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Jessop: Über ten Brink PDF Drucken E-Mail
25.10.2008
Weltmarkt und Geopolitik

 von Bob Jessop

Imperialismus ist ein irreführender Name,
hinter dem sich das Konzept des Weltmarktes verbirgt.
Sergio Bologna 1993

In der Zeit, als Marx und Engels schrieben, bezog sich der Begriff ›Imperialismus‹ in der Regel auf politische Regime, an deren Spitze solche Figuren wie Napoleon und Louis Bonaparte standen. Nur selten diente der Begriff der Beschreibung sich entwickelnder internationaler wirtschaftlicher oder politischer Beziehungen auf der Ebene des Weltmarktes. Das geschah erst später – was Lenins systematische Vernachlässigung von Marx’ und Engels’ Beschäftigung mit dem Phänomen des Imperialismus allerdings nicht rechtfertigt.1 In diesem Sinne hat Sergio Bologna (siehe oben2 durchaus recht mit seinem Hinweis, dass der Begriff des Weltmarkts für die Untersuchung des Imperialismus der umfassendere ist, was die Schlussfolgerung nahe legt, dass wir uns den Ansichten von Marx und Engels über den Imperialismus in erster Linie über den Weg ihrer Bemerkungen hinsichtlich des Weltmarktes nähern sollten. Ab Mitte der 1840er Jahre bis zu ihren letzten Arbeiten maßen sie dem Weltmarkt immer große Bedeutung bei. Der letzte Band von Marx’ geplanter sechsbändiger Ausgabe des Kapital sollte dem Weltmarkt gewidmet werden. Gerade in diesem Zusammenhang beschrieb Marx die Entfaltung des Weltmarkts als dem Konzept des Kapitals innewohnend. Es überrascht daher nicht, wenn eine nähere Betrachtung ihrer gesammelten Werke, einschließlich ihrer journalistischen Beiträge, ihrer Briefwechsel und ihrer Notizen, eine stetige Beschäftigung mit der Dynamik des Weltmarkts, seinen Widersprüchen, seiner ungleichen Entwicklung und seinen Auswirkungen auf das dynamische Zusammenspiel zwischen internationaler Politik und Klassenkampf zum Vorschein bringt.

Marx und Engels schrieben auch ausgiebig über internationale Beziehungen und geopolitische Fragen in einem weiteren Sinne. Unter den vielen von ihnen behandelten Themen finden sich: (1) traditionelle Imperien, darunter Österreich-Ungarn, das Osmanische Reich und das zaristische Russland; (2) die ›östliche‹ Frage; (3) die Entstehungsgeschichte des modernen Nationalstaats mit seinem Monopol über die organisierte Gewalt; (4) die Entstehung von Nationen und Nationalismus; (5) die Frage, wie der internationale Kontext die Art und Weise sowie den Zeitpunkt der Entstehung von einzelnen Nationalstaaten beeinflusste; (6) die internationale Dimension der bürgerlichen Revolutionen als europaweitem Prozess; (7) die Rolle des Krieges als Mittel der Vollendung bürgerlicher Revolutionen (z.B. des amerikanischen Bürgerkrieges oder der französisch-preußischen Konflikte der 1860er Jahre); (8) die Ursprünge der Theorie des Kräftegleichgewichts in den modernen internationalen Beziehungen; (9) die unterschiedliche internationale Rolle der großen Kontinentalmächte auf der einen und der kleineren europäischen Staaten auf der anderen Seite; (10) der Kolonialismus des 19.Jahrhunderts, der Imperialismus und die Befreiungsbewegungen in Asien und Lateinamerika; (11) die wechselnden Formen der Wirtschaftsdiplomatie und die Rolle organisierter Gewalt als eine ›ökonomische Macht‹, als Hebel der ursprünglichen Akkumulation sowohl im Ausland als auch im Inland; (12) Verträge und internationales Recht; (13) die finanzielle Interdependenz von Fürsten und Bankiers in Europa und die Bedeutung der internationalen haute finance; (14) die Wechselbeziehungen zwischen Krieg, Militärstrategie und inländischen Klassenkämpfen; (15) die Entwicklung eines Weltwährungssystems und seine Auswirkungen auf zwischenstaatliche Beziehungen; (16) Nationen, Nationalismus und nationale Selbstbestimmung und ihre Auswirkungen auf die Kräfteverhältnisse; (17) die Verknüpfung zwischen verschiedenen internationalen Strategien – Freihandel, Protektionismus, militärische Expansion – und dem Charakter der inländischen Wirtschaft; (18) die Auswirkungen unterschiedlicher Methoden der Finanzierung des Krieges auf dessen Austragung; (19) die Logik der Rüstungskonkurrenz und die Problematik des ›Gleichgewichts des Schreckens‹, um einen heutigen Begriff zu verwenden, in einer Ära totaler Kriege zwischen Industrienationen; und vieles andere mehr auf dem Gebiet internationaler Beziehungen.

Allerdings lieferten weder Marx noch Engels einen kohärenten theoretischen Ansatz zur Erklärung der widersprüchlichen Dynamik des Weltmarkts oder der allgemeinen Merkmale der Geopolitik. Tobias ten Brinks Werk über Geopolitik.Geschichte und Gegenwart kapitalistischer Staatenkonkurrenz setzt diese beiden Anliegen hinsichtlich der horizontalen und vertikalen Dimensionen des Imperialismus in Beziehung. Es ist das große Verdienst dieses ausgezeichneten Buches, dass es aufzeigt, wie eine solche theoretische Herangehensweise entwickelt und vor allem mit den grundlegenden Konzepten der kapitalistischen Produktionsweise begründet werden kann. Dass dies eine wichtige Aufgabe ist, legt uns eine frühe Rede von Marx über den Freihandel nahe, in der er erklärte: »Alle diesbezüglichen Gesetze, die in den klassischen Werken der Ökonomie dargelegt sind, treffen nur unter der Voraussetzung wirklich zu, dass der Handel von allen Fesseln befreit ist, dass die Konkurrenz völlig unbehindert ist, nicht nur in einem Lande, sondern auf dem ganzen Erdball. Diese Gesetze, die A. Smith, Say und Ricardo aufgedeckt haben – Gesetze, welche die Produktion und die Verteilung des Reichtums bestimmen – werden in demselben Maße zutreffender, genauer und hören auf, bloße Abstraktionen zu sein, wie sich der Freihandel durchsetzt. Auch die Meister der Wissenschaft erklären ständig, wenn sie ein ökonomisches Thema behandeln, ihre Schlussfolgerungen beruhten samt und sonders auf der Voraussetzung, dass der Handel von allen noch bestehenden Fesseln befreit werde. Sie handeln durchaus richtig, wenn sie diese Methode anwenden; denn sie schaffen keine willkürlichen Abstraktionen, sie schalten nur aus ihrem Denken eine Reihe von zufälligen Umständen aus. So kann man mit Recht sagen, dass die Ökonomen – Ricardo und andere – mehr über die Gesellschaft wissen, wie sie sein wird, als über die Gesellschaft, wie sie ist. Sie wissen mehr über die Zukunft als über die Gegenwart.«3

Das suggeriert, dass mit zunehmender Integration des Weltmarkts die Widersprüche und Gesetze der Kapitalakkumulation sich umso wirkungsvoller durchsetzen. Ten Brink untersucht diese Widersprüche und Gesetze auf Grundlage seiner eigenen gekonnten Herausschälung und Rekonstruktion der Logik der kapitalistischen Produktionsweise. Mit seiner umfassenden kritischen Konzeption und Darstellung sowie seinem stets sorgsamen Umgang mit den Fragen der historischen Periodisierung vermittelt dieses Werk ein besseres Verständnis der imperialistischen Vergangenheit, des gegenwärtigen Weltmarkts und seiner mit ihm zusammenhängenden Geopolitik, und, das hoffe ich, auch der Möglichkeiten, unsere Zukunft zum Wohl der Menschheit und nicht allein des Kapitals zu gestalten.

Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis und noch mehr eine eingehendere Beschäftigung mit dem Text verdeutlichen, dass dieses Buch auf einer detaillierten und kritischen Kenntnis einer umfangreichen theoretisch-historischen Literatur sowie neuerer empirischer Forschungsergebnisse beruht und diese auf innovative Weise in den theoretischen Rahmen zu integrieren weiß. Es erneuert auf erfolgreiche Art und Weise den Begriff des Imperialismus als ein wissenschaftliches Konzept und bewahrt dessen Analyse vor einem exzessiven Gebrauch als oberflächlichem Kampfbegriff. Ten Brink entwickelt einen spezifischen, geschichtlich informierten, form-analytischen Ansatz zur Untersuchung der aufeinander folgenden Phasen des Imperialismus, von seinen frühen Erscheinungen über seine ›klassische‹ Phase bis hin zu gegenwärtigen Entwicklungen. Dabei ist er stets bedacht, seine Analyse in den Rahmen eines breiteren Entwurfs des Charakters der kapitalistischen Produktionsweise, der widersprüchlichen Dialektik von Konflikt und Kooperation und der vertikalen bzw. horizontalen Dimensionen des Weltmarkts und zwischenstaatlicher, bzw. erweitert, inter-gesellschaftlicher Beziehungen einzubetten. Dies findet seinen Niederschlag in einer Periodisierung von Weltordnungen, die über einseitige ökonomische bzw. politische Analysen hinaus reicht und das Zusammenspiel geo-ökonomischer und geopolitischer Faktoren im Rahmen der entstehenden globalen sozialen Formation (einschließlich, beispielsweise, der Systemkonkurrenz zwischen dem Westen und dem Sowjetblock) synthetisiert. All dies wird auf innovative und in einer zum Nachdenken anregenden Weise in Bezug gesetzt sowohl zur geopolitischen als auch zur geo-ökonomischen Dynamik und ihrer differierenden Artikulation in verschiedenen historischen Phasen.

Ten Brink entwickelt diesen Ansatz durch die systematische Integration der Zeitlichkeit und der Räumlichkeit (besser, des Raum-Zeitlichen) in seine Analyse, wobei er ein besonderes Augenmerk auf die Logik der Akkumulation und des territorialen Konflikts, auf die Erfordernisse der erweiterten Reproduktion des Kapitals und der Selbstreproduktion der Einzelstaaten wirft. Das gelingt ihm dank seiner sorgfältigen Unterscheidung zwischen Ökonomie und Politik und seiner strikten Analyse ihrer jeweiligen operationellen Autonomie und zugleich ihrer wechselseitigen materiellen Abhängigkeit in einer Weltordnung, die auf unterschiedliche Weise von der Logik der Kapitalakkumulation beherrscht wird.

Den ersten Teil des Buches kennzeichnen ein präzises und differenziertes Verständnis der Theorien des Imperialismus, eine klare und gut begründete Periodisierung ihrer Entwicklung und eine nuancierte Kritik. Der Autor stellt nicht nur die verschiedenen Herangehensweisen zur Untersuchung des Imperialismus anschaulich dar, sondern nimmt auch in einer kritischen und aufschlussreichen Weise Stellung zu den Verdiensten und Defiziten der verschiedenen Ansätze sowie dem Erfordernis einer adäquateren Herangehensweise innerhalb eines erweiterten theoretischen und historischen Rahmens. Die Analyse ist prägnant und informativ, sie gibt uns einen Überblick über eine breite Palette der einschlägigen Literatur einschließlich der wichtigsten Positionierungen der Gegenwart. Aufgrund ihrer Ausgewogenheit gehört sie zudem zu den besten Traditionen der Kritik.

Im zweiten Teil entwickelt ten Brink diese Kritik in einer bemerkenswerten synthetisierenden Darstellung der Dynamik der kapitalistischen Akkumulation im imperialistischen Zeitalter auf Grundlage seiner von Marx inspirierten form-analytischen Betrachtung der Kapitalkreisläufe und der Bildung des Weltmarkts bei gleichzeitiger Pluralität der kapitalistischen Einzelstaaten fort. Dies wird entlang des Arguments entfaltet, dass der Kapitalismus raum-zeitlich betrachtet ein global fragmentiertes System ist, was wiederum einschneidende Auswirkungen auf die Inter- und Transnationalisierung staatlicher Strukturen, der Politik und der ›policies‹ auf dem Weltmarkt mit weiteren Implikationen für das globale politische System, die internationale Politik und internationale Institutionen hat. Besonders wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass ten Brink jede Ableiterei vermeidet, indem er seine Herangehensweise sowohl form-analytisch begründet, d.h. aufzeigt, wie die Form die Funktion problematisiert, als auch indem er neben den geo-ökonomischen Momenten der Akkumulation im Weltmaßstab deren geopolitische Momente betont, und indem er auf die ungleichmäßige Entwicklung von Weltordnungen verweist. Ein Schlüsselelement bildet seine Analyse der Produktion von Raum, räumlichen Matrizes und seine Darstellung der Logik der Territorialisierung, De-Territorialisierung und Re-Territorialisierung. Seine Ablehnung einfacher Ableitungen bedeutet, dass der Autor den Beziehungen zwischen Struktur und Handeln ein hohes Gewicht beimisst. Nach einem kurzen theoretischen Exkurs über die allgemeine Streitfrage des Verhältnisses von Struktur und Handeln erhält der Leser eine wohlbegründete und aufschlussreiche Analyse internationaler Ordnungen und Institutionen. Die Argumentation wird mit einer Reihe von Einsichten marxistischer Theoretiker der Nachkriegszeit wie Brenner, Harvey, Lefèbvre, Poulantzas, Rosenberg und Teschke verknüpft, und es wird Bezug genommen auf das (von Poulantzas inspirierte und in verschiedenen Zusammenhängen weiter entwickelte) Argument, dass die internationale Ordnung eine materielle Verdichtung eines sich verschiebenden Kräfteverhältnisses zweiter Ordnung darstellt. Dies führt zu einer klaren Darstellung der verschiedenen raum-zeitlichen Konfigurationen in der Entwicklung des Imperialismus – dem klassischen Imperialismus, dem Supermächte-Imperialismus und der ›neuen Weltordnung‹ – in Verbindung mit den Modalitäten und Rhythmen der Kapitalakkumulation, den Formen und Ausmaßen der Internationalisierung des Kapitals, den Ausprägungen des Wettbewerbs, dem Umfang und der Gestaltung der Transnationalisierung von Klassenverhältnissen, der wechselhaften Artikulation des Ökonomischen und des Politischen sowie den Übergängen zwischen hegemonialen und nicht-hegemonialen Phasen.

Der dritte Teil unterscheidet zwischen weichen (relativ friedlichen) und harten (mit größeren Zwangsmaßnahmen einhergehenden) Formen der Geopolitik, um dann auf Grundlage des relativen Gewichts beider Formen zueinander die zuvor geleistete Untersuchung historischer Phasen noch einmal auszuwerten. Auf diesem Fundament identifiziert ten Brink eine für die gegenwärtige Epoche charakteristische Form des Imperialismus: den markt-liberalen Etatismus. Dies ist eine neuartige Mischung harter und weicher Geopolitik, die als Variation einer vertrauten Formel angesehen werden kann: freier Markt und starker Staat. Er untersucht daran anschließend dessen Bedeutung für den amerikanischen Imperialismus, die konfliktträchtige transatlantische Partnerschaft und die Herauskristallisierung einer neuen Konfliktlinie zwischen den USA und China.

Auch wenn diese Arbeit auf mehrere theoretische Traditionen zurückgreift, ist sie alles andere als eklektisch. Ten Brink vertritt eine profilierte Eigenposition, die er mit Sorgfalt entwickelt und anwendet. Es gibt eine Reihe kleinerer Auslegungsfragen, an denen ten Brink und ich sicherlich fruchtbare Diskussionen haben könnten. Diese sind jedoch unbedeutend verglichen mit der übergreifenden Erklärungskraft seiner Untersuchung und Argumentation und der gewaltigen Leistung, die hier vollbracht wurde. Alles in allem stellt das Buch einen bedeutenden Beitrag zur kritischen Re-Interpretation des Phänomens des Imperialismus und seinen gegenwärtigen Entwicklungen sowie neuerer Formen staatlicher Interventionen dar. Ich empfehle dieses Buch wärmstens allen, die sich nicht nur für die Geschichte der kritischen politischen Ökonomie interessieren, sondern auch für die Dynamik des gegenwärtigen Weltmarkts.

Der hier mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Verlages veröffentlichte Beitrag erschien soeben als Vorwort zu Tobias ten Brink: Geopolitik. Geschichte und Gegenwart kapitalistischer Staatenkonkurrenz, Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot 2008. Verlagsinformationen hier:

1Kostas Papaioannou: »Marx et la politique internationale«, in: Contrat Social, 11 (3), 1967, S.157-167.

2 Sergio Bologna: »Money and crisis: Marx as correspondent of the New York Daily Tribune, 1856-57« (Part 2), in: Common Sense, 11, 1993, S.63-88, hier S.64.

3 Karl Marx: »Rede des Herrn Dr. Marx über Schutzzoll, Freihandel und die Arbeiterklasse« (1847), in: MEW, Bd. 4, S.307.

 

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