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Grenzen
des Sichtbaren – Entgrenzungen des Blicks. Metaphorisierung
optischer Metaphern und Selbstverständigung der Literatur bei Jean
Paul, E.T.A. Hoffmann und Georges Perec
von Monika
Schmitz-Emans
I.
Grenzen des Blicks – Grenzen der Welt
Den
Begriff ›Grenze‹ verwende man, so diagnostiziert Aristoteles, in
mindestens ebenso vielerlei Bedeutungen wie den des ›Prinzips‹.
Schon in der Antike polyfunktional und polyvalent, hat dieser Begriff
jedenfalls seit Anaximander und seinen Sätzen über das Apeiron als
Grund aller Dinge und deren Entstehung durch Teilung den Rang eines
philosophischen Zentralbegriffs.
Anaximanders Würdigung des Apeiron – verstehe man dieses nun im
quantitativen oder im qualitativen Sinn, als Maßloses oder als
Unbestimmtes – ist innerhalb des griechischen Denkens ein
Ausnahmefall, denn dieses interessiert sich insgesamt mehr für das
Begrenzte, für Zahl, Maß, Form und Begriff.
Sein und Begrenztsein gelten als korrelativ. Das Begrenzte, die
Teilbarkeit der Dinge, die Frage nach elementaren finiten Einheiten
der materiellen Welt beschäftigen die antike Naturphilosophie
vorrangig. Aristoteles bestimmt die Grenze als »das Äußerste eines
jeden Dinges sowohl als erstes, außerhalb dessen nichts, als auch
als erstes, innerhalb dessen alles ist.«
Das Problem, das sich aus der Idee einer unendlichen Teilbarkeit
alles Körperlichen ergibt, löst er durch die begriffliche
Unterscheidung dessen, was sich faktisch erfahren lässt, und des
rein Potentiellen.
Im Mittelalter ändert sich die Einstellung der Wissensdisziplinen
gegenüber dem Begrenzten und dem Unbegrenzten. Die antike
Unterscheidung zwischen dem Apeiron und dem Ausdifferenzierten wird
überlagert und abgelöst durch die zwischen Unendlichem und
Endlichem; Unendlichkeit gilt als Attribut Gottes und wird
entsprechend diskursiv aufgewertet, während Endlichkeit als Attribut
der Schöpfung erscheint, auch und insbesondere des Menschen. Dabei
ist, wie Augustinus meint, das menschliche Herz dem Göttlichen voll
Sehnsucht zugewandt, und in seinen Vorstellungen transzendiert es den
irdisch-endlichen Raum der begrenzten Dinge. Gleichnisse solcher
Grenzüberschreitung sind das Sehen oder Hören ferner Dinge, mit
denen der eigene begrenzte Standort ebenfalls überwunden wird.
Der
neuzeitliche Säkularisierungsprozess erfasst auch den Diskurs über
das Endliche und das Unendliche sowie die mit diesen Begriffen
verbundenen Konnotate. An die Mathematik geht die Zuständigkeit für
das Unendliche wie für Begrenzungen und für die Vermessung des
Begrenzten über;
das Infinitesimale wird zur großen Herausforderung der Rechenkunst.
Doch nicht nur die Auseinandersetzung um das mathematisch Infinite
ist typisch für die neuzeitliche Haltung gegenüber Grenzen, sondern
auch das epochale Bewusstsein von der Geschichtlichkeit und dem
Setzungscharakter aller Grenzziehungen. Räumliche Grenzen erscheinen
aus nachmittelalterlicher Sicht als eine Einladung zur Transgression:
zur Entdeckung und Eroberung des Neuen, zur Erprobung und Verstärkung
der eigenen Herrschaftspotentiale und zur Ausweitung der eigenen
Handlungsoptionen. Der Mensch überschreitet die ihm gezogenen
Grenzen aber nicht nur räumlich, sondern auch intellektuell: Er ist
begierig auf das Neue, er ist neu-gierig. Das Motiv des Aufbruchs zu
neuen Ufern, ja der unendlichen Fahrt wird zum Kerntopos
neuzeitlicher Selbstverständigung. Dass solche ›curiositas‹ aus
christlich-klerikaler Sicht als verdächtig, wenn nicht sündhaft
erscheint, ist keine Überraschung. Territoriale und
wissenschaftliche Expansionsprozesse prägen und gliedern den Verlauf
der neuzeitlichen Geschichte. Permanente räumliche und diskursive
Grenzüberschreitungen werden mit dem (hohen) Preis des
Orientierungsverlusts bezahlt. Hans Blumenberg hat einen allgemeinen
›Ordnungsschwund‹ als Charakteristikum der Neuzeit
diagnostiziert.
Die tradierte Kosmos-Idee wird obsolet, und mit ihr die Vorstellung
eines absoluten Raumes und einer absoluten Zeit; insofern stehen
Ordnungsschwund und modifizierte Einstellung gegenüber Grenzen in
engster Korrelation. Es kommt zu einer »Phänomenalisierung von Raum
und Zeit«.
Alle Einteilungen von Raum und Zeit, alle Differenzierungen, alle
De-finitionen werden abhängig vom erfahrenden Subjekt; dessen
Beziehung zur Welt dynamisiert sich auf irreversible Weise.
Solche
neuartigen Formen des Umgangs mit Grenzen korrespondiert die
Entdeckung, dass die empirische Welt weitläufiger und komplexer ist,
als sie sich dem Blick auf der Grundlage der natürlichen
menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit zeigt. Hatte man sich zuvor »das
Universum an der äußersten Sphäre der Fixsterne als begrenzt und
geschlossen vorgestellt« und galt im Zusammenhang damit die Zahl der
Sterne als mit einem Blick überschaubar (und zwar als ein bereits in
der Antike kartierter und ermessener Raum),
so setzt sich mit dem Zeitalter des Kopernikus und des Galilei die
Erkenntnis durch, dass mit verbesserten optischen Geräten weitaus
mehr (und anderes) gesehen werden könnte als mit dem bloßen Auge.
Für schärfere oder instrumentell unterstützte Augen verlaufen die
Grenzlinien zwischen den Dingen sowie die Grenzen der sichtbaren Welt
insgesamt anders als für den unbewaffneten oder gar den getrübten
Blick. Von dieser Einsicht in die Relativität von Sehfeldern und
Sehhorizonten aus ist es nur noch ein einziger weiterer Schritt bis
zu dem Gedanken einer ihrerseits prinzipiellen unbegrenzten
Verschiebbarkeit dieser Grenzen, einer prinzipiellen Erweiterbarkeit
des Sehfeldes ins Unabsehbare hinein. Die Konsequenzen aus solcher
Einsicht in die Abhängigkeit des Gesehenen von den physikalischen
Rahmenbedingungen des Sehens sind gravierend: Eine Fest-Stellung der
empirisch erkundenden Gegenstände wird grundsätzlich unmöglich.
Die Natur entzieht sich der definitiven Kartierung, insofern die
Vermessungspraxis das über Vermessene selbst mitbestimmt und sich
die wissenschaftlich beobachteten Gegenstände ändern, wenn sich die
Versuchsanordnung modifiziert.
Nun
bedeutet solche prinzipielle Erweiterbarkeit allerdings noch keine
tatsächliche Erweiterung. Und so ergibt sich komplementär zum
Gedanken einer permanenten wissenschaftlich-technischen Erweiterung
der Grenzen des Sichtbaren der Verdacht, es gebe Dimensionen der
Welt, welche dem wissenschaftlichen Beobachterblick entzogen blieben
– Teile der Welt, zu deren Anschauung der Mensch grundsätzlich
indisponiert sei. Der Schrecken, den die Vorstellung von
Realitätsdimensionen auslöst, welche jenseits der Grenzen
menschlichen Wahrnehmungs- und Erkenntnisvermögens liegen, ist nicht
geringer als der horror vacui. (Dem vorneuzeitlichen Denkhorizont
hätte eine solche Idee als skandalös und widersinnig gegolten,
bedeutet sie doch, dass es etwas gibt, das sich dem feststellenden
und Grenzen ermessenden Begriff entzieht, insbesondere aber, dass die
Schöpfung nicht um des Menschen willen da ist, da sie ja nicht
darauf angelegt ist, vollständig wahrgenommen und verstanden zu
werden.) Ein paradoxer Befund: Einerseits rückt das neuzeitliche
wahrnehmende Subjekt ins Zentrum seiner Welt, und deren Grenzen sind
die seines Sehfeldes. Andererseits begreift dieses Subjekt die
Abhängigkeit seines Wissens von diesem Sehfeld – und damit die
Begrenztheit seines Zugriffs auf den Kosmos. Sehfelder sind
kontingent, kontingent ist als Folge davon die empirisch erfahrbare
Welt, kontingent die Beziehung des beobachtenden Subjekts zu ihr.
Zwischen
sichtbaren und unsichtbaren Himmelskörpern verläuft keine klare
Grenze, sondern diese verschiebt sich immer,
und der technisch ermöglichte Zugewinn an Sichtbarem geht zu Lasten
der Orientierung.
Ist solcher Orientierungsverlust der Preis für den Gewinn an
Extension und Präzision im Prozess der naturwissenschaftlichen
Erkundung der Welt, so erfährt noch eine zusätzliche
Dramatisierung, sobald sich die Beobachtung Objekten zuwendet, die
sich gar nicht fixieren lassen. Irritierend wirkt etwa die von der
modernen Astronomie erkannte Beweglichkeit und Flüchtigkeit
astronomischer Erscheinungen – beispielsweise der Spiralnebel.
Die Sterne in der Antike ›zeigten sich‹, darum waren sie
sichtbar. Der neuzeitliche Himmel hingegen erscheint als radikal
verzeitlicht.
Um die Erde steht es nicht besser. Nichts zeigt sich von selbst,
alles muss aktiv in den Blick genommen und sehend strukturiert
werden. Stets bleibt das Nichtsichtbare Pendant des Sichtbaren.
Und es nimmt – aus subjektiver Beobachterperspektive gesprochen –
zu, je weiter die Technik der Sehhilfen progrediert, da sich ja mit
jeder Ausdehnung der Grenzen des Sichtbaren neue
Unsichtbarkeitsdimensionen auftun.
Der
als paradoxale Folge technischen Fortschritts zu registrierende
Sichtbarkeitsschwund birgt diverse metaphorische Potentiale. So lässt
er sich etwa als Gleichnis für die Erfahrung jener irritierenden
Intransparenz verstehen, welche das menschliche Ich an sich selbst
entdeckt und für sich selbst besitzt. Der Metaphorologe Blumenberg
erinnert in dem Zusammenhang an das phantastische Fernrohr von
Morgensterns Palmström, mit dessen Hilfe man seinen eigenen Rücken
beschauen kann – ein indirekter Hinweis auf jene Zonen des eigenen
Selbst, die sich dem selbsterforschenden Blick entziehen, auf die
Grenzen aller Introspektion, und seien sie noch so ernst gemeint.
Zur
metaphorischen Interpretation provoziert es ferner, wenn der Himmel
aus noch einem weiteren Grund keinen klaren Anblick bietet: Jenen
Anblick, den das Universum einem nicht stoffwechselabhängigen
Bewohner darbieten würde, verfälschen die Erdbewohner – wie man
inzwischen ja weiß – allein durch den Umstand, dass sie physisch
existieren: Sie entlassen Dünste und Müll in die Atmosphäre. Sei
es, dass man die durch lebende Organismen erzeugten Dunstschleier als
verschönernd, sei es, dass man sie als entstellend wahrnimmt – sie
sind allemal Schleier, und das physische Dasein des Beobachters
selbst bedingt eine spezifische ›Unschärferelation‹, die man in
eine Analogie zu derjenigen setzen könnte, die nach Heisenberg
benannt worden ist.
Man kann die Erde nicht hinter sich lassen – diese
deutungsträchtige Einsicht ist vor allem aus der jüngeren
Geschichte der Erkundung des Weltraums zu ziehen. Denn nicht allein,
dass eine Dunsthülle die Erde umhüllt, die den Blick auf die Sterne
stets beeinträchtigt; der Versuch, Beobachtungsinstrumente in den
Welttraum zu schicken, um einen freieren Blick zu bekommen, erzeugt
seinerseits selbst neue Störfaktoren – vor allem in Gestalt
verfallsresistenten Apparatemülls. Beim Einsatz von Apollo 11 haben
sich die von der Besatzung selbst erzeugten Abwässer störend auf
die Beobachtung der Erde ausgewirkt, und diese Geschichte bietet sich
an als Gleichnis für das Dasein einer Spezies von Erdenbewohnern,
die bei allem Streben nach ›reiner‹ und ›objektiver‹
Anschauung und Erkenntnis stets in eine Dunstwolke erdenspezifischen
Mülls und physiologisch erzeugter Abfallprodukte befangen bleiben –
in eine Umgebung, die jede klare Sicht verunmöglicht und den
Menschen an seine Körperlichkeit gemahnt.
II.
Teleskope, Mikroskope und ihre metaphorischen Potenziale
Hat
die
Neuzeit eine Fülle von optisches Geräten, Sehhilfen und Apparaten
zur technischen Bilderzeugung hervorgebracht, welche durch
Erschließung mikro- oder makro-optischer Sehräume die Grenzen des
Sichtbaren kontinuierlich modifizierten, so sind von diesen
Erweiterungen und Verschiebungen des Blickfeldes auch andere als die
im engen Sinn naturwissenschaftlichen Diskurse betroffen. Nicht
zuletzt wurden jene Geräte und ihre Nutzungstechniken zu neuen
Metaphernspendern für den menschlichen Welt- und Selbstbezug.
Voraussetzung dafür ist eine Aufwertung des Blicks, der optischen
Wahrnehmung und ihrer Organe durch die Renaissance, wie sie bei
Leonardo da Vinci exemplarisch zum Ausdruck kommt.
Im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert kommt es zu folgenreichen
Entwicklungen in der Fernglas- und Fernrohrtechnik; der Sehhorizont
erweitert sich nachhaltig, und vor dem Hintergrund eines empiristisch
geprägten Wissenschaftsverständnisses, insbesondere der
Hochschätzung des Auges als Erkenntnisorgan, erscheint diese
technische Entwicklung als Fundament signifikanter
Erkenntnisfortschritte. Von den empirischen Wissenschaften genutzt,
beschäftigten Fernrohre und Mikroskope mit ihren neuartigen Bildern
auch die nichtwissenschaftliche Einbildungskraft und galten als
Vehikel zu deren Anregung (wie sich etwa bei Addison, Brockes und
Haller zeigt). Dass zwischen wissenschaftlich-rationalem und
illusionistisch-mystifikatorischem Gebrauch dieser Sehhilfen nicht
einmal eine klare Grenze verlief, hat dazu wohl maßgeblich
beigetragen. Johann Christian Wiegleb (1779) und Christlieb B. Funk
(1783) verfassten Abhandlungen zur »Natürlichen Magie« (magia
naturalis), in denen scheinbar übernatürliche Phänomene
wissenschaftlich erklärt werden. Lichtenberg sei stellvertretend für
all die Benutzer optischer Geräte zitiert, die sich von deren
Gebrauch, wie überhaupt für Bereicherungen der gewohnten Optik,
eine Präzisierung ihrer Beobachtungen und einen entsprechenden
Wissensgewinn erwarteten – mit allen naheliegenden Konsequenzen für
die Metaphorisierung des Mikroskops: »Dinge die man täglich vor
Augen sieht von einer andern Seite zu betrachten oder vielmehr durch
ein Vergrößerungs-Glas anzusehen ist oft ein Mittel die Welt
erfolgreich zu belehren.«
Man müsste nur genau genug sehen können, so erschlössen sich dem
Betrachter die Rätsel der natürlichen wie der sozialen Welt.
Schon bei Lichtenberg ist das aber eher eine regulative Idee als ein
realisierbares Forschungsprogramm – weiß er doch um die
Unabschließbarkeit eines Erkennens, das es immer noch genauer wissen
will und der eigenen Logik gemäß auch immer noch genauer wissen
wollen muss. Keineswegs immer in Übereinstimmung mit solch
aufklärerischen Maximen, übten optische Effekte auf das breite
Publikum oftmals eine Faszination aus, die in einem eher
prärationalen Glauben ans Übernatürliche wurzelt.
Erweitern
Sehhilfen wie Fernrohr und Mikroskop den Blick ins Ungesehene, so
vermitteln sie dem Beobachter zugleich das Bewusstsein der
Abhängigkeit seines Sehens von dessen Rahmenbedingungen – so die
medientheoretisch reformulierte Version der
transzententalphilosophischen Einsicht in die Bedingtheit der
Erkenntnisobjekte von den Strukturen des Erkennens selbst.
Das abendländische Denken hat sich seit der Antike vor allem des
Metaphernkomplexes um Sehprozesse, visuelle Phänomene und
Lichtverhältnisse bedient, wo es um die Beziehung des erkennenden
Menschen zu seinen Erkenntnisgegenständen ging. Die für die
Selbstverständigung des Denkens und Erkennens im Abendland zu
zentrale Metaphorik des Sehens erfährt eine folgenreiche
Umakzentuierung, sobald die Leitmetapher eines unverstellten, reinen
Blicks zugunsten anderer, medial-relativistischer Konzepte abdanken
muss.
»Jedes Gewahrwerden der Dinge ist aspektgebunden, Sehen immer ein
›Sehen als‹ (Wittgenstein). Instrumente wie Mikroskop und
Teleskop eröffnen zudem neue Räume des Sehens, zeigen nicht nur
Dinge anders, sondern auch andere Dinge. Die Wahrheit des Geschehens
ist vielfältig gebrochen, die sinnliche Evidenz perspektivisch
projiziert«.
Das Sichtbare ist verschiebbar und historisch; sein unaufhebbarer
Schatten ist das ebenso kontingent ausgegrenzte Unsichtbare. Mit der
Einsicht in die Abhängigkeit des Gesehenen vom Blick hält das
Bewusstsein von Zeitlichkeit und Kontingenz Einzug in das
Selbstverständnis des erfahrenden Subjekts. Stets korrespondiert dem
Gesehenen ein Nichtgesehenes, das sich mit der technisch bedingten
Ausdehnung des Blickfeldes zwar verschiebt, aber niemals erschöpfend
in die Sichtbarkeit überführt werden kann. Die Grenzen zwischen
Erschaubarem und Unsichtbarem verschieben sich nur in die Ferne;
der Welt-Beobachter ist ständig unterwegs zu einem neuen, wiederum
aber kontingenten, modifizierbaren und temporären Sehhorizont. Dass
das ›Wie‹ des Sehens den Modalitäten, Bedingtheiten und Grenzen
der Weltwahrnehmung und des Erkennens korreliert, hat unter anderem
Jonathan Crary zum Ausgangspunkt seiner mediengeschichtlichen
Untersuchungen gemacht. Seiner Leitthese zufolge sind Techniken der
Bilderzeugung und Praktiken des Sehens zentrale Indikatoren der
Beziehung des erfahrenden Menschen zur Welt als Objekt seiner
Erfahrung. Im 19. Jahrhundert beobachtet Crary eine tiefgreifende
Veränderung: Das von der camera obscura repräsentierte ›klassische‹
Sehmodell, demzufolge sich im Innern der wahrnehmenden Instanz
maßstabsgerecht verkleinerte Abbilder der Bilder der äußeren Welt
einstellen, wird durch ein neues abgelöst, welches der
physiologischen Bedingtheit des Sehprozesses Rechnung trägt –
damit aber der physiologischen Bedingtheit dessen, was als
Wirklichkeit erfahrbar wird.
Plakativ gesagt: Der Körper selbst mischt sich in die Beziehung des
erkennenden Subjekts zu seinen Gegenständen ein. Auch Crary
unterstreicht die Konsequenzen des modernen
optisch-sehphysiologischen Wissens für andere Diskurse, insbesondere
für den der Anthropologie und der Philosophie: Könnte jemand die
Welt neutral, distanziert und objektiv beobachten, so könnte er sie
kontrollieren – und zugleich die Bilder, die er sich von ihr
machte.
Objektivität des Beobachtenkönnens wäre die zwar nicht
hinreichende, aber notwendige Bedingung von Freiheit gegenüber den
Dingen.
Denn nur ein erkennendes Subjekt, das seinen Erkenntnisgegenständen
– gemäß dem camera-obscura-Modell – distanziert und beobachtend
gegenüber stünde, wäre nicht durch die spezifischen Strukturen
seiner Wahrnehmung von vornherein in selbst induzierte Modi des
Objektbezugs verstrickt.
Nicht
nur
Philosophie, Anthropologie und Ethik sind vom geschichtlichen Wandel
des Wissens über das Sehen, dem Wandel der Sehtechniken und ihrer
metaphorischen Potenziale affiziert, sondern auch der Diskurs der
Ästhetik und Dichtungstheorie. In der Aufklärung verbindet sich die
Wahrnehmung des technischen Fortschritts, der die Sichtbarmachung des
bislang Unsichtbaren durch Mikroskope und Teleskope ermöglicht, mit
dem Topos von der dichterischen Darstellung des Möglichen. Der
Dichter macht neue Welten sichtbar, weil er über ein ›poetisches
Auge‹ verfügt – so betont Johann Jacob Breitinger in der
Critischen Dichtkunst.
Wenn die Vorstellungskraft es dem Menschen gestattet, sich »viele
neue Welten von möglichen und wahrscheinlichen Dingen«
vorzustellen,
dann lässt sich die Leistung dieser Vorstellungskraft mit dem
vergleichen, was neue optische Geräte zeigen. Neue technisch
ermöglichte optische Erfahrungen werden zu Metaphern einer
Entgrenzung des Blicks, einer Erschließung neuer, ungesehener Räume
und schließlich zu Metaphern einer Emanzipation vom bloßen Auge und
seinem Sichtbarkeitshorizont – einer Emanzipation, wie sie in den
Zuständigkeitsbereich der Imagination fällt. Unter anderem wird das
»Erfahrungsmuster mikroskopischer Beobachtung« zu einer »Metapher
für Leistung dichterischer Einbildungskraft«.
Wichtige Anregungen gehen davon insbesondere von Joseph Addison aus,
der im Spectator die Bedeutung mikroskopischer
Beobachtungen
für die Stimulation der Einbildungskraft gewürdigt hatte: »there
are none who more gratifie and enlarge the Imagination, than the
Authors of the New Philosophy, whether we consider their Theories of
the Earth or Heavens, the Discoveries they have made by Glasses, or
any other of their Contemplations on Nature. We are not a little
pleased to find every green Leaf swarm with Millions of Animals, that
at their largest Grow are not visible to the naked Eye.«
1.
Jean Paul
In
seiner Abhandlung Über die natürliche Magie der
Einbildungskraft
hat Jean Paul nicht nur den Zusammenhang zwischen Blick und Gesehenem
mit einer ganzen Sequenz von optischen Metaphern umschrieben, sondern
die materiellen Bilder und das physische Sehen ihrerseits zugleich zu
Sinnbildern der imaginativen Tätigkeit gemacht.
»Die
fünf Sinne
heben mir außerhalb, die Phantasie
innerhalb meines Kopfes einen Blumengarten vor die Seele; jene
gestalten und malen, diese tut es auch; jene drücken die Natur mit
fünf verschiedenen Platten ab, diese als ein sensorium commune
liefert sie alle mit einer.
[...] Wie die Fühlfäden der Sinnennerven zu den Empfindungen,
so verhalten sich die Gehirnkügelchen [...] zu den innern Bildern;
und ob wir gleich nur diese zu erzeugen,
und jene zu empfangen
glauben: so ists doch bei den Empfindungen falsch, die wir, wie Kant
genug erwiesen, ebensogut (nach und mit einer unbegreiflichen
plastischen
Form
in uns) erzeugen
als innere Bilder. Da der Spielraum der Sinne enger ist als der
Phantasie: so entsteht die Täuschung, dass wir uns jene nur in den
Ketten des Körpers und diese nur in den Zügeln des Willens denken,
da wir doch ebensowohl in einem fort phantasieren als empfinden
müssen. Die Empfindung stellt mit dem Kolorit der Schmelz- oder
Musivmalerei z.B. einen Menschen vor mich, die Phantasie tuts mit der
Blässe der schwarzen Kunst oder (in einem Dichter) mit aqua tinta.
Daß beide sich bloß im Kolorit unterscheiden, sieht man am meisten
dann, wenn die Lebhaftigkeit der Phantasie diesen Unterschied der
Farbengebung aufhebt – ich meine im hitzigen Fieber [...].«
(4/195f.)
Auch
die Vorschule
der
Ästhetik, welche
sich ja gleich eingangs zu dem Gedanken bekennt, das Wesen
dichterischer Darstellung sei am ehesten mit dichterischen Mitteln
beschreibbar, bedient sich eines reichhaltigen Reservoirs von
Metaphern aus der Sphäre des Optischen und der Visualität. Das
metaphorische Potenzial technischer Sehhilfen wird nicht nur in den
poetologisch-ästhetischen Abhandlungen Jean Pauls immer wieder
erkundet,
sondern auch in den Romanen. In das Leben
Fibels, einen
poetologischen Roman üner den »Erfinder« des ABCs, ist ein
besonders raffinierter Bericht über die Benutzung eines Fernrohrs
integriert. Jean Pauls Romanheld Gotthelf Fibel verwendet ein
Fernrohr, vom Erzähler auch »Tubus« genannt, in einer Zeit der
Entbehrung (er muss auf die ersehnte Verbindung mit seiner Freundin
Drotta warten) als Trost, ja als Lebenshilfe – als »Saftröhre
und Brunnenröhre seines fast ausgetrockneten Lebens« und
»Balancierstange seines schwankenden« (Lebens), da er mittels des
Fernrohrs räumliche Distanzen überwinden und sich die Nähe des
betrachteten Objekts suggerieren kann. Das Gerät wird ihm zur
»Himmelsleiter«, mittels derer er hohe Berge ersteigt und das
Elternhaus Drottas besucht. Verschiedene Details verdienen Beachtung:
nicht nur, dass die Benutzung des Fernrohrs kompensatorische
Funktion hat, nicht nur dass Fibel seine ›magische‹ Sehhilfe vom
Pfarrer bekommt – denn Pfarrer und Prediger sind im Werk des
Pfarrerssohns Jean Paul konnotativ mit dem Amt des Dichters
verknüpft, welcher selbst ein »Stadtpfarrer des Universums« ist.
und so liegt es nahe, die wundersame Leihgabe auf jene Dienste zu
beziehen, die der Dichter seinem Leser erweist –, sondern auch der
Anlass des Ausleihens: Der sprachen-verliebte Fibel kann nämlich den
richtigen (griechischen) Namen des Fernrohrs aussprechen, und er
bekommt dieses als Belohnung für diese verbale Kompetenz zur
Verfügung gestellt. Fibel holt sich zwar – auch dies ist
programmatisch und verweist auf poetische Darstellungsstrategien bei
Jean Paul selbst – die Ferne in Gestalt des Berggipfels mit dem
Fernrohr nah heran, aber nicht um dieses erhabenen Gipfels selbst,
sondern um sich nunmehr auszumalen, er schaue vom Berg selbst auf die
enge, kleine, aber geliebte Lebenssphäre der dörflichen Menschen.
Vom
Pfarrer bekam er gern ein altes Fernrohr geliehen, »weil er«, sagte
der Pfarrer, »das Wort Teleskop aussprechen konnte, was bei uns der
Schulmeister selber nicht vermag, geschweige der Bauer. Diese
Himmelsleiter holte er sich nun an grimmigen pfeifenden Wintertagen
und setzte sie ans Auge, wenn die Abendsonne den Berg mit Glanzrot
überlegte. Da hing der ferne kalt-windige Gipfel dicht an seiner
Nase vor dem Fenster, und er, mit dem ganzen Leibe im warmen
Stuben-Bade, lagerte sich bequem auf den fernen Schnee hin und konnte
nun die wärmsten Blicke aufs grüne Jäger-Haus herabwerfen, worin
er bald Drotta allein antraf, bald seine Mutter dazu, welches
letztere leicht vorauszuwissen war.«
Die
physikalische Modifikation des Blickfelds ist also nur das Substrat
für eine ganz andere, imaginativ gesteuerte Manipulation des
(eigenen) Blicks. Allerdings bleibt die Tätigkeit der
Einbildungskraft bei Jean Paul an die Empirie als Materiallieferantin
zurückgebunden; zu dieser Empirie gehören die Rahmenbedingungen des
Sehens (auch die jahreszeitlich-atmosphärischen), und von den
jeweils verwendeten konkreten Sehhilfen gehen jeweils spezifische
Stimulationseffekte aus (die sich in optisch-mechanischen Effekten
allerdings keineswegs erschöpfen). Jean Pauls Beschreibung der
Fibelschen Sehabenteuer mit dem Tubus charakterisieren den Sehvorgang
als einen Projektionsvorgang, bei dem die Empirie von subjektiven
Visionen überlagert wird und sich der Blick bis hin zur Verkehrung
der Blickrichtung modifiziert. Sein eigener Text bietet, vor allem
durch seine Metaphorik, ein sprachliches Pendant solcher
Überlagerung: Die Beschreibung eines konkreten Geschehens wird zur
Projektionsfläche von Sinnzuweisungen. Insgesamt bekräftigen sie
das Leitkonzept von der ›natürlichen Magie‹ einer
Einbildungskraft, die das Sichtbare nach Maßgabe subjektiver Wünsche
und Obsessionen verwandelt. Wer sich dieser selbstindizierten
magischen Verwandlung nicht bewußt ist, ist naiv wie Fibel. Dass
dieser die von den eigenen Rührungstränen herrührende Trübung der
Sicht auf Luftfeuchtigkeit oder Regen zurückführt (und deshalb an
der falschen Seite des Tubus herumwischt), passt ins Bild.
»Verschieden
von diesen Winterlustbarkeiten sind die Sommerbelustigungen des
optischen Älplers, wenn er abends ganz spät – sein langes
ziehbares Schnecken-Fühlhorn in der Hand und am Auge – den
sonnenroten Berg mitten ins Dorf mit seinem optischen Zauberstabe
versetzte, und wenn er dann auf diesem Verklärungs-Tabor sich
niederließ auf das von ihm selber früher zu einer Bank
zusammengetragne Steinhäufchen und er keck herunter thronte und fort
schauete – wenn darauf die Sonne den Berg wie einen heitern Greis
mit ihren letzten Rosen überkränzte und endlich ihn stehen ließ
und unterging, statt ihrer aber die schönste Abenddämmerung zum
Vergolden nachschickte; und wenn dann in der Stube Fibel oben mitten
auf dem fernen Gipfel saß und unter dem Gebetläuten herabsah in die
Wildmeisterei und jeden Waldvogel und Drottas Abendgesang vernahm
durch den Tubus und dabei ohnehin oben genau zusah, wie die Einsame
das Haus verwaltete und herumarbeitete: - - in solchen
Umständen
war es freilich kein Wunder, wenn er das Tubusglas ohne Nutzen
abwischte, weil er fälschlich dachte, der Tubus sei naß, aber nicht
sein Auge.«
Der
mikrologische Blick aufs Kleine, scheinbar Unbedeutende ist Metapher
eines poetologischen Programms, das Jean Paul im Großen (gleichsam
auf makroskopischer Ebene) durch die Konzeption von Figuren wie
Fibel, Wutz und andere Bewohner erdachter Idyllen umsetzt, im Kleinen
(auf mikroskopischer Ebene) durch die darstellerische Versenkung ins
Detail, die Aufmerksamkeit aufs Einzelne und zunächst Unauffällige.
Dichterische Darstellung versteht sich selbst metaphorisch als eine
Lenkung des Blicks und als eine Blickfelderweiterung, die auf eine
Intensivierung des Bezugs zu Menschen und Dingen aubzielt. Wer »ein
zusammengesetztes Mikroskop« zu benutzen wisse, könne sehen, so
heißt es einmal im Sinne eben dieses poetologischen Programms (und
in deutlicher Anlehnung an Addison), dass ein »Tropfe Burgunder
eigentlich ein rotes Meer, der Schmetterlingsstaub Pfauengefieder,
der Schimmel ein blühendes Feld und der Sand ein Juwelenhaufe ist.
Diese mikroskopischen Belustigungen sind dauerhafter als alle teuern
Brunnenbelustigungen.« (I 4, 11) Dieser Hinweis des Jean Paulschen
Erzählers ist mehr als eine Anleitung zum Gebrauch optischer Geräte;
als Hinweis auf die Abhängigkeit des Gesehenen vom Blick verweist er
auf die ästhetische Forderung nach einer Fokussierung der Dinge
durch die poetische Phantasie, die gleichbedeutend mit deren
Verklärung ist.
Wenn
Fibel das Fernrohr in die große Weite nur darum richtet, um von dort
aus in seinen Phantasien die kleine Enge in den Blick zu nehmen, so
korrespondiert dieses Verfahren der Verwandlung eines Teleskops
in ein Mikroskop
nicht nur poetologischen, sondern auch anthropologischen und
ethisch-moralischen Erwägungen. Der Blick durch Mikro- oder
Teleskope verweist sinnbildlich auf die Horizontabhängigkeit und
Perspektivik aller Erfahrung und Interpretation von Welt.
Dabei wird das optische Konzept der Perspektive erwartungsgemäß zur
Metapher subjektiver (und subjektiv semantisierter) Beobachtung.
Hatte Galilei darüber nachgedacht, wie sich die Erdkugel und ihre
verschiedenen Oberflächentypen aus der Entfernung eines Gestirns im
Weltraum ausnehmen würden,
so malt sich Jean Paul ein Paar empfindsamer Seleniten (Mondbewohner)
aus, das anlässlich des Blicks ins All und auf die Erde von deren
(irrigerweise unterstellter) Reinheit und Keuschheit schwärmt und
seine eigenen überspannten Vorstellungen von Moral und Anstand auf
die tatsächlich völlig anders gearteten Erdbewohner projiziert
(4/673).
Auf
der Erde wie auf dem Mond gestaltet sich alle Wahrnehmung, alle
Hypothesenbildung, alle Deutung erfahrener Phänomene
zentralperspektivisch: Metaphern und Gleichnisse aus der Theorie des
Sehens dienen Jean Paul vor allem der Umschreibung dieses Gedankens.
Nicht um eine physische Zentrierung des Kosmos auf den Menschen geht
es ihm dabei, im Gegenteil: Im Bewusstsein der Kontingenz aller
Perspektiven und der Zeitlichkeit aller Sehhorizonte schreibt er die
horizontbildende Integrationsleistung allein dem einzelnen
wahrnehmenden und empfindenden Ich zu. Und so deutet er unter
Orientierung an der Leibnizschen Monadenlehre zwar den einzelnen
Menschen als einen Mikrokosmos, in dem sich der Makrokosmos spiegele
und unterstreicht, dass vom engsten Raum aus der Blick ins All
möglich sei,
aber auch hier sorgt keine prästablisierte Harmonie für die
Korrespondenz zwischen Mikro- und Makrokosmos, sondern allein die
integrative Kraft individueller Weltbeobachtung und -auslegung. Die
für Jean Pauls Romane charakteristischen Gegenüberstellungen von
»großer« und »kleiner« Welt unterstreichen die Analogien
zwischen soziologischem, moralischem und
selbstreflexiv-poetologischem Diskurs: Die dichterische Darstellung
ist es, welche das Große klein und das Kleine groß erscheinen
lassen kann – um damit ästhetische Pendants zu jener Zauber-Kunst
zu bieten, welche alles Wahrnehmen und Deuten der Welt kraft der
»natürlichen Magie der Einbildungskraft« immer schon ist. Im
Zentrum der Jean Paulschen ars vivendi steht die Lehre von den drei
Wegen, glücklich zu werden: Es gelte entweder, so »weit über das
Gewölke des Lebens hinauszudringen, daß man die ganze äußere Welt
mit ihren Wolfsgruben, Beinhäusern und Gewitterableitern von weitem
unter den Füßen nur wie ein eingeschrumpftes Kindergärtchen liegen
sieht«, oder aber »gerade herabzufallen ins Gärtchen und da sich
so einheimisch wie in eine Furche einzunisten, daß, wenn man aus
seinem warmen Lerchennest heraussieht, man ebenfalls keine
Wolfsgruben, Beinhäuser und Stangen, sondern nur Ähren erblickt,
deren jede für den Nestvogel ein Baum und ein Sonnen- und
Regenschirm ist.« (I 4, 10) Der dritte – und letztlich überlegene
Weg besteht im Wechsel zwischen beiden anderen Haltungen (I 4, 10);
Gleichnis hierfür ist die abwechselnde Verwendung eines Fernrohrs
als Mikro- und als Teleskop, als Sehhilfe, die das Große verkleinert
und das Kleine vergrößert. Der Luftschiffer Giannozzo allerdings,
der die Welt mittels des Fernrohrs aus der Distanz erkundet, hält
sich an eine einseitige Perspektive und bleibt auf Distanz zu den
Dingen.
2.
E.T.A. Hoffmann
Nicht
minder zentral als poetologische Gleichnisse wie als Schnittstellen
zwischen ästhetischem, erkenntniskritischem, erfahrungstheoretischem
und anthropologischem Diskurs sind Konzepte der Bildlichkeit und des
optischen Wissens sowie bildmediale Arrangements bei E.T.A. Hoffmann.
Der poetisch, d.h. imaginativ Begabte sieht die Dinge in einer
besonderen Beleuchtung, aus einer besonderen Perspektive, er hat eine
eigene ›Optik‹ – und wenn es ihm gelingt, seine visionären
Fähigkeiten in ein künstlerisches Werk umzusetzen, dann vermittelt
sich dieses besondere Sehen auch an den Rezipienten, der letztlich
die schöpferische Leistung des Künstlers wiederholend
nachvollziehen muss. Dies gilt ausdrücklich nicht nur für Maler und
die Betrachter von Gemälden, sondern auch und gerade für
literarische Erzähler und ihre Leser.
Spielen bei Jean Paul vor allem Konzepte der Vergrößerung
und Verkleinerung, der optischen Horizonterweiterung und der
Focussierung, der wechselnden Perspektivierung von Sehobjekten eine
Rolle – lauter Konzepte, die mit der Vorstellung eines empirischen
Substrats verknüpft bleiben, das den Sehprozess stimuliert, auch
wenn es durch den Blick immer wieder verwandelt wird, so benutzt
Hoffmann Metaphern und Modelle, die den kreativen Anteil der
Imagination noch stärker betonen. Der Unterschied zwischen Jean
Pauls »natürlicher Magie der Einbildungskraft« und Hoffmanns
künstlerischer Zauberkunst mag graduell sein, doch er besteht: Jean
Paul gibt das Projekt des mikroskopischen Blicks und seine
freiwillige Bindung an die Empirie der kleinen alltäglichen Menschen
und Dinge nie ganz auf. Hoffmann dagegen rückt das Beschränkte und
Alltägliche nur in den Blick, um an ihm seine Verwandlungskünste zu
erproben. Sinnbild der hier geforderten Magie ist die
Grenzüberschreitung zwischen Urbild und Abbild, Natur und Artefakt,
lebendigem Objekt und Repräsentation. Ein künstlerisch gelungenes
Gemälde belebt sich vor den Augen des Betrachters, ein gut
erzählter Text lässt die Gestalten und Ereignisse, von denen er
spricht, vor dem inneren Auge des Lesers lebendig werden.
Hoffmanns Poetik mag als Poetik des ›lebendigen Bildes‹
charakterisiert werden – zumal, da er wiederholt seine Erzählungen
von solcherart narrativ ›belebten‹ Bildern ihren Ausgang nehmen
lässt und sein künstlerisches Vorbild Callot wegen der Lebendigkeit
seiner Figuren würdigt.
Das Konzept des lebendigen Bildes hat eine lange
Geschichte,
die bis in die Sphäre der mythischen Überlieferung zurückreicht;
Hoffmanns Metaphorisierung technischer Sehhilfen dagegen nimmt auf
rezentere Erfindungern Bezug. Geht es darum, die ›Lebendigkeit‹
dessen zu unterstreichen, was durch die poetische Zurüstung des
Blicks sichtbar gemacht wird, so eignet sich das Mikroskop in
besonderem Maße als Metaphernspender: Dient es doch unter anderem
dazu, Lebendiges anzuschauen. Die Entwicklung mikroskopischer
Techniken findet literarisch unter anderem ihren Widerhall bei
Brockes, der den Blick des Lesers in Makro- und Mikrowelten, in die
Tiefen des Raums und in die der lebendigen Details natürlicher Dinge
lenkt.
Anton
van
Leuwenhoek hatte das Mikroskop genutzt, um die dem bloßen Auge
unerreichbaren Sphären des Lebendigen sichtbar zu machen; er
untersuchte den eigenen Speichel und andere Mikrowelten voll bisher
ungesehener Wesen. Für seine mikroskopischen Experimente berühmt
wurde auch Jan Swammerdam, der in seiner Biblia Naturae
(1674)
die Entdeckung des Reichs der Mikroorganismen geschildert hat. In
Hoffmanns Erzählung Meister Floh tauchen die beiden
Mikroskopisten wieder auf.
Hier kommt ein »Nachtmikroskop« zum Einsatz, durch welches
wundersame Bilder auf eine Wand projiziert werden – »mit einer
Schärfe und Deutlichkeit auf die Wand […], die nichts zu wünschen
übrig ließ« (699). Dieses Nachtmikroskop ist ein aus Mikroskop und
Zauberlaterne kombinierter Apparat. Hoffmanns Leuwenhoek, der seinen
Apparat als Pendant zum »Sonnenmikroskop« konstruiert hat, nutzt
ihn für spektakuläre öffentliche Darbietungen, die aber keinem
eigentlich wissenschaftlichen Zweck dienen, sondern die Schaulust des
Publikums ansprechen und im Grunde selbstzweckhaft sind: Er ist ein
Artist der optischen Apparate, ein Künstler. Daran, dass sich
Hoffmannsche Künstler gerade mit dem Abseitigen und Grotesken gut
auskennen, erinnern seine Vorführungen dressierter Flöhe sowie
anderer Klein- und Krabbeltiere. Wenn das Phantasmagorische und das
Groteske sich verbinden, kommt es zu nachhaltigen Verstößen gegen
die bürgerliche Ordnung des Sehens und Verhaltens: Eines Tages
verliert Leuwenhoek die Kontrolle über sein Bestiarium, und die
erschrockenen Zuschauer erblicken unversehens an den Wänden des
Vorführungsraumes die riesigen, täuschend echt wirkenden
Projektionen der Flöhe und ihrer Kollegen; dann fliehen die Urbilder
und entziehen sich der Kontrolle ihres erschrockenen Meisters.
Meister
Floh belegt nicht nur eine Faszination durch mikroskopische
Techniken, welche die durch den technischen Fortschritt des 19.
Jahrhunderts ausgelösten Interessen anzipiert, er bietet zudem ein
weiteres Beispiel für die poetologische Funktionalisierung solcher
Techniken des Sehens. Mit dem Projektionsverfahren des Schaustellers
entwirft Hoffmann eine autoreflexive Metapher der eigenen
erzählerischen Darstellung. Vor allem die Kopplung von Mikroskop und
Laterna-Magica betont, dass Hoffmanns mikroskopische Belustigungen
nicht auf eine Erschließung der Empirie abzielen, sondern darauf,
den Schauenden in ein imaginiertes Reich zu versetzen. Das Imaginäre
erschließt sich nur der Vision; deren Effekt kann dabei zwischen
Glück und Schrecken changieren.
Mit
dem
Modell des (ebenso teils beglückenden, teils erschreckenden)
lebendigen Porträts wie mit dem der sich vergrößernden und
verselbständigenden mikroskopierten Kleinorganismen verknüpft ist
die Idee einer Grenzüberschreitung. Gemalte Figuren verlassen ihre
Rahmen, dressierte Flöhe ihre Aufenthaltsorte; der Weg führt von
der Leinwand und vom Objektträger in die Alltagswelt hinein, und
diese wird zum Spiel-Raum des Phantastischen. Wenn dieses in
Hoffmannscher Akzentuierung viel eher das Produkt eigensinniger
Imagination als das Erzeugnis verklärter Empirie ist, so deutet sich
dies unter anderem darin an, dass Mikroskope im Meister Floh
nicht allein (und nicht primär) die mikrologische Empirie, sondern
das Innere des menschlichen Kopfes sichtbar machen: Mikroskopische
Gläser gewähren dem, der sie ins eigene Auge einsetzt, den Anblick
der Gedanken und Phantasien anderer Menschen – von Dingen also, die
an sich jenseits aller Sichtbarkeit sind.
Plakativ gesagt: Hoffmanns Mikroskope eröffnen dem Blick des
Betrachters Dimensionen der Realität, die prinzipiell jenseits der
physischen Sichtbarkeitsgrenze liegen. Bei Jean Paul ergibt sich ein
demgegenüber changierender Befund. Das zunächst Unsichtbare, dann
tele- oder mikroskopisch sichtbar Gemachte geht aus poetischer
Verfremdung und Verklärung von Erfahrungsstoff hervor, der eine
Transsubstanziation erfährt. Prozesse der Mikroskopie verweisen bei
Hoffmann wie bei Jean Paul darauf, das vom poetischen Text erwartet
wird – respektive: was dieser von sich selbst erwartet.
3.
Metaphorisierungen des Mikroskops im Diskurs über realistisches und
naturalistisches Erzählen
Im
Diskurs über den realistischen und den naturalistischen Roman und
seine spezifischen Darstellungsverfahren gewinnt die Metaphorik des
Mikroskopischen eine Relevanz, an die hier nur kurz erinnert werden
kann. Anders als bei Jean Paul, anders vor allem als bei Hoffmann,
geht es hier um die Frage nach den Möglichkeiten einer empirisch
fundierten Erzählkunst, die das Detail wie das Ganze auf
objektivierende Weise wiedergibt. Friedrich Spielhagen orientiert
sich bei der Beschreibung der Darstellungstechnik des Romans an
makroskopischer und mikroskopischer Betrachtungsweise. Hierauf
gründet seine Forderung einer die Wirklichkeit bespiegelnden
objektiven Darstellungsweise – in Anknüpfung an das
ut-pictura-poiesis-Theorem (Stiegler 252). Der Vergleich
literarischer Schreibweisen mit mikroskopischen Verfahren kann sowohl
kritisch als auch affirmativ gemeint sein. Paul Heyse kritisiert die
Texte »jene(r) Herren«, welche »realistische Romane« verfassen,
»in denen sie den Ekel unters Mikroskop bringen.«
Arno Holz dagegen diagnostiziert bezogen auf die mikroskopische
Genauigkeit zeitgenössischer Darstellungsstile gerade ein Defizit:
»Ganze Romane nach dem Leben, ganze Serien von
solchen hatte
man schon geschrieben. Aber einen einzigen Stiefelabsatz zu
studieren, hatte man noch immer unter seiner Würde gehalten. Man
kannte zwar schon das Fernrohr, aber noch nicht das Mikroskop.«
4.
Georges Perec
Im
Zentrum der Erzählung Un cabinet d’amateur von
Georges
Perec steht ein Gemälde, das zwar dem Erzählerbericht zufolge in
der Moderne entstand, aber zu einer Gattung gehört, die man vor
allem im Barock schätzte: ein »Kunstkabinett«. Dargestellt ist
die Kunstsammlung des Deutschamerikaners Hermann Raffke, der sich von
dem Maler Heinrich Kürz inmitten seiner Sammlung hat porträtieren
lassen. Da Raffke dieses Bild, betitelt »Un cabinet d’amateur«,
selbst seiner Sammlung einverleibte, ist es mit Blick auf die
immanente Logik des Gemäldes nur konsequent (wenngleich unter
chronologischen Aspekten auch eher irritierend), dass sich das
Gemälde »Ein Kunstkabinett« als Bestandteil der Sammlung auf dem
Gemälde »Ein Kunstkabinett« selbst mit dargestellt findet.
Heinrich Kürz’ Malstil ist äußerst naturalistisch und
detailversessen. Konsequenz davon ist eine mise-en-abyme-Struktur:
Das gemalte Bild enthält das gemalte Bild, das wiederum das gemalte
Bild enthält – und in diesem Fall ist es keine bloße Redensart zu
sagen: ad infinitum. Denn die Sequenz der in jeweils rahmende
Bildkompositionen integrierten kleineren Bildkomposition läßt sich
für die Betrachter nicht bis zu einem Abschluß nachverfolgen. Der
Blick stößt angesichts immer kleinerer, soweit sich beurteilen läßt
aber immer noch korrekter Binnenspiegelungen an eine Grenze, jenseits
derer das Bild freilich weiterzugehen scheint. (Hier bestehen
Analogien zu den Fraktalen der Chaostheorie.) Wie man feststellt, ist
die Darstellung der Bilder im Bild, selbst dort, wo sie winzig und
immer winziger wird, so präzise, dass keine der verkleinerten
Reproduktionen an Perfektion hinter den Originalen zurückbleibt. Mit
Lupen verfolgen die faszinierten Betrachter den einzelnen Stufen der
Darstellung ins immer ›mikroskopischere‹ Innere hinein. Die
gewissermaßen erbarmungslose Naturtreue der Wiedergabe der
jeweiligen Bildvorlagen wird zu einem Faszinosum, das etwas
Beunruhigendes an sich hat. »Un cabinet d’amateur« erscheint wie
das gemalte Pendant des Buchs mit unendlich dünnen Seiten, das Jorge
Luis Borges in seiner Erzählung Das Sandbuch
beschreibt.
Noch
skandalöser wirkt jedoch der Umstand, dass es mit der »Treue« der
Reproduktion der Vorlagen auf den zweiten Blick schlecht bestellt
ist: Kürz hat, wie man entdeckt, bei der stufenweise jeweils
verkleinerten Reproduktion der Gemälde an deren Bildinhalten immer
wieder Verfremdungen vorgenommen und auf einzelnen
Reproduktionsstufen manchmal sogar die falschen Bilder ins Ensemble
eingefügt. Wieder mag man sich ans Sandbuch
erinnern, da es
bei diesem, wie es heißt, unmöglich ist, jemals eine früher
aufgeschlagene Seite wiederzufinden. Auch die Betrachter von Kürz’
mise-en-abyme finden in der Tiefe des Bildes niemals genau Dasselbe
wie zuvor auf den rahmenden Stufen.
»Le
jeu
favori de ces observateurs maniaques, qui revenaient plusieurs fois
par jour examiner systématiquement chaque centimètre carré du
tableau, [...] était de découvrir les différences existant entre
les diverses versions de chacune des œuvres
représentées, au niveau du moins de leurs trois premières
répétitions, la plupart des détails cessant évidemment ensuite
d'être distictement discernables. L'on aurait pu penser que le
peintre avait eu à cœur
d'exécuter chaque fois des copies aussi fidèles que possible et que
les seules modifications perceptibles lui avaient été imposées par
les limites mêmes de sa technique picturale. Mais l'on ne tarda pas
à s'apercevoir qu'il s'était au contraire astreint à ne jamais
recopier strictement ses modèles, et qu'il semblait avoir pris un
malin plaisir à y introduire à chaque fois une variation minuscule:
d'un copie à l'autre, des personnage, des détails, disparaissaient,
ou changeaient de place, ou étaient remplacés par d'autres: la
théière du tableau de Garten devenait une cafetière d'émail bleu;
un champion de boxe, encore vaillant dans la première copie,
recevait un terrible uppercut dans la seconde, et était au tapis
dans la troisième; des masques de carnaval [...] emplissaient une
piazetta d'abord déserte; une femme voilée, un petit âne, un
dromadaire, disparaissaient l'un après l'autre d' un paysage du
Maroc; un tableau représentant des Eskimos descendant le
fleuve
Hamilton, de Schönbraun, était successivement remplacé par Les
Pêcheurs de perles, de Dietrich Hermannstahl, puis par le
Portrait de la jeune mariée, de R. Mutt; un berger rentrant
ses
moutons (La Leòon
de peinture, école hollandaise) en aurait compté une dizaine
sur la première copie, une vingtaine sur la seconde, et plus aucun
sur la troisième; un joueur de luth devenait joueur de flûte (Scëne
de cabaret, Ecole flamande); trois hommes sur une petite
route de
campagne passaient d' un embonpoint frisant l'obésité à une
sveltesse presque inquiétante, etc. / Ces modifications
impondérables et imprévisibles qui affectaient le plus souvent des
détails infimes – la plume un peu délabrée d'un chapeau, deux
rangs de perles au lieu de trois, la couleur d'un ruban, la forme
d'un écuelle, la poignée d'un épée, le dessin d'un lustre –
excitaient au plus haut point la curiosité des visiteurs qui
s'efforòaient
tout
aussi vainement d'en faire un dénombrement précis que d'en
comprendre la justification originelle.«
Als
»Ein
Kunstkabinett« zu Beginn des 20. Jahrhundert in Pittsburgh
öffentlich gezeigt wird, ist es von den Bildern umgeben, die es
selbst darstellt. Das Ausstellungs-Arrangement entspricht im
wesentlichen dem Arrangement der Bilder auf dem Kürz-Gemälde, so
dass die Betrachter das Gefühl suggeriert bekommen, ihre eigene
Wirklichkeit sei nur eine weitere Stufe des ästhetischen
Gesamtarrangements. Auch weitere Beziehungen zwischen Bildinhalten
und Außenwelt verstärken diese Suggestion eines gleitenden
Übergangs zwischen verschiedenen Wirklichkeitsstufen. Zum einen ist
die Person Hermann Raffkes auf allen Bild-Ebenen zu sehen. Zweitens
tauchen in den verfremdeten bzw. falschen Reproduktionen die
Gesichter von Mitgliedern der Familie Raffkes auf. Und drittens
gehören zu den als Bestandteile der Sammlung Raffke im Bild
dargestellten Gemälden auch zwei andere Werke von Kürz selbst: ein
wirkliches, das wiederum Mitglieder der Raffke-Familie zeigt, sowie
ein imaginäres, das nie realisiert wurde – außer in seiner Kopie
auf dem »Kunstkabinett«-Gemälde.
Kunstkabinett-Gemälde
sind Darstellungen der Malerei selbst – autoreflexive
Bildkompositionen, die darauf insistieren, dass die Malkunst und
nichts anderes das zentrale Sujet der Malkunst ist. Eine Figur des
Perec-Romans erklärt in diesem Sinne das Genre des »Kunstkabinetts«
für den Ausdruck eines neuen künstlerischen Selbstbewußtseins.
»›Toute
œuvre
est le miroir d'une autre‹, [...] un nombre considérable de
tableaux, sinon tous, ne prennent leur signification véritable qu'en
fonction d'œuvre
antérieures qui y sont, soit simplement reproduites, intégralement
ou partiellement, soit, d'une manière beaucoup plus allusive,
encryptées. Dans cette perspective, il convenait d'accorder une
attention particulière à ce type de peintures que l'on appelait
communément les ›cabinets d'amateur‹ (Kunstkammer)
et dont la tradition, née à Anvers à la fin du XVIe siècle, se
perpétua sans défaillance à travers les principales écoles
européennes jusque vers le milieu du XIXe siècle. Concurremment à
la notion même de musée et, bien entendu, de tableau comme valeur
marchande, le principe initial des ›cabinets d'amateur‹ fondait
l'acte de peindre sur une ›dynamique réflexive‹ puisant ses
forces dans la peinture d'autrui.«
Gerade
gemalte Kunstkabinette sind zudem aber auch vielfach malerische
Auseinandersetzungen mit der Grenze zwischen Sichtbarem und
Unsichtbarem: Die Darstellung von Bildern verschiedener
Größenordnungen innerhalb einer Bildkomposition wird tendenziell
zur herausforderung an die Sehkraft des Malers wie auch des
Bildbetrachters. Mit dem Motiv eines Gemäldes, das im Rahmen einer
mise-en-abyme-Komposition Darstellungen von solch mikroskopischer
Feinheit enthält, dass diese sich dem Auge des Betrachters
entziehen, spielt Perec insbesondere auf die Schule der sogenannten
Leidener Feinmaler an: Begründer dieser Schule war Gerard Dou (1613
– 1675); sie bestand bis ins 19. Jahrhundert hinein fort. Die
Feinmaler (Dou, Metsu, van Mieris) malten mit der Lupe; die Details
ihrer Bilder sind auch nur mit der Lupe zu erkennen. Bevorzugte
Themen und Motive waren filigrane Gegenstände, Musikinstrumente,
Malgeräte, Bilder, aufgeschlagene Bücher, Zeitungen; die
Schriftträger waren mikroskopisch fein beschriftet. Von der
Kunstwissenschaft wird wegen der Motivwahl und der mikroskopischen
Ausführung die Hypothese vertreten, es sei den Leidenern letztlich
um eine Selbstdarstellung der Malerei gegangen. Dies klingt zunächst
paradox – wieso sollte mikrologische Objekttreue dem Selbstverweis
der Kunst dienen? Aber entscheidend ist die geringe Größe der
Bilder und Darstellungen, mit denen die Objekte »treu« dargestellt
sind. Das mimetische Prinzip wird durch seine Übersteigerung ad
absurdum geführt: Die Maler malen letztlich etwas, das man nicht
sehen kann. Die Ähnlichkeit der Darstellung mit der realen Welt
liegt jenseits des Überprüfbaren. Die Malerei überschreitet, indem
sie die Wirklichkeit genauer wiedergibt, als man sehen kann, eine
Unsichtbarkeitsschwelle (wie Kürz bei Perec). ›Mimetische‹ Kunst
kippt an dieser Unsichtbarkeitsschwelle in autonome Kunst um,
insofern es das Unterwerfen der Welt unter ihren eigenen
(Größen-)Maßstab ist, welches die Verwandlung von Sichtbarem in
Unsichtbares bewirkt.
Wie das Mikroskop steht die Lupe für eine Verschiebung der
Sichtbarkeitsschwelle, einen Aufbruch ins Unsichtbare, dem keine
verbindliche Grenze gesetzt ist – allenfalls die kontingente Grenze
des physischen Leistungsvermögens.
Perecs
Cabinet d’amateur ist eine Etüde über Entgrenzungen
auf
verschiedenen Ebenen: (1) Die von Erzähler beschriebene malerische
Mise-en-abyme, die Erstreckung des Gemäldes ins Unabsehbare sowie
die komplementäre Einbeziehung des Publikums und der
Ausstellungssituation in ein das Bild rahmendes Arrangement bewirkt
eine Entgrenzung zwischen Repräsentiertem und Repräsentation;
unabsehbar viele Rahmen wird einerseits konstruiert, andererseits
(durch die Wiederholung des Rahmenden innerhalb des Rahmens)
überschritten. (2) Die auf dem Gemälde mit Lupen herumkletternden
Ausstellungsbesucher vollziehen einen »Einstieg ins Bild«; zwischen
Kunst und Kunstbetrachter gibt es als Folge der Sogwirkung des
Kunstwerks keine Distanz mehr. (3) Durch das Kürzsche
Variationsprinzip, die partielle Verfremdung oder Vertauschung der
Bildinhalte, kommt es zu einer Entgrenzung zwischen ›korrekten‹
und ›falschen‹ Abbildern. (4) Schließlich erzeugt das Gemälde
durch seine Mikrostruktur eine Entgrenzung zwischen Sichtbarem und
Unsichtbarem. Via negationis erweisen sich verschiedene Diskurse als
durch Analogien miteinander verknüpft: der Diskurs über
Repräsentation (Zeichen/Bezeichnetes), über Objektivation
(Subjekt-Objekt-Relation), der Diskurs über Wahrheit/Falschheit und
der Diskurs über Empirie als Habhaftwerden von Gegenständlichkeit.
All diese Diskurse beruhen auf Differenzierungen – auf der
Leitdifferenz Zeichen/Bezeichnetes, auf der von Subjekt/Objekt, auf
der von Wahr/Falsch und auf der von Erfahrbarkeit/Unerfahrbarkeit.
Perecs Roman handelt von der simultanen Aufhebung dieser
Leitdifferenzen. Das Unsichtbare steht dem Sichtbaren nicht mehr
antagonistisch gegenüber, sondern sein Ort ist gerade jeweils
inmitten des Sichtbaren. Analog dazu findet sich das Falsche im
Wahren – und das beobachtende Subjekt wird teil des beobachteten
Objekts. Die beim Bildbetrachten notwendigen Lupen sind Sinnbilder
für das von keiner Sehhilfe einfangbare infinite Unsichtbare in den
Zwischenräumen des Sichtbaren, das Überraschende in den
Zwischenräumen des Wiedererkennbaren, das Ordnungswidrige in den
Zwischenräumen des Geordneten – auf das Un-Definierbare – also
Entgrenzte – in den Zwischenräumen des Begrenzten, Gerahmten. Die
Empirie selbst erscheint als das Abgründige, die Kunst stellt Lupen
bereit, um diesem Abgründigen über alle (notwendig vorläufigen und
kontingenten) Grenzziehungen hinaus nachzugehen.
Der
literarische Text bespiegelt sich bei Perec nicht zuletzt selbst in
der Kunstkabinett-Struktur – und das heißt, er reklamiert die
entgrenzenden Effekte des merkwürdigen Bildes auch und gerade für
sich selbst. In den Erzählerbericht sind Beschreibungen von Bildern
in einer Weise integriert, die der Darstellung von Bildern durch Kürz
entspricht – Wiedergaben der Sujets teils wirklicher (und oft
bekannter), teils erfundener Gemälde, unter teilweise korrekten,
teilweise falschen Angaben zu diesen Bildern, mit teilweise
verfremdeten Namen und Titelangaben. Und am Ende bezeichnet sich der
Erzählerbericht selbst ausdrücklich als undifferenzierte Mischung
aus Fiktionen und Wahrheit. Unentscheidbar ist, ob man im Fall des
Kürzschen Bildes und der Perecschen Erzählstils von einer
obssssiven Vertiefung in die Empirie und ihre Abgründe sprechen soll
(von einer Art schwindelerregendem Hyperrealismus) oder von einer
Verdrängung des Empirischen durch das Imaginäre. Letztlich ist
zwischen diesen beiden Optionen nicht mehr klar zu unterscheiden, da
– als Folge der Subvertierung alles Feststellbaren durch
Ungreifbares, alles Sichtbaren (empirisch Verifizierbaren) durch ein
sich ins Unendliche erstreckendes Unsichtbares – die Leitdifferenz
zwischen dem Erfahrbaren und dem Imaginären selbst zur Disposition
steht. Perec führt beide Prinzipien – das der Versenkung bis in
die feinsten Ritzen der empirischen Welt und das der Ersetzung dieser
Welt durch Fiktionen – auf paradoxe Weise zusammen.
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