradox, aber die Detailversessenheit verengt nicht den Blick, sondern öffnet ihn. Zudem produziert Fredrik Sjöberg Bilder. Ich meine nicht in erster Linie originelle Vergleiche oder Metaphern, sondern Bilder wie dieses: Es kommt zuweilen vor, dass ich meinen angespannten Fliegenblick ausruhen und für eine Weile die Wolken oder gar nichts betrachten muss, rücklings im Gras oder auf den bemoosten Felsplatten liegend. Während eines solchen sommerlichen Dösens das intensive und ganz eigene Geräusch einer rasch vorbeifliegenden Narzissenschwebfliege zu erkennen, ist aus dem einfachen Grund angenehm, dass Wissen erfreut. Mag man im Gras liegend auch noch nie bewusst dieses unverwechselbare Fluggeräusch wahrgenommen haben – im Gras hat jede/r von uns schon einmal gelegen, die Augen himmelwärts gerichtet, die Wolken betrachtend, die Wärme der Sonne auf der Haut spürend. Anders formuliert: Der Abseitigkeit der Fliegenforschung zum Trotz haben die Bilder, die beschrieben respektive evoziert werden, hohen Wiedererkennungswert. Eigentlich ist das Prinzip ganz simpel: Das Besondere führt zum Allgemeinem und lädt ein, die eigenen Gedanken fliegen zu lassen. Wobei ich bei einem weiteren Aspekt bin: bei der Doppeldeutigkeit des Begriffs. Sie ist nicht zu unterschätzen. Das Substantiv Fliegen (Brachycera) steht für die weltweit verbreitete Unter-Ordnung der Zweiflügler, ein bis über 50 mm lang, mit großen, zuweilen gestielten Augen ausgestattet. Darunter Arten wie Tanzfliegen, Schwebfliegen oder Schmuckfliegen, deren Namen nichts als schwebende Anmut verheißen und von dem gemeinsamen Ursprung mit dem Verb fliegen (aus mhd. vliegen, ahd. fliogan) künden, das seinerseits die konnotierte luftige Leichtigkeit der lähmenden Erdenschwere entgegensetzt. Und meine Seele spannte / Weit ihre Flügel aus, / Flog durch die stillen Lande, / Als flöge sie nach Haus. Doch es existieren auch Raubfliegen, Fleischfliegen und Schmeißfliegen. Fliegen, die Parasiten und Krankheiten übertragen. Fliegen als Indizien für den äußeren und inneren Zustand der Nachkriegszeit: Ratten und Fliegen beherrschten die Stadt. Frech und fett tummelten sich die Ratten auf den Straßen. Aber noch ekelerregender waren die Fliegen. Große, grünschillernde, wie man sie nie gesehen hatte, schreibt Hans Erich Nossak. Fliegen, deren schädigendes Potential sich in William Goldings Lord of the Flies (1954) spiegelt, wenn der Junge Simon im aufgespießten fliegenumsurrten Schweinekopf den teuflischen Herrn der Fliegen imaginiert – What are you doing out here all alone? Aren’t you afraid of me? – und somit den Schulterschluss vollzieht zum Beelzebub, dem obersten der Teufel (Lukas 11,15). Im Dictionnaire Infernal (1863) wird dieser Fliegenbaal in Gestalt eines Hautflüglers dargestellt, dessen Flügel Totenköpfe zieren. Die Bandbreite kulturell geprägter (Fliegen-)Bilder ist also extrem – doch Fredrik Sjöberg hat eine klare Entscheidung getroffen: Er schreibt sich nicht in das antagonistische Spektrum ein, sondern stärkt mit seinen Bildern den Pol der positiven Konnotationen. Der schillerndste Satz seines Essays kommt in Gestalt eines Paradoxons einher und hat eine Vorgeschichte. Eumerus grandis hießt eine Fliege, die hier und dort in Europa gesichtet wurde, deren Wirtspflanze aber bis zu dem Tag unbekannt war, als Fredrik Sjöberg wieder einmal absichtlos/absichtsvoll im Gras saß und ein Weibchen beobachtete, das sich an der Basis eines vertrockneten breitblättrigen Laserkrauts verdächtig verhielt. Die Fliege flitzte gleichsam in Kreisen über die Erde, ungefähr wie eine Henne, die dringend ein Ei legen will. Eine halbe Stunde war sie so beschäftigt, bis sie weiterflog, woraufhin ich die Blätter, auf denen sie gelaufen war, mit der Lupe musterte – und Eier fand, die so klein waren, dass es die Hälfte gar nicht gab.

Fredrik Sjöberg: Die Fliegenfalle –
Über das Glück der Versenkung in seltsame Passionen, die Seele des
Sammlers, Fliegen und das Leben mit der Natur

Aus dem Schwedischen von Paul Berf
Eichborn Berlin 2008
ISBN 3-8218-5816-6

 

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