|
Internationalismus: ein Abriss
von Perry Anderson
Nur wenige politische Begriffe sind so
normativ und zugleich so schillernd wie der des Internationalismus. Der
offizielle Diskurs des Westens ist heute durchtränkt von Bezugnahmen auf eine
Idee, die lange ein Markenzeichen der Linken war. Wie auch immer man
Internationalismus versteht, die Bedeutung, die man ihm gibt, hängt
logischerweise davon ab, welches (ursprünglichere) Verständnis von
Nationalismus man hat, denn nur als Gegenstück, als etwas, das sich auf sein
Gegenteil bezieht, hat er Geltung. Während nun aber der Nationalismus unter
allen modernen politischen Phänomenen das in seinem Wert umstrittenste ist –
die Urteile darüber, was der Nationalismus bewirkt hat, reichen gewöhnlich, in
einer Spanne von 180 Grad, von Bewunderung bis zur Verdammung –, ist der
Internationalismus von einem solchen Auseinanderklaffen der Konnotationen
unberührt geblieben: er wird im Grunde genommen immer positiv gesehen.
Aber der Preis für diese allgemeine Zustimmung ist Unbestimmtheit. Wo niemand
das Faktum des Nationalismus bezweifelt, aber wenige sich einig sind, was
seinen Wert angeht, sieht es zu Beginn des neuen Jahrtausends so aus, als
verhalte es sich beim Internationalismus gerade umgekehrt. Von allen Seiten
wird er als Wert hochgehalten, aber wer könnte ihn unwidersprochen irgendwo als
Wirkungsmacht ausmachen?
Diesem Paradox
liegt eine unaufgearbeitete Geschichte zugrunde. Masaryk, ein großer
Nationalführer, gab einmal die klarste und einfachste Definition des
Nationalismus. Nationalismus war, meinte er (indem er sich gleichzeitig davon
absetzte), jede Anschauung, die die Nation als den höchsten politischen Wert
betrachtet. Das muss
nicht heißen, dass seine Anhänger unter allen Umständen, in jedem beliebigen
Zusammenhang nur oder vor allem an die Nation denken, unter Ausschluss aller
anderen Bindungen oder Identitäten; das Maß an Bedeutung, das sie hat, variiert
– je nach gegebener Situation. So gesehen gibt uns diese Formel eine Gegendefinition
des Internationalismus, die hinreichend und neutral genug ist, um das in
Angriff zu nehmen, was bisher am meisten gefehlt hat: eine empirische
Rekonstruktion dessen, was er geleistet hat. Bezogen auf die Geschichte soll
der Begriff Internationalismus für alle Anschauungen und Praktiken verwendet
werden, die die Nation zugunsten einer größeren Gemeinschaft zu überwinden
suchen, deren entscheidende Bestandteile weiterhin Nationen wären. Der Vorteil
einer solchen pragmatischen Definition liegt darin, dass sie es ermöglicht,
eine Reihe von konventionellen Vorannahmen über Nationalismus und
Internationalismus beiseite zu lassen, und dass sie nahe legt, die beiden in
systematischer Weise aufeinander zu beziehen. Seit ihrem ersten Aufkommen in
ihrer modernen Ausgestaltung, vor etwa 250 Jahren, haben beide eine Reihe von
Metamorphosen durchlaufen. Wie werden diese Transformationen am besten auf den
Begriff gebracht? Weiter unten schlage ich eine Periodisierung vor. Die
Fallgruben jeder totalisierenden Aufteilung der historischen Zeit in eine
Abfolge von Kategorien sind offenkundig. Auf die eine oder andere Weise führt
Periodisierung immer zu willkürlichen Vereinfachungen, so dass nicht wenige
unter unseren besten Historikern sie als Vorgehensweise am liebsten ganz
verwerfen würden. Das ist indes leichter gesagt, als getan. In einer noch
unveröffentlichten Arbeit hat Fredric Jameson zu Recht bemerkt, dass wir als
narrative Wesen kaum die Wahl haben: »Wir können nicht nicht periodisieren.«
Das im Folgenden
entwickelte Schema beschränkt sich auf ein paar telegrammartige Bemerkungen.
Ziel ist es, das Verhältnis von Nationalismus und Internationalismus in allen
seinen Aspekten als eine Abfolge verständlicher Phasen darzulegen, von denen
jede durch ein Paar von Dominanten definiert wird. Der Begriff verweist bereits
auf seine eigenen Grenzen: was ›dominierend‹ ist, wird für die
Phase, von der jeweils die Rede ist, nie erschöpfend sein, aber eben die
neuesten und herausragenden Formen eines historischen Zeitraums bezeichnen, der
immer eine Reihe von Gegenströmungen und Untertönen enthalten wird, die man nur
vorübergehend beiseite lassen kann – der Vereinfachung halber. Die hier
gewählte Vorgehensweise wird sein, die sich in der Geschichte wandelnden
Varianten des Internationalismus mit den sukzessiven Idealtypen des
Nationalismus zu kontrastieren, von denen man sagen könnte, dass sie jenen
historisch entsprachen, jeweils gekennzeichnet durch fünf Koordinaten: erstens
den Typus des Kapitals, der zeitgleich mit jeder sukzessiven Version des
Nationalismus auftritt oder in ihr aktiv ist, zweitens das hauptsächliche
geografische Verbreitungsgebiet des betreffenden Nationalismus, drittens sein
vorherrschendes philosophisches Idiom, viertens die operative Definition der Nation
und fünftens das Verhältnis des jeweiligen Nationalismus zu den beherrschten
Klassen. Die dem Schema zugrundeliegende Prämisse ist die, dass die Geschichte
des Internationalismus am besten erfasst wird, wenn man sie vor dem Hintergrund
dieser Koordinaten des Nationalismus betrachtet. In jeder Periode gab es mehr
als eine Art von Nationalismus und Internationalismus, so wie es auch immer
bedeutsame Konflikte zwischen ihnen gab. Aber in diesem wirren Knäuel lässt
sich wohl dennoch ein roter Faden von Dominanten erkennen.
I.
Die Ursprünge
des modernen Nationalgefühls als einer säkularen Kraft reichen ins
18.Jahrhundert zurück. Damals brachen die beiden großen Revolutionen aus, mit
denen die erste ideologische Konzeption der Nation (im heutigen Verständnis des
Begriffs) in die Welt kam – die Erhebung der nordamerikanischen Kolonien gegen
Großbritannien und der Sturz des Absolutismus in Frankreich. Die Amerikanische
und die Französische Revolution, die tatsächlich unsere Auffassung der Nation
als einer von einem Volk gebildeten Gesamtheit erfunden haben, wurden von
Gesellschaften hervorgebracht, die zu den fortgeschrittensten ihrer Zeit
gehörten; ihre Ideologien bezeichneten einen dramatischen Bruch mit jenen
Weltbildern, die frühere europäische Revolutionen inspiriert hatten – in den
Niederlanden im 16. und in England im 17.Jahrhundert, in beiden Fällen tief
religiös geprägte Erhebungen, die ebenso sehr – wenn nicht sogar in größerem
Maße – im Namen Gottes vollzogen wurden wie im Namen des Volkes. Die Amerikanische
und die Französische Revolution fanden nichtsdestoweniger in einer Welt statt,
der die industrielle Revolution erst noch bevorstand, in der das Kapital noch
vor allem Handels- oder Agrarkapital war. Genau aus diesem Grund waren die
Eliten der beiden Revolutionen bezeichnenderweise in der Lage, unmittelbare
Produzenten aus Stadt und Land – also Volksmassen, die sich in der Hauptsache
aus Handwerkern und Bauern zusammensetzten – hinter sich zu bringen. Den
Abgrund, der sich später mit den industriellen Fabrikationsstätten zwischen
Unternehmern und Arbeitern auftun sollte, gab es als allgemeines
gesellschaftliches Faktum noch nicht. Eine einzige Kategorie passte
begriffsmäßig auf alle, herrschende wie untergeordnete Klassen: Patriotismus.
Akteure der Kämpfe, aus denen die USA hervorgehen sollten, und Revolutionäre in
Frankreich nannten sich selbst ›Patrioten‹ – ein Ausdruck, zu dem sie von Bildern
und Legenden der Republiken der klassischen Antike (Athen, Sparta und Rom)
inspiriert wurden.
Was war das philosophische
Idiom dieses neuen Patriotismus? Es war der charakteristische Rationalismus der
Aufklärung, dessen eloquenteste Sprecher, Rousseau, Condorcet, Paine und
Jefferson, die menschliche Vernunft gegen die Tradition, einen bewussten
kollektiven Willen gegen das inerte Gewicht der Gewohnheiten in Stellung
brachten. Von daher war die vorherrschende Definition der Nation in dieser Zeit
vor allem eine politische, d.h. die Nation war ein Ideal der Zukunft, nicht ein
Erbe der Vergangenheit. Die Nation war etwas, das freie Bürger erst schaffen
würden. Sie war keine immerwährende Gegebenheit, die schon ihrem Tätigwerden
vorausging, sondern eine neue Art von Gemeinschaft, die auf ›natürlichen‹ Rechten statt
auf ›künstlichen‹ Privilegien
oder Benachteiligungen beruhen würde, in der Freiheit als Teilnahme der Bürger
am öffentlichen Leben im vollen Sinne des Wortes verstanden würde.
Von heute aus
gesehen war einer der verblüffendsten Züge dieses Patriotismus der Aufklärung
sein Universalismus. In seiner typischen Ausprägung ging er von einer
grundlegenden Harmonie zwischen den Interessen der zivilisierten Nationen aus
(mit den unzivilisierten Völkern war es eine andere Sache), die potenziell alle
zusammenstünden im gemeinsamen Kampf gegen Tyrannei und Aberglauben. Kennzeichnend
für diesen optimistischen Rationalismus war das Argument aus Kants Abhandlung Zum ewigen Frieden, die Rivalität der
Fürsten sei die einzige wirklich bedeutsame Ursache für Krieg, und wenn
monarchische Ambitionen erst der Vergangenheit angehörten, wie sich dies mit
der Ausbreitung republikanischer Verfassungen abzeichnete, hätten die Völker
Europas keinen Grund mehr, gegeneinander in den Kampf zu ziehen. Mithin gingen
in dieser Epoche die Ideale von Patriotismus und Kosmopolitismus zusammen; auf
der Ebene der Werte gab es zwischen ihnen keinen Widerspruch. Tatsächlich nicht
nur auf der Ebene der Werte, sondern, in gebotenem Maße, auch im Leben und
Handeln. Man braucht dabei nur an die Rolle von Lafayette im nordamerikanischen
Unabhängigkeitskrieg und in der Französischen Revolution zu denken, oder an die
von Thomas Paine in Philadelphia und Paris, als Pamphletist für die dreizehn
Kolonien und als Abgeordneter der Gironde im Konvent.
Weiter südlich, in der Zone, die am stärksten von der amerikanischen und
französischen Erhebung beeinflusst war, traten die Freiheitskämpfer der
Unabhängigkeitskriege in Spanisch-Amerika (Bolívar, Sucre, San Martín) nicht
nur für die Provinzen ein, denen sie entstammten, sondern kämpften
kontinentweit für die Emanzipation ferner oder benachbarter Länder, in einem
Geist regionaler Brüderlichkeit.
II.
Der
hispano-amerikanische Zyklus der Kämpfe reichte bis ins dritte Jahrzehnt des
19.Jahrhunderts. Zu diesem Zeitpunkt waren der Patriotismus und
Kosmopolitismus, wie sie aus der Aufklärung hervorgegangen und von ihr geprägt
worden waren, in Europa bereits an der Korrumpierung ihrer Ideale durch
Napoleons militärische Expansionspolitik erstickt. Dort hatte der Kampf gegen
das Erste Kaiserreich ihr beider konterrevolutionäres Gegenstück
hervorgebracht, konservativ oder klerikal gefärbten nationalen Widerstand gegen
die französische Aggression in Spanien, Deutschland und Russland, und das
internationale Konzert der europäischen Monarchien der Restaurationsperiode.
Diese sind das erste Beispiel einer Reihe von Subdominanten, die die Abfolge
von Phasen, die wir hier betrachten, auszeichnen.
Die auf dem
Wiener Kongress wieder in ihr Recht gesetzte, von der Heiligen Allianz
polizeilich überwachte Welt folgte indes noch älteren Prinzipien. Gegen die Anciens Régimes, die nach wie vor auf
Legitimität der Dynastie und auf Religion beruhten, bildete sich schon bald
eine neue Konfiguration heraus – das, was wir zum ersten Mal (mit nur einem
Hauch Anachronismus) als ›Nationalismus‹ bezeichnen können, als
etwas vom Patriotismus unterschiedenes.
Dieser kam auf als Ausdruck des Bestrebens besitzender Klassen, in einer Welt,
die in zunehmendem Maße von der industriellen Revolution beherrscht wurde, in
der sie sich jedoch in Zonen wiederfanden, die weniger fortgeschritten waren
als das britische Zentrum oder dessen Ableger, ihren eigenen Staat zu bilden.
Das waren Klassen, die vor allem darauf aus waren, den zu ihrer Zeit führenden
Industriestaaten nachzueifern, ja sie einzuholen. Daher lag das Epizentrum
dieses neuen Typs von Nationalismus in Belgien, Deutschland, Italien, Polen und
Ungarn. Sein Idiom und seine Rhetorik entstammten der europäischen Romantik und
zu seinen führenden Sprechern gehörten Dichter und Schriftsteller – die
Petöfis, Mickiewiczs und Manzonis der Zeit. In einer intellektuellen Operation,
die die ihr vorausgehende des rationalistischen Patriotismus geradezu auf den
Kopf stellte, begründeten sie einen Kult der mittelalterlichen oder der
vormodernen Vergangenheit ihrer Länder. Für den romantischen Nationalismus war
die entscheidende Definition der Nation nicht länger eine politische, sondern
eine kulturelle; ihr Prüfstein sollte die Sprache sein als ein Transkript, in
dem die Erfahrungen der vorangegangenen Generationen festgehalten sind.
Der Prophet
dieser Geltendmachung kultureller Besonderheit hieß Johann Gottfried Herder.
Wenn nun der romantische Nationalismus, der zwischen dem dritten und siebten
Jahrzehnt des 19.Jahrhunderts in Europa seine Blütezeit erlebte, auch viele Zeichen
einer früheren Art von Patriotismus in ihrem Sinn verkehrte, so teilte er mit
ihr nach wie vor wichtige Grundannahmen. Wenn Herder sich für die deutsche
Kultur begeisterte, wertete er, der selbst aus dem Baltikum stammte, die
benachbarte slawische Kultur keineswegs ab, sondern pries sie im Gegenteil als
ein kulturelles Erbe eigenen Rechts. Die geistige Welt des romantischen
Nationalismus war nicht mehr kosmopolitisch, aber mit der Wertschätzung
kultureller Verschiedenheit als solcher verteidigte er stillschweigend eine Art
differenzierten Universalismus. In politischer Hinsicht war, nachdem er seine
ersten Erfolge mit der griechischen und der belgischen Revolution erzielt
hatte, die den Restaurationsfrieden brachen, der ›Völkerfrühling‹ von 1848 sein
grandiosester Ausdruck. Die Kette revolutionärer Aufstände, die Europa in
diesem Jahr erschütterten, verband nationalen Aufruhr und internationale
Ansteckung über den ganzen Kontinent hinweg – mit Barrikaden von Paris bis
Wien, von Berlin bis Rom und von Mailand bis Budapest. Standen in Italien,
Deutschland und Ungarn Kämpfe für nationale Einigung oder Unabhängigkeit im
Vordergrund, so war 1848 natürlich auch das Jahr gescheiterter liberaler
Revolutionen und des Beginns des revolutionären Kampfes für den Sozialismus,
wie er im Kommunistischen Manifest
ausgerufen wurde.
Diese
Überschneidung war kein Zufall. Die Formen des Internationalismus, die dem
romantischen Nationalismus entsprachen, sollten nämlich ihre symbolische Heimat
in der Internationalen Arbeiterassoziation finden. Wenn wir nach der sozialen
Basis dieser Internationale (und der Welle städtischer Volksaufstände 1848)
fragen, dann ist die Antwort ziemlich klar. Ihre Basis war nicht irgendein
Fabrikproletariat, sondern in überwältigendem Maße die vorindustrielle
Handwerkerschaft. Dies war eine Klasse, die ihre eigenen Produktionsmittel
besaß (Werkzeuge und Fertigkeiten), die in hohem Maße belesen und gebildet war,
idealtypisch nahe dem Zentrum der großen Städte konzentriert und, last but not least, geografisch mobil,
eine Mobilität, die in der Wanderschaft symbolisch zum Ausdruck kommt, auf die
junge Gesellen innerhalb oder außerhalb ihrer Länder gingen. 1884 gab es etwa
30.000 deutsche Handwerker in Paris; Heine berichtete, dass man an jeder Straßenecke
Deutsch hören konnte. In London schrieben Marx und Engels ihr Manifest für
deutsche Handwerker, die in England arbeiteten. Polnische und Schweizer
Handwerker waren über ganz Berlin verstreut, tschechische und italienische über
Wien. Bei der Gründung der I. Internationale hatte Marx einen Zimmermann und
einen Schuhmacher an seiner Seite sitzen. Mit anderen Worten, es handelte sich
um eine Formation, die sich durch die paradoxe Kombination sozialer
Verwurzelung (kulturelle Selbstsicherheit und politisches Gespür inbegriffen)
und territorialer Mobilität (inkl. der Möglichkeit der unmittelbaren Erfahrung
des Lebens im Ausland und eines Sinns für die Solidarität der Völker)
auszeichnete.
Diese
Konfiguration machte es möglich, auf den Barrikaden von 1848/49 von nationalen
zu internationalen und von internationalen zu sozialen Kämpfen überzugehen.
Ihre exemplarische Figur war Giuseppe Garibaldi, der als Sohn eines kleinen
Fischers sein Leben als Matrose begann. Eine Gruppe Saint-Simonisten, die aus
Frankreich ausgewiesen worden waren und mit einem Schiff, das Richtung auf das
Schwarze Meer nahm, ins Exil geschickt wurden, gewann ihn für
internationalistische Ideale – seine erste politische Überzeugung.
Garibaldi wurde dann bekanntlich der große militärische und politische Held der
Römischen Republik von 1848, die Verkörperung der edelsten Seite des
italienischen Nationalismus des Risorgimento.
Doch kämpfte er nach der Niederlage der Republik ein Jahrzehnt lang als Soldat
für die Sache des Fortschritts in Lateinamerika, in Brasilien und in Uruguay,
wo er früher einmal als Schiffskapitän gewesen war; schließlich kehrte er
zurück und leitete die Expedition, die Sizilien und Kalabrien von der
Bourbonenherrschaft befreite und die nationale Einigung Italiens zum Abschluss
brachte. Seine Karriere machte da indes nicht halt. In den 1860er Jahren lud
Lincoln ihn ein, im amerikanischen Bürgerkrieg einen Befehlshaberposten in der
Nordarmee zu übernehmen, ein Vorschlag, den Garibaldi aufgrund seiner
berechtigten Zweifel an Lincolns Haltung zur Sklaverei ablehnte. Auf der
anderen Seite akzeptierte er den Posten eines Generals in Frankreich, als es
darum ging, die Dritte Republik 1871 gegen den deutschen Vormarsch zu
verteidigen, und ließ sich von drei französischen Städten als gewählter
Abgeordneter in die Nationalversammlung schicken. Nach der Pariser Kommune
bekannte er sich – zum Entsetzen Mazzinis – öffentlich zur I. Internationale. In
der historischen Figur Garibaldis finden wir die besten Werte der europäischen
Handwerkerschaft dieser Zeit verkörpert, in der nationale und internationale
Impulse wie selbstverständlich nebeneinander bestanden.
III.
An der Wende von
den 1860er zu den 1870er Jahren wurde der romantische Nationalismus, dem sich
die besitzenden Klassen zuvor verschrieben hatten oder dessen sie sich
wenigstens, wie im Falle Piemonts, manipulativ bedient hatten, fallengelassen,
als die europäischen Grundbesitzer und Geschäftsleute dazu übergingen, die
letzten Kapitel der bürgerlichen Revolution von oben statt von unten zu
vollenden, mit all dem militärischen Gepräge und der engen politischen
Kontrolle, wie sie für die bismarcksche Einigung Deutschlands typisch waren.
Danach änderte sich die im Westen vorherrschende Form des Nationalismus jäh.
Der Chauvinismus im eigentlichen Sinn durchdrang nun, nachdem er lange in der
Vorstellungswelt der Gesellschaft geschlummert hatte, zum ersten Mal Diskurs
und Atmosphäre in den entscheidenden Industriestaaten Großbritannien, USA,
Frankreich, Deutschland und Italien.
Das war die Zeit von Politikern wie Chamberlain, Ferry, Bülow, McKinley und
Crispi. Das Kapital konzentrierte sich in diesen Ländern zunehmend in
Großunternehmen, suchte die monopolistische Kontrolle der inneren Märkte und
drängte auf koloniale Annexion – im Großen und Ganzen das Szenario, das Hobson
und Hilferding geschildert haben. Der Chauvinismus, der mit diesem neuen
Expansionismus einherging und ihn stützte, entnahm sein Vokabular
bezeichnenderweise dem Sozialdarwinismus. Sein intellektuelles Idiom war im Wesentlichen
positivistisch und seine Definition der Nation zunehmend ethnisch, also eine
krude Mischung kultureller und physischer Elemente, alles in allem beträchtlich
weniger erfreulich als sein Vorläufer.
Mit der
Behauptung, die Beziehungen zwischen Völkern folgten dem Muster des survival of the fittest, predigte dieser
Großmacht- bzw. Möchtegern-Großmachtnationalismus (von dem es nicht wenige
Ableger außerhalb des Zentrums des Systems gab, etwa im ›Porfiriato‹ in Mexiko oder
unter der Herrschaft von Roca in Argentinien) zum ersten Mal die offene
Feindschaft gegenüber anderen Nationen oder Völkern. Der Chauvinismus der Belle
Epoque war ein imperialistischer Diskurs der Überlegenheit und Vorrangigkeit.
Seine Funktion war zwiefältig. Einmal diente er dazu, die Bevölkerung des
jeweiligen Staates für die damals stärker werdende innerimperialistische
Konkurrenz und die Aufgaben der kolonialen Eroberung zu mobilisieren; zum
anderen diente er der Integration der Massen in den politischen Rahmen der
kapitalistischen Ordnung in einer Zeit, als das Wahlrecht gerade nach und nach
auf Sektoren der Arbeiterklasse ausgedehnt wurde. Der herrschende Chauvinismus
neutralisierte das Risiko dieser Ausweitung des Wahlrechts, indem er soziale
Spannungen von Klassenantagonismen auf nationale Antagonismen verlagerte. Nicht
zufällig waren die Architekten der Wahlrechtsreform dieser Zeit oft auch
diejenigen, die den neuen Hurrapatriotismus schürten – Disraeli in England,
Bismarck in Deutschland, Giolitti in Italien.
Wenn wir nun
nach der dominierenden Form des Internationalismus in dieser Zeit fragen, so
gibt es kaum Zweifel, dass wir sie in der von den sozialistischen Parteien
gebildeten II. Internationale finden.
Dies ist das erste Mal, dass wir mit einer Form von Internationalismus zu tun
haben, die dem vorherrschenden Typ von Nationalismus direkt entgegengesetzt
ist, sich zu diesem nicht mehr, wie in der Vergangenheit, komplementär verhält,
sondern antithetisch. Aus der Ferne betrachtet war diese Internationale ein
weitaus beeindruckenderes Gebilde als ihre Vorläuferin; sie umfasste mehr
Parteien, sie hatte mehr Mitglieder und mehr tatsächliche Industriearbeiter.
Aber der Schein erwies sich als trügerisch. In Wirklichkeit führte die
Veränderung der sozialen Basis des neuen Konglomerats nicht zu seiner Stärkung
als Internationale, denn das neue Industrieproletariat zeichnete sich durch
eine Reihe von Eigenschaften aus, deren Zusammenspiel sie weniger resistent
gegen die Staatsdoktrinen sein ließen als die europäischen Handwerker der Jahrhundertmitte.
In ihrer großen Mehrheit waren die neuen Arbeiter in Fabriken und Bergwerken
der Provinz konzentriert, fern der politischen Zentren ihrer Länder – im Norden
Englands und Frankreichs oder im Ruhrgebiet. Sie besaßen keine eigenen Produktionsmittel
und sie hatten weder das Bildungsniveau noch die kämpferische Tradition der
älteren Handwerkerschaft. Ihre grundlegende Situation kann man als das genaue
Gegenteil derjenigen ihrer Vorgänger bezeichnen: eine Kombination aus
territorialer Immobilität und sozialer Entwurzelung. Endergebnis war ein viel
tieferer und wirksamerer Einfluss des Imperialismus (mit seiner Projektion
einer imaginären Gemeinschaft, die die Nation als Großmacht bilden sollte) auf
weite Teile dieser Klasse, als Marx oder jeder andere Sozialist der
vorausgegangenen Generation gedacht hätten.
Die Folge dieses
fatalen Einflusses war die Mischung von Passivität und Enthusiasmus, mit der
die Bevölkerung den Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 begrüßte. Als die
Feindseligkeiten begannen, stürzten sich die sozialistischen Parteien
Westeuropas, die – mit Ausnahme der italienischen Partei – ihre feierlichsten
Versprechen verrieten, in das gegenseitige Abschlachten ihrer Völker. Die
historischen Wurzeln dieses Sich-ins-Gemetzel-Stürzens lagen nicht bloß in den
Entscheidungen der Führer dieser Parteien, so schändlich diese auch waren,
sondern in der sozialen Ausgestaltung des damaligen jungen Proletariats.
IV.
Begrub der
Ausbruch des innerimperialistischen Konflikts die Prätentionen der II.
Internationale, so wurden mit Kriegsende die nun in den Vordergrund tretenden
Formen des Nationalismus wie des Internationalismus einmal mehr neu bestimmt.
Inmitten beispielloser Depression und Wirtschaftskrisen entwickelte das Kapital
noch fortgeschrittenere Formen der Konzentration, diesmal aber nicht mehr in
einem Kontext von internationalem Freihandel und lang anhaltendem Boom, sondern
vielmehr von Rezession, Protektionismus und Autarkie. In dieser Konjunktur lag
das geografische Zentrum des dominierenden Typs von Nationalismus bei den
besiegten oder frustrierten Mächten des Ersten Weltkriegs, das heißt in
Deutschland, in Italien, in Österreich-Ungarn und in Japan. Die aufstrebende
neue Kraft war hier der Faschismus. Sein Idiom nicht dem Positivismus, sondern
Formen des modernen Irrationalismus entleihend – Sorel oder Gentile in Italien,
Nietzsche in Deutschland, den Doktrinen der kokutai
in Japan –, landete der Faschismus schließlich bei der Definition der Nation
als einer biologischen Gemeinschaft, als Rasse an sich. Damit war die
Reduzierung des ideellen Gehalts der Nation auf brutale Weise abgeschlossen.
In diesem Sinne
war der Faschismus ein zu größerer Kraft gebrachter imperialistischer
Chauvinismus, der einen reaktionären Fanatismus ohnegleichen entfesselte.
Wiederum ist die Funktion eine zweifache. Erstens diente der Faschismus dazu,
die untergeordneten Klassen gegen die kapitalistischen Sieger des Ersten
Weltkriegs für eine zweite Runde des innerimperialistischen Wettkampfs zu
mobilisieren, in dem die vormals Besiegten oder Frustrierten diesmal den Sieg
davontragen sollten. In diesem Sinne waren seine ideologischen Leitmotive
Kompensation und Revanche. Zugleich fungierte er als Mechanismus zur Eindämmung
der Massen in Ländern, in denen die parlamentarische Demokratie in einer
irreversiblen Krise steckte und weite Teile der Arbeiterklasse sich dem
revolutionären Sozialismus zuwandten. Die beiden Funktionen waren eng
miteinander verbunden, denn es war die im Ersten Weltkrieg erlittene Niederlage
oder Enttäuschung, die sogleich die Stabilität der kapitalistischen Demokratie
untergrub (daher den Rückgriff auf konterrevolutionären Zwang nötig werden
ließ) und verdoppelte Anstrengungen für ein kontinentumfassendes Nachspiel
erforderte. Dieses Vorhaben war beinahe von Erfolg gekrönt. Ende 1941 war ganz
Europa, vom Ärmelkanal bis zum Baltikum, Bestandteil der faschistischen Ordnung
geworden, und im Fernen Osten herrschte Japan über einen sogar noch größeren
Raum. Die Anziehungskraft des Faschismus war nicht auf diese Zonen beschränkt;
in Lateinamerika gerieten die drei bedeutendsten politischen Entwicklungen der
Zeit – der Estado Novo in Brasilien,
das Aufkommen des Peronismus in Argentinien wie die Anfänge des MNR in Bolivien
– in sein Magnetfeld.
Wo sich der vom
Kapital hochgezüchtete Chauvinismus zum Faschismus radikalisiert hatte, da
hatte sich in der Zwischenzeit auch der Internationalismus der Arbeiterbewegung
radikalisiert – in die entgegengesetzte Richtung. In einem Land war der
moralische Zusammenbruch der europäischen Arbeiterbewegung vermieden worden.
1917 führten Arbeiter und Soldaten unter Leitung der bolschewistischen Partei
in Russland eine sozialistische Revolution durch. Das aus diesem Umsturz
hervorgegangene Regime war der erste und einzige Staat der Geschichte, der
keinen nationalen oder territorialen Bezug in seinem Namen führte – er sollte
schlicht die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken sein, ohne einen
bestimmten Raum oder ein bestimmtes Volk. Darin wird deutlich, dass der Vorsatz
seiner Gründer uneingeschränkt internationalistisch war. Schon bald gründeten
die bolschewistischen Führer jene III. Internationale, die das Handeln der
neuen kommunistischen Parteien koordinieren sollte, die, angespornt vom
Beispiel der Russischen Revolution, überall auf der Welt aus dem Boden
entsprangen. Der
Kontrast zur II. Internationale hätte kaum drastischer sein können. In Europa
legten die Parteien der Komintern in ihrer Ablehnung des sie umgebenden
Nationalismus in jeglicher Form und in ihrer Fähigkeit, dem vielfältigen Druck
der herrschenden Klassen in ihren eigenen Staaten zu widerstehen, eine eiserne
Disziplin an den Tag, die aus der schrecklichen Lektion erwachsen war, die der
Erste Weltkrieg einer Generation von Kämpfern der Arbeiterklasse erteilt hatte.
In der UdSSR
selbst nahm indes mit Stalins Sieg innerhalb der KPdSU, errungen mit dem
Versprechen, den »Sozialismus in einem Land« aufzubauen, eine neue Form von
Nationalismus Gestalt an, die für die von der Sowjetunion rasch herausgebildete
Autokratie kennzeichnend war. In kurzer Zeit wurde das Vorgehen der III.
Internationale vollkommen den von Stalin definierten Interessen des
sowjetischen Staates untergeordnet. Am Ende stand das weder vorher noch
hinterher jemals gesehene Phänomen eines Internationalismus, der ebenso tief
wie deformiert war, der jegliche Loyalität dem eigenen Land gegenüber ablehnte
und dafür grenzenlose Loyalität gegenüber einem anderen Land an den Tag legte.
Das Epos dieses Internationalismus erreichte seinen Höhepunkt mit den unter der
Ägide von Komintern-Emissären (Codovilla, Togliatti, Gerö, Vidali und anderen)
stehenden Internationalen Brigaden des Spanischen Bürgerkriegs, deren Rekruten
aus ganz Europa und Amerika kamen. Mit seiner Mischung von Heroismus und Zynismus,
selbstloser Solidarität und mörderischem Terror war dies ein
Internationalismus, wie es ihn perfektionierter und pervertierter nie gegeben
hat.
Der
entscheidende Test für die III. Internationale kam kurz danach mit dem Ausbruch
des Zweiten Weltkriegs. In diesem Augenblick weigerten sich die Kommunistischen
Parteien Frankreichs, Großbritanniens, Belgiens, der Niederlande und Norwegens
– allesamt Länder, die von Nazideutschland überfallen wurden – ihre Regierungen
zu unterstützen, und behaupteten, der Konflikt sei wiederum lediglich ein
innerimperialistischer Streit, der keine Bedeutung für die Massen habe. Es gibt
wenige politische Positionen, die unpopulärer und politisch falscher hätten
sein können, wo doch die Arbeiterklasse alles Interesse daran hatte, die
repräsentative Demokratie gegen den Faschismus zu verteidigen. Doch zeigte auch
diese Haltung, wie groß die Distanz zwischen der III. und der II.
Internationale war. Zwei Jahre darauf fiel Hitler in die Sowjetunion ein. Nun
stürzten sich die Kommunistischen Parteien in Europa in den Kampf gegen den
Nazismus und spielten bald schon an der Spitze von Massenbewegungen eine
führende Rolle im Widerstand gegen die deutsche Besatzung, so wie ihre
Ebenbilder in China und Korea gegen die japanische Expansion. In der neuen
Situation gab es keinen Widerspruch mehr zwischen dem, was sie als ihre
internationale Pflicht ansahen – dem Heimatland des Sozialismus zu helfen –,
und ihrer nationalen Pflicht, die Waffen gegen die Wehrmacht zu erheben. Aus
beidem ergab sich eine Aufgabe, die sie mit Bravour meisterten. Auf dem
Höhepunkt dieser Kämpfe verkündete Stalin dann plötzlich die Auflösung der III.
Internationale, offiziell weil sie ein Anachronismus geworden sei, in Wahrheit
aber, um seine Alliierten, Großbritannien und die USA, günstig zu stimmen. Mit
diesem Akt kam ein langer historischer Zyklus zum Abschluss. Die Niederlage des
Faschismus und das Ende des Zweiten Weltkriegs sollten der Beginn einer
radikalen Transformation des Nationalismus wie des Internationalismus sein, nun
nicht länger auf Europa beschränkt, sondern ausgeweitet bis in alle Teile der
Welt.
V.
Bis hierher hat
sich unsere Analyse auf die geografische Zone Europas und Nordamerikas
konzentriert, nicht weil diese Regionen der Welt besondere Vorzüge aufwiesen,
sondern wegen der bestimmenden Rolle, die der westliche Kapitalismus während
der langen Zeitspanne von der Amerikanischen und Französischen Revolution bis
zur Weltwirtschaftskrise und dem Zweiten Weltkrieg in der Weltgeschichte
innehatte. Nach 1945 ändert sich das radikal. Nun tritt der größere Teil der
Menschheit endlich in einer Hauptrolle auf die Bühne. Während er dies tut, in
der neuen Phase, die 1945 beginnt und bis etwa 1965 reicht, vollzieht sich
unversehens ein spektakulärer Wandel in der jeweiligen Haltung von Kapital und
Arbeit zu Nationalismus und Internationalismus. Im Rückblick erkennen wir, dass
es sich dabei um eine der großen Wasserscheiden des 20.Jahrhunderts gehandelt
hat. Bislang waren, von den hehren Ambitionen des Patriotismus der Aufklärung
bis zu den schlimmsten Unmenschlichkeiten des Faschismus, die bestimmenden
Formen des Nationalismus immer eine Ausdrucksweise der besitzenden Klassen, und
– vom 19. Jahrhundert an – die entsprechenden Formen des Internationalismus,
mit all ihren Schwächen und Grenzen, solche der arbeitenden Klassen. Nach 1945
schlägt diese Doppelbindung (Kapital – das Nationale, Arbeit – das
Internationale) um. Der Nationalismus wird eine vor allem populäre
Angelegenheit, eine Angelegenheit des Volkes, der ausgebeuteten und verarmten
Massen in einer interkontinentalen Revolte gegen den westlichen Kolonialismus
und Imperialismus. Damit wechselt auch der Internationalismus das Lager und
beginnt, in den Kreisen des Kapitals neue Formen anzunehmen. Dies sollte sich
als schicksalhafter Wandel erweisen.
Der neue Typ von
Nationalismus, der nach 1945 im Weltmaßstab vorherrschend wurde, war der
Antiimperialismus, und seine wichtigsten geografischen Zonen waren Asien,
Afrika und Lateinamerika. Was waren seine Strukturmerkmale? Sozial gesehen war
er viel heterogener als die vorausgegangenen Formen von Nationalismus in
Europa. Die nationalen Befreiungsbewegungen, die sich nun in der Dritten Welt
ausbreiteten, wurden von einem breiten Spektrum sozialer Klassen geführt. Es gab
Fälle, in denen die jeweilige Bourgeoisie den gesamten Prozess beherrschte;
Indien ist hierfür das wichtigste Beispiel. In anderen Fällen übernahmen
Mittelschichten, die noch gar nicht viel Kapital akkumuliert hatten, die
Führung, und nutzten die Bewegung, um sich nach der Eroberung der Macht zu
einer echten Bourgeoisie zu erheben, so wie das in Mexiko oder der Türkei
bereits früher geschehen war. Eine prekärere und flüchtigere Variante desselben
Musters war in einer Reihe afrikanischer Länder zu beobachten, in denen die
nationalistische Bewegung von Beamten oder Offizieren der Kolonialmacht selbst
angeführt wurde. In anderen Fällen wiederum kamen Intellektuelle aus dem
unteren Mittelstand an die Spitze, wie etwa in Indonesien. Wenn wir eine
einzelne Gruppe aus dem bunten Kader dieses breiten Spektrums von
Aufstandsbewegungen benennen sollten, die eine besondere Rolle gespielt hat,
dann dürften das Dorfschullehrer sein. Last
but not least gab es auch die Fälle, in denen Kommunistische Parteien die
Führung der nationalen Befreiungsbewegungen übernahmen und diese bis zu offenen
Revolutionen gegen das Kapital vorwärts trieben, so in China und Vietnam. In
Kuba kam es zu einer Mischung dieser und der vorherigen Variante.
Was war das
intellektuelle Idiom dieses Nachkriegsantiimperialismus? Es war synkretistisch.
Sowenig die Führung der verschiedenen nationalen Befreiungsbewegungen in
sozialer Hinsicht uniform war, so waren auch ihre ideologischen Äußerungen
hybrid und buntscheckig – im besten Fall so, dass sie sich von
rationalistischen wie romantischen, von positivistischen wie irrationalen
geistigen Strömungen zur selben Zeit nährten. Der Kemalismus in der Türkei, der
Sukarnoismus in Indonesien, der ideologische Mischmasch, den nacheinander
Obregón, Calles und Cárdenas in Mexiko hinterließen, waren in dieser Hinsicht
exemplarisch. Es gab Kombinationen und Neuauflagen früherer Doktrinen zuhauf.
Das herausragende Merkmal dieses Antiimperialismus war indes seine Fähigkeit,
sich nicht bloß Ideologeme verschiedensten Ursprungs aus den Parametern des
klassischen bürgerlichen Denkens zunutze zu machen, sondern dies auch mit
Glaubenssystemen zu tun, die entweder älter als die Aufklärung waren oder
jünger als der Kapitalismus, also mit der Religion auf der einen, dem Sozialismus
auf der anderen Seite. Zu den späten Beispielen für ersteres wäre die iranische
Revolution zu rechnen, zu denen für zweiteres der Sandinismus in Nicaragua. Was
war die Massenbasis dieses Antiimperialismus? Das numerisch wichtigste Element
waren Bauern. Dies gilt vor allem für die kommunistischen Revolutionen der Zeit
– China, Vietnam und, am Rande Europas, Jugoslawien. Es handelte sich dabei um
Umwälzungen, die sich qualitativ von der Oktoberrevolution, auf die sie
zurückblickten, unterschieden, denn alle erlebten sie ihren Triumph unter dem
Banner der Nation, wohingegen die russische Revolution in der Stunde ihres
Sieges keinerlei nationalistische Konnotation aufwies.
Was geschah
derweil im Lager des Kapitals? Die neue, dort nach 1945 entstandene Situation
kann grob folgendermaßen beschrieben werden. Erstens nahmen die USA mit Ende
des Zweiten Weltkriegs eine Position in der kapitalistischen Welt ein, die noch
nie ein Staat zuvor inne gehabt hatte. Deutschland, Japan und Italien waren
besiegt und lagen danieder, Großbritannien und Frankreich waren geschwächt und
verarmt. Die USA beherrschten das Universum des Kapitals in einem weit
stärkeren Maße als das Großbritannien im 19.Jahrhundert je getan hatte.
Zweitens gab es nicht länger nur einen Staat – Russland –, in dem der
Kapitalismus gestürzt worden war. Aus den Wirren des Krieges war ein breiter
Gürtel von Ländern hervorgegangen, in denen das Privateigentum an den
Produktionsmitteln abgeschafft worden war – in halb Europa und in einem Drittel
Asiens. Ein kommunistischer Block im Weltmaßstab schien nun die Existenz des
Kapitalismus zu bedrohen. Unter diesen Bedingungen entwickelte das Kapital
plötzlich einen ganz eigenen Internationalismus. Nationale Konflikte zwischen
kapitalistischen Staaten, die zu zwei Weltkriegen geführt hatten, wurden
erstickt. Die Existenz einer einzigen Hegemonialmacht machte es möglich, die
jeweiligen Interessen der kapitalistischen Staaten international zu
koordinieren – die Existenz des kommunistischen Blocks machte es nötig.
Ergebnis war ein
Prozess kommerzieller, ideologischer und strategischer Vereinigung, der mit den
währungspolitischen Abkommen von Bretton Woods einsetzte, mit den Marshall- und
Dodge-Plänen für den Wiederaufbau Europas und Japans fortgesetzt wurde, zur Bildung
der NATO und Schaffung des GATT führte und in der Geburt der Europäischen
Wirtschaftsgemeinschaft, mit dem Segen der USA, kulminierte. Der Weg, den diese
wachsende internationale Integration nahm, verlief von der allgemeinen
Wiederherstellung des Freihandels bis zu den Anfängen einer wirklichen
Überwindung nationaler Souveränität im Rahmen des europäischen gemeinsamen
Marktes. Das war eine dramatische Umkehrung der Tendenzen, die die
Zwischenkriegszeit beherrscht hatten, etwas, das es in der Geschichte des
Kapitalismus noch nie gegeben hatte. Wollten wir dafür einen Begriff, könnten
wir von einem Supranationalismus sprechen, im zweifachen Sinn der
herausgehobenen Stellung der USA über alle anderen Nationen und der
Herausbildung der Europäischen Gemeinschaft über die Staaten Westeuropas.
Eine
entscheidende Konsequenz dieses Wandels war eine Verlagerung in der
herrschenden Ideologie der entwickelten kapitalistischen Staaten vom
Nationalstaat zur liberalen Demokratie als dem vorherrschenden Mittel diskursiver
Integration der arbeitenden Klassen des Westens. Die offizielle Ideologie des
Westens räumte in der Periode des Kalten Krieges den Ehrenplatz nicht länger
der Verteidigung der Nation ein, die bis zum Zweiten Weltkrieg und noch während
des Krieges auf allen Seiten der höchste Wert war, sondern der Begeisterung für
die Freie Welt. Diese Änderung fiel mit der (erstmaligen) Verallgemeinerung und
tatsächlichen Konsolidierung einer auf dem allgemeinen Wahlrecht basierenden
repräsentativen Demokratie als dem Grundmuster des kapitalistischen Staates in
den entwickelten Ländern zusammen – ein Phänomen, das im Wesentlichen auf die
1950er Jahre zurückgeht.
VI.
Von der Mitte
der 1960er Jahre an wurde diese Konstellation einem kennzeichnenden Wandel
unterzogen, da eine Reihe von strukturellen Veränderungen die Beziehungen
zwischen Staat und Markt überall in der kapitalistischen Welt modifizierte.
Nachdem der Wiederaufbau der Nachkriegszeit einmal abgeschlossen war, wuchsen
die deutsche, die französische, die italienische und vor allem die japanische
Wirtschaft bedeutend schneller als die amerikanische, und Mitte der 1970er
Jahre hatte sich das Bretton-Woods-System überlebt. Gleichzeitig hatte das
Gewicht der multinationalen Unternehmen, die, so der typische Fall, ihre Basis
in einem Staat hatten, ihre Geschäftstätigkeit aber über die Grenzen vieler
Staaten hinweg ausweiteten, immer mehr zugenommen und war schließlich so groß
geworden, dass herkömmliche Formen der Kontrolle zusehends hinfälliger wurden,
mit denen nationale Instanzen den Akkumulationsprozess zu steuern versucht
hatten. In der Folge, und das war noch entscheidender, schlossen sich die
Finanzmärkte zu riesigen Schaltkreisen für interkontinentale Investition und
Spekulation zusammen, die jedem traditionellen Verfahren nationaler Regulierung
entzogen waren. Somit kündigte das Wiedererstarken des deutschen oder des
japanischen Kapitalismus nicht einen Rückfall in die scharfen
innerimperialistischen Konflikte der Zwischenkriegszeit an. Von einem
Abrutschen zurück in die Welt der Zollgrenzen und des Wettrüstens weit
entfernt, bewegten sich die wichtigsten kapitalistischen Staaten nun auf
stärkere Koordinierung ihrer Politik zu, auf einem Niveau, das das der
Nachkriegszeit überschritt. Die europäische Gemeinschaft entwickelte einen
gemeinsamen Markt und schließlich eine gemeinsame Währung und legte sich ein
wenn auch schwaches Parlament zu. Die USA, Japan und andere Mächte initiierten
Gipfeltreffen um Gipfeltreffen, Abkommen um Abkommen, um zu einem gemeinsamen Management
des Auf und Ab der kapitalistischen Weltwirtschaft zu kommen. Ende der 1970er
Jahre schlug die Stunde der G7. Etwas wie Kautskys Vision des ›Ultraimperialismus‹ war zustande
gekommen.
Alternativ
könnten wir diesen Typ von Internationalismus, der für das Kapital in den
letzten Jahrzehnten charakteristisch ist, Transnationalismus nennen, um auf die
Differenz zu jener Art von Internationalismus hinzuweisen, die ihm vorausging.
Transnational im doppelten Sinn, erstens im Sinne der institutionellen Bande,
die die drei wichtigsten Zonen des Kapitals vom Atlantik bis zum Pazifik zu
einer kompakten Einheit verbunden haben und zweitens im Sinn des Aufkommens
neuer Formen interkontinentaler Geschäftstätigkeit und Finanzspekulation, die
klassischen Staatsgrenzen entgingen. Auf ideologischer Ebene gab der offizielle
Diskurs dieser Zeit den Primat demokratischer Werte gegenüber nationalen Werten
nicht auf, sondern hob ihn noch stärker hervor. Tatsächlich gewannen sie mit
der von außen kontrollierten Demokratisierung der mediterranen Diktaturen in
Spanien, Portugal und Griechenland (Regimes, die im krassen Widerspruch zur
Freie-Welt-Rhetorik der vorausgegangenen Zeitphase gestanden hatten) erheblich
an Glaubwürdigkeit.
Mittlerweile
hatte der Antiimperialismus jenseits der fortgeschrittenen kapitalistischen
Welt an Dynamik eingebüßt. In den 1970er Jahren hörte er auf, die
vorherrschende Form des Nationalismus zu sein. Entscheidende Kämpfe wurden noch
ausgefochten, aber der lange verzögerte Sieg der vietnamesischen Revolution und
die Auflösung des portugiesischen Kolonialreichs erschienen, als sie dann
endlich kamen, wie der Epilog auf eine längst vergangene Zeit. In den größten
Teilen Afrikas und Asiens war die Entkolonialisierung eine abgeschlossene
Tatsache; in Lateinamerika waren die Versuche Kubas, aus der Isolation
auszubrechen, fehlgeschlagen. Kämpfe für die nationale Befreiung gab es auch
weiterhin, in Südafrika, Palästina und Mittelamerika, aber sie hatten nicht
mehr dieselbe globale Bedeutung.
Eine andere,
sehr verschiedene Form von Nationalismus trat nun in den Vordergrund. Der große
kommunistische Block, der nach dem Krieg aus dem Kampf gegen den Faschismus in
Eurasien hervorgegangen war, setzte sich aus ganz unterschiedlichen
historischen Bestandteilen zusammen. Im größten Teil Osteuropas – in Polen,
Ungarn, Rumänien, der Tschechoslowakei und in Ostdeutschland – setzte Stalin
mit militärischem Druck von oben kommunistische Regime durch und schuf einen
Ring abhängiger Staaten, die sich den Interessen und Anweisungen der UdSSR
fügten. In Jugoslawien, Albanien, China und Vietnam jedoch siegten indigene
Revolutionen, aus denen vollkommen unabhängige kommunistische Staaten
hervorgingen. Sie alle wurden indes von Parteien geführt, die in ihrer Doktrin
und Disziplin stark von der stalinisierten III. Internationale geformt waren.
Die Gründungsideologie des Stalinismus, die Doktrin vom ›Sozialismus in einem
Land‹, hatte eine
bedingungslose Loyalität gegenüber der Sowjetunion genährt, die galt, solange
diese Parteien als verfolgte und verbotene Organisationen um die Macht
kämpften. Erst einmal an der Macht, führte dieselbe Doktrin aber logischer- wie
ironischerweise zum genauen Gegenteil, nämlich zu einem scharfen Konflikt mit
der Sowjetunion, da die nichtrussischen Parteien nun zu ihrem eigenen Staat
gekommen waren. Tatsächlich wurde der von Stalin praktizierte geheiligte
nationale Egoismus nun verallgemeinert, eine Entwicklung, die natürlich durch
Stalins Arroganz und die seiner Nachfolger auch oft provoziert wurde. Ergebnis
war die zunehmend beschleunigte Zersetzung des Internationalismus der
klassischen kommunistischen Bewegung in dem Maße, wie die Zahl kommunistischer
Staaten stieg. Zuerst geriet Jugoslawien in Konflikt mit der Sowjetunion, dann
Albanien mit Jugoslawien – bereits Ende der 1940er Jahre. Als nächstes brach
Anfang der 1960er Jahre der Konflikt zwischen Russland und China aus, der bis
zu bewaffnet ausgetragenen Grenzstreitigkeiten der beiden Mächte eskalierte und
jede Chance der Einheit der kommunistischen Welt auf immer zerstörte. Eine
Umdrehung weiter kam es schließlich zu regelrechten Kriegen zwischen
kommunistischen Staaten, erst zwischen Vietnam und Kambodscha, dann zwischen
China und Vietnam. In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre war offensichtlich,
dass die fortwährende Spaltung und der mörderische Bruderzwist des Kommunismus
die in der Welt vorherrschende Form von Nationalismus geworden war.
Was waren die
historischen Wurzeln dieser schreienden Rückbildung leninistischer Traditionen,
die in völligem Gegensatz zur gleichzeitigen Entwicklung der kapitalistischen
Staaten stand? Zwei ineinander verschränkte Faktoren waren ausschlaggebend.
Erstens (und das liegt am ehesten auf der Hand) hatten die Produktivkräfte der
kommunistischen Staaten innerhalb des ein ums andere Mal reproduzierten Rahmens
des ›Sozialismus in
einem Land‹ mit einer
wesentlich schlechteren Ausgangsposition nie eine Chance, die fortgeschrittenen
kapitalistischen Ökonomien einzuholen, die in Handel und Industrie über
Querverbindungen verfügten, die dem Ostblock vollkommen abgingen. Was das
technologische Niveau und die Organisationsformen angeht, reichten die dortigen
Produktivkräfte nie über die nationalen Grenzen hinaus, was zur Folge hatte,
dass bspw. die durchschnittliche Arbeitsproduktivität in der UdSSR bei etwa
zwei Fünfteln derjenigen in Westdeutschland oder Frankreich lag. In anderen
Worten: die Fortdauer des bürokratischen Nationalismus in der kommunistischen
Welt hatte ihre materiellen Wurzeln in Produktivkräften, die objektiv weniger
internationalisiert waren, als die der kapitalistischen Welt. Eben dieser
Nationalismus wiederum blockierte jede Chance, die Kluft zu überbrücken. Das im
Kontrast zum Aufblühen des Gemeinsamen Marktes in Europa klägliche Dahinwelken
des RGW war die unmittelbare Folge.
Was geschah mit
dem politischen und ideologischen Überbau, der über diesen engen ökonomischen
Grundlagen errichtet wurde? In den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern
entsprach dem Niedergang des Nationalismus ein Aufstieg der liberalen
Demokratie als überlegene Legitimationsform gesellschaftlicher Ordnung und als
Mechanismus, um die Bevölkerung in diese zu integrieren. In den kommunistischen
Ländern hingegen gab es keine sozialistische Demokratie: das politische Leben
wurde von den herrschenden Bürokratien vollkommen der Substanz beraubt. Unter
diesen Bedingungen griffen die jeweiligen Regime mehr und mehr auf den
Nationalismus zurück – im Sinne eines Surrogates, das die Massen in den
politischen Rahmen der bürokratischen Herrschaft integrieren sollte. Die Nation
kann nämlich, wie Marx das gut verstanden hat, immer als imaginäre Gemeinschaft
herhalten, die das Fehlen wirklicher Freiheit oder Gleichheit ihrer Mitglieder
kompensiert. In diesem Sinne war die in diesen Jahren fortwährende Spaltung der
kommunistischen Welt auch eine unmittelbare Folge der Unterdrückung der
Volkssouveränität in den betreffenden Staaten. Das Fehlen jeglicher freier
Assoziation der Produzenten führte mit fataler Logik zum verschärften
Nationalismus der innerkommunistischen Konflikte. Für eine Weile war das ein
Surrogat, das in Russland, China, Jugoslawien oder Vietnam mehr oder weniger
gut funktionierte, also in Ländern, in denen die herrschenden Parteien
autochthone Revolutionen angeführt und Invasoren abgeschlagen hatten, womit die
von ihnen geschaffenen Staaten einen Anspruch auf nationale Legitimität geltend
machen konnten.
In der Mehrzahl der osteuropäischen Länder
fehlte hingegen den kommunistischen Regimen jede solche Legitimität. Obwohl
auch sie die nationale Karte auszuspielen versuchten (Rumänien ist das
notorische Beispiel), mangelte es ihnen dazu an Glaubwürdigkeit. 1945 mit der
Drohung der Roten Armee eingesetzt, wurden sie nur mit wiederholter
militärischer Intervention der Sowjetunion an der Macht gehalten – in
Ostdeutschland 1953, in Ungarn 1956, in der Tschechoslowakei 1968. Zum Fehlen
jeglicher Volksdemokratie trat hier noch eine tiefgehende Demütigung des
Nationalgefühls hinzu und das in derjenigen kommunistischen Zone, die der
Dynamik der kapitalistischen Wirtschaft noch am nächsten gekommen war und wo
man am ehesten in der Lage war, den Abstand zwischen den beiden auszumessen. In
Osteuropa kam das Erdbeben von 1989 von sehr weit her. Seine Nachbeben
erschütterten dann die beiden angrenzenden Staaten, die über größere
historische Legitimität verfügten, aber Vielvölkerstaaten waren, die
Sowjetunion und Jugoslawien. Beide wurden in einen Strudel unaufhaltsamer
Desintegration gerissen, als inmitten sich vertiefender ökonomischer und politischer
Krise ein Separatismus nach dem anderen auf den Plan trat.
Was ist heute,
zu Beginn eines neuen Jahrhunderts, die herausragende Form von Nationalismus in
der Welt? Aller Wahrscheinlichkeit nach doch der Typus von Konflikt, dessen
Grundmuster die postkommunistischen Sezessionen gezeigt haben, die sich
unterdessen bis weit in die postkoloniale Welt selbst ausbreiten, vom Balkan
bis zum Kaukasus, vom Horn von Afrika bis zu den Großen Seen, vom Kaschmir bis
nach Mindanao.
VII.
Wenn dem so ist,
was ist dann die vorherrschende Form von Internationalismus heute? In der
jüngsten seiner bisherigen Metamorphosen sind wir nun, nach dem Verschwinden
des Sowjetblocks, die ersten Zeugen eines wirklich globalen Hegemons, da die
USA eine Machtfülle erreicht haben, von dem kein anderer Staat in der
Geschichte auch nur träumen konnte. Internationalismus hatte als Gegenpart
traditionell eine wie auch immer geartete Form von Nationalismus. In den USA
hingegen wuchs dem Begriff des Internationalismus seit den Anfängen des
Jahrhunderts bezeichnenderweise ein anderes Antonym zu; hier wurde der
Isolationismus sein Gegenstück. Dass beide Begriffe –
Internationalismus/Isolationismus – antithetisch verwendet werden, enthüllt
ihre gemeinsame Ausgangsposition; das Primat des nationalen Interesses, das die
gemeinsame Basis für beide bildet, stand nie zur Debatte, lediglich die beste
Art und Weise, dieses durchzusetzen. Der historische Ursprung dieses
Begriffspaars liegt in der besonderen Kombination, die die amerikanische
Ideologie einer exzeptionellen und gleichzeitig universellen Republik mit sich
bringt, einer Republik, die einzigartig ist im Glücksfall ihrer Institutionen
und Stiftungen und exemplarisch, was ihre Ausstrahlung und Anziehungskraft
angeht.
Wir haben es hier mit einem janusköpfigen Messianismus zu tun, der sowohl einen
glühenden Heimatkult ermöglicht als auch die missionarische Erlösung der Welt
oder, realistischer, diplomatische Mischungen aus beidem. Im dualistischen
Vokabular dieser Tradition hatte der Internationalismus immer einen Ehrenplatz;
in der Praxis war er nie viel mehr als ein selbstzufriedenes Codewort für vom
amerikanischen Staat auf breiter Front betriebene Forward Policy. Gerade so wie auch der Isolationismus nie die
geringste Herabsetzung der Monroe-Doktrin, der Olney-Declaration oder des Platt-Amendment,
d.h. der Idee einer souveränen US-Vorherrschaft in der westlichen Hemisphäre,
bedeutete. Internationalismus in diesem amerikanischen Sinne bedeutete schlicht
und einfach die Bereitschaft und den Willen, die Macht der USA auf Eurasien
auszudehnen; Wilsons Interventionen, die in Mexiko begannen und in Russland
endeten, setzten diese Logik von Anfang an fest.
Die längste Zeit
des Jahrhunderts blieb dieses Verständnis von Internationalismus eine idiosynkratische,
auf die USA beschränkte Angelegenheit, jenseits der US-Grenzen von geringem
Interesse, da dort robustere Begriffe für das zur Verfügung standen, was es in
der Praxis bedeutete. Heute jedoch, unter Bedingungen des Fehlens einer
Alternative oder einer gleichrangigen Macht, ist die amerikanische Hegemonie so
groß, dass sie zum ersten Mal ihre Selbstbeschreibung als globale Norm
durchsetzen konnte. Mit der UNO als Feigenblatt, einem willfährig ausgehaltenen
Regime in Russland, Truppen in Deutschland und Japan, einem Off-shore-Protektorat in China,
Militärbasen in einer schwindelerregenden Zahl abhängiger Staaten
und einer Feuerkraft, die das Mehrfache dessen beträgt, was alle potenziellen
Rivalen zusammen aufbringen, ist der Wille der USA auf einen Euphemismus
umgetauft worden, der der [in den 1940er Jahren vom kaiserlichen Japan als
angebliches Ziel seiner Expansionspolitik in Südostasien proklamierten] Co-prosperity Sphere ebenbürtig ist.
Das Synonym für
den Willen der USA ist heute nichts geringeres als die ›Völkergemeinschaft‹ selbst, ohne
auf die sich zu beziehen keine salbungsvolle Ansprache des
UNO-Generalsekretärs, kein arrogantes Kommuniqué der NATO, kein kerniger
Kommentar der New York Times, des Guardian oder von Le Monde mehr auskommt, von den einlullenden
Abendnachrichtensendungen ganz zu schweigen. Internationalismus ist in diesem
Verständnis nicht länger die unter amerikanischer Führung betriebene
Zusammenarbeit der wichtigsten kapitalistischen Mächte gegen einen gemeinsamen
Feind – die negative Aufgabe des Kalten Krieges –, sondern ein bejahendes
Ideal: die Neuordnung der Welt nach amerikanischem Bild sans phrases. Die verschlissene, wenngleich siegreiche Flagge der
Freien Welt ist eingeholt worden. An ihrer Statt wurde das Banner der Menschenrechte
gehisst. Das bedeutet zuerst und vor allem das Recht der Völkergemeinschaft,
Völker oder Staaten, die ihr missfallen, mit Blockade, Bombardement und
Invasion zu überziehen wie Kuba, Jugoslawien, Afghanistan, den Irak, und
Staaten, die ihr genehm sind, zu hegen, zu finanzieren und zu bewaffnen wie
etwa die Türkei, Israel, Indonesien, Saudi-Arabien und Pakistan. Was
Tschetschenen, Palästinenser, Tutsi, Saharauis, Nuer und andere ›niedere Arten‹ angeht, von
denen die meisten nicht einmal einen eigenen Staat haben, so kann (wie Clintons
Berater in Sachen nationale Sicherheit, Samuel Berger, einmal bemerkt hat)
Wohltätigkeit schließlich nicht ubiquitär sein.
Widerstand gegen
diese neue Regelung erscheint, jedenfalls größtenteils noch, wie Spreu im Wind.
Auf nationaler Ebene murrt der eine oder andere europäische Verbündete von Zeit
zu Zeit über exzessiven amerikanischen ›Unilateralismus‹, vor allem über die
irritierende Vernachlässigung der formellen diplomatischen Konsultation, unter
deren Deckmantel seine Unterordnung bisher immer verborgen werden konnte. Von
Russland und von China gehen gelegentlich schwache Vorstöße aus, sich ihre
Zustimmung im Sicherheitsrat etwas teurer erkaufen zu lassen. Auf
internationaler Ebene sind der islamische Fundamentalismus und der katholische
Postintegrismus als übrig gebliebene Platzhalter für alternative Lebensformen
angetreten, die von ihrer Begriffswelt her weniger der Welt des Konsums
verhaftet sind. Ein Aufflackern von Widerstand erleben wir mit den in Porto Alegre
zusammengekommenen Gruppen und Bewegungen – einer erstarkenden Diaspora
sozialer Opposition, deren Konturen noch zu zeichnen sind. Inzwischen werden
wir von den Himmeln grenzenloser Gerechtigkeit (infinite justice) und dauerhafter Freiheit (enduring freedom) beschirmt. Wenn man auch den nicht allzu fernen
Tagen nachtrauern kann, an denen die Zivilisation des Kapitals mit weniger
Scheinheiligkeit auskam, so gibt es keinen Grund anzunehmen, wir hätten das
Ende des Weges dessen erreicht, was man unter Internationalismus verstehen
könnte. Seine Geschichte steckt voller Ironien, Zickzacks und Überraschungen.
Es ist unwahrscheinlich, dass wir schon die letzten erlebt haben.
Der Beitrag
erschien im englischen Original in der Zeitschrift New Left Review 14, März/April 2002 (www.newleftreview.org).
Die Übersetzung besorgte Horst Lauscher für die Sozialistischen Hefte für Theorie und Praxis (Köln).
|