
...sah ich ein Foto aus Tiflis – auf einer Balustrade war der georgische
Präsident mit seinen Kollegen aus Polen, der Tschechei und den baltischen
Staaten zu sehen, wie sie am
großgeorgischen Nationalstolz (an)teilnahmen. Waren die Gäste nicht aber
vielleicht am falschen Ort? Hätten sie mit dem, was sie als nationales Begehren
unterstützen wollten, nicht logischerweise einen Platz an der Seite der
ossetischen oder abchasischen Nationalisten suchen müssen? Die Nobilitäten aus
Europa verstehen sich geistig und historisch als nation builders in einer ehrwürdigen Selbstbestimmungs-Tradition,
der, seit den Versailler Wochen des amerikanischen Präsidenten Wilson. Sie
zelebrieren sich bis heute als endlich zum Zuge kommende Erben ihrer
National-Pioniere von der Weltkrieg-I-Gewinnerseite. Damals sind aus dem
Zerfall der Vielvölkermonarchien (Habsburger, Romanoffs und Osmanen) u.a. die
neuen Nationalstaaten der Polen, Tschechen & Slovaken, Esten, Litauer &
Letten entstanden. Sie alle haben sich für ihre ›neuen‹ Nationalgebilde aus der
territorialen Konkursmasse der zerfallenen Großreiche bedient, mit Gewalt (und
sogar gegeneinander!). Und in der felsenfesten Überzeugung ihres guten und
historisch gerechten Tuns! Exemplarisch dafür ist die neue polnische Republik
unter Marschall Pilsudski. Er wollte die (erste) polnische Adelsrepublik von
1772 wieder herstellen und hat noch im Moment der Gründung der (zweiten)
Republik im Herbst 1918 die Weltkriegsverlierer Deutschland und Russland mit
Krieg überzogen (um alle deutschen Gebiete östlich der Oder und alle
weißrussisch und ukrainischen Gebiete bis einschließlich Kiew zu erobern).
Damit hat er wiederum nationale Minderheiten geschaffen, die genau das, was
ihnen der großpolnische Nationalismus gerade vorgemacht hatte, nicht wollen
durften…
Sie aber unternahmen damals mit aller (vor allem militärischer) Macht
just das, was auch Osseten oder Abchasier heute beanspruchen: wenn die Chance
(wie nach dem Zerfall des Sowjet-Vielvölkerreichs) zur nationalen (staatlichen)
Neubestimmung besteht, wird sie ergriffen. Da das, da ohne Krieg nicht zu
haben, zu unsäglichen Nöten bei den ›national-befreiten‹ Betroffenen selber führt, hat die nationalen Derwische (Oscar Levy) von
damals und heute nie berührt.
Und: Wieso klingt das Irredenta-Geschrei aus Tiflis europäisch
melodischer als das aus Belgrad?
[Steffen
Dietzsch]
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