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Anderson: Internationalismus PDF Drucken E-Mail
25.08.2008

Internationalismus: ein Abriss

von Perry Anderson

Nur wenige politische Begriffe sind so normativ und zugleich so schillernd wie der des Internationalismus. Der offizielle Diskurs des Westens ist heute durchtränkt von Bezugnahmen auf eine Idee, die lange ein Markenzeichen der Linken war. Wie auch immer man Internationalismus versteht, die Bedeutung, die man ihm gibt, hängt logischerweise davon ab, welches (ursprünglichere) Verständnis von Nationalismus man hat, denn nur als Gegenstück, als etwas, das sich auf sein Gegenteil bezieht, hat er Geltung. Während nun aber der Nationalismus unter allen modernen politischen Phänomenen das in seinem Wert umstrittenste ist – die Urteile darüber, was der Nationalismus bewirkt hat, reichen gewöhnlich, in einer Spanne von 180 Grad, von Bewunderung bis zur Verdammung –, ist der Internationalismus von einem solchen Auseinanderklaffen der Konnotationen unberührt geblieben: er wird im Grunde genommen immer positiv gesehen.1 Aber der Preis für diese allgemeine Zustimmung ist Unbestimmtheit. Wo niemand das Faktum des Nationalismus bezweifelt, aber wenige sich einig sind, was seinen Wert angeht, sieht es zu Beginn des neuen Jahrtausends so aus, als verhalte es sich beim Internationalismus gerade umgekehrt. Von allen Seiten wird er als Wert hochgehalten, aber wer könnte ihn unwidersprochen irgendwo als Wirkungsmacht ausmachen?

Diesem Paradox liegt eine unaufgearbeitete Geschichte zugrunde. Masaryk, ein großer Nationalführer, gab einmal die klarste und einfachste Definition des Nationalismus. Nationalismus war, meinte er (indem er sich gleichzeitig davon absetzte), jede Anschauung, die die Nation als den höchsten politischen Wert betrachtet.2 Das muss nicht heißen, dass seine Anhänger unter allen Umständen, in jedem beliebigen Zusammenhang nur oder vor allem an die Nation denken, unter Ausschluss aller anderen Bindungen oder Identitäten; das Maß an Bedeutung, das sie hat, variiert – je nach gegebener Situation. So gesehen gibt uns diese Formel eine Gegendefinition des Internationalismus, die hinreichend und neutral genug ist, um das in Angriff zu nehmen, was bisher am meisten gefehlt hat: eine empirische Rekonstruktion dessen, was er geleistet hat. Bezogen auf die Geschichte soll der Begriff Internationalismus für alle Anschauungen und Praktiken verwendet werden, die die Nation zugunsten einer größeren Gemeinschaft zu überwinden suchen, deren entscheidende Bestandteile weiterhin Nationen wären. Der Vorteil einer solchen pragmatischen Definition liegt darin, dass sie es ermöglicht, eine Reihe von konventionellen Vorannahmen über Nationalismus und Internationalismus beiseite zu lassen, und dass sie nahe legt, die beiden in systematischer Weise aufeinander zu beziehen. Seit ihrem ersten Aufkommen in ihrer modernen Ausgestaltung, vor etwa 250 Jahren, haben beide eine Reihe von Metamorphosen durchlaufen. Wie werden diese Transformationen am besten auf den Begriff gebracht? Weiter unten schlage ich eine Periodisierung vor. Die Fallgruben jeder totalisierenden Aufteilung der historischen Zeit in eine Abfolge von Kategorien sind offenkundig. Auf die eine oder andere Weise führt Periodisierung immer zu willkürlichen Vereinfachungen, so dass nicht wenige unter unseren besten Historikern sie als Vorgehensweise am liebsten ganz verwerfen würden. Das ist indes leichter gesagt, als getan. In einer noch unveröffentlichten Arbeit hat Fredric Jameson zu Recht bemerkt, dass wir als narrative Wesen kaum die Wahl haben: »Wir können nicht nicht periodisieren.«3 

Das im Folgenden entwickelte Schema beschränkt sich auf ein paar telegrammartige Bemerkungen. Ziel ist es, das Verhältnis von Nationalismus und Internationalismus in allen seinen Aspekten als eine Abfolge verständlicher Phasen darzulegen, von denen jede durch ein Paar von Dominanten definiert wird. Der Begriff verweist bereits auf seine eigenen Grenzen: was ›dominierend‹ ist, wird für die Phase, von der jeweils die Rede ist, nie erschöpfend sein, aber eben die neuesten und herausragenden Formen eines historischen Zeitraums bezeichnen, der immer eine Reihe von Gegenströmungen und Untertönen enthalten wird, die man nur vorübergehend beiseite lassen kann – der Vereinfachung halber. Die hier gewählte Vorgehensweise wird sein, die sich in der Geschichte wandelnden Varianten des Internationalismus mit den sukzessiven Idealtypen des Nationalismus zu kontrastieren, von denen man sagen könnte, dass sie jenen historisch entsprachen, jeweils gekennzeichnet durch fünf Koordinaten: erstens den Typus des Kapitals, der zeitgleich mit jeder sukzessiven Version des Nationalismus auftritt oder in ihr aktiv ist, zweitens das hauptsächliche geografische Verbreitungsgebiet des betreffenden Nationalismus, drittens sein vorherrschendes philosophisches Idiom, viertens die operative Definition der Nation und fünftens das Verhältnis des jeweiligen Nationalismus zu den beherrschten Klassen. Die dem Schema zugrundeliegende Prämisse ist die, dass die Geschichte des Internationalismus am besten erfasst wird, wenn man sie vor dem Hintergrund dieser Koordinaten des Nationalismus betrachtet. In jeder Periode gab es mehr als eine Art von Nationalismus und Internationalismus, so wie es auch immer bedeutsame Konflikte zwischen ihnen gab. Aber in diesem wirren Knäuel lässt sich wohl dennoch ein roter Faden von Dominanten erkennen.

I.

Die Ursprünge des modernen Nationalgefühls als einer säkularen Kraft reichen ins 18.Jahrhundert zurück. Damals brachen die beiden großen Revolutionen aus, mit denen die erste ideologische Konzeption der Nation (im heutigen Verständnis des Begriffs) in die Welt kam – die Erhebung der nordamerikanischen Kolonien gegen Großbritannien und der Sturz des Absolutismus in Frankreich. Die Amerikanische und die Französische Revolution, die tatsächlich unsere Auffassung der Nation als einer von einem Volk gebildeten Gesamtheit erfunden haben, wurden von Gesellschaften hervorgebracht, die zu den fortgeschrittensten ihrer Zeit gehörten; ihre Ideologien bezeichneten einen dramatischen Bruch mit jenen Weltbildern, die frühere europäische Revolutionen inspiriert hatten – in den Niederlanden im 16. und in England im 17.Jahrhundert, in beiden Fällen tief religiös geprägte Erhebungen, die ebenso sehr – wenn nicht sogar in größerem Maße – im Namen Gottes vollzogen wurden wie im Namen des Volkes. Die Amerikanische und die Französische Revolution fanden nichtsdestoweniger in einer Welt statt, der die industrielle Revolution erst noch bevorstand, in der das Kapital noch vor allem Handels- oder Agrarkapital war. Genau aus diesem Grund waren die Eliten der beiden Revolutionen bezeichnenderweise in der Lage, unmittelbare Produzenten aus Stadt und Land – also Volksmassen, die sich in der Hauptsache aus Handwerkern und Bauern zusammensetzten – hinter sich zu bringen. Den Abgrund, der sich später mit den industriellen Fabrikationsstätten zwischen Unternehmern und Arbeitern auftun sollte, gab es als allgemeines gesellschaftliches Faktum noch nicht. Eine einzige Kategorie passte begriffsmäßig auf alle, herrschende wie untergeordnete Klassen: Patriotismus. Akteure der Kämpfe, aus denen die USA hervorgehen sollten, und Revolutionäre in Frankreich nannten sich selbst ›Patrioten‹ – ein Ausdruck, zu dem sie von Bildern und Legenden der Republiken der klassischen Antike (Athen, Sparta und Rom) inspiriert wurden.

Was war das philosophische Idiom dieses neuen Patriotismus? Es war der charakteristische Rationalismus der Aufklärung, dessen eloquenteste Sprecher, Rousseau, Condorcet, Paine und Jefferson, die menschliche Vernunft gegen die Tradition, einen bewussten kollektiven Willen gegen das inerte Gewicht der Gewohnheiten in Stellung brachten. Von daher war die vorherrschende Definition der Nation in dieser Zeit vor allem eine politische, d.h. die Nation war ein Ideal der Zukunft, nicht ein Erbe der Vergangenheit. Die Nation war etwas, das freie Bürger erst schaffen würden. Sie war keine immerwährende Gegebenheit, die schon ihrem Tätigwerden vorausging, sondern eine neue Art von Gemeinschaft, die auf ›natürlichen‹ Rechten statt auf ›künstlichen‹ Privilegien oder Benachteiligungen beruhen würde, in der Freiheit als Teilnahme der Bürger am öffentlichen Leben im vollen Sinne des Wortes verstanden würde.

Von heute aus gesehen war einer der verblüffendsten Züge dieses Patriotismus der Aufklärung sein Universalismus. In seiner typischen Ausprägung ging er von einer grundlegenden Harmonie zwischen den Interessen der zivilisierten Nationen aus (mit den unzivilisierten Völkern war es eine andere Sache), die potenziell alle zusammenstünden im gemeinsamen Kampf gegen Tyrannei und Aberglauben. Kennzeichnend für diesen optimistischen Rationalismus war das Argument aus Kants Abhandlung Zum ewigen Frieden, die Rivalität der Fürsten sei die einzige wirklich bedeutsame Ursache für Krieg, und wenn monarchische Ambitionen erst der Vergangenheit angehörten, wie sich dies mit der Ausbreitung republikanischer Verfassungen abzeichnete, hätten die Völker Europas keinen Grund mehr, gegeneinander in den Kampf zu ziehen. Mithin gingen in dieser Epoche die Ideale von Patriotismus und Kosmopolitismus zusammen; auf der Ebene der Werte gab es zwischen ihnen keinen Widerspruch. Tatsächlich nicht nur auf der Ebene der Werte, sondern, in gebotenem Maße, auch im Leben und Handeln. Man braucht dabei nur an die Rolle von Lafayette im nordamerikanischen Unabhängigkeitskrieg und in der Französischen Revolution zu denken, oder an die von Thomas Paine in Philadelphia und Paris, als Pamphletist für die dreizehn Kolonien und als Abgeordneter der Gironde im Konvent.4 Weiter südlich, in der Zone, die am stärksten von der amerikanischen und französischen Erhebung beeinflusst war, traten die Freiheitskämpfer der Unabhängigkeitskriege in Spanisch-Amerika (Bolívar, Sucre, San Martín) nicht nur für die Provinzen ein, denen sie entstammten, sondern kämpften kontinentweit für die Emanzipation ferner oder benachbarter Länder, in einem Geist regionaler Brüderlichkeit.

II.

Der hispano-amerikanische Zyklus der Kämpfe reichte bis ins dritte Jahrzehnt des 19.Jahrhunderts. Zu diesem Zeitpunkt waren der Patriotismus und Kosmopolitismus, wie sie aus der Aufklärung hervorgegangen und von ihr geprägt worden waren, in Europa bereits an der Korrumpierung ihrer Ideale durch Napoleons militärische Expansionspolitik erstickt. Dort hatte der Kampf gegen das Erste Kaiserreich ihr beider konterrevolutionäres Gegenstück hervorgebracht, konservativ oder klerikal gefärbten nationalen Widerstand gegen die französische Aggression in Spanien, Deutschland und Russland, und das internationale Konzert der europäischen Monarchien der Restaurationsperiode. Diese sind das erste Beispiel einer Reihe von Subdominanten, die die Abfolge von Phasen, die wir hier betrachten, auszeichnen.

Die auf dem Wiener Kongress wieder in ihr Recht gesetzte, von der Heiligen Allianz polizeilich überwachte Welt folgte indes noch älteren Prinzipien. Gegen die Anciens Régimes, die nach wie vor auf Legitimität der Dynastie und auf Religion beruhten, bildete sich schon bald eine neue Konfiguration heraus – das, was wir zum ersten Mal (mit nur einem Hauch Anachronismus) als ›Nationalismus‹ bezeichnen können, als etwas vom Patriotismus unterschiedenes.5 Dieser kam auf als Ausdruck des Bestrebens besitzender Klassen, in einer Welt, die in zunehmendem Maße von der industriellen Revolution beherrscht wurde, in der sie sich jedoch in Zonen wiederfanden, die weniger fortgeschritten waren als das britische Zentrum oder dessen Ableger, ihren eigenen Staat zu bilden. Das waren Klassen, die vor allem darauf aus waren, den zu ihrer Zeit führenden Industriestaaten nachzueifern, ja sie einzuholen. Daher lag das Epizentrum dieses neuen Typs von Nationalismus in Belgien, Deutschland, Italien, Polen und Ungarn. Sein Idiom und seine Rhetorik entstammten der europäischen Romantik und zu seinen führenden Sprechern gehörten Dichter und Schriftsteller – die Petöfis, Mickiewiczs und Manzonis der Zeit. In einer intellektuellen Operation, die die ihr vorausgehende des rationalistischen Patriotismus geradezu auf den Kopf stellte, begründeten sie einen Kult der mittelalterlichen oder der vormodernen Vergangenheit ihrer Länder. Für den romantischen Nationalismus war die entscheidende Definition der Nation nicht länger eine politische, sondern eine kulturelle; ihr Prüfstein sollte die Sprache sein als ein Transkript, in dem die Erfahrungen der vorangegangenen Generationen festgehalten sind.

Der Prophet dieser Geltendmachung kultureller Besonderheit hieß Johann Gottfried Herder. Wenn nun der romantische Nationalismus, der zwischen dem dritten und siebten Jahrzehnt des 19.Jahrhunderts in Europa seine Blütezeit erlebte, auch viele Zeichen einer früheren Art von Patriotismus in ihrem Sinn verkehrte, so teilte er mit ihr nach wie vor wichtige Grundannahmen. Wenn Herder sich für die deutsche Kultur begeisterte, wertete er, der selbst aus dem Baltikum stammte, die benachbarte slawische Kultur keineswegs ab, sondern pries sie im Gegenteil als ein kulturelles Erbe eigenen Rechts. Die geistige Welt des romantischen Nationalismus war nicht mehr kosmopolitisch, aber mit der Wertschätzung kultureller Verschiedenheit als solcher verteidigte er stillschweigend eine Art differenzierten Universalismus. In politischer Hinsicht war, nachdem er seine ersten Erfolge mit der griechischen und der belgischen Revolution erzielt hatte, die den Restaurationsfrieden brachen, der ›Völkerfrühling‹ von 1848 sein grandiosester Ausdruck. Die Kette revolutionärer Aufstände, die Europa in diesem Jahr erschütterten, verband nationalen Aufruhr und internationale Ansteckung über den ganzen Kontinent hinweg – mit Barrikaden von Paris bis Wien, von Berlin bis Rom und von Mailand bis Budapest. Standen in Italien, Deutschland und Ungarn Kämpfe für nationale Einigung oder Unabhängigkeit im Vordergrund, so war 1848 natürlich auch das Jahr gescheiterter liberaler Revolutionen und des Beginns des revolutionären Kampfes für den Sozialismus, wie er im Kommunistischen Manifest ausgerufen wurde.

Diese Überschneidung war kein Zufall. Die Formen des Internationalismus, die dem romantischen Nationalismus entsprachen, sollten nämlich ihre symbolische Heimat in der Internationalen Arbeiterassoziation finden. Wenn wir nach der sozialen Basis dieser Internationale (und der Welle städtischer Volksaufstände 1848) fragen, dann ist die Antwort ziemlich klar. Ihre Basis war nicht irgendein Fabrikproletariat, sondern in überwältigendem Maße die vorindustrielle Handwerkerschaft. Dies war eine Klasse, die ihre eigenen Produktionsmittel besaß (Werkzeuge und Fertigkeiten), die in hohem Maße belesen und gebildet war, idealtypisch nahe dem Zentrum der großen Städte konzentriert und, last but not least, geografisch mobil, eine Mobilität, die in der Wanderschaft symbolisch zum Ausdruck kommt, auf die junge Gesellen innerhalb oder außerhalb ihrer Länder gingen. 1884 gab es etwa 30.000 deutsche Handwerker in Paris; Heine berichtete, dass man an jeder Straßenecke Deutsch hören konnte. In London schrieben Marx und Engels ihr Manifest für deutsche Handwerker, die in England arbeiteten. Polnische und Schweizer Handwerker waren über ganz Berlin verstreut, tschechische und italienische über Wien. Bei der Gründung der I. Internationale hatte Marx einen Zimmermann und einen Schuhmacher an seiner Seite sitzen. Mit anderen Worten, es handelte sich um eine Formation, die sich durch die paradoxe Kombination sozialer Verwurzelung (kulturelle Selbstsicherheit und politisches Gespür inbegriffen) und territorialer Mobilität (inkl. der Möglichkeit der unmittelbaren Erfahrung des Lebens im Ausland und eines Sinns für die Solidarität der Völker) auszeichnete.

Diese Konfiguration machte es möglich, auf den Barrikaden von 1848/49 von nationalen zu internationalen und von internationalen zu sozialen Kämpfen überzugehen. Ihre exemplarische Figur war Giuseppe Garibaldi, der als Sohn eines kleinen Fischers sein Leben als Matrose begann. Eine Gruppe Saint-Simonisten, die aus Frankreich ausgewiesen worden waren und mit einem Schiff, das Richtung auf das Schwarze Meer nahm, ins Exil geschickt wurden, gewann ihn für internationalistische Ideale – seine erste politische Überzeugung.6 Garibaldi wurde dann bekanntlich der große militärische und politische Held der Römischen Republik von 1848, die Verkörperung der edelsten Seite des italienischen Nationalismus des Risorgimento. Doch kämpfte er nach der Niederlage der Republik ein Jahrzehnt lang als Soldat für die Sache des Fortschritts in Lateinamerika, in Brasilien und in Uruguay, wo er früher einmal als Schiffskapitän gewesen war; schließlich kehrte er zurück und leitete die Expedition, die Sizilien und Kalabrien von der Bourbonenherrschaft befreite und die nationale Einigung Italiens zum Abschluss brachte. Seine Karriere machte da indes nicht halt. In den 1860er Jahren lud Lincoln ihn ein, im amerikanischen Bürgerkrieg einen Befehlshaberposten in der Nordarmee zu übernehmen, ein Vorschlag, den Garibaldi aufgrund seiner berechtigten Zweifel an Lincolns Haltung zur Sklaverei ablehnte. Auf der anderen Seite akzeptierte er den Posten eines Generals in Frankreich, als es darum ging, die Dritte Republik 1871 gegen den deutschen Vormarsch zu verteidigen, und ließ sich von drei französischen Städten als gewählter Abgeordneter in die Nationalversammlung schicken. Nach der Pariser Kommune bekannte er sich – zum Entsetzen Mazzinis – öffentlich zur I. Internationale. In der historischen Figur Garibaldis finden wir die besten Werte der europäischen Handwerkerschaft dieser Zeit verkörpert, in der nationale und internationale Impulse wie selbstverständlich nebeneinander bestanden.

III.

An der Wende von den 1860er zu den 1870er Jahren wurde der romantische Nationalismus, dem sich die besitzenden Klassen zuvor verschrieben hatten oder dessen sie sich wenigstens, wie im Falle Piemonts, manipulativ bedient hatten, fallengelassen, als die europäischen Grundbesitzer und Geschäftsleute dazu übergingen, die letzten Kapitel der bürgerlichen Revolution von oben statt von unten zu vollenden, mit all dem militärischen Gepräge und der engen politischen Kontrolle, wie sie für die bismarcksche Einigung Deutschlands typisch waren. Danach änderte sich die im Westen vorherrschende Form des Nationalismus jäh. Der Chauvinismus im eigentlichen Sinn durchdrang nun, nachdem er lange in der Vorstellungswelt der Gesellschaft geschlummert hatte, zum ersten Mal Diskurs und Atmosphäre in den entscheidenden Industriestaaten Großbritannien, USA, Frankreich, Deutschland und Italien.7 Das war die Zeit von Politikern wie Chamberlain, Ferry, Bülow, McKinley und Crispi. Das Kapital konzentrierte sich in diesen Ländern zunehmend in Großunternehmen, suchte die monopolistische Kontrolle der inneren Märkte und drängte auf koloniale Annexion – im Großen und Ganzen das Szenario, das Hobson und Hilferding geschildert haben. Der Chauvinismus, der mit diesem neuen Expansionismus einherging und ihn stützte, entnahm sein Vokabular bezeichnenderweise dem Sozialdarwinismus. Sein intellektuelles Idiom war im Wesentlichen positivistisch und seine Definition der Nation zunehmend ethnisch, also eine krude Mischung kultureller und physischer Elemente, alles in allem beträchtlich weniger erfreulich als sein Vorläufer.

Mit der Behauptung, die Beziehungen zwischen Völkern folgten dem Muster des survival of the fittest, predigte dieser Großmacht- bzw. Möchtegern-Großmachtnationalismus (von dem es nicht wenige Ableger außerhalb des Zentrums des Systems gab, etwa im ›Porfiriato‹ in Mexiko oder unter der Herrschaft von Roca in Argentinien) zum ersten Mal die offene Feindschaft gegenüber anderen Nationen oder Völkern. Der Chauvinismus der Belle Epoque war ein imperialistischer Diskurs der Überlegenheit und Vorrangigkeit.8 Seine Funktion war zwiefältig. Einmal diente er dazu, die Bevölkerung des jeweiligen Staates für die damals stärker werdende innerimperialistische Konkurrenz und die Aufgaben der kolonialen Eroberung zu mobilisieren; zum anderen diente er der Integration der Massen in den politischen Rahmen der kapitalistischen Ordnung in einer Zeit, als das Wahlrecht gerade nach und nach auf Sektoren der Arbeiterklasse ausgedehnt wurde. Der herrschende Chauvinismus neutralisierte das Risiko dieser Ausweitung des Wahlrechts, indem er soziale Spannungen von Klassenantagonismen auf nationale Antagonismen verlagerte. Nicht zufällig waren die Architekten der Wahlrechtsreform dieser Zeit oft auch diejenigen, die den neuen Hurrapatriotismus schürten – Disraeli in England, Bismarck in Deutschland, Giolitti in Italien.

Wenn wir nun nach der dominierenden Form des Internationalismus in dieser Zeit fragen, so gibt es kaum Zweifel, dass wir sie in der von den sozialistischen Parteien gebildeten II. Internationale finden.9 Dies ist das erste Mal, dass wir mit einer Form von Internationalismus zu tun haben, die dem vorherrschenden Typ von Nationalismus direkt entgegengesetzt ist, sich zu diesem nicht mehr, wie in der Vergangenheit, komplementär verhält, sondern antithetisch. Aus der Ferne betrachtet war diese Internationale ein weitaus beeindruckenderes Gebilde als ihre Vorläuferin; sie umfasste mehr Parteien, sie hatte mehr Mitglieder und mehr tatsächliche Industriearbeiter. Aber der Schein erwies sich als trügerisch. In Wirklichkeit führte die Veränderung der sozialen Basis des neuen Konglomerats nicht zu seiner Stärkung als Internationale, denn das neue Industrieproletariat zeichnete sich durch eine Reihe von Eigenschaften aus, deren Zusammenspiel sie weniger resistent gegen die Staatsdoktrinen sein ließen als die europäischen Handwerker der Jahrhundertmitte. In ihrer großen Mehrheit waren die neuen Arbeiter in Fabriken und Bergwerken der Provinz konzentriert, fern der politischen Zentren ihrer Länder – im Norden Englands und Frankreichs oder im Ruhrgebiet. Sie besaßen keine eigenen Produktionsmittel und sie hatten weder das Bildungsniveau noch die kämpferische Tradition der älteren Handwerkerschaft. Ihre grundlegende Situation kann man als das genaue Gegenteil derjenigen ihrer Vorgänger bezeichnen: eine Kombination aus territorialer Immobilität und sozialer Entwurzelung. Endergebnis war ein viel tieferer und wirksamerer Einfluss des Imperialismus (mit seiner Projektion einer imaginären Gemeinschaft, die die Nation als Großmacht bilden sollte) auf weite Teile dieser Klasse, als Marx oder jeder andere Sozialist der vorausgegangenen Generation gedacht hätten.

Die Folge dieses fatalen Einflusses war die Mischung von Passivität und Enthusiasmus, mit der die Bevölkerung den Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 begrüßte. Als die Feindseligkeiten begannen, stürzten sich die sozialistischen Parteien Westeuropas, die – mit Ausnahme der italienischen Partei – ihre feierlichsten Versprechen verrieten, in das gegenseitige Abschlachten ihrer Völker. Die historischen Wurzeln dieses Sich-ins-Gemetzel-Stürzens lagen nicht bloß in den Entscheidungen der Führer dieser Parteien, so schändlich diese auch waren, sondern in der sozialen Ausgestaltung des damaligen jungen Proletariats.

IV.

Begrub der Ausbruch des innerimperialistischen Konflikts die Prätentionen der II. Internationale, so wurden mit Kriegsende die nun in den Vordergrund tretenden Formen des Nationalismus wie des Internationalismus einmal mehr neu bestimmt. Inmitten beispielloser Depression und Wirtschaftskrisen entwickelte das Kapital noch fortgeschrittenere Formen der Konzentration, diesmal aber nicht mehr in einem Kontext von internationalem Freihandel und lang anhaltendem Boom, sondern vielmehr von Rezession, Protektionismus und Autarkie. In dieser Konjunktur lag das geografische Zentrum des dominierenden Typs von Nationalismus bei den besiegten oder frustrierten Mächten des Ersten Weltkriegs, das heißt in Deutschland, in Italien, in Österreich-Ungarn und in Japan. Die aufstrebende neue Kraft war hier der Faschismus. Sein Idiom nicht dem Positivismus, sondern Formen des modernen Irrationalismus entleihend – Sorel oder Gentile in Italien, Nietzsche in Deutschland, den Doktrinen der kokutai in Japan –, landete der Faschismus schließlich bei der Definition der Nation als einer biologischen Gemeinschaft, als Rasse an sich. Damit war die Reduzierung des ideellen Gehalts der Nation auf brutale Weise abgeschlossen.

In diesem Sinne war der Faschismus ein zu größerer Kraft gebrachter imperialistischer Chauvinismus, der einen reaktionären Fanatismus ohnegleichen entfesselte. Wiederum ist die Funktion eine zweifache. Erstens diente der Faschismus dazu, die untergeordneten Klassen gegen die kapitalistischen Sieger des Ersten Weltkriegs für eine zweite Runde des innerimperialistischen Wettkampfs zu mobilisieren, in dem die vormals Besiegten oder Frustrierten diesmal den Sieg davontragen sollten. In diesem Sinne waren seine ideologischen Leitmotive Kompensation und Revanche. Zugleich fungierte er als Mechanismus zur Eindämmung der Massen in Ländern, in denen die parlamentarische Demokratie in einer irreversiblen Krise steckte und weite Teile der Arbeiterklasse sich dem revolutionären Sozialismus zuwandten. Die beiden Funktionen waren eng miteinander verbunden, denn es war die im Ersten Weltkrieg erlittene Niederlage oder Enttäuschung, die sogleich die Stabilität der kapitalistischen Demokratie untergrub (daher den Rückgriff auf konterrevolutionären Zwang nötig werden ließ) und verdoppelte Anstrengungen für ein kontinentumfassendes Nachspiel erforderte. Dieses Vorhaben war beinahe von Erfolg gekrönt. Ende 1941 war ganz Europa, vom Ärmelkanal bis zum Baltikum, Bestandteil der faschistischen Ordnung geworden, und im Fernen Osten herrschte Japan über einen sogar noch größeren Raum. Die Anziehungskraft des Faschismus war nicht auf diese Zonen beschränkt; in Lateinamerika gerieten die drei bedeutendsten politischen Entwicklungen der Zeit – der Estado Novo in Brasilien, das Aufkommen des Peronismus in Argentinien wie die Anfänge des MNR in Bolivien – in sein Magnetfeld.10

Wo sich der vom Kapital hochgezüchtete Chauvinismus zum Faschismus radikalisiert hatte, da hatte sich in der Zwischenzeit auch der Internationalismus der Arbeiterbewegung radikalisiert – in die entgegengesetzte Richtung. In einem Land war der moralische Zusammenbruch der europäischen Arbeiterbewegung vermieden worden. 1917 führten Arbeiter und Soldaten unter Leitung der bolschewistischen Partei in Russland eine sozialistische Revolution durch. Das aus diesem Umsturz hervorgegangene Regime war der erste und einzige Staat der Geschichte, der keinen nationalen oder territorialen Bezug in seinem Namen führte – er sollte schlicht die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken sein, ohne einen bestimmten Raum oder ein bestimmtes Volk. Darin wird deutlich, dass der Vorsatz seiner Gründer uneingeschränkt internationalistisch war. Schon bald gründeten die bolschewistischen Führer jene III. Internationale, die das Handeln der neuen kommunistischen Parteien koordinieren sollte, die, angespornt vom Beispiel der Russischen Revolution, überall auf der Welt aus dem Boden entsprangen.11 Der Kontrast zur II. Internationale hätte kaum drastischer sein können. In Europa legten die Parteien der Komintern in ihrer Ablehnung des sie umgebenden Nationalismus in jeglicher Form und in ihrer Fähigkeit, dem vielfältigen Druck der herrschenden Klassen in ihren eigenen Staaten zu widerstehen, eine eiserne Disziplin an den Tag, die aus der schrecklichen Lektion erwachsen war, die der Erste Weltkrieg einer Generation von Kämpfern der Arbeiterklasse erteilt hatte.

In der UdSSR selbst nahm indes mit Stalins Sieg innerhalb der KPdSU, errungen mit dem Versprechen, den »Sozialismus in einem Land« aufzubauen, eine neue Form von Nationalismus Gestalt an, die für die von der Sowjetunion rasch herausgebildete Autokratie kennzeichnend war. In kurzer Zeit wurde das Vorgehen der III. Internationale vollkommen den von Stalin definierten Interessen des sowjetischen Staates untergeordnet. Am Ende stand das weder vorher noch hinterher jemals gesehene Phänomen eines Internationalismus, der ebenso tief wie deformiert war, der jegliche Loyalität dem eigenen Land gegenüber ablehnte und dafür grenzenlose Loyalität gegenüber einem anderen Land an den Tag legte. Das Epos dieses Internationalismus erreichte seinen Höhepunkt mit den unter der Ägide von Komintern-Emissären (Codovilla, Togliatti, Gerö, Vidali und anderen) stehenden Internationalen Brigaden des Spanischen Bürgerkriegs, deren Rekruten aus ganz Europa und Amerika kamen. Mit seiner Mischung von Heroismus und Zynismus, selbstloser Solidarität und mörderischem Terror war dies ein Internationalismus, wie es ihn perfektionierter und pervertierter nie gegeben hat.

Der entscheidende Test für die III. Internationale kam kurz danach mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. In diesem Augenblick weigerten sich die Kommunistischen Parteien Frankreichs, Großbritanniens, Belgiens, der Niederlande und Norwegens – allesamt Länder, die von Nazideutschland überfallen wurden – ihre Regierungen zu unterstützen, und behaupteten, der Konflikt sei wiederum lediglich ein innerimperialistischer Streit, der keine Bedeutung für die Massen habe. Es gibt wenige politische Positionen, die unpopulärer und politisch falscher hätten sein können, wo doch die Arbeiterklasse alles Interesse daran hatte, die repräsentative Demokratie gegen den Faschismus zu verteidigen. Doch zeigte auch diese Haltung, wie groß die Distanz zwischen der III. und der II. Internationale war. Zwei Jahre darauf fiel Hitler in die Sowjetunion ein. Nun stürzten sich die Kommunistischen Parteien in Europa in den Kampf gegen den Nazismus und spielten bald schon an der Spitze von Massenbewegungen eine führende Rolle im Widerstand gegen die deutsche Besatzung, so wie ihre Ebenbilder in China und Korea gegen die japanische Expansion. In der neuen Situation gab es keinen Widerspruch mehr zwischen dem, was sie als ihre internationale Pflicht ansahen – dem Heimatland des Sozialismus zu helfen –, und ihrer nationalen Pflicht, die Waffen gegen die Wehrmacht zu erheben. Aus beidem ergab sich eine Aufgabe, die sie mit Bravour meisterten. Auf dem Höhepunkt dieser Kämpfe verkündete Stalin dann plötzlich die Auflösung der III. Internationale, offiziell weil sie ein Anachronismus geworden sei, in Wahrheit aber, um seine Alliierten, Großbritannien und die USA, günstig zu stimmen. Mit diesem Akt kam ein langer historischer Zyklus zum Abschluss. Die Niederlage des Faschismus und das Ende des Zweiten Weltkriegs sollten der Beginn einer radikalen Transformation des Nationalismus wie des Internationalismus sein, nun nicht länger auf Europa beschränkt, sondern ausgeweitet bis in alle Teile der Welt.

V.

Bis hierher hat sich unsere Analyse auf die geografische Zone Europas und Nordamerikas konzentriert, nicht weil diese Regionen der Welt besondere Vorzüge aufwiesen, sondern wegen der bestimmenden Rolle, die der westliche Kapitalismus während der langen Zeitspanne von der Amerikanischen und Französischen Revolution bis zur Weltwirtschaftskrise und dem Zweiten Weltkrieg in der Weltgeschichte innehatte. Nach 1945 ändert sich das radikal. Nun tritt der größere Teil der Menschheit endlich in einer Hauptrolle auf die Bühne. Während er dies tut, in der neuen Phase, die 1945 beginnt und bis etwa 1965 reicht, vollzieht sich unversehens ein spektakulärer Wandel in der jeweiligen Haltung von Kapital und Arbeit zu Nationalismus und Internationalismus. Im Rückblick erkennen wir, dass es sich dabei um eine der großen Wasserscheiden des 20.Jahrhunderts gehandelt hat. Bislang waren, von den hehren Ambitionen des Patriotismus der Aufklärung bis zu den schlimmsten Unmenschlichkeiten des Faschismus, die bestimmenden Formen des Nationalismus immer eine Ausdrucksweise der besitzenden Klassen, und – vom 19. Jahrhundert an – die entsprechenden Formen des Internationalismus, mit all ihren Schwächen und Grenzen, solche der arbeitenden Klassen. Nach 1945 schlägt diese Doppelbindung (Kapital – das Nationale, Arbeit – das Internationale) um. Der Nationalismus wird eine vor allem populäre Angelegenheit, eine Angelegenheit des Volkes, der ausgebeuteten und verarmten Massen in einer interkontinentalen Revolte gegen den westlichen Kolonialismus und Imperialismus. Damit wechselt auch der Internationalismus das Lager und beginnt, in den Kreisen des Kapitals neue Formen anzunehmen. Dies sollte sich als schicksalhafter Wandel erweisen.

Der neue Typ von Nationalismus, der nach 1945 im Weltmaßstab vorherrschend wurde, war der Antiimperialismus, und seine wichtigsten geografischen Zonen waren Asien, Afrika und Lateinamerika. Was waren seine Strukturmerkmale? Sozial gesehen war er viel heterogener als die vorausgegangenen Formen von Nationalismus in Europa. Die nationalen Befreiungsbewegungen, die sich nun in der Dritten Welt ausbreiteten, wurden von einem breiten Spektrum sozialer Klassen geführt. Es gab Fälle, in denen die jeweilige Bourgeoisie den gesamten Prozess beherrschte; Indien ist hierfür das wichtigste Beispiel. In anderen Fällen übernahmen Mittelschichten, die noch gar nicht viel Kapital akkumuliert hatten, die Führung, und nutzten die Bewegung, um sich nach der Eroberung der Macht zu einer echten Bourgeoisie zu erheben, so wie das in Mexiko oder der Türkei bereits früher geschehen war. Eine prekärere und flüchtigere Variante desselben Musters war in einer Reihe afrikanischer Länder zu beobachten, in denen die nationalistische Bewegung von Beamten oder Offizieren der Kolonialmacht selbst angeführt wurde. In anderen Fällen wiederum kamen Intellektuelle aus dem unteren Mittelstand an die Spitze, wie etwa in Indonesien. Wenn wir eine einzelne Gruppe aus dem bunten Kader dieses breiten Spektrums von Aufstandsbewegungen benennen sollten, die eine besondere Rolle gespielt hat, dann dürften das Dorfschullehrer sein. Last but not least gab es auch die Fälle, in denen Kommunistische Parteien die Führung der nationalen Befreiungsbewegungen übernahmen und diese bis zu offenen Revolutionen gegen das Kapital vorwärts trieben, so in China und Vietnam. In Kuba kam es zu einer Mischung dieser und der vorherigen Variante.

Was war das intellektuelle Idiom dieses Nachkriegsantiimperialismus? Es war synkretistisch. Sowenig die Führung der verschiedenen nationalen Befreiungsbewegungen in sozialer Hinsicht uniform war, so waren auch ihre ideologischen Äußerungen hybrid und buntscheckig – im besten Fall so, dass sie sich von rationalistischen wie romantischen, von positivistischen wie irrationalen geistigen Strömungen zur selben Zeit nährten. Der Kemalismus in der Türkei, der Sukarnoismus in Indonesien, der ideologische Mischmasch, den nacheinander Obregón, Calles und Cárdenas in Mexiko hinterließen, waren in dieser Hinsicht exemplarisch. Es gab Kombinationen und Neuauflagen früherer Doktrinen zuhauf. Das herausragende Merkmal dieses Antiimperialismus war indes seine Fähigkeit, sich nicht bloß Ideologeme verschiedensten Ursprungs aus den Parametern des klassischen bürgerlichen Denkens zunutze zu machen, sondern dies auch mit Glaubenssystemen zu tun, die entweder älter als die Aufklärung waren oder jünger als der Kapitalismus, also mit der Religion auf der einen, dem Sozialismus auf der anderen Seite. Zu den späten Beispielen für ersteres wäre die iranische Revolution zu rechnen, zu denen für zweiteres der Sandinismus in Nicaragua. Was war die Massenbasis dieses Antiimperialismus? Das numerisch wichtigste Element waren Bauern. Dies gilt vor allem für die kommunistischen Revolutionen der Zeit – China, Vietnam und, am Rande Europas, Jugoslawien. Es handelte sich dabei um Umwälzungen, die sich qualitativ von der Oktoberrevolution, auf die sie zurückblickten, unterschieden, denn alle erlebten sie ihren Triumph unter dem Banner der Nation, wohingegen die russische Revolution in der Stunde ihres Sieges keinerlei nationalistische Konnotation aufwies.

Was geschah derweil im Lager des Kapitals? Die neue, dort nach 1945 entstandene Situation kann grob folgendermaßen beschrieben werden. Erstens nahmen die USA mit Ende des Zweiten Weltkriegs eine Position in der kapitalistischen Welt ein, die noch nie ein Staat zuvor inne gehabt hatte. Deutschland, Japan und Italien waren besiegt und lagen danieder, Großbritannien und Frankreich waren geschwächt und verarmt. Die USA beherrschten das Universum des Kapitals in einem weit stärkeren Maße als das Großbritannien im 19.Jahrhundert je getan hatte. Zweitens gab es nicht länger nur einen Staat – Russland –, in dem der Kapitalismus gestürzt worden war. Aus den Wirren des Krieges war ein breiter Gürtel von Ländern hervorgegangen, in denen das Privateigentum an den Produktionsmitteln abgeschafft worden war – in halb Europa und in einem Drittel Asiens. Ein kommunistischer Block im Weltmaßstab schien nun die Existenz des Kapitalismus zu bedrohen. Unter diesen Bedingungen entwickelte das Kapital plötzlich einen ganz eigenen Internationalismus. Nationale Konflikte zwischen kapitalistischen Staaten, die zu zwei Weltkriegen geführt hatten, wurden erstickt. Die Existenz einer einzigen Hegemonialmacht machte es möglich, die jeweiligen Interessen der kapitalistischen Staaten international zu koordinieren – die Existenz des kommunistischen Blocks machte es nötig.12

Ergebnis war ein Prozess kommerzieller, ideologischer und strategischer Vereinigung, der mit den währungspolitischen Abkommen von Bretton Woods einsetzte, mit den Marshall- und Dodge-Plänen für den Wiederaufbau Europas und Japans fortgesetzt wurde, zur Bildung der NATO und Schaffung des GATT führte und in der Geburt der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, mit dem Segen der USA, kulminierte. Der Weg, den diese wachsende internationale Integration nahm, verlief von der allgemeinen Wiederherstellung des Freihandels bis zu den Anfängen einer wirklichen Überwindung nationaler Souveränität im Rahmen des europäischen gemeinsamen Marktes. Das war eine dramatische Umkehrung der Tendenzen, die die Zwischenkriegszeit beherrscht hatten, etwas, das es in der Geschichte des Kapitalismus noch nie gegeben hatte. Wollten wir dafür einen Begriff, könnten wir von einem Supranationalismus sprechen, im zweifachen Sinn der herausgehobenen Stellung der USA über alle anderen Nationen und der Herausbildung der Europäischen Gemeinschaft über die Staaten Westeuropas.

Eine entscheidende Konsequenz dieses Wandels war eine Verlagerung in der herrschenden Ideologie der entwickelten kapitalistischen Staaten vom Nationalstaat zur liberalen Demokratie als dem vorherrschenden Mittel diskursiver Integration der arbeitenden Klassen des Westens. Die offizielle Ideologie des Westens räumte in der Periode des Kalten Krieges den Ehrenplatz nicht länger der Verteidigung der Nation ein, die bis zum Zweiten Weltkrieg und noch während des Krieges auf allen Seiten der höchste Wert war, sondern der Begeisterung für die Freie Welt. Diese Änderung fiel mit der (erstmaligen) Verallgemeinerung und tatsächlichen Konsolidierung einer auf dem allgemeinen Wahlrecht basierenden repräsentativen Demokratie als dem Grundmuster des kapitalistischen Staates in den entwickelten Ländern zusammen – ein Phänomen, das im Wesentlichen auf die 1950er Jahre zurückgeht.

VI.

Von der Mitte der 1960er Jahre an wurde diese Konstellation einem kennzeichnenden Wandel unterzogen, da eine Reihe von strukturellen Veränderungen die Beziehungen zwischen Staat und Markt überall in der kapitalistischen Welt modifizierte. Nachdem der Wiederaufbau der Nachkriegszeit einmal abgeschlossen war, wuchsen die deutsche, die französische, die italienische und vor allem die japanische Wirtschaft bedeutend schneller als die amerikanische, und Mitte der 1970er Jahre hatte sich das Bretton-Woods-System überlebt. Gleichzeitig hatte das Gewicht der multinationalen Unternehmen, die, so der typische Fall, ihre Basis in einem Staat hatten, ihre Geschäftstätigkeit aber über die Grenzen vieler Staaten hinweg ausweiteten, immer mehr zugenommen und war schließlich so groß geworden, dass herkömmliche Formen der Kontrolle zusehends hinfälliger wurden, mit denen nationale Instanzen den Akkumulationsprozess zu steuern versucht hatten. In der Folge, und das war noch entscheidender, schlossen sich die Finanzmärkte zu riesigen Schaltkreisen für interkontinentale Investition und Spekulation zusammen, die jedem traditionellen Verfahren nationaler Regulierung entzogen waren. Somit kündigte das Wiedererstarken des deutschen oder des japanischen Kapitalismus nicht einen Rückfall in die scharfen innerimperialistischen Konflikte der Zwischenkriegszeit an. Von einem Abrutschen zurück in die Welt der Zollgrenzen und des Wettrüstens weit entfernt, bewegten sich die wichtigsten kapitalistischen Staaten nun auf stärkere Koordinierung ihrer Politik zu, auf einem Niveau, das das der Nachkriegszeit überschritt. Die europäische Gemeinschaft entwickelte einen gemeinsamen Markt und schließlich eine gemeinsame Währung und legte sich ein wenn auch schwaches Parlament zu. Die USA, Japan und andere Mächte initiierten Gipfeltreffen um Gipfeltreffen, Abkommen um Abkommen, um zu einem gemeinsamen Management des Auf und Ab der kapitalistischen Weltwirtschaft zu kommen. Ende der 1970er Jahre schlug die Stunde der G7. Etwas wie Kautskys Vision des ›Ultraimperialismus‹ war zustande gekommen.13

Alternativ könnten wir diesen Typ von Internationalismus, der für das Kapital in den letzten Jahrzehnten charakteristisch ist, Transnationalismus nennen, um auf die Differenz zu jener Art von Internationalismus hinzuweisen, die ihm vorausging. Transnational im doppelten Sinn, erstens im Sinne der institutionellen Bande, die die drei wichtigsten Zonen des Kapitals vom Atlantik bis zum Pazifik zu einer kompakten Einheit verbunden haben und zweitens im Sinn des Aufkommens neuer Formen interkontinentaler Geschäftstätigkeit und Finanzspekulation, die klassischen Staatsgrenzen entgingen. Auf ideologischer Ebene gab der offizielle Diskurs dieser Zeit den Primat demokratischer Werte gegenüber nationalen Werten nicht auf, sondern hob ihn noch stärker hervor. Tatsächlich gewannen sie mit der von außen kontrollierten Demokratisierung der mediterranen Diktaturen in Spanien, Portugal und Griechenland (Regimes, die im krassen Widerspruch zur Freie-Welt-Rhetorik der vorausgegangenen Zeitphase gestanden hatten) erheblich an Glaubwürdigkeit.

Mittlerweile hatte der Antiimperialismus jenseits der fortgeschrittenen kapitalistischen Welt an Dynamik eingebüßt. In den 1970er Jahren hörte er auf, die vorherrschende Form des Nationalismus zu sein. Entscheidende Kämpfe wurden noch ausgefochten, aber der lange verzögerte Sieg der vietnamesischen Revolution und die Auflösung des portugiesischen Kolonialreichs erschienen, als sie dann endlich kamen, wie der Epilog auf eine längst vergangene Zeit. In den größten Teilen Afrikas und Asiens war die Entkolonialisierung eine abgeschlossene Tatsache; in Lateinamerika waren die Versuche Kubas, aus der Isolation auszubrechen, fehlgeschlagen. Kämpfe für die nationale Befreiung gab es auch weiterhin, in Südafrika, Palästina und Mittelamerika, aber sie hatten nicht mehr dieselbe globale Bedeutung.

Eine andere, sehr verschiedene Form von Nationalismus trat nun in den Vordergrund. Der große kommunistische Block, der nach dem Krieg aus dem Kampf gegen den Faschismus in Eurasien hervorgegangen war, setzte sich aus ganz unterschiedlichen historischen Bestandteilen zusammen. Im größten Teil Osteuropas – in Polen, Ungarn, Rumänien, der Tschechoslowakei und in Ostdeutschland – setzte Stalin mit militärischem Druck von oben kommunistische Regime durch und schuf einen Ring abhängiger Staaten, die sich den Interessen und Anweisungen der UdSSR fügten. In Jugoslawien, Albanien, China und Vietnam jedoch siegten indigene Revolutionen, aus denen vollkommen unabhängige kommunistische Staaten hervorgingen. Sie alle wurden indes von Parteien geführt, die in ihrer Doktrin und Disziplin stark von der stalinisierten III. Internationale geformt waren. Die Gründungsideologie des Stalinismus, die Doktrin vom ›Sozialismus in einem Land‹, hatte eine bedingungslose Loyalität gegenüber der Sowjetunion genährt, die galt, solange diese Parteien als verfolgte und verbotene Organisationen um die Macht kämpften. Erst einmal an der Macht, führte dieselbe Doktrin aber logischer- wie ironischerweise zum genauen Gegenteil, nämlich zu einem scharfen Konflikt mit der Sowjetunion, da die nichtrussischen Parteien nun zu ihrem eigenen Staat gekommen waren. Tatsächlich wurde der von Stalin praktizierte geheiligte nationale Egoismus nun verallgemeinert, eine Entwicklung, die natürlich durch Stalins Arroganz und die seiner Nachfolger auch oft provoziert wurde. Ergebnis war die zunehmend beschleunigte Zersetzung des Internationalismus der klassischen kommunistischen Bewegung in dem Maße, wie die Zahl kommunistischer Staaten stieg. Zuerst geriet Jugoslawien in Konflikt mit der Sowjetunion, dann Albanien mit Jugoslawien – bereits Ende der 1940er Jahre. Als nächstes brach Anfang der 1960er Jahre der Konflikt zwischen Russland und China aus, der bis zu bewaffnet ausgetragenen Grenzstreitigkeiten der beiden Mächte eskalierte und jede Chance der Einheit der kommunistischen Welt auf immer zerstörte. Eine Umdrehung weiter kam es schließlich zu regelrechten Kriegen zwischen kommunistischen Staaten, erst zwischen Vietnam und Kambodscha, dann zwischen China und Vietnam. In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre war offensichtlich, dass die fortwährende Spaltung und der mörderische Bruderzwist des Kommunismus die in der Welt vorherrschende Form von Nationalismus geworden war.14

Was waren die historischen Wurzeln dieser schreienden Rückbildung leninistischer Traditionen, die in völligem Gegensatz zur gleichzeitigen Entwicklung der kapitalistischen Staaten stand? Zwei ineinander verschränkte Faktoren waren ausschlaggebend. Erstens (und das liegt am ehesten auf der Hand) hatten die Produktivkräfte der kommunistischen Staaten innerhalb des ein ums andere Mal reproduzierten Rahmens des ›Sozialismus in einem Land‹ mit einer wesentlich schlechteren Ausgangsposition nie eine Chance, die fortgeschrittenen kapitalistischen Ökonomien einzuholen, die in Handel und Industrie über Querverbindungen verfügten, die dem Ostblock vollkommen abgingen. Was das technologische Niveau und die Organisationsformen angeht, reichten die dortigen Produktivkräfte nie über die nationalen Grenzen hinaus, was zur Folge hatte, dass bspw. die durchschnittliche Arbeitsproduktivität in der UdSSR bei etwa zwei Fünfteln derjenigen in Westdeutschland oder Frankreich lag. In anderen Worten: die Fortdauer des bürokratischen Nationalismus in der kommunistischen Welt hatte ihre materiellen Wurzeln in Produktivkräften, die objektiv weniger internationalisiert waren, als die der kapitalistischen Welt. Eben dieser Nationalismus wiederum blockierte jede Chance, die Kluft zu überbrücken. Das im Kontrast zum Aufblühen des Gemeinsamen Marktes in Europa klägliche Dahinwelken des RGW war die unmittelbare Folge.

Was geschah mit dem politischen und ideologischen Überbau, der über diesen engen ökonomischen Grundlagen errichtet wurde? In den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern entsprach dem Niedergang des Nationalismus ein Aufstieg der liberalen Demokratie als überlegene Legitimationsform gesellschaftlicher Ordnung und als Mechanismus, um die Bevölkerung in diese zu integrieren. In den kommunistischen Ländern hingegen gab es keine sozialistische Demokratie: das politische Leben wurde von den herrschenden Bürokratien vollkommen der Substanz beraubt. Unter diesen Bedingungen griffen die jeweiligen Regime mehr und mehr auf den Nationalismus zurück – im Sinne eines Surrogates, das die Massen in den politischen Rahmen der bürokratischen Herrschaft integrieren sollte. Die Nation kann nämlich, wie Marx das gut verstanden hat, immer als imaginäre Gemeinschaft herhalten, die das Fehlen wirklicher Freiheit oder Gleichheit ihrer Mitglieder kompensiert. In diesem Sinne war die in diesen Jahren fortwährende Spaltung der kommunistischen Welt auch eine unmittelbare Folge der Unterdrückung der Volkssouveränität in den betreffenden Staaten. Das Fehlen jeglicher freier Assoziation der Produzenten führte mit fataler Logik zum verschärften Nationalismus der innerkommunistischen Konflikte. Für eine Weile war das ein Surrogat, das in Russland, China, Jugoslawien oder Vietnam mehr oder weniger gut funktionierte, also in Ländern, in denen die herrschenden Parteien autochthone Revolutionen angeführt und Invasoren abgeschlagen hatten, womit die von ihnen geschaffenen Staaten einen Anspruch auf nationale Legitimität geltend machen konnten.

In der Mehrzahl der osteuropäischen Länder fehlte hingegen den kommunistischen Regimen jede solche Legitimität. Obwohl auch sie die nationale Karte auszuspielen versuchten (Rumänien ist das notorische Beispiel), mangelte es ihnen dazu an Glaubwürdigkeit. 1945 mit der Drohung der Roten Armee eingesetzt, wurden sie nur mit wiederholter militärischer Intervention der Sowjetunion an der Macht gehalten – in Ostdeutschland 1953, in Ungarn 1956, in der Tschechoslowakei 1968. Zum Fehlen jeglicher Volksdemokratie trat hier noch eine tiefgehende Demütigung des Nationalgefühls hinzu und das in derjenigen kommunistischen Zone, die der Dynamik der kapitalistischen Wirtschaft noch am nächsten gekommen war und wo man am ehesten in der Lage war, den Abstand zwischen den beiden auszumessen. In Osteuropa kam das Erdbeben von 1989 von sehr weit her. Seine Nachbeben erschütterten dann die beiden angrenzenden Staaten, die über größere historische Legitimität verfügten, aber Vielvölkerstaaten waren, die Sowjetunion und Jugoslawien. Beide wurden in einen Strudel unaufhaltsamer Desintegration gerissen, als inmitten sich vertiefender ökonomischer und politischer Krise ein Separatismus nach dem anderen auf den Plan trat.

Was ist heute, zu Beginn eines neuen Jahrhunderts, die herausragende Form von Nationalismus in der Welt? Aller Wahrscheinlichkeit nach doch der Typus von Konflikt, dessen Grundmuster die postkommunistischen Sezessionen gezeigt haben, die sich unterdessen bis weit in die postkoloniale Welt selbst ausbreiten, vom Balkan bis zum Kaukasus, vom Horn von Afrika bis zu den Großen Seen, vom Kaschmir bis nach Mindanao.

VII.

Wenn dem so ist, was ist dann die vorherrschende Form von Internationalismus heute? In der jüngsten seiner bisherigen Metamorphosen sind wir nun, nach dem Verschwinden des Sowjetblocks, die ersten Zeugen eines wirklich globalen Hegemons, da die USA eine Machtfülle erreicht haben, von dem kein anderer Staat in der Geschichte auch nur träumen konnte. Internationalismus hatte als Gegenpart traditionell eine wie auch immer geartete Form von Nationalismus. In den USA hingegen wuchs dem Begriff des Internationalismus seit den Anfängen des Jahrhunderts bezeichnenderweise ein anderes Antonym zu; hier wurde der Isolationismus sein Gegenstück. Dass beide Begriffe – Internationalismus/Isolationismus – antithetisch verwendet werden, enthüllt ihre gemeinsame Ausgangsposition; das Primat des nationalen Interesses, das die gemeinsame Basis für beide bildet, stand nie zur Debatte, lediglich die beste Art und Weise, dieses durchzusetzen. Der historische Ursprung dieses Begriffspaars liegt in der besonderen Kombination, die die amerikanische Ideologie einer exzeptionellen und gleichzeitig universellen Republik mit sich bringt, einer Republik, die einzigartig ist im Glücksfall ihrer Institutionen und Stiftungen und exemplarisch, was ihre Ausstrahlung und Anziehungskraft angeht.15 Wir haben es hier mit einem janusköpfigen Messianismus zu tun, der sowohl einen glühenden Heimatkult ermöglicht als auch die missionarische Erlösung der Welt oder, realistischer, diplomatische Mischungen aus beidem. Im dualistischen Vokabular dieser Tradition hatte der Internationalismus immer einen Ehrenplatz; in der Praxis war er nie viel mehr als ein selbstzufriedenes Codewort für vom amerikanischen Staat auf breiter Front betriebene Forward Policy. Gerade so wie auch der Isolationismus nie die geringste Herabsetzung der Monroe-Doktrin, der Olney-Declaration oder des Platt-Amendment, d.h. der Idee einer souveränen US-Vorherrschaft in der westlichen Hemisphäre, bedeutete. Internationalismus in diesem amerikanischen Sinne bedeutete schlicht und einfach die Bereitschaft und den Willen, die Macht der USA auf Eurasien auszudehnen; Wilsons Interventionen, die in Mexiko begannen und in Russland endeten, setzten diese Logik von Anfang an fest.

Die längste Zeit des Jahrhunderts blieb dieses Verständnis von Internationalismus eine idiosynkratische, auf die USA beschränkte Angelegenheit, jenseits der US-Grenzen von geringem Interesse, da dort robustere Begriffe für das zur Verfügung standen, was es in der Praxis bedeutete. Heute jedoch, unter Bedingungen des Fehlens einer Alternative oder einer gleichrangigen Macht, ist die amerikanische Hegemonie so groß, dass sie zum ersten Mal ihre Selbstbeschreibung als globale Norm durchsetzen konnte. Mit der UNO als Feigenblatt, einem willfährig ausgehaltenen Regime in Russland, Truppen in Deutschland und Japan, einem Off-shore-Protektorat in China, Militärbasen in einer schwindelerregenden Zahl abhängiger Staaten16 und einer Feuerkraft, die das Mehrfache dessen beträgt, was alle potenziellen Rivalen zusammen aufbringen, ist der Wille der USA auf einen Euphemismus umgetauft worden, der der [in den 1940er Jahren vom kaiserlichen Japan als angebliches Ziel seiner Expansionspolitik in Südostasien proklamierten] Co-prosperity Sphere ebenbürtig ist.

Das Synonym für den Willen der USA ist heute nichts geringeres als die ›Völkergemeinschaft‹ selbst, ohne auf die sich zu beziehen keine salbungsvolle Ansprache des UNO-Generalsekretärs, kein arrogantes Kommuniqué der NATO, kein kerniger Kommentar der New York Times, des Guardian oder von Le Monde mehr auskommt, von den einlullenden Abendnachrichtensendungen ganz zu schweigen. Internationalismus ist in diesem Verständnis nicht länger die unter amerikanischer Führung betriebene Zusammenarbeit der wichtigsten kapitalistischen Mächte gegen einen gemeinsamen Feind – die negative Aufgabe des Kalten Krieges –, sondern ein bejahendes Ideal: die Neuordnung der Welt nach amerikanischem Bild sans phrases. Die verschlissene, wenngleich siegreiche Flagge der Freien Welt ist eingeholt worden. An ihrer Statt wurde das Banner der Menschenrechte gehisst. Das bedeutet zuerst und vor allem das Recht der Völkergemeinschaft, Völker oder Staaten, die ihr missfallen, mit Blockade, Bombardement und Invasion zu überziehen wie Kuba, Jugoslawien, Afghanistan, den Irak, und Staaten, die ihr genehm sind, zu hegen, zu finanzieren und zu bewaffnen wie etwa die Türkei, Israel, Indonesien, Saudi-Arabien und Pakistan. Was Tschetschenen, Palästinenser, Tutsi, Saharauis, Nuer und andere ›niedere Arten‹ angeht, von denen die meisten nicht einmal einen eigenen Staat haben, so kann (wie Clintons Berater in Sachen nationale Sicherheit, Samuel Berger, einmal bemerkt hat) Wohltätigkeit schließlich nicht ubiquitär sein.

Widerstand gegen diese neue Regelung erscheint, jedenfalls größtenteils noch, wie Spreu im Wind. Auf nationaler Ebene murrt der eine oder andere europäische Verbündete von Zeit zu Zeit über exzessiven amerikanischen ›Unilateralismus‹, vor allem über die irritierende Vernachlässigung der formellen diplomatischen Konsultation, unter deren Deckmantel seine Unterordnung bisher immer verborgen werden konnte. Von Russland und von China gehen gelegentlich schwache Vorstöße aus, sich ihre Zustimmung im Sicherheitsrat etwas teurer erkaufen zu lassen. Auf internationaler Ebene sind der islamische Fundamentalismus und der katholische Postintegrismus als übrig gebliebene Platzhalter für alternative Lebensformen angetreten, die von ihrer Begriffswelt her weniger der Welt des Konsums verhaftet sind. Ein Aufflackern von Widerstand erleben wir mit den in Porto Alegre zusammengekommenen Gruppen und Bewegungen – einer erstarkenden Diaspora sozialer Opposition, deren Konturen noch zu zeichnen sind. Inzwischen werden wir von den Himmeln grenzenloser Gerechtigkeit (infinite justice) und dauerhafter Freiheit (enduring freedom) beschirmt. Wenn man auch den nicht allzu fernen Tagen nachtrauern kann, an denen die Zivilisation des Kapitals mit weniger Scheinheiligkeit auskam, so gibt es keinen Grund anzunehmen, wir hätten das Ende des Weges dessen erreicht, was man unter Internationalismus verstehen könnte. Seine Geschichte steckt voller Ironien, Zickzacks und Überraschungen. Es ist unwahrscheinlich, dass wir schon die letzten erlebt haben.

Der Beitrag erschien im englischen Original in der Zeitschrift New Left Review 14, März/April 2002 (www.newleftreview.org). Die Übersetzung besorgte Horst Lauscher für die Sozialistischen Hefte für Theorie und Praxis (Köln).


1 Die stärkste und originellste Ausnahme bildet Tom Nairns Beitrag »Internationalism: a Critique«, in: Faces of Nationalism, London 1997, S.25-45, der sich mit seiner Rolle in der Geschichte des Sozialismus auseinandersetzt.

2 Von tschechischen Fanatikern der Vorkriegszeit wurde er des nationalen Nihilismus bezichtigt; nach 1914 änderte er seine Position.

3 A Singular Modernity, London 2002 (dt.: Mythen der Moderne, Berlin 2007).

4 Weitere Beispiele sind Sonthonax als Assistent von Toussaint in Saint Domingue oder Pétion an der Seite Bolívars.

5 In Frankreich sprach Lamartine bereits Mitte der 1830er Jahre von ›Nationalismus‹. Echos hört man ein Jahrzehnt später in England, aber in den allgemeinen Sprachgebrauch kam der Ausdruck erst in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts.

6 Die See, zu Zeiten von Drake, Van Tromp, Duguay-Trouin das Element heftiger protonationaler Feindseligkeiten schlechthin, hatte bis zum 19.Jahrhundert in einer in sich geschlossenen, von radikalen Matrosen und Seefahrern bevölkerten Welt ihre eigene maritime Internationale hervorgebracht.

7 Die mythische Figur des Nicolas Chauvin, Soldat und Ackerbauer, großspuriger Folkloreheld in der Vorstellungswelt des einfachen französischen Volkes, tauchte zur Zeit der Restauration zum ersten Mal auf; vgl. Gérard de Puymèges: Chauvin, le soldat-laboureur. Contribution à l’étude des nationalismes, Paris 1993.

8 Natürlich setzte er damit auch die gegen ihn gerichteten nationalen Bewegungen frei, die die wichtigste Subdominante in der Zeit zwischen der Pariser Kommune und dem Ersten Weltkrieg bilden: Ahmad Urabis Aufstand in Ägypten, das Komitee Einheit und Fortschritt in der Türkei, die konstitutionelle Revolution in Persien, den Boxeraufstand in China, die Katipunan auf den Philippinen.

9 In mancherlei Hinsicht bot der Anarchismus ein Beispiel für eine radikalere Variante von Internationalismus in der Arbeiterbewegung dieser Zeit, wie das Beispiel der Industrial Workers of the World (IWW) in Amerika zeigt. Soziologisch gesehen war er aber immer schwächer. Auf der anderen Seite der Barrikade scharte die katholische Kirche unter Pio Nono [Pius IX.] die Gläubigen um sich, mit dem Ziel, dem säkularen Nationalismus ebenso wie dem Sozialismus Einhalt zu gebieten – eine klerikale Mobilisierung, aus der schließlich die Christdemokratie hervorgehen sollte. In diesem Stadium der Entwicklung war sie indes noch nicht mehr als eine Hilfskraft.

10 In Asien belegen etwa die Falange im Libanon, das Goldene Viereck [Gruppe von Offizieren in den 1940er Jahren] im Irak, die [hinduchauvinistische] RSS in Indien und die Blauhemden in China seine Anziehungskraft; in Afrika der Broederbond und, am anderen Ende des Spektrums, in Amerika der Garveyismus.

11 Die von Wilson hervorgebrachte Version von Internationalismus war natürlich als Gegenstück zu Lenins Internationalismus gedacht; in Anbetracht der als Strafmaßnahme verstandenen Reparationsklauseln des Versailler Vertrags und des Völkerbund-Fiaskos stellte sie indes nur für kurze Zeit eine Herausforderung für diesen dar.

12 Die Formen des kommunistischen Internationalismus, die die Auflösung der III. Internationale überdauerten, waren strenger und zugleich brüchiger als die Einheit des Westens; jene halfen, diese zu zementieren. Gehorsam gegenüber dem internationalen Zentrum in Moskau war so lange die Regel, wie Stalin lebte. Unter Chruschtschow, der auf einen solchen Reflex nicht mehr bauen konnte, kam es zu halbherzigen Versuchen, wieder förmliche Zusammenkünfte von Bruderparteien zustande zu bringen. Bald nach seinem Sturz wurden sie aufgegeben. In der Dritten Welt führte die Konferenz von Bandung zur Bildung der Bewegung der Blockfreien, die stets mehr Schein als Wesen war.

13 Zu Kautskys ursprünglicher Konzeption vgl. den Text »Ultra-Imperialism«, New Left Review, Nr.59, Januar/Februar 1970, S.41-46. Ihre Übereinstimmung mit der Wirklichkeit innerkapitalistischer Koordination der 1970er Jahre wird vom wichtigsten liberalen Theoretiker der Verhältnisse, die sich damals gerade herausbildeten, hervorgehoben; vgl. Robert Keohane: After Hegemony, Princeton 1984, S.43.

14 Die beachtenswerte Ausnahme war Kuba; die Unterstützung, die Kuba revolutionären Bewegungen und nationalen Befreiungsbewegungen, von Nicaragua bis Angola, zukommen ließ, bietet für diese Zeit das eindrucksvollste internationalistische Gegenbeispiel.

15 Die Auffassung, die USA seien etwas anderes als ein Nationalstaat, hat inzwischen eigene Versionen auf der Linken, wo die juristische Matrix der amerikanischen Verfassung und das durch die Einwanderung entstehende ethnische Mosaik als Vorzeichen einer aufkommenden globalen Katallaxis angesehen werden. Zu einer ins Grundsätzliche gehenden Kritik dieser idealisierenden Vorstellung vgl. Gopal Balakrishnan, »Virgilian Visions«, New Left Review, Nr.5, September/Oktober 2000, S.142-148, der – eher an Machiavelli geschult – das Bild eines Systems zeichnet, das auf unbegrenzte Expansion ausgerichtet ist und dazu Macht nach altem Muster mit der ökonomischen, kulturellen und demografischen Neutralisierung bzw. Ausschaltung aller anderen Machtzentren kombiniert.

16 »An jedem beliebigen Tag vor dem 11.September waren Angaben des US-Verteidigungsministeriums zufolge mehr als 60.000 Militärangehörige in etwa hundert Ländern mit der Ausführung zeitlich begrenzter Operationen oder Manövern befasst.« (Los Angeles Times, 6.1.2002.)


 

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