Geisterphotographie
im Spiegel literarischer Texte
von Monika
Schmitz-Emans
I.
Photographie und Spiritismus
In
den Pioniertagen der Photographie galt das Photographieren vielen als
eine magische Operation, die wie andere magische Praktiken auch
zugleich Faszination und Angst erzeugte. Balzac hatte Angst, durch
die photographische Abbildung schichtweise ›abgetragen‹
zu werden. So erinnert sich der berühmte Photograph Nadar in Als ich
Photograph war:
»Nach
Balzac besteht jeder lebende Körper aus unendlich vielen ›Spektren‹,
die in winzig kleinen Schuppen oder Blättchen schichtförmig
übereinanderliegen und ihn von allen seiten einhüllen. Da es dem
Menschen immer unmöglich sein wird, etwas zu erschaffen – das heißt,
aus der bloßen Erscheinung, dem Ungreifbaren, einen festen Körper
zu bilden, aus nichts
etwas
zu machen – muss bei der Daguerreschen Photographie eine Schicht des
abzubildenden Körpers erfasst, abgelöst und auf die Platte gebannt
werden. Daraus folgte, dass jeder Körper bei jeder photographischen
Aufnahme eine seiner Spektralschichten, das heißt einen Teil seines
elementaren Wesens einbüßte.«
Die
Unschärfe
der frühen
photographischen Aufnahmen verlieh ihnen selbst zudem etwas
Geisterhaftes.
»Die
ersten Photographien zeigten oft Phantome, Menschen, die aufgrund der
langen Belichtungszeiten nur als durchsichtige Schemen und
schattenartige Gestalten durch das Bild geisterten.«
(Stiegler, Bilder der Photographie, Artikel »Phantom«, 167)
Die
photographische
Herstellung von Bildern und magisch-okkulte Praktiken wurden von
vornherein miteinander assoziiert, und mit dem Projekt der
Geisterphotographie gingen sie ein noch engeres Bündnis ein.
Der
Phototheoretiker
Lewis Mumford verwendet übrigens den Begriff des Geisterhaften 1952
in einem Sinn, der auch anderen Kritikern der Photographie und
anderer tecnischer Medien im 20. Jahrhundert geläufig ist: Durch
ihre photographische Abbildung werde die lebendige Welt durch eine
schattenhafte, phantomatische Ersatzwelt verdrängt. Mumford
schreibt über die Welt der massenmedial erzeugten und
allgegenwärtigen Bilder:
»(...)
wir hören auf, in einer vieldimensionalen Welt zu leben, in einer
Welt, die alle Aspekte der menschlichen Persönlichkeit, von ihrem
Knochenbau bis zu ihren zartesten Empfindungen, spielen lässt. An
ihre Stelle haben wir, hauptsächlich durch die Massenproduktion
graphischer Symbole – und eine ähnliche Vervielfältigung und
Reproduktion des Tons leistet dabei noch Vorschub – eine Welt aus
zweiter Hand. eine Geisterwelt gesetzt, in der jeder ein nur
abgeleitetes Leben aus zweiter Hand lebt. Die Griechen hatten einen
Namen für diesen blassen Abglanz der realen Existenz: sie nannten
ihn Hades, und dieses Reich der Schatten scheint das letzte Ziel zu
sein, auf das unsere mechanistische und mammonistische Zivilisation
zusteuert.«
II.
Zum Projekt einer
Sichtbarmachung des Unsichtbaren
Der
für das Projekt »Geisterphotographie« maßgebliche Ausgangsgedanke
ist der von der nur begrenzten Reichweite des (normalen) menschlichen
Auges. Die Photographie – so hoffte man bald nach deren Erfindung –
könnte außer dem, was man ohnehin sehen kann, vielleicht auch
solche Erscheinungen aufzeichnen, die für den einfachen, natürlichen
Blick unzugänglich sind. So
schreibt Jochen Hörisch:
»Dass
hinter der sichtbaren Welt noch eine weitere, eigentliche
Wirklichkeit ihrer Entdeckung harrt, ist die alte Gewissheit aller
Metaphysiker. Ihnen springt um 1900 die Medientechnik bei, die
Unsichtbares sichtbar macht.« (Hörisch, Der
Sinn und die Sinne, 247)
Die
Hoffnung,
mittels neuer Techniken Unsichtbares sichtbar machen zu können,
wurde vor allem durch die Entdeckung der Röntgenstrahlen sowie der
Radiographie genährt. Beide Techniken überführten Dinge in den
Bereich des Sichtbaren, die zuvor unsichtbar gewesen waren – das
Innere von belebten und unbelebten Gegenständen sowie unsichtbare
Strahlungen. Sie erschlossen damit einen Raum des Unsichtbaren, und
wenn man so will des Über-Sinnlichen (wenn denn die natürliche
Disposition des Menschen zur Wahrnehmung den Raum des »Sinnlichen«
absteckt).
Die
Röntgenphotographie wurde 1895 durch Wilhelm Konrad Röntgen
erfunden und erregte großes Aufsehen. Das erste von Röntgen
hergestellte Röntgenbild zeigt die Hand seiner Frau Bertha – bzw.
die Knochen dieser Hand nebst einem Ring. Röntgen selbst bezeichnete
die Strahlen, die solche Aufnahmen unsichtbarer Bereiche der Welt
ermöglichten, als X-Strahlen. Aber nicht nur zur Visualisierung des
unsichtbaren Inneren photographierter Objekte und zur
radiographischen Abbildung von Strahlungen und Strömen sind
photographische Techniken einsetzbar, sondern etwa auch für die
Erkundung des Alls, wo sich mittels spezieller Kameras beispielsweise
Sterne entdecken ließen, die man zuvor nicht gesehen hatte.
Im
späten 19. Jh. und um die vorletzte Jahrhundertwende konvergieren also
zwei
Tendenzen, die auf den ersten Blick widerstreitend erscheinen, aber
einen gemeinsamen Nenner besitzen: Erstens die Faszination durch neue
Techniken der optischen und akustischen Aufzeichnung sowie deren
Verwendung zur Simulation (u.a. von Präsenz, von ›Leben‹), also
ein durchaus modernes Interesse an »Techniken« und eine
Neuorientierung von Wahrnehmungsprozessen an technischen Prozessen
und Möglichkeiten – zweitens ein Interesse an spiritistischen
Themen und sogenannten Mysterien der übersinnlichen Welt, das
anachronistisch, gegenaufklärerisch und un-modern erscheint. Beide
Interessen konvergieren insofern, als sie darauf hinleiten, die
Grenzen des Wahrnehmbaren zu erweitern, bisher nicht gesehene und
gehörte Wesen oder Kräfte ins Sichtbare oder Hörbare zu
überführen. Der Photograph macht sichtbar, was man sonst nicht sah
(die Vergangenheit, das Abwesende), der Spiritist beschwört die
Präsenz des Übersinnlichen: der Geisterphotograh ist Technologe des
Spiritismus.
Vor
allem unter dem
Eindruck neuer bildtechnologischer Entwicklungen entwickelten
Wissenschaftler und Parawissenschaftler im späteren 19. Jahrhunderts
verschiedene Theorien über Strahlungen und deren differente Typen.
Damit verbanden sich vielfach okkultistische Ideen und Verfahren. Man
experimentierte insbesondere mit Versuchen, Gedanken oder Gefühle
menschlicher Medien durch photographische Apparate zu visualisieren.
Solche Versuche im Feld der sogenannten Gedankenphotographie
unternahm etwa auch Thomas Alva Edisons Sohn; berühmt war auch
William Crookes. Louis Darget erzeugte bei Versuchen der
photographischen Abbildung psychischer Prozesse merkwürdige Bilder,
die er und andere als Bilder aus dem Inneren der Versuchsperson
interpretierten.
An
der Geschichte des Projekts einer Visualisierung des Übersinnlichen
lässt sich unter anderem exemplarisch zeigen, dass zwischen der
Geschichte des Glaubens an Okkultes und der Geschichte technischen
Fortschritts keine Trennlinie verläuft – im Gegenteil: Neue
Entdeckungen und Entwicklungen im bereich der Bilderzeugungstechniken
wurden schnell in den Dienst okkultistischer Experimente genommen.
Friedrich Kittler hat von einem »Überlaufen« der Gespenster von
der Seite der Laterna-magica-Benutzer ins Lager der Photographen
gesprochen.
Und zwischen wissenschaftlichen Forschungen und Diskursen auf der
einen, parawissenschaftlich-okkultistischen Experimenten und Theorien
auf der anderen Seite bestanden enge Verknüpfungen.
III.
Geisterphotographie
im
spiritistischen Kontext
Der
Spiritismus
blühte im 19. Jahrhundert in verschiedensten Spielformen und verband
sich unter anderem mit neuen technischen Praktiken der Erzeugung von
Manifestationen.
Erheblichen
Aufschwung erhielten die spiritistischen Tendenzen in den USA im März
1848, als bekannt wurden, dass merkwürdige Klopfgeräusche das Haus
der Familie Fox in Hydesville/New York heimsuchten. Die 12jährige
Tochter Kate erklärte, die Klopftöne seien Signale, mit denen ein
Geist – der eines im Haus vom vorherigen Bewohner ermordeten
Hausierers – Antworten auf Fragen gab. Das Bedürfnis nach Photos von
den Geistern Verstorbener reihte sich nahtlos an andere Versuche der
Kommunikation mit der Geisterwelt. Hierzu gehörte auch die bis ins
20. Jahrhundert hinein beliebte Praxis des Tischerückens. Auch
mesmeristische Praktiken der Versetzung in Trance und der Befragung
solcherart ›mesmerisierter‹ Medien wurden dazu eingesetzt, mit
der Geisterwelt zu kommunizieren oder indirekt – durch Befragung der
Medien – etwas über sie zu erfahren.
Neben
direkten
angeblichen Photoporträts von Geistern entstanden unter dem Einfluss
des weitverbreiteten Interesses am Spiritismus im 19. und 20.
Jahrhundert auch Photos von okkulten Manifestationen anderer Art: von
sich hebenden Tischen, von rätselhaften Strahlungen, sowie
insbesondere von sogenannten Materialisationen – für deren Erklärung
es diverse Theorien gab, etwa die der Od-Strahlen oder des
Ektoplasmas.
Mit
der Photographie verbindet sich die Suggestion: Da ist etwas gewesen.
(Dies gilt zumindest für die älteren photographischen Techniken; im
Zeitalter digitaler Photographie stellen sich die Dinge anders dar.)
Diese Idee des ›Da-ist-etwas-gewesen‹, das vor allem Roland
Barthes ins Zentrum seiner Überlegungen zur Photographie gestellt
hat, spielt für das Projekt der Geisterphotographie die zentrale
Rolle.
Skeptische Beobachter des Spiritismus waren prinzipiell bereit, der
Photographie den Status eines Beweismittels zuzugestehen.
IV.
Zur
Geschichte der
Geisterphotographie
Das
mit der
Ausbreitung der Photographie erzeugte Bedürfnis, die eigene
Familiengeschichte in Photoalben zu dokumentieren, gab der
Geisterphotographie vielleicht ähnlichen Auftrieb wie die
weitverbreiteten spiritistischen Ideen.
»Das
Familienalbum wird sozusagen rückwirkend ausgestattet. Man bemüht
sich, Bilder der Toten zu erhalten, ganz als wäre zu ihren Lebzeiten
die gelegenheit, sie fotografisch zu verewigen, versäumt worden oder
einfach nicht ausreichend wahrgenommen.«
Es
war durchaus
üblich, diese Aufnahmen ohne Gegenwart der Klienten zu machen. Diese
schickten ein Photo ihrer selbst, das sie dann später
zurückerhielten – zusammen mit einem Bild, auf dem sich auch der
Geist ›manifestierte‹.
Als
Erfinder der
Geisterphotographie gilt der Graveur William H. Mumler aus Boston.
Mumlers sogenannte Geisteraufnahmen waren wohl Doppelbelichtungen,
und die Möglichkeit, photographische Platten mehrfach zu belichten,
bot für ihn und andere Geisterphotographen insgesamt eine besonders
effiziente Operationsbasis. Ein weiteres, von anderen benutztes
Verfahren zur Erzeugung von Aufnahmen, auf denen sich angeblich
Phantome manifestierten, beruhte auf der Verwendung von ins Atelier
eingeschmuggelten und heimlich nochmals abgelichteten Photos.
Mumlers
erste Doppelbelichtung entstand vielleicht nicht einmal absichtlich,
sondern zufällig und unerwartet. 1861 wollte Mumler in Atelier eines
Photographen ein Selbstporträt von sich herstellen. Auf der
entwickelten Platte war anschließend neben ihm selbst ein Mädchen
zu sehen, das auf seinem Schoß Platz genommen hatte. Der Photograph
erklärte dies damit, es habe sich wohl um eine nicht genügend
gereinigte Platte gehandelt, die versehentlich doppelt belichtet
worden sei. Mumler benutzte die Aufnahme dazu, einen ihm bekannten
Spiritisten zu mystifizieren (»always ready for a little joke, I
concluded to have a little fun«).
Dieser war offenbar tief beeindruckt; die Sache sprach sich herum.
Mumlers eigenen Zeugnissen zufolge fühlte er sich durch das lebhafte
Interesse der Spiritisten an seiner Person zunächst bedrängt, dann
aber geschmeichelt; schließlich scheint man ihn eingeredet zu haben,
er besitze tatsächlich eine besondere mediale Disposition. (Aber
hier sind die Informationen natürlich nicht zuverlässig.) 1869
gründete er in New York ein Studio für Geisterphotographie und
fertigte Auftragsarbeiten an, zunächst für 5, später für 10
Dollar pro Bild; neben der Bearbeitung individueller Aufträge nahm
er die Seienprduktion auf. Mumlers vielleicht berühmteste Aufnahme
zeigt das Phantom des Abraham Lincoln zusammen mit dessen Witwe. Doch
bald wurde er des Betrugs bezichtigt; man machte ihm den Prozess, in
dem immerhin über 20 Zeugen zu seinen Gunsten aussagten; allerdings
wurde er ökonomisch ruiniert. Andere Photographen taten es Mumler
nach, erhebliche Mengen von Geisterphotos entstanden, aber auch
Betrugsprozesse wurden bereits angestrengt.
In
Paris richtete
der Photograph Jean Buguet zu Beginn der 1870er Jahre ein Studio für
Geisterphotographie ein. Die Kunden konnten sich seinen Angaben
zufolge hier mit verstorbenen Angehörigen zusammen ablichten lassen.
Buguet bediente sich einer raffinierten undoffenbar effizienten
Strategie. Während die Kunden warteten, wurden sie von einer
Angestellten geschickt ausgefragt und machten dabei Angaben zur
physischen Erscheinung der Verstorbenen. Durch diese Angestellte
erhielt der Photograph Hinweise darauf, wie sich der Kunde ›seinen‹
Geist vorstellte. Aus einer großen Sammlung von Figuren wählte er
eine einigermaßen passende Erscheinung aus und photographierte sie
auf dieselbe Platte, die anschließend mit dem Bild des Kunden
belichtet wurde. 1975 wurde Buguet wegen Betrugs zu einer Geld- und
einer Gefängnisstrafe verurteilt. Trotz der Offenlegung seiner
Geschäftspraktiken glaubten viele Anhänger weiter an ihn.
In
England
praktizierte William Hope kurz nach der Jahrhundertwende als
Geisterphotograph und angebliches Medium. Ihm konnte nachgewiesen
werden, dass er während der Sitzungen Platten austauschte; auch er
hatte offenbar bewusst mit Doppelbelichtungen gearbeitet.
Einen
Boom erlebte
die Geisterphotographie in England im Jahre 1920, was man sich u.a. als
Folge des Weltkriegs erklärt hat. Viele Angehörige gefallener
Soldaten glaubten bereitwillig an die Möglichkeit, deren Geister
sichtbar zu machen, um mit ihnen kommunizieren zu können. Mrs. Ada
Emma Deane, ein bekanntes Medium, befasste sich ebenfalls mit
Geisterphotos. Zwischen 1921 und 1924 wollte sie Bilder von Toten
jeweils am »Armistice Day« erhalten haben, während gerade die
öffentlichen Schweigeminuten für diese gehalten wurden. Indizien
sprachen jedoch dafür, dass sie ausgeschnittene Photogarphien von
Fußballern verwendet und die entstandenen Bilder durch
Doppelbelichtungen erzeugt hatte. Dass sie einer Tageszeitung einmal
die Bilder noch vor den Schweigeminuten ablieferte, um vor
Redaktionsschluss berücksichtigt zu werden, nährte das Misstrauen,
obwohl manche ihrer unscheinbaren Person einen Betrug kaum zutrauen
mochten.
Wie
das Tischerücken wurde auch das Geisterphotographieren nicht allein
in Kreisen echter Spiritisten betrieben, sondern es avancierte zur
geselligen Unterhaltung.
Anknüpfungen
an die
spiritistische Praxis der Geisterphotographie erfolgten seit dieser
großen Zeit des Spiritismus vor allem in zwei Bereichen: Erstens im
Bereich des Variétés, des professionellen Illusionismus, zweitens
im Bereich der Kunst. Avantgardistische Photokünstler griffen die
Praktiken der Geisterphotographen auf, experimentierten mit der
Visualisierung von Unsichtbarem, von Strahlungen etc. Daneben
existiert drittens bis heute eine Tradition spiritistischer
Praktiken, zu denen auch die Photographie gehört. Gesammelt und
untersucht werden einschlägige Resultate u.a. durch das Institut für
Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene e.V. in Freiburg i.B.
V.
»Materialisationsphänomene«
Von
der eigentlichen Geisterphotographie zu unterscheiden sind
okkultistische Experimente mit sogenannten
»Materialisationsphänomenen«, die es ebenfalls darauf anlegten,
Übersinnliches sichtbar zu machen und möglichst auch photographisch
zu dokumentieren – ohne dass es bei diesem Übersinnlichen um
Totengeister handeln musste. Bernd Stiegler hat zwischen einer ersten
und einer zweiten Phase der photographischen Experimente mit dem
Übersinnlichen gesprochen; die erste galt den eigentlichen
Gespenstern,
die zweite der Visualisierung angeblich innerpsychischer Prozesse.
Viel
Aufsehen
erregte die Schrift Materialisationsphänomene des Freiherrn von
Schrenck-Notzing (1914), eines bekannten Spiritisten in München.
Hier werden diese »Phänomene« nicht als geisterhafte
Manifestationen im strengen Sinn verstanden, also nicht als
Visualisierungen Verstorbener. Vielmehr gelten sie als
Manifestationen des Unbewussten der Medien. Schrenck-Notzing arbeitet
meist mit einem bestimmten Medium, genannt Eva C. Diese wurde in
hypnotische Trance versetzt. Aus ihrem Körper trat dann während der
Séancen (angeblich) eine Substanz aus. Schrenck-Notzing nannte diese
»Teleplasma«. Sie hatte nebel- oder schleierartige, später auch
stärker plastische Struktur und formte sich schließlich zu
Gesichtern oder integralen »Phantomen«. Schrenck-Notzing nannte
diese angeblichen Darstellungen unbewusster Vorstellungen des Mediums
auch »Ideoplastie«. Von seinen Materialisations-Experimenten sind
diverse Photographien überliefert.
Andere
Okkultisten operierten auf ähnlichem Gelände – teilweise mit
Tricks, die (unter anderem von ihren eigenen Kollegen) durchschaut
und entlarvt wurden. Der italienische Arzt Enrico Imoda benutzte
offensichtlich Photos, um durch deren neuerliches Abphotographieren
bei den in völliger Dunkelheit stattfindenden, nur vom Blitzlicht
momentan erhellten Séancen den Eindruck der Präsenz eines
Übersinnlichen zu erzeugen.
VI.
Photos als »Gespenster«. Frühe metaphorische Modellierungen der
Photographie
Die
Photographie ist von ihren Anfängen an metaphorisch beschrieben und
interpretiert worden; Bernd Stiegler hat dies mit einer Kollektion
einschlägiger Belegstellen dokumentiert. Die metaphorischen
Interpretationen dieses Bildmediums konnten dabei untereinander
durchaus in Spannungsbeziehungen stehen.
Die
Metaphorisierungen der Photographie beeinflussten die Modi der
Betrachtung von Photos und den Umgang mit ihnen. Wie Stiegler
darlegt, lassen gerade die Metaphern der Photographie erkennen, als
wie ambig man photographische Bilder wahrnahm.
Neben Metaphern im engeren Sinn (die auf entdeckten bzw.
konstruierten Ähnlichkeiten des jeweiligen Bildspenders mit dem
Bildempfänger Photographie beruhen) finden sich in Stieglers
Belegstellen-»Album« (ebenfalls eine Metapher!) auch Metonymien,
die durch Kontiguitätsbeziehungen motiviert sind. Hierzu gehört
etwa das Bildfeld um das Archiv und andere Erinnerungsspeicher.
-
Der
funktionale Zusammenhang von Photo und Archiv ist die Grundlage
assoziativer Verknüpfungen von Photographie und Gedächtnis. Stiegler betont die
Ambiguität gerade dieser Spielform der Photometaphorik zu Recht:
-
Komplementär
zur Vorstellung, Photos ›höben‹ die Vergangenheit im Sinn des
Konserverens ›auf‹ und erleichterten so deren Revokation, gelten sie
umgekehrt auch als Medien
des Vergessens – als Substrate, in welche
die Vergangenheit gebannt wird, um dort im Sinn einer Auslöschung
›aufgehoben‹ zu sein. (Thomas Bernhards Roman »Die Auslöschung«
entwickelt sich aus dieser Ausgangsidee; dazu später mehr.)
-
Photographische
Bilder werden aber auch – um ein anderes Bildfeld zu nennen – als Beutestücke bezeichnet, so dass der
metaphernträchtige Assoziationsraum von Jägern und Gejagten, ja von
Tätern und Opfern ins Spiel kommt.
-
Oft
betrachtet man sie ferner als Doubles des jeweils Abgebildeten – als dessen dauerhafter
Ersatz oder aber als ein totes Surrogat.
-
Nicht
zuletzt erscheinen sie sowohl als Produkt wie auch als Medien magischer Operationen; die Arbeit des Photographen,
die aus rein physikalisch-technischen Gründen in der Dunkelkammer
stattfindet, erinnert schon durch ihre Rahmenbedingungen an okkulter
Praktiken.
-
Als Medien der optischen
Darstellung Abwesender, insbesondere Verstorbener,
haben Photographien analoge Effekte wie Praktiken der Beschwörung
von Geistern. »Geisterhaft« wirken Photos
auch durch die Verfremdung der Erscheinung des Abgebildeten (besonders,
aber nicht nur im Zeitalter der Schwarzweiß-Photographie). Mit dem Photo assoziativ
verknüpft ist im Horizont der Gespenstertopik die Idee, dass es selbst
den jeweils Abgebildeten an jene Schwellen zwischen unsichtbarer und
sichtbarer Welt versetzt, die der Ort der Gespenster ist – dass es
selbst zu jenen Phantomen gehört, welche die Lebenden an den Rand des
Todes führt, von ihrer Lebenskraft zehren, sich an ihre Stelle drängen.
-
Die Lebenden an den
bevorstehenden Tod zu mahnen, ist volkstümlichen Vorstellungen zufolge
eine der typischen Funktionen von Gespenstern.
Photos nun erinnern einem folgenreichen Topos zufolge ebenfalls nicht
nur als Abbilder der Verstorbenen an den Tod, sondern auch als Porträts
der Lebendigen. Denn durch die Fixierung ihrer Erscheinung im Bild wird
diesen ihre eigene Zeitlichkeit und Sterblichkeit sinnfällig gemacht;
Susan Sontag hat an diesen memento-mori-Effekt
erinnert. Stiegler
unterscheidet zwei
mögliche Akzentuierungen dieses Effekts: Das photographische Bild ist
einerseits als Antizipation des Todes, als Mortifikation des
Lebendigen, andererseits als Widerstand gegen die Vergänglichkeit
deutbar; es scheint den Moment und das im Moment dargestellte Weisen
der Zeitlichkeit zu entreißen, entreißt ihr stattdessen aber nur ein
Bild und verweist den Abgebildeten umso nachdrücklicher darauf, dass er
der Zeit und dem Tod ausgeliefert ist.
VI.1
Roland
Barthes: La chambre claire, 1980
Roland
Barthes hat die Pilotgeschichte einer ganzen Sequenz literarischer
Erzählungen übers Photographieren geschrieben. Dieser rekurriert in La chambre claire seinerseits auf
ältere bildtheoretische Topoi; insbesondere knüpft er auf den von
Konzepten des Phantomatischen geprägten Photodiskurs des 19.
Jahrhunderts an. Wenn er vom »spectrum« der Photographie spricht,
so ist ihm die assoziative Verknüpfung zum Bildfeld um Gespenster
bewusst.
Er erzählt, zugespitzt gesagt, von Phantomen und ihrer imaginativen
Vergegenwärtigung, indem er am Leitfaden der Selbstbeobachtung über
das Betrachten von Photographien reflektiert; nicht die Photograpie
an sich ist sein Thema, sondern die Wahnehmungsmodi von Photos.
(Insofern erübrigt sich die Frage, ob seine Thesen zur Photographie
›richtig‹ sind.)
Motiviert ist sein Interesse an diesem Bildmedium durch die
Auseinandersetzung mit dem Tod, insbesondere dem der eigenen Mutter.
Barthes’
Modellierung zufolge ist die Beziehung des Bildes zum Abgebildeten
bei Photos eine andere ist als bei Gemälden: Das Bild wird
wahrgenommen als an einen Referenten gebunden, als dessen Emanation.
(Stiegler betont, dass Roland Barthes bei seiner Modellierung der
Photographie auf alchimistische Emanationsmodelle rekurriert.)
Barthes
nennt das, was photographiert wird, das »spectrum«: es ist die
»Zielscheibe«, der »Referent«, »eine Art kleines Götzenbild,
vom Gegenstand abgesondertes ›eidolon‹«. Der Name ›spectrum‹
konserviert »den etwas unheimlichen Beigeschmack (...), der jeder
Photographie eigen ist: die Wiederkehr der Toten« (Barthes:
Die helle Kammer, 17).
(Die
Photographie ist also geprägt durch »die Wiederkehr der Toten«).
Barthes
betont, er sei kein Anhänger des Realismus. Der Fotograf sei »Zeuge«
nur »seiner eigenen Subjektivität, das heißt der Art und Weise,
wie er sich selbst als Subjekt zu einem Objekt verhält.«
»Will
man wirklich auf ernster Ebene von der Fotografie sprechen, so muss
man sie zum Tod in Beziehung bringen. Es
stimmt, das Foto ist ein Zeuge, aber auch ein Zeuge dessen, was nicht
mehr ist. Selbst wenn das Subjekt noch lebt, wurde dennoch ein Moment
des Subjekts fotografiert, und dieser Moment ist nicht mehr. Und das
ist ein gewaltiges Trauma (...). Jeder Akt der Lektüre eines Fotos,
(...) jeder Akt des Einfangens und Lesens eines Fotos ist implizit
und in verdrängter Form ein Kontakt mit dem, was nicht mehr ist, das
heißt mit dem Tod. Ich glaubem so müßte man an das Rätsel der
Fotografie herangehen, so jedenfalls erlebe ich die Fotografie: als
ein faszinierendes un trauervolles Rätsel.« (Barthes, 85)
Wer
photographiert wird, so Barthes, wird in einem »äußerst subtilen
Moment« abgebildet, in dem er »weder Subjekt noch Objekt« ist,
sondern ein »Subjekt, das sich Objekt werden fühlt«; man erfahre
dabei »im kleinen das Ereignis des Todes (der Ausklammerung)«: »Ich
werde wirklich zum Gespenst« (Barthes, 22).
»(...) wenn ich mich
auf dem aus
dieser Operation hervorgegangenen Gebilde erblicke, so sehe ich, daß
ich GANZ UND GAR BILD geworden bin, das heißt, der TOD in Person«
(Barthes, 23).
Zum
einen ist das aus dem Leben herausgetretene Bild selbst etwas
»Totes«, zum anderen aber wird es voraussichtlich dauerhafter sein
als das photographierte Objekt, dieses also gleichsam ›überleben‹ – und der Blick auf ein
Photo ist demnach der antizipatorische Blick
in eine Zeit, da der Abgebildete nicht mehr lebt. Der Blick in die
Augen der Photographierten ist zugleich Blick in Augen, die
ihrerseits ins Imaginäre blicken. Bei Betrachtung einer Photographie
des Napoleon-Bruders Jerôme von 1832 sei ihm, so Barthes, der
Gedanke gekömmen, in die Augen zu sehen, die den Kaiser gesehen
haben (Barthes,
11).
Über
die Referenten photographischer Bilder zu sprechen, bedeutet über
Phantome zu sprechen, die – wie Gespenster – aus der Abwesenheit zur
»Erscheinung« kommen. Diese Perspektivierung bildet aber nicht das
einzige Bindeglied zwischen dem Photographischen und dem
Phantomatischen, das Barthes (re-)konstruiert: Wer sich
photographieren lasse, so sein Argument, verwandle sich eben damit
momentan in ein Phantom. Denn mit dem Photographiertwerden löse sich
die Erscheinung des Photographierten von diesem selbst und seinem
Leben ab, gewinne im Medium des Photos eine eigenständige Existenz
und erinnere auf doppelte und dabei zugleich paradoxe Weise an den
Tod. Barthes unterstreicht, dass zum einen das aus dem Leben
herausgetretene Bild selbst Produkt einer Mortifikation sei, dass es
zum anderen voraussichtlich aber dauerhafter sein werde als das
photographierte Objekt, dieses also gleichsam ›überlebe‹ – der
Blick auf ein Photo ist demnach der antizipatorische Blick in eine
Zeit, da der Abgebildete nicht mehr leben wird. Photographierte sind
Un-Tote; der Betrachter von Photos kommuniziert mit ihrer Sphäre –
teilweise über mehrere Vermittlungsschritte.
Der Blick in die Augen photographierter Gestalten ist zugleich Blick
in Augen, die ihrerseits ins Imaginäre blicken.
Das
Objekt des Begehrens in La chambre claire, die verstorbene
Mutter, ist Inbegriff eines Referenten, der zwar in verschiedenen
medialen Formen dargestellt werden kann, aber nicht im emphatischen
Sinn zu re-präsentieren ist. Der Erzähler berichtet von der
Betrachtung verschiedener Photos der Mutter in verschiedenen
Lebensaltern; zunächst habe er sie nicht finden können. Doch
schließlich sei ihm die Mutter in einem Photo aus ihrer Jugend
erschienen. (Dass es sich um ein Photo handelt, welches die Mutter in
einem Alter zeigt, da der Erzähler sie noch gar nicht kennen konnte,
beweist, dass es mit Barthes’ Geschichte nicht etwa darum geht, ein
vages Erinnerungsbild aufzufrischen; es geht ihm nicht um die
Psychologie des Erinnerns, sondern sein Text kreist um das Konzept
des ›wahren‹ Bildes, der Manifestation eines Wesens in seinem
Bild.) Obwohl
nun Barthes’
Erzählung von vielen reproduzierten Photos begleitet wird, fehlt
doch jenes Bild der Mutter, in dem der Erzähler »sie« nach ihrem
Tod wiedergesehen haben will; dies wird im Text selbst auch
ausdrücklich hervorgehoben.
(»Ich
kann das
PHOTO aus dem Wintergarten nicht zeigen. Es existiert ausschließlich
für mich. Für Sie wäre es nichts als ein belangloses Photo (...)«
(Barthes, 83).
Gerade
das Fehlen des narrativ thematisierten, aber nicht gezeigten Photos
verweist nun auf die Bedeutung der Erzählung
selbst.
Diese markiert die Leerstelle als solche und exponiert sich selbst
als ein Verfahren indirekter Darstellung von Undarstellbarem. Photos
können nicht zeigen, was sie nicht zeigen, aber Texte könne von dem
sprechen, was die Photos nicht zeigen, das Unsichtbare indirekt
markieren und so zu »Phantombildern« werden.
Das Phantomatische findet im Erzähltext einen Ort der indirekten
Manifestation – indem dieser Erzähltext eine Spannung aufbaut:
zwischen einem sprachlich evozierten Bild, in dem in Abwesendes sich
angeblich ›zeigt‹, und der Abwesenheit dieses Bildes.
VI.
2 Hervé
Guibert: L’image
fantôme, 1981
Der
Titel der
Textsammlung von Hervé Guibert zum Thema Photographie (L’image
fantôme), zugleich Titel einer einzelnen Geschichte, lässt
mehrere Interpretationen zu. Erstens erinnert er an das Genre des
Phantombildes, wie es bei polizeilichen Fahndungen eingesetzt wird.
Solche »Phantombilder« dienen – worauf Guibert bewusst anspielen
dürfte – der Suche nach abwesenden Personen. Sie entstehen nicht als
Abbilder eines gegenwärtigen Urbildes, sondern in dessen Abwesenheit –
auf der Grundlage oft verschwommener Erinnerungen von Zeugen an
vergangene Eindrücke. Zweitens wird durch das Stichwort »fantôme«
an die Geisterphotographie erinnert: Unter einem »Phantombild« kann
auch das Bild eines »Phantoms« verstanden werden. Phantombilder
dienen in beiderlei Bedeutung der Visualisierung des Unsichtbaren.
Drittens ließe sich das Kompositum aus »Phantom« und »Bild« auf
ein »Bild« beziehen, das ein »Phantom« ist bzw. Phantom geblieben
ist – und schließlich sogar im Sinne einer Gleichung lesen: ›Ein
Bild ist ein Phantom‹.
Guiberts
autobiographischer Text bewegt sich in den Spuren Barthes’; erzählt
wird von den Versuchen des 18jährigen, seine damals 45jährige
Mutter zu photographieren.
Darin dokumentierte sich ein ödipales Aufbegehren gegen den Vater,
gegen dessen die Familien-Szene beherrschenden Blick und die
hierdurch induzierten Verfälschungen und Entstellungen des Bildes
der Mutter. (Dass es ihm insgeheim darum geht, den Tod des Vaters zu
inszenieren, indem er die Bild-Bühne von diesem befreit und selbst
regiert, verschweigt der Erzähler nicht.) Zur Vorbereitung der
Aufnahme wird Verdeckendes und Entstellendes beseitigt: die verhasste
Dauerwelle und die falschen, an Rollenspiele gebundenen Kleider.
Unter den Vorbereitungen entspannt sich die in Unterkleidung
posierende Mutter, ihr ›wahres‹ Gesicht kommt zum Vorschein,
selbst die entstellenden Altersspuren verschwinden; der Photograph
hält bei der Herrichtung seines Bild-Objekts Zeit und Alter für
Momente an (14). Dabei ist ihm die Ambiguität einer solchen
Aufhebung der Zeit bewusst: Sobald die Aufnahme gemacht ist und den
photographierten Moment fixiert, wird die Alterung des Urbildes im
Vergleich mit dem Photo nur umso deutlicher hervortreten und sich aus
subjektiver Betrachterperspektive ›beschleunigen‹. Die Mutter
wirkt, als erwarte sie ihre Exekution. Das Photo wird gemacht, als
die Mutter »auf dem Gipfel ihrer Schönheit« ist.
Doch das Bild bleibt ein Phantom, denn die Kamera – signifikanterweise
ein väterlicher Besitz – hat keine Aufnahme
gemacht, vielleicht weil der Film nicht richtig eingelegt war. Erst
Jahre später, als die Eltern im Begriff sind, die Wohnung zu
wechseln, macht der Sohn auf Geheiß des Vaters im selben Salon mit
derselben Kamera noch einmal ein Bild der Mutter. Als er sie im
Sucher erblickt, zeigt sie Empörung und Trauer, ähnelt aber ihrem
früheren Bild. Der Sohn verzichtet auf eine Fixierung dieser
Erscheinung. Hatte der Erzähler bei Barthes angeblich immerhin ein
materielles Bild seines geliebten Phantoms gefunden, so konfiguriert
sich dieses Bild bei Guibert nur augenblicksweise auf der Retina des
Erzählers selbst.
Im
letzten Absatz wird Guiberts Text explizit selbstbezüglich: Er habe
»keine Illustration«, so betont er in Abwandlung des Bartheschen
Arrangements von Text und Leerstelle, »nur ein Stück unbelichteten
Films« (Guibert, 18).
Der
Text selbst allerdings »wäre gar nicht entstanden, hätte es das
Photo gegeben« (18); er wird nun seinerseits als »Phantombild«
bezeichnet. Deutlicher als sein Vorbild, aber in Fortführung der
poetologischen Thematik von La chambre claire, drückt Guiberts
Erzählung aus, dass es ihr mit der Thematik von Darstellung und
Undarstellbarkeit um eine reflexive Selbstvergewisserung geht – um
den Text als eigenliches »Phantombild«
VI.
3 Antonio
Tabucchi: Il
filo dell’orizzonte, 1986
In
Antonio Tabucchis
Roman Il filo d’orizzonte wird das Entwickeln eines Photos im
Labor zum Sinnbild der Begegnung mit einer verrätselten und dunklen
Vergangenheit im Erinnerungprozess, und es wird in eben dieser
Eigenschaft mit dem Beschwören von Geistern verglichen. Tabucchis
Protagonist Spino arbeitet in einer Leichenhalle; diese wird
einleitend in einer Weise beschrieben, die sie als ein großes
Photoalbum erscheinen lässt, in dem die Toten sortiert und
etikettiert aufgereiht sind. Tod und Photographie treten also von
vornherein in eine metonymische Beziehung. In die Leichenhalle
eingeliefert wird ein namenloser Toter. Spino versucht, dessen
Identität zu klären und dessen Geschichte zu rekonstruieren, da ein
Photo des Toten ihm selbst ähnlich sieht – es scheint, als sei er
selbst in einer früheren Lebensphase abgebildet. Seine Bemühungen
um die phantasmatische Existenz des Toten, als dessen Pseudonym unter
anderem der Name »Carlo Nobodi« ins Spiel kommt, gelten letztlich
dem eigenen Ich – einem vergangenen Ich, einem möglichen
Alternativ-Ich, einem bisher ungekannten Teil-Ich. Ein Stück weit
vermag Spino die Geschichte seines rätselhaften Doppelgängers
hypothetisch zu rekonstruieren; er nimmt die Spur eines winzigen
Photos auf, das in der Wohnung des Toten lag und eine Gruppe von
Personen zeigt; eigenhändig stellt er eine Vergrößerung her, ruft
damit jene Geister auf, die jemand anders einst ins Bild gebannt hat.
»Die
Umrisse des Fotos schienen sich in der Wanne mit der
Reaktionsflüssigkeit nur widerwillig abzuzeichnen, als lehnte sich
eine ferne, vergangene und unwiederbringliche Realität dagegen auf,
wiederentdeckt zu werden, als wehrte sie sich gegen eine Entweihung
durch neugierige fremde Augen, gegen die Wiederbelebung in einem
Kontext, der nicht mehr der ihre war. Diese Familiengruppe, das
spürte er, weigerte sich, noch einmal auf die Bühne der Bilder
zurückzukehre, um die Neugier eines Fremden zu befriedigen – an
einem fremden Ort und in einer Zeit, die nicht mehr die ihre war. Es
war ihm (...) klar, dass er dabei war, Geister zu beschwören, dass
er versuchte, sie mit Hilfe der Chemie, einer unwürdigen Strategie,
zu einer Komplizenschaft zu zwingen, zu einem Zwiespältigen
Kompromiss, den sie, die ahnungslosen Vertragspartner, mit einer
zufälligen Pose unterzeichneten, die sie einem Fotografen der
Vergangenheit anvertraut hatten.« (Tabucchi,
45-46)
Mit
Tabucchis Roman geht es um die Intransparenz des Ichs für sich
selbst. Seine Neigung zur Dissoziation – die vor allem aus seiner
Zeitlichkeit resultiert – findet dabei ihr Gleichnis
im Medium der Photographie; das Motiv
der Geisterphotographie unterstreicht den halluzinatorischen
Charakter vermeintlicher Identitäten. Spinos Recherchen führen
nicht zu greifbaren Erhebnissen. Das unscharfe Bild des Toten
verschmilzt mit dem unscharfen Bild, das er von sich selbst hat. Wenn
Spino zuletzt am Rand des Hafens ins Dunkel tritt, so wirkt dieser
Schritt als Moment einer Selbstauflösung, in welcher die Genese
eines photographischen Bildes in der Entwicklerflüssigkeit
rückgängig gemacht wird.
Das
aus der »Geisterbeschwörung« im Labor hervorgegangene Photo ist
eine Metapher des Erinnerns: Vergangenes wird in die Gegenwart
geholt, und der Betrachter (das Subjekt der Erinnerung) sieht im
Erinnerungs-Bild ein Stück seiner selbst, ein anderes,
zeitversetztes Ich, das mit hm nicht identisch ist, ihm aber ähnlich
sieht wie der Unbekannte Spino ähnlich sieht.
VI.
4 Thomas
Bernhard: Auslöschung. Ein Zerfall, 1986
Thomas
Bernhards Roman Auslöschung. Ein Zerfall (1986) ist ein
intertextuelles Gewebe aus photoästhetischen Topoi, Metaphern und
Diskursen. Inhaltlich nehmen die an die Betrachtung von Photos
geknüpften Erinnerungen und Assoziationen breiten Raum ein; die
Photos werden jedoch nicht gezeigt. Der Erzählermonolog betreibt
gleichzeitig ihre Evokation und ihre Auslöschung – und diese steht
für ein analoges Verfahren mit den photographisch dargestellten
Personen selbst. Bernhards Ich-Erzähler erhält in Rom die Nachricht
vom Unfalltod seiner Eltern und seines Bruders, reist heim nach
Österreich und nimmt auf dem Familienanwesen an der Beerdigung der
Unfallopfer teil: Auf diese kurze Paraphrase lässt sich die äußere
Handlung des umfangreichen Romans komprimieren, welche aber nur den
Hintergrund für die Wortschwälle des Erzählers darstellt. Dieser
versetzt sich erzählend in die Vergangenheit zurück und verleiht
vor allem seinem Hass auf Eltern und Bruder wortreich Ausdruck – einem
Hass, der letztlich der morbiden Welt als ganzer gilt.
Katalysatorische Funktion besitzen die zu Erinnerungszwecken
benutzten Familienphotos, welche neben Mutter, Vater und Bruder auch
die noch lebenden und nicht weniger gehassten Schwestern zeigen.
Nicht nur, dass sich der Erzähler angesichts der Bilder insofern mit
Phantomen konfrontiert sieht, als sie ihm die Vergangenheit in
Erinnerung rufen. Wie Geistererscheinungen stellen die Photoporträts
die Abgebildeten in verzerrter, verfremdeter Form dar; allerdings
bedingt gerade ihre Verzerrung ihre Eindringlichkeit und ihre tiefere
Wahrheit.
Aus der doppelten Perspektive dessen betrachtet, den die Photos in
die Vergangenheit zurückversetzten und der doch zugleich Bescheid
weiß über das, was später folgte (u.a. der Unfall), wirken die
Photos zugleich beklemmend und grotesk: Sie sind Bilder von Lebenden,
die Bilder von Toten sind. Die Beobachtung des Bildbetrachters, dass
auf einem Bild aus dem Jahr 1960 der zu lange Hals seiner Mutter
unvorteilhaft sichtbar wird, gewinnt ihren makabren Hintersinn auf
der Folie des Wissens darum, dass sie bei dem Jahrzehnte späteren
tödlichen Autounfall enthauptet wurde.
Seine
Kommentierung der Photos wird für Bernhards Erzähler zu einer
einzigen langen Meditation über den Tod. Was immer die Photos ihm
deutlich oder auch nur andeutungsweise zeigen, sind Indikatoren des
Todes; der Moment, den sie festgehalten haben, entstammt einem Leben,
das zuende gegangen ist, und sie markieren selbst wie Un-Tote eine
Grenze zwischen dem Einst und dem Jetzt.
Implizit, aber durch Wiederholungen und Variationen dennoch
nachdrücklich markiert, fließen bildmagische Vorstellungen in den
Erzählermonolog ein, Anspielungen auf die Macht, welche Bilder über
Abgebildete aber auch auf den Betrachter ausüben, auf die
evokatorischen Potenziale von Abbildungen, die den Abgebildeten eine
beklemmente Scheinpräsenz verleihen.
Einen
lebendigen Menschen zu photographieren, bedeutet, ihn in ein Phantom
seiner selbst verwandeln: Dieser phototheoretische Topos wird von
Bernhards Erzähler aufgegriffen und erklärt die Signifikanz des
Motivs Photographie für die Geschichte eines Familien-Hassers: Der
Moment, in dem er seinerzeit – abweichend von seinen sonstigen
Gewohnheiten – Eltern und Bruder photographiert hat, erweist sich im
Rückblick als der einer rituellen Ermordung. Die photographische
Abbildung der Angehörigen zielte auf ihre Mortifikation, ihre
»Auslöschung«. Es ist insofern nur konsequent, dass der Erzähler
seine Angehörigen nur einmal photographiert hat, denn man kann
jemanden ja auch nur einmal töten. Verständlich wird auch, warum
der Bruder die Aufnahme von sich seinerzeit zerriss. Verständlich
wird aber vor allem, warum der Erzähler von den Photos so fasziniert
und zugleich so beklemmt ist: Sie sind die gespenstischen Revenants,
die ihn an die symbolische Tötung der eigenen Familie erinnern.
Die Untoten sind als Bilder von anhaltender Präsenz. Es bedürfte
einer anderen Auslöschung, und der Erzählermonolog ist deutbar als
ein sprachliches Ritual, mit welchem diese endgültige Auslöschung
vollzogen werden soll. Sein direktes Gegenüber sind die
Phantom-Bilder; diese sollen ausgelöscht werden. Es geht also – in
konkretem wie im übertragenen Sinn anlässlich
der Bilder – um einen sprachlich-performativen Akt.
Bernhards Roman ist dessen Selbstdarstellung.
Die
verbale
Beschwörung der Phantom-Bilder erscheint als ein insgesamt ambiger
Vorgang, entsprechend dem Doppelsinn von »Beschwörung« im Sinn von
Evokation und Bannung. Der rituelle Charakter des sprachlichen
Geschehens motiviert die vielen Redundanzen: Mit der Nennung von
Gegenständen und Personen ist es nicht getan, das Wort muss durch
Wiederholungen seine magische Kraft entfalten. Das von den
betrachteten Photos ausgelöste Ritual des Erzählers gilt übrigens
nicht allein den Phantomen der Toten, sondern auch denen seiner noch
lebenden, für ihn aber nicht minder gespenstischen, scheinlebendigen
und hassenswerten Schwestern.
»Die
spöttischen
Gesichter
meiner Schwestern auf dem Foto, das sie in Cannes zeigt, sind
meine Schwestern, ich sehe sie immer nur als diese spöttischen
Gesichter, die sie haben, gleich wann und wo und in welchem
Verhältnis zu ihnen ich sie sehe, ich sehe immer nur ihre
spöttischen Gesichter, sie
habe ich im Kopf, wenn ich gleich wann an meine Schwestern denke,
diese
spöttischen
Gesichter
habe ich mir
in meiner römischen Schreibtischlade aufgehoben, nicht die anderen,
die sie ja auch
immer gehabt haben, die traurigen,
die stolzen, die hochmütigen, die durch und durch arroganten, nein
diese spöttischen und
ich spreche, wenn ich von meinen Schwestern spreche, nicht über
meine tatsächlichen Schwestern in
Wirklichkeit, hatte
ich zu Gambetti einmal gesagt, sondern über diese spöttischen
Gesichter meiner Schwestern, wie sie, wie gesagt wird, der Zufall auf
diesen Fotografien festgehalten hat. Wären sie tot, sagte ich mir,
hätte ich von ihnen nichts als ihre spöttischen Gesichter behalten.
Ich höre sie lachen im Traum, aber auch manches Mal, wenn ich durch
Rom gehe, völlig unvermittelt ihr eigenartiges, mit einem langen
Leben rechnendes Lachen und sehe augenblicklich nur ihre spöttischen
Gesichter, nichts sonst von ihnen. Sie sagen etwas nach und ich denke
über das, das sie gesagt haben, nach, und ich sehe ihre spöttischen
Gesichter und sage mir, sie haben diese spöttischen Gesichter von
unserer Mutter, die auch ein solches spöttisches Gesicht hat, aber
in den Schwastern verdoppelt, sagte ich mir, wirkt es so grotesk, ja
entsetzlich. Ich habe oft (241) den Versuch gemacht, mich von diesen
spöttischen Gesichtern meiner Schwestern zu trennen, sie aufzulösen
in andere, nicht spöttische Gesichter, aber das ist mir nie
gelungen. Ich habe, sagte ich mir, gar keine Schwestern, ich habe nur
noch spöttische Gesichter, ich habe weder Caecilia, noch Amalia, ich
habe nur zwei spöttische Gesichter in ihrer entsetzlichen
fotografischen Erstarrung. Sie hatten schön sein wollen, jung, einen
glücklichen Eindruck machen, sagte ich mir in Betrachtung des Fotos,
und sie sind darauf nur hässlich und tatsächlich, obwohl noch recht
jung, nicht mehr jung, schon recht alt und im
Grunde tief unglücklich
für die sogenannte Nachwelt des Fotos. Wenn sie gewußt hätten, daß
nur ihre spöttischen Gesichter zurückbleiben und der tatsächlich
unglückliche Eindruck, den sie auf dem Foto zweifellos für den
Betrachter machen, hätten sie sich nicht fotografieren lassen, aber
sie drängten sich ja sogar in diese Fotografie, sagte ich mir, ich
erinnere mich, sie hatten sie haben wollen, sie hatten sich so in
Pose gestellt, aneinandergerückt, Glück und Spontaneität
vortäuschend, eine Natürlichkeit, von welcher sie im Augenblick, in
welchem das Foto gemacht worden ist, es sei die ihnen angeborene,
während es doch die bar jeder Natürlichkeit entsetzliche
Künstlichkeit war, die sie so grausam entstellte. Ich hatte diese
Fotografie, wie ich mich erinnerte, nur widerwillig gemacht. Aber
nicht mich
trifft die Schuld an diesem erbarmungslosen Foto, sagte ich mir, sie,
meine Schwestern trifft sie, denn sie hatten mich zu diesem Foto
gezwungen und sie haben mir damit, was weder
sie noch ich hatten wissen können, ihre spöttischen Gesichter
sozusagen lebenslänglich aufgezwungen. Ich bin von ihren spöttischen
Gesichtern nicht mehr weggekommen, alle versuche in dieser Richtung
sind mir immer gescheitert, ich hatte einmal den Einfall, das Foto zu
vernichten, zu zerreißen, zu verbrennen, das tat ich aber dann doch
immer
noch nicht,
weil es mir lächerlich erschien, das Mittel der Vernichtung in
diesem Falle anzuwenden, der doch geradezu das Musterbeispiel einer
belanglosen Lächerlichkeit darstellt, sagte ich mir und hatte das
Foto wieder zu den anderen Fotos in der Schreibtischlade gelegt.
Nicht meine Schwestern verfolgen mich Tag und Nacht, sagte ich mir,
ihre spöttischen Gesichter sind es, die mir Tag und Nacht keine Ruhe
lassen, die mich oft tagelang, ja wochenlang quälen.
Wir haben nur einen von Millionen und Milliarden Augenblicken von
zwei Menschen festgehalten mit dem Teufelsmittel der Fotografie,
sagte ich mir, und beschuldigen diese zwei fotografierten Menschen
lebenslänglich wegen dieses einen Augenblicks, welcher ihre
spöttischen Gesichter zeigt. Ich habe aber Schwestern, nicht nur
ihre spöttischen Gesichter, sagte ich mir und ich griff mir in
diesem absurden gedanken an den Kopf.« (Bernhard, 240-242)
»Das
eine spöttische
Gesicht
hat einen Mann, einen Ehemann, das andere spöttische gesicht hat
keinen (...). Aber es ist mir nie gelungen, die beiden spöttischen
Gesichter meiner Schwestern getrennt
zu sehen, das gelang mir nicht, selbst wenn ich den angestrengtesten
Versuch in dieser Richtung machte, ich sah gleich immer wieder nur
diese beiden spöttischen Gesichter meiner Schwestern zusammen.
Das Foto zeigt zwei spöttische Gesichter, sagte ich mir, aber haben
denn meine Schwstern tatsächlich diese spöttischen Gesichter?
fragte ich mich. haben sie diese spöttischen Gesichter in
Wirklichkeit? Haben sie sie nicht nur in diesem einen Augenblick, in
welchem das sogenannte Canner Foto von ihnen gemacht worden ist,
gehabt, diese spöttischen Gesichter? Vielleicht haben sie diese
spöttischen Gesichter tatsächlich nur diesen einen Canner
Augenblick gehabt, sagte ich mir, und sonst niemals und jetzt glaube
ich, sie hätten immer und immer nur diese spöttischen Gesichter
gehabt wie auf dem Foto von Cannes. Die Fotografie ist tatsächlich
die Teufelskunst unserer Zeit, sagte ich mir, sie läßt uns
jahrelang und jahrzehntelang und lebenslänglich spöttische
Gesichter sehen, wo es nur ein einziges Mal solche spöttischen
Gesichter gegeben hat, nur einen einzigen Augenblick lang auf einem
Foto, welches wir vollkommen
unüberlegt gemacht haben, einem plötzlichen Einfall nachgebend. Und
dieser plötzliche Einfall hat dann eine lebenslängliche
verheerende, ja gleich fürchterliche Wirkung.« (Bernhard,
243f.)
So
werden die Phantome der Schwestern beschworen und in den Text gebannt –
die Bild-Phantome als die Wiedergänger der verhassten Urbilder.
Aber analog zur Bannung der Photographierten ins Photo wiederholt
sich die Ambiguität solcher Bannung ins Wort. Der monologische Text
deklariert Wolfsegg und seine Familie so nachdrücklich, wiederholend
und beschwörend zu morbiden Phantomen, dass er sie einerseits auf
suggestive Weise tatsächlich ins Jenseits schickt.
VI.
5
Marcel Beyer: Spione,
2000
Spione
von
Marcel Beyer erzählt von vier Jugendlichen, die gemeinsam
Familienphotos betrachten. Das Album wirkt unvollständig; manche
Bilder scheinen entfernt worden zu sein, die verbliebenen sind
vergilbt, unscharf und vieldeutig. Diese Defizite des Familienalbums
stimulieren nun gerade zum Erzählen – zur hypothetischen
Rekonstruktion der Familiengeschichte in Varianten. Dabei erstehen im
Medium der Erzählung die Mitglieder der Familie als Protagonisten
möglicher Geschichten auf, insbesondere die Angehörigen der
Großelterngeneration: ein Großvater, der als Soldat der Luftwaffe
vielleicht an den Luftangriffen auf Guernica beteiligt war und von
dem nicht ganz klar wird, ob er vielleicht auf gespenstische Weise in
Gestalt eines mysteriösem »Taubenmannes« weiterlebt, eine
Großmutter, deren Bilder im Familienalbum fehlen und über deren
Schicksal der Schleier eines Geheimnisses liegt, schließlich die
zweite Frau des Großvaters, die scheinbar erzwungen hat, dass alle
möglichen Zeugnisse der Vergangenheit getilgt wurden, dabei aber die
Phantome der Erinnerung niemals losgeworden ist und selbst als ein
Phantom in den Imaginationen (und mittlerweile in den Erinnerungen)
ihrer Stiefenkel herumspukt. Topische Versatzstücke aus dem
Geisterglauben spielen in die erzählerische Darstellung von
Großmutter, Großvater und Stiefgroßmutter immer wieder hinein.
Gerade das Getilgte, Verschwundene, Verdrängte, niemals Fixierte ist
von einer Präsenz, die als gespenstisch empfunden wird.
Zumal der Blick auf Leerstellen in Photos und Lücken in Photoalben
entdeckt diese halluzinatorische Präsenz; der Betrachter selbst wird
von unsichtbaren Augen angeblickt.
Im
Raum der erzählten oder angedeuteten Geschichten gibt es keine
Trennlinie zwischen dem Faktischen und dem Imaginären, zwischen
Vergangenem und Gegenwärtigkeit. Offen ist auch die Grenze zwischen
unsichtbaren und sichtbaren Bildern. Denn die Erzählung selbst
erweist sich als ein Medium zur Substitution fehlender Bilder. Im
Ich-Erzählerbericht des Protagonisten mischen diese sich unter den
Bericht über das, was er ›wirklich‹ sieht und weiß – so wie
sich die Gespenster der abwesenden Familienmitglieder in die Sphäre
der Lebenden hineindrängen.
Das
Motiv der
Geisterphotographien unterstreicht die Thematik halluzinatorischer
Präsenz. So stellt sich der Erzähler die zweite Frau des Großvaters
vor, wie sie in ihrem Sessel sitzt, umgeben von Geistern der
Vergangenheit – wie in den Zeiten der spiritistischen Photographie
das Medium von den auf die photographische Platte gebannten
Gespenstern.
»Wenn
ich mir vorstelle, daß die Alte ihre Tage vor sich hindösend
verbringt, unansprechbar und zugleich in schwer faßbarer Weise
aufmerksam, dann muß ich an die Geisterphotographie denken, wie sie
gegen Ende des vorletzten Jahrhunderts in Mode kam. Bilder von
spiritistischen Sitzungen, von übernatürlichen Phänomenen und
Geistersehern haben mich immer eigentümlich berührt, vor allem,
wenn neben dem Medium auch die Erscheinung eines Verstorbenen
abgebildet ist.« (Beyer, 294)
»Nie
werde ich erfahren, ob sich auf Bildern von der Alten in ihrem Sessel
die Spuren unsichtbarer Kräfte zeigen könnten. / Auf den ersten
Blick gibt es nichts Außergewöhnliches zu sehen, nur eine
anscheinend schlafende Frau vor einer Schrankwand, links der Streifen
eines Vorhangs über der angeschnittenen Polstergruppe. An manchen
Stellen aber scheint der Abzug unregelmäßig belichtet, als hätte
jemand über dem Photopapier gewedelt. Nach und nach ergeben sich
Umrisse, der schwache Schein hinter der Sessellehne erweist sich als
Figur.« (Beyer,
295-296)
Vordergründig
eine
Geschichte über die magisch-evokativen Effekte sichtbarer und
gedachter Photographien, ist Beyers Roman subkutan eine autoreflexive
Geschichte über die Macht der Wörter, die über die Bilder gebieten
(um Bild-Lücken zu füllen, um Bildern hypothetische Bedeutungen
zuzuweisen) und über alles, was in der Gegenwart wie in der
Vergangenheit Gegenstand wirklicher oder möglicher Bilder ist.
VI.
6 Franz
Hohler: Die
Fotografie
Der
Erzähler in Franz Hohlers Geschichte Die Fotografie betrachtet
beim Durchblättern eines Fotoalbums mit Familienaufnahmen ein Photo
von der Hochzeit seiner Eltern, wobei die Betrachtung im Zeichen des
Bewusstseins von Zeitlichkeit steht: Es gelingt ihm nicht, die
photographierten Eltern, die damals jünger waren als er selbst
inzwischen ist, als jung wahrzunehmen. Das Photo hat die Zeit also
nicht anhalten können, denn die persönliche Beziehung des
Betrachters zu den Figuren auf dem Bild macht, dass sie für ihn alte
Leute sind, zudem unmodisch angezogen und insofern der Vergangenheit
angehörig. Neben den Familienmitgliedern, von denen die einen noch
leben, andere bereits gestorben sind, dentdeckt der Erzähler auf dem
Photo einen ihm unbekannten Mann, der »am Rande des Bildes«, wie es
heißt, »auf eine, Steinbänklein unter einem Baum saß und die
Szene betrachtete, als ob er nicht ganz dazugehöre.« (Hohler,
282) Der Mann hat
dunkle, ernste
Augen und einen Kahlkopf; er stützt sich auf einen Stock mit
silbernem Knauf und trägt ungewöhnlicherweise weiße Handschuhe.
Eigenartigerweise
ist der Mann offenbar nur auf dem Bild zu sehen, dass der Erzähler
in seinem Album hat. In der Photosammlung der Eltern taucht er auf
keinem der Hochzeitsaufnahmen auf; die eltern kennen den Fremden
nicht; der Vater vermutet zunächst einen Passanten, der zufällig
aufs Bild geraten ist. Kleidung und Haltung des Mannes lassen dies
aber zweifelhaft erscheinen. Auch die Hypothese, er habe zu einer
anderen, später in der Kapelle erwarteten Hochzeitsgesellschaft
gehört, ist nicht befriedigend. Der Erzähler bekommt »bei
wiederholtem Betrachten des Bildes das Gefühl, der Mann habe etwas
mit meiner Mutter zu tun, die kurz vor meiner Verheiratung gestorben
war.« (Hohler, 283)
Dem
Vater scheint es ähnlich zu gehen.
In
eben der Kapelle, neben der das rätselhafte Bild entstand, wird bald
darauf der kleine Neffe des Erzählers getauft, und wieder wird
photographiert. Von der Kindsmutter, seiner Schwester, erhält der
Erzähler Abzüge geschickt; auf Bild Nr. 12 ist er selbst als Pate
mit dem Säugling zu sehen; hinter ihm steht der Fremde von
elterlichen Hochzeitsbild. Der Anruf bei der Schwester ergibt, dass
diese denn Man nicht allein nicht kennt, sondern dass dieser auch auf
anderen Abzügen sowie auf dem Negativ, das der Photpgraph besitzt –
nicht zu sehen ist. Vergeblich hofft der Erzähler, der Fremde
werde von den beiden Bildern verschwinden.
Fortan
dreht er sich oft um, vor allem, wenn er allein ist, weil es sich von
jemandem angeschaut und verfolgt fühlt. Es ist ihm, als warte jemand
auf ihn, und er wartet auf etwas Unbestimmtes. Schließlich
sieht er, auf der hinteren Plattform eines Tramwagens stehend, den
Fremden mit Glatze und Handschuhen im Anhängerwagen, der ihn mit der
Hand grüßt und ihm zulächelt. Als der Erzähler bis zur
Endtstation mitfährt, sucht er den Fremden dort vergeblich im
Anhängerwagen. Seine
Angst sei verschwunden, so behauptet er: er wisse, er werde diesem
Mann nicht entkommen; die richtige Begegnung stehe noch bevor, ohne
dass er wüsste, wie, wann, warum und mit welchem Resultat. Er fühlt
sich »persönlich gemeint«.
Hohlers
Geschichte
spielt auf die Technik der Geisterphotographie an: Auf dem Bild ist
etwas dargestellt, das offenbar niemand beim Photographieren gesehen
hat; das Photo hat etwas Unsichtbares sichtbar gemacht.
Der
fremde Mann wird
nicht identifiziert. Dass er photographiert wird wie ein Gespenst und
über eine Generation hinweg sein Aussehen nicht ändert, könnte die
Hypothese nahelegen, es handele sich um ein Gespenst – wahrscheinlich
das eines Familienmitglieds – , zumal, da er unversehens bei
Familienfesten auftaucht und verschwindet.
Aber
es könnte sich auch um den Tod selbst handeln. Sein Kahlkopf
erinnert an einen Totenschädel; auch die weißen Handschuhe wecken
entsprechende Assoziationen. Zu dieser Lesehypothese passt das
Empfinden des Erzählers, er werde verfolgt; bestätigt wird sie
durch die abschließenden Bemerkungen, es werde eines Tages eine
unausweichliche Begegnung geben, von der man nicht wisse, wohin sie
führe. Tatsächlich
ist
der Unterschied zwischen der Deutung des Fremden als Tod oder als
wiedergängerisches Familienmitglied nicht so erheblich. So wie die
Betrachtung des Hochzeitsphotos der Eltern an an die irreversibel
verlaufende Zeit erinnert, so erinnert der Fremde an den Tod, wessen
Bild auch immer mit ihm erscheint.
Damit
erinnert der
Text selbst an Zeitlichkeit und Tod – dies aber unausdrücklich und
in eben der dezenten und zugleich wahrnehmbaren Weise wie das Bild
des Fremden im Familienbild auftaucht.
Literatur:
Roland
Barthes: Die helle Kammer, zuerst: Roland Barthes: La chambre
claire. Note sur la photographie (1980). In: R.B.: Oeuvres Complètes,
Tome III. 1974-1980. Édition étabile et présentée par Éric
Marty, Paris 1995. 1105-1197.
Thomas
Bernhard: Auslöschung. Ein Zerfall, Frankf./M.
1986.
Marcel
Beyer: Spione. Köln 2000, Tb-Ausgabe Frankf./M. 2002.
Stefanie
Diekmann: Mythologien der Fotografie. Abriß zur Diskursgeschichte
eines Mediums. München 2003.
Hervé
Guibert, Phantom-Bild. Leipzig 1993. Dt.v.Thomas Laux.
Jochen
Hörisch: Der Sinn und die Sinne. Frankf./M. 2001
Hohler:
Die Fotografie. In: Der Rand von
Ostermundigen.
Erzählungen. Darmstadt/Neuwied 1973
Wolfgang
Kemp (Hg.): Theorie der Fotografie III, 1945-1980.
Vgl.
Friedrich Kittler: Optische Medien. Berliner Vorlesung 1999.
Bernd
Stiegler: Bilder der Photographie. Ein Album photographischer
Metaphern. Frankf./M. 2006.
Antonio
Tabucchi: Der Rand des Horizonts. Roman. Dt. v. Karin
Fleischanderl. München/Wien 1988. Orig.: Il filo dell’orizzonte
(Mailand 1986)
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