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Implacabilis: Karl Liebknecht
Annelies
Laschitza: Die Liebknechts. Karl und Sophie – Politik und Familie, Berlin
(Aufbau-Verlag) 2007, 511 S.
von
Christoph Jünke
Wer sich um die Ursprünge des welthistorischen
Dramas des 20. Jahrhunderts kümmert und im deutschen Nazi-Faschismus mehr zu
erkennen sucht als die welthistorische Einzigartigkeit, die dieser auch gewesen
ist, wird zurückgehen müssen auf die vorletzte Jahrhundertwende und den Blick
wenden auf das deutsche Kaiserreich. In den fast fünf Jahrzehnten des so
genannten Wilhelminismus reiften jene Verhältnisse, die sich in den Ersten
Weltkrieg und die daran sich anschließende Epoche von Revolution und
Konterrevolution eruptiv entluden.
Es waren die Schicksalsjahre Deutschlands, als
sich nach der gescheiterten bürgerlichen Revolution von 1848 das liberale
Bürgertum mit der ökonomischen Macht begnügte und sich politisch mit dem
autoritären Militär»feudalismus« arrangierte. Die unter Preußens Vorherrschaft
erfolgte so genannte kleindeutsche Einigung und der industrielle Take-Off des
weltökonomischen Nachzüglers, die autoritäre Neuformierung nach innen und ihr
Griff nach der Weltmacht produzierten eine Gesellschaft, die unter der
Oberfläche von Ruhe, Stabilität und Expansion ein Gemengelage von Widersprüchen
zur Entfaltung brachte, die ihresgleichen sucht – und sich nicht zuletzt in der
sich damals stürmisch entwickelnden deutschen Arbeiterbewegung niederschlug.
Von der blutigen Niederschlagung der Pariser Kommune, der ersten proletarischen
Machtergreifung 1871, über die Bismarckschen Sozialistengesetze und die
machtvolle Neuformierung einer sozialdemokratischen Zweiten Internationale mit
ihren Massenparteien und Gewerkschaftsbewegungen bis zum klassenpolitischen
Burgfrieden im Ersten Weltkrieg; von den weitreichenden Hoffnungen auf ein
unmittelbar bevorstehendes sozialistisches Paradies über die Verlockungen einer
gesellschaftspolitischen Anerkennung und Integration bis zur dauerhaften
Spaltung in mehrere Strömungen – es waren auch die Schicksalsjahre der
deutschen wie internationalen Arbeiterbewegung klassischen Zuschnitts. Und es
gibt nur wenige Leben, in denen sich diese schicksalsschweren fünf Jahrzehnte
so herausgehoben und sinnfällig spiegeln wie in dem von Karl Liebknecht.
Der im August 1871, nur wenige Monate nach der
Zerschlagung der Pariser Kommune Geborene war mehrfach Kind seiner Zeit und
ihrer Arbeiterbewegung. Als Sohn Wilhelm Liebknechts, des neben August Bebel
bekanntesten Mitbegründers und herausragenden Führers der deutschen
Sozialdemokratie, gleichsam organisch hineingewachsen in das Milieu der
radikalen Arbeiterbewegung, verkörperte der junge Karl auch deren Kultur. Der
schulisch überdurchschnittlich Begabte eignete sich die klassische
bürgerlich-humanistische Bildung an und entwickelte eine hierfür typische Liebe
zur Kunst und Musik wie zur Natur. Wie selbstverständlich sah auch Liebknecht
dieses Erbe unter den Bedingungen der polarisierten Klassengesellschaft im
politisch wie ökonomisch aufsteigenden Proletariat verkörpert. Aufgewachsen
unter den Bedingungen des Sozialistengesetzes promovierte er 1897 in den
Fächern Rechtswissenschaft und Nationalökonomie, ohne dass ihm die bürgerliche
Gesellschaft eine Möglichkeit zur Integration anzubieten gedachte. Der solcherart
Ausgegrenzte musste sich beruflich durchkämpfen und machte sich zu Beginn des
neuen, des 20.Jahrhunderts zum »Anwalt der kleinen Leute«, verteidigte vor
allem die sozial Schwachen und politisch Verfolgten. Er offenbarte eine
spezifische Mischung aus Impulsivität und Beharrlichkeit, in der sich nur
unschwer die tief greifenden Widersprüche seiner Zeit und seines Milieus
spiegeln, jene für den damaligen marxistischen Sozialismus so typische Mischung
aus naturgesetzlichem Glauben und politisch-ethischem Voluntarismus.
Lange Zeit am Rande des eigentlichen
politischen Geschehens sich bewegend, wurde Karl Liebknecht erst nach dem im
Jahre 1900 erfolgten Tod seines allmächtigen Vaters auch direkt politisch
aktiv. Bereits ein Jahr später wurde er ins Berliner Abgeordnetenhaus gewählt,
1908 ins Preußische Abgeordnetenhaus und 1912 schließlich in den Deutschen
Reichstag. Bis dahin hatte er sich einen eigenen Namen gemacht als Aktivist und
Repräsentant der aufkommenden internationalen Jugendbewegung sowie als
radikaler Antimilitarist, der enge Kontakte pflegte vor allem zur russischen
revolutionären Emigration. Der jugendbewegte Antimilitarismus und intensiv
gelebte Internationalismus ließen ihn zwar zur einflussreichen Person werden,
doch wirklich bekannt wurde Liebknecht erst, als er seine Parlamentsarbeit dazu
benutzte, die Machenschaften der deutschen Rüstungsindustrie – dessen, was
später der militärisch-industrielle Komplex genannt werden sollte – offen zu
legen und anzugreifen. Dass er dafür als vermeintlicher Hochverräter hinter
deutsche Gitter musste, war dem exponierten Kämpfer gegen die bürgerliche
Klassenjustiz weniger ein Problem als die Tatsache, dass auch seine
sozialdemokratischen Genossen zunehmend auf Distanz gingen. Doch so sehr er die
SPD zum offensiven Kampf gegen den heraufziehenden Krieg drängte, so überrascht
war er selbst, als dieser dann plötzlich auch ausbrach.
Es brauchte lange, sehr lange, bis Liebknecht
sich aus der babylonischen Gefangenschaft der sozialdemokratischen Partei- und Fraktionsdisziplin
zu lösen vermochte. Im Dezember 1914 verweigerte er als einziger Abgeordneter
die Zustimmung zu den Kriegskrediten und wurde schlagartig zum politischen
Symbol. Zu einem Symbol, auf das die europäische Welt schaute – im Guten wie im
Bösen. Erst jetzt nahm seine Politik wirkliche Konturen an, denn er arbeitete
nun zunehmend mit der Partei-Linken um Rosa Luxemburg und Franz Mehring
zusammen, die ihn bis dahin eher als eigensinnigen Einzelgänger betrachtet
hatten. Liebknechts Unversöhnlichkeit und sein Hang zur symbolischen Aktion
ließen ihn daraufhin schnell zum Aushängeschild der von ihm mitbegründeten so
genannten Spartakusgruppe werden. Wie kein anderer hatte er deutlich zu machen
versucht, dass es bei diesem Krieg um keinen deutschen Verteidigungskrieg,
sondern um einen von Deutschland ausgelösten imperialistischen Krieg handelte.
Der Hauptfeind, so Liebknecht im Mai 1916, steht im eigenen Land: Nieder mit
dem Krieg, nieder mit der Regierung! Seine auf dem Berliner Potsdamer Platz
ausgerufene 1.Mai-Parole kann in ihrer Bedeutung für die Stärkung und
Entfaltung eines revolutionären Geistes innerhalb der deutschen Bevölkerung
nicht hoch genug eingeschätzt werden. Doch gleichzeitig sorgte gerade diese
symbolische Aktion auch dafür, dass die daraufhin Liebknecht und andere
treffenden Repressionen den bereits damals beginnenden Aufbau der
Spartakusgruppe zum politischen Organisationszentrum einer neuen,
kommunistischen Opposition nachhaltig störte und auf lange Zeit behinderte.
Erst die ihr Haupt machtvoll erhebende
deutsche Revolution sollte den wegen Landesverrat einsitzenden Zuchthäusler
Liebknecht Ende Oktober 1918 wieder befreien. Schnell wurde der Spartakist nun
zum Führer des radikalen Flügels der deutschen Novemberrevolution, der am 9. November
1918 vergeblich die »freie sozialistische Republik Deutschland« ausrief, in
breiten Teilen der deutschen Arbeiterschaft eine beeindruckende Verehrung
genoss und die junge Kommunistische Partei in die revolutionären Wirren des
Jahreswechsels 1918/1919, in den so genannten Spartakus-Aufstand führte (»Alle
Macht den Räten!«), dessen Scheitern er und sehr viele andere schließlich mit
dem Leben bezahlen mussten. Mit dem gewaltsamen Tod von Liebknecht und
Luxemburg, von Kurt Eisner und Leo Jogiches, von Eugen Leviné, Hugo Haase und
anderen verlor die deutsche Revolution ihre besten Köpfe. Und mit den weniger
bekannten vielen Tausend Opfern der Aufstände und revolutionären Unruhen jener
Zeit verlor sie einen Gutteil ihrer Aktivisten und Parteigänger. Abermals wurde
eine linke Alternative nachhaltig behindert und verwirrt – und musste dafür
diesmal mit dem Aufstieg jener Hitlerfaschistischen Barbarei bezahlen, die
zuerst sie auf Jahrzehnte hinaus zerschlagen und dann viele Millionen von
Europäern und das europäische Judentum vernichten sollte. Es war die deutsche
Novemberrevolution, deren blutiges Scheitern die weiteren Weichen für das
Jahrhundert unvorstellbarer Gewalt stellen sollte. Und mehr noch als Rosa
Luxemburg oder andere war und blieb es Karl Liebknecht, der, weit über seinen
Tod hinaus, als das Herz und Gesicht dieser deutschen Novemberrevolution
angesehen werden sollte – verehrt von den einen und gehasst von den anderen.
»Karl Liebknecht. Der Name ruft Emotionen
wach. Auch heute noch.« – So leitete vor nun fast dreißig Jahren Helmut Trotnow
seine politische Biografie Liebknechts ein, die erste Gesamtdarstellung »aus
nicht-kommunistischer Sicht«, wie er damals betonte (Karl Liebknecht. Eine politische Biografie, Köln 1980). In der Tat
ist es verwunderlich, dass Leben und Werk eines Mannes, der solche Wirkung
entfaltete und solche Emotionen freisetzte, auch Ende der 1970er Jahre, sechzig
Jahre nach seinem gewaltsamen Tode so wenig aufgearbeitet war. Die DDR, die
Liebknecht zum Bannerträger ihrer staatspolitischen Tradition verklärte – unter
anderem mit einer jährlichen Großdemonstration zum Todestag am 15. Januar, die
im neuen, vereinten Deutschland zur immerhin größten alljährlich
wiederkehrenden Straßendemonstration der deutschen Linken avancierte –, hatte
zwar seine Gesammelte(n) Reden und Schriften herausgegeben, doch sowohl
die biografische wie werktheoretische Auseinandersetzung mit ihm war über
hagiografische Vorarbeiten nicht hinausgekommen. Erst zwanzig Jahre nach dem
Zusammenbruch der DDR, und immerhin weitere dreißig Jahre, nachdem der
Westdeutsche Trotnow Liebknechts politische Biografie vorgelegt hatte, liegt
nun, mit Annelies Laschitzas Buch über Die
Liebknechts ein neuer Versuch der biografischen Gesamtdarstellung
Liebknechts vor. Und Laschitza, bisher hervorgetreten durch ihre lebenslange
Beschäftigung mit dem Leben und Werk Rosa Luxemburgs, knüpft dabei
interessanterweise gerade dort an, wo Trotnow es damals für nicht mehr möglich
hielt. Schrieb dieser, dass »der Großteil des Nachlasses von Karl Liebknecht
als verloren gegangen anzusehen (ist)«, so belehrt ihn Laschitza nun eines
Besseren, denn ihre Biografie wertet gerade den über all die Jahre in Ostberlin
und Moskau liegenden Nachlass erstmals umfassend aus.
Laschitza nun bietet uns ein biografisches
Bild Liebknechts, das an umfassender Detailliertheit wenig zu wünschen übrig
lässt –zudem ausgesprochen gefällig geschrieben. Und doch habe ich in der Mitte
des Buches zu Lesen aufgehört und musste mich überwinden, es erneut in die Hand
zu nehmen. Nicht etwa, weil es, wie die einschlägigen Rezensenten des deutschen
Feuilletons behauptet haben, das hagiografische Werk einer unbelehrbaren,
einstmals realsozialistischen Wissenschaftlerin sei. Ganz im Gegenteil.
Laschitza, die ehemalige Mitarbeiterin des Instituts für Marxismus-Leninismus
beim ZK der SED, gibt sich vom Dogmatismus alter Zeiten geläutert, ist, wie es
in einer anderen Besprechung treffend hieß, verhalten selbstkritisch, und spart
weder mit Distanz noch mit verhaltener Kritik an ihrem Protagonisten. Dass sie
sich ihre grundsätzliche politische Sympathie für Liebknecht erhalten hat, kann
nur jemand kritisieren, der den Besiegten der Geschichte demonstrativ auch noch
ihre letzte Würde nehmen möchte. Nein, wenn es etwas zu kritisieren gibt an
dieser neuen Biografie, dann ist es gerade ihr bemerkenswert unpolitischer
Charakter.
Vom weltgeschichtlichen Drama des deutschen
Wilhelminismus erfahren wir in diesem Buch ebenso wenig wie von den
schicksalsträchtigen Kämpfen und Debatten der deutschen Arbeiterbewegung vor
dem Zusammenbruch des deutschen Reiches. Wir erfahren von der
Leidenschaftlichkeit Liebknechts und davon, dass sich diese Leidenschaften auf
die Politik und die Wissenschaft richteten (und auf die Frauen). Aber damit ist
es auch schon fast vorbei. Mit der Gewissenhaftigkeit einer Buchhalterin – wie
gesagt: immerhin einer, die gut schreiben kann – bekommen wir das ganze
Panorama Liebknechts geboten. Doch es gleicht mehr einem Familienroman, besser:
einem Tagebuch der Familie Liebknecht, das die Politik nur insofern behandelt,
als es von einem leidenschaftlichen Politiker handelt.
Kundig stellt Laschitza die politischen
Ähnlichkeiten und Differenzen zwischen Vater Wilhelm und Sohn Karl dar, doch
sie belässt es bei einer bloßen Auflistung ohne jede Analyse – und bewegt sich
dabei gelegentlich am Rande des Kitsches. So wenn sie bspw. schreibt, dass sich
in ihm »die Leidenschaftlichkeit des Vaters mit dem gutmütigen Naturell der
Mutter und deren freimütigem Streben nach intellektueller und musischer
Selbstverwirklichung (vereinte)«. Sie zitiert seine Worte, dass er ja
»sozusagen im Parteileben aufgewachsen« sei und die Parteidisziplin »mit der
Muttermilch eingesogen« habe. Doch sie diskutiert nicht, was das für seine
Biografie bedeutet hat. Sie diskutiert auch nicht, dass und wie dieses
individuelle Leben, eben weil es mehr war als ein nur individuelles, zu einem
politisch-kollektiven Leben wurde, als gerade Liebknecht den gordischen Knoten
einer in der klassischen Arbeiterbewegung gründlich falsch verstandenen
Parteidisziplin durchbrach und mit seiner Verweigerung der Zustimmung zu den
Kriegskrediten ein politisches Zeichen setzte, das die Menschheit so lange
faszinieren wird, wie sie am radikal-humanistischen Traum einer nicht-kriegerischen
Welt festhält.
Treffend erwähnt Laschitza Liebknechts
Kontakte zur russischen Emigration, und dass ihn diese Erfahrungen eines
gelebten Internationalismus darin bestärkten, »sich auch in seiner Partei mit
mehr Elan für ein energischeres Auflehnen gegen die Innen- und Außenpolitik der
herrschenden Kreise in Deutschland einzusetzen«. Aber sie erklärt nicht, wie
das eine mit dem anderen zusammenhängt, denn was als reine Ethik erscheint, war
politisch-strategisch bestimmt – »nichts anderes als die außenpolitische
Kehrseite des innenpolitischen Kampfes gegen Preußen« wie Helmut Trotnow
treffend geschrieben hat. Um jedoch ihre Leserschaft über diesen Zusammenhang
aufzuklären, hätte sie über den sich damals mächtig entwickelnden und
vernetzenden Weltkapitalismus und seine imperialistischen Begleiterscheinungen
schreiben müssen. Das mag im neuen Deutschland nicht gerade opportun sein –
wäre dem Gegenstand allerdings mehr als angemessen.
Sie erzählt uns von dem begnadeten Redner in
und außerhalb des Parlaments, wie er gegen kleinkarierte Möchtegern-Sozialisten
und großindustrielle »Leistungsträger« – wie es heute wieder so unangemessen
selbstverständlich heißt – polemisiert, und von dessen parlamentarischem
»Meisterstück«, dem Kampf gegen die Rüstungsindustriellen Krupp und Co. Doch
auch hier wird die bloß buchhalterische Erwähnung nicht durch eine sich gerade
heutzutage anbietende exemplarische Behandlung vertieft.
Die Oberflächlichkeit im Kleinen hat
Konsequenzen auch für das große Ganze. Laschitza möchte Liebknecht aus dem
Schatten Rosa Luxemburgs herausholen und vor der Versteinerung zum linken
Säulenheiligen bewahren. Dazu müsste man eine politisch aufgeklärte
Interpretation des Liebknechtschen Lebens und Werks bieten. Aktuell scheint
Liebknecht für Laschitza jedoch nur in seinem vermeintlichen »Bestreben nach
Frieden, Demokratie, sozialer Gerechtigkeit und internationaler Solidarität«,
in seinem angeblichen Plädoyer »für eine demokratische und sozial gerechte
Ausländerpolitik«, und weil er sich »konsequent für die Interessen seiner
Wähler und für eine demokratische und friedliche Perspektive Deutschlands
eingesetzt« habe. Liebknecht verdiene Beachtung, weil »er als Sozialist und
Antimilitarist von internationalem Rang bis zuletzt konsequent blieb, sich
beruflich, politisch und privat zum Teil euphorisch und risikobereit auszuleben
versuchte, ohne sich an Konventionen zu stören, vor Konflikten zu scheuen und
auf Dauer seine Liebenswürdigkeit und Lebensfreude zu verlieren (…) Menschen,
die sich ähnlich engagiert und mutig wie er gegen Kriegspolitik und
Rüstungswahn, gegen Völkermord und Menschenrechtsverletzungen, gegen
Kulturbarbarei, Religionsmissbrauch und Naturverwüstungen auflehnen wollen,
können in seinem Wirken viel Anregung finden und werden sich in ihrer Opposition
durch Liebknechts Worte bestärkt fühlen: (…) ›Nur nicht
zuwenig! Nur nicht zu spät!‹
Auf diese Weise bis zur Unkenntlichkeit
weichgespült, soll die Aktualität Liebknechts offensichtlich in dessen
radikalem Nonkonformismus eines »Ich will alles und zwar sofort« liegen. Mit
den Mythen des Nonkonformismus lässt sich aber keine Aktualität Liebknechts
mehr begründen. Es wissen bereits zu viele, dass solcherart Unersättlichkeit
die bürgerliche Gesellschaftsform nicht überwindet, sondern eher vollendet –
nicht zuletzt im Rausch von Sex and Drugs and Rock’n Roll.
Dass auch Liebknecht davon nicht frei war,
deutet Laschitza mit der intimen Kenntnis der Nachlassverwalterin freimütig an.
So liebevoll und umsichtig er sich seinen Kindern gegenüber in den wenigen
Momenten zeigte, die ihm sein rastloses politisches Wirken ließ, so
unausgeglichen und oftmals gereizt sei der von sich selbst Überzeugte gewesen,
der einmal betonte, dass ihn das chaotische Erzeugen und Gebären mehr
interessiere als das systematische Ordnen und Gliedern. Die Folgen dieser
emotionalen Höhen und Tiefen ließ er nicht zuletzt an seiner ersten Frau aus.
Denn während die sich um Küche und Kinder zu kümmern hatte, kümmerte er sich –
von inneren Krisen gepeinigt, wie Laschitza zu berichten weiß – um andere
Frauen. Sie scheint sogar Verständnis für seine diesbezüglichen Lügen und
Versteckspiele zu haben und spricht von ihm als einem Opfer: »Im Frühjahr 1910
vermochte er dem Liebeswerben einer anderen Frau nicht zu widerstehen.« Man
hätte sich hier von der Biografin ein wenig mehr von dem gewünscht, was ihr
Objekt zweifelsohne auszeichnete, denn Liebknecht war jede falsche Ehrfurcht
vor linken Autoritäten, heißen sie auch Marx, Lenin oder Trotzki, in
bemerkenswertem Ausmaß fremd.
Laschitza scheut sich schließlich auch,
Liebknechts ausgesprochen unorthodoxe Versuche an einer sozialistischen
Sozialphilosophie, seine nachgelassenen Studien
über die Bewegungsgesetze der gesellschaftlichen Entwicklung, angemessen zu
behandeln. Kann oder soll man Karl Liebknecht in die Ahnengalerie des Marxismus
einreihen oder wird damit beiden Gewalt angetan? Immerhin eine die
Liebknecht-Literatur bewegende Frage. Und was heißt es eigentlich für ihn als
Denker wie für die deutsche Revolution als solche, wenn ein solch unorthodoxer
– mit dem marxistisch ›richtigen‹ Denken nur schwer vereinbarer – Denker (der er eben auch gewesen ist)
zum sozialistischen Revolutionsführer werden kann? Wie vermitteln sich hier
Theorie und Praxis? Das sind spannende Fragen, die ihre politische wie
theoretische Aktualität nicht verleugnen können, von Laschitza aber nicht
angesprochen werden.
Helmut Trotnow zeigte sich Ende der 1970er
Jahre gleichermaßen fasziniert wie abgestoßen von Liebknecht. Auch wenn er ihm
allenfalls historische Bedeutung zusprach, hielt er ihn trotzdem für aktuell,
vor allem deshalb, »weil bis heute die Frage, ob und wie konsequente
Reformpolitik in einem gegebenen gesellschaftlichen Kontext gewaltlos
verwirklicht werden kann oder zwangsläufig zur Revolution führen muss, immer
noch einer schlüssigen Antwort harrt«. Für ihn war Liebknecht ein radikaler
Reformist, der jedoch die Reformpolitik nicht als modernen Verwaltungsakt,
sondern als Mittel der Aufklärung und Selbsttätigkeit einer unterdrückten und
ausgebeuteten proletarischen Bevölkerungsmehrheit verstand. Trotnows damalige
These, dass Liebknecht damit der SPD näher stehe als der SED, darf getrost als
überschießendes Bewusstsein der Juso-Euphorie der 70er Jahre gelten. Die Frage
selbst jedoch bleibt aktuell. Und dass die im Umfeld der neuen Linkspartei
schreibende Annelies Laschitza sie nicht aufgreift, verblüfft ein wenig.
Liebknechts politische Theorie und Praxis
werden bei ihr weitgehend in humanistische Ethik aufgelöst. Eine Tendenz, die
die Ex-ML-Sozialistin interessanterweise mit dem eher der Neuen Linken
zuzurechnenden Ossip Flechtheim gemeinsam hat, der Liebknechts Aktualität noch
Mitte der 1980er Jahre in dessen humanistischem Nonkonformismus ausmachte (Karl Liebknecht zur Einführung, Hamburg
1985). Flechtheims damaliges Lob der Liebknechtschen »Einheit von Bekenntnis
und Tat, das Ineinander von Glauben, Wollen und Handeln«, Liebknechts Abkehr
vom »oberflächlichen Opportunismus«, von der »mutlose(n) Resignation« und dem
»karriereorientierte(n) Bürokratentum« ist vielen politisch Gesinnten
sicherlich auch heute noch sympathisch. Doch kann solcherart humanistischer
Nonkonformismus kaum den Schleier des Skeptizismus durchbrechen, der sich wie
selbstverständlich über den heutigen Alltagsverstand gelegt hat. Liebknechts
zweifellos vorhandener Nonkonformismus – im Mai 1916 gab er vor Gericht zur
Person an: »meine Konfession: Dissident« – ist durchaus nicht gering zu
schätzen. Nur kann er kaum noch als solcher Aktualität reklamieren in einer
Zeit wie der unseren, in der ein nonkonformistischer Konformismus den
postmodernen Betrieb nachhaltig ölt. Auch der Liebknechtsche Humanismus ist
aktueller als es der noch heute nachwirkende antihumanistisch aufgeklärte
Zeitgeist der 70er und 80er Jahre wahr haben wollte. Er müsste eben ›nur‹
materialistisch aufgeklärt werden.
»Wer heute dem Leser Karl Liebknecht näher
bringen will, wird sich fragen müssen, ob diese Gestalt nicht schon ganz und
gar einer unwiederbringlichen Vergangenheit angehört«, schrieb Flechtheim vor
einem Vierteljahrhundert. Als Ganzes genommen, als gleichsam individuelles
Gesamtkunstwerk, scheint mir die fehlende Aktualität Liebknechts fast schon
selbstverständlich, denn der »Mensch in seinem Widerspruch« – wie schon Karl
Radek Liebknecht 1919 eindringlich charakterisierte – ist nur aus der damaligen
Gemengelage der gesellschaftlichen Zustände und ihren spezifischen
Widersprüchen zu verstehen. Und so wie die spezifisch deutsche Gemengelage von
wilhelminischem ›Ancien Régime‹ und bürgerlich-kapitalistischer Dynamik selbst in der
Geschichtswissenschaft nur schwer zu unterscheiden war und ist, so lassen sich
die spezifischen Widersprüche des damaligen oppositionellen Denkens und
Handelns erst auf ihre jeweilige Aktualität hin befragen, wenn der in ihnen
sich geformte Knoten historischer Zusammenhänge gelöst und mit einem
aufgeklärten Bewusstsein von den zeitgenössischen Formen und Strukturen mit
unserer Gesellschaftsformation konfrontiert wird. Erst dieser doppelte Blick
erlaubt die Frage nach jenen Aspekten des Liebknechtschen Denkens und Wirkens,
die ein anhaltendes oder gar ein neues Interesse wert wären.
Da wäre zuallererst der Liebknechtsche
Anti-Militarismus, der im pazifistisch gesinnten Nachkriegsdeutschland der
zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts als weitgehend antiquiert galt, mit der
Rückkehr des militärischen Interventionismus auch ins neue Deutschland aber
neue Aktualität bekommen hat. Liebknechts Anklage des Militarismus als eines
»Würgeengels der Kultur«, der die Zivilisation barbarisiere und die Mittel
eines wahrhaftigen Fortschritts fresse, ist so erfrischend traditionell wie
seine Darstellungen, auf welchen Wegen eine in den bürgerlichen Alltag
einsickernde soldatische Erziehung die demokratisch-selbsttätige Wahrnehmung
von individuellen und Klassen-Interessen nicht nur verhindert, sondern geradezu
zurückentwickelt. In Zeiten wie den unseren, in denen der Krieg bereits tief in
die Eingeweide der Gesellschaft eingedrungen und die westliche Massenkultur zu
einer »Art Trainingslager für soldatische Verhaltensformen« geworden ist (Tom
Holert/Mark Terkessidis: Entsichert.
Krieg als Massenkultur im 21.Jahrhundert, Köln 2002), fänden heutige
Ideologietheoretiker reichlich Schulungsmaterial bei Liebknecht. Und Kritiker
des humanitären Interventionismus dürften sich durch dessen (von Laschitza
zitiertes) Einmaleins des Sozialismus bestätigt fühlen, denn ein »bis in die
innerste Seele international und klassenkämpferisch gesonnener Sozialdemokrat
kann nie ein williges Werkzeug des
Militarismus sein, nicht im Frieden oder im Kriege gegen den inneren Feind noch
im imperialistischen Kriege gegen den äußeren Feind; nicht in der Armee und
nicht außerhalb der Armee« (Hervorhebung: Liebknecht).
Auch die Aktualität des von Liebknecht im
Alltag gelebten Internationalismus scheint mir offensichtlich. Dass er seinen
Internationalismus nicht nur als Akt einer Solidaritätsarbeit verstanden hat,
sondern als eine gemeinsame, Grenzen überschreitende Strategie-Debatte,
verweist auf sein tiefgreifendes Verständnis des damals aufkommenden
kapitalistischen Weltsystems. Es war dieses Verständnis weltpolitischer
Zusammenhänge, das Liebknecht auf besondere Weise – und Rosa Luxemburg
vergleichbar – auch für das weltgeschichtliche Drama des weltrevolutionären
Prozesses nach dem Ersten Weltkrieg sensibilisierte. Zu Recht sah er 1918/19 in
der deutschen Revolution sowohl »Angel-, Schlüssel-, Hebelpunkt der
Weltrevolution«, denn nur sie wäre »die einzig mögliche Rettung für die
russische Revolution« gewesen. Es war dieses weltpolitische Verständnis, dass
sich bei ihm mit einer durchaus realistischen Einschätzung der fehlenden Reife
des Klassenbewusstseins der deutschen Arbeiterklasse kombinierte, und seinen
Interventionen in die deutsche Revolution ihren Ton scheinbarer ethischer
Verzweiflung gab: »Alles, alles kommt auf das deutsche Proletariat
an. Keine Anstrengung ist zu groß, ist groß genug. (…) Andere mögen ihr ›Nur nicht
zuviel! Nur nicht zu früh!‹ plärren. Wir werden bei unserem ›Nur nicht zu wenig! Nur nicht zu
spät!‹ beharren.«
Es ist sehr viel argumentiert und polemisiert
worden gegen die in diesem Diktum steckende Vorstellung von Politik als Wille
und Tat. Und doch sollte ihr rationaler Kern nicht übergangen werden, denn
keine revolutionäre Entwicklung kann sich in sozialistisch-emanzipativem Sinne
entfalten ohne die bewusste Setzung eines hegemoniefähigen Zieles und den
(kollektiven) Entschluss zur Aktion; ohne die Aufklärung der zur Erreichung
dieses Zieles notwendigen, alles andere als einfachen Dialektik von Weg, Mittel
und Ziel; und ohne das Verständnis, dass ein partielles Vorgreifen
revolutionärer Prozesse an einem Ort über deren Wirkung an anderen Orten auch
wieder Rückwirkungen für das weitere Vordringen der eigenen revolutionären
Prozesse zeitigt – im Guten wie im Schlechten. Es kommt eben auf die
Zusammenhänge an, oder marxistisch gesprochen: auf die Totalität des
weltrevolutionären Prozesses. Liebknechts spätes Stakkato des Voluntarismus
führt deswegen Luxemburgs frühen Hinweis fort, dass sozialistische Revolutionen
gleichsam naturgemäß zu früh kommen. Weil die sozialistische Umwälzung, weil
der Kampf um die gesellschaftliche und politische Macht, so Luxemburg bereits
in ihrer Bernstein-Kritik Ende des 19. Jahrhunderts, gar nicht anders als »zu
früh« beginnen könne, seien die »verfrühten« Angriffe des Proletariats »ein (…)
sehr wichtiger Faktor (…), der die politischen
Bedingungen des endgültigen Sieges schafft, indem das Proletariat erst im Laufe
jener politischen Krise, die seine Machtergreifung begleiten wird, erst im Feuer
langer und hartnäckiger Kämpfe den erforderlichen Grad der politischen Reife
erreichen kann, der es zur endgültigen großen Umwälzung befähigen wird. So
stellen sich denn jene ›verfrühten‹ Angriffe des Proletariats auf die politische Staatsgewalt selbst als
wichtige geschichtliche Momente heraus, die auch den Zeitpunkt des endgültigen Sieges mit herbeiführen und mitbestimmen.
Von diesem Standpunkt erscheint die
Vorstellung einer ›verfrühten‹ Eroberung der politischen Macht durch das arbeitende Volk als ein
politischer Widersinn, der von einer mechanischen Entwicklung der Gesellschaft
ausgeht und einen außerhalb und unabhängig vom Klassenkampf bestimmten
Zeitpunkt für den Sieg des Klassenkampfes voraussetzt.«
Als intellektueller Erbe des Marxismus der
Zweiten Internationale findet sich auch bei Karl Liebknecht das oftmals
mechanische Nebeneinander von vermeintlich naturgesetzlichem Gesellschafts- und
Revolutionsverständnis auf der einen und einem diesen ergänzenden ethischen
Voluntarismus auf der anderen Seite. Bildete Eduard Bernsteins Denken die eine
Seite dieser historischen Dialektik, steht Liebknechts Denken für die andere.
Die Tatsache jedoch, dass die spezifische Verknüpfung der Elemente eine
historisch bedingt ungenügende gewesen ist, entledigt nicht der Aufgabe, die
Elemente als solche zu erkennen, einzuschätzen und unter heutigen Bedingungen
neu zu verknüpfen. So sehr also die Geschichte Liebknechts die historischen
Grenzen seines vorauseilenden Bewusstseins aufzeigt – Laschitzas Buch findet
gerade in der Schilderung der für dieses vorauseilende Bewusstsein
verhängnisvollen Kriegs- und Revolutionsjahre seine Originalität: eine solche
Darstellung fehlte bisher fast ganz –, so deutlich wird gerade bei ihm die
Fakten schaffende Zentralität eines revolutionären Bewusstseins, das immer auch
überschießendes Bewusstsein ist. »Wann die Gesellschaft für die soziale
Revolution reif ist«, formulierte er in seinen Zuchthaus-Notizen von 1918,
»hängt nicht nur vom Grade ihrer wirtschaftlichen Entfaltung ab, sondern von
ihrer gesamten sozialen Entwicklung im weitesten Sinne, vor allem auch von dem
Grade, den das Bewusstsein, die Einsicht, der Wille, die Entschluss- und
Aktionskraft des Proletariats erreicht hat, von der geistigen, moralischen,
psychischen Stufe der arbeitenden Massen.«
Es scheint mir deswegen kein Zufall, dass sich
gerade Liebknecht, wie Laschitza einmal bemerkt, in einem Ausmaße geistreich
und undoktrinär geäußert hat, wo es um die Rolle des Bewusstseins im
gesellschaftlichen Leben, um die Psychologie und das projektive, aktive Element
der Religion geht, das ihn von den meisten seiner vulgärmaterialistischen
Zeitgenossen deutlich unterscheidet. Erst vor diesem Hintergrund verliert
Liebknechts Sozialismusverständnis als einer »Entstehungs- und Kampfform dieses
neuen allumspannenden Humanismus« seinen scheinbar traditionalistischen,
ethisch-unverbindlichen Beigeschmack. Und erst vor diesem Hintergrund erhält
Liebknechts politisches Credo seine ganze Tiefe: »Der Partei dienen heißt
längst nicht immer: kleine oder mäßige Reformen für die Arbeiterschaft
erwirken. Es kommt darauf an, wie sie
erwirkt werden; was nützte es der Sozialdemokratie, wenn sie eine ganze Welt
aller erdenklichen Reförmchen gewänne und nähme doch Schaden an ihrer Seele,
das heißt: würde verwirrt, verkleinlicht, kleinmütig und selbstzufrieden,
verlöre ihr Edelstes und Bestes, den Elan ihrer revolutionären Energie, die
auch den Boden für Reformen am fruchtbarsten düngt – man vergleiche nur die
Ernte der Sozialgesetzgebung bis zum Jahre 1890 und seitdem!« Und man
vergleiche nur die reformatorische Ernte der radikalen Minderheitenrevolte von
1968ff. mit der Ernte, die eine auf Anerkennung und Mitregierung orientierte
zeitgenössische linke Politik seit nun 30 Jahren einfährt – sei es in Deutschland,
Italien oder anderswo.
Liebknechts Ziel war trotz des ihn
gelegentlich auszeichnenden parlamentarischen Pragmatismus »nicht die Erringung
politischer Macht per se, sondern die Höherentwicklung der Menschheit mit Hilfe
der Emanzipation des Proletariats«, wie schon Trotnow zu formulieren wusste –
der jedoch den daraus abgeleiteten Antikapitalismus und damit letztlich auch
den Politiker Liebknecht explizit als überholt betrachtete. Liebknechts Ziel
speiste sich aus einem anderen Bezugssystem als dem der herrschenden
Rationalität. Er suchte nicht die Anerkennung der Herrschenden, sondern die der
Beherrschten. Sein revolutionärer Elan schöpfte eben nicht aus einer
unverbindlichen kulturrevolutionären Energie, sondern aus der Erfahrung einer
Klassengesellschaft, die sich damals noch wenig Mühe gab, ihren
Klassencharakter zu verbergen. Liebknechts Elan, seine ganze sprichwörtliche
Unversöhnlichkeit – er selbst hatte sich zu Beginn des Ersten Weltkrieges das
Pseudonym Implacabilis (unversöhnlich) gegeben – findet seine
Grundierung in einem klassenpolitischen Denken und Handeln, das, nicht zuletzt
in seiner deutschen Heimat, lange Jahrzehnte als historisch überholt galt. Und
die Frage nach seiner Aktualität steht und fällt deswegen mit der Frage nach
der Aktualität dieses klassenkämpferischen Ansatzes.
Die Verhältnisse von Krieg und Frieden, von
Reform und Revolution, von Parlamentarismus und außerparlamentarischer
Bewegung, von Klassengesellschaft und oppositioneller linker Politik – wie sehr
haben sie sich seit Liebknechts Zeiten verändert und wie sehr sind sie sich
doch dabei gleich geblieben. Karl Liebknecht, auch darin ein intellektuelles
Kind des Marxismus der Zweiten Internationale (der auf einer weitgehenden
institutionellen Ausgrenzung der organisierten Arbeiterbewegung beruhte),
fehlte das Gespür für die strukturelle Rolle und Eigenlogik von
gesellschaftlichen Organisationsformen und Institutionen. Das beschert ihm auch
heute noch eine eigenartige Präsenz, denn an dieser gesellschaftspolitischen
Ausgrenzung einer sozialistischen Linken hat sich in Deutschland anscheinend
nicht viel geändert. Gerade der sich in Liebknecht wieder erkennende radikale
Einzelgänger ist weniger Lösung als Teil des herrschenden Dilemmas, Spiegelbild
der Tatsache, dass seinesgleichen nur außerhalb der herrschenden Institutionen
und Organisationen, nur in der Gegenwelt der Arbeiterorganisationen und
-institutionen, wirken konnte. Mit der weitgehenden Auflösung dieser
proletarischen Gegenwelten und der daran sich anschließenden Formierung
oppositioneller Politikformen zu Jobmaschinen und bürokratischen Dienstleistern
des herrschenden Systems haben sich die Bedingungen zeitgenössischer linker
Politik ebenso wenig zum Einfacheren entwickelt wie die Diskussion, was sich
von Liebknechts Erfahrungen und Konzepten noch übernehmen lässt.
Annelies Laschitzas Buch führt diese
Diskussionen nicht. Es gibt sich bescheiden und erscheint als solide
historische Arbeit. Das mag vielen ihrer Leserinnen und Lesern reichen – und
ist von der linken Presse weitgehend unkritisch aufgenommen worden. Ob es
seinem Gegenstand angemessen ist, darf jedoch bezweifelt werden. |