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Demokratie in
planetarischer Perspektive? – Ein kritischer Versuch nach dem
»Ende der Geschichte«
von Jörg
Büsching 1. In Erwartung der Wahlen
Wenn mit den
US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen im November diesen Jahres
die Bush-Administration endgültig abgelöst wird (was bis dato das
einzige Ergebnis ist, das man, ohne zu spekulieren, mit an Sicherheit
grenzender Wahrscheinlichkeit vorhersagen kann), dann geht wohl für
die Mehrzahl der Kommentatoren und politisch interessierten Bürger
Europas eine unselige Periode der amerikanischen Geschichte zu Ende,
die ihr Ziel, die Welt nach dem Kalten Krieg sicherer zu machen,
grandios verfehlt, dabei aber Grenzen politischen Handelns in einer
Weise verschoben hat, die dem Völkerrecht und den zu seiner
Verwirklichung inaugurierten Institutionen schweren Schaden zugefügt
hat – von der Glaubwürdigkeit des »Westens« in weiten Teilen der
asiatischen und südamerikanischen Welt einmal ganz zu schweigen.
Dementsprechend erhält der Kandidat, der aufgrund seines Alters,
seines öffentlichen Auftretens und nicht zuletzt auch wegen seiner
Hautfarbe als aussichtsreichster Nachfolger angesehen wird, von der
deutschen Öffentlichkeit eine Aufmerksamkeit, die, glaubt man den
professionellen Beobachtern der Tagespolitik, schon ans Hysterische
grenzt.
Auf der anderen
Seite mehren sich die Stimmen, die davor warnen, zu viel oder gar
(zumindest zum jetzigen Zeitpunkt) völlig unmöglich Erscheinendes
wie etwa die rasche Beendigung der gegenwärtig von den USA und ihren
Alliierten geführten Kriege zu erwarten. Im Gegenteil, so wird
zumeist weiter argumentiert, der demokratische Kandidat könne, wenn
gewählt, viel nachdrücklicher und »glaubhafter« als sein durch
die Politik seiner Vorgänger auf Unilateralismus und
Hegemonialansprüche der »einzig verbliebenen Supermacht«
einigermaßen festgelegter republikanischer Mitbewerber auf größeres
militärisches Engagement der Europäer und insbesondere der
Deutschen pochen, die sich bis jetzt aus den eigentlichen
Kampfhandlungen weitgehend herausgehalten hätten. Wenn in diesem
Zusammenhang der während des chinesischen so genannten
»Boxeraufstands« an das kaiserlich-deutsche Kontingent ergangene
Befehl des englischen Admirals Seymore zitiert wird (der bald danach
zum geflügelten Wort mit – freilich höchst fragwürdigem –
Auszeichnungscharakter avancierte), stellt sich indes die Frage, ob
solche vordergründig zu mehr Realismus ermahnenden Kommentare
wirklich von nüchterner politischer Analyse zeugen, oder ob hier
nicht vielmehr eine zwischen Sensationslust und heimlichem Schaudern
schwankende Aussicht auf deutsche Gefallene zumindest unterschwellig
den Ton angibt. Schließlich möchte man seit der Wiedervereinigung
im internationalen Konzert wieder eine politische Rolle spielen, die
dem wirtschaftlichen Gewicht des Landes entspricht. Vor allem für
die Kräfte des sich als »bürgerlich-liberal« verstehenden Lagers
(nicht zu verwechseln mit der »liberalen« politischen Partei, die
ihre Oppositionsrolle mit leerer Rechststaats-Rhetorik bestreitet und
ansonsten unverblümte Klientel-Politik ohne internationale,
geschweige denn globale Perspektive betreibt!) gehört dazu offenbar,
dass man das Stigma des »Zahlmeisters«, der ausschließlich
»Scheckbuchdiplomatie« betreibe, ablegt. Die Aufbauleistungen, die
deutsche Polizisten, Richter und Verwaltungsfachleute in den
verschiedenen Regionen der Welt vollbringen helfen, scheinen in
dieser Hinsicht keiner Erwähnung wert. Vorrang hat mehr denn je das
militärische Engagement. Seit die NATO in Afghanistan unter Druck
geraten ist und Kanada mit dem Abzug seiner Kampftruppen gedroht hat,
macht das hässliche Wort von der Zweiklassen-Mitgliedschaft die
Runde. Damit erhält ein alter Vorwurf neue Nahrung, der schon gegen
die nach dem Zweiten Weltkrieg zu ökonomischen Mächten von Weltrang
aufgestiegenen Kriegsverlierer (West-)Deutschland und Japan erhoben
wurde: dass sie von einer Nachkriegsordnung profitierten, die andere
unter großen Opfern erkämpft hätten.
Dennoch: Dass
ausgerechnet jetzt, da diese Nachkriegsordnung der Geschichte
angehört, da mit Brasilien und Indien zwei Schwellenländer sich
anschicken in die Riege der großen Wirtschaftsnationen aufzusteigen
und mit China gar ein potentieller Konkurrent für die hegemoniale
Rolle der USA (zumindest im pazifischen Raum) am Horizont erscheint,
dass ausgerechnet in dieser Zeit des geopolitischen Wandels ein nach
wie vor mit hohen Arbeitslosenzahlen, einer in raschem Tempo
alternden und schrumpfenden Bevölkerung und einer gegenüber der
Exportwirtschaft immer mehr ins Hintertreffen geratenden
Binnenkonjunktur kämpfendes 80-Millionen-Volk in der Mitte Europas
nach zwei verlorenen Weltkriegen seine Rolle darin sieht, als global
agierende Militärmacht aufzutreten, und sei es auch nur als
Juniorpartner an der Seite der USA, mutet schon, gelinde gesagt,
etwas absonderlich an. Fast scheint es, als ob in den Denkstrukturen
der politisch Verantwortlichen (und auch eines erklecklichen Teils
der journalistischen Kommentatoren) immer noch Vorstellungen des 19.
Jahrhunderts fortwirkten, wie ja überhaupt die jetzt zu Ende gehende
Epoche ihre politisch-ökonomischen Argumente nach dem Wegfall der
Ost-West-Konfrontation weitgehend aus dem bürgerlichen Zeitalter
entliehen hat (freilich ohne das Rad der Geschichte tatsächlich
zurückdrehen zu können).
An diesem Eindruck
ändert auch der hehre Anspruch nichts, das Banner von Freiheit und
Demokratie im Namen universeller Menschenrechte in die Welt tragen
und die unterdrückten Völker von ihren Peinigern befreien zu
wollen. Das Argument des Zivilisationsexports diente bekanntlich
schon dem durch die erste industrielle Revolution angetriebenen
bürgerlichen Imperialismus als Feigenblatt für die aggressive
Erschließung neuer Märkte im Osten. – Wem diese historische
Analogie zu weit hergeholt erscheint, der sei an die höchst
selektive Entfaltung entsprechender Aktivitäten erinnert; sie allein
reicht schon aus, um deren Protagonisten der Heuchelei zu überführen.
Die vom Vater des
amtierenden US-Präsidenten nach dem Zusammenbruch des Sowjetreiches
beschworene »neue Weltordnung« hat sich schon bald nach dem Fall
des Eisernen Vorhangs als Unordnung erwiesen, in der politische und
ökonomische Hasardeure ihre Chancen suchten und fanden. Dabei
fungierte der von den vermeintlich siegreichen Mächten des Westens,
insbesondere der USA forcierte Rückzug staatlicher Ordnungsmacht
zugunsten privatwirtschaftlicher Akteure als zusätzliches
Antriebsmoment. Die globale Beseitigung von Hindernissen für die
Entfaltung ökonomischer Interessen verwirklichte indes nicht das
altliberale Utopia einer sich selbst regulierenden Weltwirtschaft,
sondern schuf einen Freiraum, in dem nicht mehr die kapitalintensive,
hochtechnisierte Massenproduktion von Konsumgütern den Ton angibt,
sondern die mittels modernster Informationstechnologie in
Sekundenschnelle zu organisierende weltweite Verschiebung und
Akkumulation von Kapital. In diesem Umfeld konnten, wie sich
herausstellte, auch die nach dem Ende des Kalten Krieges aus den
ideologischen und politischen Banden der Supermächte entlassenen
Söldner und Vollstrecker der globalen Machtspiele bestens gedeihen
und weltumspannende Netzwerke ausbilden. Mittels der von niemandem
erwarteten ideologischen Schlagkraft des islamischen Fundamentalismus
entstand so eine neue Qualität des Terrorismus, die durch Ausnutzung
dieser technischen Möglichkeiten mobil und finanzkräftig genug ist,
im Herzen der Weltmetropolen zuzuschlagen und so die Differenz
zwischen gesetzloser, unzivilisierter Peripherie und
zivilisatorischem Zentrum, die das Weltbild des bürgerlichen
Imperialismus bestimmt hatte, aufzuheben. Die Entsendung von
Expeditionstruppen erscheint unter diesem Blickwinkel wie ein
atavistisches Ritual und nicht wie eine überzeugende Demonstration
globaler Macht, vor allem dann nicht, wenn das zivilisatorische
Zentrum auf der anderen Seite die ideologische Basis seiner Macht
selbst einreißt und damit die weltweite Attraktivität des von ihm
propagierten Gesellschaftsmodells gefährdet. 2. Selbstmord, Angriff oder Identitätsproblem? – Deutungen der Krise
Dass der 11.
September 2001 die führende Macht des Westens verändert habe, ist
mittlerweile allgemeiner Konsens. Die Frage, wie diese
Veränderung in ihren konkreten Auswirkungen und Konsequenzen zu
fassen und zu bewerten sei, wird hingegen äußerst kontrovers
diskutiert. Die Spannweite der Argumente reicht von
geschichtsphilosophisch inspirierter Kulturkritik, die in den
politischen und militärischen Reaktionen lediglich Symptome eines
unabwendbaren Niedergangs des amerikanischen Imperiums oder des
Kapitalismus überhaupt sieht, bis zu sozialdarwinistischen
Beschwörungen eines nunmehr anbrechenden Zeitalters
»unideologischer« Kämpfe um Selbstbehauptung und evolutionäre
Weiterentwicklung der Menschheit als solcher. Die zwischen diesen
eher phantasmagorischen Extrempositionen sich bewegenden
ernsthafteren Analysen, insbesondere solche amerikanischer Autoren,
führen als gemeinsames Motiv die Sorge um die amerikanische
Verfassung an. Das durch dieses weltgeschichtlich bedeutsame Dokument
konstituierte moderne demokratische Gemeinwesen werde durch die
gegenwärtige politische und gesellschaftliche Realität mehr und
mehr gefährdet, darin sind sich »konservativ-nationalistische« wie
»progressiv-kosmopolitische« Kritiker einig. Die Argumente dreier
politischer Autoren sollen im Folgenden eingehender betrachtet
werden:
– Der
kalifornische Politologe Chalmers Johnson hat sich vom
Ostasien-Experten und Berater der CIA in den siebziger und frühen
achtziger Jahren zum echten Dissidenten gewandelt,
– der als
Ökoaktivist und Friedensnobelpreisträger international bekannt
gewordene Al Gore verfügt als langjähriger Senator, ehemaliger
Vizepräsident unter Bill Clinton und demokratischer
Präsidentschaftskandidat bei der umstrittenen Wahl des Jahres 2000
über tiefe praktische Einsichten in die Funktionsweise des
US-amerikanischen politischen Systems, und
– der mit seiner
These vom Kampf der Kulturen weltweit bekannt gewordene Samuel
P. Huntington leitet als Politikwissenschaftler an der
Harvard-Universität einen einflussreichen konservativen
»think-tank«, das John-M.-Olin-Institute for Strategic Studies.
Alle drei ziehen
eine kritische Bilanz der amerikanischen Politik der letzten Jahre
und Jahrzehnte. Und alle drei sehen die gesellschaftliche und
staatliche Ordnung der USA als in höchstem Maße gefährdet an.
Chalmers Johnson
lässt in seiner Analyse des amerikanischen Militarismus (The
Sorrows of Empire. Militarism, Secrecy and the End of the Republic.
Dt: Der Selbstmord der amerikanischen Demokratie. München
2004) keinen Zweifel daran, dass er die heutigen USA für ein
Imperium hält. Dementsprechend spielt der Gedanke einer
welthistorischen Mission zur Verbreitung von Demokratie und Freiheit
bei ihm lediglich die Rolle einer ideologischen Rechtfertigung der
vom Militarismus bestimmten Außenpolitik. Die Anfänge dieser
Entwicklung, einschließlich der Manipulation der Öffentlichkeit
durch mächtige Pressekonzerne, sieht er im spanisch-amerikanischen
Krieg von 1898. Als sichersten Beleg für seine These wertet er den
seit dem Ende des Kalten Krieges nicht etwa eingestellten, sondern im
Gegenteil sogar noch forcierten Ausbau des globalen Netzes von
Militärbasen. Das in der Zeit der Ost-West-Konfrontation gebrauchte
Argument der Eindämmung des Kommunismus zur Rechtfertigung dieser
gigantischen Stützpunkte, von denen etliche die Ausmaße kleiner
Städte haben, wurde mit den Ereignissen von 1989/90 obsolet. Ohnehin
seien die meisten von ihnen ihrer Lage und Ausstattung nach als
Aufmarschgebiet für Truppen in den Kriegen, die die bipolare Welt
hätte erwarten lassen, nur von begrenztem Nutzen gewesen, was
natürlich erst recht in der heutigen Situation gelte. Stattdessen
hält er Militärbasen wie jene auf der japanischen Insel Okinawa, im
rheinland-pfälzischen Landstuhl oder die neuerdings im Kosovo und im
Nahen und Mittleren Osten eingerichteten befestigten, durch ein für
das »Gastland« in der Regel sehr ungünstiges Truppenstatut quasi
zu exterritorialen Gebieten erklärten Camps für Prestigeobjekte der
militärischen Befehlshaber sowie für bedeutende Wirtschaftsfaktoren
des von Präsident Eisenhower 1961 in seiner Abschiedsrede so
genannten militärisch-industriellen Komplexes, zu dem allerdings
längst nicht mehr nur die klassischen Rüstungsbetriebe gehörten,
sondern auch eine große Zahl eigentlich ziviler Unternehmen von
IT-Firmen über Baukonzerne bis hin zu Produzenten von Sonnencreme.
Als Fachmann für
Ostasien richtet Johnson sein Hauptaugenmerk vor allem auf die
provokative und aggressive Politik seines Landes gegenüber China und
Nordkorea sowie die herablassende bis demütigende Behandlung der
verbündeten Staaten in dieser Region, insbesondere Japans, Südkoreas
und der Philippinen. So kann er zahlreiche Indizien anführen, um
seine These zu belegen, dass die Verantwortung für die Außenpolitik
schon vor langer Zeit vom State Departement auf das Pentagon
übergegangen ist, und die militärischen Kommandeure der einzelnen
Regionen die Funktion imperialer Statthalter ausüben, indem sie etwa
durch die Verschiebung von Truppenkontingenten zwischen den Basen
nach Belieben Drohpotenziale aufbauen und so die diplomatischen
Bemühungen der ostasiatischen Staaten um Ausgleich und Verständigung
torpedieren.
Doch auch nach innen
zeitigt die Militarisierung der Politik verheerende Konsequenzen: Die
Instrumentalisierung der Medien lässt deren Glaubwürdigkeit
schwinden, die Spaltung der Gesellschaft in »Gewinner« und
»Verlierer« wird durch die Rekrutierungspraktiken der
»Freiwilligenarmee« ausgenutzt und sogar noch verschärft, und der
zynische Umgang mit den Kriegsversehrten (vor allem, wenn sie nicht
unmittelbar bei Kampfhandlungen zu Schaden gekommen sind, sondern,
was inzwischen auf den weit überwiegenden Teil der verwundeten
Soldaten zutrifft, durch Einwirkung der gefährlichen
Hinterlassenschaften amerikanischer High-tech-Feldzüge) untergräbt
das Vertrauen der Bevölkerung in ihre politischen Führer und
Institutionen vollends. Die nach dem 11. September 2001 erlassenen
»Sicherheitsgesetze« sind insofern kaum mehr als letzte
Mosaiksteinchen in einem monströsen Gebilde aus Korruption,
Günstlingswirtschaft, Inkompetenz und Verschwendung, die seit den
Tagen des alten Rom das Bild eines Imperiums im Niedergang prägen.
Alles in allem ist Chalmers Johnson nicht sehr optimistisch, dass es
der amerikanischen Zivilgesellschaft gelingen kann, sich gegen die
mit der Politik verquickten Interessen der großen Konzerne
durchzusetzen und ihr Parlament »zurückzuerobern«, bevor es
zum ökonomischen und politischen Kollaps des Systems kommt.
In seinem Buch The
Assault on Reason, dt.: Angriff auf die Vernunft (München
2007) kommt Al Gore, was die gegenwärtige Politik der
Bush-Administration betrifft, zu ganz ähnlichen Schlussfolgerungen
wie Johnson, allerdings ist sein Blickwinkel mehr von der
alltäglichen politischen Praxis bestimmt. Die abstrakten Höhen
weltgeschichtlicher Interpretation braucht er für seine Analyse
nicht zu bemühen (so spielt etwa die Frage, ob die heutigen
Vereinigten Staaten ein Imperium seien oder nicht, bei ihm keine
Rolle), stattdessen benennt er die ganz konkreten Verstöße gegen
Geist und Buchstaben der Verfassung. Für Gore steht fest, dass mit
der Bush-Administration eine reaktionäre Clique die Macht in
Washington erobert hat, um das Gemeinwesen ihren privaten
Wirtschaftsinteressen zu unterwerfen. Die evangelikale Rhetorik diene
einzig und allein dazu, diese zu bemänteln. Durch Rückgriff auf die
Schriften der Verfassungsväter gelingt es Gore, die aktuellen
Entwicklungen als genau jene Okkupation der Macht darzustellen, vor
der diese bereits gewarnt hatten. Dass Politiker wie Thomas
Jefferson, John Adams, James Madison oder Benjamin Franklin bereits
Ende des 18. bzw. im frühen 19. Jahrhundert Anlass zu Warnungen vor
einer Machtkonzentration in der Exekutive, ungebührlichem Einfluss
privater Interessen und den Gefahren der Korruption sahen,
verdeutlicht zugleich, dass die Fixierung von Grundrechten und
Gewaltenteilung allein keine Gewähr für die Entwicklung
eines stabilen demokratischen Gemeinwesens bietet. Nach Gores Ansicht
ist dazu ein lebendiger Austausch von Erfahrungen und Ideen zwischen
Regierenden und Regierten nötig. Deshalb seien die wichtigsten
Errungenschaften der Aufklärung die Alphabetisierung der Bevölkerung
und die öffentliche Diskussion politischer Inhalte im Medium der
freien Presse. Mit der Erfindung von Radio und Fernsehen sei dieser
gesellschaftliche Dialog zum Erliegen gekommen. Nunmehr sei das Volk
nur noch Empfänger der Botschaften, die die Regierung ihm zukommen
lasse, und zwar zumeist in Form von 30-Sekunden-Clips, mit denen die
Politiker für sich und ihre Vorhaben werben würden.
Al Gore übernimmt
mit seiner Kritik Positionen von Intellektuellen wie Neil Postman und
Jürgen Habermas. Unter diesen Auspizien verteidigt er den modernen,
aufgeklärten Rechtsstaat; postmoderne Genealogien oder
Machtanalytiken bleiben ebenso unberücksichtigt wie
kulturanthropologische Typisierungen, die besonders nach den
Anschlägen vom 11. September 2001 wieder in Mode gekommen sind. Was
seine Argumentation dadurch an kulturtheoretischer Reflektiertheit
vielleicht vermissen lässt, macht sie durch Schärfe und
Pointiertheit, mit der das selbstherrliche, undemokratische und
verfassungswidrige Gebaren von Präsident George W. Bush und seinen
politischen Freunden entlarvt wird, wieder wett. Dennoch hält er die
Krise der amerikanischen Demokratie im Kern für eine
institutionelle. Eine mögliche Lösung sieht er in der
Wiederherstellung echter Interaktivität der Medien durch das
Internet: Mit dessen Hilfe könnten die Monopole der großen
Medienkonzerne gebrochen werden, weil es Menschen ohne großen
Kapitalaufwand ermögliche, wieder selbst Botschaften zu senden,
statt nur passiv zu konsumieren.
Nachdem Samuel P.
Huntington kurz vor der Jahrhundertwende mit seiner These vom Clash
of Civilizations, dem, wie es in der deutschen Übersetzung hieß,
Kampf der Kulturen, großes Aufsehen erregt und vielen,
insbesondere journalistischen Autoren eine willkommene
Interpretationsschablone für die Ereignisse vom 11. September 2001
geliefert hat (vermeintlich prophetische Qualitäten kommen auch im
21. Jahrhundert immer noch gut an), setzt er sich in seinem Buch Who
Are We (Hamburg 2004) mit der, wie der deutsche Untertitel
verrät, Krise der amerikanischen Identität auseinander, die
sich für ihn in zwei komplementären Phänomenen manifestiert: zum
einen der »unpatriotischen« kosmopolitischen Einstellung der
amerikanischen Eliten, die im Namen universeller Menschenrechte vor
allem in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts »subnationale«
Identitäten wie Rasse, Geschlecht oder Religion gefördert hätten,
und zum anderen die massenhafte Immigration von Menschen aus
Lateinamerika, die als erste Gruppe in der langen Geschichte des
Einwanderungslandes USA die Assimilation durch die nordamerikanische
Kultur verweigerten, wobei sie sich eben auf den »Multikulturalismus«
der Eliten berufen könnten. Langfristig sieht Huntington deshalb die
Gefahr, dass Nordamerika sich in zwei Gesellschaften (oder sogar
Nationen) spalten könnte, eine hispanisch-katholische, die sich in
den Staaten an der Westküste und der Grenze zu Mexiko sowie in
Florida bereits heute abzeichne, und eine
angelsächsisch-protestantische in den Staaten von der Ostküste bis
in den mittleren Westen. Nur letztere repräsentiert für ihn das,
was er die »nationale Identität« der USA nennnt, denn alle
bisherigen nicht-angelsächsischen Einwanderer (katholische Iren,
Juden, Osteuropäer, Italiener, Griechen, Skandinavier, Asiaten und
Deutsche) hätten sich nach und nach das »Amerikanische Credo« zu
eigen gemacht und sich jener Kultur angepasst, die von den ersten
Kolonisten geprägt und in Unabhängigkeitserklärung und Verfassung
schriftlich niedergelegt worden sei. Das Primäre ist für Huntington
indes nicht die Konstitution des Staates durch diese Dokumente,
sondern eine nach dem Wegfall der Faktoren »Rasse« und »Ethnizität«
im wesentlichen durch englische Sprache und »dissidenten
Protestantismus« definierte Selbstwahrnehmung, die er einerseits für
»substantiell«, andererseits für in gewissen Grenzen wählbar hält
(ansonsten hätte die Rede von der Assimilation keinen Sinn). Alle
politischen, ökonomischen und rechtlichen Phänomene, durch die sich
die Vereinigten Staaten auszeichnen, wurzeln für ihn in diesen
beiden kulturellen Faktoren.
Huntington gibt sich
große Mühe, die Ubiquität und Wirkungsmacht des Faktors
»Identität« herauszustreichen. Dabei beruft er sich vor allem auf
Theorien aus sozialwissenschaftlichen Grenzbereichen wie
»Sozialpsychologie« oder »Sozialbiologie«. Diese werden
allerdings nicht kritisch reflektiert sondern lediglich allgemein
erwähnt. Ihre Evidenz soll sich durch die bloße Anhäufung und ihre
vermeintliche Aktualität (als »wissenschaftliche Erkenntnisse«,
die nach dem Kalten Krieg bzw. im Vorfeld der Anschläge vom 11.
September 2001 gewonnen wurden) erweisen. Ähnlich verfährt der
Autor bei der Erläuterung der herkömmlichen Bedeutungen des
Begriffs. Deren Bewertung steht überdeutlich unter dem Vorbehalt,
dass es sich eben um jene »subnationalen« Identitäten handele,
deren politische Unterstützung zur Krise der »amerikanischen
Identität« geführt habe. Sozialwissenschaftliche Theorien, die die
Bedeutung von Kommunikation und Kooperation hervorheben, finden
ebensowenig Erwähnung wie Analysen funktionaler oder
institutioneller Zusammenhänge oder anthropologische Untersuchungen
der Bedeutung familialer Strukturen. Alles in allem ist die Auswahl
der Erklärungsmodelle von der Absicht bestimmt, den »American way
of life«, sprich: Individualismus, Wettbewerb, schwacher Staat,
Privateigentum und protestantisches Arbeitsethos zu stützen und als
besondere Merkmale der »amerikanischen Identität« zu erweisen.
Demzufolge ist die Globalisierung für ihn nicht etwa der von Seiten
der USA initiierte Prozess der weltweiten Öffnung nationaler Märkte
für amerikanisches Kapital und amerikanische Konzerninteressen als
den Chalmers Johnson sie darstellt, sondern ein von den
kosmopolitischen Eliten der USA verschuldeter Angriff auf die
nationale Identität der US-Bürger. Letztendlich ist also
Huntingtons Auffassung von »Kultur« darauf zugeschnitten, die
Ängste der amerikanischen Mittelklasse zu artikulieren, die ihre
gesellschaftliche Stellung durch die Folgen der Globalisierung
bedroht sieht. Dies wird auch durch die herausragende Bedeutung
bestätigt, die Huntington Umfragen beimisst. Besonders im letzten
Kapitel, in dem es um die Wiederherstellung der amerikanischen
Identität geht, spielt die demoskopische Erforschung der
Mehrheitsmeinung zur Aufhebung der strikten Trennung von Staat und
Religion eine entscheidende Rolle. Diese nimmt er ebenso unkritisch
in seine Argumentation auf wie die kommerzielle Ausbeutung der
religiösen Bedürfnisse des Volkes oder die evangelikale Rhetorik,
mit der die Bush-Administration ihre unilaterale Machtpolitik
bemäntelt. Manipulationen der öffentlichen Meinung, wie sie Al Gore
beklagt, scheinen für ihn ausschließlich von den »kosmopolitischen
Eliten« auszugehen.
Huntingtons
Kulturbegriff gemäß, kommt der Gedanke, dass es sich bei den
heutigen USA um ein Imperium handeln könnte, nur als hypothetische
Möglichkeit vor, nämlich als einer von drei Wegen, die
Amerika infolge seiner Identitätskrise einschlagen könnte: Erstens
könnte es der auf es einwirkenden Welt nachgeben und seine Identität
vollends verlieren, zweitens könnte es der Welt seine kulturellen
Werte aufzwingen, also imperial agieren, was aber zu dem vom Autor
antizipierten Clash of Civilizations führen würde, und
drittens könnte es sich von der Welt abwenden und sich als Nation
auf die Verwirklichung seiner »Werte« im eignen Land besinnen. Who
Are We ist der Versuch, die amerikanische Elite von diesem
letzteren Weg zu überzeugen. Er verfolgt also im Prinzip das gleiche
Ziel wie Al Gore, aber während dieser die genuin politischen Aspekte
(und damit die Universalität) der Demokratie betont, sind
Rechtstaatlichkeit, Gleichheit und Gewaltenteilung für Samuel P.
Huntington nur abgeleitete Begriffe, Bestandteile einer politischen
»Ideologie« (prinzipiell nicht anders als Liberalismus,
Sozialismus, Kommunismus oder Faschismus) die wohl für die
anglsächsisch-protestantische Kultur angemessen ist, nicht aber für
alle anderen gleichermaßen. 3. Weltfrieden –
Weltbürgerkrieg oder ..?
Das Ende des Kalten
Krieges hat nicht nur die USA ihres mächtigsten Gegners und
ideologischen Antipoden beraubt, sondern auch den Intellektuellen
überall auf der Welt die Illusion genommen, dass das Denken
erfolgreich dem tatsächlichen Gang der Geschehnisse vorgreifen
könne; auf diesen Umstand hat Francis Fukuyama – unfreiwillig –
mit seiner ebenso kühnen wie naiven These vom »Ende der Geschichte«
aufmerksam gemacht. In der Unordnung der neunziger Jahre des
vergangenen Jahrhunderts setzten sich pessimistische anthropologische
Deutungsschemata durch, die in der »unideologischen«
Machtentfaltung oder gar der kruden Zerstörungswut das entscheidende
Antriebsmoment menschlichen Handelns sahen. Zugespitzt könnte man
sagen, dass nach dem Ableben des Rousseauschen »edlen Wilden« der
»böse Wilde« Hobbesscher Prägung die Oberhand gewann – nur dass
die Denker leider in ihrer Trauer über den Verlust des ersteren
anscheinend vergaßen, dass auch letzterer lediglich eine Fiktion
ist. So folgte auf die Beschwörung des »ewigen Friedens« die
ebenso ernstgemeinte Prophezeiung eines »Weltbürgerkrieges«, wie
etwa in Hans Magnus Enzensbergers im Angesicht der (damals scheinbar
weltweit um sich greifenden) balkanischen Zustände geschriebenem
Versuch Aussichten auf den Bürgerkrieg (Frankfurt am Main
1993) . Dieser ganz offensichtlich von der politischen Theorie Carl
Schmitts beeinflusste Essay wirft mit ebenso leichthändiger wie
melancholischer Rhetorik alle historischen und politischen
Erklärungsversuche der Gewalt über Bord und schert afghanische
Mudschaheddin, kroatische und serbische Milizionäre, islamistische
Terroristen, westeuropäische Stadtguerilla sowie Hooligans,
Skinheads und Kriminelle jeglicher Couleur unter der Parole des
Krieges aller gegen alle einfach über einen Kamm. Ähnlich wie
Huntingtons Bemühung um die amerikanische Identität, endet er mit
einer Absage an den Universalismus und dem Appell, zu einer Moral
zurückzukehren, für die man einstehen könne. Das klingt zwar
zunächst wie vernünftige Selbstbescheidung, entspricht aber letzten
Endes einem ins Negative gewendeten Universalismus, indem es die
Möglichkeiten und den Aktionsradius staatlicher, überstaatlicher
und nichtstaatlicher Institutionen auf jene des Individuums
reduziert. Etwas boshaft könnte man es auch so ausdrücken: Nachdem
die linken Intellektuellen beinahe das ganze 20. Jahrhundert hindurch
das Kollektivsubjekt zum allmächtigen Weltgeist aufgebläht hatten,
schrumpfte es ihnen am Ende zum Kleinbürger, der sich unter der
liberalen Maxime »leben und leben lassen« mit der Pflege seines
Schrebergartens begnügen sollte.
Auch jenseits des
Atlantiks wurde Carl Schmitts politische Philosophie rezipiert,
darauf weist Alfred C. Goodson in seinem Aufsatz Kosmopiraten,
Kosmopartisanen: Carl Schmitt’s Prophetic Partisan (in: Iablis,
Jahrbuch für europäische Prozesse, 3. Jahrgang, Aufbruch in den
rechtsfreien Raum: Normvirulenz als kulturelle Ressource, Heidelberg
2004) hin. Allerdings zeitigte sie dort weitaus weniger harmlose
Folgen: Die von den amerikanischen »Neo-cons« (die, wie Chalmers
Johnson feststellt, ihre Wurzeln überwiegend im linken politischen
Spektrum haben und nicht im rechten) propagierte Politik präventiver
Kriege und Interventionen sollte die »pax americana« durch »shock
and awe«, eine, wie Al Gore in seiner Abrechnung mit der
Bush-Regierung ausführt, »Politik der Angst«, zementieren,
erreichte aber das genaue Gegenteil. Heute erscheint der »Krieg
gegen den Terrorismus« wie eine Inkarnation jenes permanenten
Kriegszustandes, den George Orwell in seinem Roman 1984 als
unverzichtbares Mittel für die Durchsetzung der totalitären Politik
des »Großen Bruders« darstellt. Und beide Kandidaten der
anstehenden Präsidentschaftswahlen haben an der Entschlossenheit,
den Feldzug gegen einen ungreifbaren Feind fortzuführen, keinen
Zweifel gelassen.
Der französische
Historiker und Demograph Emmanuel Todd liefert für die Unruhen, die
sich in vielen (längst nicht allen!) muslimischen Ländern
ausbreiteten, eine ganz andere Erklärung: Seiner Einschätzung nach,
die er zuerst in seinem Buch Weltmacht Amerika ein Nachruf
(München 2003) dargelegt und jüngst zusammen mit seinem Kollegen
Youssef Courbage in Die unaufhaltsame Revolution: Wie die Werte
der Moderne die islamische Welt verändern (München 2008) einer
detaillierten Betrachung unterzogen hat, handelt es sich nicht, wie
die neokonservativen christlichen Strategen weismachen wollen, um
einen fundamentalen Antagonismus zwischen westlicher und islamischer
Welt, sondern um Unruhen, die als Folgen des weltweiten
Modernisierungsprozesses aufträten, der die islamischen Staaten
Afrikas, Arabiens sowie den Iran, Afghanistan und Pakistan als letzte
Nationen ergriffen habe. Die entscheidenden Faktoren sind für Todd
die Alphabetisierung eines Volkes sowie der daraus resultierende
Rückgang der Geburtenrate. In einer Übergangsphase komme es dabei
zu Konflikten zwischen der traditionellen, durch die Familie
bestimmten Lebensweise und den modernen Entfaltungsmöglichkeiten
gebildeter Individuen. Setze sich die massenhafte Alphabetisierung
durch, so befriedeten sich die betroffenen Gesellschaften ganz von
allein wieder. Dies müsse allerdings nicht zwangsläufig bedeuten,
dass sie alle das westliche Modell der liberalen Demokratie
übernähmen.
Emmanuel Todd
bereichert die politische und ökonomische Theoriebildung um wichtige
anthropologische Faktoren, die von den klassischen Schulen zumeist
als eigenständige Bereiche ausgeklammert werden. Damit liefert er
wissenschaftlich fundierte Erklärungen für Phänomene, die
ansonsten zumeist unter Rückgriff auf irrationale, vage
substantialistische oder explizit metaphysische Annahmen beschrieben
werden. Allerdings weist seine im großen und ganzen überzeugende
Methode eine gewisse Blindheit (und bisweilen sogar offene
Verachtung) für die tatsächliche gesellschaftliche Wirkungsmacht
von Ideen auf – mit Ausnahme der in der Aufklärung wurzelnden Idee
stetigen gesellschaftlichen Fortschritts, die ja Kern der
Modernisierungstheorie ist.
Seine Interpretation
des imperialen Auftretens der heutigen USA ist ein wenig zu sehr von
seiner These ihrer fundamentalen Schwäche gefärbt, weshalb er die
weltweite militärische Machtentfaltung im Gegensatz zu Chalmers
Johnson als bloße »Theatralik« abtut. Sein Vorschlag, wie der
Übergang von der »räuberischen« Weltmacht zur Nation unter
gleichberechtigten Nationen ohne verheerende Zuspitzung der Krise zu
bewerkstelligen sei, erinnert in manchem an das Rezept, das Samuel P.
Huntington seinen Landsleuten empfiehlt. Da Todd die Welt insgesamt
aufgrund der für ihn maßgeblichen Indikatoren »Alphabetisierung
der Massen« und »Rückgang der Geburtenraten« auf einen
befriedeten »Gleichgewichtszustand« zusteuern sieht, erübrigt es
sich für ihn, weitergehende Überlegungen zur zukünftigen
Gestaltung einer den ganzen Globus umfassenden Politik anzustellen.
Mit der Skizzierung der Folgen einer »Bildungsstratifikation« in
den entwickelten Industrienationen (Herausbildung eines neuen
Bewusstseins von »Ungleichheit« aufgrund »höherer Bildung« eines
nennenswerten Teils der Bevölkerung und daraus resultierende
»Oligarchisierung«) gibt er lediglich einen vagen Hinweis, dass
dieses globale Gleichgewicht keinesfalls das Ende der Geschichte
bedeutet. Insgesamt hält er aber die Gefahren, die daraus erwachsen
könnten, für gering, da die politisch sich ihrer selbst bewusst
gewordenen Massen eine Rückkehr zu streng hierarchischen
Gesellschaftsordnungen, wie sie vor der Aufklärung existiert hätten,
verhindern würden. 4. Massengesellschaft
und Bürgerfreiheit in globaler Sicht
Wenn die Bewohner
der entwickelten Industriegesellschaften des Westens sich und ihre
Regierungsform mit anderen, seien es die islamischen Staaten mit
ihren mehr oder weniger stark von der Religion beeinflussten
Gesellschaftsordnungen oder das bevölkerungsreichste Land dieses
Planeten mit seiner zwar säkularen, aber totalitären
Herrschaftsform vergleichen, dann heben sie stets die bürgerlichen
Freiheiten besonders hervor, pochen auf die universellen
Menschenrechte und generell die Rechte des einzelnen gegenüber dem
Staat, während die Angehörigen der so kritisierten (und teilweise
rüde bloßgestellten) Staaten ihre kulturellen Eigenheiten
hervorheben und auf Anerkennung ihrer Identität bestehen. Das
Internet hat sich mittlerweile zur äußerst lebhaften Arena für
derartige verbale Konfrontationen entwickelt. Dabei reflektiert
naturgemäß keine der beiden Seiten die spezifischen
gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen sie sich äußern, wie
sie es eben tun. Vielmehr gerieren die »Bürger« des Westens sich,
als seien sie es, die hier und jetzt die liberalen Freiheiten
erkämpften, indem sie den »Fremden« die Defizite ihrer jeweiligen
Nationen vorhalten. Diese reagieren, so in die Enge getrieben, mit
Abwehr, sind sie doch Nutznießer einer gegenüber den früheren
Zuständen in ihrem Heimatland schon verbesserten Situation,
ansonsten stünden sie als Diskussionspartner überhaupt nicht zur
Verfügung. Da sie aber ständig mit ihrer vermeintlichen
Inferiorität konfrontiert werden, greifen sie zuletzt nach dem, was
ihnen sicher ist, und das ist nun einmal ihre nationale oder
religiöse Identität. Diese führen sie mit dem Argument ins Feld,
dass sie ja wohl auch zu den unveräußerlichen Menschenrechten
gehöre. So entwickelt sich ein fruchtloser Schlagabtausch, der die
Kontrahenten einander entfremdet statt ein Bewusstsein dafür zu
schaffen, dass alle zusammen auf einem Planeten leben.
Der hier skizzierte
Antagonismus lässt sich besser einschätzen, wenn man die
gesellschaftlichen Veränderungen berücksichtigt, die Panajotis
Kondylis in seinen Büchern Der Niedergang der bürgerlichen Denk-
und Lebensform: Die liberale Moderne und die massendemokratische
Postmoderne (Weinheim 1991) sowie Planetarische Politik nach
dem Kalten Krieg (Berlin 1992) beschrieben hat. Die »universellen
Menschenrechte« wurden ungefähr zur selben Zeit erfunden wie die
»Nation«. Beide sollten dem Machtanspruch des durch Handel und
Industrialisierung innerhalb der absolutistischen Ständeordnung
Europas zu einem eigenständigen Selbstbewusstsein gelangten
Bürgertums Geltung verschaffen. Dabei war zunächst keinesfalls
daran gedacht, die postulierte Gleichheit aller auch tatsächlich im
wörtlichen Sinne zu realisieren, also etwa besitzlose Arbeiter oder
Frauen (oder in Amerika die als Sklaven ins Land geholten Schwarzen)
in den Genuss der gleichen Rechte kommen zu lassen, die die Bürger
für sich reklamierten. Dazu bedurfte es eines weiteren Jahrhunderts
der Kämpfe und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Der Übergang
vom bürgerlichen Zeitalter zum Zeitalter der Massendemokratie
vollzog sich schließlich nicht dadurch, dass die Staaten sich
einfach einen neuen rechtlichen Rahmen gaben und sich zugunsten der
ihre Eigeninteressen verfolgenden »freien« Individuen noch weiter
zurückzogen, sondern sie griffen im Gegenteil massiv in die
ökonomischen Prozesse ein, stiegen gar selbst zu Arbeitgebern sowie
Anbietern und Abnehmern von Waren und Dienstleistungen im großen
Stil auf. Dieser Prozess wurde durch den universellen Anspruch der
Menschenrechte in Gang gesetzt und vorangetrieben, deren formale
Geltung bei real fortexistierender Ungleichheit ein ständiger
Stachel im Fleisch der bürgerlichen Gesellschaften war.
Mit der
wirtschaftlichen Entwicklung der bevölkerungsreichen Nationen der
sogenannten »dritten Welt« droht nun die heute vorherrschende
materielle Auffassung der universellen Menschenrechte (alle haben,
wenigstens im Prinzip, dasselbe Recht auf sozialen Aufstieg und
Genuss materieller Güter), die in den entwickelten Gesellschaften
bis Ende des 20. Jahrhunderts durch eine bis dahin nie gekannte
Ausweitung von Industrieproduktion und Ressourcenverbrauch realisiert
wurde, unter Druck zu geraten. Vor allem die Aussicht, China könne
mit seiner Milliardenbevölkerung denselben Lebensstandard anstreben
wie die alten Industrienationen, beunruhigt die Menschen in der
»ersten Welt« weit mehr als Pressezensur und politische Justiz im
Reich der Mitte. Auf der anderen Seite können jene, die von der
Prosperität bislang schon profitierten (und zwar nicht aufgrund
ihres Wohlverhaltens als Untertanen, sondern weil politische Reformen
und günstige Umstände ihnen erlaubten, ihre individuelle
Leistungsfähigkeit zu entfalten!) gar nicht anders, als in den
verbalen Attacken Angriffe auf ebenjenen Staat zu sehen, der ihnen
ihren persönlichen Wohlstand ermöglicht hat. Selbst der
hartnäckigste Verteidiger der Menschenrechte muss doch wohl
einsehen, dass die Aussicht, in einer Wellblechhütte bei Kerzenlicht
über einer Schale Reis hockend sich über Meinungsfreiheit und
Demokratie zu freuen, kein realistisches Szenario ist!
Die Staaten des
Westens erlangten ihre wirtschaftliche Potenz nicht, weil sie
freiheitliche demokratische Rechtsstaaten waren, sondern sie wurden
dies erst, nachdem ihre Wirtschaftskraft ausreichte, ihren Menschen
auskömmliche Verhältnisse und genügend Entfaltungsmöglichkeiten
zu bieten. Von China und anderen Staaten, die gerade ihre Wirtschaft
entwickeln, zu verlangen, sie sollten den umgekehrten Weg gehen, also
zuerst demokratische Verhältnisse verwirklichen und dann die
materielle Basis dafür schaffen (oder gar ganz auf diesen zweiten
Schritt verzichten), ist die sicherste Strategie, die »universellen
Menschenrechte« in den Augen der Mehrheit der Bewohner dieses
Planeten zu diskreditieren. Aber vielleicht ist das ja auch beabsichtigt. Die Entwicklung in den
Vereinigten Staaten von Amerika, wie sie anhand der kritischen Analysen
und Beobachtungen von Johnson, Gore und Huntington umrissen wurde,
könnte man ohne weiteres als Konsequenz der Oligarchisierung sehen, die
Emmanuel Todd als Resultat der Bildungsstratifikation kennzeichnet. Zu
befürchten wäre dabei weniger eine umstandslose Abkehr von den
universellen Menschenrechten als vielmehr eine Neuinterpretation ihres
formellen Charakters. Dieser Gedanke ist übrigens keineswegs so
abwegig, wie er zunächst scheinen könnte; die Gefahr besteht nicht nur
in den USA und sie richtet sich auch nicht nur gegen die Angehörigen
außereuropäischer Kulturen. Wurde nicht erst kürzlich in den Reihen der
CDU über eine Wiedereinführung des Zensuswahlrechts spekuliert, um die
Pattsituation der beiden großen Volksparteien zu beenden und eine linke
Regierung zu verhindern? Wenn sich das Bewusstsein der Ungleichheit
durchsetzt, nützt es wenig, dass mit dem Internet eine Plattform des
freien Austauschs von Meinungen zur Verfügung steht. In diesem Punkt
ist Al Gore vielleicht etwas zu optimistisch.
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