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Die Laterna magica der Erzählung. Ein Bilderzeugungsverfahren als
poetologische Metapher
von Monika Schmitz-Emans 1. Von der Befangenheit in Bildern
Ludwig Wittgenstein hat betont, dass
es für das Denken keine Möglichkeit gebe, sich von der Sprache und
ihren Bildern zu lösen, um sie beispielsweise aus der Distanz zu
kritisieren.
Man kann sich nicht ›über‹ die Sprache erheben; es gibt keine
Metasprache. Hans Blumenberg, der in seinem Buch über Spielformen
und Bedeutungsdimensionen des Höhlengleichnisses an Wittgenstein
erinnert hat, beschreibt die Philosophie der Neuzeit als eine Folge
von Gefangenschaftsdiagnosen.
Kants Vernunftkritik und Wittgensteins sprachreflexive Philosophie
sind, wie er hervorhebt, repräsentativ für ein Denken, das um die
Abhängigkeit der Gegenstände seines Denkens und Erkennens von den
eigenen Strukturen weiß. Laut Kant gibt es für die theoretische
Erkenntnis keinen Blick über die Grenzen der erscheinenden Welt
hinaus; bei Wittgenstein bleibt es mehr als zweifelhaft, ob der
Philosoph seine Aufgabe, der Fliege den Ausgang aus dem Fliegenglas
zu zeigen,
überhaupt erfüllen kann: Dass ein Gleichnis nötig ist, um diese
Aufgabe zu beschreiben, spricht für sich. Eine Konsequenz aus der
Tatsache, dass die Selbstverständigung des neuzeitlichen Denkens
eine Selbstverständigung über Befangenheiten, über
Gefangenschaften, ist, liegt, wie Blumenberg ebenfalls ausführt, in
der Affinität der neuzeitlichen Fantasie für eine bestimmte Sorte
von Bild: für das Bild eines abgeschlossenen Innenraums, in den von
außen kein Licht dringt, dessen Beleuchtung allein von innen kommen
kann, und der keine Möglichkeit eines Ausgangs erkennen lässt, auch
wenn es gelegentlich vorgespiegelte Türen und Fenster geben mag.
Die Abgeschlossenheit des Raums, an den Denken und Erkenntnis
gebunden sind, lässt die Existenz einer Außenwelt sogar zweifelhaft
erscheinen.
Wie reflektieren über Sprache, wenn
nicht mit deren eigenen Mitteln, gleichsam in deren eigenem Raum und
mit den Lichtquellen, die sie selbst hergibt? Der späte Wittgenstein
nutzt das Gleichnis als eine solche Lichtquelle, wobei er die
Gleichnishaftigkeit seiner Einfälle und damit den strategischen
Charakter seines Denk- und Darstellungsstils offen zu erkennen gibt.
Vor allem Bilder sind für ihn wichtige Gleichnis- und
Metaphernspender – nicht nur der Bildbegriff als solcher, sondern
auch spezifische Typen von Bildern wie etwa das Foto:
»›Aber ist ein verschwommener
Begriff überhaupt ein Begriff?‹ – Ist eine unscharfe
Photographie überhaupt ein Bild eines Menschen? Ja, kann man ein
unscharfes Bild immer mit Vorteil durch ein scharfes ersetzen? Ist
das unscharfe nicht oft gerade das, was wir brauchen? […]«
Denkt man in den Spuren
Wittgensteins, so bleibt jemandem, der sich über Sprache
verständigen will, nichts übrig, als die Kontingenz, Mehrdeutigkeit
und Gleichnishaftigkeit verbaler Ausdrucksformen anzuerkennen und sie
sich allenfalls zunutze zu machen, um an möglichen uns wirklichen
Ausdrucksweisen und Sprachhandlungen etwas sichtbar zu machen, etwas
zu zeigen.
Zur Einsicht, dass es insofern keine
›absolute‹ Sprache zur Beschreibung der Sprache und ihrer
Verwendung gebe, wohl hingegen verschiedenste Beschreibungssprachen,
die aus anderen Bereichen des Wissens entlehnt und mithin als
gleichnishaft gelten können, verhält sich ein rezent von
verschiedenen Seiten erhobener Befund hinsichtlich der Bilder
komplementär. Auch für das, was wir als ›Bilder‹ zu betrachten
und zu bezeichnen pflegen, gibt es weder eine allgemein verbindliche
Theorie noch eine entsprechende Terminologie.
Und wo über Bilder gesprochen, die Reflexion über Bilder also in
sprachlicher Form vollzogen wird, da belastet das Gleichnisproblem
den bildtheoretischen Diskurs analog zum sprachtheoretischen. Wie –
etwa bei Wittgenstein – das Nachdenken über Sprache sich besonders
gern solcher Gleichnisse bedient, die dem Bereich der Bildlichkeit
und des Sehens entstammen, so zeichnet sich in Disziplinen, die sich
um eine Theorie des Bildes bemühen, eine Tendenz ab, Bilder als
etwas Sprachliches oder doch Sprachanaloges zu deuten und mit
linguistisch-semiotischen Konzepten zu operieren.
Wenn Stefan Majetschak dies im Vorwort zu seinem Band über
»Bildzeichen« diagnostiziert, so ist dies kritisch gemeint;
zumindest suggeriert wird die Möglichkeit, der Fliegenfalle des
Metaphorischen zu entkommen. Aber lässt sich die Reflexion über
Sprache und über Bilder entmetaphorisieren? Und wie steht es um die
Erörterung von Text-Bild-Beziehungen? Das Problem potenziert sich
zwar hier strikt genommen nicht – aber es wiederholt sich.
Eine Hypothese: Für die Beschreibung
sprachlicher Gebilde, bildlicher Strukturen und der Beziehungen
zwischen Sprache und Bildern/Visualität ist viellicht am ehesten der
Metaphorologe zuständig, der Spezialist für Fliegengläser. Seine
Strategie wäre es, die gleichnishaften Beziehungen, in welche
Sprache und Bilder zueinander treten können und getreten sind, zu
beobachten – nicht ›von außen‹, natürlich.
Der Schwerpunkt meiner Ausführungen,
die im Zeichen dieser Hypothese stehen, soll auf Selbstmodellierungen
sprachlicher Darstellungsverfahren in literarischen Texten liegen,
sofern dabei Bilderzeugungsverfahren und Bilder als Metaphernspender
dienen; exemplarisch erörtert wird die Bedeutung der Laterna Magica
als Metaphernspenderin in ausgewählten Texten. Bei der Erörterung
von Metaphern wird das Interaktionsmodell zugrunde gelegt, demzufolge
sich Bildspender und Bildempfänger im metaphorischen Prozess
amalgamieren und das jeweils andere ›als‹ das andere erscheint.
Die Geschichte der Modellierung
sprachlicher Ausdrucksformen und Darstellungsverfahren am Leitfaden
einer optischen, bildbezogenen Metaphorik ist so lang wie
facettenreich; nicht nur die Metapherngeschichte der Metapher gehört
hierher, sondern etwa auch die Idee sprachlich zu erzeugender
›Anschaulichkeit‹ oder eines ›bilderreichen‹ Stils. Vor allem
Theorien und Beschreibungen literarisch-poetischer Darstellung sind
seit der Antike von der Orientierung am Visuellen betroffen. Auch
wenn das Horazische »ut-pictura-poesis«-Diktum gar nicht so gemeint
war, wie es später zitiert worden ist, spricht die Geschichte seiner
Auslegungen für sich. Von der antiken Ekphrasis als einem
schreibenden Vor-Augen-Stellen bis zur ›filmischen Schreibweise‹
in der Ära des Kinos haben sich literarische Autoren als
Bildproduzenten verstanden und ihre Darstellungsverfahren in
Anlehnung an Erzeugungsprozesse visueller Bilder zu entwickeln
versucht. Teilweise haben sie diese Verfahrensweise unter explizitem
Bezug auf technische Verfahren der Bildproduktion erläutert. Die
daraus hervorgegangenen Selbstkommentare sind – wie die
literarischen Texte, auf die sie sich beziehen – nicht nur Beiträge
zur Poetikgeschichte, sondern zugleich Beiträge zur historischen
Semantik des Bildes und der Bildmedien. Denn wo und unter welchem
Vorzeichen auch immer ein Bildtypus oder ein Bildproduktionsverfahren
in literarischen oder poetologischen Schriften thematisiert wird, da
lädt es sich mit den Eigenschaften auf, die ihm zugeschrieben
werden. Um es zugespitzt zu sagen, ist die Fotographie etwas anderes,
nachdem Roland Barthes über sie den Essay La chambre claire
geschrieben hat, so wie auch die Malerei nach Denis Diderot, John
Ruskin oder Marcel Proust etwas anderes geworden ist, weil sie danach
jeweils anderes bedeutete.
II. Von der Geschichtlichkeit des
Sehens
Die im Laufe der abendländischen
Wissensgeschichte entwickelten Modelle zur Beschreibung des
Sehvorgangs sind höchst unterschiedlich und bieten die Basis für
entsprechend unterschiedliche Konzepte der Erfahrung. So gilt das
Auge lange als Rezeptor von materiellen Partikeln, später als
Lichtquelle; es wird als Projektionsfläche beschrieben, auf welche
gemäß dem Modell der Camera obscura der Schein der Dinge fällt,
aber auch als eine Laterna magica, an deren Wände sich Projektionen
zeigen.
Die Entdeckung, dass das Auge selbst
ein ›Medium‹ ist, dass seine Beschaffenheit, die Modalitäten
visueller Aufnahme von Reizen und die physiologische wie
psychologische Verarbeitung dieser Reize darüber bestimmen, als was
die Welt dem Menschen erscheint, bedeutet das Ende jedes naiven
Weltverhältnisses. In der frühen Neuzeit kommt es zu einer
Modifikation konventioneller Wahrnehmungsweisen. In Folge davon
treten die Bedingtheiten von Wahrnehmung als solche überhaupt in den
Fokus des Interesses. Das Sehen wird zeitlich, entdeckt seine
Kontingenz – und wird insofern selbstbewusst.
Joseph Vogl spricht von einer »Denaturierung der Sinne«.
Das Wissen dieser Zeit, insbesondere das sich erweiternde technische
Wissen um Sehhilfen (wie das Fernrohr) und um die mit deren Einsatz
bewiesene Relativität des Unterschiedes zwischen Sichtbarem und
Unsichtbarem hat ebenso maßgeblichen Einfluss auf ein sich
veränderndes Selbst- und Weltverhältnis des Menschen wie der
(mithilfe optischer Instrumente empirisch fundierte)
Paradigmenwechsel in der Astronomie. Die Sinne werden neu erschaffen;
Sinneswahrnehmung und Sehen werden neu definiert; »aus jedem
gesehenen Datum [wird] ein konstruiertes und verrechnetes Datum«.
Durch die Verwendung des Fernrohrs wird deutlich, dass der
nicht-unterstützte Blick nur eine von möglichen Formen des Sehens
praktiziert. Von den Modalitäten des Sehens aber ist das
Gesichtsfeld abhängig; von diesem wiederum die gesehenen Strukturen
und damit die jeweils strukturell eingebetteten Gegenstände selbst.
Nirgends wird dies deutlicher als beim instrumentell auf
unterschiedliche Weise in die Tiefe geführten Blick in den
Sternenhimmel. Insofern entdeckt die frühe Neuzeit die Relativität
des Blicks vor allem als Folge des optisch-technologischen
Fortschritts.
Schon Descartes gibt die
optimistische Überzeugung auf, dem Blick stelle sich die Welt so
dar, wie sie ist.
Der Augentrug wird zum Inbegriff möglicher Sinnestäuschung. Wie der
zweifelnde Erkenntniskritiker betont, existieren die Dinge ja
vielleicht nicht alle genau in der Form, wie sie sich den
menschlichen Sinnen darstellen, da das sinnliche Wahrnehmen vielfach
dunkel und verworren ist.
Die Abhängigkeit des Gesehenen von der physiologischen
Beschaffenheit des Sehenden sowie von den Gesetzen der Reizaufnahme
und -verarbeitung, die Differenz zwischen Gegenstand und dem von den
Sinnen produzierten Bild und die Frage nach der Verarbeitung der
Reize durch den interpretierenden und letztlich
gegenstandskonstitutiven Intellekt beschäftigt nicht allein die
Anthropologie, Physiologie und Philosophie des späteren 18.
Jahrhunderts, sondern findet vielfachen Niederschlag in literarischen
und literaturtheoretischen Texten.
Die von der neuzeitlichen Optik, Physiologie und Anthropologie
entwickelte Vorstellung, dass der menschliche Geist nicht Bilder
empfange, sondern Bilder erzeuge, korrespondiert der
transzendentalphilosophischen Grundeinsicht der Moderne: Diese ist
durch das Wissen um die Abhängigkeit des Erfahrenen von den
Bedingungen der Erfahrung selbst geprägt, sei es, dass dabei die
Leistung des Verstandes, seiner Anschauungsformen, Kategorien und
synthetischen Operationen betont wird, sei es, dass die Abhängigkeit
der Erfahrungsgegenstände von sinnlichen Perzeptionsstrukturen im
Vordergrund steht.
Die Einsicht in die Medialität des
Blicks selbst wird noch überboten durch die Erfahrung der
Geschichtlichkeit dieser Medialität. Das Sehen ist keine
ahistorische anthropologische Konstante, sondern etwas Historisches.
Was und wie gesehen wird, unterliegt kulturellen Prägungen. Wichtig
sind natürlich wiederum vor allem die technischen Sehhilfen und
Bildspeicher – aber nicht nur sie: Auch und gerade die Kunst als
Erzeugerin von Bildern kann Neues sehen und auf Neue Weise sehen
lassen. Ihrem neuzeitlichen Selbstverständnis entspricht es, dies zu
tun. (Als ein Hilfsmittel beim Sehen der Welt, als Mittel der
Erzeugung und der Speicherung von Bildern ist seit der Antike neben
der bildenden Kunst auch immer wieder die Literatur beschrieben
worden, und sie hat sich selbst als Bildmedium ins Bild gesetzt.
Bedeutet dies – einerseits –, dass Literatur in ihrem
Selbstverständnis und Poetik als Theorie der Literatur einer Prägung
durch das Wissen über Bilder – einem jeweils zeit- und
kulturspezifischen Wissen – unterliegen, so ist andererseits
hervorzuheben, dass dieses zeit- und kulturspezifische Wissen über
Bilder, über das Auge, über den Sehprozess und über die
Speicherung und Verarbeitung des Gesehenen selbst ja jeweils der
medialen Darstellung bedarf und dass die Literatur hieran einen
wichtigen Anteil übernimmt. Augen, Sehvorgänge, Sehbedingungen
lassen sich zwar visuell darstellen (und sind auch immer wieder
visuell dargestellt worden), aber eben auch sprachlich. Hier mischt
sich die Literatur ein und trägt zur Konstitution des Wissens über
das Sehen und die Bilder bei. Sie entwirft Bilder des Sehens.
Insofern besteht ein enges Geflecht von Wechselwirkungen zwischen
verschiedenen Bereichen des Wissens, der Technik und der Kunst:
zwischen dem naturwissenschaftlichen Wissen (also unter anderem dem
physiologisch-anatomischen Wissen über das Auge nebst hieran
anschließenden Theorien sowie dem Wissen der physikalischen Optik),
dem Wissen über technische Hilfen des Sehens und deren Effekte, dem
Wissen über Praktiken der Bilderzeugung und der Sichtbarmachung –
und den sprachlichen Verfahren der Thematisierung dieser Prozesse.)
Die technische, wissenschaftliche,
künstlerische und literarische Geschichte des Sehens bilden ein
enges Beziehungsgeflecht. Dieses ist in jüngerer Zeit von
verschiedenen Seiten wissenschaftlich erschlossen worden.
Ergänzungsbedürftig wären diese Untersuchungen zur Geschichte des
Sehens und seiner Medien sowie zu deren Einwirkungen auf Modelle des
Erfahrungsprozesses und der Imagination in Philosophie,
Wissenschaften und Literatur mit Einschränkung vor allem in einer
Hinsicht: Sie müssten mit sprachtheoretischen und metaphorologischen
Ansätzen verknüpft werden. Denn die Geschichte der menschlichen
Weltauslegungen ist auch eine Geschichte der Metaphern, die zur
Beschreibung des erfahrenden Menschen, seiner Gegenstände und ihrer
Wechselbeziehungen gefunden worden sind.
Die Ergänzung von Mediengeschichte
und medienbezogener Diskursgeschichte durch die Metaphorologie würde
es gestatten, den Anteil sprachlicher Darstellungs- und
Deutungsverfahren an der Geschichte der Anthropologie, der
Wissenschaften und der Welt-›Bilder‹ deutlicher zu erfassen.
Entscheidend für die Bedeutung von Sehvorgängen, optischen
Geräten, Bilderzeugungs- und Bildspeicherungsprozessen sind nicht
diese an und für sich (schon weil es aus neuzeitlicher Position
gesprochen kein An-und-für-Sich gibt), sondern ihre
Interpretationen. Diese aber sind sowohl bildlich als auch
sprachlich; sie können unter anderem beschreibend, narrativ,
dialogisch strukturiert sein.
Es gibt keinen reinen Blick, sondern
beim Sehen machen sich Erfahrungsmuster und Konzepte gelten, die
sprachlich verfasst sind, und alles Gesehene findet seinen
Niederschlag auch in sprachlichen Darstellungen. Worte sagen, was
Bilder sind. Es daher ist nicht sinnvoll, den sogenannten ›linguistic
turn‹ gegen den ›pictorial turn‹ auszuspielen.
III.
Die Laterna magica und ihre Semantik
Zwischen der Geschichte des Wissens
über das Auge und das Sehen, der Geschichte menschlicher
Selbstentwürfe als sehendes und sehend seine Welt konstituierendes
Wesen und der Geschichte der Literatur bestehen vielfältige
Wechselbezüge: direkte und indirekte Bezugnahmen, leicht
wiedererkennbare wie auch verschlüsselte Zitate. Die
Literatur-Geschichte der Zauberlaterne zeigt exemplarisch die
Wechselbeziehungen zwischen Modalitäten der Bilderzeugung und der
sprachlichen Darstellung. Texte bestimmen mit, was die Laterna magica
›ist‹. Deren spezifische Bilderzeugungstechnik weist dabei aber
auch neue Wege literarischer Darstellung, und insofern zeigt dieses
Bilderzeugungsverfahren exemplarisch, was das Erzählen von den
optischen Medien ›lernt‹.
In Athanasius Kirchers Ars magna
lucis et umbrae (erschienen zuerst 1646, ein Vierteljahrhundert
später in erweiterter Neuauflage) finden sich diverse
Bilderzeugungsapparate dargestellt, die dem Prinzip der Laterna
Magica folgen, dieses aber variieren.
Technisch bietet Kircher wenig Neues,
doch seine Vorschläge zur Ausgestaltung und zum Einsatz der
Zauberlaterne sind originell. Wie Siegfried Zielinski bemerkt, sind
Kirchers Apparatentwürfe, die nur teilweise realisiert wurden, mehr
als bloß funktionale Modelle und Erläuterungen; sie stimulieren die
Imagination und scheinen dazu einzuladen, sie auf ihr metaphorisches
Potenzial hin zu betrachten. Vor allem ließen sie sich einsetzen, um
bisher Ungesehenes sichtbar zu machen; anders als das Fernrohr
zeigten sie aber nicht die Untiefen des Sternenhimmels, sondern die
Phantasmen kollektiver Imagination. Schon Giovanni da Fontana, ein
Venezianer, Rektor der Kunstakadademie von Padua hatte um 1420
skizziert, wie eine entsprechende Laterne verwendbar ist, um einen
weiblichen Teufel zu projizieren. Die optischen Apparate Kirchers
wirken, als seien sie als Metaphern der Imagination konzipiert.
Dafür spricht unter anderem die Affinität seiner Konstrukte zum
Theater und zur Bühne.
Der Modellcharakter von Kirchers Bilderzeugungsapparaten hat auch
Gustav René Hocke registriert, der mit Blick auf den Entwurf zu
einer Projektionsanlage von einer »Metaphernmaschine« spricht.
Der Naturwissenschaftler Christiaan
Huygens (1629-1695) hat die Zauberlaterne wahrscheinlich als erster
konstruiert. (In seinen Schriften ist erstmals der Entwurf zu einer
vergrößernden Projektionslaterne dokumentiert, auch von ihm sind
Zeichnungen überliefert, auf denen bewegliche Laterna-Magica-Bilder
skizziert wurden.) Der Reisende und Schausteller Thomas Walgensten
(1627-1681) hat die Laterne an verschiedenen Orten Europas vorgeführt
und popularisiert, und der Optiker Johann Franz Griendel (1631-1687)
hat ab 1671 in Nürnberg Exemplare für den Verkauf produziert. Von
Huygens haben sich Skizzen erhalten, die seinen hinterlassenen
Aufzeichnungen zufolge als Bildvorlagen für eine Aufführung durch
die Laterna magica bestimmt waren: sie sind vom Motiv des Totentanzes
inspiriert und zeigen ein Skelett in wechselnden Stellungen. Solche
Gegenstände früher Vorführungen haben die Semantik der
Zauberlaterne maßgeblich mitgeprägt.
Die ›Zauberlaterne‹ ermöglichte
es, ein Publikum mit Bildgeschichten zu erschrecken und
einzuschüchtern. Athanasius Kircher konzipierte sie als Hilfsmittel
der Gegenreformation, das die Teufelsangst der Gläubigen verstärken
sollte. Huygens selbst stand der Laterna Magica aus ähnlichen
Erwägungen heraus kritisch gegenüber, wie aus brieflichen
Äußerungen gegenüber seinem Vater hervorgeht, der ihm um den Bau
eines solchen Apparats gebeten hatte.
Ein Zuschauer Walgenstens, der dessen Laterna 1664 kennenlernte,
nannte sie »lanterne du peur«.
Ein anderer, Charles Francois Milliet Dechales, prägte den
sprechenden Namen ›magische‹ Laterne.
Die schaustellerischen Darbietungen nahmen im Lauf der Zeit an
Raffinement zu. Man verband die Projektion mit der Erzeugung
akustischer Effekte (Geheul, Gepolter) und optischer Verfremdungen
(Rauch, Nebel). Auch konstruierte man um 1790 eine bewegliche
Zauberlaterne, die, hinter einer Projektionsleinwand verborgen, auf
Rädern hin- und hergeschoben werden konnte. Als ein Terminus für
die durch eine Laterna Magica erzeugten Bilder bürgerte sich unter
anderem der Ausdruck »Nebelbild« ein, der auf die (vielfach
gewollte) Unschärfe von Projektionen Bezug nahm.
Die auf das späte 18. Jahrhundert
datierbare Neuorientierung des mit optischen Metaphern operierenden
ästhetisch-poetologischen Diskurses steht in enger Verbindung zu
einer analogen Neumodellierung von Erfahrung und Erkenntnis. Die
Moderne ist durch das Wissen um die Abhängigkeit des Wahrgenommenen
von den Bedingungen der Wahrnehmung selbst geprägt.
»Der Gegenstand der Vorstellung, der
nur die Art enthält, wie ich von ihm affiziert werde, kann von mir
nur erkannt werden, wie er mir erscheint, und alle Erfahrung
(empirische Erkenntnis), die innere nicht minder als die äußere,
ist nur Erkenntnis der Gegenstände, wie sie uns erscheinen,
nicht wie sie (für sich allein betrachtet) sind. Denn es
kommt alsdann nicht bloß auf die Beschaffenheit des Objekts der
Vorstellung, sondern auf die des Subjekts und dessen Empfänglichkeit
an, welcher die sinnliche Anschauung sein werde, darauf das Denken
desselben (der Begriff vom Objekt) folgt.«
Um 1800 setzt sich also ein neues
Paradigma von Erkenntnis durch: Diese wird, stark vereinfachend
gesagt, nicht mehr als Erfassung von Urbildern verstanden, sondern
als aktiver Prozess. Eine sich zur metaphorischen Modellierung dieses
Prozesses anbietende Metapher ist die der Bilderzeugung – genauer:
der Erzeugung künstlicher Bilder ohne Urbild. Die Metapher von
Urbild und Schatten wird ersetzt – unter anderem durch die der
Produktion künstlicher Bilder. Entscheidend für die Laterna Magica
ist, dass die sichtbaren Bilder nicht ‘von außen’ kommen. Ihre
Bildproduktion ist Gleichnis für das Theater einer Imagination, die
mit ihren eigenen ‘inneren’ Bildern arbeitet.
Die metaphorischen Potenziale der »Zauberlaterne« haben sie für
literarische Autoren reizvoll gemacht. Sie qualifizierte sich unter
anderem zum Sinnbild einer ästhetischen Darstellung, die nicht
›Abbild‹ der Natur sein, sondern eigene Bilder erzeugen wollte.
Metaphorisch auswertbar ist sie auch in der Möglichkeit, durch
Projektion bewegliche Bilder zu erzeugen, Bilder durch Überblendung
ineinander übergehen zu lassen und durch Arrangements solcher
Übergänge das Thema des Wandels visuell zu vermitteln. Durch den
Einsatz entsprechender Mittel wird das Bildproduktionsverfahren in
den Dienst der Darstellung von Zeit und Zeitlichkeit genommen. Die
Beweglichkeit und Wandelbarkeit der Welt konnte durch Bilder
augenfällig gemacht werden.
IV. Die Zauberlaterne im Spiegel
literarischer Erzählungen um 1800
Dass sich die Praxis der
Laterna-Magica-Vorführungen, wie sie im 17. Jahrhundert erfunden, im
18. technisch verfeinert wurde, als Metapher anbot, wo es im Zeichen
der Blick-und-Licht-Metaphorik darum
ging, die in der Moderne neu ausgelegte Beziehung des wahrnehmenden
Menschen zur Welt der Erscheinungen (unter
anderem im Sinne einer Alternative zum Höhlengleichnis) zu
modellieren, soll im folgenden an einigen literarischen Beispielen
belegt werden.
IV.1 Schiller: Der
Geisterseher
In
Schillers Geisterseher (der zuerst als Fortsetzungsroman zwischen 1787 und 1789 erschien)
geht es in einer einzigen, aber wichtigen Episode um die Verwendung
einer Zauberlaterne. Der Protagonist, ein protestantischer deutscher Prinz, wird im Roman
mehrfach zum Opfer mystifizierender Manipulationen. Der Prinz gerät
in Italien unter den Einfluss undurchschaubarer Instanzen, die sich
aus zumindest zunächst rätselhaften Gründen für ihn
interessieren. Mehrfach stoßen ihm Dinge zu, die – mit welchem
Recht auch immer – darauf hindeuten, dass andere mehr und weiter
sehen als er. Im Zusammenhang mit den verschiedenen Mystifikationen,
denen er unterliegt, wird eine angebliche Geisterbeschwörung
geschildert. Ein dubioser Illusionist, der »Sizilianer« genannt,
trifft ein kompliziertes Arrangement, um – wie er seinen
getäuschten Opfern weismacht – einen Toten zum Erscheinen und zum
Sprechen zu bringen. Der Prinz darf entscheiden, wen er sehen will,
und es scheint zunächst, als stelle sich der Geist ein, den er
gerufen hat, um Fragen zu beantworten. Die Worte, die der
sizilianische Illusionist seine Geistererscheinung sprechen lässt ,
scheinen auf eine unbeglichene, den Verstorbenen auch posthum noch
umtreibende Angelegenheit hinzudeuten. Das Arrangement ist insofern
geschickt, als die fragmentarisch bleibenden Auskünfte des Geistes
konventionellen Vorstellungen von den Motiven postmortaler
Aktivitäten entsprechen: Es geht um Sorgen über unbereinigte
irdische Dinge.
Der
Illusionist hat die Unschärfe des erscheinen »Geister«-Bildes mit
einkalkuliert; sie gestattet es dem Opfer der Mystifikation, zu
sehen, was es zu sehen erwartet. Die Séance wird unterbrochen durch
das Auftreten einer körperlichen Gestalt, die zunächst ein
tatsächlich aus dem Totenreich aufgestiegener Geist zu sein scheint,
wobei aber niemals geklärt wird, was es mit dieser zweiten
Erscheinung auf sich hat. Die Entlarvung des Laternenspuks als Trick
erzwingt ein sogenannter Armenier, der sich schon vorher aus
rätselhaften Motiven ebenfalls um den Prinzen bemüht hat und nun
den sizilianischen Illusionisten dazu nötigt, die einzelnen
Zurüstungen seines Betrugs aufzudecken.
Die Pointe an der Laternenepisode in Schillers Text besteht darin,
dass die dem Prinzen zuteil werdende »Aufklärung« ihm keineswegs
einen klaren Blick auf die Situation verschafft, in der er sich
befindet. Dass auch der zweite Geist eine Täuschung sein könnte,
wird im Roman diskutiert; die scheinbare Gewissheit des Prinzen, der
Wahrheit auf der Spur zu sein, stellt sich jedoch als Täuschung
höherer Ordnung heraus. Im übertragenen Sinn bleibt er das Opfer
von Vorspiegelungen, befangen in einem vernebelten, dunklen Raum, auf
dessen Wände ihm seine Hoffnungen und Ängste wechselnde Bilder
werfen.
Auch
der Leser selbst wird durch die gewählte Erzählstrategie über die
Hintergründe der geschilderten Ereignisse im Dunkeln belassen. Nicht
nur, dass Schiller die Form des Briefromans nutzt, um uns mit
wechselnden, einander überlagernden und widersprechenden Bildern der
Situation zu konfrontieren; nicht nur, dass durch das Arrangement
einer Briefsequenz von in die Handlung verwickelten Personen in
übertragenem Sinn der Eindruck von ›intern‹ erzeugten Bildern
(des Prinzen und seiner Situation) erzeugt wird. Auch bei der
Darstellung von Figuren, vor allem der des Armeniers, erzeugt
Schiller absichtsvoll Unschärfen.
IV.2
Klingemann: Nachtwachen. Von
Bonaventura
In den unter dem Pseudonym
Bonaventura erschienenen, inzwischen als Werk August Klingemanns
nachgewiesenen Nachtwachen (1804/1805) wird die Laterna magica
nicht nur erwähnt; es bestehen auch weitergehende konnotative
Beziehungen zu ihren Leistungen und Funktionen sowie zu ihrem
semantischen Potential.
An Athanasius Kirchers Überlegungen zur einschüchternden Verwendung
von Projektionsvorrichtungen erinnert der Handlungsverlauf der ersten
Nachtwache (also des ersten Kapitels): Die Leiche eines soeben
verstorbenen Freigeistes soll von mehreren Maskierten unter der
Anführung durch einen Priester entführt werden, um die Gläubigen
durch Vorspiegelung eines übernatürlichen Geschehens
einzuschüchtern.
Die Nachtwachen stehen aber in noch anderer Hinsicht in
Korrespondenz zur Laterna magica. Sie verstehen sich selbst als ein
magisches Theater, auf dessen Bühne die Charaktere als Scheinbilder
ihr substanzloses Leben vorspielen – analog zur Scheinhaftigkeit
aller Dinge und Wesen in der Welt. Dazu passt es insbesondere, dass
der Erzähler ein Laternenträger ist, der den begrenzten Lichtkreis
seiner Lampe in eine an sich dunkle und von keiner Lichtquelle
transzendenten Ursprungs erleuchtete Welt wirft. Er könne, so sagt
der Erzähler und Nachtwächter Kreuzgang einmal wörtlich, »[…]
nichts als Schatten und luftige Nebelbilder vor dem Glase meiner
magischen Laterne hinfliegen lassen.«
Mit der Idee einer beweglichen
Lichtquelle, die unablässig neue Bilder sichtbar werden lässt ,
korrespondiert die episodische Struktur des Textes, der immer wieder
neue Bilder zeigt, im raschen Wechsel von Hell und Dunkel.
Visuelle Erfahrungen und Projektionen bestimmen den Roman also auf
inhaltlicher Ebene wie strukturell: Die Nachtwachen sind eine
Sequenz vorbeifliegender Projektionen ohne logisch-kausale Folge, wie
der Erzähler selbst auch explizit betont;
sie fügen sich nicht zu einer geschlossenen Geschichte zusammen;
teilweise werden zwischen ihnen Überblendungen erzeugt.
IV.3 Hoffmann und die Bilder
E. T. A. Hoffmann wählt zur
metaphorischen Bespiegelung der Imagination vorzugsweise optische
Techniken und Gerätschaften, wobei für ihn zwischen dem
bildproduktiven Vermögen des Künstlers und dem des Rezipienten kein
grundsätzlicher Unterschied besteht. Funktionalisierungen
entsprechender Metaphern und Modelle für Erzählungen, in denen es
um die Schau äußerer und innerer Bilder geht, finden sich bei
Hoffmann in großer Zahl. Der Sandmann stellt das Augenmotiv
ins Zentrum, handelt von den Abgründigkeiten, aber auch von den
produktiven Aspekten des ›Sehens‹, und ein Taschenperspektiv wird
zum Vehikel magischer Transformation von Objekten. In Des Vetters
Eckfenster wird der Panoramablick eines Kranken auf eine so
bewegte wie vieldeutige Welt gleichermaßen zur Metapher eines
Erfahrungsprozesses, in dem die eigenen Objekte aktiv konstituiert
werden, und einer poetischen Fantasie, die daraus erzählerisches
Kapital schlägt.
Hoffmann gehört zwar zu den Autoren,
die terminologisch nicht immer präzise dem Unterschied zwischen
Camera Obscura und Laterna Magica Rechnung tragen,
aber seine Erzählungen lassen erkennen, dass er mit der
Funktionsweise und den optischen Effekten der letzteren durchaus
vertraut war.
Im »Abenteuer der Silvester-Nacht« heißt es etwa mit Bezug auf
eine zeitgenössische öffentliche Darbietung über die Bewegungen
eines Mannes, sie seien als Folge ihrer besonderen Beleuchtung
»beinahe anzusehen […], als führen viele Gestalten aus- und
ineinander, wie bei den Enslerschen Fantasmagorien«.
Im Meister Floh wird die Nutzung eines Projektionsapparates
zum Anlass eines öffentlichen Skandals: Das hier erwähnte
»Nachtmikroskop«, mittels dessen eigenartige Projektionen an die
Wand geworfen werden, ist »einer magischen Laterne ähnlich« und
wirft »den Gegenstand hell erleuchtet mit einer Schärfe und
Deutlichkeit auf die Wand […], die nichts zu wünschen übrig ließ«
(699). Der Schausteller und Flohbändiger Leuwenhoek verwendet diese
dem »Sonnenmikroskop« komplementäre optische Einrichtung, um sein
Publikum mit optischen Tricks zu verblüffen, wie er auch seine
dressierten Flöhe sowie andere Klein- und Krabbeltiere gegen Geld
vorführt. Dabei geraten ihm diese eines Tages außer Kontrolle,
verfahren mit Leuwenhoeks Apparaturen eigenwillig, und das entsetzte
Publikum sieht so mit einem Mal an den Wänden des Saales die
riesigen, täuschend echt wirkenden Projektionen des Leuwenhoekschen
Ungeziefers – bevor die mikroskopisch vergrößerten und
projizierten Urbilder sich zum großen Kummer ihres Besitzers
davonmachen.
In mehr als einer Hinsicht ist die Schilderung der Szene für
Hoffmann programmatisch. Es fällt auf, dass sich der Erzähler die
Perspektive des illudierten Publikums im Saal zu eigen macht: Er
spricht von den Bildern des Leuwenhoekschen Bestiariums, als seien
diese wirklich von erschreckender Größe und als befänden sie sich
inmitten des Saals; er mischt sie erzählend gleichsam unter das
Publikum. Nicht zufällig sehen wir die Erscheinungen mit den Augen
des Protagonisten Pepusch; einleitend ist von dessen Blick die Rede,
abschließend davon, dass dieser niemals etwas »Abscheulicheres […]
geschaut« hat.
Diese Subjektivierung des Erzählerblicks wirkt wie das narrative
Pendant zur visuellen Projektion der hässlichen Tiererscheinungen:
Durch die narrative Darstellung selbst werden die hässlichen
Geschöpfe zu dem, als was sie sich dem Leser darbieten. Insofern
lässt sich das Nachtmikroskop samt Projektionsvorrichtung, also die
spezifisch Leuwenhoeksche Variante der Zauberlaterne, als Analogon
des narrativen Darstellungsverfahrens betrachten, das für Hoffmann
spezifisch ist.
Die These, mit dem
Projektionsverfahren gehe es um eine autoreflexive Metapher der
erzählerischen Darstellung, wird gestützt durch poetologische
Reflexionen Hoffmanns, in denen spezifische visuelle Wahrnehmungsmodi
explizit zu Gleichnissen poetischer Textgestaltung werden. Eine Fülle
einschlägiger Beispiele wäre zu nennen. Sie bestätigen allesamt
die Kerngedanken der Hoffmannschen Poetik: Der spezifisch poetischen
Wahrnehmungsweise entspricht es, die erscheinenden Dinge in einer
spezifischen Beleuchtung und aus einer spezifischen Optik zu sehen,
die als magische Transformation beschreibbar wäre: Lebloses belebt
sich vor den Augen des Betrachters, Heterogenes verbindet sich
miteinander, kategoriale Grenzen werden überschritten. Darstellend
muss es der Künstler darauf anlegen, im Rezipienten einen analogen
Effekt zu erzeugen. Jedes gelungene Bild ist ein Substrat, das sich
vor den Augen des Betrachters belebt, jeder gelungene Text lässt die
Gestalten und Ereignisse, von denen er spricht, vor dem inneren Auge
des Lesers erstehen.
Leinwand und Papier sind nichts als Projektionsflächen für Bilder,
deren Erzeugung letztlich beim Rezipienten selbst liegt.
Die Aufgabe des Künstlers bezogen auf diesen Rezipienten wäre dem
Hersteller einer Zauberlaterne nebst transparenten Bildträgern
vergleichbar: Er liefert die Zutaten für die Bilderzeugung, aber die
Bedienung des Apparats liegt beim Leser selbst. Lesend ist er selbst
mitten in der Welt der Bilder, von diesen umschlossen.
Ein Fremder, der in den
Serapionsbrüdern zusammen mit anderen Ausstellungsbesuchern
ein Bild betrachtet, beschreibt die Stimulationen des Künstlers, die
dessen Aktivität bedingend vorausgehen, in Wendungen, die an die
Technik der Erzeugung von Nebelbildern erinnern. Er spricht von einem
doppelten, einem physischen wie einem psychischen Projektionsvorgang:
Ein Bild erscheint – ein Nebelbild, aus dem Lebendiges zu entstehen
scheint – und mit diesem verbinden sich dann Erinnerungen und
Antizipationen.
In Meister Floh werden verschiedene optische Medien aufgeboten
und kombiniert, um die projektive Tätigkeit der Imagination zu
bespiegeln, darunter Mikroskope, die selbst Gedanken sichtbar machen.
Die Funktion der Laterna magica als Sinnbild psychischer Prozesse
unterstreicht der Erzähler, wenn er über den in Erinnerungen an
Dörtje Elverdink schwelgenden George Pepusch bemerkt, diesem sei,
»als würde in seinem Innern wie in einer Laterna Magica plötzlich
ein anderes Bild vorgeschoben«.
Hoffmanns Texte zeigen exemplarisch:
Die Literatur hat seit den Jahrzehnten um 1800 an der Erkundung des
Blicks maßgeblichen Anteil genommen. Sie hat die Abenteuern des
Sehens dargestellt; sie hat von den Zusammenhängen zwischen Blick
und Wirklichkeitskonstitution erzählt; sie hat vor allem durch
Entwicklung neuer narrativer Strategien die Relativierung aller
Weltentwürfe reflektiert: die Abhängigkeit von der Disposition des
Auges, vom Standort, vom Blickwinkel, von den technisch-medialen
Zurüstungen des Sehens. Und sie hat dabei die metaphorischen
Potenziale der Bildfelder um das ›Auge‹, den ›Blick‹, die
Sehinstrumente und Bildproduktionsmedien erkundet und ausgenutzt, um
über sprachliche Darstellungsprozesse zu reflektieren.
V. Optische Metaphorik und Poetik
im 19. Jahrhundert
Die Entwicklung der technischen
Medien zur Bildproduktion und optischen Erkundung der Welt bestärkten
im ganzen Verlauf des 19. Jahrhunderts das Bewusstsein von der
Blickabhängigkeit, das heißt vor allem von der Ausschnitthaftigkeit
und Kontingenz des visuell wahrgenommenen Welt. Zudem setzte sich die
Vorstellung durch, dass je nach instrumenteller Ausrüstung bzw.
habitueller Seh-Technik das Wahrnehmungsvermögen des Menschen
modifizierbar, und das heißt im Zeichen technologischer Entwicklung
eben vor allem: erweiterbar sei.
Bernd Stiegler hat vielfältige Beziehungen zwischen der Geschichte
der Bildmedien und dem poetologischen Diskurs des 19. Jahrhunderts
nachgezeichnet.
Die Zauberlaterne war nicht in
Vergessenheit geraten. Aber für die Autoren der zweiten Hälfte
dieses Jahrhunderts und danach ist die Zauberlaterne schon darum
nicht mehr dasselbe wie für die des 18. Jahrhunderts in der
Romantik, weil mittlerweile andere Techniken der Bilderzeugung das
Publikum faszinieren. Als eher altmodisches Gerät tritt die Laterna
Magica in einen doppelten Bezug zum Thema Erinnerung. Dass sie dabei
in literarischen Erzählungen durchaus mit neuen technischen Medien
gekoppelt wird, belegt exemplarisch Jules Vernes Roman Le chateau
des Carpathes (1892). Hier erzeugt der Liebhaber einer verstorbenen Sängerin mit
technischen Mitteln das Trugbild seines Idols: Durch einen
Lichtprojektionsapparat lässt er ihre Gestalt wiederauferstehen;
ihre Stimme erklingt von einem Speichergerät akustischer Daten, das
auf die Entwicklung des Phonographen hindeutet.
VI. Strategien der Überblendung
in der literarischen Moderne
VI.1 Strindberg: Tschandala
Der Zugehörigkeit der Zauberlaterne
zu einem vergangenen Abschnitt der Mediengeschichte trägt August
Strindberg in seinem Roman Tschandala (1889)
insofern Rechnung, als er die Handlung im 17. Jahrhundert spielen
lässt . Erzählt wird von der Rivalität zweier unterschiedlicher
Charaktere: Als Repräsentant des trotz seiner höheren
intellektuellen Kompetenz sozial unterlegenen Gelehrtentums hegt
Magister Törner eine Abneigung gegen den Gutsverwalter Jensen, der
in seinen Augen ein Wilder, ein »Tattare« (Zigeuner) ist, einen
skrupellosen Willen zur Macht verkörpert und durch vitale
Sinnlichkeit ebenso wie durch moralische Fragwürdigkeit
charakterisiert ist. Aus der ›zivilisierten‹ Perspektive Törners
ist Jensen ein Schädling. Der Akademiker leidet nicht nur unter
seiner sozialen Inferiorität gegenüber dem Verwalter, sondern mehr
noch darunter, dass es diesem gelungen ist, durch angebotene
Kupplertätigkeit Törners eigenes Triebleben in einen nicht zu
beschwichtigenden Aufruhr zu bringen. Als ein Streit ausbricht, in
dessen Verlauf Törner durch Beschuldigungen in die Enge getrieben
wird, greift er aus Rachsucht zu einer Laterna Magica, von der es
ausdrücklich heißt, dergleichen sei kürzlich durch den
Jesuitenpater Athanasius Kircher erfunden worden, der damit
›jesuitische‹ Zwecke verfolgt habe.
Er malt selbst die zu projizierenden Motive auf Glas, wobei er sich
zunutze macht, dass er von einem Albtraum weiß, der seinen Feind
Jensein quält: In diesem Traum verwandelt sich Jensen nacheinander
in verschiedene Tiere, zuletzt in einen Hund. Törners Glasbilder
entsprechen diesen Traumbildern.
»Während Magister Andreas Figuren
auf seine Gläser malte, quälte ihn doch das unangenehme Gefühl,
dass er sich mit etwas Unehrlichem abgebe. Ihm war zumute, als sei er
Henker, Stäuper, Schinder. Und mit schmutzigen Karten zu spielen,
mit Aberglauben zu spekulieren, während er Philosoph und
Naturforscher war und die Unwissenheit bekämpfte, musste seine
feineren Gefühle verletzen. Aber sollte er denn untergehen, weil er
feinere Gefühle besaß? […] seine Lust zu leben und sein Glaube,
dass er ein höheres Recht aufs Leben habe, erhoben sich gegen diesen
Sklavendienst bei einem Barbaren […]; er musste der Henkersknecht
werden, der dem andern das Fell über die Ohren zog. Er musste in
einem bestimmten Augenblick die ganze Erziehung der Jahrhunderte und
seine eigenen Begriffe von Ehre und Gewissen streichen; er musste
seinen Seelenfrieden opfern, einen Teil seiner Selbstachtung, ohne
die ihm das ganze Leben unerträglich werden würde.«
Törners atavistischer Rückfall in
blanken Hass erzeugt in ihm wilde Bilder. Der Text, mit dem seine
Motive dargestellt werden, ist wie eine Zauberlaterne, die die Dinge
im Licht der subjektiven Empfindungen des Magisters erscheinen lässt
. Was wir lesen, sind dessen Verblendungen, dessen Projektionen.
Niemand stellt hier auktorial richtig, denn es gibt kein wahres Bild
der Verhältnisse zwischen den beiden Feinden. Worte, so zeigt sich
an der Erzählung selbst, haben ähnliche Effekte wie Zauberlaternen,
auch sie lassen Dinge in spezifischem Licht erscheinen. Auch auf der
Ebene der Romanhandlung wird dies bestätigt, etwa wenn sich Magister
Törner bei den Vorbereitungen zu Jensens Tötung das Wort »Tyrann«
in Erinnerung ruft, um seinen Hass aufzufrischen. Er malt sich eine
Szene aus, in der sein Ressentiment visuellen Ausdruck findet.
Die Macht der Sprache beweist sich
schließlich auch im Vernichtungsschlag gegen Jensen. Zwischen den
Rivalen spielt sich zunächst ein Erzähl-Duell ab, bei dem die
Duellanten unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen. Törners
Übermacht beruht auf zweierlei: auf seinem Wissen um die
verführerische Kraft des Erzählens und auf seinem Besitz der
Zauberlaterne. Beides steht in einem Spiegelungsverhältnis
zueinander. Der Magister redet stundenlang auf ihn ein. All das
Wissen, das er aufbietet, um das Gehirn seines Feindes zu ermüden,
erscheint den Bildern der Zauberlaterne gleich.
Später darf Jensen erzählen; er stimuliert dabei die eigene
Fantasie und erzählt sich in einen Wahn hinein. Und dann beginnt die
optische Projektion. Hinter einem Feuer steigt Nebel aus der Wiese,
der sich mit dem Rauch mischt und auf den die Licht-Bilder fallen.
Noch eine andere Projektionsfläche ist aber von vornherein mit im
Spiel, was aber erst am Ende der nun folgenden Vorstellungen relevant
wird: Der Zigeuner hat sich in eine ehemals weiße Wolldecke gehüllt,
die als etwas Helles im Halbdunkel schimmert. (159) (Tatsächlich ist
Jensen ja die Fläche, auf die der Magister seine Vorstellungen vom
Wilden und Feindlichen projiziert.)
Zunächst erschreckt Törner Jensen mit dem auftauchenden und wieder
verschwindenden Bild einer schwarzgekleideten Frau sowie mit weiteren
Erscheinungen vermeintlicher Gespenster. Zuletzt erscheint das Bild
eines Hundes auf der Nebelwand; Jensen beginnt sofort zu bellen, als
habe er es erwartet. Er reagiert auf dieses Schreckbild also mit
spontaner, besinnungsloser Identifikation, womit sich nachträglich
bestätigt, dass seine Traum-Tiere nichts anderes als von Angst und
Inferioritätsgefühlen besetzte Selbst-Bilder gewesen sind.
Jensens eigene Hunde stürzen herbei, und der Magister lässt das
Lichtbild des Hundes auf die weiße Decke fallen, die Jensen umhüllt.
Daraufhin wird der Zigeuner von seinen Hunden totgebissen. »Die
Meute konnte sich nicht irren« (161), heißt es so sarkastisch wie
doppelbödig. Tatsächlich »irrt« die Meute ja, insofern Jensen
kein feindlicher Hund ist. Auf der anderen Seite suggeriert die Szene
dadurch, dass Jensen sich selbst zuletzt als Hund gefühlt hat, eine
gewisse höhere Wahrheit. Der Magister hat seinen Intellekt
eingesetzt, um einer mörderischen Intuition, einem präreflexiven
Verhalten, einem auf vermeintlicher Evidenz statt auf Reflexion
gründenden Tun zum Durchbruch zu verhelfen. (Das Ende Jensens ist
schlecht motiviert: Hunde würden nie auf eine Lichtprojektion
hereinfallen, und sie würden ihren Herrn nicht zerreißen, wenn er
wie ein Hund jault. Da Strindberg sich über diese schlechte
Motivation hinweggesetzt hat, können wir es auch tun. Im übrigen
mag gerade die fehlende Realistik der Szene als Indiz dafür genommen
werden, wie wichtig Strindberg der Projektionsvorgang, nämlich der
von Tierbildern auf die das Opfer umhüllende Decke als solcher war –
auch wider als Plausibilität. Denn es ist ja ein Gleichnis seines
erzählerischen Verfahrens.)
In Törners Gestalt entlarvt sich das
Projekt »Aufklärung« als Bildproduktionsmaschine. Wissen und
gelehrte Diskurse erzeugen Schwindel – in doppeltem Sinn.
Man könnte Tschandala im Licht der Dialektik der Aufklärung
lesen;
die Romanszenen Strindbergs scheinen einige der hier angestellten
Überlegungen förmlich zu illustrieren.
Der letzte Abschnitt der Erzählung
beschreibt das Resultat aus der Perspektive einer vom Magister
verinnerlichten primitiv rassistischen Theorie. Die
Auseinandersetzung zwischen den Kontrahenten wird als exemplarischer
Kampf der Vertreter zweier Rassen um Vorrang ausgelegt, wobei, wie es
heißt, die intellektuelle Überlegenheit des einen diesem zum Sieg
verholfen habe. (Später liest der Magister in der
Universitätsbibliothek die Schriften des weisen Manu, eine
abschließend zitathaft einmontierte Philosophie der verschiedenen
Kasten: Propagiert wird hier die Ausgrenzung einer »Kaste von
Erniedrigten«, deren einzige Existenzrechtfertigung darin liegt,
dass sie den Nährboden bilden, auf dem höhere Kasten wachsen
können.) Der hochgradig ideologische Abschluss, der den Vertreter
der europäischen Gelehrsamkeit im Bann einer prämodernen, ja
prärationalen Ideologie nicht-abendländischer Provenienz zeigt,
kann sich allenfalls selbst kommentieren, denn es ist niemand da, der
dies sonst übernähme. Der Magister selbst bleibt im Bann seiner
Projektionen; die Bilder, in denen er befangen ist, sind Bilder aus
Sprache.
Die auf der Handlungsebene als
Bestandteil einer bösartigen Inszenierung verwendete
Projektionsapparat verweist – zusammenfassend gesagt –
metaphorisch erstens auf eine im Roman stattfindende Projektion
anderer Art, zweitens auf das Darstellungsverfahren Strindbergs.
Törner sieht die Welt im Licht seiner Projektionen. Sein konkreter
Einsatz der Laterna magica korrespondiert dem genau. Jensen ist die
Projektionsfolie für Bilder, die Törner geschaffen hat – wenn
auch immerhin auf Anregung Jensens hin. Der Anstoß ging ja von
dessen Erzählung aus. Diese wieder beruhten auf Traum-Bildern –
die aber ihrerseits auf sprachliche Metaphern verweisen könnten: der
Mensch als Schlange, als Ratte, als Hund. Der Erzähler macht sich,
wie der Text zweitens zeigt – angesichts der Laterna-Szene auf
ostentative und dadurch entlarvende Weise die Sichtweise des
Magisters zu eigen. Die visuelle Projektion wird insgesamt zum
Gleichnis für eine allein auf Projektionen beruhende Interpretation
und Darstellung der Welt.
VI.2 Proust: Jean Santeuil und
À la Recherche du temps perdu
Marcel Proust hat selbst eine Laterna
magica besessen und ist von dieser Apparatur offenbar fasziniert
gewesen. Seine Laterna sowie Bildträger aus seinem Besitz haben sich
erhalten. dass Proust diese Technik der Bilderzeugung in seinem
Hauptwerk A la Recherche du temps perdu literarisch fruchtbar
gemacht hat, ist bekannt; weniger beachtet als die Recherche
wird im allgemeinen die umfangreiche autobiografisch gefärbte
Erzählung Jean Santeuil (1896-1904 entstanden, erst 1952 aus
dem Nachlass publiziert), die als Vorarbeit zur Recherche
gelten kann und in der ebenfalls die Erinnerungen des Autors an seine
Erfahrungen mit der Zauberlaterne gestaltet werden. Auch bei Proust
steht die Laterna Magica für die »Apparatur«, welche im
Kopf-Inneren die Vorstellungen erzeugt. Aber durch die Verwendung
eines technisch veralteten Mediums kommt eine zusätzliche
Bedeutungsdimension hinzu: Auch die Formen der Auffassung und
Verarbeitung von Sinnesdaten erscheint nun als abhängig von
historischen Dispositiven.
Sowohl Jean Santeuil als auch
die Recherche schildern in einer Episode die abendliche
Vorführung von Laterna Magica-Bildern im Zimmer eines Jungen.
Inhaltlich weisen die Laterna-Magica-Episoden beider Romane deutliche
Parallelen auf: Ein privates Zimmer, das metaphorisch auf den
»Innenraum« der Psyche verweist, wird zum Schauplatz regelmäßiger
Darbietungen, die den Zimmerbewohner intensiv beschäftigen, auch
wenn die Darbietung als solche nichts Neues mehr für ihn hat. Von
einer Illudierung kann keine Rede sein: Dass es sich um Bilder
handelt, ist dem Betrachter bewusst, zumal es sich um Illustrationen
zu einer Legende handelt – in beiden Romanen zur Geschichte der
Genoveva von Brabant, die vom bösen Golo bedrängt wird. Der
Vergleich beider Episoden ist gerade wegen ihrer Ähnlichkeit
aufschlussreich. In Jean Santeuil wird erst deutlich später
als in der Recherche über die Zauberlaterne berichtet (im II.
Teil in der Mitte).
Ihr vorangegangen ist ein Bericht über Lektüreerfahrungen, über
die spezifische Wirklichkeitsanmutung literarischer Figuren, über
das, was auf traumhafte Weise unbegriffen bleibt.
In diesem autobiografischen Roman werden die technischen Zurüstungen
der Darbietung recht detailliert beschrieben: das Verrücken der
Möbel, die Verhängung der Fenster, die Vorbereitung der
Schreibtischlampe, deren Schirm entfernt werden muss, um der
eigentlichen Lichtquelle dann die Zauberlaterne aufsetzen zu können.
Jean erwägt, woher die eigentümliche Wirkung der Bilder rührt,
verhält sich zu den Erscheinungen also durchaus reflexiv.
Wichtiger als der Inhalt der in Bildern erzählten Geschichte sind
für ihn die optischen Effekte als solche, die eine Verwandlung des
sonst so vertrauten Zimmers bewirken – Lichteffekte, die an sakrale
Räume un Sagenwelten erinnern. Das Licht des Märchenhaften
erleuchtet die Wände des eigenen Wohnraums; die Legendengestalten
ziehen über seine eigene Zimmertapete.
Statt sich allein auf die Bilder zur Genoveva-Geschichte zu
konzentrieren, sucht Jean unterhalb der Lichtbilder nach den
Strukturen der Projektionsfläche – insbesondere nach Spuren, die
er selbst darauf hinterlassen hat: Ein an der Wand sichtbarer
Wasserspritzer von der Morgentoilette ist ein Zeichen seiner eigenen
Präsenz im Raum, die sich den Lichtbildern einschreibt.
Nicht nur die technische Konstruktion
der Laterne wird erwähnt, sondern auch, dass man sich an ihr die
Finger verbrennen kann – insbesondere aber betont der Erzähler,
dass die Zauberlaterne nur die vertraute Lampe in anderem Gewand ist
und bald in ihre gewohnte Gestalt und Funktion zurückkehren wird.
Als diese Funktion erscheint es, Licht auf Bücher zu werfen,
die man gerade liest – so dass die Betrachtung von
Zauberlaternenbildern und die Lektüre von Büchern hier als
Parallele, von ein und derselben Lampe ermöglichte Tätigkeiten
erscheinen. Sie schließen sich aber aus, denn die von der
manipulierten Lampe erzeugten Geistererscheinungen scheuen das Licht
der Lampe, in deren Schein man lesen kann. Jean, so erfahren wir
weiter, hat keine Bilder an seinen Zimmerwänden hängen; nur die
flüchtigen und temporären Bilder der Zauberlaterne sind ihm
willkommen. Dies ist plausibel, wenn man bedenkt, dass es ihm mehr um
die Effekte des Lichts als um die mimetische Repräsentation von
Gegenständen geht. In den Farb- und Lichtimpressionen sieht er ein
Stück seines Lebens, dessen Wirkung auf ihn anderen als visuellen
Sinnesempfindungen durchaus vergleichbar ist.
Der unmittelbar anschließende Absatz
gilt dem Thema Erinnerung. In bestimmten Sinnesempfindungen scheint
die erinnerte Vergangenheit wie geronnen vorzuliegen und wieder
abrufbar zu werden. Farben, Farbtöne und Lichteffekte sind
Inbegriffe erfahrener Wirklichkeit; das Verfließen der Zeit wird aus
Verfärbungen, Tönungen, insbesondere aus Eindunklungen ablesbar.
Dass sich die zuvor erwähnte Lampe selbst durch ihren täglichen
Gebrauch verfärbt, deutet auf die Zeitlichkeit hin, der das
schauende Ich und die geschauten Dinge gleichermaßen unterworfen
sind. Ein optisches Phänomen – die Einfärbung eines Marmorsockels
mit dem Metallton einer Bronzestatue des Pan – wird hier zum
Gleichnis der Erinnerung, mit der die Gegenwart ‘durchtränkt’
ist. Eine abstrakte Beziehung – die von Gegenwart und Vergangenheit
– wird durch eine sichtbare Erscheinung reflektiert. Die sichtbare
Erscheinung selbst ist aber mehr als nur ein Konglomerat von
Sinnesdaten; sie ist von Bedeutung ihrerseits durchdrungen. Pan lässt
den Mittag assoziieren, also einen herausgehobenen Moment im
Zeitfluss, einen Moment, indem die Zeit angeblich stillsteht –
letztlich also die Zeit selbst als Fluss, der für Momente angehalten
wird, wie es im Erinnern zu geschehen scheint. Proust nimmt Bilder in
den Dienst einer Vermittlung abstrakter Themen wie Zeit und
Erinnerung, aber diese Bilder sind stets ihrerseits schon mit einem
Sinn durchdrungen, der sie zu weitaus mehr denn bloßen Phänomenen
macht. Farb-, Licht- und Lampenmetaphorik werden eingesetzt, um die
ihnen korrespondierenden Bilder auf eine komplexe geschichtliche
Semantik des Sehens, der Vergangenheitsschau, der »Imagination« hin
transparent zu machen, damit aber zugleich ein Modell für die
Effekte erzählerischer Texte zu geben. Ein und dieselbe Lampe kann
verschiedene Sorten von Licht geben; sie kann etwa in den Dienst der
Erzeugung von Geistern wie in den der Lektüre genommen werden. Ein
und dasselbe Zimmer kann beides sein: alltäglicher Wohnraum und
Bühne für Geistererscheinungen. Bildliches und Gedankliches
verschmelzen; Sichtbares und Bedeutung überlagern sich so, wie die
Licht-Bilder die Objekte im Zimmer des Jungen überlagern – und so,
wie die Vergangenheit die Gegenwart durchdringt – vor allem in
Prousts eigenem Text. (Die der Zauberlaterne gewidmeten Passagen aus
Jean Santeuil ließen sich noch weitläufiger kommentieren,
schon weil jedes der genannten Dinge und jegliche Erscheinung in
hohem Maße semantisiert und mit metaphorischen Bedeutungen
konnotiert sind.)
Betrachtet man die entsprechende
Passage aus der Recherche, so werden die Konnotationen, die
sich an Lampe und Licht, Lichtbilder und Zimmer, Farben und
Erscheinungen knüpfen, zwar wiederum abgerufen, aber bei verändertem
Arrangement. Unmittelbar vor der Laterna-Episode spricht der Erzähler
von den nächtlichen Rekonstruktionen des vergangenen Lebens und
seiner Schauplätze.
Die Platzierung der Episode fast am Anfang des Romans wirkt
programmatisch in einem Roman über Erinnerungsprozesse und ihre
Bindung an Bilder und Texte. Marcel (der hier ein namenloses Ich ist
wie fast überall im Roman) nennt einen Anlass für die Darbietung:
seinen allabendlichen Kummer über die bevorstehende Trennung von der
Mutter, der durch die Vorführung der Bilder kompensiert werden soll,
dabei aber ironischerweise eher den gegenteiligen Effekt erzielt. Das
Kind empfindet die Veränderung seines vertrauten Zimmers durch die
Projektionen – die auch hier im Mittelpunkt der Schilderung steht –
nämlich als zusätzlich beklemmend.
Während in Jean Santeuil die technischen Rahmenbedingungen
der Projektion erläutert werden, scheint sich der Recherche-Erzähler
hierfür wenig zu interessieren. (Zu solchem Verzicht auf die
distanzerzeugende Erklärung des Illudierungsverfahrens passt es,
dass der Ich-Erzähler von den projizierten Figuren Golos und
Genovevas so spricht, als seien sie wirklich präsent.) Wiederum
unterstreicht er das Farbenspiel, doch zusätzlich erscheint dieses
unterlegt durch eine Stimme, die einen Text verliest: Die Großmutter
liest die Geschichte der Genoveva vor. Aus der Konkurrenz von
Lichtbildern und gelesenem Buch im Jean Santeuil ist ein
Text-Bild-Ensemble geworden, zumal auch den Name »Brabant« für
Marcel einen Farbwert hat. Wie Geister durchqueren die projizierten
Erscheinungen sein Zimmer, und wiederum unterstreicht er in seiner
Schilderung den eigentümlichen Überblendungs- und
Verfremdungseffekt, denn die Projektion der Bilder auf die
Gegenstände des Zimmers bewirkt. Die Beschreibung ist hochgradig
suggestiv: Golos projizierter Körper schluckt die Objekte, auf
welche er projiziert wird, wie ein »Knochengerüst« in sich hinein,
weiß selbst Türknöpfe zu verdauen. Nicht nur, dass die Mama dem
Beobachter der Leidensgeschichte Genovevas durch einen Akt der
Projektion in anderem Licht erscheint, auch er selbst nimmt an deren
Schicksal insofern teil, als Golo für ihn ein Eindringling ist.
Indem der Erzähler im Jean
Santeuil seine abstrahierenden Reflexionen über das Erinnern an
die Laternenepisode bindet, stellt er seine Lampe gleichsam von
Zauberlicht auf Lesebeleuchtung um. Die Schilderung der
Laterna-Magica-Vorführung in der Recherche fällt
demgegenüber subjektiver aus, da hier auf die explizite Verknüpfung
des Gesehenen mit Gedanken über das Erinnern verzichtet wird; das
Laternen-Bild spricht für sich, der Leser befindet sich selbst
gleichsam eher innerhalb der Vorführung. Marcels Erinnerungen an die
Laternendarbietung münden in eine neuerliche Projektion ein: Die
Bilder Mamas, Genovevas und des eigenen Ichs werden
übereinandergeblendet.
Die Jean Santeuil-Passage ist
nicht weniger raffiniert als die der Recherche. In seinem
späteren Werk aber praktiziert Proust deutlicher als im
früheren eine erzählerische Überblendungstechnik, die er in Jean
Santeuil noch vorwiegend beschrieben hat. Ist dort der
Effekt, der durch Projektion der Licht-Bilder auf die vertrauten
Zimmerwände und Einrichtungsgegenstände erzeugt wird, Gegenstand
reflexiver, medienbewusster Schilderung, so lässt Marcel Golo selbst
durch sein Zimmer reiten – passend zu seiner Erzähler-Rolle als
Urheber immer neuer Projektionen, bei denen sich vertraute Objekte
durch Überlagerung von Bildern heterogener Provenienz in neuem Licht
zeigen. Die Überlagerung und Verschmelzung gegenwärtiger Dinge und
wandernder Lichtbilder ist vor allem Metapher der an sinnliche
Stimulationen geknüpften Erinnerungsprozesse. Dass sich bei Proust
die Sprache des Erzählers selbst als ›Laterna magica‹ eingesetzt
findet, sei an einem Beispiel illustriert: Marcel, älter geworden,
darf die Pariser Oper besuchen. Hier – im Zauberlicht des Theaters
– erscheinen ihm die Opernbesucher selbst wie Bewohner der See, und
wenn er sie beschreibt, dann ist es, als beschreibe er eine
Unterwasserwelt oder ein großes Aquarium. Zwei Bildbereiche – die
Welt des eleganten Opernpublikums und die der Fische, Seevögel und
Korallenriffe – erscheinen übereinander projiziert. Man erkennt
sie beide jeweils für sich, aber wenn Marcel über sie spricht, dann
verschmelzen sie.
Die Recherche bespiegelt
sowohl Prozesse des Erinnerns als auch die Künste und ihre
darstellerischen Verfahren. Als Metapher findet sich das Motiv der
Zauberlaterne nicht zuletzt in Marcels Bericht über die Faszination,
die er angesichts der Gemälde Elstirs empfindet. Dessen Atelier
erscheint ihm wie bedeckt mit Bildern, die aus dem Kopf des Künstlers
herausprojiziert wurden.
»Doch als ich mich nun wirklich im
Angesicht der Bilder von Elstir befand, vergaß ich völlig die
Stunde des Mahls; wie in Balbec hatte ich wieder die Fragmente dieser
Welt mit ihren unbekannten Farben vor mir, die nur die Projektion
gemäß der ganz besonderen Sehweise des großen Malers waren, welche
seine Wort keineswegs vermittelten. Die mit den von ihm geschaffenen
Gemälden bedeckten Teile der Wand, die alle miteinander
harmonierten, waren wie die durchleuchteten Bilder einer Laterna
magica, die in diesem Fall der Kopf des Künstlers selbst gewesen
wäre, dessen Eigenart ein Fremder nicht hätte erraten können,
solange er nur den Menschen kannte, das heißt, solange er nur die
auf die Lampe aufgesetzte Laterne ohne die bunten Gläser sah.«
Elstir gehört zu den Künstlerfiguren
in der Recherche, an deren Wirken exemplarisch das Wesen der
Kunst deutlich wird. In dieser Hinsicht spiegeln einander alle Künste
wechselseitig – die des Malers die des Schriftstellers und
umgekehrt. Jeder Künstler bietet eigene Bilder der Welt. Wer sich
auf sie einlässt, erlebt die eigene Welt neu – neu bebildert.
VII. Die wechselseitige Erfindung der
Künste
Medien der Erzeugung von Bildern
besitzen als solche eine historisch sich wandelnde
Bedeutungsdimension; mit ihnen verbinden sich wechselnde
Konnotationen, meist im Sinne einer semantischen Anreicherung. Das
literarische Schreiben kommt sich in den erwähnten Beispielen durch
Bezugnahme auf Bilderzeugungsverfahren und Bildmedien selbst auf die
Spur. Es orientiert sich, genauer gesagt, in diesen Beispielen am
Darstellungsverfahren der Laterna magica – aber eben, insofern
diese sprachlich kontextualisiert, ausgelegt, mit semantischen
Potenzialen angereichert ist.
Die Literaturgeschichte der
Zauberlaterne zeigt exemplarisch: Die Literatur nimmt visuelle
Darstellungstechniken auf, um sich selbst in ihrem Verhältnis zur
Wirklichkeit und als Form der Darstellung zu beschreiben. Dabei geht
es nicht um die einfache Übertragung von Darstellungstechniken oder
gar von Sujets, sondern um die Suche nach Modellen zur Reflexion von
»Darstellung« überhaupt.
Die These einer wechselseitigen
Erfindung der Künste, einer wechselseitigen Modellierung der Künste
und ihrer Medien, besagt: Es gibt kein Medium an sich. Was
immer als in der diskursiven Praxis als ein »Medium« gilt, ist eine
Funktion komplexer Ausdifferenzierungen gegenüber anderen »Medien«,
und was immer man den einzelnen Medien als Spezifika und Leistungen
zuschreibt, ist ebenfalls Produkt entsprechender
Differenzierungsprozesse und wechselseitiger Bespiegelungen. Alle
Darstellungsformen konstruieren sich wechselseitig, nicht allein
durch implizite Absetzung gegeneinander, sondern oft genug auch durch
explizite Thematisierung, oder durch die verwendete Metaphorik.
Richard Rorty hat den Begriff des
»Vokabulars« verwendet, um sprachgegründete Komplexe von Ideen,
Weltanschauungen, Theoremen zu bezeichnen, und für ihn liegt die
entscheidende Progression im menschlichen Umgang mit der Welt in der
Entwicklung neuer Metaphernkomplexe. Die Differenz zwischen
wissenschaftlichem und literarischem Sprachgebrauch wird im Zeichen
dieser Idee eingeebnet. Jeder Wechsel der »Vokabulare« spiegelt
neue Bedürfnisse der praktischen Orientierung, nicht aber eine
tatsächliche Annäherung an die Dinge; in diesem Sinn gibt es für
Rorty keinen Erkenntnisfortschritt in Richtung sich steigernder
Adäquation, ja letztlich nicht einmal eine Differenz von ‘Realität’
und Erscheinung.
Aber es gibt bessere und schlechtere sprachliche Instrumentarien zur
Beschreibung von Erfahrungen, und diese müssen in Bewegung bleiben,
um sich neuen Bedürfnissen anpassen zu können.
In diesem Sinn ist die Geschichte der ästhetischen Autoreflexion
sowie der Medienästhetik eine Geschichte sich wandelnder Vokabulare,
sich wandelnder Metaphoriken. Mit neuen optischen Medien,
Bilderzeugungstechniken und visuellen Darstellungs- oder
Simulationsverfahren wird, so die These, der Literatur ein neues oder
erweitertes Reservoir an Spiegeln – ein angereicherter
Metaphernfundus – bereitgestellt, mit deren Hilfe sie es
unternehmen kann, sich über selbst ins Bild zu setzen, von sich
selbst ein Bild zu gewinnen.
Literatur
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