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Weltmarkt
und Geopolitik von Bob
Jessop
Imperialismus ist ein irreführender Name, hinter dem sich das Konzept des Weltmarktes
verbirgt. Sergio Bologna 1993
In der Zeit, als Marx und Engels schrieben,
bezog sich der Begriff ›Imperialismus‹ in der Regel auf politische Regime, an deren Spitze solche Figuren wie
Napoleon und Louis Bonaparte standen. Nur selten diente der Begriff der
Beschreibung sich entwickelnder internationaler wirtschaftlicher oder
politischer Beziehungen auf der Ebene des Weltmarktes. Das geschah erst später – was Lenins systematische
Vernachlässigung von Marx’ und Engels’ Beschäftigung mit dem Phänomen des
Imperialismus allerdings nicht rechtfertigt.
In diesem Sinne hat Sergio Bologna (siehe oben
durchaus recht mit seinem Hinweis, dass der Begriff des Weltmarkts für die
Untersuchung des Imperialismus der umfassendere ist, was die Schlussfolgerung
nahe legt, dass wir uns den Ansichten von Marx und Engels über den
Imperialismus in erster Linie über den Weg ihrer Bemerkungen hinsichtlich des
Weltmarktes nähern sollten. Ab Mitte der 1840er Jahre bis zu ihren letzten
Arbeiten maßen sie dem Weltmarkt immer große Bedeutung bei. Der letzte Band von
Marx’ geplanter sechsbändiger Ausgabe des Kapital sollte dem Weltmarkt
gewidmet werden. Gerade in diesem Zusammenhang beschrieb Marx die Entfaltung
des Weltmarkts als dem Konzept des Kapitals innewohnend. Es überrascht daher
nicht, wenn eine nähere Betrachtung ihrer gesammelten Werke, einschließlich
ihrer journalistischen Beiträge, ihrer Briefwechsel und ihrer Notizen, eine
stetige Beschäftigung mit der Dynamik des Weltmarkts, seinen Widersprüchen,
seiner ungleichen Entwicklung und seinen Auswirkungen auf das dynamische Zusammenspiel
zwischen internationaler Politik und Klassenkampf zum Vorschein bringt.
Marx und Engels
schrieben auch ausgiebig über internationale Beziehungen und geopolitische
Fragen in einem weiteren Sinne. Unter den vielen von ihnen behandelten Themen
finden sich: (1) traditionelle Imperien, darunter Österreich-Ungarn, das Osmanische Reich und das zaristische
Russland; (2) die ›östliche‹ Frage; (3) die Entstehungsgeschichte des modernen Nationalstaats mit
seinem Monopol über die organisierte Gewalt; (4) die Entstehung von Nationen
und Nationalismus; (5) die Frage, wie der internationale Kontext die Art und Weise
sowie den Zeitpunkt der Entstehung von einzelnen Nationalstaaten beeinflusste;
(6) die internationale Dimension der bürgerlichen Revolutionen als europaweitem
Prozess; (7) die Rolle des Krieges als Mittel der Vollendung bürgerlicher
Revolutionen (z.B. des amerikanischen Bürgerkrieges oder der
französisch-preußischen Konflikte der 1860er Jahre); (8) die Ursprünge der
Theorie des Kräftegleichgewichts in den modernen internationalen Beziehungen;
(9) die unterschiedliche internationale Rolle der großen Kontinentalmächte auf
der einen und der kleineren europäischen Staaten auf der anderen Seite; (10)
der Kolonialismus des 19.Jahrhunderts, der Imperialismus und die
Befreiungsbewegungen in Asien und Lateinamerika; (11) die wechselnden Formen
der Wirtschaftsdiplomatie und die Rolle organisierter Gewalt als eine ›ökonomische Macht‹, als Hebel der ursprünglichen
Akkumulation sowohl im Ausland als auch im Inland; (12) Verträge und
internationales Recht; (13) die finanzielle Interdependenz von Fürsten und
Bankiers in Europa und die Bedeutung der internationalen haute finance;
(14) die Wechselbeziehungen zwischen Krieg, Militärstrategie und inländischen
Klassenkämpfen; (15) die Entwicklung eines Weltwährungssystems und seine
Auswirkungen auf zwischenstaatliche Beziehungen; (16) Nationen, Nationalismus
und nationale Selbstbestimmung und ihre Auswirkungen auf die
Kräfteverhältnisse; (17) die Verknüpfung zwischen verschiedenen internationalen
Strategien – Freihandel, Protektionismus, militärische Expansion – und dem
Charakter der inländischen Wirtschaft; (18) die Auswirkungen unterschiedlicher
Methoden der Finanzierung des Krieges auf dessen Austragung; (19) die Logik der
Rüstungskonkurrenz und die Problematik des ›Gleichgewichts des Schreckens‹, um einen heutigen Begriff zu
verwenden, in einer Ära totaler Kriege zwischen Industrienationen; und vieles
andere mehr auf dem Gebiet internationaler Beziehungen.
Allerdings lieferten weder Marx noch Engels
einen kohärenten theoretischen Ansatz zur Erklärung der widersprüchlichen
Dynamik des Weltmarkts oder der allgemeinen Merkmale der Geopolitik. Tobias ten
Brinks Werk über Geopolitik.Geschichte und Gegenwart kapitalistischer Staatenkonkurrenz setzt diese beiden Anliegen hinsichtlich der horizontalen und
vertikalen Dimensionen des Imperialismus in Beziehung. Es ist das große
Verdienst dieses ausgezeichneten Buches, dass es aufzeigt, wie eine solche
theoretische Herangehensweise entwickelt und vor allem mit den grundlegenden
Konzepten der kapitalistischen Produktionsweise begründet werden kann. Dass
dies eine wichtige Aufgabe ist, legt uns eine frühe Rede von Marx über den
Freihandel nahe, in der er erklärte: »Alle diesbezüglichen Gesetze, die in den
klassischen Werken der Ökonomie dargelegt sind, treffen nur unter der Voraussetzung
wirklich zu, dass der Handel von allen Fesseln befreit ist, dass die Konkurrenz
völlig unbehindert ist, nicht nur in einem Lande, sondern auf dem ganzen
Erdball. Diese Gesetze, die A. Smith, Say und Ricardo aufgedeckt haben –
Gesetze, welche die Produktion und die Verteilung des Reichtums bestimmen – werden in
demselben Maße zutreffender, genauer und hören auf, bloße Abstraktionen zu
sein, wie sich der Freihandel durchsetzt. Auch die Meister der Wissenschaft erklären
ständig, wenn sie ein ökonomisches Thema behandeln, ihre Schlussfolgerungen beruhten
samt und sonders auf der Voraussetzung, dass der Handel von allen noch
bestehenden Fesseln befreit werde. Sie handeln durchaus richtig, wenn sie diese
Methode anwenden; denn sie schaffen keine willkürlichen Abstraktionen, sie
schalten nur aus ihrem Denken eine Reihe von zufälligen Umständen aus. So kann
man mit Recht sagen, dass die Ökonomen – Ricardo und andere – mehr über die
Gesellschaft wissen, wie sie sein wird,
als über die Gesellschaft, wie sie
ist. Sie wissen mehr über die Zukunft als über die Gegenwart.«
Das suggeriert, dass mit zunehmender
Integration des Weltmarkts die Widersprüche und Gesetze der Kapitalakkumulation
sich umso wirkungsvoller durchsetzen. Ten Brink untersucht diese Widersprüche
und Gesetze auf Grundlage seiner eigenen gekonnten Herausschälung und
Rekonstruktion der Logik der kapitalistischen Produktionsweise. Mit seiner
umfassenden kritischen Konzeption und Darstellung sowie seinem stets sorgsamen
Umgang mit den Fragen der historischen Periodisierung vermittelt dieses Werk
ein besseres Verständnis der imperialistischen Vergangenheit, des gegenwärtigen
Weltmarkts und seiner mit ihm zusammenhängenden Geopolitik, und, das hoffe ich,
auch der Möglichkeiten, unsere Zukunft zum Wohl der Menschheit und nicht allein
des Kapitals zu gestalten.
Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis und noch
mehr eine eingehendere Beschäftigung mit dem Text verdeutlichen, dass dieses
Buch auf einer detaillierten und kritischen Kenntnis einer umfangreichen
theoretisch-historischen Literatur sowie neuerer empirischer Forschungsergebnisse
beruht und diese auf innovative Weise in den theoretischen Rahmen zu integrieren
weiß. Es erneuert auf erfolgreiche Art und Weise den Begriff des Imperialismus
als ein wissenschaftliches Konzept und bewahrt dessen Analyse vor einem
exzessiven Gebrauch als oberflächlichem Kampfbegriff.
Ten Brink entwickelt einen spezifischen, geschichtlich informierten,
form-analytischen Ansatz zur Untersuchung der aufeinander folgenden Phasen des
Imperialismus, von seinen frühen Erscheinungen über seine ›klassische‹ Phase
bis hin zu gegenwärtigen Entwicklungen. Dabei ist er stets bedacht, seine
Analyse in den Rahmen eines breiteren Entwurfs des Charakters der kapitalistischen
Produktionsweise, der widersprüchlichen Dialektik von Konflikt und Kooperation
und der vertikalen bzw. horizontalen Dimensionen des Weltmarkts und
zwischenstaatlicher, bzw. erweitert, inter-gesellschaftlicher Beziehungen
einzubetten. Dies findet seinen Niederschlag in einer Periodisierung von Weltordnungen, die über einseitige
ökonomische bzw. politische Analysen hinaus reicht und das Zusammenspiel
geo-ökonomischer und geopolitischer Faktoren im Rahmen der entstehenden
globalen sozialen Formation (einschließlich, beispielsweise, der Systemkonkurrenz zwischen dem Westen und
dem Sowjetblock) synthetisiert. All dies wird auf innovative und in einer zum
Nachdenken anregenden Weise in Bezug gesetzt sowohl zur geopolitischen als auch
zur geo-ökonomischen Dynamik und ihrer differierenden Artikulation in
verschiedenen historischen Phasen.
Ten Brink entwickelt diesen Ansatz durch die
systematische Integration der Zeitlichkeit und der Räumlichkeit (besser, des
Raum-Zeitlichen) in seine Analyse, wobei er ein besonderes Augenmerk auf die
Logik der Akkumulation und des territorialen Konflikts, auf die Erfordernisse
der erweiterten Reproduktion des Kapitals und der Selbstreproduktion der Einzelstaaten
wirft. Das gelingt ihm dank seiner sorgfältigen Unterscheidung zwischen Ökonomie
und Politik und seiner strikten Analyse ihrer jeweiligen operationellen
Autonomie und zugleich ihrer wechselseitigen materiellen Abhängigkeit in einer
Weltordnung, die auf unterschiedliche Weise von der Logik der
Kapitalakkumulation beherrscht wird.
Den ersten Teil des Buches kennzeichnen ein
präzises und differenziertes Verständnis der Theorien des Imperialismus, eine
klare und gut begründete Periodisierung ihrer Entwicklung und eine nuancierte
Kritik. Der Autor stellt nicht nur die verschiedenen Herangehensweisen zur
Untersuchung des Imperialismus anschaulich dar, sondern nimmt auch in einer
kritischen und aufschlussreichen Weise Stellung zu den Verdiensten und
Defiziten der verschiedenen Ansätze sowie dem Erfordernis einer adäquateren
Herangehensweise innerhalb eines erweiterten theoretischen und historischen
Rahmens. Die Analyse ist prägnant und informativ, sie gibt uns einen Überblick
über eine breite Palette der einschlägigen Literatur einschließlich der
wichtigsten Positionierungen der Gegenwart. Aufgrund ihrer Ausgewogenheit
gehört sie zudem zu den besten Traditionen der Kritik.
Im zweiten Teil entwickelt ten Brink diese
Kritik in einer bemerkenswerten synthetisierenden Darstellung der Dynamik der
kapitalistischen Akkumulation im imperialistischen Zeitalter auf Grundlage
seiner von Marx inspirierten form-analytischen Betrachtung der Kapitalkreisläufe
und der Bildung des Weltmarkts bei gleichzeitiger Pluralität der
kapitalistischen Einzelstaaten fort.
Dies wird entlang des Arguments entfaltet, dass der Kapitalismus raum-zeitlich
betrachtet ein global fragmentiertes System ist, was wiederum einschneidende Auswirkungen
auf die Inter- und Transnationalisierung staatlicher Strukturen, der Politik
und der ›policies‹ auf dem Weltmarkt mit weiteren Implikationen für das globale
politische System, die internationale Politik und internationale Institutionen
hat. Besonders wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass ten Brink jede Ableiterei vermeidet, indem er seine
Herangehensweise sowohl form-analytisch begründet, d.h. aufzeigt, wie die Form
die Funktion problematisiert, als auch indem er neben den geo-ökonomischen
Momenten der Akkumulation im Weltmaßstab deren geopolitische Momente betont,
und indem er auf die ungleichmäßige Entwicklung von Weltordnungen verweist. Ein
Schlüsselelement bildet seine Analyse der Produktion von Raum, räumlichen
Matrizes und seine Darstellung der Logik der Territorialisierung,
De-Territorialisierung und Re-Territorialisierung. Seine Ablehnung einfacher
Ableitungen bedeutet, dass der Autor den Beziehungen zwischen Struktur und
Handeln ein hohes Gewicht beimisst. Nach einem kurzen theoretischen Exkurs über
die allgemeine Streitfrage des Verhältnisses von Struktur und Handeln erhält
der Leser eine wohlbegründete und aufschlussreiche Analyse internationaler
Ordnungen und Institutionen. Die Argumentation wird mit einer Reihe von
Einsichten marxistischer Theoretiker der Nachkriegszeit wie Brenner, Harvey,
Lefèbvre, Poulantzas, Rosenberg und Teschke verknüpft, und es wird Bezug genommen
auf das (von Poulantzas inspirierte und in verschiedenen Zusammenhängen weiter
entwickelte) Argument, dass die internationale Ordnung eine materielle Verdichtung
eines sich verschiebenden Kräfteverhältnisses zweiter Ordnung darstellt. Dies
führt zu einer klaren Darstellung der verschiedenen raum-zeitlichen
Konfigurationen in der Entwicklung des Imperialismus – dem klassischen
Imperialismus, dem Supermächte-Imperialismus und der ›neuen Weltordnung‹ – in
Verbindung mit den Modalitäten und Rhythmen der Kapitalakkumulation, den Formen
und Ausmaßen der Internationalisierung des Kapitals, den Ausprägungen des Wettbewerbs,
dem Umfang und der Gestaltung der Transnationalisierung von
Klassenverhältnissen, der wechselhaften Artikulation des Ökonomischen und des
Politischen sowie den Übergängen zwischen hegemonialen und nicht-hegemonialen
Phasen.
Der dritte Teil unterscheidet zwischen weichen
(relativ friedlichen) und harten (mit größeren Zwangsmaßnahmen einhergehenden)
Formen der Geopolitik, um dann auf Grundlage des relativen Gewichts beider
Formen zueinander die zuvor geleistete Untersuchung historischer Phasen noch
einmal auszuwerten. Auf diesem Fundament identifiziert ten Brink eine für die
gegenwärtige Epoche charakteristische Form des Imperialismus: den
markt-liberalen Etatismus. Dies ist eine neuartige Mischung harter und weicher
Geopolitik, die als Variation einer vertrauten Formel angesehen werden kann:
freier Markt und starker Staat. Er
untersucht daran anschließend dessen Bedeutung für den amerikanischen
Imperialismus, die konfliktträchtige transatlantische Partnerschaft und die
Herauskristallisierung einer neuen Konfliktlinie zwischen den USA und China.
Auch wenn diese Arbeit auf mehrere
theoretische Traditionen zurückgreift, ist sie alles andere als eklektisch. Ten
Brink vertritt eine profilierte Eigenposition,
die er mit Sorgfalt entwickelt und anwendet. Es gibt eine Reihe kleinerer
Auslegungsfragen, an denen ten Brink und ich sicherlich fruchtbare Diskussionen
haben könnten. Diese sind jedoch unbedeutend verglichen mit der übergreifenden
Erklärungskraft seiner Untersuchung und Argumentation und der gewaltigen
Leistung, die hier vollbracht wurde. Alles in allem stellt das Buch einen bedeutenden
Beitrag zur kritischen Re-Interpretation des Phänomens des Imperialismus und
seinen gegenwärtigen Entwicklungen sowie neuerer Formen staatlicher
Interventionen dar. Ich empfehle dieses Buch wärmstens allen, die sich nicht
nur für die Geschichte der kritischen politischen Ökonomie interessieren, sondern
auch für die Dynamik des gegenwärtigen Weltmarkts.
Der hier mit
freundlicher Genehmigung des Autors und des Verlages veröffentlichte Beitrag
erschien soeben als Vorwort zu Tobias ten Brink: Geopolitik. Geschichte und
Gegenwart kapitalistischer Staatenkonkurrenz, Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot 2008.
Verlagsinformationen hier:
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