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Am Haken
Der
Debütant ist Mitte fünfzig. Das ließ schon vor der Lektüre hoffen, dass hier
keiner der Jungautoren am Werke ist, die beharrlich im Fahrwasser Michel
Houellebecqs rudern (immer noch!) –
obwohl er selbst längst auf dem Trocknen sitzt (nicht nur die Epigonen). Diese
Metapher könnte ein wenig bemüht wirken (sei’s drum), wenn ich Ihnen sage, welche
Frage mich (wieder einmal sonst kaum jemanden) an Lars Brandts Romandebüt Gold und Silber nachhaltig beschäftigt
hat: Was hat es mit der Affinität des Helden fürs Angeln auf sich? Zunächst:
Lars Brandt ist wie vermutet kein Autor, der den schnoddrigen Alltagston
schätzt, vielmehr schildert er den desolaten Lebens- und vor allem
Liebeszustand seines Helden in recht ausgefeilter, eigenwilliger Prosa. Der
Mann ist Mitte dreißig und steckt tief in Schaffens- und weiteren Krisen. Dort im Verlies saß der, der die Bilder
gemacht hatte. Ich. Unerreichbar. Der Ich-Erzähler, ein Künstler, weiß also
nicht vor und nicht zurück – weder beruflich noch privat. Er hängt
gewissermaßen in der Luft. Und diesen Zustand, ein gewisses
Nicht-in-und-nicht-aus-der-Welt-Sein setzt Lars Brandt in Szene. Es ist alles
möglich, aber nichts geschieht – für dieses Bleierne und zugleich Leichte, das
Rudi und seine Künstlerclique gebannt hält, findet Lars Brandt durchaus
adäquate Worte und Bilder. Was aber noch nicht die Sache mit dem Angeln
erklärt. Warum nicht hin und wieder die
fünfzig Meter zum Ufer hinabgehen und rasch ein paar Fische jagen? Nun
müssen Sie noch wissen, dass Lars Brandt seinen Helden in eine gewaltige
Kulisse stellt. Schon auf Seite eins erfahren wir, dass der Protagonist
gefangen ist in der Faszination für eine Frau: Ginger heißt sie. Eigentlich Ginevra. Meiner Meinung nach
jedenfalls, oder meinem Gefühl zufolge. Wir haben verstanden. Ginevra.
Gennevar, Gueniève, Gwenhwyvar – allein die Namen dieser Dame gleichen phonetischen
Lockrufen. Ginger klingt da schon
etwas nüchterner – aber der Name des Protagonisten auch: Er heißt Rudi. Was es mit unseren Namen letztlich auf sich
hat, bekam ich nie heraus. Sind sie einfach Wörter, die an uns kleben und die
wir dann zwangsläufig mit uns herumtragen? Aber was bewirkt das: Rudi-? Rudi
jedenfalls agiert als Lancelot. (Ich glaube, Lancelot hat nicht geangelt.)
Diese Loriot reife Namenskombination zeugt erstens von der Ironie des Autors
(die übrigens hilft, darüber hinwegzulesen, dass dem Text ein paar Striche mehr
und ein paar Redundanzen weniger gut getan hätten) und zeigt zweitens, dass
eine gewisse, sagen wir, Schieflage zu verzeichnen sein muss zwischen der
mythischen Vorlage (bzw. den Vorlagen,
es gibt zahlreiche Varianten) und diesem Roman, der ihr/ihnen folgt. In diesen
poetologischen Graben setzt Lars Brandt seinen Rudi. Der liebt zunächst tapfer
entschlossen vor sich hin und kann nicht anders, schließlich ist Lancelots
Liebe Schicksal, also nicht beeinflussbar: Die
Vorsehung hatte bestimmt, daß Ginevra und ich uns nicht fremd bleiben durften.
Ginevra allerdings reagiert nicht vorlagegemäß, sondern zeigt sich eher
genervt, denn innerviert: Was willst du,
Rudi? Und dann das Ende: Rudi entkommt der Liebe! Rudi streift Lancelot ab
wie einen alten Mantel – menschlich verständlich, ästhetisch allerdings
ernüchternd. Denn nun muss Rudi ratlos allein bestehen in dieser Welt. Eine
einsame literarische Figur, entlassen aus dem mythischen Schoß, einer, der sich
nun um die Entwicklung des Eigenen,
Individuellen kümmert (und plötzlich doch nahe an Houellebecqs Programmatik
gerückt ist). Schade. Und erst jetzt, auf Seite 301, nachdem er längst den Angelschein
gemacht und immer wieder übers Angeln schwadroniert, vom Angeln geträumt hat,
greift Rudi zur Rute. Und was benutzt er als Köder? Ich spickte den Haken mit Stilton und warf die Angel so weit aus, wie
es ging. Stilton ist ein englischer Blauschimmelkäse! Sie werden gleich
verstehen. Zunächst hatte Lars Brandt folgende Fährte gelegt, um Rudis Neigung
zu erklären: Der Waldteich vor uns
strotzte vor Leben…. Soviel Lebendigkeit. Damit bekommt man es zu tun, wenn man
angelt. Wasser ist Leben ist Lebendigkeit, der Akt des Angelns gewährt
Zugriff, gar Teilhaftigkeit an dieser Lebendigkeit. Diese Assoziationskette (immer
wieder erstaunlich, wie blitzschnell unser kulturell gesteuerter Motor
anspringt) hätte Lars Brandt also gern? Ein bisschen Fliegenfischen-Atmosphäre,
springende Lachse oder schillernde Forellenleiber? Ein Held, der hüfttief
durchs strudelige Wasser watet wie Brad Pitt in Aus der Mitte entspringt ein Fluß und seinen Hut in den Nacken
schiebt? Oder ein bisschen mehr den Macho gibt à la Wladimir Putin, der auf
einem Foto aus dem Jahr 2007 (das die Zeitungen nicht müde werden, wieder und
wieder abzudrucken) in grüner Drillichhose posiert, mit bloßem Oberkörper, die
Angel wie eine Kalaschnikow im Anschlag? Um es vorsichtig auszudrücken: Unser
doch eher die Passivität kultivierender Rudi passt nicht ganz ins Schema. Die
Fährte führt in die Aporie – und außerdem gibt Rudi nun preis, dass er auf
Barben, Aale oder Zander, vielleicht auch Forellen gehen könne, es aber
eigentlich auf eine sehr spezielle Fischart abgesehen habe: auf Welse. Rastlos spüren seine langen Barteln tastend
durch den Schlamm seines Reviers, nichts ist vor ihm sicher. Der Wels: Silurus glanis, bis zu drei Meter lang
(oder noch länger), er bevorzugt ein Jagdrevier auf dem schlammigen Grund von
Flüssen und Seen. Ein einzelgängerisches Geschöpf, das gern im Trüben fischt.
Als Ausbund an Lebendigkeit würde man ihn nicht bezeichnen. Allerdings wird ihm
eine dunkle Seite nachgesagt: Der Wels
ist ein märchenhafter Fisch, der badende Kinder zu sich in die Tiefe zieht, um
sie dort zu frühstücken. Auch die Japaner attestieren dem Namazu außergewöhnliche Fähigkeiten: Mit
dem Schlag seiner Schwanzflosse könne er Erdbeben auslösen – als Strafe für die
Lasterhaftigkeit der Menschen (schreibt Birgit Pelzer-Reith in Sex & Lachs & Kabeljau). Wie
wäre es also mit folgender Variante: Die Tiefe des Wassers symbolisiert die
Tiefe von Rudis Unbewusstem. In diesem unheimlichen Wesen (dem gar
Kannibalismus nachgesagt wird), das auf dem schlammigen Urgrund sein Unwesen
treibt, manifestieren sich die geheimsten sexuellen Phantasien des Protagonisten.
Nein, unter solch psychoanalytischem Ballast geht Rudi in die Knie. Diese Abgründigkeit,
diese Entscheidungskraft, dieser Tatendrang passen nicht zu ihm. Rudi wartet
lieber. Ich wartete auf den Moment, vor
Ginevra auf die Knie zu gehen: Hier, mein Leben. Und deshalb muss Rudi nun
auch mit einem Blauschimmelkäse angeln, muss die Jagd nach diesen geheimnisvollen
Welsen aufgeben. Morgens um drei mit
einem dicken Bündel Tauwürmer. So macht man es, wenn man einen Wels fangen
will. Hatte ihm ausgerechnet sein Widersacher Jarl/Artus geraten. Ach,
hättest du es doch gewagt, Rudi. Hättest du doch die Tauwürmer genommen, nicht
den Schimmelkäse. Ich hätte gern gewusst, was Lars Brandt aus dir gemacht hätte.
[Gabi Rüth]
Lars Brandt: Gold und Silber
Hanser Verlag, München 2008
ISBN 3-446-23032-3
Birgit Pelzer-Reith: Sex
& Lachs & Kabeljau – Das Buch vom Fisch
Marebuchverlag, Hamburg 2005
ISBN 3-936384-34-7
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